Der Messdiener hatte die zehn Shilling vom Priester unter seiner Matratze versteckt. Seine Mutter fand sie, beschuldigte ihn des Diebstahls. Er sagte es ihr, versuchte ihr zu sagen, was der Priester getan hatte. Sie hatte die Gerte geholt, einen langen Rohrstock mit einem eingeschnittenen Spalt am einen Ende, und ihn gnadenlos geschlagen, und dabei hatte sie geschrien:
»Wenn du das noch mal sagst, schneide ich dir den Kopf ab, verstanden?«
Terence Brown, Anwalt.
Er sah aus wie ein Frettchen mit Anorexie.
Er schien sich dessen bewusst zu sein und es darauf anzulegen, dass man es erwähnte.
Ich erwähnte es nicht.
Seine Kanzlei lag am Long Walk, und aus dem Fenster konnte man den Atlantik sehen. Das Kreischen von Möwen war stets zu hören –, da will ich immer weinen oder verreisen oder beides. Er saß mir an einem großen Schreibtisch gegenüber, und ich sah mich im Zimmer um. Mein Blick blieb auf einer wunderprächtigen Skulptur haften, die eine Bronze-Armee darstellte. Sie war in ihrer Schlichtheit und Majestät Ehrfurcht gebietend. Er sagte:
»John Behan.«
Ich nickte würdigend. Mir war nie nach materiellen Gütern. Man verbringt sein Leben als Suffkopp, da ist Bargeld das einzige Ziel und die wirksamste Linderung bei einem Kater. Er durchwühlte ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch, sagte:
»Wir waren bereits auf bestem Wege, uns damit abzufinden, dass Sie sich nicht melden würden.«
Ich bedachte ihn mit meinem schönsten Lächeln. Bei dem Sicherheitsheini hatte es gewirkt.
»Ich war verhindert.«
Er lehnte sich zurück, und sein Ledersessel knarrte. Zumindest glaube ich, dass es der Sessel war – wenn es sein Rücken war, war er ernstlich gearscht. Er formte ein Zelt aus seinen Fingern und untermalte die Geste mit mmmmph-Lauten. So was fasziniert mich, lehren sie das an der juristischen Fakultät? Das ist beliebt bei
Bankfilialleitern
Psychiatern
Polizeipräsidenten.
Bei einer oder zwei Gelegenheiten habe ich das sogar bei Psychopathen gesehen. Räusperte sich, sagte:
»Nun, Sie werden erfahren wollen, wie die Sache für Sie steht?«
»Das wäre großartig.«
Nicht die Antwort, die er erwartet hatte, aber seine Erwartungen waren auf meiner Vordringlichkeitenliste nicht eben hoch angesiedelt. Er hob an:
»Mrs Bailey war eine überaus gewitzte Frau. Seltsamerweise gibt es keinerlei direkten Hinterbliebenen.«
Gestattete sich ein kleines Lächeln, enthüllte gelbe Zähne, galoppierend schwindendes Zahnfleisch. Trug nicht zu seiner Anziehungskraft bei. Dann:
»Ich vermute, sie hat sie alle überlebt. Von kleinen Zuwendungen an karitative Organisationen einmal abgesehen – es gab keinerlei Verwandte, denen etwas aus der Erbmasse hätte zufallen können. Dieser Umstand gestaltete naturgemäß die Testamentseröffnung vergleichsweise unkompliziert.«
Ich wartete, wenn schon nicht geduldig, dann doch zumindest geduldig wirkend. Er sagte:
»Zusätzlich zu einer ansehnlichen Summe Geldes hat sie Ihnen eine kleine Wohnung in der Merchant’s Road hinterlassen. Es handelt sich um eine im obersten Stockwerk gelegene Einheit, eher schlicht, aber, ich muss es wohl nicht hinzufügen, sehr begehrt, was die Lage betrifft. Wenn Sie zu verkaufen wünschen, kann ich eine gute Maklerei empfehlen.«
Ich starrte ihn an, sagte:
»Ich werde nicht verkaufen.«
Anwälte schätzen keine schnellen Entscheidungen – die bringen kein Honorar? Er ließ mir das tolerante Juristenlächeln zuteilwerden, sagte:
»Sie haben sie noch nicht gesehen.«
Ich genoss es, ihn stinkig zu machen, sagte:
»Geben Sie mir die Schlüssel – dem werde ich abhelfen.«
Abhelfen dachte ich! Da schmurgelt er endgültig durch. Er schmurgelte nicht im Mindesten durch, sondern er seufzte, rückte ein Schlüsselbund heraus, die Adresse auf einem großen Etikett, bat:
»Wenn Sie mir Ihre Bankverbindung geben, werde ich dafür sorgen, dass Ihnen die Mittel überwiesen werden.«
Pause.
»Ich nehme doch an, dass Sie ein Konto haben?«
Man musste diesen salbungsvollen Wichser einfach lieben. Ich gab ihm die Details. Er sagte:
»Die Immobilie wird auf Ihren Namen überschrieben. Wenn Sie nächste Woche vorbeischauen können, falls das Ihre Terminplanung zulässt, werde ich alles unterschriftsreif für Sie vorbereitet haben.«
Das war’s.
Ich wusste, dass er dämmrig von mir dachte, aber, Hölle auch, was war daran neu? Bei meinem Aufbruch gaben wir einander nicht die Hand. Ich ging in Richtung des Mocha Beans, dachte, ich gönne mir zur Feier des Tages einen großen Cappuccino. Vielleicht einen Kirsch-Muffin bestellen, gepflegt pinkeln gehen, einmal alles. Also rein und, ja, gerammelt voll. Musste mir einen Tisch mit einer Frau mittleren Alters teilen, die in die Irish Times vertieft war. Die Schlagzeile schrie weiteren Kirchen-Skandal heraus. In Dublin liefen Ermittlungen gegen fünf Priester wegen Missbrauchsvorwürfen. Jeden Tag neue Enthüllungen. Die Kellnerin kam herüber, fragte mit amerikanischem Akzent:
»Und wie geht es Ihnen heute, Sir?«
Heiland, das war ja bereits jenseits von munter. Sie hatte ein Namensschild: Debbie. Ich glaubte nicht, dass ich je darauf zurückgreifen würde, beschloss, auf den Muffin zu verzichten, sagte:
»Großen Cappuccino, bitte, ohne Schokolade draufgestreut.«
Sie schien von meiner Wahl entzückt, fragte:
»Etwas dazu? Eine Scheibe Plundergebäck frisch aus dem Ofen?«
Die Frau mit der Zeitung lächelte, und ich sagte:
»Nein, aber schönen Dank für den Vorschlag.«
Ich dachte an Malachy, an den Preis, den ich bei früheren Ermittlungen gezahlt hatte. War ich so weit, dorthin zurückzukehren? Ich wusste es nicht. Ein Gefühl baute sich in meinem Organismus auf, und ich merkte, dass es Schock war.
Schock bei der Aussicht, wieder mitzuspielen. Der Adrenalinstoß war massiv.
Die Frau legte ihre Zeitung beiseite, fragte:
»Sind Sie auf Urlaub?«
»Nein, ich bin aus Galway.«
Sie dachte darüber nach, dann:
»Ein echter Eingeborener, eine ziemlich seltene Spezies.«
Wir waren tatsächlich eine Stadt geworden, in der die wenigsten von sich sagen konnten, sie seien gebürtig. Mein Kaffee kam, ich nippte daran und fragte mich, wie herzlich diese Fremde wohl reagieren würde, wenn ich ihr plötzlich sagte, dass ich frisch aus dem Tollhaus kam. Sie stand auf, sagte:
»Haben Sie noch einen guten Tag.«
Und war weg.
Hätte ich bei ihr etwas unternehmen sollen? Die ewige Frage, und die Antwort lautete:
Zu spät.
Später ging ich in die Merchant’s Road, um mir mein neues Zuhause anzusehen. Das Gebäude sprach mich sofort an. Granitfassade, Fenster, die sich auf kleine Balkone öffneten. Ich ging hinein, die Treppen hoch und fand meine Tür, meine Wohnung! Sie bestand aus Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, alles im kleinen Format. Hohe Zimmerdecken, dadurch die Illusion von viel Platz. Es gab Möbel, alt, aber massiv, ein Bett und in den Küchenschränken Geschirr. Sie war, als wäre sie nie bewohnt worden, als wartete sie einfach. Ich öffnete die Fenster und sprach lautlos einen Segen für Mrs Bailey.
Ich war im Kino gewesen, hatte mir Good Bye, Lenin! angesehen, mir einen Mitnehm-Döner geholt und war in die Gasse eingebogen, die zum Kornspeicher führt. Mein Gemüt wippte zwischen der Freude über den magischen Film und dem Gefühl der Einsamkeit beim Kauf einer einzelnen Eintrittskarte. Nur wenige Dinge betonen Einsamkeit so stark wie das Kino. Es ist auf Pärchen angelegt –, sogar Zweiersitze gibt es, scheißenochmal.
Das Kassenfräulein hatte gefragt:
»Wie viele?«
Der traurige Kehrreim:
»Eine.«
Meine Antwort schien im Foyer widerzuhallen, gegen die Demnächst-in-diesem-Theater-Plakate zu prallen und den Grüppchen von Menschen in angeregter Konversation Glanzlichter aufzusetzen. Am Nachbarschalter verkaufte der Kassenmann Eintrittskarten so schnell, wie er sie drücken konnte. Terminator 3 … Vielleicht hatte Arnies Ankündigung, er wolle für den Gouverneursposten von Kalifornien kandidieren, den Umsatz angekurbelt. Der Erfrischungskiosk war umlagert –, Mega-Eimer Popcorn und Riesen-Cocas. Ich ließ ihn links liegen.
Als also der Typ vor der Tür zu meinem Apartment aus dem Dunkel trat, ließ ich fast den Döner fallen. Er sagte:
»Gib mir Geld.«
Ich murmelte:
»Klar.«
Ich wechselte den Döner in die linke Hand und schlug mit der rechten zu. Der zweite Typ hätte leichtes Spiel mit mir gehabt –, mit zweien hatte ich nicht gerechnet. Bevor er zuschlagen konnte, kam jemand durch die Gasse angerannt, traf ihn mit einer Schulter. Ich drehte mich um, versuchte zu kapieren, was hier verdammt überhaupt passierte. Ein Mann Anfang zwanzig, Trainingsanzug, stand über dem Typ, den er gerade niedergerannt hatte. Er fragte:
»Soll ich ihm in den Bauch treten?«
»Ich würde es tun.«
Er tat es.
Ich fragte:
»Wer beim Sowieso sind Sie denn?«
Die verhinderten Straßenräuber stöhnten, und ich bemerkte plötzlich ihre Schuhe – die schweren schwarzen Teile. Nur eine Bande auf der ganzen Welt trug die. Die Polizei. Der Mann sagte:
»Ich bin Cody.«
Ich schüttelte den Kopf. Sollte mir das was sagen? Ich fragte:
»Etwas Döner gefällig?«
Sein Lächeln enthüllte glänzend weiße Zähne, als er sagte:
»Mann, ich esse für mein Leben gern.«
Und die ganze Zeit fragte ich mich:
»Warum sollten die Bullen mich verkloppen, wenn sie mich damit nicht warnen wollen, ich soll mich irgendwo raushalten?«
Als wir in die Wohnung kamen, pfiff er anerkennend, sagte:
»Tolle Bude.«
Er hatte einen amerikanischen Akzent, aber ich bin Ire, ich konnte den Singsang darunter hören. Er machte es gut, aber es war gespielt. Ich holte Teller, schnitt den Döner in zwei Hälften, fragte:
»Was zu trinken?«
Er stand am Fenster, starrte hinaus, sagte:
»Bourbon on the rocks, Bierchen dazu.«
Ich lächelte, so amerikanisch hörte er sich an. Ich sagte:
»Ich habe Tee, Wasser, Kaffee.«
»Tee ist cool.«
Während das Wasser heiß wurde, versuchte ich, mir ein Bild von ihm zu machen. Groß, athletisch gebaut. Er wandte sich mir zu, und ich sah in ein kompaktes Gesicht: braune Augen, gerade Nase, aber der Mund verdarb das Bild. Schmale Lippen, die wie nachträglich eingefügt wirkten. Blondes Haar, im zitierenden, parodierenden Stil der Achtziger zu einer Tolle geformt, für die es den Fachausdruck »Doofkopp« gab. Hatte er nicht gehört oder hatte ihn nicht gestört. Ich stellte die Teller hin, und er setzte sich, sagte:
»Sie behaupten sich ganz gut für einen alten Mann.«
Ich ließ ihm das durchgehen. Was sollte ich tun, widersprechen? Aber es deprimierte mich nicht nur scheißemäßig, ich wurde mir auch meines Hinkens bewusst. Der Typ nahm wahrscheinlich an, ich hätte einen Krückstock, aber er hatte mir den Arsch gerettet, keine Frage – mit dem zweiten Straßenräuber hatte ich im Traum nicht gerechnet. Der hätte mir, wie die Engländer sagen, »Verstand eingedroschen«. Ich schuldete ihm, sagte:
»Ich schulde Ihnen.«
Er schnappte sich seine Portion vom Döner, biss tüchtig ab, kaute mit offenem Mund – kein schöner Anblick, aber ich stand, wie gesagt, in seiner Schuld. Er winkte ab, erwiderte:
»Halb so wild, Stutzer.«
Stutzer … Heiland.
Ich setzte mich ihm gegenüber, spürte einen Tremor entlang des Rückgrats, wusste, dass mir die Hände zittern würden. Er bemerkte es, sagte:
»Ganz schön durcheinander, was?«
Das, fand ich, erforderte keine Antwort. Er nickte, sagte:
»Ein schöner Kurzer, schon sind Sie wieder in Topform.«
Aber hallo, und wie. Mann, ich hätte meine Seele für einen Bushmills, einen Jameson verkauft, für diese trügerische Wärme, um meine Eingeweide zu erleuchten. Er fügte hinzu:
»Sie können nicht, was?«
Der alte Zorn kam an die Oberfläche. Ich machte:
»Was soll das heißen?«
Er war unbeeindruckt, kaute weiter, hob die Linke zur Trinkbewegung, rollte dann die Augen, sagte:
»Einer ist nicht genug, stimmt’s …? So läuft es doch?«
Der schiere Wahnsinn des Alkoholismus. Wenn eine Flasche in der Wohnung gewesen wäre, hätte ich einen großen Schluck genommen und den Kerl anschließend aus dem Fenster geschmissen. Ich kriegte mich wieder ein, versuchte es mit:
»Glück gehabt, dass Sie gerade vorbeikamen.«
Er hob die Augenbrauen, echote:
»Glück? Mit Glück hatte das nichts zu tun.«
Das verstand ich nicht, sagte:
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich bin Ihnen gefolgt, Jack.«
Mein Name. Hatte ich ihn gesagt? Nein, eindeutig nicht. Er zeigte auf meine Dönerhälfte, fragte:
»Essen Sie das noch …? Ich meine, es wäre doch ein Jammer.«
Ich stand auf, schob ihm das Essen hin, fragte:
»Wohl nicht gefrühstückt? Hab ich recht?«
Ich versuchte mich zu beruhigen, ganzganz ruhig zu werden, fragte:
»Warum folgen Sie mir?«
Er hatte sich auf das Essen gestürzt, und – damit verblüffte ich uns beide, ich rief:
»Lassen Sie das gottverdammte Scheißessen zufrieden!«
Er hob die Hände wie zur Kapitulation, sagte:
»Bwoa! Langsam, Großer, nehmen Sie eine Stille-Pille. Sie wollen doch jetzt keinen Herzinfarkt kriegen. Heiland, fahren Sie das Gerät einen Strich runter.«
Während er dies sagte, erwog ich, ob ich mich über den Tisch werfen und ihm den verdammten Döner in den Hals rammen sollte. Ich stützte mich auf dem Tisch ab, sagte:
»Cody oder wie Sie verdammtnochmal heißen, hören Sie zu. Wer zum Teufel sind Sie, warum folgen Sie mir, und woher wissen Sie, wie ich heiße? Meinen Sie, Sie können mir diese Fragen beantworten?«
Meine Lullen lagen auf dem Tisch. Er klappte die Packung auf, holte ein Zippo hervor, gab sich Feuer, sagte:
»Ich versuche es einzuschränken, aber nach dem Essen braucht man einfach dieses Nikotinsummen.«
Sah meinen Gesichtsausdruck, grinste, sagte:
»Okey-dokey, jetzt kommt das Geständnis. Hombre, ich bin Ihr größter Fan, habe alles über Sie nachgelesen.« Hielt inne, als suchte er nach den richtigen Worten. »Wie heißt es noch so schön? ›Mir passt Ihre Nase nicht‹? Genau das Gegenteil. Mir passt Ihre Nase. Mit anderen Worten, Jack, ich möchte Privatdetektiv sein. Ich möchte Ihr Partner sein. Was meinen Sie, Lust auf eine kleine Firmengründung?«
Ich starrte ihn kurz an, brach dann in Gelächter aus. Cody schätzte es nicht, wenn man ihn auslachte, protestierte:
»Ich meine es ernst, Stutzer. Ich habe Ihre Karriere verfolgt. Tun wir uns zusammen. Gemeinsam aufräumen, gemeinsam abräumen.«
Schön markiger Slogan, könnten wir auf ein T-Shirt drucken lassen.
Ich fragte:
»Sagen Sie mir, wer Sie sind, und sagen Sie es mir jetzt.«
Mein Ton ließ das Gewaltpotenzial ahnen, das ganz dicht unter der Oberfläche jeder meiner wach verbrachten Stunden hauste.
Er hatte kapiert.
Er setzte sich gerade hin, wischte sich den Mund ab, sagte:
»Okay. Ich bin wie Sie, Jack. Eine jüngere Version, aber definitiv Sie. Ich bin ein paar Straßen von da aufgewachsen, wo Sie groß geworden sind, und in derselben beschissenen Armut. Das beste Besteck ist das einzige Besteck, habe ich recht?«
Ich kaute immer noch an der jüngeren Version. Man erreicht die fünfzig, erst die guten, dann die schlechten, und sobald jemand Alter erwähnt, wappnet man sich. Egal, was als Nächstes kommt, schmeichelhaft wird es nicht sein.
Er fuhr fort:
»Und sehen Sie, wie Sie liebe ich Bücher, Mann. Ich lese pausenlos – über Verbrechen, klar? Ich habe zweihundert Bücher über Verbrechen, und ich werde sie alle lesen. Und, ach ja, ich füttere die Schwäne. Ich habe mich als Polizist beworben, und sie haben mich abgelehnt.«
Sein Gesicht löste sich in Elend auf. Ich schnappte:
»Warum?«
»Warum ich die Schwäne füttere?«
Scheiße, das war wie Zähneziehen, sehr fest sitzende Zähne. Ich seufzte, sagte:
»Nein, warum wurden Sie bei der Polizei abgelehnt?«
Sein Gesicht erhellte sich wieder. Er sagte:
»Ich habe ein schlimmes Bein, mein linkes, Sportverletzung, und ist das nicht seltsam, Sie haben Ihr … ämm …«
»Hinken.«
»Ämm, richtig, Ihr … Ihre Verletzung von einem Hurlingschläger. Ist das nicht geradezu Fügung?«
Ich fand es geradezu scheiße. Er fuhr fort:
»In der Schule war ich nicht besonders. Ich komme mit Autorität nicht klar, und Ihr Dad, der hat meinen Dad gekannt, sie waren zusammen in der Christlichen Bruderschaft.«
Jetzt hatte ich ihn erwischt, sagte:
»Falscher Typ, Kumpel. Mein Vater, der war nie in einer Bruderschaft, schon gar nicht in einer christlichen. Wenn Sie meine Mutter gemeint hätten, wären Sie der Sache wesentlich näher gekommen – sie hat praktisch in der Kirche gewohnt, hätte Nonne werden sollen.«
Ich spürte die alte Bitterkeit, den alten Groll ihr gegenüber, wie Galle im Hals. Er verdaute das Gesagte, fuhr dann fort:
»Ich glaube jedenfalls, ich habe ihn gekannt. Da wir also so viel gemeinsam haben, finde ich, könnten wir zusammenarbeiten.«
»Und das würde funktionieren? Wie?«
Er war aufgesprungen, ging auf und ab, Aufregung im ganzen Körper.
»Ich würde den Außendienst übernehmen, und Sie könnten, äh …«
Er versuchte, das richtige Wort zu finden, und ich soufflierte:
»Kombinieren?«
»Was?«
»Verzahnen, verknüpfen, verfugen, Schlüsse ziehen, Hinweise finden.«
Er argwöhnte, dass ich ihn verarschte, blieb aber bei der Stange, Unsicherheit in den Augen.
»Ämm, ja, die Strategie und so. Ich bin, wie Sie gesehen haben, mehr so der praktisch veranlagte Typ.«
Er war so ernst, dass ich beschloss, ihn nicht rauszuschmeißen, sagte:
»Warum nicht?«
Er konnte es nicht glauben, es fehlten ihm zutiefst die Worte. Ich sagte:
»Ich werde in eine neue … Bude … in der Merchant’s Road ziehen. Dort können Sie sich dann melden. Bis dahin habe ich für Sie diesen … ämm … Auftrag.«
Er sah sich in der Wohnung um, fragte:
»Die lassen Sie sausen?«
»Zu auffällig. Möchte nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns lenken.«
Er liebte dieses uns, sagte:
»Alles klar.«
Dann, als hätte er es geprobt, stürzte er sich kopfüber in den nächsten Satz:
»Ich werde keine Vorauszahlung brauchen. Ich mache das sozusagen …«
»Pro bono.«
»Pro was?«
Mir tat das Bein weh. Ich wollte mich hinlegen.
»Ich möchte, dass Sie Folgendes machen.«
Er war ganz Ohr, hatte die Stirn knirschend in Falten gelegt.
»Am Square ist eine Gruppe von Pennern, ihr Basislager ist in der Nähe der automatischen Klos …«
Er platzte dazwischen:
»Ich kenne sie. Sie wollen, dass ich undercover ermittle, sie infiltriere. Ich werde mich nicht rasieren, ich werde …«
»Seien Sie still.«
Als hätte ich ein Hündchen gehauen. Er sah so verwundet aus, ich sagte:
»Das Erste, was Sie lernen müssen, ist Zuhören. Hören Sie zu?«
Er nickte kläglich. Wo hatte ich denn diesen Scheiß her? Ich fuhr fort:
»Da gibt es einen Typ – langes graues Haar, Pferdeschwanz, heißt Jeff – er sitzt ein bisschen abseits vom Hauptklumpen. Ich möchte, dass Sie herausfinden, wie es ihm geht und – hier kommt der schwierige Teil – wie Sie ihn von der Straße runterkriegen können.«
Er wollte eine Tonne Fragen stellen, aber ich hatte es kommen sehen, sagte:
»Meinen Sie, Sie kriegen das hin?«
»Ja, Boss.«
»Okay, haben Sie eine Telefonnummer?«
Er hatte ein Handy und eine Festnetznummer. Diese nur für den Notfall, weil es die Nummer seiner Eltern war. Ich hatte Angst, ihn zu fragen, ob er noch bei ihnen wohnte. Immerhin hatte er keine Visitenkarte, aber das war nur eine Frage der Zeit. Als er sich zum Gehen anschickte, umarmte er mich plötzlich. Ich schwächelte, keine Frage – damit hätte ich nie gerechnet. Er sagte:
»Wir werden ein ziemliches Team sein.«
Das bezweifelte ich keine Minute lang.
Meine Träume waren lebhaft, eine makabre Mischung aus Dönern, kopflosen Priestern, einer Kirche ohne Kerzen und einem Friedhof mit Guinness-pints auf den Gräbern. Ich kam zu mir, keuchend, schweißüberströmt, quengelte:
»Heiland.«
Und schleppte mich unter die Dusche. Siedend heiß, als könnte Dampf die Erinnerungen tilgen. Ich hatte keinen Appetit, zwang mich aber zu trockenem Toast, warf den Kaffee an. Ich wollte keine Lulle, rauchte aber trotzdem eine. Die Sucht wacht vor einem auf, wartet ungeduldig, sagt: »Ich halte Qualen für dich bereit.«
Ich musste ernsthafte Denkarbeit leisten. Die gesamte Cody-Chose stank zum Himmel. Als ich es mir noch einmal vorspielte, traf mich der Gedanke:
»Und wenn … Heiland, und wenn er das mit den Straßenräubern inszeniert hat, wenn die ganze Szene geplant war, wenn er mit der Polizei unter einer Decke steckt?«
Dann hinwiederum wollte ich dankbar sein, war ich ja bereits gewesen, und, wenn er um etwas bat, zum meisten Ja und Amen sagen, ihn zum Beispiel zum Partner machen. Die Kumpelkiste hatte ich noch nie gehabt. Einsamer Wolf war meine Berufung. Und ich musste mich fragen: Warum hatte ich zugestimmt …? Außer aus Dankbarkeit. Aus Langeweile? Weil mir sowieso alles wurscht war …? Ich wusste es wirklich nicht.
Ich wusste aber, dass er nicht war, was er zu sein schien, die Nummer mit dem naiven Bubi verfing nicht. Aber ich entschied, es einfach laufen zu lassen, wie sollte ich sonst erfahren, was er im Schilde führte? Lass deine Freunde nah an dich ran und deine Feinde noch näher, hieß es nicht so? Er war nicht mein Freund, so viel stand fest. Wenn er ein Feind war, würde ich es früh genug erfahren.
Dann überlegte ich mir: Was soll’s. Immerhin würde es interessant werden.
Diese Überlegung sollte mich fast das Leben kosten.