Ireland an Sunday, 27. Juli 2003

»Falls er tatsächlich 1000 Kugeln zum Preis von etwa 50 Cent pro Stück verschossen hat, so war dies sehr preisgünstig für einen Mann, dem die Polizei so viel zu verdanken hat.«
Ein Kollege des scheidenden Polizeipräsidenten Pat Byrne, der seine Pensionierung auf dem Schießstand der Sporthalle im Phoenix Park feierte.

Endlich begann Schwester Mary Joseph sich zu entspannen. Niemand war wegen des Mordes an Pater Joyce verhaftet worden, und niemand war gekommen, um ihr irgendwelche Fragen zu stellen … Sie wagte zu hoffen, dass ihre Gebete erhört worden waren. Es sah aus, als hätte, wer immer den armen Mann ermordet hatte, es nicht auf sie abgesehen. Sie hatte zwar, versicherte sie sich immer wieder, nichts Böses getan, aber im Herzen wusste sie, dass sie den weiteren Missbrauch dieser Knaben zugelassen hatte. Egal, wie viele Rosenkränze sie betete, und egal, wie viele vernünftige Überlegungen sie anstellte – die Stimme in ihrem Kopf weigerte sich, von ihrem Kehrreim abzulassen … Du hast gewusst, du hast gewusst, dass diese armen Geschöpfe furchtbar missbraucht wurden, und hast nichts unternommen. Das ist eine Unterlassungssünde, du bist genauso schuldig wie Pater Joyce.

Aber meistens zog sie beschämten Trost aus der Tatsache, dass man ihr nicht draufgekommen war, dass niemand sie wegen irgendwas anklagte. Ein Junge hatte sie tränenüberströmt um Hilfe angefleht. Erst hatte sie versucht, ihn mit Schokolade zu bestechen, aber als er die Schokolade sah, hatte das bei ihm eine extreme Reaktion ausgelöst, er wurde leichenblass, sah aus, als werde er gleich in Ohnmacht fallen, sie hatte ihm die Leviten gelesen und ihm, Gott verzeihe ihr, auf die Ohren geknufft. Sie konnte immer noch sein kleines Gesicht sehen und die grässlichen Worte hören: Mein Po blutet.

Laut stimmte sie an: »Oh, Heilige Muttergottes, erlöse mich von dieser Qual.« Der Junge hatte begonnen, sie bis in ihre Träume zu verfolgen, nur waren seine Tränen jetzt Tränen aus Blut.

Ihr Haar hatte begonnen auszufallen, und sie hoffte, dass das Buße genug war. Außer Jesus war ihr Vater die einzige Liebe ihres Lebens gewesen, und sie fürchtete die Vorstellung, er könne sich ihrer schämen. Sie fiel auf die Knie, begann Ar n-athair … Vater unser …

Ich rief Joe Ryan an, einen Typ, den ich aus meiner Zeit als Polizist kannte. Er arbeitete als Journalist, und obwohl wir uns immer herzlich begrüßten, waren wir nicht befreundet oder auch nur gut bekannt. Er nahm beim zweiten Klingeln ab, und ich spulte die übliche halbherzliche Scheiße ab, bis er »Schnitt. Neues Bild: Verfolgungsjagd« machte und sagte:

»Also was wollen Sie?«

Ich tat, als wäre ich milde gekränkt, und er sagte:

»Nun hören Sie schon auf mit dem Kack, was wollen Sie?«

Ich seufzte, fragte:

»Kennen Sie einen Jungen namens Cody? In den Zwanzigern, hat einen quasi-amerikanischen Akzent und …«

Er unterbrach mich. Wenn man in Galway lebte und eine gewisse Zeit hier verbracht hatte, kannte Joe einen. Er sagte:

»Alle Jungens haben diesen Akzent, und, ja, ich kenne ihn, er ist Liam Farrahers Sohn. Warum?«

Er war Journalist, also beschloss ich, ihn mit der Wahrheit zu verwirren, sagte:

»Er will mein Partner als – halten Sie sich fest – Privatdetektiv werden.«

Ich hörte ihn lachen, dann sagte er:

»Genau, das ist Liams Junge. Er ist kein übler Bursche, aber er, wie man so schön sagt, ist noch mit der Selbstfindung beschäftigt, er ermittelt sozusagen noch, wer er ist.«

Ich ließ den offenkundigen Ermittlungs-Kalauer durchgehen und fragte dann:

»Ist er okay? Ich meine, außer dass er fehlgeleitet ist?«

Noch mal Gelächter, dann:

»Er hat mit Computern gearbeitet und war ziemlich verdammt gut, aber offenbar will er ein aufregendes Leben führen und hat sich deshalb mit Ihnen zusammengetan.«

Ich ließ das unkommentiert und fragte schließlich:

»Demnach brauche ich mir seinetwegen keine Sorgen zu machen, er ist kein Spinner oder was.«

Er wartete etwas, dann:

»Wie ich es sehe, sind sie in dem Alter alle geistesgestört.«

Was ich wirklich fragen wollte, war, ob ich ihm trauen konnte. Also sagte ich:

»Kann ich ihm trauen?«

Er lachte wieder, sagte:

»Heiland, Jack, Sie haben vielleicht eine Ausdrucksweise, wissen Sie das? Sehen Sie einmal in die Runde. Dies ist das Neue Irland, niemand glaubt an die Regierung oder die Geistlichkeit, und die Banken, die können Sie vergessen, die rauben uns aus und geben es zu. Der einzige Artikel, dem die Leute trauen, ist das Geld –, Gier ist die neue Spiritualität. Wollen Sie jemanden, dem Sie trauen können, besorgen Sie sich einen netten jungen Hund und prügeln ihn windelweich. Mögen wird er Sie dann zwar nicht, aber trauen können Sie ihm ganz bestimmt.«

Trotz all meinem Zynismus, trotz aller Lüge und Heimtücke, der ich begegnet bin, wurde ich von dieser Attacke ungedeckt erwischt. Die beiläufige Schärfe, das schlichte Abtun einer ganzen Nation, und, hey, das war eigentlich mein Text, wenn jemand verbittert war, dann immer noch ich. Ich protestierte:

»Das ist ein bisschen schroff, meinen Sie nicht?«

Jetzt lachte er sich vollends einen Ast.

»Wir sind im Arsch, Jack. Wir reden wie Quasi-Amerikaner, wir fressen uns Übergewicht an, saufen uns dumm und krumm und missbrauchen unsere Kinder links, rechts und mittig. Die einzige verbliebene Religion lautet: Bring dein Schäfchen ins Trockene, wenn Sie also wissen wollen, ob Sie einem jungen Menschen trauen können, will ich es so ausdrücken – lassen Sie ihn die Drecksarbeit machen, und wenn er Scheiße baut, feuern Sie ihn. Das ist die neue Dynamik, und nun will ich auch ein bisschen amerikanisch werden …: Klink dich ein, Alter.«

Er holte tief Luft und feuerte dann seine letzte Salve auf meine verwundbarste Stelle ab.

»Was geht Sie das überhaupt an? Ist doch nicht Ihr Sohn.«

Dann legte er auf – kein Leben Sie wohl oder Alles Gute oder die alte irische Wendung, Sehen Sie zu, wie Sie gehen.

Ich nehme an, das war die neue Dynamik.

Ich wusste nicht, ob das geholfen hatte oder nicht. Oder etwa doch? Entschied mich für die zynische Behandlung Codys. Beschloss, ihn noch ein bisschen was auf den Tacho bringen zu lassen. Feuern konnte ich ihn immer noch, wann ich wollte, oder sagte man da rausschmeißen?

Und wieder musste ich eine böse Entscheidung treffen.

Am Montag fing ich mit der Beschattung von Wellewulsts Haus an. Tage betäubender Langeweile. Zuerst überprüfte mich die Wirtin immer wieder. Pochpoch an der Tür, brauchte ich irgendwas – Tee, Kaffee, die Zeitung?

Nach dem dritten Mal reagierte ich auf das Klopfen mit einem abrupten:

»Was?«

Sie ließ mich zufrieden. Die Tochter, Mary, die Studentin, wurde am Dienstag vorgestellt. Ein Klopfer, mit langem rostroten Haar, hatte sie all die Zuversicht des Neuen Irland, 100 Prozent Selbstvertrauen und wenig auf dem Kasten. Sie fragte:

»Und Sie machen was genau?«

Bei der Polizei hätte sie eine prima Karriere machen können. Ich erzählte ihr die lahme Geschichte. Sie glaubte mir kein Wort, sagte:

»Kommt mir sehr merkwürdig vor.«

Aber ihre Mutter schritt ein, dachte an das Logis für eine Woche, das sie im Voraus kassiert hatte, sagte:

»So, Mary, lass Mr Taylor in Frieden.«

Widerstrebend ließ sie mich in Frieden, bedachte mich aber mit einem Blick, der warnte:

»Ich werde dich im Auge behalten.«

Ich war versucht, Sting zu erwähnen, ließ es aber. Ich war bei Charlie Byrne’s gewesen, hatte wieder Kontakt zu Vinny aufgenommen und sechs Bücher gekauft. Sie standen ungelesen auf dem Tisch, durch das Fenster schien die liebe Sonne ins Zimmer, und das Fensterkreuz warf seinen Schatten auf die Schutzumschläge. Man glaubt, wenn man eine Beschattung hat, hat man massenhaft Zeit zum Lesen. Habe kein einziges Buch aufgeschlagen. Die Kunst des Stillsitzens hatte ich im Krankenhaus fast bis zur Perfektion erlernt. Nach der Leichenhalle und meiner Erleichterung, dass es nicht Jeff war, fand ich, dass ich Gott was schuldete. Mein Gebet war erhört worden, also lief jetzt alles korrekt nach den Prinzipien des Tauschhandels ab. Dem Trunk konnte ich nicht abschwören, weil ich seit Monaten nicht gesoffen hatte. Also ging ich in die Apotheke und kaufte eine Packung Nikotinpflaster. Dies war jetzt mein dritter Tag, und obwohl ich Entzug schob, war es nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Die Schachtel mit den letzten verbliebenen Zigaretten schob ich unter die Matratze. Wenn der Schmachter unerträglich werden sollte, konnte dem in zerquetschter, platt gelegener Form abgeholfen werden. Hörte Warren Zevon –, na ja, nur einen Titel. Er wusste, dass er gerade starb, ich war mir dessen bewusst und hörte »Knocking On Heaven’s Door«, als hätte ich das Lied noch nie gehört. Es riss mich entzwei, und ich wusste, dass ich es nie wieder würde spielen können.

Versuchte es mit Emmylou. Der Titel des Albums, Stumble Into Grace, schien angemessen. Nie würde ich anders als stolpernd den Stand der Gnade erreichen. Der zweite Titel, »I Will Dream«, trug mehr als nur eine Spur irischen Einflusses, und das nicht nur beim Text – eine jahrhundertealte Trauer. Der vierte, »Time in Babylon«, schien eine Aussage zur gegenwärtigen amerikanischen Psyche zu sein, aber vielleicht dachte ich auch bloß zu viel. Dann »Strong Hand«, ein Titel für June Carter, so nah am Saccharin wie gerade noch vertretbar, aber auf melancholische Weise erbaulich.

Vielleicht war es die Musik, die Abgeschiedenheit, die langen leeren Stunden, aber ich konnte, egal, wie ich es anstellte, die Erinnerung an Serena May nicht auslöschen, Jeffs Tochter. Ich hatte sie so sehr geliebt, wie ich nur je fähig sein werde, jemanden zu lieben. Ich hatte auf sie aufgepasst, aber ich hatte nicht aufgepasst, und da ist sie aus dem Fenster geklettert. Drei Jahre alt. Mein Kopf machte dicht, weigerte sich, mir das Chaos danach abzuspielen.

Ich dachte an Mrs Bailey, wie wir geredet hatten. Nie, kein einziges Mal, hatte sie den Glauben an mich verloren. Gott weiß, ich hatte den Glauben selbst verloren, war in die Flasche hinein- und wieder herausgeklettert, war übel zugerichtet worden, zerstörte alles, was ich berührte. Hatte sie nie dazu bringen können, mich mit Vornamen anzusprechen. Ich trauerte um sie.

Voll Entsetzen wurde mir klar, dass mir mehr Menschen auf dem Friedhof als im Leben wichtig waren, und das bedeutet, dass man entweder zu lange gelebt hat oder dass Gott eine ernsthafte Vendetta am Laufen hat, ohne Aussicht, dass Er einen in absehbarer Zeit wieder zufriedenlässt. Und all dies verwandelte sich in Wut, eine grelle, umfassende, weiße, rohe Rage. Als ich den Typ auf der Brücke schlug, empfand ich das, und das ist leider die Wahrheit, fast als die Befreiung von alledem. Nur massive Selbstkontrolle hielt mich davon ab, ihm den Rest zu geben, und, Mann, ich hätte es gewollt – und wollte es immer noch. Die klassische Definition von Depression ist nach innen gerichtete Wut, ich war also, so begriff ich es, bereits depressiv geboren worden. Aber damit war verdammtescheißenochmal Schluss. Ich würde nicht mehr in dem trüben Wasser untergehen, wo der beste Teil des Tages ist, wenn man ins Bett geht. Der allerschlimmste ist natürlich, wenn man aufwacht, die schwarze Wolke wartet schon, und man sagt: »Nicht schon wieder diese Kacke.«

Es war der große Kupferkessel, der auf das Streichholz wartete. Ich betete verdammtnochmal darum. Tief unten wusste ich, dass ich mich auf diesen Stalker konzentrierte, froh, dass er aufgetaucht war. Je mehr ich darüber nachdachte, wie er Wellewulst belästigte, desto heftiger köchelte ich. Ich wollte ihn fangen, nicht für sie, sondern um den inneren Tornado endlich rauszulassen. Außerdem hasse ich Einschüchterung wie die Pest. Da schlich irgendein Arschloch im Dunkeln herum, lauerte ungesehen einer Frau auf –, oh Mann, wollte ich ihn fangen.

Mir war wohl bewusst, dass ich Pater Malachy auf die hintere Herdplatte geschoben hatte, versuchte, mir vernünftig einzureden, ich sei ja immerhin auf dem besten Wege gewesen, mit einem von Pater Joyce’ Opfern zu reden, als die Bullen mich schnappten und zu Clancy karrten. Fasste den Vorsatz, mich gleich wieder dranzumachen, wenn Cody mich Mitte der Woche ablöste.

Unterdessen stahl sich die Zeit davon, und ich drehte langsam durch.

Ich wollte um mich schlagen, durch die Fensterscheibe boxen. Kein Zeichen von dem Stalker. Ich sah Wellewulst zur Arbeit gehen, dann nach Schichtende zurückkommen. Müde sah sie aus, erschöpft und sogar verkatert –, ich weiß, wie das aussieht.

Schließlich kam der Mittwoch, und Cody erschien mit Rucksack und forsch-fröhlich. Ich stellte ihn der Wirtin vor, und er bezauberte sie komplett. Zog einen Apfelkuchen von der Bäckerei Griffin’s hervor, so frisch, dass das Aroma das ganze Haus erfüllte. Ein freudiger Schauer durchlief die Wirtin.

»Ach, ich liebe aber doch Apfelkuchen.«

Dann zog er auch noch einen Pappkarton mit Schlagsahne hervor, und sie war ihm vollends verfallen. Er sagte:

»Ohne Sahne geht bei Ihnen gar nichts, hab ich recht?«

Sie errötete, ich schwöre es, sagte:

»Ich sollte aber doch nicht, ich meine, ein Mädchen muss doch auf die Linie achten.«

Als ich ihn fortzerrte, gurrte sie immer noch. Er sagte zu mir, jetzt ganz geschäftsmäßig:

»Wir werden diesen Typ nageln, korrekt?«

»Ich hoffe es.«

»Kommen Sie, Jack, was ist mit den negativen Wellen. Stimmen Sie sich ein, sagen Sie: ›Ich kann es und ich werde es.‹«

Das konnte verdammt nicht sein Ernst sein. Ich fragte:

»Ist das Ihr Ernst?«

»Das nennt man Affirmation, Jack. Ich sage jeden Morgen: ›Jeden Tag, der werden mag, werd ich immer besser …‹«

Ich hob die Hand, sagte:

»Heiland, genug, ich hab’s kapiert.«

Erschütterte ihn, aber er gab sich Mühe, sagte:

»Bei mir hilft es.«

Er sah sich im Zimmer um, sah die CDs, fragte:

»Was für Mucke?«

»Emmylou Harris, Warren Zevon.«

»Wer?«

Ich hatte weder Geduld noch Neigung, es ihm zu erklären, und begann meinen Abgang. Er zog eine kleine Schachtel hervor, geschenkmäßig eingepackt, überreichte sie. Ich fragte:

»Was ist das?«

»Ein Geschenk als Zeichen unserer Verbindung.«

Nahm das Papier ab, und da war es ein Handy. Er sagte:

»Es hat Saft, Kapazität und wartet nur darauf, zu rocken und zu rollen.«

Ich grummelte ein paar Zeilen des Dankes, und er sagte:

»Nichts Dolles, ey.«

Ich sah ihn an, das Arbeitstier, voller Ideale und Mumm, fragte:

»Wie weit sind Sie bereit zu gehen?«

»Gehen?«

»Wenn wir diesen Typ fangen, wie weit, meinen Sie, sind Sie darauf vorbereitet, mit ihm zu gehen, ganz auf uns selbst gestellt?«

Er wusste nicht recht, wollte es richtig machen, sagte:

»Wir, ämm, übergeben ihn.«

Meine Stimme war schneidend.

»Wem …? Der Polizei –, meinen Sie?«

»Ämm, ja, glaube schon.«

Ich schüttelte den Kopf, und er fragte, jetzt mit einem Anflug von Verzweiflung:

»Was sagen Sie, Jack? Sie sind der Profi.«

Ich wollte ihm das Leben vergällen, Hölle, ich wollte jedem das Leben vergällen, sagte:

»Ich gebe Ihnen mal einen Anhaltspunkt, ja?«

Er wartete. Der ganze Schwung, den er angesammelt hatte, als er die Wirtin umgarnte, versickerte, und er nickte, Besorgnis stand in seine jungen Züge gemeißelt. Ich sagte:

»Ich besorge mir einen Hurlingschläger, bringe die Stahlränder am krummen Ende an, damit er auch genug Knuffdibuff hat. Können Sie mir ungefähr folgen?«

Er konnte mir sehr gut folgen, aber er glaubte es einfach nicht, sagte:

»Sie meinen, so was wie Zusammenschlagen?«

Ich wartete, sagte dann:

»Sehen Sie es mehr als Affirmation.«

Als ich ging, trat die Wirtin in die Eingangshalle, gurrte:

»Was für ein reizender Junge, ist das Ihr Sohn?«

Ich verleugnete ihn.

Auf dem Weg in die Stadt fühlte ich mich, als wäre ich aus dem Gefängnis entlassen worden. Mein Hinken war nicht schlimm, vielleicht weil ich in den letzten paar Tagen so viel auf und ab gerannt war. Ein Typ, abgerissen, fiel neben mir in Gleichschritt, fragte:

»Kennst mich noch, Jack?«

Mir war bereits die gesamte Höflichkeit abgeschnorrt worden, und ich sagte:

»Nein.«

Er blieb stehen, damit ich ihn in Augenschein nehmen konnte. Etwa eins siebzig groß, rapide kahl werdend, wässrige Augen und ruiniertes Trinkergesicht. Trug eine graue Strickjacke, bis zum Hals zugeknöpft, glänzende Hose, die vom ständigen Gebrauch schimmerte, graue Reinschlüpf-Schuhe, im linken ein Loch, sagte er:

»Minty …, Minty Grey.«

Wie bei Superstar nicht zugelassen – dann erinnerte ich mich doch, von der Schule her, sein Spitzname, weil er stets Süßigkeiten kaute. Zwei seiner Vorderzähne waren schwarz – nicht bloß verfallen, kohlrabenschwarz. Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er:

»Ich habe seit Jahren kein Pfefferminzbonbon mehr gegessen.«

Ich sagte:

»Schön, dich zu sehen.«

Brachte es nicht über mich, seinen Spitznamen zu verwenden. Mit den Jahren kommt wenn schon nicht die Reife, dann doch ein erhöhtes Gespür für Lächerlichkeit. Er sagte:

»Hast du von den Armen Klarissen gehört?«

Ich hoffte, sie waren nicht abgebrannt oder Schlimmeres. Heutzutage schien alles möglich. Sie waren ein geschlossener Orden und lebten von Spenden. In den Fünfzigerjahren, in der schlechten Zeit, klingelten sie an der Tür, wenn sie Hunger hatten, und der Klang dieses Läutens benannte alles, was an Armut widerlich und schandbar war. Wer hätte den Keltischen Tiger vorhersehen können? Vergangen die Zeiten, da Priester von Tür zu Tür gingen, um Gaben baten, und die Menschen knipsten die Lichter aus, weil sie die trügerische Hoffnung hegten, der Priester würde denken, niemand ist zu Hause. Und ich fragte mich, woher meine Wut kam. Er sagte:

»Sie sind online gegangen.«

Dachte, ich hätte mich verhört. Online? In einer Reihe tanzen? Nonnen fuhren Auto, traten im Fernsehen auf …

Dann fügte er hinzu:

»Sie haben ihre eigene Website.«

»Echt wahr? Die Armen Klarissen?«

»Schwör ich bei Gott, es war in den Nachrichten.«

Ich schüttelte den Kopf, fragte:

»Und wie … gibt man ihnen dann … Almosen?«

Er brachte ein schwarz bezahntes Megagrinsen zustande, sagte:

»Sie akzeptieren alle führenden Kreditkarten.«

Er blieb vor dem Bal stehen, sagte:

»Ich geh da rein.«

Ich griff nach Kleingeld, und er sagte:

»Nicht nötig, Jack, heute hat es Stütze gegeben. Aber danke.«

Er hatte meine Nerven zerrüttet, die wenigen Illusionen zerstört, die ich behalten hatte. Er lachte, sagte:

»Wenn ich eine Website hätte, könntest du mir ein paar Otzen schicken, mit deiner Kreditkarte.«

Ich lachte wenig überzeugend, gab zu:

»Ich habe keine.«

Er steckte beide Daumen in die Luft, sagte:

»Aber du hast ein gutes Herz, das ist der beste Kredit.«

Sag das der Bank.

Einem Impuls folgend, ging ich in Richtung Shantalla, um Tom Reed auf den Zahn zu fühlen, dem Typ, der die Versorgung mit Rausschmeißern sicherstellte. Ich fragte mich, ob es dafür eine Berufung gab – eines Morgens wachte man auf und wusste mit Sicherheit, dass man die Mission hatte, die Welt mit Rausschmeißern zu beliefern. Ich fand sein Haus ohne jede Schwierigkeit, Unter- und Obergeschoss mit gepflegtem Garten davor. Ich atmete tief ein, klopfte an die Tür.

Showtime.

Immer der Moment, den ich liebte und fürchtete, nie ganz sicher, wie ich das Thema anschneiden sollte, das klippe, klare »Sind Sie ein Mörder?«.

Eine Frau öffnete die Tür. Sie war in den Zwanzigern, sah abgehetzt aus, fragte:

»Ja?«

»Ist Tom da?«

Sie brüllte über die Schulter:

»Tom!«

Und ging wieder ins Haus.

Ich hörte Telefone klingeln – das Geschäft blühte. Ein untersetzter Mann, Glatze, gewölbter Brustkasten, in Jogginghose und, im Ernst jetzt, einem rosa T-Shirt mit dem Logo WE BOUNCE / WIR SCHMEISSEN RAUS erschien, sagte:

»Ja?«

Ich streckte die Hand aus, sagte:

»Ich bin Jack Taylor. Ob ich Sie wohl um ein paar Augenblicke Ihrer Zeit bitten könnte?«

»Verkaufen Sie was?«

Riskier den Bankrott. Ich sagte:

»Es geht um Pater Joyce.«

Ein Ausdruck schierer Qual huschte über sein Gesicht – roher, nackter Schmerz, danach Mattigkeit. Er seufzte:

»Diese Scheiße wieder.«

Ich versuchte, mitfühlend auszusehen – keine meiner starken Seiten, ich wirke immer wie ein Tagelöhner auf Trebe, sagte:

»Mir ist klar, dass das schwierig sein muss.«

Er sah mich lange an, fragte:

»Sind Sie Überlebender?«

Ich wusste, dass er Überlebende des Kindesmissbrauchs meinte, sagte:

»Nein.«

Er legte den Kopf schräg, sagte:

»Dann ist Ihnen gar nichts klar.«

Er überlegte, dann:

»Okay, ich gebe Ihnen fünf Minuten. Das Mädchen, sie ist meine Sekretärin, steckt bis zum Arsch in Arbeit.«

Ich trat ein und zog die Tür hinter mir zu. Er ging vor mir her in die Küche, überall Akten und Papier. Ich fragte:

»Geschäft läuft?«

»Ja, ein Irrenhaus. Ich will immer zusätzliche Bürofläche anmieten, aber Galway – wer kann sich das leisten? Wollen Sie vielleicht Kaffee? Wir haben nur Pulver.«

»Trink ich auch immer.«

Während das Wasser heiß wurde, fragte er:

»Sie sind Hartsäufer?«

Eher eine Feststellung als eine Frage. Ich versuchte es mit indigniert, und er sagte:

»Es ist in den Augen –, dieser Gespensterblick. Ich war da. Woanders auch. Will ich überall nicht wieder hin.«

Er schaufelte Kaffeepulver in große Tassen, goss das Wasser dazu, sagte:

»Milch ist alle, alles ist alle, nur der Bedarf an Türpersonal nicht. Sie und ich würden Rausschmeißer sagen.«

Ich war neugierig, fragte:

»Wie sind Sie dazu gekommen?«

Er bedeutete mir, ich solle mich setzen. Ich setzte mich, und er nahm sich einen Stuhl mir gegenüber, sagte:

»Ziemlich so, wie Sie sich das vorstellen. Ich war Rausschmeißer, hatte es irgendwann satt, Spucke und Schlimmeres ins Gesicht zu kriegen, dachte, ich gehe ins Management. Vor sieben Jahren, als die Stadt ernsthaft feierte. Wenn Sie jünger wären, könnte ich Ihnen heute Abend Arbeit geben.«

Nicht, wenn Clancy davon Wind bekam. Ich fragte:

»Wieso?«

Er trank seinen Kaffee aus, sagte:

»Sie sehen fett aus.«

Ich ließ das auf sich beruhen, wollte nicht erkunden, was genau er meinte. Mir war einigermaßen klar, dass es nichts Schmeichelhaftes war. Ich sagte:

»Ich wurde gebeten, den Tod von Pater Joyce zu untersuchen.«

Wieder dieser aufwallende Schmerz. Er stand auf, ging zum Spülstein, wusch energisch seine Tasse, sagte:

»Also sind Sie zu den wenigen Menschen gekommen, die den Mut hatten, den Mund aufzumachen. Drei von uns hatten die Eier zu reden, von den vielen, die missbraucht wurden. Wer zahlt uns die Spesen? Die Kirche? Fällt ihr gar nicht ein. Aber sie wird bezahlen. Die Regierung versucht uns auch zu bescheißen –, das ist dann, glaube ich, legaler Missbrauch. Eine mitfühlende Richterin gab es, Le Foy? Die musste zurücktreten.«

Seine Worte hatten etwas Ungezähmtes, eine Kraft, die die Luft gefrieren zu lassen schien. Ich versuchte, das zu verwischen, sagte:

»Sie haben … ämm … Ihre Vergangenheit überwunden. Ich meine, Sie funktionieren, es geht Ihnen gut.«

Er hieb mit der Faust auf die Spüle, fragte:

»Woher wollen Sie das scheißenochmal wissen? Sie sehen hier eine Ehefrau, Kinder, irgendwas Normales? Ich habe jede nur erdenkliche Medizin geschluckt, mit neunzehn die Haare verloren. Wollen Sie wissen, was ich in meiner FREIZEIT mache?«

Er sprach das Wort mit jeder Unze Verachtung aus, die er auftreiben konnte, fuhr fort:

»Ich gehe auf der Scheißpromenade spazieren, auf und ab, spreche mit niemandem, keiner Menschenseele. Ich sehe fern –, die komischen Sendungen, Seinfeld, Friends, South Park, Family Guy –, und wissen Sie was? Ich lache nie, kein einziges Mal. Und Father Ted, das sehe ich mir gar nicht erst an, Priester werden nie komisch sein. Ich bin vor Jahren gestorben, aber mein Körper macht einfach nicht schlapp, kann man da nicht ungehalten sein? Und Familie –, können Sie vergessen. Ich dachte immer, ich habe mal einen Sohn, und so, wie es läuft, könnte er mal das Geschäft erben. Aber dank diesem Pater, dem perversen, werde ich einsam sterben, ohne Nachkommen. Ein Mann sollte einen Sohn haben, es ist eine echte Sünde, dass mir das geraubt wurde.«

Mir fiel dazu nichts ein, also fügte er hinzu:

»Sie wollen wissen, ob ich ihn umgebracht habe, oder? Glauben Sie, hundert andere wollen mir nicht genau die gleiche Frage stellen? Er hat mir zehnmal die Woche in den Arsch gefickt, bis ich nur noch blutete. Ich war neun Jahre alt, als er damit anfing. Als ich es meiner Mutter sagte, hat sie mich versohlt, bis ich nicht mehr gehen konnte.«

Schweiß lief ihm über das Gesicht, das rosa T-Shirt war durchnässt. Er fuhr fort:

»Manchmal hat er ihn mir zur Abwechslung in den Mund gesteckt. Tut es mir also leid, dass er tot ist? Ich sage Ihnen, was mir leidtut –, dass es sein Kopf war, der abgeschnitten wurde. Das war das falsche Ende.«

Ich stand auf, fragte:

»Kann ich Ihnen etwas Wasser holen?«

Er war erschöpft, sein ganzer Körper in sich zusammengefallen, schüttelte den Kopf, sagte:

»Sie werden Michael sehen wollen?«

»Ja, gern.«

Er schenkte mir ein kleines, verzerrtes Lächeln, sagte:

»Sie werden Michael mögen, der tickt noch ordentlich.«

Ich wollte die Hand ausstrecken, seine Schulter berühren und, ja, was sagen? Dass alles wieder gut wird. Was es auch werden mochte, gut bestimmt nicht. Ich sagte:

»Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mit mir gesprochen haben, den Kaffee …«

Er schien mich nicht zu hören. Als ich hinausging, fragte er:

»Ist Ihnen der Fachausdruck ›kalter Fall‹ geläufig?«

Als ich nickte, sagte er:

»So ein Fall ist das. Kalt wie Granit.«

Dann setzte er hinzu:

»Wenn Sie den Typ fangen, der es gemacht hat, tun Sie mir einen Gefallen?«

»Ja?«

»Verpassen Sie ihm von mir einen Händedruck.«

Später am Abend meldete Sky News – eine dieser bizarren Koinzidenzen – einen bewaffneten Überfall mit Fahrerflucht in einem Weiler in Suffolk, angeblich in Zusammenhang mit einem Disput unter Rausschmeißern. Drive-by shooting heißt so was … wie amerikanisch wir wurden.

Schaltete auf die Regionalnachrichten um. Die Polizei hatte ein Auto wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten. Die Insassen, Jugendliche mit Hasskappen, waren im Besitz von

zwei Schwertern

sechs fest stehenden Messern

Baseballschlägern

einem Benzinkanister (voll).

Halloween? Gib uns was, sonst setzt es was?