GEISTLICHE SOLLEN KINDER MEIDEN
Priester einer skandalgeplagten Diözese wurden gewarnt, sie sollten in der Öffentlichkeit jeden Kontakt mit Kindern meiden. Ein Verhaltenskodex der Diözese von Ferns besagt, dass Geistliche und in der kirchlichen Arbeit engagierte Laien sich nicht allein mit einem Minderjährigen oder einer Minderjährigen in einem Auto, Gebäude oder geschlossenen Raum aufhalten dürfen.
The Daily Mirror, 26. Juni 2003
Der Fall mit dem Priester lag mir schwer auf der Seele, und ich fragte mich:
»Was geht’s mich an?«
Priester und ich hatten nicht unbedingt eine gute gemeinsame Geschichte, aber man wächst katholisch auf, und dann haben sie einen beim Wickel. Da hilft kein Leugnen, man gehört ihnen, und vielleicht hatte mein Interesse mit meinem Vater zu tun. Er hatte immer Respekt vor Geistlichen gehabt. Er konnte sie nicht leiden – wer kann das schon? –, aber er sagte immer:
»Sie haben keinen leichten Job, und unser Job ist es, sie zu unterstützen.«
Das glaubte ich nicht mehr, aber an ihn glaubte ich noch und beschloss deshalb, mir den Fall anzusehen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht konnte ich etwas erreichen, was ihn stolz gemacht hätte.
Machte ich mir etwas vor? Aber hallo machte ich mir etwas vor. Aber das kann ich am besten, und konnte man’s wissen? Vielleicht gelang es mir sogar, dabei ein Jota Selbstachtung abzuzapfen.
Ich kämmte die Bibliotheken ab, sammelte alles an Hintergrund, was ich kriegen konnte. Ich las, bis mir die Augen wehtaten und ich das kriegte, was die Polizei gekriegt hatte.
Nichts.
Schreckte mich das ab?
Es schreckte mich scheißenocheins kein bisschen ab.
Wenn es leicht gewesen wäre, hätte ich es gelassen, wie es war. Ich war entschlossen, an der Sache dranzubleiben. Hätte ich gewusst, wohin mich dieser Vorsatz führen würde – ins Herz der irischen Seele –, hätte ich es gelassen?
Wahrscheinlich nicht.
Noch nie hatte ich es gelassen.
Dieses mir zutiefst auf den Sack gehende Sprichwort, wer die Vergangenheit ignoriert, sei verdammt, sie zu wiederholen oder so –, das wurde für mich erfunden. Wenn ich gewusst hätte, dass mich alle Qualen der Vergangenheit, die verlorene Liebe, die Erniedrigung, Scham und die seltsamste Freundschaft auf der Oberfläche von Gottes Erde erwarten, hätte ich anders gehandelt?
Hätte ich mit diesem Wissen gesagt:
»Nö, danke nein, ich erhalte mir lieber mein bisschen Zurechnungsfähigkeit«?
Ich wäre, hélas, trotzdem auf jener Straße des unglückseligen Geschicks geschritten.
Warum?
Weil ich ein Blödmann bin und, schlimmer noch, ein hartnäckiger.
Schwester Mary Joseph rang die Hände. Sie hatte Geburtstag, sie wurde siebzig Jahre alt, und obwohl sie nie jemandem sagte, wann das Datum fällig war, es den Seelen im Fegefeuer darbrachte, gönnte sie sich doch jedes Jahr eine besondere Freude – Häagen-Dazs, Erdbeertörtchen, großer Bottich – und schlabberte den ganzen Klumpatsch auf einen Happs weg. Dies Jahr konnte sie vor Sorge nicht essen. Ihr war tatsächlich schlecht vor Sorge. Sie hatte von Pater Joyce’ kleinen Versuchungen gewusst und gesehen, wie die Messdiener weinten, ganz offensichtlich in großer Not, aber sie hatte nie einer Menschenseele etwas davon gesagt. Sie war Nonne, das stand ihr nicht zu.
Als Pater Joyce’ kleine Versuchungen hässlicher und obszöner wurden, musste sie sich auf die Zunge beißen und um Erleuchtung beten. Sie konnte sich nicht gegen einen Priester stellen, so etwas hatte es noch nie gegeben, und deshalb erstickte sie ihr Gewissen, verschloss die Augen vor dem Zustand der Messdiener. Jetzt, nach dem Mord an Pater Joyce, begann sie sich zu fragen, ob der Wahnsinnige es vielleicht auch auf sie abgesehen hatte. Sie holte ihren schweren Rosenkranz hervor, blieb stundenlang auf den Knien, und trotzdem wuchsen Angst und Bangigkeit weiter. Im Bett in jener Nacht weinte sie um die Jungens und auch um den Verlust ihres Speiseeises, welches langsam unter ihrem Bett schmolz. Sie konnte schwören, sie hörte es tröpfeln.
Ich stand an der Lachswehrbrücke, um sieben Uhr abends. Eine späte Sonne warf Strahlen über das Wasser. Sie erfüllte mich mit Sehnsucht. Wonach? Das habe ich nie gewusst und werde es wahrscheinlich auch nie erfahren.
Nach Frieden vielleicht.
Man steht auf dieser Brücke und bekommt einen Begriff von der schieren Dynamik der Stadt. Als ich aufwuchs, war sie ein Dorf, man kannte jeden, und, weit wichtiger, jeder kannte einen. Und, wie man in Irland sagt, jeder kannte alle, die einem gehörten, also nicht die Angehörigen, sondern die Gehörigen. Wenn man einen Bruder im Gefängnis hatte, wusste das jeder. Wenn die Schwester als Krankenschwester in England arbeitete, wusste das jeder. Es hatte alles ausgeprägten Kaffcharakter, mit allem dazugehörigen Gepäck, dem guten wie dem schlechten. Man konnte nicht pinkeln, ohne dass dies dem Nachbarn bewusst gewesen wäre. Es hatte aber auch etwas Fürsorgliches. Wenn eine Familie in Schwierigkeiten war, versammelten sich die Nachbarn. Es gab keine Pflegeheime, in denen man kranke und alte Verwandte bunkern konnte. Diese Industrie war jetzt eine Wachstumsbranche.
Heutzutage konnte ich die Hauptstraße entlanggehen und niemanden kennen. Was man allerdings deutlich wahrnahm, war die Flut von Immigranten. Als Kind hatte ich, außer im National Geographic, nie ein schwarzes Gesicht gesehen.
Immerhin kandidierte eine schwarze Frau, aus Nigeria, für den Stadtrat. Sie hatte nicht den Schatten eines Hauchs von Chance, aber kommt Zeit, kommt Stadtrat. Ich fand das ermutigend.
Ich sah eine Gestalt in Schwarz, die vor sich hin schlurfte wie eine verletzte Krähe und Rauchschwaden hinter sich herzog. Ich fragte mich kurz, ob ich halluzinierte; im Krankenhaus hatten sie mir starkes Dope verabreicht, und es musste Nebenwirkungen geben, ganz bestimmt keine guten.
Ich wischte mir die Augen und merkte, dass es ein Priester war. Nicht irgendein Priester, sondern meine Nemesis, Pater Malachy. Ich habe wenige Menschen so sehr gehasst wie ihn.
Als Katholik ist man in einem ziemlichen Zustand, wenn man einen Priester hasst. Angeblich gibt es in der Hölle einen speziellen Ort für Pfaffenhasser. Der Typ, der dem Priester den Kopf abgeschnitten hatte, konnte sich auf Sonderbehandlung gefasst machen, was das Gegrilltwerden betraf. Der Mann war praktisch Döner.
Die Beziehung zu meiner Mutter war gequält gewesen: Sie hatte mich gequält. Und immer begleitete Pater Malachy sie durch ihr erbärmliches Leben, gurrte und laberte sie voll, führte sie heran an immer noch größere Akte der Frömmigkeit. Wobei man Frömmigkeit als Einmischung in das Leben anderer zu verstehen hat. Dass ich soff und als Polizist gescheitert war, befeuerte ihr tägliches Martyrium. Er festigte sie in diesem Glauben, und wir fochten epische Kräche aus. Gewöhnlich behielt er das letzte Wort, und das lautete fast immer:
»Gott möge dir vergeben, denn nur Gott ist dazu in der Lage.«
Nett, oder?
Er sah aus wie üblich, wie in Nikotin eingelegt. Als letzter hingebungsvoller Raucher zündete er eine an der anderen an und merkte gar nicht, dass er kein Nichtraucher war. Das war so natürlich oder unnatürlich wie Blinzeln. Sein Gesicht war tief gefurcht, und seine Augen waren blutunterlaufen. Eine Aura der Verzweiflung haftete an ihm, oder vielleicht wünschte ich mir das auch nur. Er sagte:
»Ja, beim Heiligen Sankt Kommnichtdrauf, der kühne Taylor ist’s.«
Und schon ging es wieder los.
Ich dachte:
»Wer braucht diesen Kack?«
Sagte:
»Verpissen Sie sich.«
Solche Worte gegenüber einem Priester, schon ist man verdammt, aber wie viel Verdammnis konnten sie in einem Fall wie meinem noch anhäufeln? Dem Teufel gehörte meine Seele sowieso schon, er hatte sie sogar bereits im Pfandhaus versetzt. Ich verstand ein bisschen von Philosophie, in Wahrheit verstand ich von den meisten Dingen ein bisschen. Es war das große Ganze, welches sich mir, wie die Amis sagen, nicht erschloss.
Sören Kierkegaard sprach darüber, dass die menschliche Wesenheit auf Erden zwischen unauflöslichen Spannungen gefangen ist.
Der Scheißkerl nagelte mich fest.
Malachy starrte mich an, und ich schnappte:
»Was?«
»Ich brauche deine Hilfe.«
Ich lachte laut –, kein Lachen, das auch nur im Entferntesten etwas mit Humor oder Wärme zu tun hatte, sondern das Lachen, das man in der Klapsmühle hörte, aus reiner Verzweiflung geboren. Ich fragte:
»Wie, haben sie Sie erwischt, als Sie was aus dem Opferstock geklaut haben?«
Er stützte sich auf das Brückengeländer, als brauchte er physische Unterstützung, sagte:
»Ich meine es ernst. Dieser arme Mann, der geköpft wurde …?« Und beließ es dabei.
Ich schüttelte den Kopf, sagte:
»Sagen Sie mir nichts darüber, Kumpel, geht mich gar nichts an. Wenn Sie mich allerdings fragen, werden aber auch nicht annähernd genug von Ihrer Sorte geköpft.«
Er sammelte sich, ging weiter, sagte:
»Ich rede wieder mit dir, wenn du nüchtern bist.«
Ich brüllte:
»Ich trinke gar nicht.«
Und wünschte mir, ich tränke doch.
Er sagte nichts, dann:
»Warum sprichst du mich nie korrekt an?«
»Was?«
»Ich bin Priester, du solltest ›Herr Pfarrer‹ oder ›Pater‹ zu mir sagen.«
»Sie sind nicht mein Vater. Dass Sie der Vater von jemand sind, da seien Jesus und sein Hund davor! Das wäre vielleicht ein Fluch.«
Wenn er mich Sohn genannt hätte, hätte ich ihn den Lachsen zum Fraße vorgeworfen –, ahnte ich doch noch nicht, dass mein ganzes Leben in die Vater-und-Sohn-Dynamik der … wie sagt man …? – Dysfunktion? – getunkt werden würde.
Erinnern Sie sich an Cat Stevens, einen sehr erfolgreichen Sänger und Songschreiber, der zu seinen islamischen Wurzeln zurückkehrte und sich umbenannte? Sein klassischer Song »Father and Son« war neu herausgekommen. Die Schicksale, könnte man sagen, hatten mich heftig in die Mangel genommen, aber ließ ich mir das eine Lehre sein? Einen Scheiß ließ ich mir das eine Lehre sein.
Bei der Brücke war zu meiner Linken der Dom. Ironischerweise hatte er einst als Stadtgefängnis gedient. Etwas weiter weg war die Universität, und eine gelegentliche Brise trug den Lärm herüber, den die Studenten machten. Man starrte ins Wasser hinunter und konnte die Lachse sehen, wie sie gegen die Strömung anschwammen, genau wie ich. Unser neuer Wohlstand hatte die obligatorischen Schadstoffe eingeleitet, und die Fische waren so krank wie mein Wesen. Immer hob sich meine Laune, wenn ich diese wunderschönen Lachse beobachtete, wie sie fast lässig gegen den Strom wackelten. Wäre man beinah gern Poet gewesen.
Ein Typ machte im Vorbeigehen die witzige Bemerkung:
»Tu’s nicht, morgen ist auch noch ein Tag.«
Das, dachte ich, hätte ich gern schriftlich gehabt.
Jeder ist ein Komiker, und in Galway gibt es mehr davon als anderswo. Ich seufzte. Ich zündete mir eine Lulle mit einem richtigen Sicherheitszündholz aus der Streichholzschachtel an, schnickte es weg und beobachtete, wie es zu Wasser ging. Ich konnte drei schöne Lachse sehen, deren Kiemen sich mühelos regten. Die Wasserverschmutzung kostete sie reihenweise das Leben.
Zwei Männer näherten sich leicht schwankend. Ich kannte sie aus Jeffs Kneipe. Normalerweise hätte ich genickt, Hallo gesagt, nichts allzu Persönliches. Die Regeln für Kneipengänger – Man konnte auf diese Weise einen Typ zwanzig Jahre lang sehen und insgesamt nicht mehr als eine Handvoll Sätze tauschen.
Die Regeln waren außer Kraft.
Weil sie besoffen waren. Ordentlich Guinness als Verdünner, Jameson als Zerhacker, genau wie sich das gehörte, wie ich es selbst betrieben hatte. Der eine, in einem schmuddeligen Pullover von den Aran-Inseln, war der normale gutmütige Suffkopp –, ein paar pints, und jeder war sein Kumpel. Der andere war ein ganz anderes Kaliber. Er trug ein »Mayo!«-Fußballtrikot, hatte was Fieses und sich schussfertig getrunken. Der Suff rechtfertigte lediglich eine Wut, die er beständig nährte. Aran sagte:
»Taylor! Ich dachte, du hättest das Land verlassen.«
Der andere starrte feindselig. Ich sagte:
»Hab mich ein bisschen bedeckt gehalten.«
Mayo sah aus, als wollte er gleich losspucken, hatte sich einen Mundvoll Schleim zusammengeräuspert, bewegte ihn hin und her, sagte:
»Eher versteckt gehalten.«
Ich wusste, was als Nächstes kam, drehte mich um, sah ihn an, fragte:
»Was heißt das?«
Er spuckte mir dicht neben den Schuh, sah Aran an, entschied, dass die Lage sicher war, sagte:
»Du hast ein Kind umgebracht und nicht die Eier gehabt, dich den Menschen zu zeigen.«
Ich schlug ihm oben auf den Brustkorb, über dem Herzen. Habe ich auf den Straßen von Armagh von einem Sinn-Féin-Aktivisten gelernt, absolut gemeiner Hieb. Man muss die Stärke aus den Füßen holen, sich mit den Zehen abstützen und ein leichtes Fließen nutzen, um ihn fast träge mit maximalem Aufprall ins Ziel zu führen. Mayos Mund öffnete sich mit leichtem »O«, und er sank auf die Knie, einen trüben Glanz in den Augen. Ich musste meinen Schuh mit aller Kraft davon zurückhalten, Kontakt mit seinem Kopf aufzunehmen. Herrgott, so gern hätte ich den Job zu Ende gebracht.
Aran war verblüfft, quengelte:
»Heiland, Jack.«
Hatte ich einen neuen Beruf? Gewalt zeugt Ansehen.
Ich schnippte meine Lulle hoch über die Brücke, cool oder was? Ich hatte einen Mann geschrägt und dabei weitergeraucht, das muss doch wohl jemanden beeindrucken? Ich drehte mich um und ging davon. Die Gewaltanwendung hatte ein Leck, begann mir durch die Poren hinauszusickern. Am Eyre Square musste ich mich hinsetzen, als das unvermeidliche Zittern einsetzte und das schöne Vibrieren abebbte. Am anderen Ende des Platzes konnte ich das Skeff sehen, wie eine Leuchtbake. Ich konnte hinüberschlendern, einen großen Paddy niedermachen, die Sache besinnlich ausklingen lassen. Fast lächelte ich. Einen kleinen Paddy hatte ich gerade schon niedergemacht.
Am nächsten Morgen wachte ich auf, erstaunt, nüchtern zu sein. Oh, ich hatte trinken wollen, und wie ich das gewollt hatte, für immer in Jameson eintauchen. Stieg aus dem Bett und versuchte, verdammtnochmal draufzukommen, von was für einem Lärm ich umgeben war. Dann wurde es mir klar: das Wasser, wie eine Eisenbahn, die man in der Ferne hört. Ich war in Galway groß geworden, zwischen Kanälen, nah am Ozean, hatte es aber nie bewusst gehört. Die alte Mühle, so nah, intensivierte das Geräusch. Es war beruhigend, wie ein Gebet, von dem man weiß, dass es bald erhört werden wird. Ich duschte, rasierte mich, zog ein sauberes weißes Hemd und relativ neue Jeans an, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie irgendwann gekauft hatte, und kochte mir einen steifen Kaffee. Trug die Tasse zum Tisch, setzte mich.
Ich wusste: Wäre ich ans Fenster gegangen, hätte ich stundenlang die Bucht angestarrt. Die Aussicht hatte eine einschläfernde, hypnotische Wirkung, von Heilung gar nicht weit entfernt, visuelle Therapie.
Ich dachte an den Vorfall vom Vorabend und nahm mir vor, meine Wut zu zügeln. Wenn ich konnte. Sonst verbrächte ich meine Zeit damit, Leute zu hauen. Wie sollte ich zurück ins Leben finden, wenn ich so tat, als wollte ich genau das? Meine Jahre davor hatte ich als halbherziger Privatermittler verbracht, hatte Menschen gefunden, Lösungen, und mich meist durch Sprit am Laufen gehalten. Immer wieder war ich in den Horror abgestürzt, in die Katastrophe, hatte alle auf der Strecke gelassen, die mir wichtig waren. Die Liste meiner Toten würde eine Wand bedecken. Spielte mit der verrückten Idee: roten Filzschreiber raus, alle auflisten. Der schiere Gedanke ließ mich schaudern, ich sprang auf, schob die Toten beiseite.
Ich stellte das Radio an, rechtzeitig für die Nachrichten. Die Top-Geschichte war George Best. Hatte erst vor Monaten eine neue Leber gekriegt und soff schon wieder. Die Operation hatte dreizehn Stunden gedauert und vierzig pints Blut verbraucht. Es hatte heftigen Widerstand dagegen gegeben, dass an einem Alkoholiker eine Lebertransplantation durchgeführt wird. Es gab so viele Leute, die eine Spenderleber viel eher verdient hätten. Eine alte Debatte, stets leicht entflammbar … Warum soll man einem Suffkopp helfen, wenn er dann doch bloß wieder säuft?
Verschiedene Experten gaben ihren Ansichten/Meinungen Ausdruck, warum Best so etwas Wahnsinniges machte. Der ganze Bericht klang schwer verdutzt, was sein Verhalten betraf. Ich rief:
»Was ist denn los mit euch? Er ist Alkoholiker, was ist daran so unverständlich?«
Kriegte mit, dass ich gefährlich zornig war. Im Krankenhaus hatte es Treffen der Anonymen Alkoholiker mit Anwesenheitspflicht gegeben. Katatonisch, wie ich war, wurde ich im Rollstuhl hingeschoben. Ich entsann mich der Ermahnung: Werdet nicht zu zornig, zu einsam, zu müde.
Stellte das Radio aus, atmete ein paarmal tief ein, holte mir Papier und Stift und umriss meine Finanzen. Rechnete aus, dass ich ein paar Wochen überdauern würde, wenn ich nicht aß, also Schlussfolgerung:
Job besorgen.
Fügte dann hinzu:
Leben besorgen.
Konnte mir ein Stellengesuch für die Zeitung vorstellen:
Trinker
Anfang fünfzig
frisch aus der Nervenheilanstalt entlassen
sucht einträgliche Anstellung.
Ja, könnte klappen.
Ich zog Artikel 8234 über, meinen Polizei-Allwettermantel, und ging vor die Tür. Ich hatte keinen Plan, was sowieso schon Neuland war. Ein leichter Nieselregen setzte ein, ich klappte den Kragen hoch, mein Knie tat nicht weh, sodass mein Hinken nicht sehr auffiel. Trotzdem ließ ich es langsam angehen, überquerte den Kanal und kam vom wilden Ende her auf die Quay Street. Wild in dem Sinne, dass dort die meisten Feiernden kollabierten. Vor Jury’s erkannte ich einen Tinker, Kesselflicker oder Landfahrer, der vor Kurzem sesshaft geworden, aus einem Wohnwagen in ein Haus umgezogen war. Am Leibe trug er eine glänzende schwarze Lederjacke, und sein schwarzes Haar stand unter Gel. Diese Jacken waren überall, nachdem eine rumänische Familie sie ins Land geschmuggelt hatte. Sein Gesicht war dunkelbraun, von den Elementen und den Lullen gefurcht. Er schloss sich mir im gleichen Schritte an, murmelte den irischen Segensspruch.
»Tut mir leid, wegen dem Ärger, den Sie hatten.«
Die gesamte freie Auswahl. Konnte der Tod meiner Mutter gemeint sein, die Nervenheilanstalt, die Tragödie mit Jeffs und Cathys Kind oder meine verdammt leidige Existenz. Ich spielte so vage wie möglich mit, sagte:
»Danke, Mick.«
Er hatte die Hände in den Taschen vergraben, sagte:
»Ist es nicht eine Sauerei?«
Ich brauchte etwas mehr Arbeitsmaterial, fragte:
»Was?«
»Wir haben schon wieder verloren, mit einem einzigen lausigen Punkt Abstand.«
Hurling.
Ich hatte gar nicht gewusst, dass Galway spielte, wie weit von allem weg war ich denn? Der Sportkanal findet in der Klapse nicht viele Zuschauer – der Renner sind die Soaps. Beweist, dass die Patienten eine höhere Dosierung brauchen. Ich tanzte den irischen Tanz, fragte:
»Und Sie? Halten sich gut?«
Dies umfasst locker
Familie
Arbeitsverhältnis
Gesundheit.
Er keuchte wie auf Bestellung, zog die rechte Hand aus der Tasche, berührte eine Medaille, die er um den Hals trug, sagte:
»Ich hab’s auf der Brust, die Lullen bringen mich um.«
»Schon mal mit den Pflastern versucht?«
Er tat diesen Unsinn mit einem Achselzucken ab, sagte:
»Die sollten ein Pflaster für den Suff herausbringen.«
Ich fand, dass Antabus der Sache ziemlich nahe kam, sagte aber:
»Keine schlechte Idee.«
Er blieb stehen, legte die Augen in Knitterfalten, sagte:
»Mann, wenn man so ein Ding hätte, Sorte ›Whiskey‹ zum Beispiel, einfach anzapfen, schon hätte man was zu trinken und brauchte sich keine Flasche zu kaufen.«
Ich lächelte, und er sagte:
»Ein Vermögen könnte man damit machen.«
Wenn die Brauer bereits Teens mit Wasser der Geschmacksnote »Alkohol« und den verschiedensten Sorten »köstlichen« Schnapses köderten, fand ich, dass das Land über genügend Methoden verfügte, sich einen hinter die Binde zu gießen, sagte aber nichts. In Irland gilt keine Antwort als Zustimmung. Er fragte:
»Sie werden von Pater Joyce gehört haben?«
»Ja.«
»Haben ihm den Kopf abgeschnitten, dem armen Schweinehund.«
Ich hatte dem nicht furchtbar viel hinzuzufügen, tat das Statthafte, sagte:
»Möge er in Frieden ruh’n.«
Mick konnte nicht widerstehen; sagte:
»Vom Scheitel bis zur Sohle …, na ja, minus Scheitel.«
Dann, um den Schaden wiedergutzumachen, sagte er noch:
»Gott vergebe mir.«
Wir hatten Kenny’s Buchhandlung erreicht, lauter irische Literatur im Schaufenster. Ich hatte seit Monaten nichts gelesen –, vielleicht konnte ich das jetzt wieder. Mick sagte:
»Der Typ, der die alte Nonne erwürgt hat, wissen Sie noch, vor zwei Jahren?«
Kein Vorfall, den man leicht vergaß. Ich nickte, und er sagte:
»Er hat lebenslänglich gekriegt. Gestern habe ich ihn im Fernseh gesehen. Es schien ihm kein bisschen leidzutun.«
Irland hatte sich unwiderruflich verändert. In meiner Jugend war die Geistlichkeit kugelsicher gewesen. Jetzt schien Jagdsaison. Ich fragte:
»Dieser Wetterheini auf TV3 …, gibt es den noch?«
Ein Wettervorhersager, dem das Unmögliche gelang – bei ihm schien das irische Wetter einen gewissen Anstand zu haben.
Mick war entzückt. Ich hatte voll ins Schwarze getroffen, und er fragte:
»Mögen Sie ihn? Ist er nicht scheißebegabt?«
Die höchste irische Ehrung, selten erwiesen. Der Wettermann hatte, um im Bild zu bleiben, eine ganz besonders windige amerikanische Art der Übermittlung, er vermenschlichte die Vorhersage. Klar würde es schütten, aber nicht bösartig, nicht wie in England. Aber hey, was sollte das Wetter sonst machen? Es musste regnen, wir waren schließlich in Irland, Regen war unser Geburtsrecht, dank des Regens blieb das Gras grün, dank des Regens hatten wir was zu meckern.
Ich fragte Mick, ob er für ein paar Shilling gut war, und er versicherte mir, das wäre er, aber dann wurde er plötzlich ernst und sagte:
»Es geht mich ja nichts an, aber das Grab Ihrer armen Frau Mutter ist in einem schockierenden Zustand.«
Darauf hatte ich keinen Bock, ich sagte:
»Oh.«
Er ging so behutsam vor wie möglich, aber manche Themen müssen einfach angesprochen werden. Er fuhr fort:
»Ich weiß …, dass es Ihnen … nicht gut gegangen ist … Aber die Leute reden nun mal.«
Als wäre mir das nicht so was von scheißegal. Ich sagte:
»Ich weiß Ihre Anteilnahme zu schätzen.«
Gar nicht wahr.
Er war noch nicht ganz fertig, sagte:
»Mein Cousin Tomas, der macht in Gräbern, macht er ganz allerliebst. Ich könnte mal mit ihm sprechen.«
Ich pflichtete bei, griff nach meinem Portemonnaie. Er wehrte ab, sagte:
»Das regeln wir irgendwann. Sie waren unseren Leuten immer ein Freund.«
Was die beste Grabinschrift sein könnte, die ich kriegen kann.