Poeten und Dämonen, Väter und Söhne. Die Geschichte meiner Existenz, und ich weiß nicht, ob ich auch nur an eins der beiden Begriffspaare glaubte. Ich kam die Dominic Street herunter, ein erbärmlicher halbherziger Regen setzte ein, konnte sich nicht entscheiden, ob er ordentlich schiffen oder nur weiternieseln wollte. Es hatte eine Zeit gegeben, als ich Louis MacNeice las, und Autumn Journal konnte ich auswendig … Textzeilen flogen mich an wie … Kugeln aus einem vergessenen Krieg. Etwas über Gesichter, in denen es spukt, und die Beschreibung surly, verdrossen, missmutig, mürrisch.

Ich hatte lange gedacht, surly wäre dasselbe wie hurley, der Hurlingschläger …, der im Lichte meiner jüngsten Aktivitäten eine ganz, ganz andere Waffe ist. Ich murmelte den Text und humpelte vor mich hin …, ein paar weitere Zeilen explodierten in meinem Kopf …, irgendwas mit vergammelten Eingeweiden … Ich weiß, das kam alles drin vor.

Dann erschien, vom Kanal her, Cody. Da gibt es ein großes Schild, auf dem steht:

Die Samariter, wir sind für Sie da.

Direkt am Ufer – wenn die einem also nicht helfen konnten, konnte man immer noch ins Wasser gehen?

Er war nervös, fragte:

»Kann ich mit Ihnen sprechen?«

Ich sah ihn an, ließ meinen Körper schlaff werden, streckte dann die Hand aus, sagte:

»Ich war außer Betrieb und möchte … mich entschuldigen.«

Sein Gesicht erhellte sich, und er protestierte, nichts gäbe es, was mir leidtun müsste, wir wären schließlich Kumpels und Partner? Mir tat bereits leid, dass ich mich entschuldigt hatte. Er sagte:

»Jack, sie ist wieder da.«

Er atmete tief ein und packte aus:

»Der Typ, den ich für Sie suchen sollte? Jeff? Der Penner … Ich meine … ämm … Ihr Freund. Seine Frau – Cathy? – ist aus London zurück, nachts meistens im Roisín. Sie betrinkt sich heftig, sagt, sie ist hier, um Sie zu erschießen, und sie sagt, jetzt, wo Sie einen Sohn haben, kann sie gleichziehen. Worum geht es da? Haben Sie einen Sohn?«

Ich wich der Frage nach dem Sohn aus, und um das zu überspielen, lachte ich laut, sagte:

»Sagen Sie ihr, sie soll sich scheißenochmal hinten anstellen. Ich bin ihr bereits über den Weg gerannt, und es war nicht … versöhnlich.«

Sein Handy klingelte, und er blickte verlegen drein. Ich sagte:

»Nur zu, ich ruf Sie später an.«

Ich hörte, wie er sagte:

»Mary, a grá.« A grá heißt Liebe, und ich beneidete ihn.

Ich war so froh, dass er sich in mein Leben zurückbegeben hatte. Fast hätte ich gesagt:

»Pass auf dich auf, Söhnchen.«

Wo man auf die O’Brien’s Bridge abbiegt, ist an der Ecke ein Reisebüro. Ich sah ins Schaufenster: Sonderangebote auf die Kanaren, nach Barbados, überallhin. Ich musste den Impuls niederkämpfen, nicht reinzusausen, den ersten zur Verfügung stehenden Flug in ein warmes Klima zu buchen und Scheiße ab dafür. Schwor, nach Amerika abzuhauen, sobald sich diese ganze Situation geklärt hatte. Das Geld hatte ich, jetzt brauchte ich nur noch die Energie.

Müde, von einer ungezügelten Mattigkeit bekrabbelt, machte ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung, um ein Auge zuzutun, kurz Pfaffen und Mörder und Nonnen und Speiseeis zu vergessen. Stieß eines dieser lauten Gelächter aus, die mir solche scheißende Angst machten, als mir klar wurde, dass mir gerade ein Countrysong einzufallen begann – zur Melodie von »Gypsies, Tramps, And Thieves« …

Duschte, als ich nach Hause kam, machte mir eine Klappstulle aus gebratenen Speckstreifen, Tomate, Mayo, baute sie dick und fett, wie das ganze Land – und sie bereitete mir etwa so viel Genuss wie die zahlreichen Untersuchungsausschüsse der Nation.

Bevor ich ins Bett kroch, rief ich Malachy an. Das Telefon klingelte endlos, bis endlich:

»Was?«

Schroff, unfreundlich, feindselig. Ich fragte:

»Spricht man so mit Gemeindemitgliedern?«

»Wer ist da?«

»Jack Taylor.«

Nicht froh, mich zu hören. Quelle surprise.

»Was willst du?«

Mit ihm wurde ich fertig. Ich sagte:

»Sie hatten einen anderen Ton drauf, als Ihr Arsch in Flammen stand und Sie einen Fall gelöst haben wollten.«

Er grunzte ein bisschen, klagte dann an:

»Du warst nicht in der Messe.«

»Was?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich für diesen armen Mann eine Messe lese, der Pater Joyce verletzt hat.«

Ich konnte es kaum glauben, sagte:

»Verletzt? Er hat ihn scheißenochmal geköpft.«

Hörte ein Einatmen, dann:

»Keine Obszönitäten am Telefon.«

Es hatte keinen Sinn. Ich konnte den ganzen Tag mit ihm Unfreundlichkeiten austauschen, und er hätte nie genug gehabt. Die Klerisei hat dafür ein spezielles Training, sie nennt es Theologie. Ich beschloss, Nägel mit Köppen zu machen, sagte:

»Sie müssen mir einen Gefallen tun.«

Seine Stimme wurde schwer vor Gehässigkeit, Sarkasmus.

»Ja, beim Heiligen, der große Jack Taylor will, dass ich ihm einen Gefallen tue. Ich dachte, du bittest niemanden um Schonung?«

Weshalb machte er denn jetzt schon wieder so ein Geschiss? Ich beherrschte mich, fragte:

»Könnten Sie für mich ein Treffen mit einer Nonne arrangieren?«

Er lachte laut, sagte:

»Eine Nonne wird dich nicht retten, Burschi.«

Wenn ich ihn hätte packen können … Versuchte:

»Schwester Mary Joseph, kennen Sie sie?«

»Natürlich kenne ich sie, ich bin Priester. Was glaubst du, wie groß diese Stadt ist? Noch sind wir nicht in New York, noch kennen wir unsere Leute.«

»Würden Sie für mich ein Treffen arrangieren?«

Wieder Einatmen, und ich konnte im eingezogenen Atem den Argwohn hören. Er schnappte:

»Warum?«

»Ich weiß nicht viel über Pater Joyce, ich will mir ein besseres Bild von ihm machen können.«

Er schnob. Echt wahr, ich dachte, das wäre nur so eine Formulierung, dachte, nur Pferde machen so ein Geräusch, aber nein, er machte tatsächlich dieses grässliche Schnnnnn … Dann sagte er:

»Du hast gesagt, der Fall ist abgeschlossen. Der Bursche hat gestanden, es ist vorbei. Weshalb stiftest du jetzt noch Unruhe?«

Ich zählte bis zehn, dann:

»Wenn Sie kein Treffen arrangieren, haue ich dermaßen gegen die Kacke, die Zeitungen werden erfahren, dass Sie den Mörder kennen und dass Sie … Genau, was werd ich denen sagen? Dass Sie für ihn eine Messe gelesen haben. Mal sehen, mit welchem Vergnügen Ihr Bischof das morgens bei seinen verlorenen Eiern lesen wird.«

Ich hörte, wie er sich eine Lulle ansteckte. Seine Wut sprang einen förmlich an. Er sagte:

»Nach der Zehn-Uhr-Messe morgen Vormittag bringe ich dich zu ihr. Und hör zu, Burschi, pass bloß auf bei ihr. Wenn ich höre, dass du sie aufgeregt oder gekränkt hast …«

Jetzt lachte ich, sagte:

»Sie haben eine unheimliche Ähnlichkeit mit Clancy, dem Polizeiobermotz.«

Malachy änderte die Tonlage, sagte:

»Ein wunderbarer Mann. Schade, dass du dir keine Scheibe von ihm abschneidest.«

»Warum überrascht es mich eigentlich gar nicht, dass ihr beide Kumpels seid?«

Das verdaute er, dann war er dran, sagte:

»Sag mal deinen Penner-Kumpels, sie sollen sich aus meiner Kirche raushalten. Die ist kein Nachtasyl.«

Das saß. Keinen Schimmer, was er meinte – hatte aber ein mulmiges Gefühl, es könnte mir nicht gefallen, fragte:

»Wovon reden Sie überhaupt?«

»Dieser Bursche mit dem Pferdeschwanz, mit dem du früher herumgezogen bist, mit so einer englischen Person verheiratet, hat vor der Kirchentür geratzt.«

Jeff.

Traf mich wie ein Donnerschlag. Ich konnte das Zittern in meiner Stimme hören, fragte:

»Wo ist er jetzt?«

Er triumphierte, sagte:

»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Ich hab ihm in den Arsch getreten, dass er abhaut, habe ihm gesagt, im Fair Green gibt es ein hundertpro anständiges Armenhaus.«

Klick.

Und aufgelegt. Ich fand die Nummer der Simonsgemeinschaft Fair Green, wurde verbunden, fragte, ob sie Jeff da hatten. Sie waren sehr hilfsbereit, aber es kamen ja so viele Männer da durch, sie wussten wirklich nicht, und als ich ihn beschrieb, mussten sie leider sagen, nein, so jemand sei in letzter Zeit nicht da gewesen. Ich rief bei den Krankenhäusern an, bei anderen Unterkünften – selbes Ergebnis. Ging voll schwarzer Verzweiflung ins Bett.

Am nächsten Morgen früh raus, bekam etwas Kaffee herunter, schürte das Feuer, warf den Motor an, alles auf sehr unsicheren Beinen. Ich hasse süße Sachen, aber Zucker war gut zum Ankurbeln. Duschte und begutachtete den Fortschritt meines Bartes, ohne meine Augen oder sonst viel von meinem Gesicht näher zu betrachten. Erforderte manische mimische Verzerrungen. Er nahm allmählich Formen an, was sich von mir nicht sagen ließ.

Wie kleidet man sich für eine Nonne? Ich wusste, der Schlüssel war: bloß nichts Einschüchterndes, eher fast wie ein Geistlicher mit einer Spur BWL. Also den schwarzen Anzug, weißliches Hemd plus Schlips, locker gebunden. Ich wollte nicht wirken, als sammelte ich für irgendwas. Das war ihre Domäne. Schwarze Schuhe, die etwas Glanz vertragen hätten, also Spucke und Handtuch. Klappte einigermaßen. Sie waren nicht toll, aber immerhin passabel.

Das Koffein schlug zu. Dies war erst der zweite Tag, an dem es mir gelang, richtigen Kaffee zu trinken – der Geschmack von diesem entkoffeinierten Kram ist wie Hölle auf Rädern. Und es gelang mir darüber hinaus, vor die Tür zu gehen, der ganze Zweck der Übung. Ging zu Roche’s, wanderte durch die Gänge, bis ich das Speiseeis fand. Scheiße, was für eine Auswahl, ich hasse Vielfalt, Vielfalt verwirrt mich. In meiner Kindheit gab es sehr, sehr wenig Eis. Vielleicht zur Erstkommunion. Man hatte die Wahl zwischen Vanille und Vanille. Als der Eistüte ein Stückchen Schokoladenraspel zugesetzt wurde, ging ein großes Geraune durch die Stadt. Bei Woolworth wurde dieses Extra gesondert angeboten, unter dem Titel »99«. Ich hatte meinen Vater gefragt, was das zu bedeuten hatte, und er sagte, wegen des Stücks Schokoladenraspel wäre das Eis kein 100-prozentiges Eis mehr. Das ist wahrscheinlich eine genau so gute Erklärung wie jede andere auch.

Mehr verlangte man gar nicht vom Himmel. Ich weiß noch, dass ich mir vornahm, wenn ich mal groß bin, lebe ich von Pommes und 99. Fritten nannten wir Pommes, und Pommes nannten wir Fritten, und das machen wir heute noch. Alles andere ist den Bach runter.

Als ich das Dilemma begrübelte, kam Liz Hackett vorbei, eine getreue Spitzenkraft der Firma Roche’s. Sie stammte aus Woodquay und vereinte alles, was gut an Galway war, in ihrer Person: freundlich, warm, aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein. Sie sagte:

»Jack Taylor, sind Sie’s persönlich?«

Irischer oder einladender kann man Fragen nicht stellen. Ich gab zu, ich wäre es persönlich, und sie sagte:

»Ich hätte Sie nie als Speiseeisliebhaber eingeschätzt.«

Sondern als was?

Ich nickte, versuchte dann:

»Es ist nicht für mich, es ist für eine Nonne.«

Wenn ihr das so seltsam vorkam wie mir, ließ sie es sich nicht anmerken, und ich fragte:

»Welchen Geschmack würde eine Nonne mögen?«

Sie musterte das Angebot und fragte:

»Welchem Orden gehört sie an?«

Ich musste feststellen, ob sie scherzte. Sie scherzte nicht, also sagte ich:

»Was wäre denn da der Unterschied?«

Sie zwang sich zu einem geduldigen Tonfall, als könnte ich nichts für meine Ignoranz, sagte:

»Die Barmherzigen Schwestern mögen Vanille einfach. Die Präsentationistinnen mögen Schokolade, und die Klosterfrauen sind ziemlich eigen.«

Ich war platt, fragte:

»Woher wissen Sie das alles bloß?«

Sie lächelte resigniert, sagte:

»Wenn man in einem geschlossenen Orden lebt, ist ein Eis eine sehr ernste Angelegenheit.«

Da ich keine Ahnung hatte, welchem Orden Schwester Mary Joseph angehörte, half mir das alles nicht weiter. Ich warf einen Blick auf die amerikanische Marke Ben & Jerry’s, sagte:

»Was Knalliges.«

Liz wusste nicht so recht, fragte:

»Sind Sie absolut sicher?«

War ich nicht, aber, Hölle, was sollte sie schon machen …, sich beschweren? Und war es mir etwa nicht sterbenswurscht, ob ihr das Zeug mundete oder nicht? Ernsthaft jetzt.

Nach weiteren eingehenden Erörterungen sagte Liz, wenn es nach ihr ginge, also in die Variante Erdbeertörtchen von Häagen-Dazs, da könnte sie sich förmlich reinsetzen, und bevor ich fragen konnte, ergänzte sie:

»Die Hersteller haben versucht, sich einen exotischen Namen auszudenken, und deshalb haben sie sich für Häagen-Dazs entschieden. Es bedeutet überhaupt nichts.«

Ich wusste bereits zu viel über das ganze Unternehmen und bedankte mich bei Liz. Sie fügte hinzu:

»Und Sie passen auf sich auf, ja?«

Gott erhalte sie, das süße Stück.