|11|Einleitung

Albert in Beijing

London, 3. April 1848. Königin Victoria hatte Kopfschmerzen. Sie kniete seit 20 Minuten auf dem Pier, das Gesicht auf die hölzernen Planken gedrückt. Sie hatte Angst und war wütend, und sie war müde, weil sie schon so lange gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfte; und jetzt hatte es auch noch angefangen zu regnen. Ihr Kleid war triefend nass, und sie hoffte nur, dass niemand ihr Zittern für ein Zeichen der Furcht halten würde. Ihr Mann kniete neben ihr. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie ihm die Hand auf die Schulter legen oder ihm das nasse Haar aus der Stirn streichen – irgendetwas tun, um ihm Kraft für das zu geben, was ihm bevorstand. Wenn doch die Zeit stillstehen – oder schneller vergehen würde. Wenn sie und Prinz Albert doch sonstwo wären, nur nicht hier.

Und so warteten sie – Victoria, Albert, der Herzog von Wellington und der halbe Hof – auf den Knien im Regen. Offensichtlich gab es ein Problem auf dem Fluss. Da das Flagschiff der chinesischen Kriegsflotte zu groß war, um in den East India Docks vor Anker zu gehen, hatte Gouverneur Qiying sich entschieden, seinen großen Auftritt in London von einem nach ihm selbst benannten kleineren gepanzerten Dampfschiff aus zu inszenieren, aber selbst die Qiying war eigentlich zu groß für die Docks in Blackwall und musste mühsam manövriert werden. Ein halbes Dutzend Schleppboote zogen sie unter viel Getöse und Tumult herein. Qiying fand das Ganze nicht lustig. Aus den Augenwinkeln konnte Victoria die kleine chinesische Musikkapelle sehen. Vor einer Stunde hatten die Seidengewänder und komischen Hüte der Musiker noch prachtvoll ausgesehen, jetzt waren sie vom englischen Regen vollkommen durchnässt. Viermal hatte die Kapelle in dem Glauben, dass Qiyings Sänfte gleich ans Ufer getragen werde, eine fernöstliche Kakophonie angestimmt, und viermal war sie abrupt wieder verstummt. Beim fünften Mal unterbrach sie ihr Spiel jedoch nicht. Victoria wurde flau im Magen. Qiying musste endlich an Land gegangen sein. Es war soweit.

Und dann stand Qiyings Gesandter vor ihnen, so dicht, dass Victoria die Stickereien auf seinen Pantoffeln sehen konnte. Sie zeigten kleine Drachen, die Rauch und Feuer spuckten. Die Stickereien waren so fein, wie ihre eigenen Zofen sie nie hätten zustande bringen können.

|12|Der Gesandte las mit monotoner Stimme die offizielle Bekanntmachung aus Beijing vor. Man hatte ihr erklärt, was darin stand: Das Licht der Vernunft, der Kaiser Daoguang, erkenne den Wunsch der britischen Königin an, der kaiserlichen Oberhoheit ihre Ehrerbietung zu erbringen. Victoria habe um die Gunst gebeten, Tribut und Steuern zu bezahlen, äußersten Gehorsam zu leisten und Befehle entgegenzunehmen; und der Kaiser habe sich bereit erklärt, ihr Land als eines seiner untergeordneten Herrschaftsgebiete zu behandeln und den Briten die Erlaubnis zu erteilen, sich der chinesischen Lebensweise zu befleißigen.

Aber jeder wusste, wie die Geschichte wirklich abgelaufen war. Zuerst waren die Chinesen mit offenen Armen empfangen worden. Sie hatten geholfen, den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren, der die europäischen Festlandshäfen für die Engländer geschlossen hatte. Aber von 1815 an hatten sie ihre Güter in den englischen Häfen immer billiger und billiger verkauft, sodass die Baumwollspinnereien in Lancashire ihre Tore am Ende hatten schließen müssen. Als die Engländer protestierten und Einfuhrzölle verlangten, hatten die Chinesen die stolze Königliche Kriegsflotte abgefackelt, Admiral Nelson getötet und sämtliche Städte entlang der Südküste geplündert. Beinahe acht Jahrhunderte lang hatte England alle Eroberungsversuche abgewehrt, aber nun würde Victorias Name für immer mit Schande behaftet sein. Ihre Regentschaft war eine einzige Aufeinanderfolge von Mord und Totschlag, Raub und Entführung, Niederlage, Entehrung und Tod gewesen. Und nun war Qiying, der schändliche Drahtzieher von Kaiser Daoguangs Willen, persönlich gekommen, um noch mehr Lügen und scheinheilige Phrasen von sich zu geben.

Im entscheidenden Moment hüstelte Victorias Dolmetscher, der unmittelbar hinter ihr kniete, so dezent, dass es nur für die Königin vernehmbar war. Dies war das verabredete Zeichen: Qiyings Lakai hatte die Stelle erreicht, an der von ihrer Einsetzung als untergeordneter Regentin die Rede war. Victoria hob den Kopf von den Holzplanken und setzte sich auf, um das barbarische Gewand samt Kappe entgegenzunehmen, das die Schande ihrer Nation verkündete. Zum ersten Mal konnte sie Qiying richtig in Augenschein nehmen. Sie hatte nicht erwartet, einen so klug und lebhaft dreinblickenden Mann in mittleren Jahren vor sich zu sehen. Konnte er wirklich das Ungeheuer sein, das sie so gefürchtet hatte? Und Qiying seinerseits konnte Victoria zum ersten Mal richtig betrachten. Zwar hatte er ein Porträt gesehen, das sie während ihrer Krönung zeigte, aber sie war noch fülliger und unansehnlicher, als er erwartet hatte. Und jung – sehr, sehr jung. Sie war durchnässt, und ihr Gesicht war voller Dreckspritzer. Sie wusste nicht einmal, wie man einen anständigen Kotau machte. Was für ein ungehobeltes Volk!

Und dann kam der Augenblick des blankesten Entsetzens, das Unvorstellbare. Mit tiefer Verneigung traten zwei Mandarine hinter Qiyings Rücken hervor und zogen Albert auf die Füße. Victoria wusste, dass sie keinen Laut von sich geben und keinen Finger rühren durfte – und um der Wahrheit die Ehre zu geben, war |13|sie zur Salzsäule erstarrt und hätte auch dann nicht protestieren können, wenn sie es gewollt hätte.

Sie führten Albert fort. Er ging langsam und würdevoll mit ihnen, dann blieb er stehen und blickte noch einmal zu ihr zurück. Das Elend der ganzen Welt lag in seinem Blick.

Victoria schwankte. Einer der chinesischen Lakaien fing sie auf, als sie zu stürzen drohte. Man konnte schließlich nicht zulassen, dass eine Königin, auch wenn es eine ausländische Teufelskönigin war, in einem solchen Moment körperlichen Schaden nahm. Wie ein Schlafwandler, mit steinerner Miene und ungleichmäßigen Atemzügen, tat Albert jetzt die letzten Schritte in dem Land, das seine Heimat geworden war. Die Gangway hinauf, in die verschließbare Luxuskabine und dann ab nach China, wo ihn der Kaiser selbst in der Verbotenen Stadt zum Vasallen ernennen würde.

Als Victoria wieder zur Besinnung kam, war Albert verschwunden. Jetzt endlich wurde sie von Schluchzen geschüttelt. Bis nach Beijing würde Albert fast ein halbes Jahr brauchen und für die Rückreise noch einmal genauso lange; und möglicherweise musste er Monate oder gar Jahre bei diesen Barbaren ausharren, bevor ihm der Kaiser eine Audienz gewährte. Was sollte sie tun? Wie konnte sie allein ihr Volk beschützen? Wie konnte sie diesem Unhold Qiying je wieder in die Augen sehen, nach allem, was er ihnen angetan hatte?

 

Albert kehrte nie wieder zurück. Er erreichte Beijing, wo er alle Welt mit seinem fließenden Chinesisch und seiner Kenntnis der klassischen konfuzianischen Literatur in Erstaunen versetzte. Doch ihm auf den Fersen folgten zuerst Nachrichten über Aufstände besitzloser Landarbeiter, die überall im Süden Englands Dreschmaschinen zerstörten, und dann über blutige Unruhen und Straßenkämpfe in fast allen Hauptstädten Europas. Wenige Tage später erreichte den Kaiser eine Depesche, in der Qiying ihm mitteilte, dass es das Beste sei, den so überaus begabten Prinzen Albert in sicherer Entfernung von England zu halten. Die gewalttätigen Unruhen waren nicht weniger dem schmerzhaften Übergang zur Moderne als der Erbitterung über das Chinesische Reich geschuldet, aber es war nicht ratsam, angesichts dieser aufgebrachten Völkerschaften ein Risiko einzugehen.

Albert blieb also in der Verbotenen Stadt. Er musterte seine englischen Anzüge aus, ließ sich einen Mandschu-Zopf wachsen und vertiefte mit jedem Jahr, das verstrich, seine Kenntnis der chinesischen Klassiker. In der Einsamkeit der Pagoden wurde er alt, und nachdem er 13 Jahre in seinem goldenen Käfig verbracht hatte, hörte er schließlich einfach auf zu leben.

Auf der anderen Seite der Welt schloss sich Victoria in den schlecht beheizten Privaträumen des Buckingham Palace ein und scherte sich nicht um die Kolonialherren. Qiying regierte Britannien einfach ohne sie. So genannte Politiker kamen zu Hauf gekrochen, um mit ihm Geschäfte zu machen. Als Victoria 1901 starb, gab |14|es kein Staatsbegräbnis; nur Schulterzucken und schiefe Grimassen angesichts des Todes dieses letzten Relikts aus der Zeit vor dem Chinesischen Weltreich.

Looty in Balmoral

In Wirklichkeit liefen die Ereignisse natürlich ganz anders ab. Zumindest einige der Ereignisse. Es gab tatsächlich ein chinesisches Schiff namens Qiying, und dieses Schiff lief tatsächlich im April 1848 in den Londoner East India Docks ein (Abbildung 0.1). Aber es war kein eisengepanzertes Kanonenboot, das einen chinesischen Gouverneur nach London brachte. Die echte Qiying war vielmehr eine fröhlich bunt bemalte Holzdschunke. Englische Geschäftsleute, die sich in der Kronkolonie Hongkong niedergelassen hatten, hatten das kleine Schiff vor Jahren erstanden und hielten es für eine lustige Idee, es nun zurück in ihre alte Heimat zu schicken.

Königin Victoria, Prinz Albert und der Herzog von Wellington kamen tatsächlich zur Themse, allerdings nicht, um vor ihren neuen Herren einen Kotau zu machen, sondern sozusagen als Gaffer, die sich den Anblick des ersten chinesischen Schiffs in England nicht entgehen lassen wollten.

Das Schiff war auch tatsächlich nach dem Gouverneur von Guangzhou benannt. Aber Qiying hatte 1842 weder die Königliche Kriegsflotte versenkt noch war er gekommen, um die Unterwerfungserklärung der britischen Regierung entgegenzunehmen. Vielmehr führte er in diesem Jahr Kapitulationsverhandlungen für China, nachdem ein kleines britisches Geschwader jede Kriegsdschunke versenkt hatte, derer sie ansichtig wurde, und die Briten die Küstenbatterien zum Schweigen gebracht sowie den Kaiserkanal, der Beijing mit dem fruchtbaren Mündungsgebiet des Jangtse verbindet, dicht gemacht hatten, sodass die Hauptstadt von einer Hungersnot bedroht war.

Und China wurde im Jahr 1848 tatsächlich von Kaiser Daoguang regiert. Aber Daoguang veranlasste keineswegs, dass Victoria und Albert auseinandergerissen wurden: Die beiden führten ein glückliches und zufriedenes, nur durch die gelegentlichen Launen der Königin getrübtes Eheleben, bis Albert 1861 das Zeitliche segnete. In Wahrheit war es Daoguang, der von Victoria und Albert vernichtet wurde.

Die Historie schreibt oft Geschichten, die merkwürdiger sind als die kühnste Fiktion. Victorias Landsleute unterjochten Daoguang und zerschlugen sein Reich wegen der größten aller englischen Schwächen – wegen einer Tasse Tee (oder, um es genauer zu sagen, wegen ein paar Milliarden Tassen Tee). In den 1790er Jahren, als die Britische Ostindiengesellschaft weite Teile Südasiens wie ein Privatlehen beherrschte, wurden pro Jahr rund 20 Millionen Pfund Teeblätter von China nach England verschifft. Die Gewinne waren gewaltig, nur eine Sache bereitete dem Unternehmen Kopfzerbrechen: Die chinesische Regierung wollte im Gegenzug |15|partout keine Güter aus britischen Manufakturen importieren. Sie war an nichts anderem interessiert als an Silber, und die Ostindiengesellschaft hatte Schwierigkeiten, genug davon aufzutreiben, um die Handelsgeschäfte in Schwung zu halten. So war die Freude bei den britischen Händlern groß, als sie feststellten, dass zwischen dem, was der Kaiser wollte, und dem, was seine Untertanen wollten, ein himmelweiter Unterschied war. Das Volk wollte nur eines: Opium. Und das beste Opium kam aus Indien, einem Land, das ebenfalls zum Herrschaftsbereich des Unternehmens gehörte. In Guangzhou – dem einzigen chinesischen Hafen, der ausländischen Händlern offen stand – tauschten Geschäftsleute Opium gegen Silber und benutzten das Silber als Zahlungsmittel für den Tee, den sie dann in London mit noch größerem Gewinn verkauften.

Abbildung 0.1: Die echte Qiying Londoner rudern 1848 in Scharen hinaus, um das Schiff zu bestaunen, im Bild festgehalten von einem Zeichner der Illustrated London News.

Doch wie so oft im Geschäftsleben zog auch hier die Lösung des einen Problems auf direktem Wege das nächste nach sich. Inder pflegten das Opium zu essen, Engländer tranken es in Flüssigkeit aufgelöst und brachten es so auf einen jährlichen Konsum von 20 Tonnen (von denen einige als Beruhigungsmittel für Säuglinge und Kleinkinder Verwendung fanden). Gegessen wie getrunken hatte das Opium eine leicht berauschende Wirkung, gerade genug, um den einen oder anderen Poeten zu beflügeln und ein paar adelige Wüstlinge zu neuen Taten zu inspirieren, aber nichts, worum man sich Sorgen hätte machen müssen. Die Chinesen allerdings pflegten das Opium zu rauchen. Die Wirkung ist ungleich |16|stärker; es ist, als würde man Crackrauchen mit dem Kauen von Cocablättern vergleichen. Die britischen Dealer sahen großzügig über diesen Unterschied hinweg, aber nicht so Kaiser Daoguang. 1839 erklärte er dem Drogenhandel den Krieg.

Es war ein eigenartiger Krieg, der bald in eine Privatfehde zwischen Daoguangs Sonderkommissar Lin Zexu und dem britischen Handelsinspektor Kapitän Charles Elliot ausartete. Als Elliot merkte, dass ihm die Felle davonschwammen, überredete er die Händler, Lins Forderung Folge zu leisten und ihm 22 000 Kisten Opium mit einem Gesamtgewicht von rund 1500 Tonnen auszuhändigen. Die Händler willigten ein, als Elliot ihnen eine großzügige Entschädigung durch den britischen Staat zusagte, auch wenn sie nicht wussten, ob der Handelsinspektor dazu überhaupt befugt war. Lin bekam sein Opium, das er dann verbrennen und ins Meer spülen ließ, Elliot wahrte sein Gesicht, der Teehandel konnte fortgeführt werden, und die Kaufleute erhielten ein schönes Sümmchen (plus Zinsen und Frachtkosten) als Entschädigung für die verlorenen Drogen. Alle hatten gewonnen.

Das heißt, alle außer Lord Melbourne, dem Premierminister des Vereinigten Königreichs. Er, der nun Entschädigungssummen in Höhe von zwei Millionen Pfund an die Drogenhändler aufbringen sollte, war nicht unter den Gewinnern. Normalerweise hätte ein einfacher Marinekapitän wahnsinnig sein müssen, einen Premierminister in eine solche Zwangslage zu bringen, aber Elliot kannte den Einfluss der Kaufleute auf das britische Parlament und wusste, dass es ihnen gelingen würde, dessen Zustimmung zu den Entschädigungszahlungen zu erzwingen. Und so kam es, dass sich das Gespinst aus persönlichen, politischen und finanziellen Interessen immer enger um Lord Melbourne zusammenzog, bis ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als zu bezahlen und anschließend einen Flottenverband zu entsenden, der dafür sorgen sollte, dass die chinesische Regierung den durch die Beschlagnahme des Opiums entstandenen Schaden wiedergutmachte.

Es war kein rühmlicher Tag für das Vereinigte Königreich. Vergleiche mit zeitgenössischen Ereignissen müssen zwangsläufig hinken, aber es war ungefähr so, als würde das Drogenkartell von Tijuana die mexikanische Regierung dazu bringen, als Vergeltung für einen Schlag der US-Behörde zur Drogenbekämpfung eine schwer bewaffnete, um sich schießende Truppe nach San Diego zu schicken und vom Weißen Haus zu verlangen, dass es den Drogenbaronen den Verkaufswert des beschlagnahmten Kokains (plus Zinsen und Transportkosten) ersetzt und überdies die Kosten der Militäraktion übernimmt. Und man stelle sich außerdem vor, ein mexikanischer Flottenverband würde, weil er schon einmal vor Ort ist, die Insel Santa Catalina vor der Küste Kaliforniens als Basis für künftige Operationen annektieren und Washington eine Blockade androhen, sofern dem Tijuana-Kartell kein Handelsmonopol für den Verkauf seiner Ware in Los Angeles, Chicago und New York gewährt wird.

Der Unterschied ist natürlich, dass Mexiko nicht in der Lage wäre, San Diego zu bombardieren, während Großbritannien 1839 tun und lassen konnte, was immer |17|es wollte. Die britischen Kriegsschiffe überwanden Chinas Verteidigungslinien mühelos, und Qiying unterzeichnete drei Jahre später einen demütigenden Vertrag, der ausländischen Händlern und Missionaren in China Tür und Tor öffnete. Daoguangs Ehefrauen wurden nicht nach London verschleppt wie Albert in der fiktiven Geschichte am Anfang dieses Buches nach Beijing, doch der »Opiumkrieg« brach dem Kaiser das Genick. Er hatte 300 Millionen Untertanen enttäuscht und eine zweitausendjährige Tradition gebrochen. Und er fühlte sich zu Recht als Versager. Das Chinesische Reich zerfiel, Opiumsucht und Sittenverfall griffen um sich, der Staat verlor seine Macht.

Abbildung 0.2: Kein rühmlicher Tag 1842 zerstören britische Schiffe Kriegsdschunken auf dem Jangtse. Rechts im Bild die Nemesis, das erste ganz aus Eisen gebaute Panzerschiff der Welt, das hier seinem Namen alle Ehre macht.

In diese aus den Fugen geratene Welt trat ein glückloser Beamtenanwärter namens Hong Xiuquan, der in der Nähe von Guangzhou aufgewachsen war. Viermal war er in die Stadt gereist, um die schweren Beamtenprüfungen abzulegen, und viermal war er durchgefallen. 1843 dann, nach dem vierten gescheiterten Anlauf, erlitt er einen Nervenzusammenbruch und musste in sein Dorf zurückgetragen werden. In seinen Fieberträumen erschienen ihm Engel, die mit ihm in den Himmel entschwebten. Hier begegnete er einem Mann, der ihm als sein älterer Bruder vorgestellt wurde und mit dem er nun Seite an Seite unter den Augen ihres rauschebärtigen Vaters gegen Teufel und Dämonen kämpfte.

Kein Nachbar im Dorf konnte Hongs Traum deuten, und so dachte er jahrelang nicht mehr daran, bis er eines Tages ein Büchlein aufschlug, das ihm jemand |18|in Guangzhou auf dem Weg zum Prüfungsort in die Hand gedrückt hatte. Es enthielt eine Zusammenfassung der biblischen Geschichte – und war, wie Hong feststellte, der Schlüssel zu seinem Traum. Bei dem Bruder, der ihm in seinem Traum erschienen war, handelte es sich ganz offensichtlich um Jesus, und damit stand fest, dass er, Hong, Gottes chinesischer Sohn war. Gemeinsam mit Jesus hatte er die Teufel und Dämonen aus dem Himmel verjagt, und nun fühlte er sich in Gottes Auftrag berufen, auch die Erde von ihnen zu befreien. Auf der Grundlage einer Weltsicht, in der sich christlich-protestantisches und konfuzianisches Gedankengut mischten, rief er ein »Himmlisches Reich des höchsten Friedens« aus, unter dessen Banner sich unzufriedene Kleinbauern und Rebellen aller Art scharten. Diesem bunten Haufen gelang es 1850, die gegen sie anrückenden kaiserlichen Truppen zurückzuschlagen, woraufhin Hong, Gottes Willen folgend, radikale gesellschaftliche Reformen einführte. Er begann, den Landbesitz umzuverteilen, stellte Frauen den Männern rechtlich gleich und schaffte sogar die Praxis des Füßebindens ab.

Während sich Anfang der 1860er Jahre die Nordamerikaner im ersten modernen Krieg der Weltgeschichte gegenseitig mit schweren Geschützen und Repetiergewehren niedermetzelten, gingen die Chinesen im letzten traditionellen Krieg der Weltgeschichte mit Säbeln und Spießen aufeinander los und taten es ihnen gleich. Und die traditionelle Kriegführung erwies sich, was die blutigen Gräuel betrifft, als der modernen eindeutig überlegen. Zwanzig Millionen Menschen fanden, vor allem durch Hunger und Krankheiten, den Tod, westliche Diplomaten und Generäle machten sich die Kriegswirren zunutze und dehnten ihren Einflussbereich in Asien weiter nach Osten aus. Auf der Suche nach neuen Anlaufplätzen zum Nachladen von Kohle für die Schiffsroute zwischen China und Kalifornien erzwang der US-amerikanische Flottillenadmiral Matthew Perry 1854 die Öffnung japanischer Häfen. 1858 sah sich Kaiser Xianfeng, der Sohn Daoguangs, zu weitreichenden Handelskonzessionen gegenüber Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten gezwungen. Verständlicherweise erbost über die ausländischen Teufel, die seinen Vater vernichtet hatten und nun seinen Krieg gegen Hongs Truppen zu ihrem Vorteil nutzten, versuchte Xianfeng, diese neuen Verträge mit allerlei Ränken zu umgehen, doch als die Briten und Franzosen merkten, dass der Kaiser Zicken machte, brachten sie ihn mit überzeugenden Argumenten zur Räson: Sie marschierten in einer anglofranzösischen Strafexpedition in Beijing ein, legten den prachtvollen kaiserlichen Sommerpalast in Schutt und Asche und ließen Xianfeng, der einen unrühmlichen Rückzug in eine seiner ländlichen Ferienresidenzen angetreten hatte, wissen, dass sie es mit der Verbotenen Stadt genauso machen könnten, wenn ihnen der Sinn danach stünde. Xianfeng gab sich geschlagen. Noch gründlicher am Boden zerstört, als es sein Vater je gewesen war, weigerte er sich fürderhin standhaft, sein Refugium zu verlassen oder je wieder mit einem Staatsbeamten zu reden. Er nahm Zuflucht zu Drogen und sexuellen Ausschweifungen und starb nur ein Jahr später.

|19|Wenige Monate nach Xianfeng segnete auch Prinz Albert das Zeitliche. Er, der jahrelang gepredigt und die britische Regierung zu überzeugen versucht hatte, dass durch die offenen Abwassergräben Seuchen und Krankheiten in London verbreitet wurden, starb aller Wahrscheinlichkeit nach an einer Typhuserkrankung, die er sich infolge der katastrophalen sanitären Verhältnisse im Schloss Windsor zugezogen hatte. Und was die Sache noch trauriger machte: Just in dem Augenblick, als Albert sein Leben aushauchte, weilte Victoria, von den neuesten Errungenschaften der Klempnerei ebenso begeistert wie ihr königlicher Gemahl, auf dem stillen Örtchen.

Der großen Liebe ihres Lebens beraubt, versank Victoria in tiefer Schwermut. Doch ihre Einsamkeit war nicht vollkommen. Sie teilte sie mit einer der kuriosesten Raritäten, die britische Offiziere bei der Plünderung des kaiserlichen Sommerpalastes in Beijing erbeutet hatten: einem Pekinesen-Hündchen, das Victoria in Anspielung auf seine Herkunft Looty nannte, was auf Deutsch soviel wie »Kriegsbeute« heißt.

Alles ist längst festgeschrieben

Warum schlug die Geschichte den Weg ein, auf dem Looty nach Balmoral gelangte, wo er an Victorias Seite ergraute, und nicht jenen anderen, der Albert zum Studium der konfuzianischen Schriften nach Beijing führte? Wie kam es, dass britische Schiffe sich 1842 den Weg über den Jangtse freischießen konnten und nicht chinesische Dschunken den über die Themse? Kurz gesagt: Warum regiert der Westen die Welt?

»Regieren« mag leicht übertrieben klingen angesichts der Tatsache, dass »der Westen«, wie immer wir diesen definieren (eine Frage, auf die wir später zurückkommen), seit damals nicht eben eine Weltregierung anführt und darüber hinaus mit schöner Regelmäßigkeit scheitert, wenn er seinen Willen durchsetzen will. Viele von uns werden alt genug sein, um sich an den unrühmlichen Abzug der US-Truppen aus Saigon zu erinnern, das heute Ho-Chi-Minh-Stadt heißt, oder daran, wie japanische Fabrikate in den 1980er Jahren die westliche Konkurrenz vom Markt verdrängten. Und fast jeder von uns hat das Gefühl, dass alles, was wir heute kaufen, »Made in China« ist. Aber ebenso unbestritten ist auch, dass in den letzten hundert Jahren westliche Truppenverbände nach Asien geschickt wurden und nicht umgekehrt. Ostasiatische Regierungen haben sich mit kapitalistischen und kommunistischen Ideologien auseinandergesetzt, aber keine westliche Staatsführung hat sich je an konfuzianischen oder daoistischen Prinzipien orientiert. Im Osten findet die Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg nicht selten in englischer Sprache statt; Europäer werden kaum Mandarin oder Japanisch sprechen, um sich miteinander zu verständigen. Wie ein malaysischer Anwalt dem britischen Journalisten Martin Jacques einmal rundheraus gesagt hat: |20|»Ich trage eure Anzüge, ich spreche eure Sprache, ich sehe mir eure Filme an, und wir haben heute dieses oder jenes Datum, weil ihr sagt, dass es so ist.«1

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Seit Victorias Männer Looty aus Beijing fortbrachten, hat der Westen rund um den Erdball eine Vormachtstellung inne, die beispiellos ist in der Geschichte der Menschheit.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das zu erklären.

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als hätte ich mir damit nicht allzu viel vorgenommen. Man ist sich im Großen und Ganzen darin einig, dass der Westen die Welt regiert, weil die industrielle Revolution hier und nicht im Osten stattgefunden hat. Im 18. Jahrhundert entfesselten britische Fabrikanten die Kraft von Dampf und Kohle. Fabriken, Schienennetze und Kanonenboote versetzten Europäer und US-Amerikaner im 19. Jahrhundert in die Lage, ihr Machtgefüge rund um den Erdball auszuweiten; ein Jahrhundert später dienten Flugzeuge, Computer und Atomwaffen ihren Nachfolgern dazu, diese Macht zu zementieren.

Das heißt natürlich nicht, dass kein anderer Gang der Dinge möglich gewesen wäre. Hätte Kapitän Elliot 1839 Lord Melbourne nicht zu seiner Entscheidung genötigt, so hätte der britische Angriff gegen China im gleichen Jahr vielleicht nicht stattgefunden; hätte Daoguangs Sonderkommissar Lin Zexu der Befestigung der Küsten mehr Aufmerksamkeit geschenkt, so hätten die Briten möglicherweise keinen so leichten Sieg erringen können. Es heißt aber sehr wohl, dass der Westen im 19. Jahrhundert in jedem Fall den Sieg davongetragen hätte, gleichgültig, wann die Lage eskaliert wäre, wer auf welchem Thron gesessen und wer die Wahlen gewonnen und die Streitkräfte befehligt hätte. Der britische Schriftsteller und Politiker Hilaire Belloc brachte es 1898 auf den Punkt:

 

Egal was kommt, wir haben die Maxim-Gun, nicht aber sie.2

 

Ende der Geschichte.

Nur dass es natürlich nicht das Ende der Geschichte ist. Es wirft lediglich die nächste Frage auf: Warum hatte der Westen das Maxim-Maschinengewehr und die anderen nicht? Das ist die erste Frage, die ich stelle, weil uns die Antwort verrät, warum der Westen heute die Welt regiert. Und mit dieser Antwort gerüstet können wir eine zweite Frage stellen. Europäer und Amerikaner interessieren sich nicht zuletzt deshalb dafür, warum der Westen regiert, weil sie wissen wollen, ob, wie lange und auf welche Weise sich dieser Zustand auch in Zukunft erhalten lässt – mit anderen Worten: was als Nächstes passiert.

Diese Frage stellt sich immer drängender, seit sich Japan im 20. Jahrhundert zu einer Großmacht entwickelte hat; seit Beginn des 21. Jahrhunderts kommt man nicht mehr um sie herum. Chinas Wirtschaft wächst so rasant, dass das Land vermutlich spätestens 2030 die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein wird. Anfang 2010, während ich an diesem Buch schreibe, richten sich die Erwartungen der meisten Experten, wenn es um die Wiederankurbelung der Weltwirtschaft geht, nicht auf die Vereinigten Staaten oder Europa, sondern auf China. 2008 war |21|China Austragungsort der bombastisch organisierten Olympischen Spiele, und die ersten beiden Taikonauten verließen im All für einen Außenbordeinsatz ihr Raumschiff. Sowohl China als auch Nordkorea verfügen über Atomwaffen, und westliche Strategen fragen sich besorgt, wie sich die Vereinigten Staaten mit der zunehmenden Machtposition Chinas arrangieren werden. Die Frage, wie lange der Westen seine Vormachtstellung noch wird halten können, brennt uns auf den Nägeln.

Geschichtswissenschaftler taugen bekanntlich so wenig als Propheten, dass sie sich in den meisten Fällen weigern, überhaupt über die Zukunft zu sprechen. Je länger ich mir Gedanken darüber gemacht habe, warum der Westen die Welt regiert, umso klarer wurde mir, dass der Hobbyhistoriker Winston Churchill die Geschichte besser verstanden hat als die meisten seiner Kollegen vom Fach. »Je weiter man zurückblicken kann«, hat er einmal gesagt, »umso weiter wird man vermutlich vorausschauen.« In diesem Sinne meine ich (auch wenn Churchill meine Schlussfolgerungen möglicherweise nicht gefallen hätten), dass wir eine ziemlich genaue Vorstellung davon gewinnen, wie sich die Dinge im 21. Jahrhundert entwickeln werden, wenn wir verstehen, warum der Westen eine solche Vormachtstellung innehat.

Natürlich bin ich nicht der Erste, der solche Überlegungen anstellt. Die Frage, warum der Westen die Welt regiert, kursiert schon seit gut 250 Jahren. Vor dem 18. Jahrhundert machte sich kaum jemand Gedanken darüber, weil es damals, ehrlich gesagt, eine ziemlich unsinnige Frage gewesen wäre. Als Intellektuelle in Europa anfingen, sich ernsthaft mit China zu befassen, waren sie vor allem zutiefst beeindruckt von der ehrwürdigen Geschichte und Kultur des Landes; und das mit gutem Grund, wie die wenigen Bewohner der östlichen Welt bestätigten, die dem Westen überhaupt Beachtung schenkten. Manche Beamten in China äußerten Bewunderung für die raffinierten Uhren, die teuflischen Geschütze und die präzisen Kalender des Westens, fanden aber ansonsten wenig an diesen uninteressanten Fremden, dem nachzueifern sich gelohnt hätte.

Hätten die chinesischen Kaiser des 18. Jahrhunderts gewusst, dass französische Philosophen wie Voltaire ein Loblied auf sie sangen, so wären sie sicherlich der Meinung gewesen, genau das sei es, was französische Philosophen tun sollten.

Doch fast von dem Augenblick an, als Rauch aus den Fabrikschornsteinen in den Himmel über England aufzusteigen begann, merkten die Intellektuellen Europas, dass sie ein Problem hatten. Gemessen an anderen Problemen hätte es Schlimmeres geben können: Wie es aussah, übernahmen sie die Macht in der Welt, wussten aber nicht, warum.

Revolutionäre wie Reaktionäre, Romantiker wie Realisten überschlugen sich in Europa mit wilden Spekulationen, Mutmaßungen und Theorien zu dem Thema. Am besten nähert man sich der Frage, wie der Westen zu seiner Vormachtstellung kam, indem man die verschiedenen Ansätze zuerst in zwei grobe Denkrichtungen unterteilt: Eine sieht die Entwicklung als »langfristig determiniert«, die zweite |22|sieht sie als »Produkt kurzfristiger Zufallsereignisse«. Auch wenn sich nicht jeder Gedanke eindeutig einer der beiden Richtungen zuordnen lässt, hilft die Unterscheidung doch, sich ein genaueres Bild vom Ganzen zu machen.

Allen Theorien der »langfristigen Determiniertheit« ist eine Vorstellung gemein: dass es nämlich einen entscheidenden Faktor gebe, der dafür verantwortlich ist, dass seit undenklichen Zeiten ein gravierender und unabänderlicher Unterschied zwischen Westen und Osten existiert und dass die industrielle Revolution nur im Westen stattfinden konnte. Ganz und gar nicht einig sind sich die Vertreter dieser Denkrichtung allerdings darüber, was dieser Faktor ist und wann er seine Wirkung zu entfalten begann. Die einen verweisen auf natürliche Gegebenheiten wie klimatische und topographische Bedingungen oder die Verfügbarkeit von Ressourcen; andere sehen weniger greifbare Aspekte wie Kultur, Politik und Religion als entscheidenden Faktor. Erstere definieren »langfristig« tatsächlich als sehr langen Zeitraum. Sie haben das Ende der letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren im Blick oder gehen sogar noch weiter zurück. Für Letztere beginnt die Langfristigkeit ein bisschen später, vor 1000 Jahren vielleicht, im Mittelalter, oder vor 2500 Jahren, zur Zeit des griechischen Philosophen Sokrates und des großen chinesischen Lehrmeisters Konfuzius. Allen gemein ist jedoch die Überzeugung, dass die Briten, die sich in den 1840er Jahren den Weg nach Shanghai freischossen, und die Amerikaner, die zehn Jahre später die Japaner zwangen, ihre Häfen zu öffnen, nur als unwissentliche Handlanger in einer Folge geschichtlicher Ereignisse auftraten, die schon Jahrtausende zuvor in Gang gesetzt worden waren. Sie alle würden meine Idee, dieses Buch mit der Gegenüberstellung der Albert-in-Beijing- und Looty-in-Balmoral-Szenarien zu beginnen, als schlichtweg albern bezeichnen. Königin Victoria musste zwangsläufig den Sieg davontragen: Der Gang der Dinge war unausweichlich – festgeschrieben seit unzähligen Generationen.

Rund 200 Jahre lang, von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts, stützten sich fast alle Erklärungsversuche für die Vorherrschaft des Westens auf die Theorie der langfristigen Determiniertheit. Am beliebtesten war die Vorstellung von der kulturellen Überlegenheit der Europäer gegenüber dem Rest der Welt. Seit dem Untergang des Römischen Reiches hatten die meisten Europäer ihre Wurzeln auf das Neue Testament zurückgeführt und sich vor allem als Christen definiert. Nun aber, im Bemühen um eine Erklärung dafür, dass der Westen die Herrschaft über die Welt gewann, kam ihnen noch eine andere Abstammungslinie in den Sinn. Vor 2500 Jahren, so argumentierten sie, hätten die Griechen eine einzigartige Kultur der Vernunft und der Freiheit des Denkens und Handelns begründet und Europa damit auf einen anderen (besseren) Weg gebracht als den Rest der Welt. Natürlich habe auch der Osten seine Denker gehabt, räumten sie ein, aber deren Lehren seien viel zu konfus, zu sehr den Traditionen und überkommenen Hierarchien verhaftet, als dass sie mit dem westlichen Gedankengut hätten Schritt halten können. Aus all dem zogen die meisten Europäer den |23|Schluss, die Tatsache, dass sie alle anderen besiegen konnten, sei ihrer kulturellen Überlegenheit geschuldet.

Um 1900 übernahmen viele fernöstliche Intellektuelle, die sich mit der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit des Westens auseinandersetzten, diese Theorie, legten sie aber auf ihre eigene Weise aus. So entstand innerhalb von 20 Jahren, nachdem Admiral Perry in der Bucht von Tokio eingelaufen war, eine Aufklärungsbewegung, deren Anhänger die klassischen Schriften der französischen Aufklärung und des englischen Liberalismus ins Japanische übersetzten und dafür plädierten, durch Demokratisierung, industrielle Entwicklung und Gleichstellung der Frauen mit dem Westen Schritt zu halten. Manche gingen so weit, Englisch als Amtssprache in Japan einführen zu wollen. Das Problem, erklärten Intellektuelle wie Fukuzawa Yukichi in den 1870er Jahren, sei langfristiger Natur: Die japanische Kultur sei weitgehend durch China geprägt, und China habe in ferner Vergangenheit einen vollkommen falschen Weg eingeschlagen. Und darum sei Japan nun allenfalls »halb zivilisiert«. Dennoch sei die Situation nicht ausweglos, meinte er. Japan müsse nur China in die Schranken weisen, um zur vollkommenen Zivilisation zu gelangen.

Chinas Intellektuelle ihrerseits hatten niemanden außer sich selbst, den sie hätten in die Schranken weisen können. In den 1860er Jahren etablierte sich eine so genannte Bewegung der Selbststärkung, deren Botschaft lautete, kulturell sei in China im Grunde genommen alles in Ordnung, das Land müsse lediglich ein paar Dampfschiffe bauen und ein Arsenal ausländischer Waffen anlegen. Das, so stellte sich heraus, war allerdings ein Irrtum. 1895 unternahm eine modern ausgerüstete japanische Armee einen gewagten Überraschungsangriff gegen eine chinesische Festung, erbeutete die darin gelagerten ausländischen Waffen und richtete diese anschließend gegen die Dampfschiffe der Chinesen. Es reichte also nicht, die richtigen Waffen zu haben. Das Problem ging viel tiefer. Um 1900 folgten chinesische Intellektuelle längst dem Beispiel der Japaner, indem sie wirtschafts- und evolutionstheoretische Schriften aus dem Westen übersetzten. Wie Fukuzawa waren sie der Ansicht, dass die westliche Vorherrschaft zwar langfristig entstanden, aber keineswegs unabänderlich sei: China müsse sich lediglich von seiner Geschichte verabschieden, dann sei das Land ebenfalls in der Lage, mit dem Westen gleichzuziehen.

Unter den westlichen Vertretern der Langfristtheorie gab es allerdings einige, die überzeugt waren, dass der ferne Osten zu rein gar nichts in der Lage sei. Die überlegene Kultur des Westens sei nicht die einzige Erklärung für dessen Vorherrschaft, da Kultur auf dem Boden materieller Gegebenheiten wächst. Vielleicht war es im Osten zu heiß oder es gab zu viele Krankheiten, als dass sich dort eine gleichrangige Kultur hätte entwickeln können; oder es gab dort einfach zu viele Menschen, die alle erzielten Überschüsse aufzehrten, dadurch einen höheren Lebensstandard unmöglich machten und so verhinderten, dass etwas Vergleichbares hätte entstehen können wie die liberale, zukunftsweisende westliche Gesellschaft.

|24|Theorien der langfristigen Determiniertheit hatten in allen politischen Lagern Konjunktur, die wichtigste und einflussreichste aber kam von Karl Marx. Etwa zur gleichen Zeit, als britische Soldaten Looty befreiten, vertrat Marx, der damals eine China-Kolumne für die New York Daily Tribune schrieb, die Ansicht, die Vorherrschaft des Westens sei auf politische Faktoren zurückzuführen. Jahrtausende lang, erklärte er, seien die ostasiatischen Staaten so zentralistisch strukturiert und mächtig gewesen, dass der Fluss der Geschichte praktisch zum Stillstand gekommen sei. Die europäische Gesellschaft habe sich vom klassischen Altertum über den Feudalismus zum Kapitalismus entwickelt, und proletarische Revolutionen würden in Kürze den Kommunismus erzwingen, der Osten aber sei im Bernstein des Despotismus eingeschlossen und könne darum den fortschrittlichen Weg des Westens nicht beschreiten. Als die Geschichte dann nicht ganz den Lauf nahm, den Marx vorausgesagt hatte, modifizierten seine kommunistischen Nachfolger (allen voran Lenin und seine Anhänger) seine Aussagen und behaupteten nun, der Osten könne möglicherweise durch eine revolutionäre Avantgarde aus seinem Dornröschenschlaf herausgerissen werden. Das aber sei nur möglich, lautete die leninistische Botschaft weiter, wenn es den Revolutionären gelänge, die alten verkrusteten Gesellschaften zu zerschlagen – koste es, was es wolle. Diese Theorie ist nicht die einzige Ursache für das Grauen, das Mao Zedong, Pol Pot und die Kims in Nordkorea über ihre Völker brachten, doch ihr Teil der Verantwortung dafür wiegt schwer.

Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch wand sich der Westen unter dem Eindruck immer neuer Fakten, die, von Historikern präsentiert, nicht recht zum Langfristmodell passen wollten, sodass sich die Verfechter dieser Theorie häufig gezwungen sahen, ihr Gedankenkonstrukt den neu gewonnenen Erkenntnissen anzupassen. Beispielsweise bestreitet heute kein Mensch mehr, dass China, als in Europa die große Zeit der Seefahrer und Entdecker gerade erst zu dämmern begann, mit seinen Schiffen bereits die Küsten Indiens, Arabiens, Ostafrikas und möglicherweise sogar Australiens angesteuert hatte.1* Als der Eunuch Zheng He 1405 von Nanjing nach Ceylon segelte, führte er eine Flotte von fast 300 Dschunken an. Darunter waren Tankschiffe, die Trinkwasser mit sich führten, und gewaltige so genannte Schatzschiffe mit wasserdichten Schotten und hoch entwickelten Ruder- und Signalanlagen. Zu der 27 000 Mann starken Besatzung gehörten 180 Ärzte und Pharmazeuten. |25|Zum Vergleich: Als Christoph Kolumbus 1492 von Huelva aus in See stach, bestand sein Verband aus drei Schiffen mit 90 Mann Besatzung. Sein größtes Schiff hatte einen Rumpf, der dreißigmal weniger Wasser verdrängte als Zhengs Schatzdschunken, und es war mit 27 Metern Länge kürzer als deren Hauptmast und nur knapp doppelt so lang wie ihr Ruder. Kolumbus hatte weder einen Trinkwassertanker noch befanden sich echte Ärzte in seiner Begleitung. Zheng verfügte über Magnetkompasse und kannte den Indischen Ozean so gut, dass er eine sechseinhalb Meter lange detaillierte Seekarte anfertigen konnte; Kolumbus wusste kaum, wo er war, geschweige denn, wohin ihn seine Reise führte.

Das mag all jenen zu denken geben, die meinen, die westliche Führungsrolle sei schon in ferner Vergangenheit festgeschrieben worden, doch es gibt eine Reihe wichtiger Bücher, die argumentieren, Zheng Hes Leistungen stünden keineswegs im Widerspruch zur Theorie der langfristigen Determiniertheit, man müsse die Sache nur ein wenig differenzierter betrachten. Der Wirtschaftshistoriker David Landes beispielsweise greift in seinem beeindruckenden Buch Wohlstand und Armut der Nationen die bekannte These auf, dass Krankheiten und die demographische Entwicklung Europa immer wieder einen Vorteil gegenüber China verschafft hätten, gibt ihr jedoch einen eigenen Anstrich, indem er hinzufügt, die enorme Bevölkerungsdichte habe eine zentralistische Staatsführung in China begünstigt und die Anreize für die Regierenden vermindert, von Zheng Hes Reisen zu profitieren. Da die chinesischen Kaiser in ihrer Position unangefochten waren, sorgten sie sich eher darum, dass bestimmte Gruppen wie Kaufleute zu Wohlstand und Einfluss kommen könnten, als darum, sich selbst weitere Reichtümer anzueignen. Und sie waren mächtig genug, allem gefährlichen Treiben ein Ende zu setzen. Das große Zeitalter der chinesischen Entdeckungsfahrten war vorüber, als in den 1430er Jahren die kaiserlichen Schiffe stillgelegt und später vermutlich auch Zheng Hes Aufzeichnungen vernichtet wurden.

In seinem Klassiker Arm und Reich vertritt der Biologe und Geograph Jared Diamond ähnliche Überzeugungen. Vor allem geht es ihm in diesem Buch darum zu erklären, warum sich die ersten Zivilisationen innerhalb eines transkontinentalen Streifens entwickelten, der zwischen China und dem Mittelmeerraum auf den gleichen Breitengraden verläuft. Daneben erläutert er aber auch, dass Europa seiner Ansicht nach deshalb in der heutigen Welt mehr Einfluss besitzt als China, weil es kleinere Königreiche aufgrund der geographischen Aufteilung des Kontinents in viele Halbinseln und der daraus folgenden politischen Zergliederung leichter hatten, sich gegen Möchtegerneroberer aller Art zu behaupten. Chinas bogenförmiger Küstenverlauf hingegen begünstigte eine zentrale Staatsmacht gegenüber vielen kleinen Provinzregierungen. Diese politische Einheit wiederum machte es den Kaisern des 15. Jahrhunderts möglich, Expeditionen wie die Seereisen des Zheng He zu unterbinden.

Im zersplitterten Europa hingegen konnte ein Monarch nach dem anderen sich weigern, Kolumbus’ aberwitziges Abenteuer zu finanzieren, und es fand sich |26|doch immer noch ein nächster, den er um das Geld dafür angehen konnte. Hätten Zheng so viele Wege offen gestanden wie Kolumbus, so wäre Hernán Cortés 1519 in Mexiko möglicherweise auf einen chinesischen Gouverneur gestoßen, nicht auf den unglückseligen Montezuma. Aber allen Determiniertheitstheorien zufolge war diese Möglichkeit aufgrund von seuchenbedingten, demographischen und geographischen Faktoren ausgeschlossen.

Neuerdings vertritt jedoch manch einer die Ansicht, dass Zhengs Expeditionen und auch andere geschichtlich belegte Ereignisse ganz und gar nicht zur Theorie der langfristigen Determiniertheit passen. Schon 1905 zeigten die Japaner, dass asiatische Staaten Europa auf dem Schlachtfeld das Fürchten lehren konnten, als sie das Russische Reich besiegten. Nachdem Japan 1942 die Westmächte fast gänzlich aus dem pazifischen Raum vertrieben hatte, schwenkte das Land nach einer vernichtenden militärischen Niederlage 1945 postwendend um und entwickelte sich zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Seit 1978 geht China, wie jeder weiß, einen ähnlichen Weg. 2006 überholte China die Vereinigten Staaten als Spitzenreiter beim CO2-Ausstoß, und selbst in den finstersten Tagen der Finanzkrise im Jahr 2008 verzeichnete China ein Wirtschaftswachstum, von dem westliche Staaten auch in den besten Jahren nur träumen können. Möglicherweise müssen wir unsere Fragestellung ein wenig abändern und nicht danach fragen, warum der Westen die Welt regiert, sondern danach, ob der Westen die Welt regiert. Und wenn wir diese Frage mit Nein beantworten, scheinen sämtliche Determiniertheitstheorien ziemlich sinnlos zu sein, weil sie in ferner Vergangenheit nach Erklärungen für eine westliche Vorherrschaft suchen, die es gar nicht gibt.

Solche Verunsicherungen haben zur Folge, dass westliche Historiker eine ganz neue Theorie entwickelt haben, die erklärt, warum der Westen einmal die Welt regiert hat, jetzt jedoch im Begriff ist, seine Vorherrschaft zu verlieren. Ihr Erklärungsmodell bezeichne ich als Theorie der »kurzfristigen Zufallsereignisse«. Die Argumente solcher Kurzfristmodelle sind im Allgemeinen komplizierter als die der Langfristtheorie, und entsprechend viele Auseinandersetzungen gibt es auch innerhalb dieses Lagers. Aber in einer Hinsicht sind sich alle Vertreter der Zufallstheorie einig: Das meiste von dem, was im Determiniertheitsmodell behauptet wird, ist falsch. Der Westen war nicht seit Urzeiten dazu bestimmt, die Welt zu beherrschen; erst nach 1800 u. Z., am Vorabend der Opiumkriege, zog der Westen vorübergehend am Osten vorbei, und selbst das verdankte sich zum großen Teil einer Folge von Zufällen. Das Albert-in-Beijing-Szenario ist überhaupt nicht albern. Genauso hätte es sich abspielen können.

Alles eine Frage des Zufalls

Orange County in Kalifornien ist eher für konservative Politik, gepflegte Palmen und seinen Langzeiteinwohner John Wayne (nach dem der Lokalflughafen |27|benannt ist, obwohl er es hasste, wenn die Maschinen über den Golfplatz hinwegdonnerten) bekannt als für kühne wissenschaftliche Theorien, aber in den 1990er Jahren wurde der Bezirk zum Epizentrum des weltgeschichtlichen Zufallsmodells. Drei Professoren der University of California, Irvine, – die Geschichtswissenschaftler Roy Bin Wong und Kenneth Pomeranz sowie der Soziologe Feng Wang1* – sind die Autoren dreier grundlegender Werke, in denen sie die These vertreten, dass es in fast jeder Hinsicht noch bis ins ausgehende 19. Jahrhundert weit mehr Übereinstimmungen zwischen Osten und Westen gegeben habe als Unterschiede: ob nun in Ökologie oder Familienstrukturen, Technik und Industrie oder Finanzen und staatlichen Institutionen, Lebensstandard oder Verbrauchervorlieben.

Wenn sie damit richtig liegen, ist es viel schwerer zu erklären, warum nicht Albert nach Beijing, sondern Looty nach London gebracht wurde. Einige Vertreter der Zufallstheorie wie der unkonventionelle Wirtschaftwissenschaftler André Gunder Frank (der mehr als 30 Bücher über diverse Themen von der Vor- und Frühgeschichte bis zur lateinamerikanischen Finanzwirtschaft geschrieben hat) sind der Meinung, der Osten sei ursprünglich eher für eine industrielle Revolution prädestiniert gewesen als der Westen, wenn nicht ein paar Zufallsereignisse den Lauf der Geschichte verändert hätten. Europa war, so lautet Franks These, nichts weiter als eine »Halbinsel am Rande einer sinozentrischen Welt«3. Um sich die Märkte Asiens zu erschließen, wo der wahre Reichtum wartete, versuchten sich Europäer mit blutigen Kreuzzügen einen Weg durch den Nahen Osten zu bahnen. Als das misslang, steuerten ein paar Abenteurer wie Kolumbus das Reich der Mitte über den westlichen Seeweg an.

Auch das ging schief, weil Amerika im Weg war, aber Franks Auffassung nach begann sich mit Kolumbus’ Irrtum die Stellung Europas im Weltgefüge zu verändern. Im 16. Jahrhundert stand die chinesische Wirtschaft in voller Blüte, aber es herrschte ein steter Mangel an Silber. Amerika strotzte von Silber, und so reagierten die Europäer auf die chinesische Nachfrage damit, dass sie die amerikanischen Eingeborenen zwangen, 150 000 Tonnen des kostbaren Metalls aus den Bergen Perus und Mexikos herauszuschlagen. Ein Drittel davon landete in China. Silberexport, Skrupellosigkeit und Sklaverei brachten, um Frank zu zitieren, »Europa einen Platz im Dritte-Klasse-Abteil des asiatischen Wirtschaftszuges« ein, aber es musste noch einiges mehr passieren, bevor der Westen »China aus der Lokomotive vertreiben konnte«4.

Frank zufolge verdankte sich der Aufstieg des Westens letztendlich weniger dem Unternehmungsgeist der Europäer als dem »Niedergang des Ostens«, der um 1750 einsetzte. Es begann damit, dass die Silbervorräte knapper wurden. Das |28|löste in China eine politische Krise aus, stärkte aber im Westen den Anreiz zu Neuerungen. Da den Europäern das exportierbare Silber ausging, mechanisierten sie ihre Produktionsstätten, um die asiatischen Märkte mit anderen Waren zu erobern. Auch das Bevölkerungswachstum nach 1750 wirkte sich auf die beiden entgegengesetzten Seiten Eurasiens unterschiedlich aus: Während es in China zur Polarisierung des Reichtums führte, politische Krisen auslöste und Reformen verhinderte, brachte es in Großbritannien einen willkommenen Nachschub an billigen Arbeitskräften für die wachsende Zahl von Fabriken mit sich. Während der Osten verfiel, erlebte der Westen die industrielle Revolution, die von Rechts wegen in China hätte stattfinden müssen. Und weil sie sich in Großbritannien ereignete, erbte der Westen die Welt.

Nicht alle Vertreter der Kurzfristtheorie teilen Franks Ansichten. Der Soziologe Jack Goldstone beispielsweise (der ein paar Jahre an der kalifornischen Universität Davis gelehrt und für die Vertreter der Kurzfristtheorie den Begriff »California School« geprägt hat) meint, bis etwa 1600 hätten Osten und Westen, beide dominiert von großen Agrarreichen, in denen die alten Traditionen durch komplexe Priesterschaften gehütet wurden, etwa gleich gut (oder schlecht) dagestanden. Seuchen, Kriege und der Sturz mächtiger Dynastien sorgten im 17. Jahrhundert überall in Eurasien von England bis China dafür, dass das gesellschaftliche Gefüge auseinanderzubrechen drohte. Während aber die meisten Reiche das alte, streng orthodoxe Denken wieder einführten, nachdem sie die Krise überwunden hatten, entledigten sich die Protestanten in Nordwesteuropa des katholischen Ballasts.

Dieser Akt des Aufbegehrens gegen die Traditionen war es in Goldstones Augen, der dem Westen den Weg zur industriellen Revolution ebnete. Befreit von den Fesseln altertümlicher Ideologien legten europäische Wissenschaftler die Wirkungsweisen der Natur so gründlich bloß, dass britische Unternehmer, die deren pragmatische Sicht des Alles-ist-machbar übernahmen, Kohle und Dampf für sich nutzbar machen konnten. Um 1800 war der Westen eindeutig am Rest der Welt vorbeigezogen.

Dies allerdings, meint Goldstone, war keineswegs eine festgeschriebene Entwicklung. Und tatsächlich hätten ein paar zufällige Ereignisse genügt, um den Lauf der Weltgeschichte vollkommen zu verändern. Beispielsweise durchschlug 1690 in der Schlacht am Boyne eine Kugel aus einer katholischen Muskete die Epaulette von Wilhelm von Oranien, dem protestantischen Statthalter der Niederlande und König von England. »Nur gut, dass sie nicht näher dran war«, soll Wilhelm daraufhin gesagt haben5; und wie recht er doch hatte, meint Goldstone, denn hätte die Kugel ein paar Zentimeter tiefer getroffen, wäre England wieder katholisch, Frankreich die stärkste Macht in Europa geworden, und die industrielle Revolution hätte möglicherweise nicht stattgefunden.

Kenneth Pomeranz von der Universtät Irvine geht noch weiter. Seiner Ansicht nach war schon die Tatsache, dass es überhaupt eine industrielle Revolution gab, ein Riesenzufall. Mitte des 18. Jahrhunderts, so argumentiert er, steuerte man im |29|Westen wie im Osten auf eine ökologische Katastrophe zu. Die Bevölkerung war schneller gewachsen als der technische Fortschritt, und die Menschen hatten bereits alles in ihrer Macht Stehende getan, um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, die Warenzirkulation zu beschleunigen und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse zu reorganisieren. Sie waren an den Grenzen ihrer technischen Möglichkeiten angelangt, und alles deutete darauf hin, dass für das 19. und 20. Jahrhundert weltweite wirtschaftliche Rezessionen und ein Rückgang der Bevölkerung zu erwarten waren.

Dennoch war das wirtschaftliche Wachstum in den vergangenen zwei Jahrhunderten größer als in allen vorangegangenen geschichtlichen Epochen zusammen. Und das, so erklärt Pomeranz in seinem bedeutenden Buch The Great Divergence, liegt daran, dass Westeuropa und allen voran die Briten einfach Glück hatten. Wie Frank ist Pomeranz der Meinung, dass die Glückssträhne des Westens mit der zufälligen Entdeckung der beiden amerikanischen Halbkontinente begann, weil dadurch Handelswege erschlossen wurden, die einen Anreiz zur Industrialisierung der Produktion schufen. Im Gegensatz zu Frank behauptet er allerdings, dass diese Glückssträhne noch bis etwa 1800 durchaus hätte abreißen können. Um die frühen britischen Dampfmaschinen mit Holz zu befeuern, hätten riesige Ländereien aufgeforstet werden müssen, für die es im dicht besiedelten Europa keinen Platz gab. Doch hier kam dem Westen ein zweiter Glücksfall zupass: Als einzige Nation der Welt hatte England praktischerweise Kohlevorkommen ausfindig gemacht und im Eiltempo begonnen, Arbeitsprozesse zu mechanisieren. Um 1840 waren in Großbritannien kohlebetriebene Dampfmaschinen aus keinem Lebensbereich mehr wegzudenken, auch nicht aus dem Bau eisengepanzerter Kriegsschiffe, die sich den Weg über den Jangtse freischießen konnten. Um die Energie zu gewinnen, die jetzt mit Kohle erzeugt wurde, hätten die Briten weitere sechs Millionen Hektar Wald verfeuern müssen – Wald, der nicht vorhanden war. Die Revolution der fossilen Brennstoffe hatte begonnen, die ökologische Katastrophe war abgewendet (oder zumindest auf das 21. Jahrhundert verschoben) worden, und entgegen allen Wahrscheinlichkeiten regierte der Westen plötzlich die Welt. Es war keine seit langem festgeschriebene Entwicklung. Es war alles nur ein unverhoffter verrückter Zufall.

Die Erklärungen, die die Vertreter der Zufallstheorie für die industrielle Revolution im Westen liefern – von Pomeranz’ Glücksfall, der eine weltweite Katastrophe abgewendet hat, bis zu Franks vorübergehender Verschiebung innerhalb einer expandierenden Weltwirtschaft –, sind so unterschiedlich wie die Argumente, die, sagen wir, Jared Diamond und Karl Marx für die langfristige Determiniertheit der Ereignisse ins Feld führen. Aber bei allen Kontroversen innerhalb der beiden Lager ist es doch die Frontlinie zwischen ihnen, der wir die gegensätzlichsten Theorien dazu verdanken, wie die Welt funktioniert. Für manche Vertreter der Determiniertheitstheorie sind die Zufallstheoretiker nichts weiter als lumpige Verkäufer einer politisch korrekten Pseudowissenschaft; |30|diese wiederum beschimpfen erstere oft als prowestliche Apologeten oder gar als Rassisten.

Wenn so viele Fachleute zu derart unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen, liegt die Vermutung nahe, dass mit der Art, wie wir bisher an das Problem herangegangen sind, etwas nicht stimmt. Ich vertrete in diesem Buch die Meinung, dass beide Lager die geschichtliche Entwicklung falsch verstanden haben und darum zu unvollständigen und widersprüchlichen Ergebnissen gelangen mussten. Was Not tut, ist meiner Ansicht nach eine andere Perspektive.

Die Konturen der Geschichte

Damit meine ich, dass sich zwar beide Lager darin einig sind, dass der Westen in den letzten zwei Jahrhunderten die weltbeherrschende Macht war, nicht aber in der Frage, wie die Welt vorher aussah. Alles dreht sich um diese unterschiedliche Sicht der vormodernen Geschichte. Wir können das Problem nur lösen, indem wir diese früheren Zeitabschnitte unter die Lupe nehmen und die Entwicklung der Geschichte in Umrissen definieren. Nur auf dieser Grundlage können wir produktiv darüber debattieren, warum alles so geworden ist, wie es ist.

Genau das scheint aber kaum einer zu wollen. Die meisten Autoren, die sich dazu äußern, warum der Westen die Welt regiert, haben Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politologie oder Neuere Geschichte studiert; sie kennen sich vor allem mit den Ereignissen der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit aus und neigen dazu, den Blick nur auf die letzten paar Generationen zu richten. Sie gehen allenfalls fünfhundert Jahre zurück und streifen die frühere Geschichte nur flüchtig, wenn überhaupt – obwohl es doch um die Frage geht, ob die Faktoren, die zur Vorherrschaft des Westens führten, schon in früheren Zeiten vorhanden waren oder erst in der Moderne unvermittelt hervortraten.

Einige wenige gehen ganz anders an die Frage heran: Sie blicken weit zurück auf die Vorgeschichte, machen dann einen Riesensprung zur Moderne und lassen sich nur wenig über die Jahrtausende aus, die dazwischen liegen. Alfred Crosby, emeritierter Professor für Geschichte und Geographie, spricht aus, was die meisten Vertreter dieser Richtung als gesicherte Tatsache betrachten – dass nämlich die Erfindung der Landwirtschaft in vorgeschichtlicher Zeit von entscheidender Bedeutung gewesen sei –, und fährt fort: »Zwischen diesem Zeitalter und der Entstehung der Gesellschaften, die Kolumbus und andere Seefahrer auf die Weltmeere hinaussandten, liegt eine Zeitspanne von 4000 Jahren, in der sich wenig wirklich Bedeutsames ereignet hat, jedenfalls im Vergleich mit den vorangegangenen Zeiten.«6

Darin, so glaube ich, irrt er sich. Wir werden keine Antworten finden, wenn wir unsere Suche auf die Vorgeschichte oder auf die Moderne beschränken (ebensowenig, beeile ich mich hinzuzufügen, wie wenn wir nur auf die vier- oder fünftausend Jahre blicken würden, die dazwischen liegen). Vielmehr müssen wir die Geschichte |31|der Menschheit im Ganzen betrachten und deren Konturen definieren, bevor wir uns darüber Gedanken machen, warum sie diese Konturen aufweist. Genau das werde ich in diesem Buch versuchen und mich dabei auf ein etwas anderes wissenschaftliches Instrumentarium stützen.

Ich habe Archäologie und Geschichte mit Schwerpunkt klassische Antike studiert. Als ich mich 1978 an der Universität Birmingham einschrieb, schienen die meisten Professoren vollkommen überzeugt zu sein von der Langfristtheorie, der zufolge die alten Griechen mit ihrer vor 2500 Jahren entstandenen Kultur das Leben der westlichen Welt entscheidend geformt haben. Einige von ihnen (vor allem die Älteren) vertraten sogar unumwunden die Ansicht, dass es aufgrund dieser griechischen Wurzeln keine bessere als die westliche Kultur geben könne.

Soweit ich mich erinnere, empfand ich all das auch keineswegs als problematisch, bis ich Anfang der 1980er Jahre mit den Recherchearbeiten für meine Promotion anfing und mich im Zuge dessen mit den Ursprüngen der griechischen Stadtstaaten beschäftigte. Das wiederum brachte mich in Berührung mit einer Gruppe von Anthropologen und Archäologen, die ähnliche Entwicklungen in anderen Teilen der Welt erforschten. Konfrontiert mit der altbekannten Vorstellung, dass die griechische Kultur einmalig sei und eine unverwechselbare westliche Tradition der Demokratie und Vernunft begründet habe, lachten sie nur. Wie viele Menschen brachte ich es fertig, jahrelang mit zwei widersprüchlichen Bildern im Kopf zu leben: dass sich die griechische Kultur nämlich einerseits in gleicher Weise entwickelt habe wie andere frühgeschichtliche Gesellschaften auch und dass sie andererseits die Zielrichtung des Westens eindeutig vorgegeben habe.

Der Spagat fiel mir schwerer, nachdem ich 1987 meine erste Professorenstelle in Chicago angetreten hatte. Ich unterrichtete dort im Rahmen der renommierten Seminarreihe »Geschichte der Westlichen Zivilisation«, die den Zeitraum von der griechischen Antike bis zur Gegenwart (in diesem Fall schon bald der Untergang des Kommunismus) beleuchtete. Um meinen Studenten auch nur einen Tag voraus zu sein, musste ich mich viel ernsthafter mit dem Mittelalter und der Moderne in Europa befassen, als ich es je getan hatte, und dabei fiel mir auf, dass die Errungenschaften der Freiheit, der Vernunft und des kreativen Denkens, die Griechenland dem Westen angeblich als sein kulturelles Vermächtnis hinterlassen hatte, über lange Zeiträume hinweg eher durch Abwesenheit glänzten als durch übermäßige Beachtung. Bemüht, mir darauf einen Reim zu machen, stellte ich fest, dass die Abschnitte der Vergangenheit, die ich nunmehr ins Auge fasste, immer größer wurden. Und zu meiner Überraschung entdeckte ich immer stärkere Parallelen zwischen der angeblich so einzigartigen Entwicklung des Westens und der Geschichte in anderen Regionen der Welt, insbesondere in den großen Zivilisationen Chinas, Indiens und Persiens.

Universitätsprofessoren beschweren sich nur allzu gern über die Verwaltungsarbeit, die auf ihren Schultern lastet, aber als ich 1995 nach Stanford wechselte, merkte ich bald, dass man am besten erfährt, was sich außerhalb des eigenen |32|Fachgebiets tut, wenn man Ämter in irgendwelchen Gremien übernimmt. In der Folge habe ich das Institute for Social Science History und das Archäologische Zentrum geleitet, den Vorsitz der altphilologischen Fakultät und den stellvertretenden Vorsitz der philosophischen Fakultät übernommen und überdies eine größere archäologische Grabung durchgeführt – was mir insgesamt jede Menge Schreibarbeit und Kopfschmerzen eingebracht, mir andererseits aber auch die Chance geboten hat, mich mit Fachleuten aus allen Wissensgebieten von der Genetik bis zur Literaturkritik auszutauschen, die möglicherweise zur Beantwortung der Frage, warum der Westen die Welt regiert, etwas beizutragen haben.

Eines habe ich vor allem gelernt: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns ihr auf breiter Front nähern und das Hauptaugenmerk der Historiker auf größere Zusammenhänge, das Bewusstsein der Archäologen für die ferne Vergangenheit und die vergleichenden Methoden der Sozialwissenschaftler miteinander verbinden. Eine solche Verbindung lässt sich herstellen, wenn man ein multidisziplinäres Team von Spezialisten zusammenstellt und tief aus dem Wissenspool verschiedener Fachrichtungen schöpft. Und genau das habe ich getan, als ich mich entschloss, eine archäologische Grabung auf Sizilien zu leiten. Mir fehlten die notwendigen Kenntnisse der Botanik, um die verkohlten Samen zu analysieren, der Zoologie, um die Knochenfunde zuzuordnen, der Chemie, um die Rückstände in Vorratsbehältern zu identifizieren, der Geologie, um den Entstehungsprozess landschaftlicher Merkmale zu rekonstruieren. Kurz gesagt, es fehlte mir an unverzichtbarem Fachwissen aller Art, und darum suchte ich mir Spezialisten, die diese meine Wissenslücken ausfüllten. Ein Grabungsleiter bringt wie eine Art akademischer Impresario die Künstler zusammen, die dann gekonnt die Bühnenshow gestalten.

Nun ist dies zwar eine gute Methode, einen Grabungsbericht zu erstellen, bei dem es darauf ankommt, möglichst viele Daten zu sammeln und anderen für ihre Arbeit zur Verfügung zu stellen, aber Bücher, in denen die Beiträge vieler gesammelt sind, erweisen sich im Allgemeinen als weniger geeignet, einheitliche Antworten auf große Fragen zu geben. Folglich ist die Methode, derer ich mich in diesem Buch bediene, eher ein inter- als ein multidisziplinärer Ansatz. Anstatt also die Exkursionen einer Gruppe von Spezialisten zu koordinieren, mache ich mich allein auf den Weg, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse vieler Fachgebiete zu sammeln und zu interpretieren.

Diese Methode birgt eine Reihe von Gefahren: Oberflächlichkeit, Fachblindheit und eben allgemeine Irrtümer aller Art. Ich werde nie ein so gründliches Verständnis der chinesischen Kultur haben wie jemand, der sein Leben lang mittelalterliche Handschriften gelesen hat, und ich werde hinsichtlich der menschlichen Entwicklung nie so auf dem Laufenden sein wie ein Genforscher (die Webseite der Zeitschrift Science wird angeblich im Schnitt alle 13 Sekunden aktualisiert; ich verliere also vermutlich, während ich diesen Satz schreibe, schon wieder ein |33|Stück weit den Anschluss). Andererseits werden diejenigen, die sich immer nur auf ihrem eigenen Fachgebiet tummeln, nie den großen Überblick gewinnen. Die interdisziplinäre Ein-Autor-Methode ist vermutlich die schlechteste Herangehensweise, um ein Buch wie dieses zu schreiben – wenn man von allen anderen absieht. Mir scheint sie eindeutig der am wenigsten schlechte Ansatz für mein Vorhaben zu sein, aber ob ich damit richtig liege, müssen Sie anhand der Ergebnisse beurteilen.

Was also sind die Ergebnisse? Wenn gefragt wird, warum der Westen die Welt regiert, dann, so behaupte ich in diesem Buch, geht es im Grunde um die Frage der gesellschaftlichen Entwicklung. Damit meine ich die Handlungsfähigkeit von Gesellschaften – das Vermögen, ihr materielles, ökonomisches, soziales und intellektuelles Umfeld nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert war gesellschaftliche Entwicklung in den Augen westlicher Beobachter ein positives Faktum. Entwicklung ist gleich Fortschritt (oder Evolution oder Geschichte), so ihre unausgesprochene oder auch explizite Überzeugung, und Fortschritt – sei es hin zu Gott, zum Wohlstand oder zu einem Volksparadies – ist der Sinn des Lebens. Heutzutage erscheint das nicht mehr als so selbstverständlich. Viele Menschen sind der Meinung, dass die Zerstörung der Umwelt, die Kriege, die Ungleichheit und Ernüchterung, die mit der gesellschaftlichen Entwicklung einhergehen, deren positive Aspekte bei weitem überwiegen.

Aber gleichgültig welche moralische Schuld wir der gesellschaftlichen Entwicklung anlasten, ist sie doch unbestreitbare Wirklichkeit. Fast alle Gesellschaften sind heute weiter entwickelt (in dem Sinne, in dem ich den Begriff im vorangegangenen Absatz definiert habe) als vor 100 Jahren, und einige Gesellschaften sind weiter entwickelt als andere. 1842 war die harte Wahrheit die, dass Großbritannien weiter entwickelt war als China – so weit entwickelt nämlich, dass der Einfluss der Briten um die ganze Welt reichte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es bereits zahllose Reiche gegeben, aber deren Macht war immer regional beschränkt gewesen. Doch 1842 waren britische Manufakturen in der Lage, den chinesischen Markt mit ihren Erzeugnissen zu überschwemmen, britische Industrielle konnten eisengepanzerte Schiffe bauen, die weltweit allen anderen überlegen waren, und britische Politiker hatten die Möglichkeit, Expeditionen um die halbe Welt zu schicken.

Wenn wir fragen, warum der Westen die Welt regiert, müssen wir eigentlich zwei Fragen beantworten. Wir müssen herausfinden, warum der Westen weiter entwickelt ist, also eher in der Lage ist, über seine Geschicke zu bestimmen, als alle anderen Gebiete der Welt; und wir müssen herausfinden, warum sich die Entwicklung des Westens in den letzten 200 Jahren so rasant vollzog, dass zum ersten Mal in der Geschichte einige wenige Staaten unseren ganzen Planeten beherrschen konnten.

Wir können diese Fragen meiner Meinung nach nur beantworten, indem wir uns die gesellschaftliche Entwicklung als ein Diagramm vorstellen, das im buchstäblichen |34|Sinne des Wortes die Konturen der Geschichte abbildet. Wenn wir das tun, werden wir feststellen, dass weder Theorien langfristiger Determiniertheit noch Zufallstheorien geeignet sind, diese Konturen zu erklären. Auf die erste Frage – warum der Westen weiter entwickelt ist als alle anderen Gebiete der Welt – lässt sich kein Zufallsereignis der jüngeren Vergangenheit als Antwort anführen, denn während 15 Jahrtausenden war der Westen 14 Jahrtausende lang der am weitesten entwickelte Teil der Erde. Auch das aber wurde nicht irgendwann in grauer Vorzeit festgeschrieben. Über 1000 Jahre lang, von etwa 550 bis 1775 unserer Zeitrechnung, hatten die asiatischen Gebiete die Nase vorn. Die Vormachtstellung des Westens wurde folglich weder vor Tausenden von Jahren determiniert, noch ist sie eine Folge jüngerer Zufallsereignisse.

Auch auf die zweite Frage, warum sich nämlich die gesellschaftliche Entwicklung im Westen verglichen mit früheren Gesellschaften so rasant vollzog, bietet keine der beiden Theorien allein eine Antwort. Wie wir noch sehen werden, begann der Westen erst um 1800 u. Z. gewaltig zu punkten; doch dieser Aufschwung war nur der jüngste Beleg für ein sehr langfristiges, stetiges Beschleunigungsmuster der gesellschaftlichen Entwicklung. Langfristige Determinierung und kurzfristige Zufallsereignisse wirken zusammen.

Aus diesem Grund ist es nicht möglich, die Vormachtstellung des Westens zu erklären, wenn wir uns nur mit der Vor- und Frühgeschichte oder nur mit den letzten zwei Jahrhunderten beschäftigen. Vielmehr müssen wir den gesamten Strom der Vergangenheit begreifen, um eine Antwort auf unsere Fragen zu finden. Doch auch wenn das Nachzeichnen der gesellschaftlichen Entwicklung mit allem ihrem Auf und Ab die Konturen der Geschichte offenbart und uns zeigt, was erklärt werden muss, liefert es selbst doch keine Erklärungen. Dafür müssen wir in die Details eintauchen.

Faulheit, Angst und Habgier

»Geschichte, die – meist falscher Bericht über meist unwichtige Ereignisse, die von meist kriminellen Herrschern und meist närrischen Soldaten bewirkt worden sein wollen.«7 Manchmal fällt es schwer, Ambrose Bierces humoriger Definition zu widersprechen: Geschichte kann so sein, ein Ereignis, das auf das andere folgt, ein chaotischer Haufen von brillanten Köpfen und Narren, Tyrannen und Schwärmern, Dichtern und Dieben, die Außergewöhnliches vollbringen oder der Gipfel der Verderbtheit sind.

Und von solchen Gestalten wird es, wie könnte es anders sein, in diesem Buch wimmeln. Denn schließlich sind es keine gesichtslosen Massen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die in dieser Welt leben, sterben, schöpferisch sind und kämpfen. Doch hinter all dem »Schall und Wahn«, um hier William Faulkner zu paraphrasieren, verläuft die Geschichte nach zwingenden Mustern, und |35|mit den richtigen Instrumenten wird es Historikern gelingen, diese zu erkennen und sogar zu erklären.

Ich werde hier drei dieser Instrumente benutzen.

Zum einen ist das die Biologie1*, die uns verrät, was Menschen in Wirklichkeit sind: schlaue Schimpansen. Wir Menschen gehören zum Tierreich, das seinerseits Teil der großen Welt des Lebendigen ist, die alles Leben vom Menschenaffen bis zur Amöbe umfasst. Aus dieser offensichtlichen Tatsache lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen.

Erstens entziehen wir, wie alle Lebensformen, unserer Umwelt Energie und verwandeln sie in weitere Exemplare unserer Art.

Zweitens sind wir, wie alle intelligenteren Tiere, neugierige Geschöpfe. Wir basteln ständig an Dingen herum, wollen wissen, ob sie essbar sind, ob wir mit ihnen spielen oder ob wir sie irgendwie verbessern können. Wir sind beim Herumbasteln nur besser als andere Tiere, weil wir ein großes, schnelles Gehirn mit vielen Windungen haben, um die Dinge zu bedenken, unendlich elastische Stimmbänder, um sie zu bereden, und opponierbare Daumen, um sie zu bearbeiten.

Davon abgesehen sind Menschen – genau wie andere Tiere – offenkundig nicht alle gleich. Manche entziehen der Umwelt mehr Energie als andere; manche vermehren sich stärker als andere; manche sind neugieriger, kreativer, klüger oder geschickter als andere. Aber die dritte Konsequenz aus unserem Tiersein besteht darin, dass große Menschengruppen im Gegensatz zu einzelnen Individuen alle ziemlich gleich sind. Wenn Sie aus einer Menge zwei beliebige Personen herauspicken, sind diese möglicherweise so gegensätzlich, wie man es sich nur vorstellen kann; wenn Sie sich aber zwei große Gruppen als Ganzes ansehen, werden sich diese im Allgemeinen sehr ähnlich sein. Und wenn Sie, wie ich es in diesem Buch tue, millionenköpfige Gruppen vergleichen, werden sie sich in ihrer Zusammensetzung aus tatkräftigen, fruchtbaren, neugierigen, kreativen, klugen, wortgewandten und geschickten Individuen ziemlich stark gleichen.

Diese drei Beobachtungen, die sich mit dem gesunden Menschenverstand decken, erklären zu einem großen Teil den Lauf der Geschichte. Jahrtausende lang ist die gesellschaftliche Entwicklung dank unserer Vorliebe fürs Herumbasteln vorangeschritten, und zwar im Allgemeinen mit wachsender Geschwindigkeit. Gute Ideen bringen neue gute Ideen hervor, und wenn wir einmal eine gute Idee hatten, neigen wir dazu, sie nicht wieder zu vergessen. Doch mit der Biologie allein ist, wie wir sehen werden, die gesellschaftliche Entwicklung nicht zu erklären. Manchmal erlebte die gesellschaftliche Entwicklung über lange Zeitspannen einen Stillstand oder machte gar Rückschritte. Zu wissen, dass wir schlaue Schimpansen sind, ist nicht genug.

|36|Und hier kommt die Soziologie ins Spiel.2* Die Soziologie erklärt die Ursachen, aber auch die Folgen gesellschaftlicher Veränderungen. Es ist eine Sache, wenn schlaue Schimpansen da sitzen und herumbasteln, aber eine ganz andere, wenn ihre Ideen Schule machen und die Gesellschaft verändern. Dazu ist offensichtlich so etwas wie ein Katalysator vonnöten. Der große Science-Fiction-Autor Robert Heinlein hat einmal geschrieben: »Den Fortschritt bringen nie die Frühaufsteher, sondern die Bequemen, die Faulen, die nach Mitteln und Wegen suchen, sich das Leben zu vereinfachen. Allein die Faulheit macht erfinderisch.«8 An späterer Stelle werden wir sehen, dass dieser Heinlein-Satz nur zum Teil stimmt, Faulheit nicht die einzige Mutter aller Erfindungen ist und das Wort »Fortschritt« oft nur als optimistische Umschreibung dessen fungiert, was so passiert. Aber wenn wir Heinleins Aussage ein wenig konkretisieren, fasst sie in meinen Augen die Ursachen gesellschaftlicher Veränderungen so kurz und bündig zusammen, wie es nur möglich ist. Tatsächlich werde ich im Laufe dieses Buches anfangen, eine weniger plakative Version der Aussage als meinen eigenen Morris-Satz auszugeben: »Veränderungen werden von faulen, habgierigen, verängstigten Menschen bewirkt, die nach leichteren, profitableren und sichereren Wegen suchen, etwas zu tun. Und sie wissen nur selten, was sie eigentlich tun.« Die Geschichte lehrt uns, dass Veränderungen einsetzen, wenn Druck vorhanden ist.

Jeder faule, habgierige und verängstigte Mensch sucht sich das Gleichgewicht zwischen einem angenehmen Leben, möglichst wenig Arbeit und Sicherheit, das seinen Bedürfnissen am ehesten entspricht. Aber damit ist es nicht getan, weil der Reproduktionserfolg und Energieverbrauch der Menschen zwangsläufig die ihnen zur Verfügung stehenden (intellektuellen, gesellschaftlichen und materiellen) Ressourcen belastet. Gesellschaftliche Entwicklung bringt genau jene Kräfte hervor, die ihr weiteres Wachstum behindern. Ich bezeichne dieses Phänomen als Entwicklungsparadox. Erfolg erzeugt Probleme; deren Lösung bringt neue Probleme hervor. Wie sagt man doch so schön: Das Leben ist ein Jammertal.

Das immer gegenwärtige Entwicklungsparadox stellt die Menschen vor schwere Entscheidungen. Oft scheitern sie an seinen Anforderungen, und die gesellschaftliche Entwicklung stagniert oder macht Rückschritte. Manchmal jedoch sind die Menschen in einer Verbindung aus Faulheit, Angst und Habgier bereit, Risiken auf sich zu nehmen und Neuerungen anzustoßen, die die Spielregeln verändern. Wenn das nur einigen von ihnen gelingt und die meisten anderen die erfolgreichen Neuerungen annehmen, kann es einer Gemeinschaft gelingen, den |37|Ressourcenengpass zu überwinden. In diesem Fall setzt sich das Wachstum der gesellschaftlichen Entwicklung fort.

Mit solchen Problemen sehen wir Menschen uns täglich konfrontiert, und weil unsere Vorfahren im Allgemeinen auch imstande gewesen sind, sie zu lösen, hat sich die gesellschaftliche Entwicklung seit der letzten Eiszeit unaufhörlich aufwärts bewegt. Aber an manchen Punkten bildet das Entwicklungsparadox, wie wir noch sehen werden, eine massive Decke, die nur mit wirklich grundlegenden Veränderungen zu durchbrechen ist. An diesen Decken hängt die gesellschaftliche Entwicklung fest, und es beginnt ein verzweifeltes Losstrampeln. Ein Beispiel nach dem anderen wird zeigen, dass Gesellschaften, die es nicht schaffen, die Probleme, die sich ihnen in den Weg stellen, zu lösen, von einem ganzen Paket von Plagen – von Hungersnöten, Epidemien, unkontrollierten Wanderbewegungen und politischer Instabilität – befallen werden, in deren Folge der Stillstand in eine Abwärtsbewegung übergeht. Und wenn zu Hungersnöten, Epidemien, Migration und instabilen Verhältnissen noch eine weitere zerstörerische Kraft wie der Klimawandel (zusammen nenne ich sie die fünf Reiter der Apokalypse) hinzukommt, kann aus der Abwärtsbewegung ein katastrophaler, Jahrhunderte währender Zusammenbruch, ein Zeitalter der Dunkelheit, werden.

Biologie und Soziologie gemeinsam erklären zu einem großen Teil die Verlaufskonturen der Geschichte – warum die gesellschaftliche Entwicklung im Großen und Ganzen angestiegen ist, warum sie manchmal schneller und dann wieder langsamer wächst und gelegentlich rückläufig ist. Aber die biologischen und soziologischen Gesetze, denen die gesellschaftliche Entwicklung unterworfen ist, sind gleichbleibende Größen, die immer und überall Gültigkeit haben. Sie sagen uns per definitionem etwas über die Menschheit als Ganzes, nicht darüber, warum es den Menschen an einem Ort so vollkommen anders geht als denen anderswo. Um das zu erklären, benötigen wir, wie ich im Laufe des Buches immer wieder zeigen werde, ein drittes Instrument: die Geographie.3*

Die Bedeutung des Ortes

»Die Kunst der Biographie unterscheidet sich von der Geographie«, bemerkte der britische Schriftsteller und Humorist Edmund Bentley 1905. »Bei der Biographie geht es um Leute, in der Geographie um Landkarten.«9 Um Leute – im Sinne der männlichen Vertreter der Oberschicht – ging es lange in den Geschichten, die Historiker erzählt haben. So beherrschend waren sie in diesen Erzählungen, dass man Geschichte und Biographie kaum noch auseinanderhalten konnte. Das |38|änderte sich im 20. Jahrhundert, als auch aus Frauen, weniger bedeutenden oder betuchten Männern und Kindern respektable Leute wurden, deren Stimme ebenfalls Gewicht hatte, aber ich will in diesem Buch noch weiter gehen. Wenn wir, so meine Argumentation, erst einmal übereingekommen sind, dass Leute (als größere Gruppen und im weiteren Sinn des Wortes) sich ziemlich stark gleichen, bleiben nur noch Landkarten.

Viele Historiker reagieren auf diese Behauptung wie der Stier auf ein rotes Tuch. Es sei eine Sache, so sagen sie, wenn man bestreitet, dass einige wenige bedeutende Männer den unterschiedlichen Verlauf der Geschichte im Osten und im Westen bestimmt hätten; wenn man allerdings behauptet, kulturelle Werte und Überzeugungen seien vollkommen unwichtig, und die Ursache für die Vormachtstellung des Westens nur im Materiellen sucht, sei das etwas ganz anderes. Doch im Grunde ist es genau das, was ich zu tun beabsichtige.

Ich werde versuchen zu zeigen, dass der Osten in den letzten fünfzehntausend Jahren die gleichen Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung durchlaufen hat wie der Westen, und zwar in der gleichen Reihenfolge, weil beide von der gleichen Art von Menschen besiedelt sind, die die gleiche Art von Geschichte hervorbringen. Ich werde des Weiteren versuchen zu zeigen, dass sich die Entwicklung im Westen und im Osten nicht zur gleichen Zeit und in der gleichen Geschwindigkeit vollzogen hat. Ich schließe mit der These, dass Biologie und Soziologie die weltweiten Übereinstimmungen erklären, während die Geographie die Erklärung für örtliche Unterschiede und insofern auch für die Vormachtstellung des Westens liefert.

So unverblümt gesagt, klingt das wahrscheinlich wie das Paradebeispiel einer Langfrist-Determiniertheitstheorie, und es hat sicher Geschichtswissenschaftler gegeben, die in der Geographie genau das sehen. Die Vorstellung reicht zurück bis zu Herodot, dem Griechen, der im 5. Jahrhundert v. u. Z. gelebt hat und auch als »Vater der Geschichtsschreibung« bezeichnet wird. »Weichliche Länder pflegen weichliche Menschen zu erzeugen«10, sinnierte er und kam wie viele Deterministen nach ihm zu dem Schluss, sein Heimatland sei aufgrund seiner geographischen Qualitäten für Großes bestimmt. Das wohl bemerkenswerteste Beispiel solchen Denkens lieferte der Geograph und Yale-Professor Ellsworth Huntington, der um 1910 Unmengen von Statistiken zusammenstellte, um zu beweisen, dass die klimatischen Bedingungen in seiner Heimatstadt New Haven in Connecticut geradezu ideal seien, um Menschen zu Höherem zu beflügeln. (Nur in England hielt er die Voraussetzungen für noch besser.) Das »zu gleichförmig stimulierende« Klima in Kalifornien – wo ich derzeit lebe – sei im Gegensatz dazu eher geeignet, eine höhere Rate von Geistesgestörten hervorzubringen. »Die Kalifornier«, versicherte Huntington seinen Lesern, »kann man mit Rennpferden vergleichen, die bis zur Erschöpfung angetrieben werden, sodass sie noch vor dem Ziel zusammenbrechen.«11

Natürlich sind das Weisheiten, über die man sich mit Recht lustig machen kann. Wenn ich behaupte, dass die Geographie erklärt, warum der Westen die Welt regiert, |39|habe ich etwas vollkommen anderes im Sinn. Geographische Unterschiede haben langfristige Auswirkungen, die aber niemals festgeschrieben sind, und was in einer Phase der gesellschaftlichen Entwicklung als geographischer Vorteil gilt, kann zu einem anderen Zeitpunkt ohne jede Bedeutung oder sogar ein eindeutiger Nachteil sein. Man könnte sagen, dass geographische Faktoren zwar als Antrieb gesellschaftlicher Entwicklung fungieren, dass die gesellschaftliche Entwicklung aber über die Bedeutung der Geographie entscheidet. Es ist ein Prinzip der Gegenseitigkeit.

Um das ein bisschen genauer zu erklären – und einen kurzen Hinweis darauf zu geben, was Sie in diesem Buch erwartet –, möchte ich einen Blick zurückwerfen auf die kälteste Phase der letzten Eiszeit vor zwanzigtausend Jahren. Damals spielte die Geographie eine sehr wichtige Rolle: Ein großer Teil der nördlichen Hemisphäre war von kilometerdicken Eisschichten bedeckt, die gesäumt waren von trockenen, lebensfeindlichen Kältesteppen, und nur in äquatornäheren Gebieten konnten Menschen in kleineren Verbänden als Jäger und Sammler überleben. In dieser Zeit war der Unterschied zwischen Süden (wo Menschen leben konnten) und Norden (wo sie es nicht konnten) gewaltig, aber innerhalb der bewohnten südlichen Breitengrade gab es nur unbedeutende Unterschiede zwischen Osten und Westen.

Mit dem Ende der Eiszeit veränderte sich die Bedeutung der Geographie. Die Pole blieben natürlich kalt und der Äquator blieb heiß, aber in einem halben Dutzend Regionen, die zwischen diesen Extremen lagen – und die ich in Kapitel 2 als die ursprünglichen Kerngebiete bezeichnen werde –, entwickelten sich aufgrund einer besonders günstigen Verbindung von wärmerem Klima und örtlicher Geographie Pflanzen und/oder Tiere, die sich zur Domestizierung durch den Menschen eigneten. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren bedeutete mehr Nahrung, das bedeutete mehr Menschen, und das wiederum bedeutete mehr Innovationen. Domestizierung bedeutete aber auch mehr Druck auf eben jene Ressourcen, die den Prozess antrieben. Und schon war das Entwicklungsparadox in Gang gesetzt.

Die Kernregionen waren relativ typische Beispiele für die wärmeren, bewohnbaren Gebiete während der Eiszeit, aber jetzt unterschieden sie sich zunehmend nicht nur vom Rest der Welt, sondern auch untereinander. Sie waren alle geographisch begünstigt, aber einige waren stärker begünstigt als andere. In einer der Kernregionen, auf den Hängen des Taurus- und des Zagrosgebirges im Westen Eurasiens, auch Fruchtbarer Halbmond genannt, gab es besonders viele domestizierbare Pflanzen und Tiere; und da sich Gruppen von Menschen im Wesentlichen gleichen, fanden hier, wo die Ressourcen reichlich und die Schwellen niedrig waren, die ersten Versuche der Domestizierung statt. Das war etwa 9500 v. u. Z.

Im Einklang mit den üblichen Gepflogenheiten beziehe ich den Begriff »Westen« in diesem Buch auf alle Gesellschaften, deren Abstammung auf diese westlichsten (und frühesten) eurasischen Kerngebiete zurückzuführen ist. Vor langer |40|Zeit dehnte der Westen seine Grenzen vom ursprünglichen Zentrum in Vorderasien – dem Gebiet, das seit dem 19. Jahrhundert im angelsächsischen Raum etwas irreführend als »Mittlerer Osten« bezeichnet wird – über den Mittelmeerraum und Europa, in den letzten Jahrhunderten sogar bis hin zum amerikanischen Doppelkontinent und nach Australasien aus. Wie im Verlauf des Buches hoffentlich deutlich werden wird, ist die Definition des »Westens« in der genannten Weise (und nicht auf der Basis angeblich einzigartiger »westlicher« Werte wie Freiheit, Vernunft und Toleranz sowie der Diskussion darum, woher diese eigentlich stammen und in welchen Teilen der Erde sie vorhanden sind) ausschlaggebend für unser Verständnis der Welt, in der wir leben. Ich habe mir zum Ziel gesetzt zu erklären, warum eine bestimmte Gruppe von Gesellschaften, die vom ursprünglichen westlichen Kerngebiet abstammen – allen voran die nordamerikanischen –, heute die Welt regiert, warum nicht andere, aus anderen Kerngebieten stammende Kulturen hegemonial geworden sind und warum es eine solche Vormachtstellung überhaupt gibt.

Auf der Grundlage derselben Logik bezeichne ich als »Osten« all jene Gesellschaften, deren Herkunft auf das östlichste (und zweitälteste) eurasische Kerngebiet zurückgeht. Auch der Osten dehnte sich von diesem ursprünglichen Zentrum zwischen Gelbem Fluss und Jangtse aus, in dem die Domestizierung von Pflanzen um 7500 v. u. Z. einsetzte, und reicht heute von Japan im Norden bis zu den Staaten Indochinas im Süden.

Die Gesellschaften, die aus den anderen Kerngebieten (einem südöstlichen, dem heutigen Neuguinea, einem südasiatischen, dem heutigen Nordindien und Pakistan, einem afrikanischen, heute östliche Sahara, und zwei Regionen in der Neuen Welt, dem heutigen Mexiko und Peru) stammen, haben ihre eigene faszinierende Geschichte. Ich werde sie im Folgenden immer wieder streifen, konzentriere mich aber so beharrlich wie nur möglich auf Vergleiche zwischen Osten und Westen, weil ich grundsätzlich davon ausgehe, dass die am höchsten entwickelten Gesellschaften so gut wie immer solche waren, die aus einem der beiden entsprechenden Kerngebiete stammten. Albert in Beijing ist eine denkbare Alternative zu Looty in Balmoral, ein Szenarium, in dem es Albert nach Cusco, Delhi oder Neuguinea verschlagen hätte, wäre indes kaum vorstellbar. Insofern lässt sich am effektivsten erklären, warum der Westen die Welt regiert, wenn man sich auf die Ost-West-Vergleiche konzentriert, und genau das habe ich getan.

Natürlich hat diese Herangehensweise ihren Preis. Sicher würde sich ein umfassenderes und detailreicheres Bild ergeben und wir würden den Beiträgen, die Südasien, der amerikanische Doppelkontinent und andere Teile der Erde zur Zivilisation geleistet haben, gerechter werden, wenn wir alle Regionen der Welt ins Auge fassen würden. Doch ein solch globaler Blick hätte auch gravierende Nachteile: Er würde vom Wesentlichen ablenken und noch mehr Seiten beanspruchen, als dieses Buch ohnehin schon hat. Von Samuel Johnson, dem geistreichsten Kopf, den England im 18. Jahrhundert hervorgebracht hat, stammt die Bemerkung, alle |41|Welt bewundere zwar John Miltons Das verlorene Paradies, aber niemand würde sich wünschen, dass das Werk noch länger wäre, als es bereits ist. Und was für Milton gilt, trifft sicher mehr noch auf alles zu, was ich hier präsentiere.

Wenn die Geographie wirklich eine Erklärung der Geschichte à la Herodot, in der alles seit langer Zeit festgeschrieben ist, liefern würde, könnte ich ziemlich schnell einen Schlussstrich ziehen, nachdem ich dargelegt hätte, dass die Domestizierung im Westen um 9500 und im Osten um 7500 v. u. Z. einsetzte. Denn dann würde die gesellschaftliche Entwicklung im Osten der im Westen für immer um 2000 Jahre hinterherhinken, und im Westen hätte eine industrielle Revolution stattgefunden, während man im Osten noch mit dem Schreibenlernen beschäftigt gewesen wäre. Aber so war es ja nun einmal nicht. Wie wir im Folgenden noch sehen werden, war Geschichte nicht durch geographische Gegebenheiten determiniert, weil geographische Vorteile sich letztendlich immer selbst konterkarieren. Sie treiben die gesellschaftliche Entwicklung voran, doch im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung verändert sich die Bedeutung der Geographie.

In dem Maße, in dem die gesellschaftliche Entwicklung voranschreitet, dehnen sich Kerngebiete aus, sei es aufgrund von Wanderbewegungen oder Nachahmungen von nützlichen Innovationen in benachbarten Kulturen. Techniken, die in einem älteren Kerngebiet erfolgreich angewendet wurden – gleichgültig, ob es dabei um Landwirtschaft und Dörfer, Städte und Staaten, mächtige Reiche oder Schwerindustrie ging –, kamen auch in anderen Kulturen und neuen Lebenswelten zum Einsatz. Manchmal erlebten sie in dem neuen Umfeld eine wahre Blüte, manchmal vegetierten sie gerade so dahin, und manchmal bedurfte es gewaltiger Modifikationen, damit sie überhaupt funktionierten.

Es mag befremdend klingen, aber die größten Fortschritte erlebt die gesellschaftliche Entwicklung oft da, wo Techniken, die von einem höher entwickelten Kerngebiet übernommen wurden, nicht besonders erfolgreich angewandt werden. Manchmal liegt das daran, dass die Probleme, die mit der Übernahme alter Techniken in einer neuen Umgebung verbunden sind, umwälzende Neuerungen erzwingen, manchmal auch daran, dass geographische Faktoren, die in der einen Phase der gesellschaftlichen Entwicklung keine wesentliche Rolle spielen, zu einem anderen Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung sein können.

Beispielsweise war es vor 5000 Jahren ein großer geographischer Nachteil für Portugal, Spanien, Frankreich und Britannien, dass sie am äußersten Rand Europas in den Atlantik hineinragten, weil sie auf diese Weise sehr weit weg waren vom Zentrum des Geschehens in Mesopotamien und Ägypten.1* Viereinhalb Jahrtausende später war die gesellschaftliche Entwicklung so weit fortgeschritten, dass sich die Bedeutung der geographischen Bedingungen verändert hatte. Inzwischen |42|gab es Schiffe, mit denen man Routen über die Meere nehmen konnte, die bis dahin unvorstellbar gewesen waren, wodurch die europäische Randlage am Atlantischen Ozean plötzlich zu einem gewaltigen Pluspunkt wurde. Es waren keine ägyptischen oder irakischen, sondern portugiesische, spanische, französische und englische Schiffe, die als Erste nach Amerika, China und Japan segelten. Es waren Westeuropäer, die mit ihren Seehandelswegen die Teile der Welt verbanden. Die gesellschaftliche Entwicklung schritt rasant voran, sodass Westeuropa das ältere Kerngebiet im östlichen Mittelmeerraum bald überflügelt hatte.

Ich bezeichne dieses Muster, das so alt ist wie die gesellschaftliche Entwicklung selbst, als die »Vorteile der Rückständigkeit«2*12. Als beispielsweise aus Dorfgemeinschaften, die vom Ackerbau lebten, Städte wurden (im Westen um 4000, im Osten um 2000 v. u. Z.), spielten die Bodenverhältnisse und die klimatischen Bedingungen, die für die ursprüngliche Entwicklung der Landwirtschaft so förderlich gewesen waren, plötzlich eine geringere Rolle als der Zugang zu Flüssen, die für die Bewässerung der Felder angezapft oder als Transportwege benutzt werden konnten. Und als immer größere Staaten entstanden, trat die Bedeutung großer Flüsse in den Hintergrund; was nun zählte, waren längere Handelswege, die Verfügbarkeit von Metallen und von Arbeitskraft. In dem Maße, in dem sich die gesellschaftliche Entwicklung wandelt, verändern sich auch die Ressourcen, die sie benötigt, und Regionen, die lange Zeit wenig Beachtung fanden, stellen plötzlich fest, dass ihre Rückständigkeit durchaus Vorteile mit sich bringt.

Es ist immer schwer vorauszusagen, wohin die Vorteile der Rückständigkeit führen: Rückständigkeit ist nicht gleich Rückständigkeit. Vor vierhundert Jahren fanden die meisten Europäer die blühenden Plantagen der karibischen Inseln wesentlich vielversprechender als die Farmen in Nordamerika. Zwar können wir im Nachhinein erkennen, warum aus Haiti das ärmste und aus den USA das reichste Land der westlichen Welt wurde, aber solche Entwicklungen vorauszusagen ist ungleich viel schwerer.

Ein offenkundiger Vorteil der Rückständigkeit war jedoch die Tatsache, dass sich innerhalb der einzelnen Kerngebiete die am weitesten entwickelte Region mit der Zeit verlagerte. Im Westen bewegte sie sich von den Hängen des Taurus- und des Zagrosgebirges (zur Zeit der ersten Ackerbaukulturen) südwärts in die Flusstäler Mesopotamiens und Ägyptens, als sich Staaten herauszubilden begannen, und westwärts in den Mittelmeerraum, als die großen Weltreiche entstanden. Im Osten verlagerte sie sich von dem Gebiet zwischen Gelbem Fluss und Jangtse nordwärts ins eigentliche Tal des Gelben Flusses und von da aus westwärts in die Gegend des Wei-Flusses und des Qin-Ling-Gebirges.

Das Vorteilsprinzip der Rückständigkeit hatte außerdem zur Folge, dass die westliche Vorreiterrolle bei der gesellschaftlichen Entwicklung Schwankungen |43|unterworfen war, was zum einen daran lag, dass die lebenswichtigen Ressourcen (Wildpflanzen und -tiere, Flüsse, Handelswege und Arbeitskraft) in den Kernregionen unterschiedlich verteilt waren, und zum anderen daran, dass in beiden westlichen Kernregionen der Prozess der Ausdehnung und der Inbesitznahme neuer Ressourcen so gewalttätig und unbeständig verlief, dass sich das Entwicklungsparadox zuspitzte. Durch die Ausdehnung der westlichen Reiche im zweiten Jahrtausend v. u. Z. wurde das Mittelmeer nicht nur zu einer bequemen Route für den Handel, sondern auch zu einem Weg für zerstörerische Kräfte. Um 1200 v. u. Z. gerieten die westlichen Staaten aus dem Ruder, und Zuwanderungen, schlechte Regierungsführung, Hungersnöte und Epidemien führten einen Zusammenbruch herbei, von dem das gesamte Kerngebiet betroffen war. Im Osten, wo es ein solches Binnenmeer nicht gab, kam es zu keinem vergleichbaren Zusammenbruch, und um 1000 v. u. Z. war hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung der Abstand zwischen Westen und Osten beträchtlich geschrumpft.

In den darauf folgenden drei Jahrtausenden hat sich dieses Muster mit wechselnden Folgen wiederholt. Die Geographie bestimmte darüber, an welchem Ort die gesellschaftliche Entwicklung am rasantesten verlief, aber die Bedeutung der Geographie veränderte sich mit zunehmender gesellschaftlicher Entwicklung. Die Steppen, die den Westen und den Osten Eurasiens verbinden, die fruchtbaren und reisreichen Landstriche im Süden Chinas, der Indische Ozean und der Atlantik waren zu unterschiedlichen Zeiten der Geschichte von entscheidender Bedeutung. Und als im 17. Jahrhundert u. Z. die Stunde des Atlantiks als wichtigster Seeverbindung schlug, schufen diejenigen Völker, die diesen Vorteil aufgrund der geographischen Lage ihrer Heimatländer am besten nutzen konnten – allen voran die Briten und dann die aus England eingewanderten Bewohner Nordamerikas – neuartige Weltreiche und Wirtschaftssysteme und setzten die Energie, die in fossilen Brennstoffen eingeschlossen ist, für die Ausbeutung durch den Menschen frei. Und das, so lautet meine Argumentation, hat dazu geführt, dass der Westen die Welt regiert.

Der Aufbau

Ich habe dieses Buch folgendermaßen gegliedert: Die Kapitel 1 bis 3 beschäftigen sich mit den grundlegenden Fragen: Was ist der Westen? Wo beginnen wir mit unserer Geschichte? Was heißt das: die Welt regieren? Woher wissen wir, wer die Führungsrolle innehat? In Kapitel 1 lege ich das biologische Fundament der Geschichte, indem ich auf die Evolution und die Verteilung der Siedlungsgebiete des modernen Menschen rund um den Erdball eingehe. In Kapitel 2 geht es um die Bildung und Ausdehnung der ursprünglichen Kerngebiete im Westen und im Osten nach der letzten Eiszeit. In Kapitel 3 unterbreche ich den narrativen Faden, um den Begriff der gesellschaftlichen Entwicklung zu definieren und zu erklären, |44|in welcher Weise ich diese als Messinstrument für die Unterschiede zwischen Osten und Westen heranziehen werde.1*

Die Kapitel 4 bis 10 folgen der jeweiligen Geschichte des Ostens und des Westens im Detail und suchen dabei immer wieder nach Erklärungen für Übereinstimmungen und Unterschiede. In Kapitel 4 thematisiere ich die Entstehung der ersten Staaten sowie die Faktoren, die zum Niedergang des westlichen Kerngebiets in den Jahrhunderten bis 1200 v. u. Z. führten. In Kapitel 5 betrachte ich die ersten großen Weltreiche und ihre gesellschaftliche Entwicklung bis an die Grenzen des in einer Agrarwirtschaft Möglichen. In Kapitel 6 gehe ich auf den großen Zusammenbruch ein, den Eurasien nach 150 u. Z. erlebte. In Kapitel 7 gelangen wir zu dem Wendepunkt, an dem der Osten sein Territorium neu absteckte und in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung die Führung übernahm. Um 1100 u. Z. hatte der Osten erneut die Grenzen dessen erreicht, was in einer landwirtschaftlich organisierten Gesellschaft möglich ist, doch in Kapitel 8 werden wir sehen, dass dies einen zweiten großen Zusammenbruch zur Folge hatte. In Kapitel 9 zeige ich, wie sich die östlichen und westlichen Reiche erholten und ihr jeweiliges Gebiet bis in die Steppen und über die Weltmeere ausdehnten und wie der Westen den Entwicklungsrückstand gegenüber dem Osten aufholte. In Kapitel 10 schließlich geht es darum, wie durch die industrielle Revolution aus der Führungsrolle des Westens eine weltbeherrschende Machtstellung wurde und welche schwerwiegenden Folgen dies nach sich zog.

Die Kapitel 11 und 12 schließlich wenden sich der Frage zu, die für jeden Geschichtswissenschaftler die allerwichtigste ist: Ja, und? In Kapitel 11 fasse ich noch einmal meine These zusammen, der zufolge zwei Arten von Gesetzmäßigkeiten – die biologischen und die soziologischen – bestimmen, in welcher Form sich die Weltgeschichte insgesamt entwickelt, während ein drittes Prinzip – das geographische – über die regionalen Unterschiede der Entwicklung im Osten und im Westen entscheidet. Dem immerwährenden Zusammenspiel dieser Gesetzmäßigkeiten und nicht langfristiger Determiniertheit oder kurzfristigen Zufallsereignissen war es zu verdanken, dass Looty nach Balmoral und nicht Albert nach Beijing gebracht wurde.

Normalerweise äußern sich Historiker nicht in dieser Weise zur Geschichte. Vielmehr richten sie auf der Suche nach Erklärungen den Blick auf die Kultur, auf Überzeugungen, Werte, Institutionen oder auf den schieren Zufall anstatt auf die harte Oberfläche der materiellen Wirklichkeit, und die meisten von ihnen würden sich eher die Zunge abbeißen, als von Gesetzmäßigkeiten zu sprechen. Doch ihren Argumenten zum Trotz gehe ich in Kapitel 12 noch einen Schritt weiter und behaupte, dass uns die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte eine recht gute Vorstellung davon vermitteln, was als Nächstes geschehen wird. Die Geschichte |45|endet nicht mit der Vormachtstellung des Westens. Noch entfalten das Entwicklungsparadox und die Vorteile der Rückständigkeit ihre Wirkung; das Tauziehen zwischen den Kräften der Erneuerung, die die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben, und jenen zerstörerischen Kräften, die sie behindern, ist noch im Gange. Ich behaupte sogar, dass der Kampf erbitterter ist denn je. Neue Formen der Entwicklung und der Zerstörung drohen nicht nur die geographische, sondern auch die biologische und die soziologische Landschaft grundlegend zu verändern. Die große Frage unserer Zeit stellt sich nicht danach, ob der Westen seine Vormachtstellung auch weiterhin wird halten können, sondern danach, ob die Menschheit insgesamt den Durchbruch zu einer vollkommen anderen Seinsweise schafft, bevor uns die Katastrophe ereilt – und uns für immer erledigt.

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
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