16.
Zhu Chaos Abbild schwebte vor Altharin, als der General in seinem Zelt stand, sein Adjutant Powis an seiner Seite. Der Albino Innicas, Hauptmann der Bruderschaft, stand links von ihm.
»Du hast deinen Kaiser enttäuscht«, sagte Zhu Chao. »Er hat dir eine einfache Aufgabe übertragen, und du hast dich als unfähig erwiesen. Ein paar Nadir sollst du töten, und du scheust vor diesem Test!«
»Diese paar Nadir«, erwiderte Altharin kalt, »haben sich hinter drei engen Pässen verschanzt. Ich habe mehr als zweihundert Männer bei dem Versuch verloren, uns hindurchzukämpfen, und deine geschätzte Bruderschaft hat nicht mehr Erfolg gehabt als wir. Ein einziger alter Mann hat ihren Angriff vereitelt.«
»Du wagst es, die Bruderschaft zu kritisieren?« zischte Zhu Chao. »Du bist nicht nur unfähig, du bist ein Verräter!«
»Ich diene dem Kaiser, nicht dir, du aufgeblasener ...« Er stöhnte und sackte in Powis' Armen zusammen. Ein langes Messer ragte aus seinen Rippen.
Die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen, nahm Powis den sterbenden General in die Arme und legte ihn behutsam zu Boden. Er blickte zu der weißhaarigen Gestalt Innicas' auf. »Du hast ihn umgebracht!« flüsterte er.
Altharin versuchte zu sprechen, doch von seinen Lippen sprudelte Blut, und sein Kopf fiel zurück. Innicas beugte sich vor und zog sein Messer aus dem Körper; dann wischte er es an der Seidentunika des toten Generals ab. Powis stand auf. Seine Hände zitterten.
»Keine übereilten Handlungen, Bursche!« sagte das Abbild von Zhu Chao. »Der Kaiser selbst hat den Befehl gegeben, ihn zu töten. Geh und hole Gallis. Sag ihm, der Kaiser habe ihn befördert.«
Powis trat einen Schritt zurück; dann blickte er auf den Leichnam hinunter. »Sofort!« befahl Innicas.
Powis stolperte rückwärts und rannte aus dem Zelt.
»Es gibt noch einen Paß, Herr, etwa fünfzig Kilometer weiter nördlich«, sagte Innicas.
»Nimm hundert Männer - die besten, die wir haben. Die Nadir werden versuchen, Kar-Barzac zu erreichen. Stelle sie im Tal zum Kampf. Dort werden sie weit auseinandergezogen sein, einige schon in der Festung, andere stellen die Nachhut. Die Frauen und Kinder werden in einer Reihe im offenen Gelände sein. Vernichtet sie! Wir werden sehen, wie gut die Nadir kämpfen, wenn nichts mehr da ist, wofür sie kämpfen können!«
»Wie du befiehlst, Herr«, antwortete Innicas mit einer Verbeugung.
»Hast du Gracus und die anderen erreicht?«
»Nein, Herr. Aber Zamon wartet mit ihren Pferden in den Bergen. Er sagt, sie wären sicher angekommen. Sie wollten sich unterirdisch vorwärts bewegen. Vielleicht verhindert die Magie von Kar-Barzac eine Verständigung.«
»Sie sind da - darauf kommt es an«, sagte Zhu Chao. »Es läuft alles wie geplant. Die Ventrier sind im Süden gelandet. Die Drenai sind ohne Karnak völlig durcheinander. Unsere eigenen Truppen warten nur darauf, in die Sentranische Ebene einzumarschieren. Aber viel von dem, was wir für unsere künftige Herrschaft brauchen, liegt in Kar-Barzac. Enttäusche mich nicht, Innicas!«
»Du kannst dich auf mich verlassen, Herr.«
»Das will ich hoffen.«
Die Gothir, die ihre Verwundeten mit sich schleppten, zogen sich zurück, als die Sonne hinter den Bergen versank. Senta ließ sich zu Boden sinken, Belash neben ihm. »Ich gebe es nur ungern zu, aber ich werde allmählich müde«, sagte der Schwertkämpfer.
»Ich auch«, gestand Belash. Der Nadir lehnte den Kopf gegen den schwarzen Stein der Mauer. »Die Angriffe waren heute wilder.« Er rieb sich die müden Augen. »In zwei Stunden ziehen wir uns zurück.«
»Wie weit ist es bis zu dieser Festung?«
»Wir werden bei Morgengrauen im Tal sein«, sagte Belash düster.
»Du hörst dich nicht besonders begeistert an, mein Freund.«
»Es ist ein sehr böser Ort.« Belash öffnete den Beutel an seinem Gürtel und holte die Knochen hervor, die er zwischen seinen Handflächen hielt. Er seufzte. »Ich glaube, Belash wird dort sterben.«
»Was ist das?« fragte Senta, um das Thema zu wechseln.
»Die rechte Hand meines Vaters. Er wurde vor langer, langer Zeit getötet, und ich bin der Rache immer noch nicht näher gekommen.«
»Was ist passiert?«
»Er wollte Ponys verkaufen und ritt zum Markt in Namib. Ein langer Weg. Er ging mit meinem Bruder und Anshi Chen. Nur Anshi überlebte den Angriff. Er war hinter der Herde, und als die Räuber zuschlugen, floh Anshi.«
»Herrscht deswegen ein solcher Zorn zwischen euch? Weil er ein Feigling war?«
»Er ist kein Feigling!« fuhr Belash auf. »Es waren zu viele Räuber, und es wäre dumm gewesen zu kämpfen. Nein, Anshi und ich liebten dieselbe Frau. Sie wählte ihn. Aber er ist ein guter Häuptling -möge meine Zunge schwarz werden, weil ich das zugebe. Ich versuchte, den Räubern zu folgen. Ich fand den Leichnam meines Vaters, nahm diese Knochen und begrub den Rest. Aber die Spuren waren zu alt. Anshi beobachtete, wie mein Vater niedergeschlagen wurde. Er sah den Mann, der den Todesstoß austeilte. Er beschrieb ihn mir. Seitdem lebe ich in der Hoffnung, ihn zu finden - einen weißhaarigen Krieger, mit Augen von der Farbe des Blutes.«
»Es ist noch immer Zeit«, meinte Senta.
»Vielleicht.« Belash stand auf und schlenderte an der Mauer entlang, sprach mit den Verteidigern, kniete neben den Verwundeten und Sterbenden nieder.
Senta streckte sich auf dem Rücken aus, den Kopf in die Hände gelegt, und beobachtete, wie die Sterne am dunkel werdenden Himmel erschienen. Die Luft war frisch und kühl, und die Steine unter seinem Rücken fühlten sich beinahe weich an. Er schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, saß Miriel neben ihm. Er lächelte. »Ich bin eingeschlafen«, sagte er. »Aber ich habe von dir geträumt.«
»Bestimmt etwas Lüsternes.«
Er setzte sich auf und reckte sich. »Nein. Wir saßen auf einer Wiese an einem Fluß, unter den Zweigen einer Weide. Wir hielten uns bei den Händen. So.« Er ergriff ihre Hand und hob sie an seine Lippen.
»Du gibst wohl nie auf, was?« sagte sie und zog ihre Hand zurück.
»Niemals! Warum küßt du mich nicht, meine Schöne? Nur das eine Mal. Um zu sehen, ob es dir gefällt.«
»Nein.«
»Du triffst mich bis ins Mark.«
»Ich glaube, du wirst es überleben.«
»Du hast Angst, nicht wahr? Angst zu geben. Angst zu leben. Ich habe dich letzte Nacht mit Angel gehört, wie du dich ihm angeboten hast. Es war ein Fehler, meine Schöne, und Angel hatte recht, als er nein sagte. Das war zwar verrückt, aber richtig. Wovor hast du Angst?«
»Ich will nicht darüber reden«, sagte Miriel und wollte aufstehen. Er legte ihr leicht eine Hand auf den Arm.
»Rede mit mir«, sagte er leise.
»Warum?« flüsterte sie.
»Weil ich dich liebe.«
Sie lehnte sich zurück und sagte eine Zeitlang nichts. Er drängte sie nicht, sondern blieb schweigend neben ihr sitzen. »Wenn du jemanden liebst«, sagte sie schließlich, »öffnest du alle Türen in dein Herz. Du läßt ihn hinein. Wenn er stirbt, hast du keine Verteidigungslinie mehr. Ich sah den Schmerz meines Vaters, als ... als Mutter starb. Ich will diesen Schmerz nicht erleiden. Niemals.«
»Du kannst ihn nicht vermeiden, Miriel. Das kann niemand. Wir sind wie die Jahreszeiten - wir wachsen im Frühling, reifen im Sommer, verblassen im Herbst und sterben im Winter. Aber es ist dumm zu sagen: >Es ist Frühling, aber ich will keine Blüten tragen, denn sie müssen verwelken.« Was ist das Leben ohne Liebe? Ewiger Winter. Kälte und Schnee. Das ist nichts für dich, meine Schöne. Vertrau mir.«
Seine Hand strich über ihr Haar. Er beugte sich zu ihr hinüber, und seine Lippen streiften ihre Wange. Langsam wandte sie den Kopf, und sein Mund berührten den ihren.
Ein Pfeil segelte über die Mauer, und aus der Ferne hallte das Stampfen marschierender Füße über den Paß.
»Die Gothir haben ein untrügliches Gespür für den richtigen Zeitpunkt«, sagte Senta, stand auf und zog sein Schwert.
Angel fühlte sich unbehaglich, als er am Rand des Tales stand und über das mondbeschienene Grasland und die sanften Hügel blickte. In der Ferne konnte er die Türme und Mauern von Kar-Barzac sehen, unweit eines großen, flachen Sees, der die Farbe alten Eisens hatte. Nadirfrauen und -kinder zogen in einer langgestreckten Linie langsam ins Tal; viele von ihnen zerrten hochbeladene Karren mit ihren Habseligkeiten hinter sich her. Angel lenkte seinen Blick auf die hohen Berge, die das Tal umstanden, und musterte prüfend die verformten Gipfel. Das alles war offenes Gelände, und er dachte an die Verteidiger, die die drei Pässe bemannten. Er betete, daß die Nachhut standhalten möge. Denn wenn sich die Gothir den Weg durch einen der Pässe erkämpften ...
Er verschloß seine Gedanken vor dem Gemetzel, das dann folgen würde.
Die meisten der Nadirkrieger waren voraus zur Festung geritten; die Mehrheit der Zurückgebliebenen verteidigte die Pässe. Nur dreißig Männer ritten mit den Frauen und Kindern und trieben sie nach Kar-Barzac. Angel schwang sich in den Sattel und ritt den Hügel hinab. Seine Stimmung hob sich, als er den stummen Nadirjungen neben einem überladenen Karren marschieren sah, Angels Umhang um die knochigen Schultern geschlungen, in der rechten Hand ein Stück Holz, das geformt war wie ein Schwert. Der Umhang schleifte im Staub. Angel ritt neben den Jungen, bückte sich, hob ihn hoch und setzte ihn hinter sich in den Sattel. Der Junge grinste und schwenkte sein Holzschwert durch die Luft.
Angel gab seinem Wallach die Sporen und ließ das Pferd an die Spitze der Kolonne galoppieren, wo Belash neben dem Kriegshäuptling der Nadir, Anshi Chen, ritt. Die beiden Krieger waren in ein Gespräch vertieft. Anshi blickte auf, als Angel näher kam. Er war untersetzt, mit der Neigung, Fett anzusetzen. Seine dunklen Augen zeigten nichts als Feindseligkeit, als der Drenai sein Pferd zügelte.
»Wir bewegen uns zu langsam«, sagte Angel. »Es wird bald hell.«
Belash nickte. »Du hast recht, aber viele sind alt. Sie können nicht schneller.«
»Sie könnten, wenn sie die Wagen zurückließen.«
Anshi Chen schniefte laut; dann räusperte er sich und spie aus. »Ihr Besitz ist ihr Leben«, sagte er. »Das kannst du nicht verstehen, Drenai, denn dein Land ist voller Reichtümer. Aber in jedem dieser Wagen liegt mehr, als du sehen kannst. Eine Bronzelaterne mag für dich nur ein Licht im Dunkeln sein, aber vielleicht hat ein Urgroßvater sie vor hundert Jahren gemacht, und seitdem wird sie in Ehren gehalten. Jeder Gegenstand hat einen viel größeren Wert, als du begreifen kannst. Sie zurückzulassen wäre wie ein Dolchstoß in die Seele einer jeden Familie.«
»Ich sorge mich nicht um einen Dolchstoß in die Seele«, sagte Angel, »sondern um einen Dolchstoß in den Rücken. Aber es ist euer Krieg.« Er riß den Kopf seines Pferdes herum und ritt wieder an der Kolonne entlang zurück.
Mehr als dreihundert Menschen zogen durch das Tal. Er schätzte, daß es noch zwei Stunden dauerte, bis der letzte von ihnen die Festung erreichte. Er dachte an Senta und Miriel bei der Mauer und an Waylander auf seiner einsamen Reise nach Gulgothir.
Die Sterne verblaßten allmählich, der Himmel wurde heller.
Und sein Unbehagen wuchs.
Der weißhaarige Innicas verließ den Schutz des Felsens und ging zu seinen Ritterbrüdern hinüber. »Jetzt«, sagte er. »Der Augenblick ist gekommen.« Er nahm die Zügel seines schwarzen Hengstes, schwang sich in den Sattel und zog das schwarze Schwert aus der Scheide. Hundert Krieger bestiegen ihre Pferde und warteten auf seinen Befehl. Innicas schloß die Augen und versuchte, die Gemeinschaft des Blutes herzustellen. Er spürte das Fließen der Seelen, schmeckte ihren Zorn und ihre Bedürfnisse, ihre Bitterkeit und ihre Wünsche. »Laßt nicht einen Nadir am Leben«, flüsterte er. »Alle müssen sterben. Geschenke an den Herrn aller Wünsche. Laßt Schmerzen herrschen, Angst und Qualen und Verzweiflung!« Die Seelen seiner Ritter flatterten in seinem Geist wie schwarze Motten, die das dunkle Licht seines Hasses umkreisten. »Was brauchen wir?« fragte er sie.
»Blut und Tod«, kam die Antwort, und sie zischte in seinem Geist wie eine Heerschar von Schlangen.
»Blut und Tod«, wiederholte er. »Und jetzt laßt den Zauber wachsen. Überflutet unsere Feinde mit Angst, einem reißenden Strom, der ihren Mut ertränkt.«
Wie ein unsichtbarer Nebel breitete sich der Zauber aus, trieb über Fels und Geröll ins Tal hinab, wurde immer stärker, immer größer.
Die hundert Ritter des Blutes beendeten die Gemeinschaft, ritten aus ihrem Versteck hervor und schwärmten zu einer Schlachtreihe aus, die Schwerter gezogen.
Angel spürte den kalten Hauch der Angst. Seine Gedanken sprangen zurück zu dem Tag bei der Hütte, als die Bruderschaft zum erstenmal erschien. Er zerrte an den Zügeln und riß das Pferd herum, so daß er nach Süden blickte. Er sah, wie der Feind sich vor dem Himmel abhob, sah die schwarzen Umhänge im Wind flattern, die hocherhobenen Schwerter. Belash sah sie zur gleichen Zeit und rief nach Anshi Chen.
Als der Zauber der Angst sie überrollte, begannen die Frauen und Kinder zu jammern und durchs ganze Tal auseinanderzulaufen. Einige warfen sich zu Boden und bedeckten die Köpfe mit den Händen. Andere blieben starr vor Schreck einfach stehen. Shia marschierte in der Mitte der Kolonne, als der Zauber sie traf. Mit zitternden Händen nahm sie ihren Bogen von der Schulter und legte ungeschickt einen Pfeil auf die Sehne.
Angel fühlte, wie der Arm des stummen Kleinen ihn umklammerte. Er drehte sich im Sattel um, hob den Jungen hoch und setzte ihn neben einem von Hand gezogenen Karren auf die Erde. Das Kind sah zu ihm auf, die Augen vor Angst weit aufgerissen. Angel zog sein Schwert und rang sich ein Lächeln ab. Das Kind zog seinen Stock aus dem Gürtel und schwenkte ihn durch die Luft.
»Guter Junge!« sagte Angel.
Die dreißig Nadir, die die Vorhut bildeten, galoppierten zu Belash und Anshi Chen. Angel stieß zu ihnen. »Ihr Zauberbann wird nicht halten, wenn das Töten einmal begonnen hat!« sagte Angel. »Vertraut mir!«
»Es sind zu viele«, murmelte Anshi Chen mit zitternder Stimme.
»Sie werden schon bald weniger sein«, schnaubte Angel. »Folgt mir!« Er ließ sein Pferd in Galopp fallen und setzte zum Angriff auf die schwarze Linie an.
Die Bruderschaft galoppierte voran, und das Donnern der Hufe hallte im Tal wider wie die Trommeln des Verderbens. Zorn stieg in Angel auf. Hinter ihm waren Frauen und Kinder, und wenn die Bruderschaft durchbrechen sollte, was höchst wahrscheinlich war, wollte er nicht am Leben bleiben und das Schlachten mit ansehen. Er warf keinen Blick zurück, um zu sehen, ob die Nadir noch hinter ihm waren. Es war ihm egal. Das Schlachtfieber hatte ihn gepackt.
Die schwarze Linie kam näher, und Angel lenkte sein Pferd zu ihrer Mitte. Belash galoppierte an seine Seite, einen Schlachtruf ausstoßend.
Drei Reiter drängten sich um Angel. Er duckte sich unter einem wilden Hieb und hämmerte sein Schwert in den Helm eines zweiten Ritters. Der Mann wurde aus dem Sattel geworfen. Belashs Pferd stürzte, doch der Nadir sprang rechtzeitig ab und rollte sich auf die Füße. Eine Schwertklinge glitt von seiner Schulter ab. Er sprang auf, zerrte den Reiter aus dem Sattel und stieß dem Mann sein Messer in den Bauch.
Der kleine Keil von Nadirreitern war inzwischen umzingelt, und die Flügel der Bruderschaft, etwa vierzig Mann, jagten den Frauen und Kindern nach.
Shia sah sie kommen, angsterfüllt, und spannte ihren Bogen. Ihr erster Pfeil durchschlug den Hals des vordersten Pferdes. Es stürzte und drehte sich, so daß sein Reiter freikam, brachte dabei aber die zwei folgenden Pferde zu Fall. Andere Ritter wichen aus, um nicht mit den Gestürzten zusammenzustoßen. Ein zweiter Pfeil traf einen der Ritter im Hals. Er schwankte einen Moment im Sattel, ehe er zu Boden fiel.
Shia legte einen dritten Pfeil auf ... und dann hörte sich hinter sich das Donnern von Hufen! So nahe! Sie fuhr herum und sah eine Schar von Reitern in silberner Rüstung und flatternde weiße Umhänge. Sie galoppierten durch die Reihen der Flüchtlinge und griffen die Bruderschaft an. Shia wollte ihren Augen kaum trauen. Sie waren wie silberne Geister aus dem Nichts gekommen, und in ihrem Kielwasser löste sich der Zauber der Angst auf wie Eis in der Sonne.
Auf der anderen Seite des Schlachtfeldes hieb Angel sich einen Weg durch die Massen und sah die weißen Ritter auf die Bruderschaft einschlagen. Jubilierend machte er wieder kehrt und trieb sein Pferd zurück ins Getümmel. Schwerter klirrten rings um ihn, doch er nahm gar keine Notiz von der Gefahr. Sein Pferd stürzte, und er schlug hart auf dem Boden auf. Ein Huf traf ihn an der Schläfe. Angel ließ sein Schwert los und rollte sich ab. Eine Klinge sauste auf ihn herab, aber er duckte sich darunter und warf sich dann mit seinem ganzen Gewicht gegen das Pferd des Reiters. Aus dem Gleichgewicht gebracht, stürzte das Pferd und warf seinen Reiter ab. Angel kletterte über das gestürzte Tier. Der Ritter versuchte aufzustehen, als Angels Stiefel auch schon gegen seinen Helm schmetterte. Der Kinnriemen riß, der Helm fiel herab. Der Ritter versuchte, seinen Angreifer zu erstechen, doch Angels Faust traf ihn im Gesicht, so daß es den Mann herumwarf. Angels Hände schlössen sich um seine Kehle wie Eisenbänder. Der Ritter ließ sein Schwert fallen und zerrte an den Fingern. Doch seine Kräfte erlahmten rasch.
Angel ließ den Toten fallen und nahm das Schwert des Ritters an sich.
Anshi Chen hieb mit seinem Schwert auf den Hals eines Angreifers ein, doch der Mann wehrte den Hieb teilweise ab, so daß die Klinge ihn seitlich am Helm traf und das Visier abriß. Als es wie ein gebrochener Flügel vom Helm hing, erkannte Anshi das Albinogesicht. »Belash!« schrie er. »Er ist es, Belash!«
Innicas' Schwert fuhr hoch und drang Anshi in den Bauch. Belash, der den Schrei hörte, wirbelte herum und sah, wie Innicas den tödlichen Stoß austeilte. Alle Vernunft wich von dem Nadir, und er stieß einen entsetzlichen haßerfüllten Schrei aus. Ein Pferd tauchte neben ihm auf. Belash sprang den Reiter an und zerrte ihn aus dem Sattel. Ohne innezuhalten, um den Mann zu töten, packte Belash den Sattelknauf und schwang sich auf den Rücken des Tieres. Innicas sah ihn, spürte seine Wut und musterte rasch die Kampflinie.
Die Bruderschaft war zersplittert.
Panik stieg in ihm auf. Mit einem wilden Tritt versetzte er sein Pferd in Galopp und ritt nach Süden zu dem verborgenen Paß. Belash setzte ihm nach, tief über den Hals des Hengstes gebeugt, um dem Wind möglichst wenig Widerstand zu bieten. Innicas, in voller Rüstung, war schwerer, und sein Hengst wurde müde, als er den Hügel hinaufdonnerte. Innicas warf einen Blick zurück. Der Nadir kam näher.
Der Hengst des Ritters, schon am Rande der Erschöpfung, stolperte auf dem Geröll und stürzte beinahe. Innicas sprang ab. Belash warf sich auf ihn. Sein Pferd traf den Ritter mit der Schulter und warf ihn von den Beinen. Belash zerrte an den Zügeln und sprang leichtfüßig ab.
»Du hast meinen Vater getötet«, sagte er. »Jetzt wirst du ihm in alle Ewigkeit dienen.«
Innicas, das Schwert in der Hand, betrachtete den untersetzten Nadir. Der Mann hatte keine Rüstung und nur einen kurzen Säbel. Der Mut des Albinos kehrte zurück. »Du kannst es nicht mit mir aufnehmen, Abschaum!« höhnte er. »Ich schlage dich in Stücke!«
Belash griff an, doch Innicas' Schwert blockte den Hieb ab, und mit einer mörderischen Riposte grub sich die schwarze Klinge unterhalb der Rippen in Belashs Seite. Mit letzter Kraft ließ Belash sein Schwert sinken und zog seinen Krummdolch. Innicas zerrte an seinem Schwert, um es freizubekommen. Belash umklammerte mit der linken Hand Innicas' Helm. Seine Finger packten das abgerissene Visier. Innicas spürte, wie er in eine tödliche Umarmung hineingezogen wurde. »Nein!« schrie er. Belashs Messer drang Innicas durchs linke Auge ins Gehirn. Beide Männer fielen zu Boden.
Innicas zuckte einmal und lag still. Mit zitternden Händen öffnete Belash den blutgetränkten Beutel an seinem Gürtel. »Vater«, flüsterte er, Blut spuckend. »Vater ...«
In seiner Panik hatte Innicas den Verlauf der Schlacht mißdeutet. Obwohl sie durch die Ankunft der weißen Ritter überrascht wurden, hatte die Bruderschaft noch immer den Vorteil der Überzahl. Nur sieben der Nadirkrieger waren noch am Leben, und obwohl sie Unterstützung durch die zwanzig weißgekleideten Ritter hatten, waren sie ihnen noch mehr als zwei zu eins überlegen.
Angel, der aus mehreren Wunden blutete, spürte, daß die Schlacht kurz davor stand, sich gegen die Bruderschaft zu wenden. Ihr Anführer war geflohen, und die Ankunft der weißen Ritter hatte sie betäubt. Aber er wußte, daß der Feind noch immer siegen konnte.
Nicht solange ich lebe! dachte er.
Ein Schwert zischte an seinem Gesicht vorbei, und die flache Seite der Klinge traf sein Kinn. Er stürzte und versuchte, wieder aufzustehen. Um ihn herum donnerten Hufe. Er richtete sich auf, stieß einen Stiefel aus den Steigbügeln und wirbelte den Reiter daran zu Boden. Er packte den Sattelknauf, um sich hochzuziehen, doch das Pferd stieg und warf ihn ab. Mit einer Verwünschung hob Angel sein Schwert wieder auf. Eine Klinge fuhr herab. Angel blockte den Hieb ab, und als der Reiter an ihm vorbeiritt, packte er den Umhang des Mannes und zerrte ihn aus dem Sattel. Der Ritter schlug hart auf dem Boden auf. Angels Schwertspitze glitt zwischen Visier und Helm hindurch. Mit aller Kraft trieb Angel dem Mann die Waffe tief in den Schädel. Die Klinge brach. Angel fluchte.
Dicht bei ihm lag ein Schwert. Angel duckte sich zwischen den Pferdeleibern und griff danach, doch ein Huf hämmerte ihm gegen den Kopf, und er fiel vornüber ins Gras.
Als Angel erwachte, herrschte Stille, und sein Schädel dröhnte fürchterlich.
»Sieht so aus, als müßte ich immer deine Wunden nähen«, sagte Senta.
Angel blinzelte und versuchte, die Augen auf die Decke über ihm zu richten. Sie war in einem verrückten Winkel verbogen, und das Fenster darunter hing völlig schief. »Irgendwas stimmt nicht mit meinen Augen«, murmelte er.
»Nein. Das ist dieser Ort - Kar-Barzac. Hier ist nichts so, wie es sein sollte. Kesa Khan sagt, er ist seit Jahrhunderten durch Zauberei verdorben worden.«
Angel versuchte sich aufzusetzen, doch vor seinen Augen verschwamm alles, und er sank zurück. »Was ist passiert?« stöhnte er.
»Ich bin gekommen, um dich zu retten.«
»Ganz allein, nehme ich an.«
»Fast. Wir haben bis kurz nach Mitternacht gewartet, und als die Gothir zum fünften Mal zurückwichen, sind wir zu unseren Pferden gerannt. Es waren nur noch dreißig von uns übrig, aber das war genug, um die Bruderschaft in die Flucht zu schlagen.«
»Das weiß ich nicht mehr«, sagte Angel. »Ehrlich gesagt, sind meine Erinnerungen etwas verschwommen. Ich glaube, ich erinnere mich noch an Geister in weißer Rüstung, die zu unserer Rettung kamen.«
»Priester«, erklärte Senta. »Priester der QUELLE.«
»In Rüstung?«
»Ein ungewöhnlicher Orden«, sagte Senta. »Sie nennen sich selbst >die Dreißig«, wenn auch nur noch elf von ihnen übrig sind. Sie werden von einem Abt namens Dardalion angeführt.«
»Er war in Purdol dabei. Er half Karnak. Hilf mir auf!«
»Du solltest liegenbleiben. Du hast viel Blut verloren.«
»Danke für deine Besorgnis, Mutter. Und jetzt hilf mir auf, verdammt noch mal!«
»Wie du willst, alter Narr.« Senta schob seine Hand unter Angels Schulter und half ihm in eine sitzende Lage. Übelkeit übermannte ihn, doch er kämpfte sie nieder und holte tief Luft. »Ich dachte, wir wären am Ende. Wo ist Miriel?«
»In Sicherheit. Sie ist bei Dardalion und Kesa Khan.«
»Und die Gothir?«
»Lagern überall um uns herum, Angel. Sie haben Verstärkung erhalten. Es müssen sieben- oder achttausend Mann im Tal sein.«
»Wunderbar. Gibt es auch gute Nachrichten?«
»Ich wüßte nicht. Aber du hast Besuch. Ein netter kleiner Bursche. Er sitzt jetzt im Flur. Ich schicke ihn bald zu dir. Ich fand ihn neben
dem Körper, den wir für deinen Leichnam hielten. Der Junge hat geweint. Rührend. Hat mir die Tränen in die Augen getrieben, das sage ich dir.« Angel fluchte. Senta lachte leise. »Ich wußte, daß du nicht tot warst, Angel. Du bist zu stur, um zu sterben.«
»Wie viele Krieger haben wir verloren?«
Sentas Lächeln schwand. »Belash ist tot, und Anshi Chen. Es sind noch etwa dreihundert Mann übrig, aber viele von ihnen sind jung und unerfahren. Ich glaube nicht, daß wir diesen Ort lange halten können.«
»Sie haben noch nicht angegriffen?«
»Nein. Sie sind damit beschäftigt, Bäume zu fällen, Enterleitern zu bauen und dergleichen.«
Angel legte sich zurück und schloß die Augen. »Sie müssen mir nur ein oder zwei Tage geben. Dann bin ich bereit. Ich erhole mich schnell, Senta.«
»In diesem Fall werden wir versuchen, den Krieg nicht ohne dich anzufangen.«
Senta fand Miriel auf dem inneren Schutzwall. Sie beugte sich über die verformte Mauer und starrte hinaus zu den Lagerfeuern des Feinds. In der Nähe standen Nadirkrieger, die ihre Waffen schärften. Der Schwertkämpfer ging an den Nadir vorbei und blieb neben dem großen Mädchen aus den Bergen stehen. »Angel geht es gut«, sagte er. »Ein paar kleinere Schnittwunden und eine große Beule an seinem dicken Schädel. Manchmal denke ich, daß er mit angesengtem Haar und nassen Stiefeln aus der Asche steigen würde, selbst wenn die Welt in Feuer und Wasser untergeht.«
Sie lächelte. »Er wirkt so wundervoll unzerstörbar.«
»Komm und sieh dir an, was ich gefunden habe«, sagte Senta und ging voran zu einer Treppe, die zu einem schmalen Gang hinunterführte, von dem mehrere Zimmer abgingen. Die Fenster waren verzerrt und sahen wie offene, schreiende Münder aus; die Wände waren schief. Das große Schlafzimmer war leer, und in der Mitte stand ein vergoldetes Himmelbett, sehr groß, rechteckig und stabil. Seidenkissen und Daunendecken lagen darauf.
»Wie konnte ein solches Bett bestehen bleiben, wenn die Festung aus Stein derart verformt ist?« fragte Miriel.
Der Schwertkämpfer zuckte die Achseln. »Andere Gegenstände aus Gold sind offenbar von der Zauberei auch nicht angegriffen. Ich habe unten zwei wundervoll ziselierte goldene Becher gefunden.«
Sie ging zum Bett, bog dann aber zum ersten der drei Fenster ab. Von hier aus konnte man das Tal sehen. »Da kommt wieder eine Kavallerieabteilung«, sagte sie.
»Die Kavallerie ist mir egal«, antwortete er.
Sie fuhr zu ihm herum, den Rücken zum Fenster. Ihr Gesicht lief blutrot an. »Glaubst du etwa, ich gehe mit dir ins Bett?«
»Ich glaube, du solltest es ernsthaft in Erwägung ziehen«, sagte er mit einem breiten Lächeln.
»Ich liebe dich nicht, Senta.«
»Das kannst du noch nicht wissen«, erwiderte er ernst. »Hier kannst du es herausfinden.«
»Glaubst du, Liebe entspringt den Lenden?«
Er lachte laut auf. »Meine immer - bis jetzt.« Er schüttelte den Kopf, und sein Lächeln verblaßte. »Du hast Angst, meine Schöne. Angst zu leben. Nun, hier sind wir, gefangen in einer verfallenen Festung. Unsere Zukunft läßt sich nach Tagen messen. Dies ist keine Zeit, um Angst vor dem Leben zu haben. Du schuldest mir wenigstens einen Kuß. Die Gothir haben mir den letzten gestohlen.«
»Mehr als den einen Kuß wirst du nicht bekommen«, versprach sie und ging auf ihn zu.
Er öffnete die Arme, und sie trat in seine Umarmung. Seine Finger griffen zärtlich in ihr langes, dunkles Haar, schoben es ihr aus dem Gesicht, strichen über die hohen Wangenknochen. Seine Hand umfaßte ihren Nacken. Er spürte sein Herz klopfen, als er ihre Stirn und ihre Wange küßte. Sie neigte den Kopf, und ihre Lippen trafen sich. Er spürte, wie ihr Körper sich an ihn drängte. Ihr Mund schmeckte süß und warm, und seine Leidenschaft loderte auf. Doch er machte keine Anstalten, sie zum Bett zu ziehen. Statt dessen glitten seine Hände über ihren Rücken, hielten an der schmalen Taille inne, streichelten die Kurven ihrer Hüften. Er küßte sie auf Hals und Schulter und genoß den Duft ihrer Haut.
Sie trug eine schwarze, vorn geschnürte Ledertunika. Langsam wanderte seine rechte Hand zu ihrer Brust, und seine Finger tasteten nach dem ersten Knoten der Tunika.
»Nein«, sagte sie und trat einen Schritt zurück. Senta verbarg seine Enttäuschung und holte tief Luft. Miriel lächelte. »Ich mache das.« Sie schnallte den Messergürtel um ihre Taille ab und streifte die
Tunika über den Kopf, so daß sie nackt vor ihm stand. Er betrachtete sie begehrlich und bewundernd - die langen, sonnengebräunten Beine, den flachen Bauch, die hohen, vollen Brüste.
»Du bist eine Augenweide, meine Schöne. Gar keine Frage.«
Er trat auf sie zu, doch sie hielt ihn auf. »Was ist mit mir?« fragte sie. »Bekomme ich keine Gelegenheit, dich zu bewundern?«
»jede«, antwortete er, zog sein Hemd aus der Hose und schnallte seinen Gürtel ab. Beinahe wäre er gestürzt, als er versuchte, seine Beinkleider auszuziehen, und Miriels Lachen war ansteckend.
»Man könnte glauben, du hättest dir noch nie die Hose ausgezogen«, sagte sie.
Er nahm ihren Arm und zog sie sanft auf das Bett. Eine Staubwolke stieg auf, als sie darauf niederfielen, so daß er husten mußte. »Wie romantisch«, kicherte sie. Er fiel in ihr Lachen ein, und sie blieben eine Weile ruhig nebeneinander liegen und schauten sich in die Augen. Seine rechte Hand streichelte ihre Schulter und ihren Arm, wanderte abwärts, bis sein Arm ihre Brustwarze berührte. Sie schloß die Augen und drängte sich näher an ihn. Die Fland wanderte weiter, über den flachen Bauch bis zu ihrem Schenkel. Sie hatte die Beine geschlossen, doch jetzt öffnete sie sie. Wieder küßte er sie. Sie schlang einen Arm um seinen Hals und zog ihn heftig an sich.
»Langsam, meine Schöne«, flüsterte er. »Es besteht kein Grund zur Eile. In Eile wird nie etwas Schönes geschaffen. Und ich möchte, daß dieses erste Mal für dich etwas Besonderes ist.«
Sie stöhnte, als seine Hand sich zärtlich gegen ihren Schamhügel preßte, und eine Weile liebkoste er sie langsam. Ihr Atem ging schneller, ihr Körper bäumte sich auf. Sie schrie auf, wieder und wieder. Endlich schob er sich über sie, hob ihre langen Beine über seine Hüften und suchte seinen Weg in sie hinein. Wieder küßte er sie; dann drang er in sie ein und schüttelte die selbst auferlegten Ketten seiner Leidenschaft ab.
Er versuchte, sich langsam zu bewegen, doch seine Erregung war größer als sein Wunsch, den Augenblick hinauszuzögern, und als Miriel wieder aufschrie, in einem rhythmischen, beinahe tierischen Stöhnen, gab er schließlich nach. Sein Körper bäumte sich auf; seine Arme zogen sie fest an sich. Dann stöhnte er auf und lag still. Er seufzte, entspannte sich und spürte, wie sein und ihr Herz gemeinsam gegen die warme Haut seiner Brust klopften.
»Oh«, flüsterte sie. »War das Liebe?«
»Bei allen Göttern, das will ich doch hoffen, meine Schöne«, antwortete er und rollte sich auf den Rücken. »Denn nichts in meinem Leben hat mir je so viel Vergnügen bereitet.«
Sie stützte sich auf einen Ellbogen und schaute auf ihn hinunter. »Das war ... wundervoll. Laß es uns noch einmal tun!« »Warte noch ein bißchen, Miriel«, erwiderte er. »Wie lange?«
Er lachte leise und zog sie in seine Arme. »Nicht lange. Das verspreche ich dir!«