5.

Morak hörte sich mit wachsender Verärgerung die Berichte der Jäger an. Nirgends eine Spur von Waylander, und der Mann namens Dakeyras hatte sich als kahl werdender Rotschopf entpuppt, mit einem Gesicht, das aussah, als wäre eine Büffelherde darüber hinweggetrampelt.

Ich hasse Wälder, dachte Morak, der mit dem Rücken an den Stamm einer Weide gelehnt saß, den grünen Umhang fest um sich gewickelt. Ich hasse den Geruch von Moder, den kalten Wind, den Dreck und den Schlamm. Er warf einen Blick auf Belash, der abseits der anderen saß und mit langen Strichen sein Messer schärfte. Das Knirschen des Wetzsteins verschlechterte Moraks Laune noch.

»Nun, irgendwer hat Kreeg getötet«, sagte er schließlich. »Irgend jemand hat ihm ein Messer oder einen Pfeil durchs Auge gejagt.« Niemand sagte etwas. Sie hatten den Leichnam am Vortag gefunden, im Schilf am Ufer des Flusses Earis.

»Könnten Räuber gewesen sein«, meinte Wardal, ein hochgewachsener, dünner Bogenschütze aus dem Gravenwald weit im Süden.

»Räuber?« höhnte Morak. »Schwachsinn! Ich hatte schon Läuse, die mehr Hirn hatten als du! Wenn es Räuber gewesen wären -meinst du nicht, ein Kämpfer wie Kreeg hätte dann mehr Wunden? Glaubst du nicht, es hätte dann einen Kampf gegeben? Jemand, der sehr gefährlich ist, hat ihm das Geschoß durchs Auge gejagt. Ein Mann mit seltenen Gaben wird getötet - daraus schließe ich, daß er von einem Mann mit größeren Gaben getötet wurde. Geht das in deinen Schädel hinein?«

»Du glaubst, es war Waylander«, murmelte Wardal.

»Eine großartige Leistung deiner Vorstellungskraft. Ich gratuliere herzlich. Die Frage ist nur, wo steckt er?«

»Warum sollte er so einfach zu finden sein?« fragte Belash plötzlich. »Er weiß, daß wir da sind.«

»Und welcher leuchtende Funke der Logik bringt dich zu diesem Schluß?«

»Er hat Kreeg getötet. Er weiß Bescheid.«

Morak fühlte einen kalten Windhauch und schauderte. »Wardal, du und Tharic, ihr übernehmt die erste Wache.«

»Weswegen sollen wir denn Wache stehen?« fragte Tharic.

Morak schloß die Augen und holte tief Luft. »Nun«, sagte er schließlich. »Ihr könntet Ausschau nach riesigen Elefanten halten, die unsere gesamten Vorräte zertrampeln. Aber wenn ich du wäre, würde ich auf einen großen Mann achten, ganz in Schwarz gekleidet, der ziemlich gut darin ist, anderen Leute scharfe Gegenstände in die Augen zu schießen.« In diesem Moment trat eine hochgewachsene Gestalt aus dem Gebüsch. Moraks Herz setzte einen Schlag aus; dann aber erkannte er Baris. »Normalerweise ruft man >Hallo, Lager<«, tadelte er. »Du hast dir Zeit gelassen, Baris.«

Der blonde Waldläufer ließ sich am Feuer nieder. »Kasyra ist kein Dorf, aber ich habe die Hure gefunden, mit der Kreeg zusammenlebte. Sie hat ihm von einem Mann namens Dakeyras erzählt, der hier in der Nähe lebt. Ich weiß, wo.«

»Es ist der falsche Mann«, sagte Morak. »Wardal und Tharic sind ihm schon begegnet. Was hast du noch herausgefunden?«

»Nicht viel Interessantes«, antwortete Baris und zog die Reste eines Brotlaibs aus dem Beutel an seiner Seite. »Übrigens, seit wann ist Angel Mitglied der Gilde?«

»Angel? Meines Wissens gar nicht«, sagte Morak. »Warum?«

»Er war vor ungefähr einer Woche in Kasyra. Der Wirt hat ihn erkannt. Senta ist auch da. Ich soll dir sagen, wenn er deine Leiche findet, sorgt er für ein schönes Begräbnis.«

Morak hörte gar nicht mehr zu. Er lachte und schüttelte den Kopf. »Wardal, bist du je in der Arena gewesen?«

»Ja. Hab' Senta kämpfen gesehen. Besiegte einen Vagrier namens ... namens ...«

»Spielt keine Rolle! Hast du Angel je kämpfen sehen?«

»O ja. Harter Bursche. Habe einmal sogar Geld auf ihn gesetzt und gewonnen.«

»Würdest du sein Gesicht wiedererkennen?«

»Hatte rote Haare, oder?« antwortete Wardal.

»Richtig, Dummkopf. Rote Haare. Und ein Gesicht, das selbst seine Mutter verleugnen würde. Ich frage mich, ob wohl ein winziger Gedanke versucht, seinen Weg durch die Knochenmasse zu finden, die dein Hirn umschließt. Wenn ja, teile ihn mit uns.«

Wardal schniefte laut. »Der Mann bei der Hütte!«

»Der Mann, der behauptete, er wäre Dakeyras, ja«, sagte Morak. »Es war die richtige Hütte, nur der falsche Mann. Morgen geht ihr noch einmal hin. Nehmt Baris und Tharic mit. Nein, das reicht vielleicht nicht. Jonas und Seeris auch. Tötet Angel, und bringt das Mädchen her.«

»Angel ist Gladiator«, wandte Jonas ein, ein kräftiger Krieger mit beginnender Glatze und gegabeltem Bart.

»Ich habe nicht gesagt, du sollst gegen ihn kämpfen«, flüsterte Morak. »Ich sagte, tötet ihn.«

»Von Gladiatoren war nicht die Rede«, beharrte Jonas. »Aufspüren, sagtest du, Findet diesen Dakeyras. Ich habe Angel auch kämpfen sehen. Er ist furchteinflößend. Schlag ihn, verletze ihn... er macht einfach weiter.«

»Ja, ja, ja! Er würde sich gewiß freuen, wenn er hört, daß du zu seinen größten Bewunderern zählst. Aber er ist älter geworden. Hat sich zur Ruhe gesetzt. Geht einfach hin, unterhaltet euch mit ihm, und dann tötet ihn. Wenn das für dich zu riskant ist, dann geh nach Kasyra. Aber verabschiede dich von jedem Gedanken an einen Anteil von den zehntausend Goldstücken.«

»Warum tötest du ihn nicht?« fragte Jonas. »Du bist hier der Schwertkämpfer.«

»Willst du damit sagen, ich hätte Angst vor ihm?« entgegnete Morak mit gefährlich leiser Stimme.

»Nein, nein, ganz und gar nicht«, antwortete Jonas errötend. »Wir wissen alle wie ... gut du bist.«

»Hast du je den Adel jagen sehen, Jonas?«

»Natürlich.«

»Hast du gesehen, daß sie Hunde dabeihaben, wenn sie ein Wildschwein jagen?«

Der Mann nickte verdrossen.

»Gut«, sagte Morak. »Dann meißel dir diesen Gedanken in dein Vogelhirn! Ich bin ein jagender Edelmann, und ihr seid meine Hunde. Ist das klar? Ich werde nicht dafür bezahlt, Angel zu töten. Ich bezahle euch!«

»Wir könnten ihn ja aus der Entfernung erschießen«, meinte Jonas. »Wardal ist sehr gut mit seinem Bogen.«

»Schön«, brummte Morak. »Hauptsache, ihr tut es. Aber bringt das Mädchen her, gesund und unversehrt. Ist das klar? Sie ist der Schlüssel zu Waylander.«

»Das verstößt gegen die Regeln der Gilde«, sagte Belash. »Kein Unschuldiger darf benutzt werden ...«

»Ich kenne die Regeln der Gilde!« fuhr Morak auf. »Und wenn ich Unterricht in gutem Benehmen wünsche, lasse ich es dich wissen. Schließlich sind die Nadir ja bekannt dafür, sich streng an zivilisiertes Benehmen zu halten!«

»Ich weiß, was du von dem Mädchen willst«, sagte Belash. »Und das ist nicht der Schlüssel zu ihrem Vater.«

»Ein Mann hat ein Recht auf gewisse Vergnügungen, Belash. Sie machen das Leben erst lebenswert.«

Der Nadir nickte. »Ich kenne einige Männer, die dieselben ... Vergnügungen ... schätzen wie du. Wenn wir sie unter den Nadir erwischen, schneiden wir ihnen Hände und Füße ab und pfählen sie über einem Ameisenhügel. Aber wir verstehen euch zivilisierte Menschen ja nicht, wie du schon sagtest.«

Das Gesicht war riesig und weiß wie ein Fischbanch, die Augenhöhlen leer, die Lider geformt wie Fangzähne, die klapperten, wenn sie sich schlössen. Der Mund war lippenlos, die Zunge gewaltig und mit lauter kleinen Mäu-lern besetzt.

Miriel nahm Kryllas Hand, und die Kinder versuchten zu fliehen - aber der Dämon war schneller, stärker. Eine schuppige Hand schloß sich um Miriels Arm, die Berührung brannte.

»Bring sie zu mir!« sagte eine leise Stimme, und Miriel sah einen Mann in der Nähe stehen. Sein Gesicht war ebenfalls blaß, seine Haut geschuppt wie eine schöne Albinoschlange. Aber an dem Mann war nichts Schönes. Krylla fing an zu weinen.

Das Ungeheuer, das sie festhielt, beugte sich über die Kinder, berührte mit seinem höhlenartigen Maul Miriels Gesicht. Sie spürte einen Schmerz, einen furchtbaren Schmerz. Und sie schrie.

Und schrie ...

»Wach auf, Mädchen«, sagte der Dämon, der seine Hand wieder auf ihrer Schulter hatte. Ihre Finger schössen vor, hieben wie Klauen in sein Gesicht, doch er packte sie am Handgelenk. »Hör auf. Ich bin es, Angel!«

Sie schlug die Augen auf und sah die Balken der Hütte, das Mondlicht, das durch die schmalen Ritzen in den Fensterläden fiel, spürte die rauhe Wolle der Decken auf ihrem nackten Körper. Sie schauderte und sank zurück. Er streichelte ihre Stirn und strich ihr das schweißnasse Haar zurück. »Nur ein Traum, Mädchen. Nur ein Traum«, flüsterte er. Für einen Moment sagte sie nichts, sondern versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Ihr Mund war trocken, und sie setzte sich auf und griff nach dem Becher mit Wasser neben dem Bett.

»Es war ein Alptraum. Immer derselbe«, sagte sie zwischen zwei Schlucken. »Krylla und ich wurden durch einen dunklen Ort gejagt, einen Ort des Bösen. Täler ohne Bäume, ein Himmel ohne Sonne oder Mond, grau, seelenlos.« Sie schauderte. »Dämonen haben uns gefangen, und schreckliche Menschen ...«

»Es ist vorbei«, beruhigte er sie. »Du bist jetzt wach.«

»Es ist niemals vorbei. Es ist jetzt ein Traum - aber damals war es das nicht.« Sie schauderte wieder, und Angel zog sie an sich. Seine Arme ruhten auf ihrem Rücken, seine Hand tätschelte sie. Sie legte den Kopf an seine Schulter und fühlte sich ein wenig besser. Die Erinnerung an die Kälte der Leere war bitter, doch die Wärme seiner Haut drängte sie zurück.

»Erzähl mir davon«, bat er.

»Es war, nachdem Mutter starb. Wir waren verängstigt, Krylla und ich. Vater verhielt sich seltsam, brüllte und weinte. Wir wußten nichts über Betrunkene. Und Vater stolpern und stürzen zu sehen war beängstigend. Krylla und ich saßen oft in unserem Zimmer und hielten uns bei den Händen. Dann flogen unsere Geister hoch in den Himmel. Dann waren wir frei und sicher, dachten wir. Aber eines Nachts, als wir unter den Sternen spielten, merkten wir, daß wir nicht allein waren. Im Himmel waren noch andere Geister bei uns. Sie versuchten, uns zu fangen, und wir flohen. Wir flogen so schnell wir konnten und mit solchem Entsetzen im Herzen, daß wir nicht wußten, wo wir waren. Aber der Himmel war grau, das Land verwüstet. Dann kamen die Dämonen. Herbeigerufen von den Männern.«

»Aber ihr seid ihnen entkommen.«

»Ja. Nein. Ein anderer Mann erschien, in silberner Rüstung. Wir kannten ihn. Er kämpfte gegen die Dämonen, tötete sie und brachte uns nach Hause. Er war unser Freund. Aber jetzt taucht er in meinen Träumen nicht mehr auf.«

»Leg dich hin«, sagte Angel. »Schlaf ein bißchen.«

»Nein. Ich will nicht wieder träumen.«

Angel zog die Wolldecke zurück und schlüpfte neben sie, so daß ihr Kopf auf seiner Schulter ruhte. »Keine Dämonen, Miriel. Ich bin hier, um dich zurückzuholen, falls sie kommen.« Er zog die Decke über sie beide und lag still. Sie konnte den langsamen, rhythmischen Schlag seines Herzens fühlen und schloß die Augen.

Sie schlief etwas mehr als eine Stunde und erwachte erfrischt. Angel schlief lautlos neben ihr. Im schwachen Licht, das kurz vor Tagesanbruch herrscht, war seine Häßlichkeit gemildert, und sie versuchte, ihn sich so vorzustellen, wie er vor vielen Jahren gewesen war, als er ihr das Kleid mitgebracht hatte. Es war fast unmöglich. Ihr Arm lag über seiner Brust, und sie zog ihn langsam zurück, spürte seine weiche Haut und den Gegensatz der harten Muskeln seines Bauches. Er wachte nicht auf, und Miriel wurde sich mit aller Macht ihrer eigenen Nacktheit bewußt. Ihre Hand glitt hinunter, ihre Fingerspitzen strichen über den Pelz aus dicht gelocktem Haar unterhalb des Nabels. Er regte sich. Sie verharrte bewegungslos, merkte jetzt, daß ihr Herz schneller schlug. Angst kroch in ihr hoch, doch es war eine köstliche Angst. Es hatte Dorfjungen gegeben, die sie mit Sehnsucht erfüllt hatten, sie von verbotenen Stelldicheins träumen ließen. Aber so wie jetzt hatte sie noch nie empfunden, diese Angst, gepaart mit Leidenschaft. Niemals war sie sich ihrer Wünsche so bewußt gewesen. Ihrer Bedürfnisse. Sein Atem ging wieder tiefer. Ihre Hand glitt hinab, ihre Finger liebkosten ihn, umkreisten ihn, spürten, wie er lebendig wurde und anschwoll.

Zweifel, gefolgt von Panik, brachen plötzlich in ihr auf. Was, wenn er die Augen öffnete? Er könnte wütend sein wegen ihrer Kühnheit, sie für eine Hure halten. Was ich ja auch bin, dachte sie in einem Anfall von Selbstverachtung. Sie ließ ihn los und rollte sich aus dem Bett. Sie hatte am Vorabend gebadet, aber irgendwie erschien ihr die Vorstellung von eiskaltem Wasser auf ihrer Haut nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Behutsam, um ihn nicht zu wecken, öffnete sie die Schlafzimmertür und huschte durch die Hütte.

Sie hob den Riegel aus der Halterung, öffnete die Haustür und trat hinaus in die sonnenbeschienene Lichtung vor der Hütte. Die Büsche und Bäume waren noch silbrig beglänzt vom Tau, die Herbstsonne wärmte ihre Haut kaum. Wie konntest du nur so etwas tun, dachte sie, als sie zum Fluß schlenderte. Miriel hatte oft von Liebhabern geträumt, aber nie waren sie in ihrer Phantasie häßlich gewesen. Nie waren sie so alt gewesen. Und sie wußte, daß sie nicht in den ehemaligen Gladiator verliebt war. Nein, erkannte sie, das macht dich ja gerade zu einer Hure. Du wolltest einfach nur rammeln wie ein Tier.

Als sie den Wasserlauf erreichte, setzte sie sich ins Gras und ließ die Füße ins Wasser baumeln. Da der Bach hoch in den Bergen entsprang, schwammen kleine Eisschollen auf der Oberfläche, wie gefrorene Lilien. Und es war kalt.

Sie hörte hinter sich eine Bewegung, aber in Gedanken verloren, war sie nicht schnell genug, und als sie sich auf die Füße rollte, packte die Hand eines Mannes ihre Schulter und warf sie ins Gras. Sie stieß heftig den Ellbogen zurück und traf seinen Bauch. Er grunzte vor Schmerz und sackte über ihr zusammen. Der Geruch von Holzrauch, eingefettetem Leder und abgestandenem Schweiß drang ihr in die Nase, und ein bärtiges Gesicht fiel gegen ihre Wange. Mit einer Drehung schlug sie dem Mann die flache Hand gegen die Nase, so daß sein Kopf zurückgeworfen wurde. Sie kroch auf die Füße und versuchte davonzulaufen, doch der Mann packte ihren Knöchel, und ein zweiter Mann sprang aus einem Versteck. Miriels Faust krachte gegen das Kinn des zweiten Angreifers, doch sein Gewicht trieb ihn nach vorn, und Miriel wurde zu Boden geworfen, ihre Arme unter ihr festgehalten.

»Eine echte Höllenkatze«, keuchte der zweite Mann, ein hochgewachsener blonder Waldläufer. »Ist alles in Ordnung mit dir, Jonas?« Der erste Mann kämpfte sich auf die Füße; Blut rann aus seiner Nase in den schwarzen Bart.

»Halt sie fest, Baris. Ich habe genau die Waffe, um sie zur Vernunft zu bringen.« Der kahl werdende Krieger begann die Riemen seiner Beinkleider zu lösen und trat vor, so daß er über Miriel stand.

»Du hast gehört, was Morak sagte. Unversehrt«, wandte Baris ein.

»Ich wüßte nicht, daß eine Frau jemals davon versehrt worden ist«, erwiderte Jonas.

Miriel, die Arme und Schultern nicht bewegen konnte, bog ihren Rücken durch und trat dem Waldläufer mit dem rechten Fuß zwischen die Beine. Jonas grunzte und ging in die Knie. Baris schlug ihr ins Gesicht, packte sie an den Haaren und riß sie hoch. »Du gibst wohl nie auf, was?« fauchte er und schlug sie wieder, diesmal mit der Rückseite der Hand. Miriel sackte gegen ihn.

»So ist's schon besser«, sagte er. Ihr Kopf fuhr ruckartig hoch und krachte gegen sein Kinn. Er taumelte zurück; dann zog er sein Messer und holte zum Wurf aus. Miriel, noch halb betäubt, warf sich nach rechts und rollte sich auf die Knie. Dann war sie auf den Beinen und rannte.

Ein weiterer Mann sprang ihr in den Weg, doch sie wich ihm aus und hatte schon fast die Lichtung erreicht, als ein Stein aus einer Schleuder sie an der Schläfe traf. Sie fiel auf die Knie und versuchte, ins Unterholz zu kriechen, doch das Geräusch von Schritten hinter ihr sagte ihr, daß sie am Ende war. Ihr Kopf schmerzte, und ihr schwanden die Sinne. Dann hörte sie Angels Stimme.

»Zeit zu sterben, Jungs.«

Miriel erwachte in ihrem eigenen Bett, einen feuchten Lappen auf der Stirn. Ihr Kopf dröhnte schmerzhaft. Sie versuchte sich aufzusetzen, doch ihr wurde erst schwindlig, dann übel. »Bleib still liegen«, sagte Angel. »Das war ein böser Treffer. Du hast eine Beule so groß wie ein Gänseei.«

»Hast du die Männer getötet?« fragte sie mit schwacher Stimme.

»Nein. Habe noch nie Männer so schnell laufen gesehen. Sie verschwanden in einer Staubwolke. Ich glaube, sie haben mich erkannt. Das war sehr erfreulich.«

Miriel schloß die Augen. »Bitte sag meinem Vater nicht, daß ich ohne Waffen hinausgegangen bin.«

»Nein. Aber es war dumm. Woran hast du gedacht? An deinen Traum?«

»Nein, nicht den Traum. Ich war ... war einfach nur dumm, wie du schon sagst.«

»Der Mann, der nie einen Fehler macht, macht niemals etwas«, sagte er.

»Ich bin kein Mann!«

»Das habe ich wohl bemerkt. Aber ich bin sicher, das gilt auch für Frauen. Zwei der Männer bluteten, also hast du ihnen wohl ein paar Wunden zugefügt, ehe sie dich niederwarfen. Gut gemacht, Miriel.«

»Das ist das erste Mal, daß du mich lobst. Sei vorsichtig. Es könnte mir zu Kopf steigen.«

Er tätschelte ihre Hand. »Ich kann ein gemeiner Hurensohn sein, ich weiß. Aber du bist ein prima Mädchen - zäh, stark, entschlossen. Ich möchte nicht, daß sie deinen Geist zerstören - aber ich möchte deinen Körper ebensowenig zerstört sehen. Und ich beherrsche nur eine Art, jemanden etwas zu lehren. Ich bin nicht einmal sicher, daß ich die sehr gut beherrsche.«

Miriel versuchte zu lächeln, doch der Schmerz wurde stärker, und sie spürte, wie sie in den Schlaf hinüberglitt.

»Danke«, sagte sie noch. »Danke, daß du da warst...«

Von seinem hohen Arbeitszimmerfenster aus sah Dardalion die Truppe von Lanzenreitern den gewundenen Pfad emporkommen, fünfundzwanzig Männer in silberner Rüstung, mit roten Umhängen, auf jettschwarzen Pferden, deren Flanken mit Ketten gepanzert waren. An ihrer Spitze ritt ein Mann, den Dardalion gut kannte. Im Vergleich zur geschmeidigen, martialischen Vollkommenheit seiner Krieger hätte Karnak eigentlich komisch aussehen müssen, mit seinem Übergewicht und den schreienden Farben seiner Kleidung: roter Umhang, orangefarbenes Hemd, grüne Hosen, an denen blaue Beinschoner hingen, und darunter schwarze Reitstiefel mit silbernem Rand. Aber niemand lachte über seine exzentrische Kleidung. Denn dies war der Held von Dros Purdol, der Retter der Drenai.

Karnak der Einäugige.

Die körperliche Kraft des Mannes war legendär, aber sie verblaßte vor der ungeheuren Macht seiner Persönlichkeit. Mit einer Rede konnte er einen zusammengewürfelten Haufen aus Bauern in schwertschwingende Helden verwandeln, die einer Armee trotzten. Dardalions Lächeln schwand. Ja, und sie würden für ihn sterben, traren für ihn gestorben - zu Tausenden. Sie würden auch weiterhin liir ihn sterben.

Vishna betrat das Studierzimmer, und seine Geiststimme flüsterte waren Dardalions Gedanken: »Wird ihre Ankunft d ie Debatte verzögern, Vater?«

»Nein.«

»War es klug, Ekodas zu befehlen, die rechte Sache zu vertreten?«

»Ist es denn die rechte Sache?« entgegnete Dardalion laut und drehte sich zu dem Adeligen aus Gothir mit dem dunklen Bart um.

»Du hast es mich immer so gelehrt.«

»Wir werden sehen, mein Junge. Jetzt geh hinunter und geleite Graf Karnak zu mir. Und sorge dafür, daß seine Männer zu essen bekommen und die Pferde versorgt werden. Sie haben einen weiten Kitt hinter sich.«

»Ja, Vater.«

Dardalion ging wieder ans Fenster, doch er sah weder die fernen Berge noch die Gewitterwolken, die im Norden drohten. Statt dessen sah er wieder die Hütte am Berg, die beiden verängstigten Kinder und die beiden Männer, die gekommen waren, sie zu töten. Und er spürte das Gewicht der tödlichen Waffe in seinen Händen. Er seufzte. Die rechte Sache? Das wußte nur die QUELLE.

Er hörte dröhnendes Gelächter von der Wendeltreppe, die zu seinem Raum führte, und empfand die ungeheure physische Präsenz Karnaks, ehe der Mann auch nur die Schwelle überschritten hatte.

»Götter, es tut gut, dich zu sehen, alter Junge!« dröhnte Karnak, schritt durch den Raum und hieb mit einer gewaltigen Pranke auf Dardalions Schulter. Das Lächeln des Mannes war breit und echt, und Dardalion erwiderte es.

»Und dich, Graf. Ich sehe, dein Geschmack in Fragen der Kleidung ist so farbenfroh wie eh und je.«

»Gefällt's dir? Der Mantel ist aus Mashrapur, das Hemd aus einer kleinen Weberei in Drenan.«

»Sie stehen dir gut.«

»Himmel, du bist ein elender Lügner, Dardalion. Deine Seele wird dereinst im Höllenfeuer schmoren. Und jetzt setz dich und laß uns über wichtigere Dinge reden.« Der Führer der Drenai ging um den Schreibtisch zu Dardalions Stuhl, so daß der schlanke Abt ihm gegenüber Platz nehmen mußte. Karnak schnallte seinen Schwertgürtel ab und legte ihn neben sich auf den Boden; dann ließ er seine Körpermassen in den Stuhl plumpsen. »Verdammt unbequemes Möbel«, sagte er. »So, wo waren wir? Ach, ja! Was kannst du mir über die Ventrier sagen?«

»Sie werden innerhalb dieser Woche auslaufen und in Purdol, Erek-ban und an der Mündung des Earis landen«, antwortete Dardalion.

»Wie viele Schiffe?«

»Mehr als vierhundert.«

»So viele, hm? Ich nehme nicht an, daß du in Erwägung ziehst, die Bastarde mit einem Sturm zu versenken?«

»Selbst wenn ich es könnte - was ich nicht kann -, würde ich eine solche Bitte ablehnen.«

»Natürlich«, sagte Karnak mit einem breiten Grinsen. »Liebe, Frieden, die QUELLE, Anstand und so weiter. Aber es gibt Leute, die das könnten, oder?«

»So heißt es«, gab Dardalion ihm recht, »unter den Nadir und Kiatze. Aber die Ventrier haben eigene Zauberer, Herr, und ich zweifle nicht daran, daß sie Opfer darbringen und Zauber einsetzen, um gutes Wetter zu gewährleisten.«

»Mach dir keine Gedanken um ihre Probleme«, erwiderte Karnak. »Könntest du einen Dämonenbeschwörer für mich auftreiben?«

Jetzt war es Dardalion, der lachte. »Du bist ein Wunder, Herr. Und ich werde so frei sein, diese Bitte als Scherz aufzufassen.«

»Was sie natürlich nicht war«, sagte Karnak. »Aber du hast deinen Standpunkt klargemacht. Und was ist mit den Gothir?«

»Sie haben ein Abkommen mit den Sathulistämmen getroffen, die eine Invasionstruppe ungehindert durchziehen lassen werden, um die Sentranische Ebene zu besetzen, sobald die Ventrier gelandet sind. Etwa zehntausend Mann.«

»Ich wußte es!« fauchte Karnak verärgert. »Welche Legionen?«

»Die Erste, die Zweite und die Fünfte. Dazu zwei Söldnerlegionen, die aus vagrischen Flüchtlingen bestehen.«

»Großartig. Die Zweite und die Fünfte machen mir keinen Kummer - unsere Spione sagen, sie bestehen vorwiegend aus frischen Rekruten mit wenig Disziplin. Aber die Erste besteht aus den besten Soldaten des Kaisers, und die Vagrier kämpfen wie tollwütige Tiger. Trotzdem, ich habe noch eine Woche, sagst du. In der Zeit kann viel geschehen. Wir werden sehen. Erzähl mir von dem Häuptling der Sathuli.«

Noch eine Stunde lang fragte Karnak Dardalion aus, bis er schließlich zufrieden aufstand, um zu gehen. Dardalion hob die Hand. »Es gibt noch etwas zu besprechen, Herr.«

»Ach, ja?«

»Ja. Waylander.«

Karnaks Gesicht rötete sich. »Das geht dich nichts an, Priester. Ich will nicht, daß du mir nachspionierst.«

»Er ist mein Freund, Karnak. Und du hast befohlen, ihn zu töten.«

»Das sind Staatsangelegenheiten, Dardalion. Bei allen Göttern, Mann, er hat den König umgebracht! Seit Jahren steht ein Preis auf seinen Kopf.«

»Aber deswegen hast du nicht die Gilde verpflichtet, Graf. Ich kenne den Grund, und es ist Torheit! Eine schlimmere Torheit, als du ahnst.«

»Ach, ja? Erklär es mir.«

er, das war ihr erwählter Beruf. Aber die Folter und Ermordung des alten Mannes hatte ein kaltes Feuer in Waylanders Herz entzündet.

Sie würden für diese Tat bezahlen.

Und sie würden mit gleicher Münze bezahlen.

Eine Scheuneneule segelte durch die Nacht auf der Suche nach Nagern; ein grauer Fuchs schlich direkt vor dem wartenden Mann über den Pfad. Doch Waylander rührte sich nicht, und der Fuchs beachtete ihn nicht. Langsam ging die Sonne unter, und die Nacht veränderte den Wald. Der flüsternde Wind wurde zum geisterhaften Zischen einer Schlange; die sanften Bäume wurden starr und abweisend, und der Mond ging auf, zu einem Viertel voll und gekrümmt wie ein Sathuli-Säbel. Ein Mördermond.

Waylander erhob sich und nahm seinen Umhang ab, faltete ihn zusammen und legte ihn über einen Stein. Anschließend stieg er lautlos den Hang hinauf, die Armbrust in der Hand. Unter einer hohen Kiefer saß ein Wächter. Um nicht überrascht zu werden, hatte er trockene Zweige in einem weiten Kreis um den Baum herum verstreut. Jetzt saß er auf einem umgestürzten Baumstamm, das Schwert in der Hand. Sein Haar war hell, fast silbern im Mondlicht.

Waylander legte seine Armbrust zu Boden und umkreiste den Mann. Seine mokassinbeschuhten Füße schoben leise die Zweige beiseite. Mit der linken Hand packte er die Haare des Mannes und riß seinen Kopf zurück, mit der rechten holte er aus und schnitt ihm mit seinem Messer Kehle und Stimmbänder durch. Der Wächter schlug wild mit den Füßen, doch aus seiner Kehle schoß das Blut, und in wenigen Sekunden hörten alle Bewegungen auf. Waylander ließ den Toten zu Boden gleiten und ging zurück zu seiner Armbrust. Das Lagerfeuer lag etwa dreißig Schritt weiter nach Norden, und er konnte eine Gruppe Männer erkennen, die darum herum saß. Als er näher kam, zählte er sie. Sieben. Drei fehlten also. Lautlos umkreiste er das Lager und fand noch zwei weitere Wächter. Beide starben, bevor sie die Gefahr überhaupt wahrnahmen.

Dichter am Feuer rätselte Waylander über den fehlenden Mann nach. War er derjenige, den sie nach Kasyra geschickt hatten? Oder war da noch ein Wächter, den er nicht gefunden hatte? Er ließ seinen Blick über die Gruppe am Feuer schweifen. Da war Morak, auf der anderen Seite des Feuers, eingehüllt in einen grünen Umhang. Aber wer fehlte? Belash! Der Nadir, der Messer kämpf er.

Sich dicht am Boden haltend, kroch Waylander tiefer in die Schatten des Waldes. Er hielt nur einmal inne, um sein Gesicht mit Lehm einzureiben. Seine Kleider waren schwarz, und er verschmolz mit der Dunkelheit. Wo, zum Teufel, steckte der Nadir? Er schloß die Augen und überließ sich den leisen Geräuschen des Waldes. Nichts.

Dann lächelte er. Warum sich um etwas sorgen, das du nicht unter Kontrolle hast? dachte er. Soll Belash sich doch um mich sorgen! Er glitt aus seinem Versteck und bewegte sich auf das Lager zu. Ein wenig Verwirrung war angebracht.

Nördlich des Lagers stand ein dichtes, niedriges Gebüsch. Waylander ließ sich auf alle viere nieder, arbeitete sich weiter vor und erhob sich dann, die Armbrust im Anschlag. Der erste Bolzen durchschlug die Schläfe eines Mannes, der zweite drang einem bärtigen Krieger ins Herz, als er aufspringen wollte.

Gebückt lief Waylander nach Süden, überquerte einen Abhang und lief dann wieder nach Norden, so daß er sich dem Lager von der entgegengesetzten Seite näherte. Wie er erwartet hatte, war es jetzt verlassen, bis auf die zwei Leichname. Er lud die Armbrust erneut, kauerte sich in die Schatten und wartete. Es dauerte nicht lang, bis er zu seiner Rechten eine Bewegung wahrnahm. Er grinste und ließ sich auf den Bauch fallen.

»Irgendeine Spur von ihm?« flüsterte Waylander.

»Nein«, antwortete eine Stimme dicht bei ihm. Waylander schickte zwei Bolzen in Richtung der Stimme. Dem Einschlag der Bolzen folgte ein Grunzen und das Geräusch eines fallenden Körpers.

Dummkopf! dachte Waylander und schob sich wieder ins Gebüsch.

Der Mond verschwand hinter einer dichten Wolkenbank. Völlige Dunkelheit senkte sich über den Wald. Waylander blieb tief geduckt, wartend, lauschend. Er nahm zwei Bolzen aus dem kleinen Köcher und wartete, bis der Nachtwind in den Blättern rauschte, ehe er die Sehnen zurückzog und die Waffe wieder lud, so daß die Geräusche des Waldes das leise Einrasten der Bolzen übertönten. Der Mann, den er angeschossen hatte, schrie schmerzerfüllt nach Hilfe. Doch niemand kam.

Waylander kroch tiefer in den Wald. Waren sie davongelaufen, oder jagten sie ihn? Der Nadir würde nicht davonlaufen. Morak? Wer wußte schon, was in einem Folterer vor sich ging.

Links von ihm stand eine uralte Buche mit gespaltenem Stamm. Waylander warf einen Blick zum Himmel. Der Mond war noch immer verborgen, doch die Wolken brachen langsam auf. Er trat an den Stamm, griff mit seiner linken Hand hinauf und zog sich rasch auf den untersten Ast, von dem aus er noch ein paar Meter höher kletterte.

Der Mond schien wieder hell, und er kauerte sich nieder. Unter ihm war der Wald von einem zauberhaften Licht erhellt. Er suchte prüfend das Unterholz ab. Ein Mann hockte hinter einem Ginstergestrüpp. Ein zweiter war ganz in der Nähe. Er trug einen vagri-schen Jagdbogen, auf dessen Sehne ein Pfeil mit Widerhaken lag. Waylander legte die Armbrust ab, schob sich auf die andere Seite des Baumes und suchte nach den anderen. Aber er konnte niemanden sehen.

Er kehrte an seine ursprüngliche Position zurück, zog eine große dreieckige Kupfermünze aus der Tasche und warf sie in das Ginstergebüsch, hinter dem der erste Attentäter steckte. Der Mann fluchte und sprang auf. Sofort fuhr der zweite Mann herum und schickte einen Pfeil los, der den ersten in der Schulter traf.

»Du verdammter Idiot!« brüllte der Verwundete.

»Tut mir leid!« erwiderte der Bogenschütze, ließ den Bogen fallen und eilte an die Seite seines Kameraden. »Ist es schlimm?«

»Du hättest mich beinahe umgebracht!« klagte der erste.

»Falsch«, sagte Waylander. »Er hat dich umgebracht.«

Ein Bolzen drang dem Mann unmittelbar über der Nase in den Schädel. Der Bogenschütze sprang auf, um sich in Deckung zu bringen, doch Waylanders zweiter Bolzen traf ihn im Nacken. Ein Pfeil sauste an Waylanders Gesicht vorbei und bohrte sich in den Stamm der Buche. Geduckt rannte er in Deckung, warf sich über einen umgefallenen Baum und kroch einen kurzen Steilhang hinauf in dichtes Unterholz.

Noch drei.

Und einer davon war der Nadir!

Mit dem Schwert in der Hand verbarg sich Morak hinter einem großen Felsblock und lauschte auf jede Bewegung. Er war allein, und er hatte Todesangst.

Wie viele waren schon tot?

Der Mann war ein Dämon! Der Griff von Moraks Schwert war glitschig vor Schweiß, und er wischte ihn an seinem Umhang ab.

Seine Kleider waren schmutzig, seine Hände lehmverkrustet. Dies war kein Ort zum Sterben für einen Adeligen - umgeben von Dreck und Würmern und verfaulenden Blättern. Er hatte schon oft gegen Männer gekämpft, Klinge gegen Klinge, und er wußte, daß er kein Feigling war, doch die Dunkelheit des Waldes, das Zischen des Windes, das schlangengleiche Wispern der Blätter und das Wissen, daß Waylander unterwegs zu ihm war wie der Schatten des Todes, brachten ihn beinahe um den Verstand. Eine Bewegung hinter ihm ließ sein Herz aussetzen. Er fuhr herum, versuchte, sein Schwert zu heben, doch Belashs kräftige Hand packte sein Handgelenk. »Folge mir«, flüsterte der Nadir und verschwand wieder im Unterholz. Morak war mehr als bereit zu gehorchen, und die beiden Männer schlichen nach Süden. Belash ging voran, den Hang hinab zu dem Felsen, auf dem Waylanders Umhang lag.

»Er kommt hierher zurück«, sagte Belash leise.

Morak sah, daß der Nadir einen kurzen Jagdbogen aus vagri-schem Horn trug; einen Köcher mit Pfeilen hatte er um die breiten Schultern geschlungen. »Was ist mit den anderen?« fragte er.

»Tot - alle außer Jonas. Er hat einen Pfeil auf Waylander abgeschossen, ihn aber verfehlt. Jonas ließ seinen Bogen fallen und lief davon.«

»Feiger Hund!«

Belash grinste. »So ist unser Anteil größer, was?«

»Ich dachte, du interessierst dich nicht für Geld. Ich dachte, das hier wäre für dich nur eine Übung in Tapferkeit. Du weißt schon, die Knochen deines Vaters und so.«

»Jetzt ist keine Zeit zum Reden, Morak. Du bleibst hier sitzen und ruhst dich aus. Ich bleibe in der Nähe.«

»Hier sitzen? Dann sieht er mich ja.«

»Natürlich. Es ist eine kleine Armbrust - er wird nahe herankommen. Dann töte ich ihn.«

Morak stieß einen Fluch aus. »Und wenn er nun heranschleicht und schießt, ehe du ihn siehst?«

»Dann stirbst du«, sagte Belash.

»Einen seltsamen Sinn für Humor hast du. Warum setzt du dich nicht hier hin? Ich nehme den Bogen.«

»Wie du willst«, antwortete Belash verächtlich. Seine dunklen Augen glitzerten vor Vergnügen. Er reichte Morak die Waffe, setzte sich mit verschränkten Armen nieder und starrte nach Süden.

Morak verschwand im Unterholz und legte einen Pfeil auf die Sehne.

Das Mondlicht warf geisterhafte Schatten auf die kleine Lichtung, auf der Belash wartete, und Morak schauderte. Was, wenn Waylander nun aus einer anderen Richtung kam? Was, wenn er - gerade in diesem Augenblick - lautlos hinter ihm durch den Wald schlich? Morak drehte den Kopf, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Aber wer konnte in dieser elenden Finsternis auch schon etwas sehen!

Der Plan des Nadirs war schlicht - einem schlichten Hirn entsprungen. Aber sie hatten es hier nicht mit einem Simpel zu tun. Wenn er hierblieb, konnte das seinen Tod bedeuten. Der Plan bot keine Gewähr. Doch wenn er den Nadir zurückließ, würde Belash sich verraten fühlen. Und falls er überlebte, würde der Nadir ihn jagen. Morak spielte mit dem Gedanken, das Risiko einzugehen, leise davonzuschleichen, doch Belash war ein Waldläufer von nahezu mystischen Fähigkeiten. Er würde ihn hören - und sofort verfolgen. Also ein Pfeil in den Rücken? Nein. Der Nadir war stark. Was, wenn der Pfeil ihn nicht sofort tötet? Morak wußte, daß er Belash Schwert gegen Schwert überlegen war, doch die ungeheure Kraft des Nadirs ließ ihn vielleicht so nahe kommen, daß er sein verdammtes Messer einsetzen konnte ... der Gedanke behagte ihm gar nicht.

Denk nach, Mann!

Morak ließ den Bogen fallen und tastete auf der weichen Erde herum, bis er einen faustgroßen Stein fand. Das war die Lösung. Er stand auf und trat hinaus auf die Lichtung. Belash drehte sich um.

»Was ist los?«

»Ich habe einen anderen Plan«, sagte Morak.

»Und?«

»Ist er das?« zischte Morak und deutete nach Norden. Belashs Kopf fuhr herum.

»Wo?« fragte er.

Der Stein krachte gegen den Nacken des Nadirs. Belash fiel vornüber, und Morak schlug ihn noch einmal. Und noch einmal. Der Nadir sackte zu Boden. Morak ließ den Stein fallen und zog sein Messer. Es war besser, stets sicherzugehen. Plötzlich hörte er eine Bewegung im Gebüsch. Morak wich vor dem Geräusch zurück, machte kehrt und rannte den Pfad entlang.

Und sah nicht den häßlichen Hund, der aus den Büschen kam.

Belash tauchte aus der Finsternis auf in ein schmerzhaftes Bewußtsein. Unter seinem Gesicht spürte er weiche Erde. Sein Kopf dröhnte. Er versuchte aufzustehen, doch Übelkeit überwältigte ihn. Er griff mit einer Hand in seinen Nacken. Das Blut begann zu verkrusten. Seine Hand glitt weiter zu seinem Gürtel. Das Messer steckte noch in der Scheide. Eine Zeitlang versuchte er sich zu erinnern, was geschehen war. Hatte Waylander sie überrascht?

Nein. Dann wäre er jetzt tot.

Sein Mund war trocken. Etwas Kaltes stieß gegen sein Gesicht. Er wandte den Kopf und starrte in die unheilvollen Augen eines riesigen, narbenbedeckten Hundes. Belash blieb vollkommen still liegen, bis auf seine Hand, die sich langsam, zentimeterweise, zu seinem Messer tastete.

»Das wäre nicht klug«, sagte eine kalte Stimme.

Zuerst dachte Belash, der Hund hätte zu ihm gesprochen. Ein Höllenhund, der gekommen war, um seine Seele zu holen?

»Hierher, Hund!« erklang die Stimme wieder. Der Hund trottete davon. Belash zwang sich auf die Knie und sah die schwarzgekleidete Gestalt auf dem Stein sitzen. Die Armbrust des Mannes hing von seinem Gürtel, die Messer steckten in ihren Scheiden.

»Wie hast du mich überwältigt?« fragte Belash.

»Das war ich nicht. Dein Freund - Morak? - hat dich von hinten niedergeschlagen.«

Belash versuchte aufzustehen, doch seine Beine waren zu schwach, und er sackte wieder zusammen. Langsam drehte er sich auf den Rücken, packte den Ast eines umgestürzten Baumes und zog sich in eine sitzende Stellung hoch. »Warum lebe ich noch?« fragte er.

»Du interessierst mich«, sagte der Mann.

Die Wege der Südländer sind wahrlich geheimnisvoll, dachte Belash und lehnte den Kopf an die rauhe Rinde des Baumstammes. »Du hast mir meine Waffen gelassen. Warum?«

»Ich sah keinen Grund, sie dir wegzunehmen.«

»Hältst du mich für einen so unwürdigen Gegner, daß du mich nicht fürchten mußt?«

Der Mann lachte. »Ich habe noch nie einen Nadir getroffen, den man als unwürdigen Gegner bezeichnen könnte. Aber ich habe schon viele Kopfwunden gesehen, und deine wird dafür sorgen, daß du noch ein paar Tage ziemlich schwach bist, wenn nicht länger.«

Belash antwortete nicht. Er stemmte sich in die Höhe, stand schwankend auf und setzte sich auf den Baumstamm. Ihm war schwindlig und übel. Er war nur drei Schritt von Waylander entfernt, und er fragte sich, ob er sein Messer ziehen und den Mann überraschen könnte. Es war unwahrscheinlich, aber es war seine einzige Chance, am Leben zu bleiben.

»Du solltest nicht einmal daran denken«, sagte Waylander leise.

»Kannst du Gedanken lesen?«

»Ich brauche keine besonderen Fähigkeiten, um die Gedanken eines Nadir zu verstehen. Nicht, wenn es sich um den Kampf dreht. Aber du würdest es nicht schaffen, glaub mir. Bist du ein

Keista?«

Belash war erstaunt. Nur wenige Südländer verstanden die komplexen Strukturen, die die Nadirstämme und ihre Zusammensetzung bestimmten. Keista bedeutete Kein Stamm, ein Ausgestoßener. »Nein. Ich gehöre zu den Wölfen.«

»Du bist weit weg von den Mondbergen.«

»Du bist bei dem Zeltvolk gewesen?«

»Oft. Als Freund und als Feind.«

»Welchen Namen haben die Nadir dir gegeben?« erkundigte sich Belash.

Der Mann lächelte dünn. »Sie nannten mich den Seelenräuber. Und ein alter Keista-Führer gab mir einmal den Namen Ochsenschädel.«

Belash nickte. »Du bist mit dem Riesen, mit Eis-Auge, geritten. Es gibt Lieder über dich - dunkle Lieder, von dunklen Taten.«

»Und sie sind wahr«, gab der Mann zu.

»Was geschieht jetzt?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich bringe dich zu mir nach Hause. Dort kannst du dich ausruhen.«

»Warum glaubst du, ich würde dich nicht töten, sobald ich wieder stark genug bin?«

»Die Gilde läßt keine Nadir als Mitglieder zu. Deswegen dürftest du von Morak bezahlt werden. Wenn ich mir die Beulen an deinem Schädel betrachte, würde ich sagen, daß Morak deine Anstellung beendet hat. - Was hättest du davon, mich zu töten?«

»Nichts«, pflichtete Belash ihm bei. Außer der Ehre, der Mann zu sein, der den Seelenräuber getötet hat. Und die Berge würden doch sicher freundlich auf den Mann blicken, der den Diebstahl des Schatzes rächte? Bestimmt würden sie ihm dann die Rache gewähren, die er suchte.

Waylander trat vor. »Kannst du gehen?«

»Ja.«

»Dann folge mir.« Der große Mann ging davon. Sein breiter Rücken bildete ein einladendes Ziel.

Noch nicht, dachte Belash. Erst muß ich meine Kräfte wiedergewinnen.