12.

Angels Kopf dröhnte, und sein Zorn strömte ungeschmälert weiter, als Miriel dem Gefängnisaufseher die Strafe zahlte.

»Wir mögen hier keine Unruhestifter«, sagte der Mann zu Miriel. »Nur sein Ruf hat ihn davor bewahrt, ausgepeitscht zu werden, wie er es verdient.«

»Wir reisen heute von Delnoch ab«, sagte sie mit einem süßen Lächeln, als der Mann die zwanzig Silberstücke nachzählte.

»Ich meine, für wen hält er sich eigentlich? beharrte der Soldat.

»Warum fragst du nicht mich, du arroganter Hurensohn?« wütete Angel, die Hände um die Gitterstäbe der Zellentür gelegt.

»Siehst du?« sagte der Mann kopfschüttelnd.

»Normalerweise ist er nicht so streitsüchtig«, erklärte Miriel und warf dem frühen Gladiator einen warnenden Blick zu.

»Ich finde, man hätte ihn auspeitschen sollen«, warf Senta mit einem breiten Grinsen ein. »Was für ein Durcheinander. Die Kneipe sieht aus, als wäre eine Flutwelle darüber hinweggegangen. Ein unmögliches Benehmen!«

Angel blickte ihn nur finster. Der Aufseher stand langsam auf und nahm einen großen Schlüsselring von einem Haken an der Tür. »Er muß unverzüglich aus Delnoch hinausgebracht werden. Ohne Aufenthalt. Habt ihr eure Pferde draußen?«

»Ja«, sagte Miriel.

»Gut.« Er schloß die Zellentür auf, und der wutschnaubende Angel trat in den Raum. Ein Auge war blau und halb geschlossen, die Oberlippe aufgeplatzt.

»Ich würde sagen, eine Verbesserung deines Äußeren«, meinte Senta grinsend.

Angel drängte sich an ihm vorbei und marschierte in den Sonnenschein hinaus. Belash wartete. Seine dunklen Augen verrieten nicht, was er dachte.

»Kein Wort!« warnte Angel, zerrte die Zügel seines Pferdes von dem Pfosten und kletterte in den Sattel. Miriel und Senta traten in den Sonnenschein hinaus, gefolgt von dem Gefängniswärter.

»Auf direktem Weg, ohne anzuhalten«, wiederholte der Soldat.

Miriel schwang sich in den Sattel und ritt voran zum Tortunnel unter der fünften Mauer. Wächter prüften die Pässe, die Miriel bekommen hatte, und winkten sie durch, über das offene Gelände zum nächsten Tunnel und weiter zum nächsten. Schließlich ritten sie auf den Paß hinaus.

Senta lenkte sein Pferd neben Angels. »Wie fühlst du dich?« fragte

»Warum gehst du nicht...« Er verschluckte den Rest, als Miriel ihr Pferd zügelte und es neben seines brachte.

»Was ist passiert, Angel?« fragte sie.

»Warum liest du nicht meine Gedanken und findest es selbst heraus?« fauchte er.

»Nein«, widersprach sie. »Du und Senta, ihr habt recht - es ist schlechtes Benehmen. Ich werde es nicht wieder tun, das verspreche ich. Also, erzähl mir, wie die Schlägerei anfing.«

»Es war halt eine Schlägerei«, sagte er mit einem Achselzucken. »Da gibt's nichts zu erzählen.«

Miriel wandte sich an Belash. »Du warst auch da?«

Der Nadir nickte. »Ein Mann fragte unseren häßlichen Freund, wie es ist, ein Gesicht zu haben, auf dem eine Kuh herumgetrampelt ist.«

»Ja? Und dann?«

»Er sagte: >So.< Dann hat er dem Mann die Nase gebrochen.« Belash machte den Hieb nach, eine gerade Linke.

Sentas Gelächter hallte zwischen den Bergen wider. »Darüber lacht man nicht«, tadelte Miriel. »Ein Mann mit gebrochener Nase und Kieferbruch, zwei weitere mit gebrochenen Armen. Einer hat sich sogar das Bein gebrochen.«

»Das war der Mann, den er aus dem Fenster geworfen hat«, sagte Belash. »Und es war nicht einmal offen.«

»Warum warst du so wütend?« wollte Miriel von Angel wissen. »In der Hütte warst du immer so ... selbstbeherrscht.«

Angel entspannte sich und saß zusammengesunken im Sattel. »Das war damals«, erklärte er, gab seinem Wallach die Sporen und ritt voraus.

Senta warf einen Blick auf Miriel. »Ohne deine Gabe siehst du nicht sehr viel, oder?« stellte er fest, ließ sein Pferd in leichten Galopp fallen und schloß wieder zu Angel auf.

»Was jetzt?« fragte der Gladiator.

»Du hast sechs Männer mit bloßen Händen geschafft. Das ist eindrucksvoll, Angel.«

»Soll das ein Witz sein?« »Nein. Es tut mir leid, daß ich den Kampf versäumt habe.«

»Es war nichts Besonderes. Ein paar Stadtbewohner. Kein einziger richtiger Gegner weit und breit.«

»Ich freue mich, daß du beschlossen hast, bei uns zu bleiben. Ich hätte deine Gesellschaft vermißt.«

»Ich die deine nicht, Bursche.«

»O doch. Sag mir, seit wann bist du in sie verliebt?«

»Was ist denn das für eine dämliche Frage?« wütete Angel. »Ich bin nicht verliebt. Zum Teufel, Senta, guck mich so an! Ich bin fast so alt wie ihr Vater, und mein Gesicht könnte Milch sauer werden lassen. Nein, sie ist mit einem Jüngeren besser dran. Selbst mit dir -möge meine Zunge schwarz werden, wenn ich das sage.«

Senta wollte gerade etwas erwidern, als er einen Reiter aus den Felsen zu ihrer Linken auftauchen sah. Es war eine junge Nadirfrau mit jettschwarzem Flaar, die eine Ziegeniedertunika und gelbbraune Beinkleider trug. Belash galoppierte an ihnen vorbei und sprang aus dem Sattel. Die Frau stieg ab und umarmte ihn. Miriel, Senta und Angel blieben schweigend im Sattel, während die beiden Nadir sich in ihrer eigenen Sprache unterhielten. Dann führte Belash das Mädchen zu dem wartenden Trio.

»Das ist Shia, meine Schwester. Sie wurde ausgeschickt, mich zu suchen«, erklärte er.

»Freut mich«, sagte Senta.

»Warum? Du kennst mich doch nicht.«

»Das ist eine traditionelle Begrüßung«, erklärte er.

»Aha. Und was ist die traditionelle Antwort?«

»Das hängt von den Umständen ab«, sagte Senta. »Und das ist Miriel.« Shia betrachtete die große Frau aus den Bergen und sah die Messer in dem schwarzen Wehrgehänge und den Säbel an ihrer Seite.

»Was für ein merkwürdiges Volk«, meinte sie. »Männer, die wie Weiber leben, und Frauen, die sich bewaffnen wie Männer. Das ist wirklich schwer zu begreifen.«

»Und das ist Angel.«

»Ja«, sagte sie. »Der alte Nicht-Umzubringen. Freut mich.«

Angel schüttelte den Kopf und grunzte. Er zog an den Zügeln und ritt den Paß hinunter. »War die Begrüßung nicht richtig?« wollte Shia von Senta wissen.

»Er hat einfach einen schlechten Tag«, meinte der Schwertkämpfer.

Bodalen versuchte, sein Zittern dem kalten Wind zuzuschreiben, der von den Pässen der Mondberge herunterwehte, doch er wußte es besser. Vor sieben Tagen waren sie in Gulgothir aufgebrochen und befanden sich nun tief im Land der Nadir, und das machte Bodalens Angst praktisch unkontrollierbar. Die elf Reiter hatten einen weiten Bogen um drei kleine Zeltdörfer geschlagen und hatten keine Feindberührung gehabt, doch Bodalens Gedanken waren voller Bilder von Folter und Verstümmelung. Er hatte viele Geschichten über die Nadir gehört, und der Gedanke, daß die Stammeskrieger in der Nähe waren, entmutigte ihn.

Was mache ich hier eigentlich? fragte er sich. In ein feindliches Land zu reiten ... mit Abschaum wie Gracus und seinen Männern. Es ist deine Schuld, Vater. Immer mußtest du drängen, schmeicheln, zwingen! Ich bin nicht wie du. War ich nie und möchte ich auch nie sein! Aber du hast mich zu dem gemacht, was ich bin.

Er erinnerte sich an den Tag, an dem Galen das erste Mal auf ihn zugekommen war. Er hatte das zubereitete Lorassiumblatt mitgebracht, und Bodalen erinnerte sich voller Vergnügen an den Geschmack auf der Zunge, bitter und betäubend. Und dann kam die wundervolle Erregung, die durch seine Adern pulsierte. Alle seine Ängste waren verschwunden, alle seine Träume wuchsen. Eine Freude jenseits aller Vorstellungskraft überflutete all seine Sinne. Oh, ja. Die Erinnerungen an die Orgien, die darauf folgten, erregten ihn selbst heute noch, während sein Pferd langsam über den Bergpfad trottete. Leidenschaft und die wilde Lust, willigen - und auch unwilligen - Partnern Schmerzen zuzufügen, die dünnen Peitschen, die bettelnden Schreie.

Dann hatte Galen ihn Zhu Chao vorgestellt. Und die Verheißungen begannen. Wenn Karnak - dieser aufgeblasene selbstverliebte Tyrann - tot war, würde es Bodalen sein, der über die Drenai herrschte. Und er konnte seinen Palast mit Konkubinen und Sklaven füllen. Lebenslange Vergnügungen, frei von allen Beschränkungen. Wie sah es heute mit diesen Versprechungen aus?

Er schauderte und drehte sich zu dem dunklen, falkengesichtigen Gracus um, der unmittelbar hinter ihm ritt. Die übrigen Reiter folgten schweigend in einer Reihe. »Wir sind fast da, Graf Bodalen«, sagte Gracus, ohne zu lächeln.

Bodalen nickte, antwortete jedoch nicht. Er wußte, daß es ihm am physischen Mut seines Vaters fehlte, doch an seiner Intelligenz mangelte es nicht. Zhu Chao sah keinen wertvollen Verbündeten mehr ihn ihm. Er wurde als Mörder benutzt.

An welchem Punkt war alles schiefgegangen? Er leckte sich die Lippen. Das war leicht zu beantworten. Als das verdammte Mädchen gestorben war.

Waylanders Tochter.

Was für ein elender Trick des Schicksals!

Sein Pferd erreichte den Hügelkamm, und Bodalen blickte hinab in ein grünes Tal mit glitzernden Wasserläufen. Es war etwa drei Kilometer breit und vielleicht sechs Kilometer lang, und in der Mitte ragte eine alte Festung mit vier Türmen und einem Fallgittertor auf. Bodalen blinzelte und rieb sich die Augen. Die Türme waren schief und krumm, die Mauern uneben, als hätte die Erde sich unter dem Gebäude aufgewölbt. Und trotzdem stand es noch.

Gracus ritt an seine Seite. »Kar-Bazac«, sagte er.

»Es sieht aus, als hätte es ein Besofferner entworfen«, meinte Bodalen.

Gracus zuckte gleichgültig die Achseln. »Wir können dort unser Quartier aufschlagen«, antwortete er.

Langsam ritten die elf Reiter hintereinander ins Tal hinab. Bodalen konnte seine Augen nicht von der Zitadelle wenden. Die Fenster, nurmehr Schießscharten, waren nicht gerade, sondern krumm, jedes hatte eine andere Höhe; einige waren zur Seite gekippt, andere in die Höhe gezogen. »Das kann doch sicherlich nicht so gebaut worden sein?« fragte er Gracus. Einer der Türme neigte sich in einem unmöglichen Winkel; dennoch waren in den großen Steinen keinerlei Risse zu sehen. Als sie näher kamen, fiel Bodalen der Besuch einer Waffenschmiede ein, als er noch ein Kind gewesen war. Karnak hatte ihm die große Esse gezeigt. Sie hatten einen Eisenhelm ins Feuer geworfen, und der Junge hatte zugesehen, wie der Helm langsam schmolz. Kar-Barzac war wie dieser Helm.

Sie ritten durchs Tal, und Gracus deutete auf einen Baum in der Nähe. Der Stamm war gespalten und hatte sich um sich selbst gewunden, so daß er einen verrückten Knoten bildete. Und die Blätter waren scharf und lang, fünfzackig und blutrot. Bodalen hatte noch nie so einen Baum gesehen.

Als sie sich der Festung näherten, sahen sie den halb aufgefressenen Kadaver eines Dickhornscharfs. Gracus verließ sie, um sich das Tier genauer anzusehen. Bodalen folgte ihm. Die Augen des Schafs

waren nicht mehr da, wohl aber der Kopf mit dem aufgerissenen Maul.

»Beim Blute Missaels!« flüsterte Bodalen. Das Schaf hatte kurze, spitze Fangzähne.

»Dieses Tal ist verhext!« sagte einer der Männer.

»Still!« brummte Gracus und glitt aus dem Sattel. Er kniete neben dem Kadaver nieder. »Sieht aus, als hätten Ratten dran genagt«, meinte er. »Die Bißspuren sind klein.« Er stand auf und schwang sich wieder aufs Pferd.

Bodalens Unbehagen wuchs. Alles in diesem Tal wirkte unnatürlich. Schweiß rann ihm den Rücken hinab. Er warf einen Blick auf Gracus und sah, daß ihm Schweißtropfen auf der Stirn standen. »Ist das nur Angst, oder ist es hier wärmer?« fragte er den Krieger.

»Es ist wärmer«, antwortete Gracus. »Aber das ist in Bergtälern oft der Fall.«

»Aber doch nicht so heiß?«

»Laß uns zur Festung reiten«, sagte Gracus.

Ein Pferd wieherte und stieg, so daß es den Reiter abwarf. Sofort schwärmte eine Schar rattenähnlicher Geschöpfe aus dem langen Gras, sprang den Mann an und legte sich wie eine Decke aus graugestreiftem Pelz über ihn. Blut schoß aus unzähligen Wunden. Gracus fluchte und ließ sein Pferd im Galopp fallen, Bodalen folgte ihm.

Niemand warf einen Blick zurück.

Die zerstörten Tore der Festung ragten vor ihnen auf, und die zehn verbliebenen Reiter galoppierten in den dahinter liegenden Hof. Auch dieser war uneben, wies aber keine Risse oder Brüche im Marmor auf. Bodalen schwang sich aus dem Sattel, lief zu einer Treppe, die auf den Wehrgang führte, und kletterte rasch auf die Zinnen. Draußen im Tal war alles ruhig, bis auf die zuckenden, grauen Pelzhügel, wo vorher Pferd und Reiter gewesen waren.

»Wir können nicht hierbleiben!« sagte Bodalen, als Gracus zu ihm kam.

»Der Meister hat es befohlen. Es gibt keine Diskussion.«

»Was waren das für Wesen?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht so etwas wie kleine Katzen.«

»Katzen jagen nicht auf diese Art«, beharrte Bodalen.

»Ratten! Katzen! Was macht das für einen Unterschied? Der Meister hat angeordnet, daß wir uns hier verbergen und Kesa Khan töten. Und das werden wir tun.«

»Aber was ist, wenn solche Wesen auch unter der Festung leben? Was dann, Gracus?«

»Dann sterben wir«, antwortete der Krieger mit einem grimmigen Lächeln. »Also wollen wir hoffen, daß es da keine gibt.«

Waylander lag auf dem Rücken, zusammen mit Scar halb unter seinem Umhang, den er gewendet hatte, so daß das Schaffellfutter mit dem umgebenden Schnee verschmolz. Sein rechter Arm lag ausgestreckt über dem Hund, und er streichelte den dicken Kopf.

»Bleib ruhig, Junge«, flüsterte er. »Unser Leben hängt davon ab.«

Nicht weiter als sechzig Schritt hinter ihnen untersuchten sieben Sathulikrieger die Spuren im Schnee. Der Riß in Waylanders Bein heilte rasch, doch die Wunde in seinem linken Oberarm quälte ihn. vor zwei Tagen hätten sie ihn beinahe überrascht, in einem Hinterhalt an einem schmalen Paß. Vier Sathuli waren bei dem Angriff gestorben, ein fünfter war tödlich verwundet davongekrochen, mit einer zerfetzten Arterie in der Leiste. Scar hatte zwei Krieger getötet, doch wenn der Wind nicht plötzlich gedreht hätte, wodurch der Hund aufmerksam geworden war, wäre Waylander jetzt tot. Sein Arm schmerzte, und die Wunde blutete unaufhörlich. Sie war zu weit hinten, als daß er sie nähen konnte, und zu dicht an der Schulter, um sie zu verbinden. Ein tiefes Knurren entstieg Sears Kehle, doch er tätschelte den Hund und flüsterte ihm beruhigende Worte

Die sieben Sathuli versuchten, die Spuren zu deuten, die den Hügel hinauf führten. Waylander wußte, was sie dachten. Die menschlichen Fußspuren führten nach Norden, doch die Spuren des Hundes liefen sowohl den Hügel hinauf wie hinunter. Die Sathuli waren irritiert. Oben am Hang wurde der Pfad schmaler; ein riesiger Felsbrocken vor den Bäumen bot ein ideales Versteck. Keiner der Krieger wollte über den Hang, aus Angst vor dem verborgenen Schützen. Waylander konnte ihre Unterhaltung nicht hören, aber er sah zwei von ihnen gestikulieren und nach Osten deuten. Waylander war ein Risiko eingegangen, indem er sorgsam den Hügel hinaufgegangen und dann in seinen eigenen Spuren rückwärts wieder hinuntergestiegen war. Dann hatte er Scar auf den Arm genommen und den jaulenden Hund in eine Schneewehe links vom Pfad geworfen. Dort hing ein Ast weit über den Hang, und Waylander war hochgesprungen und hatte sich Hand über Hand daran entlanggehangelt, bis er sich am Stamm zu Boden fallen ließ. Dann hatte er sich hingekauert, Seite an Seite mit dem riesigen Hund, um auf die Sathuli zu warten.

Ihm war kalt, und er war durchnäßt. Durch den gewendeten Mantel waren sie im Schnee fast unsichtbar, doch die wärmende Eigenschaft des Schaffells war ebenfalls umgekehrt, und er begann zu zittern.

Die Sathuli beendeten ihre Diskussion. Drei Männer stiegen den Hügel hinauf, zwei weitere bogen rechts vom Pfad ab, zwei nach links.

Waylander zuckte zusammen, als er eine Armbrust hob. Die Wunde an seinem Arm blutete erneut. Lautlos bewegte er sich rückwärts, hinter ein schneebedecktes Gebüsch, dann überquerte er den Hang und kletterte hinauf zu einer Stelle, an der einige umgestürzte Bäume eine durchbrochene Mauer bildeten. Scar trottete hinter ihm her; die Zunge hing ihm aus dem großen Maul.

Die beiden Sathuli kamen in Sicht. Beide trugen kurze, bereits gespannte Jagdbögen. Waylander legte die Hand auf Sears Schulter und drückte ihn sanft zu Boden. »Still jetzt!«

Die weißgekleideten Krieger gelangten zu dem Wall aus Bäumen. Waylander erhob sich mit ausgestrecktem Arm. Der erste Bolzen flog und drang dem ersten Krieger in die Schläfe. Er fiel ohne einen Laut. Der zweite fuhr herum, ließ seinen Bogen fallen und zog seinen Krummsäbel.

»Stell dich mir wie ein Mann, Schwert gegen Schwert!« verlangte

»Nein«, erwiderte Waylander. Der zweite Bolzen durchschlug die Kleider des Kriegers und drang in sein Herz. Sein Mund klappte auf. Der Krummsäbel entfiel seiner Hand. Er machte zwei taumelnde Schritte auf Waylander zu; dann stürzte er kopfüber in den Schnee.

Waylander sammelte seine Bolzen wieder ein, zog dem ersten Toten die weißen Gewänder aus und nahm den Burnus des zweiten. Binnen weniger Augenblicke war er zu einem Sathulikrieger geworden. Scar tappte heran und stellte sich vor ihn, den Kopf auf eine Seite gelegt, mit bebenden Nüstern. »Ich bin es immer noch«, sagte der Mann, kniete nieder und streckte die Hand aus. Scar schob sich vorsichtig vorwärts und schnupperte an den Fingern; dann setzte er sich zufrieden auf die Hinterbeine. Waylander tätschelte seinen Rücken.

»Zeit zu gehen«, sagte der Mann. Er lud die Armbrust erneut, bevor er wachsam den Hang überquerte.

Inzwischen mußten die anderen Jäger die Stelle gefunden haben, an der die Spuren endeten, und sie würden sich zusammentun, um ihre Vorgehensweise zu überdenken. Dann würde es offensichtlich, daß zwei von ihnen fehlten, und sie wußten, daß Waylander hinter ihnen war. Sie hatten zwei Möglichkeiten: auf ihn zu warten oder die Jagd fortzusetzen.

Waylander hatte früher schon gegen Sathuli gekämpft, sowohl als Offizier einer Soldatentruppe wie auch als Einzelkämpfer. Sie waren ein geduldiges Volk, aber auch erbarmungslos und tapfer. Doch er glaubte nicht, daß sie auf ihn warten würden. Sie würden auf ihre Überzahl vertrauen, sich aufmachen, um ihre vermißten Gefährten zu suchen und dann seinen Spuren zu folgen. Da er seine Spuren nicht verbergen konnte, mußte er dafür sorgen, daß sie für die Gegner nutzlos waren.

Als er die Kuppe des Hügels erreicht hatte, schlich er lautlos in den schneebedeckten Kiefernwald. Hier gab es nur wenige Geräusche: das sanfte Seufzen des Windes, gelegentlich das Stöhnen eines Zweiges unter der Last des Schnees. Er holte tief Luft und atmete langsam aus, ehe er aufstand und in einem weiten Kreis zurück nach Osten ging, bis er einen hochgelegenen Punkt des Hangs erreichte, wo er vorher den beiden Sathuli aufgelauert hatte. Er kniete sich hinter einen Felsen und blickte hinunter zu den beiden Toten. Die Leichname waren noch da, aber man hatte sie auf den Rücken gedreht, ihre Arme über der Brust gefaltet und ihnen ihre Krummsäbel in die Hand gelegt.

»Warte hier, Scar«, befahl er dem Hund und schlich zum Rand des Hangs. Der Hund trottete hinter ihm her. Noch zweimal versuchte Waylander, das Tier zum Gehorsam zu bringen. Schließlich gab er auf. »Du mußt erzogen werden, du häßlicher Hurensohn!«

Vorsichtig bahnte sich Waylander einen Weg hinunter zu der Mauer aus Bäumen, bis er auf die Spuren traf, die er vor weniger als einer Stunde hinterlassen hatte. Sie waren jetzt von den Spuren der Jäger überlagert. Waylander lächelte. Die Spuren bildeten nun einen großen Kreis, ohne Anfang und Ende. Er rief den Hund zu sich, kniete nieder und hievte Scar mit einem leisen Stöhnen auf die

Schulter. »Für einen Verbündeten machst du ziemlich viel Arbeit, mein Junge!« sagte er. Er warf sich auf den Baumwall und tastete sich daran entlang. An dem größten der umgestürzten Bäume kletterte er nach unten, wo die schneebedeckten Wurzeln nutzlos zum Himmel wiesen. Hier, wo seine Spuren von dichtem Gebüsch verborgen wurden, kletterte er wieder den Hügel hinauf und ließ sich nieder, um zu warten.

Es wurde allmählich dunkel, als die ersten Fährtensucher in Sicht kamen. Waylander kauerte sich hinter einen Felsen und wartete, bis er hörte, wie die Männer den Hang hinunterschlitterten. Unten bei den Toten angekommen, begannen sie zu streiten. Er konnte dem Gespräch nicht folgen; schließlich aber gebrauchte einer der Männer das Sathuliwort für Kreis. Sie waren wütend und müde, und einer setzte sich auf den Baumwall und warf seinen Bogen hin.

Waylander beobachtete sie kühl. Wieder hatten sie zwei Möglichkeiten: entweder dem Kreis nach Süden zu folgen oder ihre Schritte hangaufwärts zurückzuverfolgen. Wenn sie sich nach Süden wandten, konnte er die offenen Täler nach Gothir erreichen.

Wenn sie sich nach Norden hielten, mußte er sie töten.

Sie redeten fast eine Stunde lang. Das Tageslicht schwand zusehends. Der Krieger, der seinen Bogen hingeworfen hatte, schob den Schnee an einer Stelle zur Seite und zündete ein Feuer an. Die anderen hockten sich darum. Sobald die Flammen hochschlugen, legten sie nasse Kiefernnadeln aufs Feuer, so daß ein dicker, öliger Rauch in den dunkel werdenden Himmel stieg.

Waylander fluchte und zog sich von der Kuppe zurück. »Sie rufen Hilfe herbei«, erklärte er dem verständnislosen Hund. »Aber von wo? Von Norden oder Süden? Oder aus beiden Richtungen?« Scar neigte den Kopf und leckte Waylanders Hand. »Wir müssen uns beeilen, mein Junge, und das Risiko eingehen.«

Er stand auf und ging lautlos Richtung Süden, den Hund an seiner Seite.

»Es macht keinen Sinn«, sagte Asten, dessen Stimme trotz aller Versuche, ruhig zu bleiben, zitterte.

Karnak kicherte leise und hieb dem zornigen General seine Pranke auf die Schulter. »Du machst dir zu viele Gedanken, alter Junge. Die Gothir sind bereit, einzufallen, sobald die Ventrier landen. Sie werden es nicht wagen, Delnoch anzugreifen - sie haben eine Abmachung mit dem Sathuliherrscher getroffen. Ich kann auch Abmachungen treffen. Und wenn wir die Gothir aufhalten, können wir unsere gesamten Truppen gegen die Ventrier einsetzen und sie in einer einzigen Schlacht niedermachen.«

»Das ist ja alles schön und gut, Karnak, aber warum mußt gerade du es sein, der zu den Sathuli reitet? Das ist Wahnsinn!«

»Galen hat mir versichert, daß wir freies Geleit haben.«

»Pah!« höhnte Asten. »Dieser wandelnden Schlange würde ich nicht mal glauben, wenn sie mir erzählt, daß im Sommer die Sonne scheint. Warum kannst du das nicht sehen?«

»Was sehen?« entgegnete Karnak. »Daß ihr beide nicht gerade Busenfreunde seid? Das spielt keine Rolle. Du kannst gut mit Menschen umgehen, aber sein Talent für Täuschung und Doppelbödigkeit ist unschätzbar. Es ist nicht nötig, daß meine Offiziere sich untereinander mögen, Asten, aber du pflegst deine Abneigung bis zu einem Grad, daß sie deine Urteilsfähigkeit beeinträchtigt.«

Asten wurde rot, holte jedoch tief Luft, ehe er antwortete. »Wie du sagst, bin ich ein guter Anführer - keine falsche Bescheidenheit. Aber ich bin kein charismatischer Führer und werde es niemals sein. Ich kann den Kampfgeist nicht so anstacheln wie du. Du bist lebenswichtig für uns, und jetzt hast du vor, mit nur zwanzig Mann zu den Sathuli zu reiten! Sie hassen uns, Karnak - vor allem dich. Vor dem Vagrischen Krieg hast du zwei Legionen in ihr Land geführt und ihre Armee vernichtet. Bei Kashtis Zähnen, Mann, du hast den Vater des jetzigen Herrschers getötet!«

»Alte Geschichten!« fauchte Karnak. »Die Sathuli sind ein Kriegervolk. Sie verstehen das Wesen des Krieges.«

»Das Wagnis ist zu groß«, sagte Asten erschöpft, wohl wissend, daß er verloren hatte.

Karnak grinste. »Wagnis? Bei den Göttern, Mann, dafür leben ich! Ins Auge des Ungeheuers zu blicken, seinen Atem in meinem Gesicht zu spüren. Was sind wir denn ohne Gefahren? Vergängliches Fleisch und Knochen, die leben, altern und sterben. Ich reite mit meinen zwanzig Männern in diese Berge. Ich werde dem Sathulihäupt-ling in seinem eigenen Bau die Stirn bieten, und ich werde ihn auf meine Seite bringen. Die Gothir werden die Sentranische Ebene nicht erreichen, und die Drenai werden in Sicherheit sein. Ist das nicht das Risiko wert?«

»Ja«, erwiderte Asten zornig. »Es ist ein Risiko, das ich bereitwillig eingehen würde. Aber die Drenai können es sich auch leisten, den alten Asten zu verlieren, den Bauernsohn. Es gibt viele fähige Offiziere, die seinen Platz einnehmen könnten. Aber wer wird deinen Platz einnehmen, wenn die Sathuli dich verraten und deinen Kopf an die Palastmauer nageln?«

Karnak schwieg einen Moment. »Falls ich ... sterbe«, sagte er leise, »wirst du für uns siegen, Asten. Du gehörst zu denen, die überleben, alter Freund. Die Männer wissen das.«

»Dann solltest du dies wissen, Karnak: Falls Galen aus irgendeinem Grund ohne dich zurückkommt, werde ich ihm die Kehle durchschneiden.«

Karnak lachte in sich hinein. »Tu das«, sagte er, und sein Lächeln schwand. »Tu genau das!«