2.
Ralis erzählte den Leuten gern, daß er schon Kesselflicker gewesen sei, als die Sterne noch jung waren, und allzu weit war das nicht von der Wahrheit entfernt. Er konnte sich noch daran erinnern, als der alte König, Orien, nicht mehr als ein bartloser Prinz war, der hinter seinem Vater herging, bei der Frühjahrsparade auf der ersten Straße, die man den Drenai-Weg nannte.
jetzt hieß sie Allee der Könige, und sie war viel breiter und führte durch den Triumphbogen, der zur Feier des Sieges über die Vagrier errichtet worden war.
So viele Veränderungen. Ralis erinnerte sich voller Zuneigung an Orien, den ersten Kriegskönig der Drenai, Träger der Bronzerüstung, Sieger in hundert Schlachten und zahlreichen Kriegen.
Manchmal, wenn er in einsamen Wirtshäusern saß und sich von seinen Reisen ausruhte, erzählte der alte Kesselflicker den Leuten von seiner Begegnung mit Orien, kurz nach der Schlacht um Dros Corteswain. Der König war im Wald von Skultik auf Wildschweinjagd gewesen, und Ralis, damals noch jung und mit einem dunklen Bart, war mit seinem Bündel unterwegs zur befestigten Stadt Del-noch gewesen.
Sie waren sich an einem Fluß begegnet. Orien saß auf einem Felsen, die nackten Füße im kalten Wasser, die teuren Stiefel hatte er beiseite gestellt. Ralis hatte die Riemen seines Ranzens gelöst, war zum Wasser gegangen und hatte sich niedergekniet, um zu trinken.
»Dein Ranzen sieht schwer aus«, sagte der goldhaarige König.
»Aye, das ist er«, antwortete Ralis.
»Bist Kesselflicker, was?«
»Aye.«
»Du weißt, wer ich bin?«
»Du bist der König«, sagte Ralis.
Orien kicherte in sich hinein. »Du bist nicht beeindruckt? Gut für dich. Du hast wohl nicht zufällig eine Salbe dabei? Ich habe Blasen, so groß wie kleine Apfel.«
Ralis schüttelte den Kopf und breitete entschuldigend die Arme aus. In diesem Augenblick traf eine Gruppe junger Adeliger am Schauplatz ein und umringte den König. Sie lachten und riefen und prahlten mit ihren Fähigkeiten.
Ralis war unbemerkt davongegangen.
Als die Jahre vergingen, verfolgte er die Taten des Königs - beinahe so, als würde er Neuigkeiten über einen alten Freund sammeln. Doch er bezweifelte, daß die Erinnerung an ihre Begegnung bei dem König länger als ein, zwei Augenblicke vorgehalten hatte.
Jetzt ist alles anders, dachte er, als er sein Bündel für den Marsch hinauf zur Hütte schulterte. Das Land hatte keinen König - und das war nicht richtig. Die QUELLE würde nicht wohlwollend auf ein Land ohne Prinzen hinabschauen.
Ralis atmete schwer, als er den letzten Hügelkamm erreichte und auf die blumenumrankte Hütte hinunterblickte. Der Wind ließ nach, und eine wundervolle Stille senkte sich über den Wald. Ralis holte tief Luft. »Ihr beide könnt jetzt herauskommen«, sagte er leise. »Ich kann euch vielleicht nicht sehen, aber ich weiß, daß ihr da seid.«
Die junge Frau erschien zuerst. In ihren Beinkleidern aus geöltem schwarzem Leder und einer Tunika aus grauer Wolle erhob sie sich aus dem Gebüsch und grinste den alten Mann an. »Du wirst scharfsichtiger, Ralis«, stellte sie fest.
Er nickte und wandte sich nach rechts. Der Mann trat hervor. Wie Miriel trug er Beinkleider aus schwarzem Leder und eine Tunika, doch er hatte darüber hinaus noch schwarze Ketten-Schulterstücke und ein Wehrgehänge umgelegt, von dem drei Wurfmesser herabhingen. Ralis schluckte. Dieser stille Mann aus den Bergen hatte etwas an sich, das den alten Kesselflicker schon immer beunruhigt hatte, seit sie sich vor zehn Jahren zum erstenmal auf diesem Berg begegnet waren. Er hatte oft darüber nachgedacht. Es lag nicht daran, daß Dakeyras ein Krieger war - Ralis hatte viele Krieger gekannt -, und es war auch nicht die wölfische Art, mit der er sich bewegte. Nein, es war etwas Undefinierbares, das Ralis an Sterblichkeit denken ließ. So dicht neben Dakeyras zu stehen hieß irgendwie, dem Tod nahe zu sein. Er schauderte.
»Schön, dich zu sehen, alter Mann«, grüßte Dakeyras. »Wir haben Fleisch auf dem Tisch und kaltes Quellwasser. Und getrocknete Früchte - falls deine Zähne damit fertig werden.«
»Mit meinen Zähnen ist alles in Ordnung, Junge«, fauchte Ralis. »Sie sind vielleicht nicht mehr das, was sie mal waren, aber die, die übrig sind, erledigen ihre Aufgabe noch.«
Dakeyras wandte sich an das Mädchen. »Bring ihn hinein. Ich komme gleich nach.«
Ralis sah ihm nach, wie er lautlos zwischen den Bäumen verschwand. »Ihr erwartet wohl Ärger, was?« fragte er.
»Wie kommst du darauf?« erwiderte das Mädchen.
»Er war immer schon vorsichtig - aber er trägt Kettenpanzerung. Schön gearbeitet, aber trotzdem schwer. Ich glaube nicht, daß er den Panzer hier in den Bergen einfach zur Schau trägt.«
»Wir hatten Ärger«, gab sie zu.
Er folgte ihr hinunter in die Hütte, stellte sein Gepäck an der Tür ab und streckte sich in einem tiefen, mit Roßhaar gepolsterten Ledersessel aus. »Ich werde zu alt für dieses Leben«, ächzte er.
Sie lachte. »Wie lange sagst du das schon?«
»Ungefähr sechzig Jahre«, antwortete er. Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ich frage mich, ob ich schon hundert bin, überlegte er. Ich muß es eines Tages herausfinden - einen Anhaltspunkt finden.
»Wasser oder vergorenen Apfelsaft?« fragte sie.
Er öffnete den Beutel an seiner Seite, holte ein kleines Päckchen heraus und reichte es ihr. »Mach einen Tee daraus«, bat er. »Gieß einfach kochendes Wasser drauf und laß es eine Weile stehen.«
»Was ist das?« wollte sie wissen, hob das Päckchen an die Nase und atmete den Duft ein.
»Ein paar Kräuter, Dill und so etwas. Hält mich jung«, fügte er mit einem breiten Grinsen hinzu.
Sie ließ ihn allein, und er blieb still sitzen und nahm die Umgebung in sich auf. Die Hütte war fest gebaut, der Hauptraum lang und breit, die Feuerstelle und der Kamin solide aus Kalkstein gemauert. Die südliche Wand war mit Holzbrettern verkleidet, an denen ein Bärenfell hing.
Ralis lächelte. Er war schon durch diese Berge gewandert, ehe Dakeyras geboren war, und er wußte von der Höhle und hatte dort selbst ein-, zweimal Schutz gesucht. Aber es war eine schlaue Idee, eine Hütte vor einer Höhle zu bauen und dann den Eingang zu verbergen. Ein Mann sollte immer einen Fluchtweg offenhaben.
»Wie lange soll ich es ziehen lassen?« erklang Miriels Stimme aus dem Hinterzimmer.
»Ein paar Minuten«, antwortete Ralis. »Wenn die zerstoßenen Blätter zu Boden sinken, ist es fertig.«
Das Waffengestell an der Wand zog seinen Blick an: zwei Langbögen, mehrere Schwerter, ein Säbel, ein Sathuli-Krummsäbel und ein halbes Dutzend Messer verschiedener Längen und Krümmungen. Er setzte sich auf. Auf dem Tisch lag eine neue Armbrust. Es war ein schönes Stück. Ralis erhob sich aus dem Sessel und nahm die Waffe in die Hand, um die goldene Einlegearbeit zu betrachten.
»Es ist eine gute Waffe«, sagte Miriel, die wieder ins Zimmer kam.
»Besser als der Mann, dem sie gehörte«, sagte er.
»Du hast ihn gekannt?«
»Kreeg. Eine Kreuzung aus Schlange und Ratte. Aber ein gutes Mitglied der Gilde. Hätte reich sein können, wäre er nicht ein so miserabler Spieler gewesen.«
»Er hat versucht, meinen Vater zu töten - wir wissen nicht, warum.«
Ralis erwiderte nichts. Miriel ging in die Küche und kam mit seinem Tee zurück, den er langsam schlürfte. Dann aßen sie in behaglichem Schweigen, wobei der alte Mann drei Portionen Löwenfleisch vertilgte. Während er ein Stück frischgebackenes Brot in die dicke Sauce tunkte, schaute er Miriel an und seufzte. »So gut essen sie nicht mal im Palast in Drenan«, sagte er.
»Du bist ein Schmeichler, Ralis«, schalt sie ihn. »Aber es gefällt mir.«
Er ging zu seinem Ranzen, öffnete den Uberschlag und wühlte in den Tiefen herum, bis er schließlich einen verkorkten Metallflakon und drei kleine Silberbecher zum Vorschein brachte. Er kehrte zum Tisch zurück und füllte die Becher mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. »Schmeckt himmlisch«, sagte er.
Miriel hob ihren Becher und nippte an dem Schnaps. »Es ist, als ob man Feuer schluckt«, sagte sie errötend.
»Ja. Gut, nicht wahr?«
»Erzähl mir von Kreeg.«
»Da gibt's nicht viel zu erzählen. Er kam aus dem Süden. War eigentlich ein Bauernjunge. Kämpfte in den Vagrischen Kriegen und schloß sich dann Jonat bei der Rebellion an. Als Karnak die Rebellenarmee zerschlug, verbrachte Kreeg ein oder zwei Jahre in Ventria. Als Söldner, glaube ich. Vor drei Jahren ist er zur Gilde gestoßen. Nicht gerade einer ihrer Besten, verstehe mich recht, aber gut genug.«
»Dann hat ihn jemand bezahlt, um meinen Vater zu töten?«
»Ja.«
»Warum?«
Der alte Mann zuckte die Achseln. »Warten wir, bis er zurück ist.«
»Das klingt wie ein Geheimnis.«
»Ich wiederhole mich nicht gern. In meinem Alter ist Zeit kostbar. Wie gut erinnerst du dich an deine Kindheit?«
»Was meinst du damit?«
»Ich meine, Dakeyras ... wo hast du ihn kennengelernt?« Er sah, daß die Frage sie überraschte und beobachtete, wie ihr Gesichtsausdruck von offen und freundlich zu wachsam und mißtrauisch wechselte.
»Er ist mein Vater«, sagte sie leise.
»Nein«, sagte er. »Deine Familie wurde bei einem Uberfall während der Vagrischen Kriege getötet. Und Dakeyras, unterwegs mit einem Mann namens Dardalion, fand dich und deine Schwester ... und deinen Bruder, glaube ich, in der Obhut einer jungen Frau.«
»Woher weißt du das?«
»Wegen Kreeg«, sagte er und füllte seinen Becher nach.
»Das verstehe ich nicht. Wie ...«
Die Stimme von Dakeyras unterbrach sie von der Tür her. »Er will damit sagen, daß er weiß, wen Kreeg töten sollte.« Der große Mann löste die Bänder von seinem Lederumhang und hängte ihn über den Stuhl. Dann nahm er den dritten Silberbecher und stürzte den Inhalt hinunter.
»Fünfzehntausend in Gold«, sagte Ralis. »Fünf für die Gilde, zehn für den Mann, der deine Armbrust zur Zitadelle bringt. Es heißt, daß mehr als fünfzig Männer das Land nach Neuigkeiten über dich durchkämmen. Morak der Ventrier gehört dazu, ebenso Belash, Courail und Senta.«
»Von Morak und Courail habe ich schon gehört«, sagte Dakeyras.
»Belash ist ein Nadir und kämpft mit dem Messer. Senta ist ein Schwertkämpfer, der dafür bezahlt wird, Duelle auszufechten. Er ist sehr gut - alte Adelsfamilie.«
»Ich nehme an, es gibt auch eine hohe Belohnung für Informationen über meinen Aufenthaltsort«, sagte Dakeyras leise.
»Das bezweifle ich nicht«, meinte Ralis, »aber es müßte schon ein tapferer Mann sein, der Waylander den Schlächter verrät.«
»Bist du ein tapferer Mann?« Die Worte waren sanft gesprochen, doch der Unterton war gespannt, und der Magen des alten Mannes krampfte sich zusammen.
»Mehr Mut als Verstand«, gab Ralis zu, ohne dem dunklen Blick des anderen auszuweichen.
Waylander lächelte. »So sollte es auch sein«, sagte er, und der Augenblick der Spannung verflüchtigte sich. »Was sollen wir tun?« fragte Miriel.
»Uns auf einen langen Winter vorbereiten«, antwortete Waylander.
Ralis schlief leicht. Deshalb hörte er das Quietschen der ledernen Angeln, als die Haupttür aufging. Der alte Mann gähnte und schwang die Beine aus dem Bett. Obwohl beinahe schon der Morgen graute, sickerten noch immer dünne Mondstrahlen durch die Ritzen in den Schlagläden der Fenster. Er stand auf und streckte sich. Die Luft war kühl und frisch, mit einer Ankündigung des kommenden Winters. Ralis schauderte und zog seine warmen wollenen Beinkleider und seine Tunika an.
Er öffnete die Tür seines Schlafgemachs und trat in den Hauptraum. Er sah, daß jemand die glühende Asche des vergangenen Abends neu angefacht und Anmachholz auf die hungrigen Flammen gelegt hatte. Waylander war ein aufmerksamer Gastgeber, denn normalerweise hätten sie so früh an einem Herbsttag noch kein Feuer angezündet. Er ging zum Fenster, hob den Riegel und stieß den hölzernen Laden zurück. Draußen verblaßte der Mond an einem grauen Himmel. Die Sterne erloschen; das blasse Rosa des Morgens zeigte sich über den Gipfeln im Osten.
Eine Bewegung erregte Ralis' Aufmerksamkeit, und er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Auf dem Berghang, mindestens fünfhundert Meter entfernt, glaubte er, einen Mann rennen zu sehen. Ralis gähnte und kehrte zum Feuer zurück, wo er sich in dem tiefen Ledersessel niederließ. Das Anmachholz brannte gut, und er legte zwei abgelagerte Holzstücke aus dem Stapel neben der Feuerstelle darauf.
Also, dachte er, ist das Geheimnis endlich gelüftet, überraschend war nur, daß er jetzt so niedergeschlagener Stimmung war. Jahrelang hatte er Dakeyras und seine Familie gekannt, die schöne Frau, die Zwillingsmädchen. Und immer hatte er gespürt, daß hinter dem Mann noch mehr steckte. Und das Geheimnis hatte seine Gedanken beschäftigt, hatte vielleicht sogar dazu beigetragen, daß er in einem Alter aktiv blieb, in dem die meisten - wenn nicht alle - Zeitgenossen seiner Jugend schon tot waren.
Ein Ausreißer, ein Adeliger, der Reichtum und Privilegien den Rücken gekehrt hatte, ein Flüchtling vor der Tyrannei der Gothir ... all das hatte er sich ausgemalt, als er an Dakeyras dachte. Und noch mehr. Aber jetzt waren diese Spekulationen müßig: Dakeyras war der legendäre Waylander - der Mann, der König Oriens Sohn, Nial-lad, getötet hatte. Aber er war auch der Held, der die verborgene Bronzerüstung gefunden und sie dem Volk der Drenai zurückgegeben hatte, um es auf diese Weise von den mörderischen Exzessen der einmarschierenden Vagrier zu befreien.
Der alte Mann seufzte. Welche neuen Geheimnisse konnte er jetzt wohl finden, um seinen Geist zu beschäftigen und den Lauf der Zeit sowie das unausweichliche Herannahen des Todes zu verdrängen?
Er hörte, wie Miriel in dem anderen Zimmer aufstand. Sie schlenderte herein, groß und schlank und nackt. »Guten Morgen«, grüßte sie ihn freundlich. »Hast du gut geschlafen?«
»Ziemlich gut, Mädchen. Du solltest dir etwas überziehen.« Seine Stimme war barsch; die Worte kamen in einem schärferen Tonfall, als er beabsichtigt hatte. Es war nicht so, daß ihre Nacktheit ihn erregte - eher im Gegenteil, stellte er fest. Ihre Jugend und ihre Schönheit ließen ihn nur um so mehr das Gewicht seiner Jahre spüren, die sich hinter ihm als gewaltiger Berg auftürmten. In Melaga hatte er es zuerst bemerkt, vor etwa fünfzehn Jahren. Er hatte sich eine Hure genommen, ein dralles Frauenzimmer, aber er hatte nicht gekonnt, trotz all ihrer Liebeskünste.
Schließlich hatte sie die Achseln gezuckt. »Tote Vögel können nicht mehr aus dem Nest fliegen«, sagte sie grausam.
Miriel kehrte zurück, jetzt in grauen Beinkleidern und einem Hemd aus cremefarbener Wolle. »Gefällt dir das besser, Herr Kesselflicker?«
Er lächelte gezwungen. »Alles an dir, meine Liebe, gefällt mir. Aber nackt erinnerst du mich an alles, was einmal war. Verstehst du das?«
»Ja«, antwortete sie, aber er wußte, daß sie ihm nur einen Gefallen tun wollte. Was verstanden die jungen Leute schon? Sie zog einen hohen Stuhl zum Feuer, drehte ihn um und setzte sich ihm rittlings gegenüber, die Ellbogen auf die hohe Rückenlehne gestützt. »Du hast einige der Männer erwähnt, die meinen Vater jagen«, sagte sie. »Kannst du mir etwas über sie erzählen?«
»Es sind gefährliche Männer, einer wie der andere - und da sind auch noch die, die ich nicht kenne. Aber ich kenne Morak den Ventrier. Er ist tödlich, wahrhaft tödlich. Und ich glaube, daß er verrückt ist.«
»Welche Waffen bevorzugt er?« fragte sie.
»Säbel und Messer. Aber er ist auch ein sehr geschickter Bogenschütze. Und er ist sehr schnell - wie eine zustoßende Schlange. Er tötet jeden - Mann, Frau, Kind, einen Säugling auf dem Arm. Er hat die Gabe, den Tod zu bringen.«
»Wie sieht er aus?«
»Mittelgroß, schlank. Er trägt gern grüne Kleidung, und er hat einen Ring aus schwerem Gold, in den ein grüner Stein gefaßt ist. Er paßt zu seinen Augen, kalt und hart.«
»Ich werde nach ihm Ausschau halten.«
»Wenn du ihn siehst - töte ihn«, knurrte Ralis. »Aber du wirst ihn nicht sehen.«
»Du glaubst nicht, daß er herkommen wird?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ihr beide wäret am besten beraten, hier zu verschwinden. Selbst Waylander kann nicht alle besiegen, die sich ihm entgegenstellen.«
»Unterschätze ihn nicht, Kesselflicker«, warnte sie ihn.
»Das tue ich nicht«, erwiderte er. »Aber ich bin ein alter Mann, und ich weiß, daß die Zeit aus uns allen kindische Greise macht. Früher war ich einmal jung, schnell und stark. Aber langsam, wie Wasser einen Stein höhlt, nimmt die Zeit dir deine Schnelligkeit und deine Kraft. Waylander ist kein junger Mann mehr. Diejenigen, die ihn jagen, stehen in der Blüte ihrer Jahre.«
Sie nickte und wandte den Blick ab. »Dein Rat ist also, davonzulaufen?«
»An einen anderen Ort, unter einem anderen Namen. Ja.«
»Erzähl mir von den anderen Männern«, bat sie.
Und das tat er und sagte ihr alles, was er über Belash, Courail, Senta und viele andere wußte. Sie hörte meist schweigend zu, doch hin und wieder unterbrach sie ihn mit sachlichen Fragen. Zufrieden, daß sie Ralis' Wissen aufgesogen hatte, stand sie schließlich auf.
»Ich mache dir Frühstück«, sagte sie. »Du hast es dir redlich verdient.«
»Was hast du durch meine Geschichten gewonnen?« fragte er.
»Es ist wichtig, den Feind zu kennen«, antwortete sie. »Nur mit Wissen läßt sich der Sieg sichern.«
Ralis erwiderte nichts.
Waylander saß still auf der roh gezimmerten Plattform, hoch in der Eiche, und starrte nach Westen, über die hügelige Ebene zu den fernen Türmen Kasyras. Etwa sechs Kilometer links von ihm verlief die Kornstraße, ein schmales Band, das von der Sentranischen Ebene gen Süden nach Drenan verlief. Hier fuhren jetzt nur wenige Karren, denn das Korn war eingebracht und gespeichert oder zu den Märkten in Mashrapur oder Ventria verschickt worden. Er sah einige Reiter auf der Straße, die alle in Richtung Kasyra oder zu den umliegenden Dörfern unterwegs waren.
Eine frische Brise rauschte in den Blättern, und er lehnte sich zurück. Seine Gedanken schweiften durch die Kammern seiner Erinnerung, suchten und siebten. Seine frühe Ausbildung als Soldat in den Sathuli-Kriegen sagte ihm, daß ein unbeweglicher Feind einer Niederlage entgegensah. Der Wald und die Berge von Skeln rühmten sich vieler Höhlen und Verstecke, doch ein hartnäckiger Feind würde ihn finden, denn ein Mann mußte jagen, um zu essen, und bei der Jagd hinterließ er Spuren. Nein, der Soldat, der er gewesen war, kannte nur einen Weg, um zu siegen: den Angriff!
Aber wie? Und wo? Und gegen wen?
Das Kopfgeld hatte man der Gilde zugesagt. Selbst wenn er den Mann finden konnte, der seinen Tod befohlen hatte, und ihn tötete, würde die Jagd weitergehen.
Der Wind frischte auf, und Waylander zog seinen pelzgefütterten Umhang enger um sich. Der Lauf war schwer gewesen. Seine alternden Muskeln beschwerten sich über die Anstrengung der Bewegung, seine Lungen brannten, und sein Herz schlug wie eine Trommel. Er streckte das rechte Bein aus und rieb die noch immer schmerzenden Muskeln an seiner Wade. Dabei dachte er an das, was er über die Gilde wußte.
Vor fünfzehn Jahren war die Gilde auf Waylander zugetreten und hatte ihm angeboten, seine Verträge auszuhandeln. Er hatte abgelehnt, da er es vorzog, allein zu arbeiten. In jenen Tagen war die Gilde eine geheimnisvolle, schattenhafte Organisation gewesen, die im geheimen arbeitete. Ihre Regeln waren einfach. Erstens waren alle Morde mit Klinge, Pfeil oder geknotetem Seil auszuführen. Mord durch Gift oder Feuer war nicht erlaubt - die Gilde wollte nicht, daß unschuldige Opfer ums Leben kamen. Zweitens wurde alles Geld direkt an die Gilde gezahlt; ein unterzeichnetes Dokument wurde bei ihrem Patriarchen hinterlegt, in dem die Gründe für den Auftrag angegeben waren. Bei diesen Gründen durfte es sich nicht um Herzensangelegenheiten oder religiöse Streitigkeiten handeln.
Theoretisch konnte ein betrogener Ehemann keinen Kopfgeldjäger anheuern, um seine Frau, ihren Liebhaber oder beide ermorden zu lassen. In der Praxis zählten solche Kleinigkeiten natürlich nicht. So lange der Vertragspartner erklärte, daß seine Gründe geschäftlicher oder politischer Art waren, wurden keine Fragen gestellt. Unter Karnak war das Geschäft wenn auch nicht moralisch annehmbar, so doch wenigstens legitimer geworden. Waylander lächelte. Indem er der Gilde erlaubte, offen zu arbeiten, hatte der finanziell stets unter Druck stehende Karnak eine weitere steuerliche Einnahmequelle gefunden. Und in Kriegszeiten waren solche Einnahmen lebenswichtig, um Soldaten, Waffenschmiede, Kaufleute, Bootsbauer und Maurer zu bezahlen ... die Liste war endlos.
Waylander stand auf und streckte den schmerzenden Rücken. Wie viele Gegner würden ihn hetzen? Die Gilde hatte gewiß noch andere Verträge zu erfüllen. Sie konnte es sich nicht leisten, alle ihre Kämpfer das Land nach Informationen über ihn, Waylander, durchkämmen zu lassen. Sieben? Zehn? Die besten würden nicht zuerst kommen. Sie würden abwarten und beobachten, während die schwächeren die Jagd begannen. Männer wie Kreeg.
Und waren sie schon da? Verborgen, wartend?
Er dachte an Miriel, und sein Magen verkrampfte sich. Sie war stark und zäh, geschickt mit allen Waffen. Aber sie war jung und hatte nie gegen Krieger gekämpft, Waffe gegen Waffe.
Waylander zog seinen Umhang aus, rollte ihn zusammen, warf ihn sich über die Schulter und band ihn an seinem Messergürtel fest. Der kalte Wind biß in seine nackte Brust, doch er beachtete es nicht, als er nun den Baum hinunterkletterte. Sein Blick suchte das Gebüsch ab, doch es war nichts zu sehen. Geschickt sprang er vom untersten Ast und landete leichtfüßig auf dem moosbedeckten Erdboden.
Den ersten Schritt würde er dem Feind überlassen müssen. Diese Tatsache ärgerte ihn; doch nachdem er sie akzeptiert hatte, schob er sie aus seinen Gedanken. Ihm blieb jetzt nur die Möglichkeit, sich vorzubereiten. Du hast gegen Männer und wilde Tiere gekämpft, gegen Dämonen und Bastarde, sagte er sich. Und du lebst immer noch, während deine Feinde längst Staub sind.
Aber damals warst du jünger, meldete sich eine leise Stimme aus seinem Herzen.
Blitzschnell fuhr er auf dem Absatz herum, riß ein Wurfmesser aus der Scheide am Unterarm und ließ es durch die Luft sirren, so daß es in den schmalen Stamm einer Ulme drang, die in der Nähe stand.
Jung oder alt, ich bin immer noch Waylander.
Miriel beobachtete den alten Mann, der langsam nach Nordwesten zur fernen Festung Dros Delnoch zog. Sein Ranzen ragte hoch über seine Schultern, das weiße Haar und der Bart flatterten im Wind. Auf der Kuppe eines Hügels blieb er stehen, drehte sich um und winkte. Dann war er fort. Miriel wanderte durch den Wald zurück, lauschte dem Gesang der Vögel und erfreute sich an den durchbrochenen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach auf den Pfad fielen. Die Berge waren schön im Herbst, die Blätter wie aus poliertem Gold, die letzten verwelkenden Blüten des Sommers, die Berghänge, die in Grün und Rot glühten, alles scheinbar nur geschaffen, um ihr Freude zu bereiten.
Als sie einen Hügelkamm erreichte, hielt sie inne. Ihr Blick suchte die Bäume und die Wege ab, die sich hinunter zur Sentranischen Ebene wanden. Eine Gestalt kam in Sicht, ein großer Mann, der einen grünen Umhang trug. Die Kälte des Winters berührte plötzlich ihre Haut und ließ sie erschaudern. Ihre Hand griff nach dem Kurzschwert an ihrer Seite. Der grüne Umhang kennzeichnete den Mann als den Mörder Morak. Nun, er war ein Mörder, der nicht lange genug leben würde, um ihren Vater angreifen zu können.
Miriel trat auf den Pfad und wartete, während der Mann langsam zu ihr hochkletterte. Als er näher kam, betrachtete sie seine Züge -die breiten, flachen Wangenknochen, die vernarbten, haarlosen Augenbrauen, eine gebrochene, platte Nase, den unwirschen Mund. Das Kinn war kräftig und eckig, der Hals voller Muskelstränge.
Er blieb vor ihr stehen. »Der Weg ist schmal«, sagte er ziemlich höflich. »Wärst du so nett, zur Seite zu treten?«
»Nicht für deinesgleichen«, zischte Miriel erstaunt, daß ihre Stimme so ruhig blieb, ohne ihre Furcht zu verraten.
»Ist es in dieser Gegend üblich, Fremde zu beleidigen, Mädchen? Oder vertraust du darauf, daß Ritterlichkeit dich schützt?«
»Ich brauche keinen Schutz«, sagte sie, trat einen Schritt zurück und zog ihr Schwert.
»Hübsche Klinge«, sagte er. »Und nun steck sie weg - sonst nehme ich sie dir ab und verhaue dich für deine Frechheit.«
Ihre Augen wurden schmal. Zorn verdrängte ihre Furcht, und sie lächelte. »Zieh dein Schwert - dann werden wir sehen, wer wen verhaut«, sagte sie.
»Ich kämpfe nicht mit Mädchen«, erwiderte er. »Ich suche einen Mann.«
»Ich weiß, wen du suchst, und warum. Aber um zu ihm zu gelangen, mußt du erst an mir vorbei. Und das wird nicht einfach sein, wenn dir deine Eingeweide um die Knöchel schlackern.« Plötzlich machte sie einen Satz nach vorn. Die Spitze ihres Schwerts zielte auf den Bauch des Mannes. Er wich aus; sein Arm zuckte vor, seine Hand schmetterte gegen ihre Wange. Miriel taumelte, stürzte, rollte sich auf die Füße. Ihr Gesicht brannte von dem Schlag.
Der Mann ging einen Schritt nach rechts, löste die Bänder seines grünen Umhangs und legte das Kleidungsstück über einen umgestürzten Baum. »Wer hat dir beigebracht, so anzugreifen?« fragte er. »Vielleicht ein Bauer? Oder ein Schäfer? Das ist keine Hacke, die du da hast. Der Stoß sollte immer verdeckt kommen und von einer Riposte oder einer Parade gefolgt werden.« Er zog sein eigenes Schwert und kam auf sie zu. Miriel wartete nicht auf seinen Angriff, sondern trat ihm entgegen und stieß erneut zu. Diesmal zielte sie auf sein Gesicht. Er wehrte den Hieb ab und wirbelte auf dem Absatz herum, so daß seine Schulter vor ihre Brust prallte und sie von den Füßen riß.
Sie sprang auf und stürmte auf ihn zu, hieb mit dem Schwert nach seinem Hals. Seine Klinge fuhr hoch und blockte Miriels ab. Doch jetzt fuhr sie herum, sprang und stieß ihm ihren gestiefelten Fuß gegen das Kinn. Sie erwartete, daß er fiel, doch er taumelte lediglich, fing sich wieder und spuckte Blut. »Gut«, sagte er leise. »Sehr gut. Schnell und vollkommen im Gleichgewicht. Vielleicht steckt doch noch was in dir.«
»Man kann nie wissen«, sagte sie und griff blitzschnell mit einer Reihe von Hieben an, zielte mit ihrer Klinge auf Gesicht und Körper. Er wehrte jeden einzelnen Stoß ab, ohne jemals zum Gegenschlag anzusetzen. Schließlich wich sie zurück, verwirrt und verzagt. Sie konnte seine Verteidigung nicht durchbrechen. Aber viel ärgerlicher war, daß er keinerlei Versuch machte, die ihre zu durchbrechen.
»Warum willst du nicht mit mir kämpfen?« fragte Miriel.
»Warum sollte ich?«
»Ich will dich töten.«
»Hast du irgendeinen Grund für diese Feindseligkeit?« fragte er, und der häßliche Spalt seines Mundes verzog sich zu einem Lächeln.
»Ich kenne dich, Morak. Ich weiß, warum du hier bist. Das sollte reichen.«
»Es würde ...«, setzte er an, doch sie attackierte erneut, und diesmal war er nicht ganz schnell genug. Ihre Klinge stieß an seinem Gesicht vorbei und ritzte sein Ohrläppchen. Er holte mit der Faust aus und hämmerte sie gegen ihr Kinn. Halb betäubt, verlor Miriel ihr Schwert und fiel auf die Knie. Die Klinge des Mannes berührte ihren Hals. »Genug mit diesem Unsinn«, sagte er, drehte sich um und holte seinen Umhang.
Miriel hob ihr Schwert auf und stellte sich ihm wieder in den Weg. »Ich lasse ich nicht vorbei«, sagte sie grimmig.
»Du kannst mich nicht aufhalten«, erwiderte er, »aber es war ein nettes Spiel. Und jetzt sag mir, wo ist Waylander?« Miriel rückte näher. »Warte«, sagte er und steckte das Schwert in die Scheide. »Ich bin nicht Morak. Hörst du? Ich bin nicht von der Gilde.«
»Ich glaube dir nicht«, sagte Miriel. Ihr Schwert ruhte jetzt an seiner Kehle.
»Hätte ich dich töten wollen, hätte ich es getan. Du weißt, daß ich recht habe.«
»Wer bist du?«
»Ich heiße Angel«, antwortete er, »und vor langer Zeit war ich ein Freund deiner Familie.«
»Du bist hier, um uns zu helfen?«
»Ich kämpfe nicht die Kämpfer anderer, Mädchen. Ich kam, ihn zu warnen. Jetzt sehe ich, daß es nicht nötig war.«
Langsam senkte Miriel ihr Schwert. »Warum jagen sie meinen Vater? Er hat niemandem etwas getan.«
Er zuckte die Achseln. »Seit vielen Jahren nicht, da gebe ich dir recht. Aber er hat viele Feinde. Das ist einer der Nachteile im Leben eines Kopfgeldjägers. Hat er dich gelehrt, das Schwert zu gebrauchen?«
»Ja.«
»Er sollte sich schämen. Mit dem Schwert zu kämpfen bedeutet
vollkommene Harmonie von Herz und Verstand«, sagte er streng. »Hat er dir das nicht gesagt?«
»Doch«, fauchte sie.
»Ach. Aber wie die meisten Frauen hörst du wohl nur zu, wenn es dir in den Kram paßt, stimmt's? Kannst du wenigstens kochen?«
Miriel zügelte ihr Temperament und schenkte ihm ihr süßestes Lächeln. »Das kann ich. Ich kann auch sticken, stricken, nähen und ... was noch? Ach, ja ...«Ihre Faust krachte gegen sein Kinn. Da er neben dem umgestürzten Baum stand, hatte er keine Zeit, auszuweichen und Halt zu finden, und so schickte ein zweiter Schlag ihn quer über den Baum in eine Schlammpfütze auf der anderen Seite. »Das hätte ich fast vergessen«, sagte sie. »Mein Vater hat mir auch beigebracht, mit den Fäusten zu kämpfen.«
Angel kam auf die Knie und erhob sich langsam. »Meine erste Frau war wie du«, sagte er und rieb sich das Kinn. »Eine schreckliche Frau. Außen sanft wie Gänsedaunen, innen Eisen und Leder. Aber eins sage ich dir, Mädchen - er hat dich besser boxen als fechten gelehrt. Wie wär's jetzt mit Waffenstillstand?«
Miriel kicherte. »Waffenstillstand«, willigte sie ein.
Angel rieb sich das angeschwollene Kinn, als er hinter dem großen Mädchen her ging. Ein Tritt wie ein zorniges Pferd und eine fast genauso kräftige Faust. Er lächelte reumütig. Sein Blick verfolgte ihren Gang, anmutig und doch kraftvoll. Sie kämpft gut, dachte er, aber zuviel mit dem Kopf, zu wenig mit Instinkt. Selbst die Fausthiebe waren schlecht verdeckt gewesen. Doch Angel hatte zugelassen, daß Miriel sie austeilte, da er fühlte, daß sie ein Ventil für die Enttäuschung brauchte, so leicht besiegt worden zu sein. Eine stolze Frau. Und gutaussehend, dachte er zu seiner eigenen Überraschung. Angel hatte immer Frauen mit großen Brüsten bevorzugt, mollig und anschmiegsam, warm unter den Laken. Miriel war für seinen Geschmack etwas zu dünn, und ihre Beine waren zwar lang und schön geformt, aber ein wenig zu muskulös. Trotzdem: wie man so sagte, war sie eine Frau, mit der man durch die Berge streifen konnte.
Er kicherte plötzlich in sich hinein, und sie drehte sich um. »Was macht dir denn solchen Spaß?« fragte sie mit frostiger Miene.
»Gar nichts, Miriel. Ich dachte nur gerade an das letzte Mal, das ich durch diese Berge wanderte. Du und deine Schwester, ihr müßt ungefähr acht, neun Jahre alt gewesen sein. Ich mußte gerade daran denken, wie schnell das Leben fortschreitet.«
»Ich kann mich nicht an dich erinnern«, sagte sie.
»Ich sah damals auch anders aus. Meine zerquetschte Nase war früher eine Adlernase. Und ich hatte damals noch Augenbrauen. Das war lange, ehe die Panzerhandschuhe anderer Faustkämpfer mir die Haut aufgeschlagen und abgezogen haben. Und mein Mund war voller. Und ich hatte langes, rotes Haar, das mir bis auf die Schultern reichte.«
Sie beugte sich vor und betrachtete ihn eingehend. »Damals nanntest du dich nicht Angel«, erklärte sie.
»Nein. Ich war Caridris.«
»Jetzt erinnere ich mich. Du hast mir ein Kleid mitgebracht - ein gelbes! Und ein grünes für Krylla! Aber du hast...«
»Gut ausgesehen? Ja, habe ich. Und jetzt bin ich häßlich.«
»Ich wollte nicht...«
»Spielt keine Rolle, Mädchen. Schönheit vergeht. Ich habe mir einen rauhen Beruf ausgesucht.«
»Ich verstehe nicht, wie ein Mann sich eine solche Art Leben wünschen kann. Anderen weh zu tun, selbst verletzt zu werden, den Tod zu riskieren. Wofür? Damit eine Horde dickbäuchiger Kaufleute Blut sehen kann!«
»Früher habe ich mehr darin gesehen«, sagte er leise, »aber ich will nicht mit dir streiten. Es war brutal und barbarisch, und meistens habe ich es geliebt.«
Sie gingen wieder zur Hütte. Nachdem Angel gegessen hatte, setzte er sich an das ersterbende Feuer und zog sich die Stiefel aus. Er warf einen Blick auf die Feuerstelle. »Ein bißchen früh für ein Feuer, nicht?«
»Wir hatten einen Gast - einen alten Mann«, sagte Miriel und setzte sich ihm gegenüber. »Er spürt die Kälte.«
»Der alte Ralis?« erkundigte er sich.
»Ja. Kennst du ihn?«
»Er geht seinem Beruf schon seit Jahren, nein, Jahrzehnten nach. Zwischen Drenan und Delnoch. Er hat früher Messer gefertigt, wie ich sie seitdem nie mehr gesehen habe. Dein Vater besitzt ein paar davon.«
»Es tut mir leid, daß ich dich geschlagen habe«, sagte sie plötzlich. »Ich weiß auch nicht, warum ich das getan habe.«
»Ich bin schon öfter geschlagen worden«, antwortete er achselzuckend. »Und du warst wütend.«
»Ich bin normalerweise nicht so ... aufbrausend. Aber ich glaube, ich habe Angst.«
»Das ist gut so. Ich war immer auf der Hut vor furchtlosen Männern - oder Frauen. Sie haben die Neigung, dich umzubringen. Aber nimm einen Rat von mir an, junge Miriel. Wenn die Jäger kommen, fordere sie nicht mit dem Schwert heraus. Erschieße sie aus der Ferne.«
»Ich dachte, ich wäre gut mit dem Schwert. Mein Vater sagt immer, ich sei besser als er.«
»Beim Üben vielleicht. Aber im Kampf möchte ich das bezweifeln. Du denkst dir deine Bewegungen aus, und das nimmt dir deine Schnelligkeit. Schwertfechten erfordert subtile Fähigkeiten und ein unmittelbares Zusammenspiel von Hand und Verstand. Ich werde es dir zeigen.« Er beugte sich zur Seite, zog einen langen Zweig aus dem Zunderkasten und stand auf. »Stell dich mir gegenüber«, befahl er. Dann hielt er das Stöckchen zwischen seinen Zeigerfingern und sagte: »Halt deine Hand darüber, und wenn ich ihn fallen lasse, fang ihn auf. Kannst du das?«
»Natürlich, das ist doch ...« Während sie noch antwortete, öffnete er seine Finger. Der Zweig sauste zu Boden. Miriels Hand zuckte, ihre Finger schlössen sich um Luft, der Zweig landete vor ihren Füßen. »Ich war noch nicht so weit«, wandte sie ein.
»Dann versuch's noch mal.«
Noch zweimal verfehlte sie den fallenden Zweig. »Und was beweist das?« fauchte sie.
»Reaktionszeit, Miriel. Die Hand muß sich bewegen, sobald das Auge den Zweig fallen sieht - aber deine tut das nicht. Du schickst eine Botschaft an deine Hand. Und dann bewegst du dich. Zu diesem Zeitpunkt ist dir der Zweig schon entfallen.«
»Wie kann man ihn denn sonst fangen?« fragte sie. »Du mußt doch deiner Hand befehlen, sich zu bewegen.«
Er schüttelte den Kopf. »Du wirst schon sehen.«
»Zeig's mir«, forderte sie.
»Zeig ihr was?« fragte Waylander von der Tür.
»Sie möchte lernen, wie man Zweige fängt«, sagte Angel und drehte sich langsam um.
»Es ist lange her, Caridris. Wie geht es dir?« fragte der Mann
aus den Bergen, dessen kleine Armbrust auf Angels Herz gerichtet war.
»Ich bin nicht hergekommen, um zu töten, mein Freund. Ich arbeite nicht für die Gilde. Ich kam, dich zu warnen.«
Waylander nickte. »Ich hörte, daß du dich von der Arena zurückgezogen hast. Was machst du jetzt?«
»Ich habe Jagdwaffen verkauft. Ich hatte einen Stand am Marktplatz, aber er wurde wegen meiner Schulden beschlagnahmt.«
»Mit zehntausend Goldstücken könntest du ihn leicht zurückkaufen«, sagte Waylander kalt.
»Allerdings - fünfmal. Aber wie ich bereits sagte, ich arbeite nicht für die Gilde. Und du solltest nicht einmal daran denken, mich einen Lügner zu nennen!«
Waylander löste die Bolzen aus der Waffe und entspannte die Sehnen. Er legte die Armbrust auf den Tisch und wandte sich wieder an den entstellten Kämpfer. »Du bist kein Lügner«, sagte er. »Aber warum solltest du mich warnen? Wir standen uns doch nie nahe.«
Angel zuckte die Achseln. »Ich dachte an Danyal. Ich wollte nicht, daß sie Witwe wird. Wo ist sie?«
Waylander antwortete nicht, doch Angel sah, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich und ein Ausdruck von Kummer darüberflog, der jedoch rasch verborgen wurde. »Du kannst die Nacht über bleiben«, sagte Waylander. »Und danke für deine Warnung.« Mit diesen Worten nahm er die Armbrust und verließ die Hütte.
»Meine Mutter starb«, flüsterte Miriel. »Vor fünf Jahren.«
Angel seufzte und sank in seinem Sessel zurück. »Hast du sie gut gekannt?« fragte sie.
»Gut genug, um ein bißchen in sie verliebt zu sein. Wie starb sie?«
»Beim Reiten. Das Pferd stürzte und fiel auf sie.«
»Nach allem, was sie durchgemacht hat ... Schlachten ... Kriege ...« Er schüttelte den Kopf. »In solchen Dingen liegt kein Sinn, überhaupt keiner. Fünf Jahre, sagst du. Bei den Göttern! Dein Vater muß sie angebetet haben, so lange allein zu bleiben.«
»Das hat er. Er tut es immer noch. Er verbringt viel zuviel Zeit an ihrem Grab und redet mit ihr, als könnte sie ihn noch hören. Manchmal macht er das auch hier.«
»Jetzt verstehe ich«, sagte Angel leise.
»Was verstehst du?«
»Ist das nicht offensichtlich, Miriel? Die Mörder sammeln sich -
Attentäter, Kopfgeldjäger, nächtliche Schleicher. Er kann sie nicht alle töten, und das weiß er. Warum ist er dann noch hier?«
»Sag du es mir.«
»Er ist wie der alte Hirsch, den die Wölfe jagen. Er zieht sich auf die Höhen zurück. Er weiß, daß er am Ende ist, und dann dreht er sich um und wartet, stellt sich dem Feind für eine letzte Schlacht.«
»Aber er ist nicht wie dieser Hirsch. Er ist nicht alt! Ist er nicht! Und er ist auch nicht am Ende.«
»Er sieht das anders. Danyal war alles, wofür er gelebt hat. Vielleicht glaubt er, daß sie im Tod wieder vereint werden. Ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß - und er auch ... wenn er hierbleibt, bedeutet das Tod.«
»Du irrst dich«, widersprach Miriel, doch ihre Worte klangen nicht überzeugend.