16
Weil eine Mechanikerin mit einem gebrochenen Arm nicht viel mehr tun kann als anderen im Weg zu stehen, schickte Zee mich ins Büro, um mich um die Papierarbeit zu kümmern. Auch das gelang mir nicht sonderlich gut, aber ich war zumindest – wie Zee es ausdrückte – nicht ständig damit beschäftigt, ihn anzuwinseln.
Er wollte mir nichts über seinen Dolch sagen, oder wer Adelbert war, und wieso er hatte niedergeschmettert werden müssen, und ich war nicht imstande gewesen, etwas im Internet darüber zu finden. Als ich weiter in ihn drang, erklärte er mir nur, dass ihm die modernen Zeiten lieber waren, mit ihrem Stahl und der Elektrizität, viel lieber als die sogenannte gute alte Zeit, weil es so viel mehr gab, was ein Metallzauberer, ein Gremlin, tun konnte, als nur Schwerter zu schmieden. Dann schickte er mich ins Büro und machte sich wieder daran, Autos zu reparieren.
Ich bin Rechtshänderin, und mein rechter Arm war außer Funktion. Ich konnte ihn nicht einmal benutzen, um ein Blatt Papier festzuhalten, denn der Arzt in der Notaufnahme hatte darauf bestanden, mir den Arm an die Seite zu schnallen. Ich musste sogar mit nur einer Hand am Computer tippen – und das entsprechend langsam. Also legte ich stattdessen virtuelle Patiencen im Vegas-Stil und verlor zweitausend Dollar Spielgeld.
Es war vermutlich nicht der beste Augenblick für Gabriel Sandoval, um aufzutauchen. Ich hatte vergasen, dass ich seiner Mutter gesagt hatte, sie solle ihn Montag nach der Schule in der Werkstatt vorbeischicken.
Er musste warten, bis ich ihre Rechnung getippt und dann einen Stundenlohn gefunden hatte, der mir gerecht erschien. Nach Zees Berechnungen hätte er zwanzig Stunden abarbeiten müssen, und das fand ich zu viel. Also fügte ich dem Gehalt ein paar Dollar hinzu, bis der Zeitraum sich verringerte.
Ich druckte die Rechnung aus und reichte sie ihm. Er sah sie sich an, strich das Gehalt durch und ersetzte es mit dem Ursprünglichen. »So viel bin ich noch nicht wert«, sagte er. »Aber am Ende des ersten Monats werde ich es sein.«
Ich sah ihn mir noch einmal ein wenig genauer an. Er war nicht groß, und er würde nie ein besonders kräftiger Mann werden, aber er hatte etwas Zuverlässiges an sich, so jung er sein mochte.
»Also gut«, sagte ich. »Wir sind im Geschäft.«
Ich zeigte ihm das Büro, was mindestens fünf Minuten dauerte. Dann bat ich ihn, sich an den Computer zu setzen, und führte ihm mein Inventurprogramm und mein Rechnungssystem vor. Als er es offenbar begriffen hatte, gab ich ihm einen Stapel Papierarbeit und ließ ihn allein.
Ich kehrte in die Werkstatt zurück und hatte gerade den Daumen in Richtung Büro gehoben, als Zee aufblickte.
»Ich glaube, ich habe einen Ersatz für Tad gefunden«, sagte ich. »Ich habe ihm die Papierarbeit gegeben, und er hat mich nicht mal angeknurrt.«
Zee zog die Augenrauen hoch. »Tad hat dich auch nie angeknurrt.«
»›Verdammt, Mercy, kannst du denn nie daran denken, mir die Rechnungen am gleichen Tag zu geben, wenn du sie bekommst? ‹«, zitierte ich mit meiner besten Mürrischer-Tad-Stimme.
»Man sollte annehmen, jemandem, der von Werwölfen aufgezogen wurde, sei der Unterscheid zwischen Knurren und Schimpfen bekannt«, stellte Zee fest. Er legte den Schraubenschlüssel hin und seufzte. »Ich mache mir Sorgen um den Jungen! Du weißt, dass er dieses Stipendium bekommen hat, also haben sie jetzt ihren Alibi-Mann von Feenvolk, um ihn in der Gegend herumzuzerren und öffentlich vorzuführen.«
»Mag sein«, stimmte ich zu. »Aber sie werden nie wissen, worauf sie sich damit wirklich eingelassen haben.«
»Du meinst, es geht ihm gut?«
»Ich kann mir keinen Ort vorstellen, wo es Tad nicht gut gehen würde. Nichts erschreckt ihn, nichts bringt ihn aus der Ruhe, und er ist ungemein kompetent bei allem, was er anfasst.« Ich tätschelte Zee den Rücken. Ich mochte es, wenn er den nervösen Vater spielte. Das hier war ein Gespräch, das wir schon öfter geführt hatten, seit Tad nach Harvard gegangen war. Ich zählte mit und schickte Tad einmal in der Woche eine E-Mail mit der neuen Anzahl.
Dann hörte ich, dass die Bürotür aufging, und bedeutete Zee zu schweigen, damit wir belauschen konnten, wie mein neuer Büromann mit den Kunden umging.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte er mit glatter, dunkler Stimme, die mich überraschte. Ich hatte nicht erwartet, dass er auch flirten würde.
Dann hörte ich Jesse sagen: »Ich suche nach Mercy – und ich wusste nicht, dass sie einen neuen Mitarbeiter hat.«
Es gab eine kleine Pause, dann fragte Gabriel scharf: »Wer hat dich geschlagen?«
Jesse lachte und sagte unbeschwert: »Keine Sorge. Mein Dad hat den Fleck gesehen, und die Person, die mich geschlagen hat, umgebracht.«
»Gut.« Gabriel klang, als würde es ihn nicht stören, wenn das kein Witz sein sollte. Was es schließlich auch nicht war.
»Jemand wartet im Auto auf mich«, sagte sie. »Ich sollte lieber sehen, wo Mercy steckt.«
Als sie die Werkstatt betrat, hatte sie eine nachdenkliche Miene aufgesetzt. »Ich mag ihn«, sagte sie.
Ich nickte. »Ich auch. Netter Haarschnitt.«
Nach der Aufräumungsaktion in der Baumschule waren wir zu Warren gefahren, wo wir Jesse ohne das Klebeband vorfanden, das immer noch an ihrem Haar befestigt gewesen war – und auch ohne das meiste des besagten Haares. Warren hatte … nun, er hatte beschämt gewirkt, aber es hatte auch Heiterkeit in seinem Blick gelegen.
Jesse verdrehte die Augen. »Wer hätte vermutet, dass ein schwuler Mann keine Haare schneiden kann?« Sie fuhr sich mit den Fingern durch die einen Zoll langen Strähnen, die nun glitzernde goldene Spitzen hatten. Sie sah aus wie ein Showgirl aus den 20er-Jahren mit einer dieser Kappen mit Perlenstickerei.
»Er hat dir doch gleich gesagt, dass er nicht weiß, wie man das macht«, erklärte ich, während sie zu Zee ging und ihm einen Kuss auf die Wange drückte.
»Ich habe es auch gleich am nächsten Tag in Ordnung bringen lassen.« Sie grinste, dann verschwand das Lächeln. »Dad hat gestern Mom angerufen und ihr erzählt, was passiert ist. Alles, was passiert ist.«
Ich kannte ihre Mutter. Sie und Adam waren erst vier Jahre geschieden, und Adam hatte beinahe sieben Jahre hinter mir gewohnt. »Was hat sie gesagt?«
»Dass er mich mit den allerersten Flug nach Eugene zurückbringen und sich dann nie wieder sehen lassen soll.« Sie kniff die Lippen zusammen. »Das macht sie mit Absicht, weißt du. Versucht alles, damit er ein schlechtes Gewissen bekommt, als wäre er ein Tier. Wenn das nicht funktioniert, bringt sie ihre vier Fehlgeburten ins Spiel, als ob ihm das nicht mindestens ebenso wehgetan hätte wie ihr. Als wäre alles sein Fehler. Und er kauft es ihr jedes Mal ab. Ich wusste, was sie tun würde, also habe ich beide von vorneherein dazu gebracht, mich an einer anderen Leitung mithören zu lassen. Ich glaube, er wollte ihr gerade zustimmen und mich zurückschicken, also erwähnte ich ein paar Dinge, die ich vielleicht nicht hätte erwähnen sollen.«
Ich fragte nicht nach, sondern wartete nur ab, bis sie weitersprach. Sie würde mir schon mehr erzählen, wenn sie das wollte. Offenbar wollte sie.
»Ich erzählte Dad von ihrem Freund, der versucht hatte, mit mir ins Bett zu gehen, als ich zwölf war. Und von dem Wochenende vor zwei Jahren, als sie nach Vegas fuhr, ohne mir auch nur zu sagen, dass sie weg sein würde. Es wurde ziemlich unangenehm.«
»Das tut mir leid.«
Sie hob das Kinn. »Mir nicht. Mom hat zumindest zugestimmt, mich den Rest des Schuljahres hierzulassen, dann werden sie reden. Wie auch immer, Warren ist draußen im Auto und wartet auf mich – Dad sagt, es wird einige Zeit dauern, bis er auch nur daran denken kann, mich allein vor die Tür zu lassen – mindestens eine Woche. Ich habe eine Bitte an dich.«
»Um was geht es?«, fragte ich.
»Dad hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du mit uns zu Abend essen möchtest. Irgendein teures Restaurant, weil wir dir etwas schuldig sind.«
»Ich werde die Werkstatt heute Abend schließen, also kannst du gehen und dich in Ordnung bringen«, warf Zee ein wenig zu eifrig ein. Dabei hatte ich doch wirklich nicht so viel gewinselt. Wirklich nicht.
»Also gut«, sagte ich. »Ihr könnt mich –« Ich setzte dazu an, das rechte Handgelenk zu drehen, zuckte zusammen und erinnerte mich, dass ich an diesem Morgen die Armbanduhr ans linke getan hatte. Es war beinahe vier. »Um halb sieben abholen.«
»Er wird da sein«, sagte sie und tänzelte zurück ins Büro, um mit der Hilfskraft zu flirten.
»Geh nach Hause«, sagte Zee.
Das war selbstverständlich nicht so einfach. Ich stellte Gabriel und Zee einander offiziell vor, dann trieb ich mich noch etwa bis fünf Uhr herum, um Kleinigkeiten zu erledigen. Ich hatte gerade meinen Geldbeutel aus dem Safe genommen und wollte gehen, als mein Undercover-Freund auf den Parkplatz fuhr, in einem schwarzen, glänzenden achtziger Mustang-Cabrio.
»Tony«, sagte ich.
Er befand sich immer noch in dieser Supermacho-Verkleidung, als er aus dem Auto sprang. Eine schwarze Sonnenbrille verbarg seine Augen und ließ ihn gefährlich und sexy aussehen.
»Was hast du mit deinem Arm gemacht?«, fragte er.
Ich erinnerte mich an Jesses Methode, ganz einfach die Wahrheit zu sagen, und erklärte ihm: »Ich bin von einem Werwolf gegen ein Haufen Holzkisten gestoßen worden, als ich versuchte, ein junges Mädchen aus den Krallen eines bösen Hexers und eines Drogenbarons zu retten.«
»Ha ha«, erwiderte er. »Muss etwas sehr Dummes gewesen sein, wenn du nicht sagen willst, was wirklich passiert ist.«
»Na ja«, murmelte ich nachdenklich, »Vielleicht war das mit dem ›Drogenbaron‹ ein bisschen zu aufgeblasen. Und vielleicht hätte ich dafür noch den gut aussehenden, sexy Vater des Mädchens erwähnen sollen. Was meinst du?«
»Mercy«, sagte er, nahm meinen guten Arm und drehte mich um, um mich ins Büro zurückzuführen. »Wir müssen reden.«
»Ich kann nicht«, erklärte ich. »Hab eine Verabredung.«
»Guter Versuch. Aber du hattest in all der Zeit, die wir uns kennen, keine Verabredungen.« Er öffnete die Tür und führte mich in den Büroraum.
Gabriel blickte von meiner … seiner Papierarbeit auf, und das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht verschwand.
»Was soll das?«, fragte er, stand auf und kam auf uns zu. »Lassen Sie sie in Ruhe. Sofort.«
Na wunderbar, dachte ich. Genau, was ich brauche: Noch ein Macho in meinem Leben, der versucht, sich um mich zu kümmern.
Tony nahm die Hand von meinen Arm los und ließ sich in einen der unbequemen Sessel sinken, die ich benutze, um meine Kunden nicht dazu zu ermutigen, zu warten, während ich ihre Autos repariere. Er schlug die Hände vors Gesicht und fing entweder an zu lachen oder zu weinen. Ich nahm an, er lachte.
Als er den Kopf wieder hob, hatte er eine seiner erstaunlichen Veränderung durchgeführt – wobei es sehr geholfen hatte, die Sonnenbrille abzusetzen. Aber es waren vor allem Körpersprache und Gesichtsausdruck, die ihn veränderten. Er sah einfach plötzlich zehn Jahre älter und bis auf die Ohrringe viel achtbarer aus.
»Tony?«, fragte Gabriel verdutzt.
»An der Kennewick High habe ich direkt vor seiner Nase verdeckt gearbeitet«, sagte Tony. »Er hat es nicht bemerkt. Ich habe dir doch gesagt, dass die meisten Leute mich nicht erkennen können.«
»Dem habe ich nie widersprochen«, sagte ich. »Ich glaube, dass du ein guter Undercover-Ermittler bist.«
Tony schüttelte den Kopf. »He, Gabriel, würdest du uns eine Minute allein lassen? Ich habe ein paar Fragen an Mercy.«
»Klar.« Gabriel schüttelte den Kopf und stand auf. Auf dem Weg zur Werkstatt drehte er sich noch einmal um, als wolle er sich überzeugen, dass Tony immer noch dasaß.
»Ich habe ihn in der Schule wirklich getriezt«, sagte Tony, sobald wir allein waren. »Aber er kann ganz gut auf sich aufpassen.«
»Ich muss wirklich nach Hause«, sagte ich. »Worum geht es?«
Er hob die Hüfte und zog ein gefaltetes Stück Papier aus der hinteren Jeanstasche. »Der Junge, der dir neulich geholfen hat«, sagte er. »Ich habe ein paar Informationen über ihn.«
Ich nahm das Papier und faltete es auf. Es war ein körniges Schwarzweiß-Foto von Mac, über das in Großbuchstaben »Vermisst« gestempelt war. Es listete seine Daten auf – er war sechzehn gewesen – aber keine weiteren Informationen.
»Alan MacKenzie Frazier«, las ich.
»Sie haben ihn dank eines Anrufs, den er letzte Woche zu seiner Familie machte, hierher zurückverfolgt.«
Ich nickte, reichte ihm das Papier zurück und log ihn weiterhin an, indem ich die Wahrheit sagte. »Als er den zuletzt hier war – heute vor einer Woche –, fragte er, ob er ein Ferngespräch führen dürfe. Er hat den Tag über gearbeitet, aber seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«
Ich hatte mit Bran über Mac gesprochen, und der Marrok würde sich darum kümmern, dass im Frühjahr ein Wanderer Macs Überreste fand, damit seine Eltern nicht ewig neben dem Telefon warten mussten: Es war nicht viel, aber das Beste, was ich tun konnte.
Ich musste mich ein wenig abstrampeln und brauchte ziemlich viel Hilfe, aber es gelang mir, für das Abendessen mit Adam und Jesse sauber, gut angezogen und schön zu sein. Tatsächlich fand das Abendessen mit Adam allein statt, denn Jesse hatte sich entschuldigt und war Hause geblieben, weil es ihr angeblich nicht gut ging. Sie schaute sich mit Darryl und Aurelie eine DVD an, denn Warren war mit Kyle ausgegangen. Unter dem heilsamen Einfluss von gutem Essen und guter Musik entspannte sich Adam, und ich entdeckte, dass er unterhalb der überwältigenden, aufbrausenden Fassade ein charmanter, überwältigender, wenn auch aufbrausender Mann war. Er schien es zu genießen, herauszufinden, dass ich ebenso störrisch und respektlos gegenüber Autoritäten sein konnte, wie er immer vermutet hatte.
Dann bestellte er Nachtisch, ohne mich auch nur zu fragen. Ich wäre wütend gewesen, aber es war etwas, was ich mir niemals hätte selbst bestellen können: Schokolade, Karamell, Nüsse, Eis, echte Sahne und ein ungemein üppiger Kuchen.
»Also«, sagte er, nachdem ich das letzte Stück verzehrt hatte. »Hast du mir verziehen?«
»Du bist arrogant und überschreitest immer wieder Grenzen«, sagte ich und zeigte mit meiner sauberen Gabel auf ihn.
»Na ja, ich tue mein Bestes«, gab er mit falscher Bescheidenheit zu. Dann wurden seine Augen dunkler, und er fuhr mit dem Daumen über meine Unterlippe.
Er beobachtete mich, als ich das Karamell von seiner Haut leckte.
Ich stützte die Hände auf den Tisch und beugte mich vor. »Das ist einfach ungerecht. Ich esse dein Dessert und mag es – aber du kannst mich nicht mit Sex davon abhalten, ärgerlich zu werden.«
Er lachte leise; ein entspanntes, glückliches Lachen.
Um das Thema zu wechseln und weil diese Sache sich schneller aufheizte, als es mir lieb war, sagte ich: »Bran hat mir erzählt, dass er dir befohlen hat, auf mich aufzupassen.«
Er wurde ernst und sah mich fest an. »Ja. Und jetzt fragst du dich, ob ich dich tatsächlich für Bran im Auge behalten habe.«
Ich konnte die Heiterkeit in seinen Augen erkennen, kam aber zu dem Schluss, dass ich es dennoch wissen wollte. »Na gut, ich beiße an. Hast du mich für Bran im Auge behalten?«
»Schatz«, sagte er mit dem schleppenden Akzent seiner südlichen Herkunft. »Wenn ein Wolf ein Lamm im Auge behält, denkt er dabei nicht an das Mutterschaf.«
Ich grinste. Ich konnte einfach nicht anders. Der Gedanke an Bran als Mutterschaf war zu komisch. »Ich bin kein besonders braves Lamm«, sagte ich.
Er lächelte nur.
Zeit, noch einmal das Thema zu wechseln, dachte ich und trank schnell einen Schluck Wasser. »Warren sagt, dass du unseren Lieblings-Serienvergewaltiger als dauerhaften Angehörigen des Rudels akzeptiert hast.«
»Er war nicht für die Vergewaltigungen in London verantwortlich.«
Er schien davon überzeugt zu sein, was bedeutete, dass er Ben um die Wahrheit gebeten und sie erhalten hatte. Ich konnte jedoch immer noch eine gewisse Gereiztheit in seiner Stimme wahrnehmen und musste ein wenig weiterbohren. »Sie hörten auf, als er fortging.«
»Er hat mich zweimal gerettet, und beim zweiten Mal hatte er nur die Möglichkeit, den Beruhigungspfeil selbst abzufangen. Gerrys Leute verfügten auch über Silbermunition, und es hätten ebenso gut Kugeln sein können«, erwiderte er ungeduldig.
Ich lächelte ihn an, und er zerknüllte angewidert seine Serviette. »Ein Punkt für dich«, sagte er
»Ich wette, du würdest ihn nicht mit Jesse ausgehen lassen«, sagte ich schlicht.
Er brachte mich nach Hause zurück, stieg aus dem Auto aus und ging darum herum, um mir die Tür zu öffnen. Vielleicht lag das daran, dass ich sie mit meinen gebrochenen Arm nicht öffnen konnte, aber vielleicht gehörte es auch einfach zu den Dingen, die er gerne tat.
Er brachte mich zur Veranda und legte die Hände an meine Wangen. So verharrte er einen Augenblick, dann warf er einen Blick über die Schulter zum Mond, der beinahe voll war. Als er sich wieder umdrehte, hatten seine Augen gelbe Streifen in der Iris.
Seine Lippen waren weich, als sie meine zögernd streiften, bis ich mich gegen den Druck seiner Hände lehnte und versuchte, ihm noch näher zu kommen. Er lachte, ein leises, tiefes Geräusch, und küsste mich ein bisschen intensiver.
Mit meinem gebrochenen Arm zwischen uns war jedoch keine weitere Körpersprache möglich, es gab in diesem Augenblick nur Mund und Hände. Ich roch Adams Eau de Toilette, etwas Üppiges und gleichzeitig Subtiles, das sich mit seinem exotischen Geruch vermischte.
Als er sich zurückzog, ließ ich die Hand an seiner Wange und genoss das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln und das Klopfen meines Herzens. Schweigen breitete sich zwischen uns aus, Schweigen und etwas Neues, das vorher noch nicht da gewesen war.
Dann ging die Tür auf, und mein neuer Mitbewohner sah uns grinsend an. »He, seid ihr schon fertig? Ich habe ein bisschen Kakao gemacht, weil ich dachte, dass Mercy nicht viel anhat und vielleicht friert – aber ich nehme an, Sie haben sich schon darum gekümmert.«
Samuel war wütend gewesen, als ich aus der Werkstatt gekommen war und ihm gesagt hatte, dass ich mit Adam ausgehen würde. Ich musste ihn mit Nachdruck daran erinnern, dass er keinen Anspruch auf mich hatte – nicht mehr. Er konnte bei mir bleiben, bis er seine eigene Wohnung finden konnte, aber das gab ihm nicht das Recht, mir vorzuschreiben, mit wem ich zum Abendessen ging.
Wenn ich erkannt hätte, dass es eine echte Verabredung sein würde, wäre ich freundlicher gewesen. Ich wusste, dass Samuel sich immer noch für mich interessierte – und ein Teil von mir liebte ihn immer noch.
Als Jesse, die kleine Kupplerin, mich anrief, um mir zu sagen, dass ihr Vater auf dem Weg sei und ich mir wegen ihr keine Sorgen machen solle, weil es ihr gut gehe, war Samuel davongestapft, um in seinem Zimmer zu schmollen, dem größeren meiner Gästezimmer.
Aber als ich ungeschickt versuchte, mein Kleid anzuziehen, kam er hereingestürzt und half mir. Ich hätte es auch allein geschafft, und ich hatte auch nicht gejammert, ganz gleich, was er sagte. Aber ich musste zugeben, dass es mit drei Händen erheblich besser zu bewerkstelligen war, mein Kleid über den mit Klettverschlüssen befestigten Verband zu bugsieren, als mit nur einer.
Samuel war nicht glücklich gewesen, als ich aufgebrochen war, aber ich hatte keine Lust, mir von meinem schlechten Gewissen diktieren zu lassen, mit wem ich ausging. Ich spiele nicht mit Leuten, die ich gern habe, und ich lasse nicht zu, dass sie mit mir spielen. Ich hatte ihm versprochen, dass ich ebenso wenig Sex mit Adam haben würde wie mit ihm. Nicht, bevor ich wusste, was ich empfand und was sie empfanden. Aber das war wirklich alles, was ich ihm zugestehen würde.
Ich hatte gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, Samuel den Abend im eigenen Saft schmoren zu lassen. Ich hätte Adam wahrscheinlich sagen sollen, das Brans Sohn immer noch bei mir wohnte, sobald mir klar wurde, dass er das nicht wusste – aber was wir an diesem Abend erlebten, war zu diesem Zeitpunkt dafür noch zu zerbrechlich gewesen.
Also war Adam vollkommen verdutzt über das plötzliche Auftauchen von Samuel, meinem ehemaligen Liebhaber und jetzigen Mitbewohner.
»Nicht sehr freundlich, Samuel«, sagte ich und wandte mich Adam zu. »Er wohnt hier, bis er eine Wohnung findet.« Ich sah Samuel an. »Was wohl bald der Fall sein dürfte.«
»Ich dachte, Sie hätten eine Praxis in Montana, Dr. Cornick«, sagte Adam. Er hatte mich losgelassen, als die Tür aufging, aber dann die Hand unten an meinen Rücken gelegt – eine dieser besitzergreifenden Gesten, wie Männer sie gern in der Gegenwart anderer Männer zeigen.
Samuel nickte und trat zurück, dann hielt er die Tür so, dass wir alle hineingehen konnten. Sobald sie beide in meinem Wohnzimmer standen, konnte ich spüren, wie Macht von beiden ausging.
»Ich hatte zusammen mit drei anderen Ärzten eine Gemeinschaftspraxis«, sagte er und ging in die Küche. »Sie werden kein Problem mit meiner Abwesenheit haben. Ich habe Aspen Creek schon vor einer Weile für längere Zeit verlassen, und als ich zurückkehrte, musste ich feststellen, dass ich mich nicht wieder eingewöhnen konnte. Also dachte ich, ich versuche es irgendwo anders.«
Adam nahm eine dampfende Tasse entgegen und pustete nachdenklich auf die Oberfläche des Kakaos. »Denken Sie etwa daran, in mein Rudel aufgenommen zu werden?«
Samuels Lächeln, das sein Gesicht seit dem Öffnen der Tür nicht verlassen hatte, wurde noch breiter. »Daran würde ich nicht einmal im Traum denken. Ich werde ein Einsamer Wolf – Sie werden die offizielle Benachrichtigung von Bran, der Sie darüber informiert, wahrscheinlich noch innerhalb dieser Woche erhalten.«
Ich ließ sie weiterreden. Sie achteten ohnehin nicht auf mich. Das Kleid konnte ich nicht ohne Hilfe ausziehen, aber dann zog ich einfach meine Trainingshose darüber. Ein weites Sweatshirt bedeckte meinen gebrochenen Arm und die Folterschiene mit den Klettverschlüssen. Schuhe waren schwieriger, aber ich fand ein altes Paar Tennisschuhe, das nicht vollständig aufgeschnürt war, und zog sie und ein paar Socken über meine Füße.
Als ich wieder zurück ins Wohnzimmer kam, waren die beiden Männer immer noch in eins dieser angenehm wirkenden, aber tödlich ernsten Gespräche verstrickt, die gewöhnlich schlimm enden. Sie hörten sofort auf zu reden, als ich die Haustür öffnete, aber sobald ich sie wieder hinter mir schloss, machten sie weiter.
Ich nahm den Bus, denn der Golf hatte keine Servolenkung. Ein paar Meilen von zu Hause entfernt hielt ich am Straßenrand an und holte mein Handy aus der Tasche.
»Stefan«, sagte ich, »deine Ersatzteile sind hier. Ich habe einen gebrochenen Arm, also musst du alle Arbeit selbst erledigen – aber ich kann es dir erklären.«
»Wie hast du es denn geschafft, dir den Arm zu brechen, Mercy?«, fragte er.
»Ein Werwolf hat mich gegen eine riesige Frachtkiste geworfen, was ziemlich übel war«, musste ich gestehen. »Aber jetzt weiß ich, wie es ist, ein verängstigtes junges Mädchen zu retten, das von einem bösen Hexer und einem Drogenbaron entführt wurde.«
»Klingt interessant«, sagte Stefan. »Wir treffen uns an deiner Werkstatt.«
Es gibt eben auch Leute, die mir glauben.
Ende - Mercy Thompson 01 - Ruf des Blutes
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Patricia Briggs
Im Bann des Blutes