7
Am nächsten Morgen fuhr ich in meinem geliehenen Mantel zur Tankstelle und kaufte mir einen Frühstücksburrito. Er war heiß, wenn auch überwiegend geschmacklos, und ich hatte genügend Hunger, um ihn vollkommen aufzuessen.
Der junge Mann an der Theke sah aus, als hätte er mich gerne ausgefragt, aber ich hielt ihn mit einem starren Blick davon ab. So etwas funktionierte bei den Leuten hier. Ich war kein Werwesen, aber das wusste er nicht, weil er auch keins war. Es war nicht gerade nett von mir, ihn so einzuschüchtern, aber ich war auch nicht gerade blendendster Laune.
Ich musste etwas tun, irgendetwas, und dabei würde ich noch den ganzen Morgen hier festsitzen. Warten hieß, mir Sorgen um Jesse zu machen, an Mac zu denken und mich zu fragen, was ich hätte tun können, um seinen Tod zu verhindern. Es bedeutete, die alte Demütigung noch einmal zu erleben, dass Bran mir sagte, der Mann, den ich liebte, versuchte, mich zu benutzen. Ich wolle aus Aspen Creek verschwinden, wo die Erinnerungen daran, sechzehn Jahre alt und allein zu sein, mich verfolgten, ganz gleich, wie sehr ich mich anstrengte, mich von ihnen zu lösen, aber der Gehorsam gegenüber Bran war mir zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen – besonders bei so vernünftigen Anweisungen. Aber ich musste deshalb nicht unbedingt auch noch nett und freundlich sein.
Also machte ich mich wieder auf den Rückweg zum Motel. Mein Atem stieg als kleine weiße Wölkchen in die Luft, und der Schnee knirschte unter meinen Schuhen, als jemand meinen Namen rief.
»Mercy!«
Ich schaute über die Straße, wo ein grüner Pickup angehalten hatte – offenbar, weil ich dem Fahrer aufgefallen war, aber der Mann kam mir nicht bekannt vor. Die helle Morgensonne, die auf dem Schnee glitzerte, machte es zudem schwer, Einzelheiten zu erkennen, also schirmte ich die Augen mit der Hand ab und ging auf das Auto zu, um besser sehen zu können.
Sobald ich die Richtung wechselte, schaltete der Fahrer den Motor ab, sprang heraus und überquerte die Straße.
»Ich habe gehört, dass du hier bist«, sagte er. »Aber ich dachte, du bist bestimmt nur auf der Durchreise, sonst wäre ich eher vorbeigekommen.«
Die Stimme kam mir eindeutig bekannt vor, aber sie passte nicht zu dem glatten Gesicht und dem lockigen roten Haar. Der Mann wirkte verwirrt, einen Augenblick sogar gekränkt, als ich ihn nicht sofort erkannte. Dann lachte er und schüttelte den Kopf. »Ich vergesse es selbst immer wieder, obwohl ich jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, das Gefühl habe, einen Fremden zu sehen.«
Die Augen, hellblau und freundlich, passten zu der Stimme, aber es war sein Lachen, das mir schließlich den entscheidenden Hinweis gab. »Dr. Wallace?«, fragte ich. »Sind Sie das wirklich?«
Er steckte die Hände in die Taschen, legte den Kopf schief und grinste boshaft. »So sicher wie die Steuern, Mercedes Thompson.«
Carter Wallace war der Tierarzt von Aspen Creek. Nein, normalerweise behandelte er keine Werwölfe, aber es gab auch Hunde, Katzen und Vieh genug, um ihn zu beschäftigen. Er war der nächste Nachbar meiner Pflegeeltern gewesen, und nach ihrem Tod hatte er mir geholfen, die ersten paar Monate hinter mich zu bringen.
Der Dr. Wallace, mit dem ich aufgewachsen war, war mittleren Alters und beinahe kahl gewesen, mit einem Bauch, der ihm über die Gürtelschnalle hing. Viele Jahre in der Sonne hatten seine Gesichtshaut gegerbt. Dieser Mann hier sah schlank und energisch aus, und seine Haut war hell und faltenlos wie die eines Zwanzigjährigen – aber der größte Unterschied lag nicht in diesen äußeren Attributen.
Der Carter Wallace, den ich gekannt hatte, war ein eher träger, bedächtiger alter Mann gewesen. Ich hatte ihn beobachtet, wie er ein Stinktier aus einem Reifenhaufen lockte, ohne dass es alles einsprühte, und wie er ein verängstigtes Pferd mit seiner Stimme beruhigte, während er an dem Stacheldrahtzaun schnitt, in den es verwickelt war. Damals hatte er etwas Friedvolles an sich gehabt, stetig und fest wie eine Eiche.
Das war verschwunden. Seine Augen waren immer noch hell und freundlich, aber nun lag etwas Raubtierhaftes darin. Die unterschwellige Gewalt war so deutlich, dass ich das Blut beinahe riechen konnte.
»Seit wann sind Sie ein Wolf?«, fragte ich.
»Letzten Monat ein Jahr«, sagte er. »Ich weiß, ich weiß, ich habe geschworen, es nie zu tun. Ich wusste zu viel über die Wölfe, und dennoch nicht genug. Aber ich musste mich vorletztes Jahr in den Ruhestand versetzen lassen, weil meine Hände nicht mehr richtig funktionierten.« Er schaute nach unten, ein wenig nervös, und entspannte sich dann ein wenig, als er mir zeigte, dass sich alle Finger problemlos bewegen ließen. »Es war die richtige Entscheidung. Wenn es irgendetwas gibt, woran sich ein Tierarzt gewöhnt – besonders in dieser Gegend –, dann sind es das Alter und der Tod. Gerry versuchte immer wieder, mich zu überreden, aber ich bin störrisch. Es brauchte ein bisschen mehr als ihn und die Arthritis, damit ich meine Ansicht änderte.« Gerry war sein Sohn und ebenfalls ein Werwolf.
»Was ist passiert?«, fragte ich.
»Knochenkrebs.« Dr. Wallace schüttelte den Kopf. »Er war schon zu weit fortgeschritten. Nur noch ein paar Monate im Bett standen mir bevor, und meine einzige Hoffnung war es, zu sterben, bevor das Morphin aufhört, gegen die Schmerzen zu helfen. Jeder hat seinen Preis, und das war mehr, als ich ertragen konnte. Also habe ich Bran gebeten, mir eine Chance zu geben.«
»Die meisten Leute überleben die Veränderung nicht, wenn sie bereits zu krank sind«, sagte ich.
»Bran sagt, ich sei zu stur, um zu sterben.« Wieder grinste er mich an, und seine Miene begann mich zu beunruhigen, denn es lag etwas darin, was Dr. Wallace, mein Dr. Wallace, nie gehabt hatte. Ich hatte vergessen, wie seltsam es war, jemanden vor und nach der Verwandlung zu sehen, vergessen, wie sehr der Wolf die menschliche Persönlichkeit verändert. Besonders, wenn der Mensch sich nicht beherrschte.
»Ich hatte gehofft, inzwischen wieder zu praktizieren«, fuhr Dr. Wallace fort. »Aber Bran sagt, ich solle noch nicht anfangen.« Er wippte ein wenig auf den Hacken und schloss die Augen, als könnte er etwas sehen, was ich nicht sah. »Es ist der Geruch nach Fleisch und Blut. Solange kein Blut in der Nähe ist, bin ich in Ordnung.« Den letzten Satz hatte er geflüstert, und ich hörte die Gier in seiner Stimme.
Mit einem tiefen Atemzug riss er sich zusammen, dann sah er mich mit Augen an, die nur eine Spur dunkler waren als der Schnee. »Weißt du, ich habe jahrelang angenommen, Werwölfe unterschieden sich nicht sonderlich von anderen Raubtieren.« Wie ein großer weißer Hai oder ein Grizzly, hatte er mir erzählt.
»Ich kann mich erinnern«, sagte ich.
»Aber Grizzlybären greifen ihre Familien nicht an, Mercy. Sie sehnen sich nicht nach Gewalttätigkeit und Blut.« Er schloss die Augen. »Vor ein paar Tagen hätte ich beinahe meine Tochter umgebracht, weil sie etwas sagte, was mir nicht in den Kram passte. Wenn Bran nicht vorbeigekommen wäre …« Er schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht zu einem Tier, sondern zu einem Ungeheuer. Ich werde nie wieder Tierarzt sein können. Meine Familie wird niemals in Sicherheit sein, nicht solange ich lebe.«
Die letzten Worte hingen zwischen uns in der Luft.
Verdammt, verdammt, verdammt, dachte ich. Er hätte sich inzwischen besser beherrschen müssen. Wenn er ein ganzes Jahr Wolf gewesen war und es immer noch nicht konnte, dann würde er niemals die Gewalt über sich erlangen, die er brauchte, um zu überleben. Wölfe ohne die entsprechende Selbstkontrolle wurden um der Sicherheit des Rudels willen eliminiert. Die einzige Frage bestand eigentlich darin, warum Bran sich noch nicht darum gekümmert hatte – aber ich kannte die Antwort. Dr. Wallace hatte zu den wenigen Menschen gehört, die Bran als Freund betrachtete.
»Ich wünschte, Gerry könnte zu Thanksgiving zurückkommen«, sagte Dr. Wallace. »Aber ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, dich zu sehen, bevor du wieder aufbrichst.«
»Warum ist Gerry nicht hier?«, fragte ich. Gerry unternahm oft im Auftrag von Bran Geschäftsreisen, aber er konnte doch sicher zurückkehren, um seinen Vater zu sehen, bevor …
Dr. Wallace fuhr mir mit der Hand über die Wange, und ich erkannte, dass ich weinte.
»Er ist unterwegs. Er kümmert sich um die Einsamen Wölfe, die dort leben, wo es kein Rudel gibt, das auf sie aufpasst. Das ist eine wichtige Aufgabe.«
Ja, das war es. Aber da Dr. Wallace bald sterben würde, hätte Gerry hier sein sollen.
»Manchmal ist Sterben einfacher als Leben, Mercy, mein Mädchen«, sagte er liebevoll und zitierte damit den Lieblingsspruch meines Pflegevaters. »Tanze, wenn der Mond scheint, und weine nicht über Probleme, die dir noch bevorstehen.«
Sein Lächeln wurde weicher, und für einen Moment konnte ich deutlich den Mann erkennen, der er einmal gewesen war. »Es ist kalt hier draußen, Mercy, und dieser Mantel hilft dir nicht viel. Geh und wärm dich auf, Mädchen.«
Ich wusste nicht, wie ich mich verabschieden sollte, also ließ ich es sein. Ich drehte mich einfach um und ging.
Als die Zeiger der Uhr im Motel auf zwölf standen, ging ich zum Bus, den Charles – oder eher Carl – vor Nummer eins geparkt hatte. Wenn Adam noch nicht so weit ist, wird er eine andere Mitfahrgelegenheit finden müssen. Ich kann es hier keine Minute länger aushalten.
Ich öffnete eine Klappe hinten am Auto, um den Frostschutz zu überprüfen, denn der Bus hatte ein kleines Leck, um das ich mich noch nicht gekümmert hatte. Als ich sie wieder schloss und mich umdrehte, stand Samuel mit einer vollgestopften Segeltuchtasche vor mir.
»Was machst du da?«, fragte ich misstrauisch.
»Hat Vater dir das nicht gesagt?« Er bedachte mich mit einem trägen Grinsen, eines von denen, die mein Herz immer hatten schneller schlagen lassen. Ich war nicht begeistert, herauszufinden dass es immer noch funktionierte. »Er schickt mich mit euch. Jemand muss sich um die Abtrünnigen kümmern, die Adam angegriffen haben, und Adam selbst ist dazu noch nicht in der Lage.«
Ich drehte mich auf dem Absatz herum, bevor mir etwas Angemessenes eingefallen wäre, um mich für meine nur zu deutliche Bestürzung zu entschuldigen, aber dann ging die Tür von Zimmer Nummer eins auf.
Adam sah aus, als hätte er in den letzten vierundzwanzig Stunden zwanzig Pfund abgenommen. Er trug eine geliehene Trainingshose und eine offene Jacke über dem nackten Oberkörper. Die meiste sichtbare Haut hatte Prellungen in allen Farben des Regenbogens, Lila, Blau und Schwarz und hellere rote Stellen, aber es gab keine offenen Wunden mehr. Adam kleidete sich sonst immer sehr sorgfältig und achtete auf sein gepflegtes Äußeres, aber nun hatte er dunkle Stoppeln am Kinn, und sein Haar war unfrisiert. Er hinkte langsam auf den Bürgersteig hinaus und stützte sich dabei fest auf einen Stock.
Ich hatte nicht erwartet, ihn so bald wieder in aufrechter Position zu sehen, und man sah mir die Überraschung wohl deutlich an, denn er lächelte schwach.
»Eine starke Motivation hilft bei der Heilung«, sagte er. »Ich muss Jesse finden.«
»Motivation und Dummheit«, murmelte Samuel neben mir, und Adams Lächeln wurde breiter, wenn auch nicht unbedingt freundlicher.
Ein Erneutes »Ich muss Jesse finden«, war alles, was er als Antwort auf Samuels offensichtliche Missbilligung entgegnete. »Mercy, ohne dein Auftauchen wäre ich tot. Danke.«
Unsere Beziehung war für mich immer voller Fragen gewesen, und zu wissen, dass Bran ihm befohlen hatte, auf mich aufzupassen, half nicht gerade, sie besser zu verstehen. Dennoch, ich konnte dem Drang, ihn zu necken, nicht widerstehen – er nahm das Leben so ernst!
»Es ist mir immer eine Freude, dich zu retten«, verkündete ich unbeschwert und war froh über das Aufflackern in seinen Augen, bevor er lachte.
Er musste stehen bleiben, um zu Atem zu kommen. »Verdammt noch mal«, sagte er und schloss die Augen. »Tu so was nicht.«
Samuel war unauffällig näher gekommen, entspannte sich aber, als Adam weiterging, ohne umzufallen. Ich öffnete die Schiebetür hinter dem Beifahrersitz.
»Willst du dich hinlegen?«, fragte ich. »Oder würdest du lieber auf der Bank sitzen?«
»Ich werde mich setzen«, knurrte Adam. »Meine Rippen sind nicht erfreut über das Liegen.«
Als er zum Bus kam, hielt ich mich zurück und ließ zu, dass Samuel ihm hineinhalf.
»Mercy«, sagte Bran zu meiner Überraschung hinter meiner Schulter, weil ich nur auf Adams Miene geachtet hatte.
Er hatte ein paar Decken auf dem Arm.
»Ich wollte früher hier sein und dich informieren, dass Samuel mit euch kommt«, erklärte er und reichte mir die Decken. »Aber ich musste ich um andere Dinge kümmern, die länger dauerten, als ich erwartet habe.«
»Wusstest du, dass du ihn mit uns zurückschicken würdest, als du gestern Abend mit mir gesprochen hast?«, fragte ich.
Er lächelte. »Ich hielt es für möglich, ja. Aber ich habe auch noch einmal mit Adam geredet, nachdem ich mich von dir verabschiedet hatte, und ein paar Dinge klargestellt. Ich schicke Charles mit ein paar Wölfen zur Unterstützung nach Chicago.« Er verzog den Mund zu einem unangenehmen Raubtierlächeln. »Er wird herausfinden, wer dort das Sagen hat und ohne Erlaubnis neue Wölfe schafft, und dann wird er es auf eine Weise aufhalten, die dazu führt, dass wir es nie wieder mit einem solchen Problem zu tun bekommen.«
»Warum schickst du nicht Samuel und gibst mir Charles mit?«
»Samuel hat einen zu schwachen Magen für Chicago«, erklärte Adam atemlos. Ich warf ihm einen Blick zu und sah, dass er aufrecht auf der kurzen mittleren Bank saß, einen Schimmer von Schweiß auf der Stirn.
»Samuel ist Arzt und dominant genug, um Adam davon abzuhalten, jemanden zu essen, bevor es ihm besser geht«, meldete sich besagter Samuel zu Wort, stieg wieder aus dem Bus und riss mir die Decken aus der Hand.
In Brans Lächeln lag nun echte Heiterkeit. »Samuel war lange weg«, erklärte er. »Ich glaube, er kennt außer Adam nur Darryl, Adams Stellvertreter. Solange wir nicht wissen, was los ist, will ich lieber nicht, dass alle erfahren, dass ich diese Sache untersuche.«
»Wir denken, es wird eine Zeit kommen, in der wir uns nicht mehr vor den Menschen verstecken können«, erklärte Samuel, nachdem er Adam in die Decken gewickelt hatte. »Aber wie würden lieber steuern können, wie das passiert, als eine Gruppe mörderischer Wölfe mit einem Paukenschlag enthüllen zu lassen, dass es uns gibt, bevor wir bereit sind.«
Ich musste schockiert ausgesehen haben, denn Bran lachte.
»Es ist nur eine Frage der Zeit«, sagte er. »Das Feenvolk hatte recht. Forensische Wissenschaft, Satellitenüberwachung und digitale Kameras machen es immer schwer, unsere Geheimnisse zu bewahren. Ganz gleich, wie viele Irische Wolfshunde, George-Brown-Mastiffs und Kreuzungen es gibt, sie sehen nicht wie Werwölfe aus.«
Es gab in Aspen Creek drei oder vier Leute, die sehr große Hunde züchteten, damit sie die seltsamen Spuren und gelegentliche Wolfssichtungen erklären konnten – George Brown, selbst ein Werwolf, hatte mit seinen Mastiffs schon mehrere nationale Titel gewonnen. Anders als die meisten Katzen mögen Hunde Werwölfe.
»Suchst du nach einem Vorzeige-Werwolf wie Kieran McBride?« , fragte ich.
»Nein«, knurrte Adam. »Es gibt keine Kieran McBrides, die Werwölfe sind. Harmlos und niedlich sind wir nun einmal nicht. Aber er könnte ein Held sein: ein Polizist oder jemand in der Armee.«
»Du wusstest davon?«, fragte ich.
»Es gab Gerüchte.«
»Was wir im Augenblick wirklich nicht brauchen können, ist ein Mörder, der frei in den Tri-Cities herumläuft und Werwölfe einsetzt, um andere umzubringen«, sagte Bran. Über meine Schulter schaute er Samuel an. »Finde den Schurken und erledige ihn, bevor er die Menschen in diese Sache verwickelt.« Bran war die einzige Person, die Worte wie »Schurke« benutzen konnte, ohne dass sie lächerlich klangen – aber er hätte in diesem Tonfall auch »Häschen« sagen können, und mir wäre der gleiche Schauder über den Rücken gelaufen.
Ich zitterte, allerdings noch mehr vor Kälte als vor Angst. In den Tri-Cities fror es in dieser Jahreszeit meist noch nicht. Es war auch nicht besonders kalt für den November in Montana – meine Nasenlöcher klebten zum Beispiel nicht zusammen, wenn ich atmete, also hatte wir noch keine zwanzig Grad unter null – aber es war beträchtlich kälter als das, woran ich gewöhnt war.
»Wo ist dein Mantel?«, fragte Bran, als er hörte, wie meine Zähne klapperten.
»Den habe ich im Zimmer gelassen«, sagte ich. »Er gehört mir nicht.«
»Du kannst ihn gerne behalten.«
»Ich habe schon ausgecheckt«, erwiderte ich.
Er schüttelte den Kopf. »Dann solltest du dich lieber auf den Weg machen, bevor du erfrierst.« Er sah Samuel an. »Halte mich auf dem Laufenden.«
»Bran«, sagte Adam. »Danke.«
Bran lächelte und schob sich an mir vorbei, um vorsichtig eine von Adams Händen zu ergreifen. »Jederzeit.«
Als er zurücktrat, schloss er die Schiebetür mit gerade der richtigen Menge von Schwung, damit sie nicht wieder aufging. Ich hatte drei Monate gebraucht, um herauszufinden, wie man das richtig machte.
Er griff in die Manteltasche und reichte mir eine weiße Karte mit seinem Namen und zwei Telefonnummern in schlichter schwarzer Schrift.
»Damit du mich anrufen kannst, wenn du willst«, sagte er. »Die obere ist die Handynummer, dann musst du nicht mit meiner Frau sprechen.«
»Bran?«, fragte ich impulsiv. »Was ist so wichtig an Gerrys Arbeit, dass er nicht einmal herkommen kann, um bei Dr. Wallace zu sein?«
»Er tut sich selbst leid«, fauchte Samuel.
Bran legte die Hand auf Samuels Arm, aber er wandte sich mir zu. »Carters Fall ist tragisch und ungewöhnlich. Wenn ein Wolf seine Verwandlung überlebt, aber nicht sein erstes Jahr, liegt das daran, dass der Mensch die Instinkte des Wolfs nicht beherrschen kann.«
»Er will kein Werwolf sein«, sagte Samuel. »Er will das Feuer des Jagdinstinkts nicht spüren, und auch nicht die Leidenschaft der Hatz.« Einen Augenblick fing sich die Sonne in seinen Augen, und sie glitzerten. »Er ist ein Heiler, kein Wolf, der Leben nimmt.«
Ah, dachte ich, das nagt an dir, Dr. Samuel Cornick. Samuel hatte früher keine Neigung dazu gezeigt, tiefsinnige Gespräche mit mir zu führen – obwohl das mehr mit meinem Alter zu tun gehabt haben mochte als mit ihm –, aber ich erinnerte mich, dass er manchmal Probleme hatte, weil sein Instinkt zu heilen nicht so stark war wie der Trieb, zu töten. Er hatte mir immer erzählt, dass er dafür sorgte, vor allen Operationen sehr gut zu essen. Glaubte er, dass Dr. Wallace der bessere Mann war, weil er sich entschlossen hatte, nicht mit diesem Konflikt zu leben?
»Solange Carter dem Wolf nicht gestattet, Teil von ihm zu werden, kann er ihn nicht beherrschen.« Bran verzog die Mundwinkel. »Er ist gefährlich, und es wird mit jedem Mond schlimmer, Mercy. Dabei bräuchte er nur seine verdammte dickköpfige Moral zu einem Kompromiss zu führen und akzeptieren, was er ist, und alles wäre Ordnung. Aber wenn das nicht bald geschieht, wird es überhaupt nicht mehr passieren, und ich kann ihn keinen weiteren Vollmond erleben lassen.«
»Gerry ist derjenige, der ihn zu der Verwandlung überredet hat«, sagte Samuel müde. »Er weiß, dass der Tag kommen wird, an dem sich jemand um Carter kümmern muss. Und wenn er zu diesem Zeitpunkt hier wäre, würde er seine Pflicht tun – und genau damit kommt er nicht zurecht.«
»Ich werde mich darum kümmern«, erklärte Bran und holte tief Luft. »Ich habe solche Dinge schon zuvor getan.« Er bewegte die Hand zu Samuels Schulter. »Nicht alle sind so stark wie du, mein Sohn.« Eine ganze Welt geteilten Kummers lag in diesen Worten – und ich musste daran denken, dass drei von Samuels Kindern die Verwandlung nicht überlebt hatten.
»Steig in den Bus, Mercy«, wies Samuel mich an. »Du zitterst.«
Bran legte die Hände auf meine Schultern, gab mir einen Kuss auf die Stirn und verdarb dann alles, indem er sagte: »Lass die Jungs sich um diese Sache kümmern, ja, Mercedes?«
»Sicher«, sagte ich und löste mich von ihm. »Pass auf dich auf, Bran.«
Ich ging vorne um den Bus herum und murmelte nur deshalb nicht leise vor mich hin, weil die Werwölfe alle gehört hätten, was ich sagte.
Ich ließ den Bus an – er protestierte gegen die Kälte, aber es war nicht allzu schlimm. Während der Motor sich aufwärmte, wechselte Bran noch ein paar letzte Worte mit Samuel.
»Wie gut kennt Bran dich?«, fragte Adam leise. Das Motorengeräusch des Busses und das Radio würden wahrscheinlich verhindern, dass die anderen uns hörten.
»Nicht sonderlich gut, wenn er glaubt, dass ich alles dir und Samuel überlasse«, murmelte ich.
»Das hatte ich gehofft«, sagte er, mit so viel Zufriedenheit in der Stimme, dass ich herumfuhr und ihn ansah. Er lächelte müde. »Samuel ist ein guter Mann, Mercy. Aber er kennt Jesse nicht und interessiert sich nicht für sie. Ich werde noch eine Weile lang zu nicht viel zu gebrauchen sein. Also brauche ich dich, um Jesse zu helfen.«
Die Beifahrertür ging auf, Samuel bugsierte sich auf den Sitz und schloss die Tür.
»Dad meint es gut«, sagte er, als ich den Rückwärtsgang einlegte, und zeigte mir damit, dass er mich besser kannte als sein Vater. »Er ist einfach daran gewöhnt, mit Leuten zu tun zu haben, die ihm gehorchen, wenn er ihnen etwas sagt. Mercy, er hat recht. Du bist nicht imstande, mit diesen Sachen fertig zu werden.«
»Ich finde, sie hat das bisher hervorragend geschafft«, warf Adam freundlich ein. »Sie hat innerhalb von zwei Tagen zwei von ihnen getötet und ist ohne einen Kratzer davongekommen.«
»Glück«, sagte Samuel.
»Tatsächlich?« Im Rückspiegel sah ich, dass Adam die Augen schloss, als er beinahe flüsternd endete. »Mag sein. Als ich in der Armee war, sorgten wir dafür, dass Soldaten mit Glück dort blieben, wo sie uns am meisten von Nutzen sein würden.«
»Adam will, dass ich helfe, Jesse zu finden«, sagte ich zu Samuel und gab Gas, als wir Aspen Creek hinter uns ließen.
Das Gespräch ging bald ebenso bergab wie die Straße. Adam klinkte sich nach ein paar spitzen Bemerkungen aus und lehnte sich zurück, um die sprühenden Funken zu genießen. Ich konnte mich nicht erinnern, mich je zuvor so mit Samuel gestritten zu haben, aber ich war auch keine verliebte Sechzehnjährige mehr.
Schließlich hörte ich auf zu reden, und Samuel schnallte den Sicherheitsgurt ab und schlüpfte zwischen den Vordersitzen hindurch, um sich neben Adam zu setzen.
»Streiten Sie nie mit Mercy über jemanden, den sie gern hat«, riet Adam, der die Situation offenbar gewaltig genoss. »Selbst wenn sie aufhört zu widersprechen, wird sie nur tun, was sie sowieso will.«
»Sie sollten lieber still sein und etwas essen«, knurrte Samuel, der ganz und gar nicht wie sonst klang. Ich hörte, wie er eine kleine Kühltasche öffnete, und der süßliche Eisengeruch von Blut erfüllte den Bus.
»Mmm«, sagte Adam wenig begeistert. »Rohes Steak.«
Aber er aß das Stück Fleisch, und dann schlief er wohl ein. Nach einer Weile kam Samuel wieder nach vorn.
»Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du so störrisch gewesen bist«, sagte er.
»Das war ich wohl auch nicht«, stimmte ich ihm zu. »Oder vielleicht hast du nicht versucht, mich zu schikanieren. Ich gehöre nicht zu deinem oder zu Brans Rudel. Ich bin kein Werwolf. Du hast kein Recht, über mich zu bestimmen, als wäre das der Fall.«
Er knurrte, und wir fuhren ein Stück schweigend weiter.
Schließlich fragte er: »Hast du zu Mittag gegessen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich halte in Sandpoint an. Das Städtchen ist ein ganzes Stück größer geworden, seit ich das letzte Mal durchgefahren bin.«
»Touristen«, murmelte Samuel angewidert. »Jedes Jahr kommen mehr und mehr Leute.« Ich fragte mich, ob er sich daran erinnerte, wie es gewesen war, als er in dieser Gegend eingetroffen war.
Wir hielten an und kauften genug Hühnchen, um ein ganzes Jugendsportteam zu ernähren – oder zwei Werwölfe und eine kleine Kojotin. Adam aß abermals mit zurückhaltender Wildheit. Heilen kostete viel Energie, und er brauchte so viel Eiweiß wie möglich.
Als er fertig war und wir uns wieder auf der Straße befanden, fragte ich schließlich: »Was genau ist denn nun an dem Abend passiert, als du angegriffen wurdest? Du wirst es Bran und wahrscheinlich auch Samuel bereits erzählt haben, aber ich würde es gerne selbst hören.«
Adam wischte sich vorsichtig die Finger an dem feuchten Tuch ab, das bei unserem Huhn gewesen war – offenbar hielt er das Zeug nicht für gut genug, sich hinterher die Finger zu lecken. »Ich habe das Rudel gerufen, um Mac vorzustellen und ihnen von deinen Abenteuern mit den Leuten, die ihn gefangen genommen hatten, zu erzählen.«
Ich nickte.
»Etwa eine Viertelstunde, nachdem der Letzte gegangen war, gegen halb vier morgens, klopfe es draußen. Es war Mac gerade gelungen, sich wieder in Menschengestalt zu verwandeln, und er eilte zur Tür.« Er hielt inne, und ich stellte den Rückspiegel neu ein, damit ich sein Gesicht sehen konnte, aber ich war nicht imstande, seine Miene zu deuten.
»Ich war in der Küche, also kann ich nur aus den Geräuschen schließen, was dann passiert ist. Ich würde sagen, sie haben geschossen, sobald er die Tür öffnete.«
»Dumm von ihnen«, erklärte Samuel. »Sie müssen doch gewusst haben, dass Sie die Schüsse hören würden – selbst ein Betäubungsgewehr verursacht ein ziemlich lautes Ploppen.«
Adam setzte zu einem Achselzucken an, und dann hielt er mit schmerzerfüllter Miene inne. »Verdammt – entschuldige, Mercedes! – ich will verdammt sein, wenn ich weiß, was sie sich dabei dachten.«
»Sie wollten ihn nicht wirklich töten, oder?«, fragte ich. Ich hatte ebenfalls nachgedacht. Wenn man das will, ist eine Waffe mit Silberkugeln erheblich sicherer als ein Pfeil mit experimentellen Drogen.
»Vermutlich wollten sie das nicht«, stimmte Samuel mir zu. »Seine Verletzungen sahen aus wie eine massive allergische Reaktion auf das Silber.«
»In dem Pfeil, den Mercedes gefunden hat, war Silber? Genau, wie Charles dachte?«, fragte Adam.
»Ja«, sagte Samuel. »Ich habe den Pfeil ins Labor geschickt, zusammen mit einer Probe von Macs Blut, um es untersuchen zu lassen, und es sieht aus, als hätten sie Silbernitrat mit DMSO und Special K kombiniert.«
»Was?«, fragte ich.
»Special K ist Ketamin«, sagte Adam. »Man hat es eine Weile als Entspannungsdroge verwendet, aber es ist eigentlich ein Tierberuhigungsmittel. Normalerweise funktioniert es bei Werwölfen nicht. Und Silbernitrat wird benutzt, um Filme zu entwickeln. Was ist DMSO?«
»Silbernitrat hilft, um eine silberhaltige Lösung herzustellen«, erklärte Samuel. »Es wird zum Beispiel benutzt, um Augeninfektionen zu behandeln – obwohl ich es keinem Werwolf empfehlen würde.«
»Ich habe noch nie von einem Werwolf mit einer Augeninfektion gehört«, sagte ich, aber ich verstand, was er meinte.
Er lächelte mich an, sprach aber weiter mit Adam. »DMSO ist Dimethylsulfoxid. Es hat eine Menge seltsamer Eigenschaften, aber die Interessanteste für uns besteht wahrscheinlich darin, dass es andere Chemikalien tragen kann, selbst durch Membranen.«
Ich starrte die Straße vor mir an und hielt die rechte Hand vor die Heizung, um sie zu wärmen. Die Fenster mussten unbedingt neu versiegelt werden, und die Heizung konnte der Luft von Montana nicht standhalten. Komisch, ich erinnerte mich nicht, auf dem Weg hierher so gefroren zu haben. Ich hatte wohl solche kleinen Unpässlichkeiten schlicht ignoriert.
»Im Chemieunterricht in meinem ersten Jahr im College haben wir etwas mit Pfefferminzöl gemischt und dann den Finger reingestreckt – ich konnte die Pfefferminze schmecken.«
»Genau«, sagte Samuel. »Das ist das Zeug. Nimm DMSO und mische es mit einer Silberlösung, und schwupp, das Silber wird durch den Körper des Werwolfs getragen und vergiftet ihn dabei, so dass das Beruhigungsmittel, in diesem Fall Ketamin, ohne Einmischung des Metabolismus des Werwolfs arbeitet, der normalerweise verhindern würde, dass die Droge irgendwelche Auswirkungen hat.«
»Sie glauben also, dass Mac am Silber und nicht an einer Überdosis Ketamin gestorben ist?«, fragte Adam. »Diese Leute haben ihn nur zweimal angeschossen. Ich hatte mindestens vier Treffer, vielleicht sogar mehr.«
»Je kürzer ihre letzte Berührung mit Silbernitrat her ist, desto schlimmer ist die Reaktion«, sagte Samuel nach einer Weile. »Ich nehme an, wenn der Junge nicht seine letzten Wochen in der liebevollen Obhut dieser Leute verbracht hätte, die ihn mit Silber vollpumpten, hätte er vielleicht überlebt.«
»Offenbar sind Silbernitrat und Ketamin relativ leicht erhältlich«, sagte Adam nach einer Weile. »Wie sieht es mit diesem DSMO aus?«
»Ich könnte es bekommen. Man erhält es auf Rezept – und ich wette, ich könnte es außerdem in jedem Geschäft für Tierarztbedarf kaufen.«
»Man muss also Arzt sein?«, fragte ich.
Samuel schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Ich würde erwarten, dass es auch so ziemlich leicht in einer Apotheke erhältlich ist. Es gehört nicht gerade zu den Drogen, die sorgfältig überwacht werden. Ich würde erwarten, dass sie so viel von diesem Cocktail herstellen können, wie sie wollen, ohne dass es ihnen große Mühe macht.«
»Na wunderbar.« Adam schloss die Augen und stellte sich wahrscheinlich eine Invasionsarmee mit Beruhigungsgewehren vor.
»Sie haben Mac also umgebracht«, sagte ich, als mir klar wurde, dass er nicht fortfahren würde. »Und was ist dann passiert?«
»Ich stürzte aus der Küche wie ein Idiot, und sie schossen auf mich.« Adam schüttelte den Kopf. »Ich habe mich so daran gewöhnt, so gut wie kugelsicher zu sein – in gewisser Weise hatte ich es verdient. Was immer sie mir verabreicht haben, es warf mich um, und als ich wieder aufwachte, war ich an Händen und Füßen gefesselt. Nicht, dass ich ansonsten in der Verfassung gewesen wäre, etwas zu unternehmen. Ich war so erledigt, dass ich kaum den Kopf heben konnte.«
»Hast du gesehen, wer sie waren?«, fragte ich. »Einer von ihnen muss ein Mensch gewesen sein, der den Werwolf zu meiner Werkstatt begleitet hat. Ich habe ihn in Jesses Zimmer gerochen.«
Adam verlagerte sein Gewicht auf der Bank und stemmte sich ein wenig gegen den Sicherheitsgurt.
»Adam.« Samuels Stimme war leise, aber intensiv.
Adam nickte, entspannte sich ein wenig und reckte den Hals, um die Anspannung loszuwerden. »Danke. Es ist schwieriger, wenn ich wütend bin. Ja, ich kannte einen von ihnen, Mercedes. Weißt du, wie ich zum Werwolf wurde?«
Die Frage kam unerwartet – aber Adam hatte immer einen Grund, wenn er etwas über sich erzählte. »Nur, dass es in Vietnam geschah«, antwortete ich. »Du warst bei einer Sondereinsatztruppe.«
»Genau«, stimmte er zu. »Langstreckenerkundung. Sie schickten mich und fünf andere Männer aus, um einen besonders ekelhaften Kriegsherrn zu erledigen – mit einem Attentat. Wir hatten solche Dinge schon öfter getan.«
»Der Kriegsherr war ein Werwolf?«, fragte ich.
Er lachte freudlos. »Hat uns niedergemetzelt. Er wurde schließlich von einem seiner eigenen Leute umgebracht, während er den armen alten McCue aß.« Er schloss die Augen und flüsterte: »Ich kann ihn immer noch schreien hören.«
Samuel und ich warteten ab, und einen Augenblick später fuhr Adam fort. »Die Leute des Kriegsherrn rannten weg und ließen uns zurück. Ich nehme an, sie waren nicht sicher, ob er wirklich tot war, selbst nachdem sie ihn enthauptet hatten. Nach einer Weile – einer langen Weile, aber das bemerkte ich erst später – stellte ich fest, dass ich mich bewegen konnte. Alle waren tot bis auf Christiansen und mich. Wir halfen einander und kamen irgendwie zurück, schlimm genug verwundet, dass sie uns nach Hause schickten: Christiansen hatte ohnehin nur eine kurze Dienstzeit, und ich denke, sie hielten mich für ein wenig verrückt, weil ich dauernd von Wölfen sprach. Sie schickten uns schnell genug außer Landes, damit keiner der Ärzte darüber reden konnte, wie rasch wir uns erholten.«
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Adam?«, fragte Samuel
Adam schauderte und zog die Decken fester um sich. »Tut mir leid, ich rede nicht oft darüber. Es ist schwieriger, als ich angenommen hatte. Jedenfalls, einer meiner Armeekumpel, der ein paar Monate zuvor in die Staaten zurückgekehrt war, hörte, dass ich zu Hause war und kam vorbei. Wir betranken uns – oder zumindest versuchte ich es. Mir war gerade erst aufgefallen, dass ich schrecklich viel Whiskey brauchte, damit irgendetwas passierte, aber der Alkohol lockerte meine Zunge genug, dass ich ihm von dem Werwolf erzählte.
Das war ein Glück, denn er glaubte mir. Er rief einen Verwandten an, und beide erklärten mir, dass ich ein Fell bekommen und beim nächsten Vollmond auf die Jagd gehen würde. Sie nahmen mich in ihr Rudel auf und sorgten dafür, dass alles ungefährlich verlief, bis ich mich genügend unter Kontrolle hatte, um zurechtzukommen.«
»Und der andere verwundete Mann?«, fragte ich.
»Christiansen?« Er nicke. »Meine Freunde fanden ihn. Sie hatten gehofft, noch rechtzeitig zu kommen, aber er hatte feststellen müssen, dass sich seine Frau mit einem anderen eingelassen hatte. Als er nach Hause kam, fand er seine Sachen gepackt und seine Frau und ihren Geliebten mit den Scheidungspapieren.«
»Was ist passiert?«, fragte Samuel
»Er hat sie zerrissen.« Sein Blick traf meinen im Rückspiegel. »Selbst in diesem ersten Monat kann man sich verändern, wenn man wütend genug wird.«
»Ich weiß«, sagte ich.
Er nickte ruckartig. »Danach konnten sie ihn überreden, lange genug beim Rudel zu bleiben, um zu lernen, wie man überlebt. Aber soweit ich weiß, wurde er niemals offiziell Mitglied. Er lebt seit all diesen Jahren als Einsamer Wolf.«
Ein Einsamer Wolf ist ein Mann, der sich entweder weigert, sich einem Rudel anzuschließen, oder keines finden kann, das ihn aufnehmen würde. Frauen, wenn ich das hinzufügen darf, haben keine solche Möglichkeit. Was Frauen angeht, haben die Werwölfe noch nicht das zwanzigste Jahrhundert erreicht, vom einundzwanzigsten gar nicht zu reden. Es ist gut, dass ich kein Werwolf bin – oder vielleicht auch nicht. Jemand sollte sie aufwecken.
»Und Christiansen gehörte zu den Wölfen, die zu deinem Haus kamen?«, fragte ich.
Er nickte. »Ich habe ihn nicht gehört oder gesehen – er hielt sich von mir fern –, aber ich konnte ihn riechen. Es gab mehrere Menschen und drei oder vier Wölfe.«
»Du hast zwei von ihnen umgebracht«, sagte ich. »Und ich einen dritten.« Ich versuchte mich zu erinnern, was ich in dem Haus gerochen hatte, aber ich hatte vor allem Jesse nachgespürt. So viele von Adams Rudel waren dort gewesen, und ich kannte nur einige von ihnen beim Namen. »Ich kenne den Mann, den Menschen, der sich zuvor mit mir und Mac gestritten hat, dem Geruch nach, aber keinen anderen.«
»Ich bin einigermaßen sicher, dass sie vorhatten, mich aus dem Kampf herauszuhalten, bis sie getan hatten, weshalb sie gekommen waren, aber dann ist der ganze Plan offenbar in sich zusammengebrochen«, sagte Adam. »Erst ist Mac gestorben. Der Versuch, ihn aus deiner Werkstatt zu holen, zeigt, dass sie ihn in die Finger bekommen wollten, aber sie wollten ihn sicher nicht in meinem Haus umbringen.«
»Sie haben ihn vor meine Haustür gelegt«, sagte ich.
»Tatsächlich?« Adam verzog das Gesicht. »Eine Warnung?« Ich konnte sehen, wie er darüber nachdachte und mit der gleichen Vermutung aufwartete, die ich auch schon gehabt hatte. »Halte dich aus unseren Angelegenheiten heraus, oder du stirbst.«
»Und eine Möglichkeit, eine Leiche loszuwerden, mit der sie nicht gerechnet hatten«, stellte ich fest. »Jemand fuhr mit Mac zu meinem Haus und war schon wieder weg, als ich aus der Tür kam. Die Leute, die sich noch in deinem Haus befanden, verschwanden ebenfalls rasch, wahrscheinlich mit Jesse. Ich habe es rechtzeitig zu dir geschafft, um den letzten Werwolf zu töten, gegen den du gekämpft hast.« Ich versuchte, darüber nachzudenken, wann das gewesen war. »Etwa um halb fünf am Morgen, würde ich sagen.«
Adam rieb sich die Stirn.
Samuel sagte: »Sie haben also erst auf Mac geschossen, dann auf Adam, und dann gewartet, bis Mac tot war. Sie legten die Leiche bei deinem Haus ab – dann wachte Adam auf, und sie schnappten sich Jesse und ließen drei Werwölfe zurück, um sich um Adam zu kümmern – um ihn zu töten? Aber warum Jesse dann mitnehmen? Wahrscheinlich war nicht geplant, dass Sie einfach sterben, Adam.«
»Der erste Wolf, gegen den ich kämpfte, war wirklich neu«, sagte ich nachdenklich. »Wenn das für alle gilt, haben sie sich vielleicht mitreißen lassen, und die anderen sind geflohen, weil sie sie nicht beruhigen konnten.«
»Christiansen ist nicht neu«, stellte Adam fest.
»Ein Wolf war eine Frau«, sagte ich. »Und der, denn ich umgebracht hatte, war lederfarben – beinahe wie Leah, aber dunkler. Der andere hatte eher die üblichen Farben, Grau und Weiß. Ich kann mich an keine Markierungen erinnern.«
»Christiansen ist rotgolden«, sagte Adam.
»Sind sie also gekommen, um Jesse zu entführen, oder war das eher der Versuch, aus einer verfahrenen Situation noch etwas zu retten?«
»Jesse.« Adam klang heiser, und als ich mich zu ihm umblickte, konnte ich erkennen, dass er Samuels Frage nicht gehört hatte. »Ich wachte auf, als Jesse schrie. Jetzt erinnere ich mich.«
»Ich habe auf dem Boden deines Wohnzimmers zerbrochene Handschellen gefunden.« Ich verlangsamte den Bus, um einem Wohnmobil nicht zu nahe zu kommen, das den Berg hinaufkroch. Ich hätte nicht so langsam werden müssen. »Silberne Handschellen – und der Boden war voller Glas, toter Werwölfe und Möbel. Ich nehme an, die Fußschellen lagen dort auch irgendwo.« Dann fiel mir etwas ein. »Vielleicht wollten sie nur Mac holen und Adam dafür bestrafen, dass er ihn aufgenommen hatte?«
Samuel schüttelte den Kopf. »Mercy, du würdest vielleicht Warnungen zurücklassen – oder versuchen, jemandem eine Lektion zu erteilen. Ein Rudel neuer Werwölfe – besonders, wenn ihnen ein erfahrener Wolf vorsteht – verärgert keinen Alpha, nur um ihn zu ›bestrafen‹, weil er sich in ihre Angelegenheiten eingemischt hat. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, um den Marrok gegen sich aufzubringen. Außerdem ist da auch noch Adam selbst. Er ist nicht nur der Leitwolf des Columbia-Rudels, er ist beinahe der stärkste Alpha in den Vereinigten Staaten, Anwesende selbstverständlich ausgenommen.«
Adam knurrte, nicht beeindruckt von Samuels Einschätzung. »Wir wissen nicht genug, um Spekulationen darüber wagen zu können, was sie wollten. Mac lebt nicht mehr, und sie haben ihn entweder aus Versehen oder mit Absicht getötet. Sie haben mich halb umgebracht und Jesse mitgenommen. Der Mensch, den du wiedererkannt hast, lässt darauf schließen, dass die ganze Sache etwas mit Macs Geschichte zu tun hat – und Christiansens Anwesenheit weist darauf hin, dass sie auch mit mir zusammenhängt. Ich will verdammt sein, wenn ich weiß, was Mac und ich gemeinsam haben.«
»Mercy«, sagte Samuel.
»Ja, ich habe vergessen, euch zu informieren, dass ich mich während eurer Abwesenheit einer geheimen Gangsterorganisation angeschlossen habe«, sagte ich gereizt. »Ich versuche, einen Harem aus kräftigen, muskulösen Werwölfen zusammenzustellen. Also wirklich. Vergesst nicht, dass ich Mac nicht einmal kannte, bis er mir irgendwann nachdem diese Leute sein Leben versaut hatten, in die Werkstatt fiel.«
Samuel streckte, nachdem er mich erfolgreich übertölpelt hatte, die Hand aus und tätschelte mein Bein.
Ich hatte zufällig den Blick im Rückspiegel auf Adams Gesicht gerichtet, und nun bemerkte ich, dass seine Augenfarbe von Schokoladenbraun zu Bernstein überging, als er Samuels Hand bemerkte, bevor ich die Gelegenheit hatte, mich wieder der Straße zuzuwenden und mich zu überzeugen, dass das Wohnmobil vor uns nicht noch langsamer geworden war. Vier andere Fahrzeuge krochen hinter uns den Berg hinauf.
»Fassen Sie Mercy nicht an«, flüsterte Adam. Eine subtile Drohung schwang in seiner Stimme mit, und er musste es wohl selbst gehört haben, denn er fügte hinzu: »Bitte.«
Das letzte Wort hielt die finstere Bemerkung auf, die mir bereits auf der Zunge lag, denn ich erinnerte mich daran, dass Adam sich immer noch anstrengen musste, seinen Wolf zu beherrschen, und das vorherige Gespräch hatte sicher nicht dazu beigetragen, ihn zu beruhigen.
Aber es war nicht mein Temperament, um das ich mir hätte Sorgen machen müssen.
Samuel bewegte die Hand, bis seine Finger den oberen Teil meines Oberschenkels umfassten, und er drückte zu. Nicht fest genug, um mir wehzutun. Ich bin nicht sicher, ob Adam die Bewegung bemerkt hätte, aber Samuel begleitete sie mit einem kehligen Halbknurren der Herausforderung.
Ich wartete nicht ab, um zu sehen, was Adam tun würde, sondern riss das Auto nach rechts und trat auf die Bremse, sobald der Bus sich am Straßenrand befand. Ich löste meinen Sicherheitsgurt und fuhr herum, um Adams gelbem Blick zu begegnen. Er atmete schwer – die Reaktion auf Samuels Herausforderung und den Schmerz, den meine Fahrweise ihm verursacht hatte.
»Du«, sagte ich fest und zeigte auf ihn. »Du bleibst, wo du bist.« Manchmal gehorchte sogar ein Leitwolf Befehlen, wenn man sie mit fester Stimme gab. Besonders, wenn man ihm sagte, er solle sitzen bleiben, wenn es ihm ohnehin wehtat, sich zu bewegen.
»Du!« Ich drehte mich zu Samuel um. »Raus hier, sofort.«
Dann zog ich mein Bein unter seiner Hand weg und sprang aus dem Bus, wobei ich nur knapp vermied, dass mir ein LKW die Tür abriss.
Ich war nicht sicher, ob einer von ihnen gehorchen würde, aber ich würde ganz bestimmt nicht versuchen, mit zwei Wölfen im gleichen Auto unterwegs zu sein, die einander zerreißen wollten.
Samuel hatte tatsächlich die Tür geöffnet, während ich um die Vorderseite des Busses herumgegangen war. Nachdem ich mich ein halbes Dutzend Schritte vom Auto entfernt hatte, befand er sich neben mir, und die Türen des Busses waren geschlossen.
»Was bildest du dir eigentlich ein, wenn du so etwas tust?« Ich musste die Stimme über das Geräusch der vorbeifahrenden Autos heben. Na gut, ich war auch einfach sauer, und das hob meine Stimme von ganz allein. »Ich dachte, du wärest hier, um dafür zu sorgen, dass niemand Adam herausfordert, bis es ihm wieder gut geht – und nicht, um das selbst zu tun.«
»Du gehörst ihm nicht«, fauchte er zurück und klickte die weißen Zähne scharf zusammen.
»Selbstverständlich nicht!«, schnaubte ich wütend und ein wenig verzweifelt. »Ebenso wenig wie dir! Um Himmels willen, Sam, er hat nicht gesagt, dass ich ihm gehöre – aber für ihn muss es sich nun einmal so anfühlen, als ob du in sein Territorium eindringst. Er hat dich um Hilfe gebeten.« Jemand hätte mir einen Doktortitel für Werwolfpsychologie und -beratung verleihen sollen – den hatte ich sicher verdient, wenn ich mich mit diesem Mist auseinandersetzen musste. »Es war keine Herausforderung, du Dummkopf. Er versucht, seinen Wolf unter Kontrolle zu bekommen, nachdem man ihn beinahe umgebracht hätte. Zwei Werwölfe ohne Gefährtin werden in Gegenwart einer Frau immer territorial – das weißt du besser als ich. Angeblich verfügst du über all diese Selbstbeherrschung, aber du benimmst dich schlimmer als er.« Ich atmete die von Abgasen schwere Luft ein.
Samuel schwieg einen Moment und verlagerte sein Gewicht auf die Fersen – ein Zeichen, dass er darüber nachdachte, sich aus dem Streit zurückzuziehen. »Du hast mich Sam genannt«, sagte er mit seltsamer Stimme, die mir ebenso viel Angst machte wie die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit, die ich immer noch an ihm riechen konnte, weil ich nicht wusste, was ihn zu diesem Verhalten trieb. Der Samuel, den ich gekannt hatte, war unbeschwert und umgänglich gewesen – vor allem für einen Werwolf. Ich fing an zu denken, dass ich mich im Lauf der Jahre offenbar nicht als Einzige verändert hatte.
Ich wusste nicht, wie ich auf seine Bemerkung reagieren sollte. Ich konnte nicht verstehen, was die Tatsache, dass ich ihn Sam genannt hatte, mit all dem zu tun haben sollte, also ignorierte ich es einfach. »Wie kannst du ihm helfen, sich zu beherrschen, wenn du dich selbst nicht in der Gewalt hast? Was ist los mit dir?« Ich war ehrlich verwirrt.
Samuel konnte Wildwasserströmungen beruhigen, wenn er es wollte. Einer seiner Aufgabenbereiche hatte darin bestanden, neuen Wölfen Selbstkontrolle beizubringen, damit man ihnen erlauben konnte, am Leben zu bleiben. Es war kein Zufall, dass die meisten Werwölfe Kontrollfreaks waren wie Adam. Ich wusste nicht, was ich mit meinem alten Freund anfangen sollte – nur, dass ich ihn nicht wieder in den Bus steigen lassen würde, bis er mit dem zurechtkommen konnte, was ihn beunruhigte.
»Es geht nicht nur darum, dass du eine Frau bist«, murmelte er schließlich, obwohl ich ihn wegen zweier Motorräder, die an uns vorbeirasten, kaum hören könnte.
»Was ist es dann?«, fragte ich.
Er sah mich unglücklich an, und ich erkannte, dass er nicht geplant hatte, dass ich seine Worte hörte.
»Mercedes … Mercy.« Er wandte den Blick ab und starrte einen Berghang an, als enthielten die Wiesen ein Geheimnis, nach dem er suchte. »Ich bin so rastlos wie ein Welpe. Du bist es, die mich meine Beherrschung kostet.«
»Das ist alles meine Schuld?«, fragte ich ungläubig. Es war schlimm genug, dass er mich vollkommen verängstigte – ich hatte ganz bestimmt nicht vor, deshalb auch noch ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Unerwartet lachte er, und mit diesem Lachen verschwanden der schwelende Zorn, die Gewaltbereitschaft und die dominante Macht, die bewirkt hatten, dass die Luft rings um uns herum so stickig geworden war. Es gab nur noch uns beide und den warmen Duft von Samuel, der nach Zuhause und den Wäldern roch.
»Bleib hier draußen und genieße die Abgase, Mercy«, erklärte er, nachdem ein Lieferwagen, der einen neuen Motor brauchte, in einer Wolke schwarzen Rauchs an uns vorbeigezogen war. »Gib mir ein paar Minuten, um zu sehen, wie ich mit Adam zurechtkomme, bevor du zum Bus zurückkehrst.« Er drehte sich um und machte zwei Schritte zurück zum Bus. »Ich gebe dir Bescheid.«
»Keine Gewalt?«, sagte ich.
Er legte die Hand aufs Herz und verbeugte sich. »Das schwöre ich.«
Am Ende dauerte es lange genug, dass ich anfing, mir Sorgen zu machen, aber schließlich öffnete er die Tür und rief nach mir. Er hatte das Fenster nicht heruntergerollt, weil ich die Schlüssel hatte und die Fenster elektrisch waren. Aus irgendeinem Grund, den ich noch nicht herausgefunden hatte, funktionierten sie nur eins nach dem anderen, selbst bei laufendem Motor.
Ich stieg schnell ein und warf Adam einen vorsichtigen Blick zu – aber er hatte die Augen geschlossen.