13

Nachdem ich mit Bran gesprochen hatte, war ich nicht mehr in der Stimmung, um weiter an dem Käfer zu arbeiten, also schloss ich die Werkstatt und ging nach Hause. Bran hatte meine Idee nicht gleich verworfen, was ja schön und gut war. Nur half das auch nicht gegen das mulmige Gefühl in meinem Bauch, das mir sagte, jemand hätte inzwischen anrufen sollen. Meine Nase hatte mir mitgeteilt, dass Adam Jesse in dem leeren Haus in West-Richland nicht gefunden hatte, aber sie sagte mir nicht, wohin sie von dort aus gegangen waren.

Auf meiner Veranda blieb ich stehen, mitten in dem Geruch nach Tod, der dort immer noch hing. Elizaveta Arkadyevna bestrafte mich offenbar dafür, dass ich ihr nicht erzählt hatte, was los war. Vermutlich musste ich die Veranda selbst putzen, oder ich würde immer wieder an Macs Tod erinnert werden, wenn ich die nächsten Monate ins Haus kam.

Ich öffnete die Tür, immer noch in Gedanken an Mac, aber dann erkannte ich, was mir meine Sinne offenbar außerdem noch hatten mitteilen wollen – einen Augenblick zu spät. Ich hatte gerade noch Zeit, das Kinn zu senken, sodass der Mann, der hinter der Tür stand, mich nicht in den Würgegriff nehmen konnte, was er offenbar vorgehabt hatte, aber er konnte den Arm immer noch fest um meinen Kopf und Hals schlingen.

Ich fuhr ruckartig herum, bis ich ihm gegenüberstand, dann legte ich alle Kraft, über die ich verfügte, in einen kurzen, festen Schlag ins Nervenzentrum, das sich außen an dem großen Muskel an seinem Oberschenkel befand. Er fluchte, lockerte seinen Griff, und ich riss mich los und stellte mich zum Kampf.

Mein Karatestil, Shi Sei Kai Kan, war für Soldaten entwickelt worden, die mehreren Gegnern gegenüberstanden – und das war gut so, denn es gab drei Männer in meinem Wohnzimmer. Einer war ein Werwolf in Menschengestalt. Ich hatte keine Zeit, weiter über diesen Umstand nachzudenken, sondern nur, um auf den nächsten Angriff zu reagieren. Ich versetzte ihnen der Reihe nach ein paar gute Treffer, aber es wurde bald klar, dass diese Männer Gewalt und ihre Anwendung erheblich länger studiert hatten als ich.

Als mir deutlich wurde, dass der einzige Grund, wieso ich immer noch kämpfte, darin bestand, dass meine Gegner mir nicht zu sehr wehtun wollten, schlug der Werwolf mich fest auf den Solarplexus, und während ich noch nach Luft schnappte, warf er mich auf den Boden und hielt mich dort fest.

»Sie hat meine schei-«

»Es sind Damen anwesend«, tadelte der Mann, der mich nun umklammert hielt, so sanft wie eine Mutter ihr Kind. Seine Stimme hatte einen ebenso schleppenden Akzent, wie ich ihn von Adam kannte. »Lass das.«

»Also gut, sie hat meine verflixte Nase gebrochen«, machte die erste Stimme trocken weiter, wenn auch ein wenig gedämpft – wahrscheinlich wegen besagter Nase.

»Es wird heilen.« Er ignorierte meine Versuche, mich aus seinem Griff zu winden. »Sonst noch jemand verletzt?«

»Sie hat John-Julian gebissen.« Das war wieder der erste Mann.

»Ein Liebesbiss, Sir. Ich bin in Ordnung.« Ein zweiter Mann räusperte sich. »Tut mir leid, Sir. Ich hätte nie gedacht, dass sie zum Kämpfen ausgebildet ist. Ich war nicht darauf gefasst.«

»Lern daraus, Junge«, antwortete der Werwolf. Dann beugte er sich nach unten und sagte mit einer machtvollen Stimme, die mein Rückgrat zum Vibrieren brachte: »Wir sollten uns ein wenig unterhalten. Wir wollen Ihnen nichts tun. Wenn Sie sich nicht gewehrt hätten, hätten Sie nicht einmal blaue Flecke. Wir hätten Sie viel schlimmer zurichten können, wenn wir das gewollt hätten.« Ich wusste, dass er recht hatte – aber das machte ihn nicht gerade zu meinem besten Freund.

»Was wollen Sie?«, fragte ich so vernünftig, wie ich es zustande brachte, flach am Boden unter einem fremden Werwolf liegend.

»Braves Mädchen«, stellte er fest, während ich den Boden zwischen meiner Couch und dem Tisch anstarrte, etwa zwei Fuß von meiner linken Hand entfernt, wohin Zees Dolch gefallen sein musste, als ich letzte Nacht einschlief.

»Wir sind nicht hier, um Ihnen wehzutun«, erklärte er noch einmal. »Das ist das Erste, was Sie wissen sollten. Das Zweite ist, dass die Werwölfe, die Ihr Haus und das des Sarge beobachtet haben, abgerufen wurden – es gibt also niemanden, der ihnen helfen wird. Das Dritte ist –« Er hörte auf zu sprechen und senke den Kopf zu einem tieferen Atemzug. »Sind Sie ein Werwesen? Sie sind kein Wolf. Aber Sie riechen auch nicht menschlich. Ich dachte, es könne einfach Ihre Katze sein – ich hatte nie eine –, aber es sind tatsächlich Sie, die nach Fell und der Jagd riecht.«

»Großvater?«

»Schon gut«, antwortet der Werwolf. »Sie wird mir nichts tun. Was sind Sie, Mädchen?«

»Zählt das?«, fragte ich. Hatte er von Adam tatsächlich als »Sarge« gesprochen – wie in der Kurzform von »Sergeant«?

»Nein«, antwortete er knapp. Er hob sein Gewicht von mir und ließ mich los. »Kein bisschen.«

Ich rollte mich zum Sofa, griff nach dem Dolch und riss ihn aus der Scheide. Einer der Eindringlinge kam auf mich zu, aber der Werwolf hob die Hand, und die anderen Männer blieben stehen.

Ich bewegte mich weiter, bis ich auf der Lehne der Couch hockte, den Dolch umklammernd und mit dem Rücken zur Wand.

Die Haut des Werwolfs war so dunkel, dass sie an manchen Stellen beinahe blau und lila wirkte. Er kniete auf dem Boden, wohin er sich begeben hatte, sobald er mich hatte aufstehen lassen. Er trug weite Khakihosen und ein hellblaues Hemd. Auf eine zweite Geste von ihm wichen die beiden anderen noch weiter zurück und ließen mir so viel Platz, wie sie konnten. Sie waren schlank, sahen zäh aus und waren einander ähnlich genug, um Zwillinge zu sein. Wie der Werwolf hatten sie sehr dunkle Haut. Wenn man diesen Umstand, ihren Körperbau und dem Begriff »Großvater« nachging, waren sie wohl tatsächlich alle verwandt.

»Sie sind Adams Kamerad aus der Armee«, sagte ich zu dem Werwolf und versuchte, entspannt zu klingen, als wüsste ich nicht, dass er in die Vorkommnisse in Adams Haus verwickelt gewesen war. »Der, der sich zusammen mit ihm verwandelt hat.«

»Ja, Ma’am«, erwiderte er. »David Christiansen. Das hier sind meine Männer. Meine Enkel Connor und John-Julian.« Sie nickten, als er ihre Namen sagte. John-Julian rieb sich die Schulter, wo ich ihn gut mit den Zähnen erwischt hatte, und Connor drückte sich mit einer Hand Papiertaschentücher an die Nase. In der anderen hielt er noch die Schachtel, in der sie gewesen waren.

»Mercedes Thompson«, stellte ich mich vor. »Was wollen Sie?«

David Christiansen setzte sich auf den Boden, und zwar so verwundbar, wie ein Werwolf es überhaupt konnte.

»Nun, Ma’am«, begann er. »Wir stecken in der Klemme, und wir hoffen, Sie können uns vielleicht heraushelfen. Wenn Sie wissen, wer ich bin, wissen Sie wahrscheinlich auch, dass ich seit meiner Verwandlung als Einsamer Wolf gelebt habe.«

»Ja«, sagte ich.

»Ich habe nie die Highschool abgeschlossen, und das Militär war alles, was ich kannte. Als ein alter Kumpel mich für eine Söldnertruppe rekrutierte, bin ich gerne mit ihm losgezogen. Danach hatte ich allerdings bald genug davon, von anderen herumkommandiert zu werden, und stellte meine eigene Truppe zusammen.« Er lächelte mich an. »Als meine Enkel aus der Armee ausschieden und sich mit uns zusammentaten, war ich entschlossen, nicht mehr die Kriege anderer Leute zu führen. Wir haben uns auf die Rückholung von Entführungsopfern spezialisiert. Geschäftsleute, Rotes Kreuz, Missionare, was auch immer, wir holen sie aus den Klauen von Terroristen und selbst ernannten Kriegsherren.«

Plötzlich fühlte ich mich sehr müde. »Was hat das alles mit mir zu tun?«

»Es ist uns irgendwie peinlich«, sagte der Werwolf.

»Wir stehen auf der falschen Seite«, brach es aus dem Mann namens John-Julian heraus.

»Gerry Wallace hat sich an Sie gewandt«, flüsterte ich, als könnten laute Worte mein plötzliches Begreifen stören. Es waren Davids Worte über den Einsamen Wolf gewesen, die dazu geführt hatten, dass ich plötzlich klar sah. Gerry war der Verbindungsmann des Marrok zu rudellosen Wölfen. »Er hat Ihnen gesagt, dass Bran vorhat, der Welt von den Werwölfen zu erzählen.« Kein Wunder, dass Gerry zu viel zu tun hatte, um Zeit mit seinem Vater zu verbringen.

»Das stimmt, Ma’am«, sagte Christiansen. Er sah mich mit gerunzelter Stirn an. »Sie sind kein Werwolf, das würde ich schwören – also, woher wissen Sie so viel über uns?« Er brach ab, als er plötzlich verstand. »Sie sind das Mädchen, das sich in eine Kojotin verwandeln kann, die Frau, die vom Marrok aufgezogen wurde!«

»Genau«, sagte ich. »Gerry hat also mit Ihnen über Brans Entscheidung gesprochen, die Existenz von Werwölfen nicht länger geheim zu halten?«

»Bran will die Wölfe den Menschen ausliefern, genau wie die Grauen Lords es mit ihrem Volk gemacht haben«, sagte Connor mit der blutigen Nase. »Stattdessen sollte er seine Leute schützen. Irgendwer muss ihn herausfordern, bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen kann.«

»Also haben Sie Adam vorgeschlagen?«

»Nein, Ma’am.« Davids Stimme war sanft, aber ich wette, wenn er in Wolfsgestalt gewesen wäre, hätte er die Ohren angelegt. »Das war Gerry. Er wollte, dass ich mit ihm spreche, als alter Freund.«

»Bran ist kein Grauer Lord. Er würde seine Wölfe niemals im Stich lassen. Ich nehme an, es ist Ihnen nicht eingefallen, Adam einfach mal anzurufen und mit ihm zu reden – oder sogar mit Bran?«, sagte ich.

»Wir waren gerade von einer Mission zurückgekehrt«, berichtete David. »Wir hatten Zeit. Und bestimmte Dinge funktionieren einfach besser, wenn man sie direkt unter vier Augen klärt.«

»Wie eine Entführung?«

»Das war nicht geplant«, warf Connor ein wenig hitzig ein.

»Ach?«, murmelte David. »Das frage ich mich wirklich. Die ganze Sache ist so schlecht gelaufen – vier von Gerrys Wölfen starben. Inzwischen frage ich mich, ob er dieses Desaster nicht von vorneherein geplant hatte.«

»Drei von seinen Wölfen«, sagte ich. »Mac gehörte zu uns.«

David lächelte, mehr mit den Augen als mit den Lippen. »Ja, Ma’am. Drei seiner Wölfe starben, und einer von Adams.«

»Warum sollte er seine eigenen Leute in eine Situation bringen, in der sie umkommen?«, fragte Connor.

»Wir müssen uns ansehen, was für Wölfe da gestorben sind.« David wirkte nachdenklich. »Ich frage mich, ob sie dominant waren. Außer Kara kannte ich keinen von ihnen näher, und sie hätte nicht lange Befehle von Gerry entgegengenommen. Und der Junge, Mac, fiel ihm in den Rücken, indem er sich an Adam um Hilfe wandte.«

»Das lässt Gerry klingen wie eine Psychopathen«, sagte John-Julian. »Er kam mir aber nicht verrückt vor.«

»Er ist ein Werwolf«, sagte David. »Wir sind uns der Rangverhältnisse ein wenig besser bewusst als Menschen. Wenn er die Kontrolle behalten wollte, musste er langfristig die dominanteren Wölfe loswerden – und schließlich auch die, die das Rudel verraten hatten.«

Ich sah David an. »Ich kenne Gerry nicht sonderlich gut, aber wenn ich raten sollte, würde ich sagen, dass Sie ihm gegenüber ebenfalls dominant sind.«

David verzog das Gesicht. »Ich habe meine Leute. Ich will die Herrschaft über Gerrys nicht, und das weiß er besser als jeder andere. Er hat mich seit Jahren beobachtet.«

»Also fühlte er sich sicher, als er Sie rief«, sagte ich zögernd. »Weil er wusste, dass Sie seine Führerschaft nicht in Frage stellen würden.«

»Gerry sagte Großvater, dass Adam Bran nicht herausfordern wird. Aber vielleicht würde er einem alten Freund zuhören«, berichtete John-Julian. »Er bot an, uns hierher zu fliegen, damit Großvater mit dem Alpha reden konnte, und wir stimmten zu. Bald jedoch begriffen wir, dass die Dinge ein wenig anders lagen, als man sie uns gegenüber dargestellt hatte.«

»Ich habe Nachforschungen angestellt«, übernahm David wieder. »Ich habe Freunde angerufen und herausgefunden, dass Bran tatsächlich vorhat, den Leitwölfen beim Dezembertreffen zu sagen, dass er uns an die Öffentlichkeit bringen wird. Also kamen wir her, um mit Adam zu reden. Ich dachte allerdings nicht, dass es viel helfen würde. Adam mag den Marrok zu sehr, um ihn herauszufordern.«

»Aber dann stellte sich heraus, dass etwas nicht stimmte«, sagte Connor. »Gerry hatte nie erwähnt, dass er uns als Söldner und Werwölfe versammelte.«

»Eine Armee?«, fragte ich.

»Eine kleine Armee. Zwei oder drei Einsame Wölfe wie Kara, die nie ein eigenes Rudel finden konnten«, fuhr John-Julian fort. »Und eine kleine Gruppe von Söldnern, Einzelgänger, denen er offenbar angeboten hatte, sie in Werwölfe zu verwandeln.«

»Ich hätte der Sache ein Ende machen sollen, als der verdammte Narr einen Haufen verängstigter Idioten mit Betäubungsgewehren bewaffnete.« David schüttelte den Kopf. »Wenn ich erkannt hätte, dass Gerry etwas erfunden hatte, das einen Werwolf tatsächlich verwunden konnte … Von da an ging die ganze Sache jedenfalls wirklich den Bach runter.«

»Adam hat gesagt, sie hätten auf Mac geschossen, sobald er die Tür öffnete«, sagte ich.

»Gerry hatte die anderen damit aufgehetzt, wie gefährlich Adam war, dass sie nicht einmal erkannten, wen sie vor sich hatten, sondern gleich abdrückten.« In John-Julians Stimme lag mildes Bedauern – aber ich hatte das Gefühl, dass das überwiegend der Dummheit seiner Mitstreiter galt und nicht Macs Tod.

»Kannten Sie Mac?«, fragte ich und konzentrierte den Blick auf Zees Dolch, denn ich wollte nicht, dass sie erfuhren, wie wütend ihre Haltung mich machte. Aber der Werwolf merkte es natürlich trotzdem.

»Nicht sonderlich gut«, sagte David »Wir wurden letzten Montagnachmittag eingeflogen.« Er sah mich abschätzend an. »Dann wurden wir Zeuge, wie einer von Gerrys Söldnern, ein Mensch, vollkommen durchdrehte.«

»Der Mann sagte, jemand habe seinen Partner umgebracht«, erklärte John-Julian und schaute mich ebenfalls an. »Ein Dämon.«

»Kein Dämon.« Ich zuckte die Achseln. »Es braucht keinen Dämon, um einen unausgebildeten frischen Werwolf umzubringen, der zu dumm zum Überleben ist.«

Ich schluckte meinen Zorn hinunter – es war nicht ihr Fehler, dass sie Mac nicht gekannt hatten. Ich sah sie an und zögerte. Vielleicht sollte ich die Vorstellung jetzt nachholen.

Ich neigte dazu, ihnen zu glauben. Das hatte zum Teil damit zu tun, dass ihre Geschichte wahr klang – obwohl ich sie nicht gut genug kannte, um mir wirklich ein Urteil bilden zu können. Und ein anderer Teil war, dass ich mich an Adams Stimme erinnerte, als er über David Christiansen gesprochen hatte.

»Lassen Sie mich von Mac erzählen, dem Jungen, der auf meiner Veranda starb«, sagte ich, und dann berichtete ich ihnen von seiner Verwandlung, dem Alpha in Chicago, der ihn an Gerry verkauft hatte, und den Drogenexperimenten.

»Wir haben nur die Betäubungsgewehre gesehen«, sagte John-Julian langsam. »Aber zwei Schüsse haben den jungen Wolf getötet – und dann haben sie Adam unter Drogen gesetzt, um ihn fesseln zu können.«

»Unser Metabolismus wird also von dem Silber außer Funktion gesetzt, während das DMSO die Droge schneller in unseren Kreislauf trägt?«, fragte David. »Bedeutet das, dass jemand das Ketamin eventuell auch durch etwas anderes ersetzen könnte?«

»Ich bin kein Arzt«, sagte ich. »Es klang jedoch so, als könnte so etwas tatsächlich funktionieren.«

»Vielleicht ist das Gerry ebenfalls durch den Kopf gegangen, und er probierte es aus«, fuhr David fort. »Bei einem echten Rudel wäre es unmöglich gewesen, aber bei dieser Mischung aus Einsamen Wölfen, Neulingen und aus Söldnern, die ebenfalls allein arbeiten … da gibt es niemanden, der es für notwendig hält, die Gefangenen zu schützen.«

Das war der Ausgleich der Natur zur Rolle des dominanten Wolfs. So stark wie der Instinkt des Rudels, dem Leitwolf zu folgen, war auch das Bedürfnis von Dominanten, Schwächere zu beschützen.

»Nicht alle Einsamen Wölfe sind unfähig, sich einer Gemeinschaft anzuschließen«, widersprach Connor.

David lächelte. »Danke. Aber Werwölfe wollen für gewöhnlich in einem Rudel leben. Und im Allgemeinen braucht es ziemlich viel, um sie davon abzuhalten. Ein paar sind wie ich: Wir hassen zu sehr, was wir sind. Die meisten anderen jedoch sind Ausgestoßene, Leute, die ein Rudel ohnehin nicht akzeptieren würde.«

Sein Lächeln veränderte sich und wurde freudlos. »Ich habe mein Rudel, Conner. Es besteht nur einfach nicht aus Werwölfen.« Er sah mich an. »Ich habe meine anderen Leute bei Gerry gelassen, damit sie die Situation dort im Auge behalten. Wir sind zu sechst. Klein für ein Rudel, aber für mich ist es groß genug. Die meisten Wölfe, die lange außerhalb einer solchen Gemeinschaft leben, werden ein wenig verrückt. Auf Söldner, die außerhalb arbeiteten, trifft das ebenfalls zu, und niemand sonst will mit ihnen zu tun haben, weil sie entweder dumm oder verrückt sind – und die Dummen leben meistens nicht lange.«

»Nicht gerade Leute, die ich als Werwolf sehen wollte«, stellte ich gerade fest, als mein Telefon klingelte. »Entschuldigen Sie mich.« Ich suchte in der Tasche nach dem kleinen Gerät, das wunderbarerweise den Kampf überlebt hatte.

»Happy Thanksgiving, Mercy!«

»Happy Thanksgiving, Mom!«, erwiderte ich. »Kann ich dich später zurückrufen? Ich bin im Augenblick beschäftigt.«

»Deine Schwester hat uns gerade erzählt, dass sie sich verlobt hat …«, preschte Mutter entzückt vor und ignorierte meinen Einwand vollkommen. Also blieb ich, wo ich war, und lauschte ihrem Geschnatter über meine Geschwister und meinen Stiefvater, während drei topausgebildete Söldner in meinem Wohnzimmer saßen und mich beobachteten.

»Mom«, sagte ich schließlich noch einmal, als sie ein wenig langsamer geworden war. »Mom, ich habe Besuch.«

»Oh, gut!«, stellte sie fest. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du an Thanksgiving allein sein würdest. Sind das Warren und sein netter junger Mann? Ich hoffe, sie bleiben zusammen. Erinnerst du dich an seinen letzten Freund? Der sah ja wirklich gut aus, muss ich sagen, aber er war niemand, mit dem man wirklich reden konnte.«

»Nein, Mom«, antwortete ich. »Das hier sind neue Freunde. Aber ich muss jetzt Schluss machen, oder sie werden das Gefühl haben, dass ich sie ignoriere.«

Ein paar Minuten später legte ich auf.

»Ich hatte vergessen, dass heute Thanksgiving ist«, meinte David, aber ich hätte nicht sagen können, ob es ihn störte oder nicht.

»Ich habe über diese Drogenexperimente nachgedacht, Sir«, warf Connor ein. »Die meisten Männer, die versuchen, einen Herrscher zu ermorden, wollen sich selbst an seine Stelle setzen.«

»Das hier sind Werwölfe«, erinnerte sein Großvater ihn. »Keine Menschen. Gerry könnte nie Marrok sein. Oh, er ist dominant – aber ich bezweifle, dass er jemals stark genug wäre, um der Leitwolf eines Rudels zu werden, von allen Rudeln in Nordamerika gar nicht zu reden. Und das weiß er auch.«

»Aber gefällt ihm dieser Zustand?«, fragte Connor. »Hast du ihn mit seinen Wölfen beobachtet? Ist dir aufgefallen, dass der Söldner, der immer noch Mensch ist, Anzeichen von Dominanz an den Tag legt? Gerry sagt, er kann es sich jetzt nicht leisten, sie zu verlieren. Aber ich denke, er ist vorsichtig. Es gefällt ihm nicht, wenn du seinen Wölfen Befehle gibst und sie gehorchen.«

»Er kann nichts daran ändern, was er ist«, antwortet David, widersprach ihm damit aber nicht wirklich.

»Tatsächlich, Sir? Im Augenblick hat er Adam doch unter Kontrolle, oder? Wenn er die richtige Verbindung zwischen Drogen und Adams Tochter findet, könnte er ihn tatsächlich beherrschen.«

David legte den Kopf schief, dann schüttelte er ihn. »Es würde nicht funktionieren. Nicht lange. Ein Alpha wird sich eher im Kampf töten lassen, bevor er sich zu lange ergibt. Er wird sich gegen die Drogen wehren oder sterben.«

Ich war nicht so sicher. Ich glaubte nicht, dass irgendwer genau wusste, wie die Drogemischung funktionierte – nicht einmal Gerry, der mit neuen Wölfen ebenso experimentiert hatte wie mit Adam.

»Es ist gleich, was wir denken. Aber könnte Gerry glauben, dass das bei Adam funktioniert?«, fragte dann auch John-Julian.

Aus irgendeinem Grund sahen sie dann alle mich an, aber ich zuckte nur die Achseln. »Ich kenne Gerry nicht gut genug. Er hat nicht viel Zeit beim Rudel verbracht, er war immer viel unterwegs.« Ich zögerte. »Bran würde allerdings keinem dummen Mann eine solche Stellung geben.«

David nickte. »Ich habe Gerry vor dieser Sache nie für dumm gehalten. Dieses Blutbad ließ mich allerdings nachdenklich werden.«

»Also gut«, sagte ich. »Ich würde gerne weiter über Gerry reden, aber warum sagen Sie mir nicht zuerst, was Sie hier machen und was Sie von mir wollen?«

»Brans Pläne gefallen mir immer noch nicht«, grollte David. »Überhaupt nicht. Aber ich mag das, was Gerry tut, noch weniger.«

»Es war Gerry, der den Befehl gegeben hat, die Leiche des Jungen auf Ihre Schwelle zu legen«, erklärte John-Julian. »Er sagte, Sie bräuchten eine Warnung, sich aus Wolfsangelegenheiten herauszuhalten. Danach haben wir uns in dem Haus, das er als Hauptquartier benutzt, wieder getroffen, und dort fanden wir heraus, dass er Adams Tochter entführt hatte und drei seiner Wölfe sterben ließ.«

»Man lässt seine Männer nicht zurück« meinte Connor entschieden.

»Und man greift keine Unschuldigen an«, fügte John-Julian hinzu. Es klang wie ein Glaubensbekenntnis.

David bedachte mich mit einem schwachen Lächeln. »Und obwohl ich denke, dass Brans Pläne für viele von uns nicht gut sind, würde nur ein Idiot annehmen, das könnte Adam dazu bringen, einen Schritt zu unternehmen, zu dem er sich nicht selbst entschlossen hat. Ich würde Gerry diese Lektion ja gerne lernen lassen, aber unsere Ehre steht auf dem Spiel. Wir greifen keine Unschuldigen an – also werden wir Adam und sein Tochter heute Nacht rausholen.«

»Sie haben Adam?« Das kam nicht wirklich überraschend. Was sonst hätte dazu führen sollen, dass das Rudel dem Telefon den ganzen Tag über ferngeblieben war? Eigentlich war ich sogar erleichtert, das zu hören, denn inzwischen hatte ich mir schon ein Dutzend anderer, weitaus schlimmerer Dinge ausgemalt.

Überraschend war, dass dann die Tür aufging, obwohl ich niemanden auf der Veranda gespürt hatte. Herein kam Samuel, wieder in Menschengestalt.

Er trug nichts als Jeans. Selbst seine Füße waren nackt, und er hinkte, als er auf mich zuging. »Sie haben Adam«, bestätigte er.

Ich hätte ihn eigentlich hören oder riechen sollen, aber David war offenbar nicht überrascht. Er machte eine subtile Geste, die seine Männer still stehen ließ – obwohl ich sehen konnte, dass sie angespannt waren und bereit, anzugreifen.

»David Christiansen, darf ich Ihnen Dr. Samuel Cornick vorstellen?«, sagte ich. »Samuel, das hier ist David, Adams alter Kamerad aus der Armee. Er ist hier, um Adam und Jesse herauszuholen.«

»Das habe ich schon gehört«, sagte Samuel und setzte sich neben meine Füße auf die Couch.

»Was ist euch zugestoßen?«, fragte ich.

»Wir sind zu der Adresse gefahren, die du uns gegeben hattest, und fanden ein paar Spuren, aber nichts Eindeutiges. Eine Weile sahen wir uns dort um, und dann wurde Darryl klar, wieso Adam uns nicht von der Jagd zurückrief. Er war verschwunden, zusammen mit seinem Wagen. Jemand hatte ihn mit einem Handy gesehen, das er nicht gehabt hatte, als wir Warrens Haus verließen. Mehrere Wölfe bemerkten, dass das Auto wegfuhr, aber keiner dachte daran, Adam Fragen zu stellen«

»Warte mal«, sagte ich, denn ich hatte plötzlich ein sehr schlechtes Gefühl. »Moment. Die Vampire haben die Adresse doch sicher überprüft – Bran sagt immer, es gibt nichts Paranoideres als einen Vampir. Sie würden sich überzeugt haben, dass die Wölfe auch wirklich dort sind. Aber als unser halbes Rudel bei dem Haus auftaucht, kann es nicht einmal genug Spuren finden, um die andern zu verfolgen?« Ich sah David an. »Und als Macs Leiche auf meine Veranda gebracht wurde, konnte ich niemanden sonst riechen. Und ich habe dich ebenfalls nicht wahrgenommen.«

Ich zog die Schultern hoch. »Es hätte mir auffallen sollen. Es ist nicht nur Gerry, oder?«

Ich sah, wie Samuel erstarrte, und erinnerte mich daran, dass er nicht genau wissen konnte, worüber wir vorher gesprochen hatten. »Gerry Wallace muss mit unserer Hexe unter einer Decke stecken.«

Es gab viele Hexen, die eine Leiche so weit maskieren konnten, dass nicht einmal die beste Nase oder ein exzellent ausgebildetes forensisches Team einen Hinweis finden konnte. Aber Elizaveta Arkadyevna war eine der wenigen, die den Geruch von David und seinen Männern aus meinem Haus hätte entfernen können, ohne ihn von Adams Haus zu nehmen.

»Diese russische Hexe«, sagte David.

»Wenn die Wolfsrudel in die Öffentlichkeit treten, werden die Hexen ein einträgliches Geschäft verlieren«, überlegte ich laut weiter. »Sich verborgen zu halten, kostet einen hohen Preis – und die Hexen gehören zu den Leuten, die das zu ihrem Vorteil genutzt haben. Ich bin nicht sicher, ob es nicht sogar einen Vertragsbruch darstellen würde – nicht, solange Gerry Adam zum Marrok machen will.«

»Was?« Samuels Stimme war so leise, dass ich auf der Stelle nervös wurde.

»Gerry will nicht, dass das Wissen um die Wölfe an die Öffentlichkeit gelangt«, erklärte ich. »Und er ist zu dem Schluss gekommen, dass Adam der Einzige ist, der das verhindern kann – indem er Bran umbringt.«

Samuel hob mit kühlem Blick die Hand, als er die anderen Männer ansah. »Ich glaube, Mr Christiansen sollte mir einmal erklären, was er glaubt, dass hier los ist.« Samuel wollte sehen, wer log und wer nicht. Er war einer der Wölfe, die über diese Fähigkeit verfügten.

David wusste das ebenfalls, das konnte ich an seinem Lächeln erkennen. »Gerry Wallace hat mir gesagt, Bran habe vor, seine Leute in die Welt zu stoßen. Er fragte mich, ob ich mit Adam sprechen und ihn dazu bringen könne, dagegen zu protestieren.«

»Und ihn zu überreden, um die Position des Marrok zu kämpfen«, führte Samuel den Gedanken weiter aus.

»Ja. Zu diesem Zweck ließ er mich und meine Jungs hier einfliegen. Ich war tatsächlich überrascht über sein Vorgehen. Ich hätte keine bewaffneten Männer mitgenommen, um mich einem Alpha in seinem eigenen Heim zu stellen – aber in der Situation selbst konnte ich nicht widersprechen, ohne einen Kampf zu riskieren, der mich zum Verantwortlichen für Gerrys Wölfe gemacht hätte – und Sie haben noch nie einen jämmerlicheren Haufen von Wölfen gesehen! Ich wusste, dass Adam imstande ist, selbst auf sich aufzupassen, also habe ich zunächst mitgemacht.«

David zuckte die Achseln. »Dann sprachen wir mit Ms Thompson und kamen so zu dem Schluss, dass Gerry dieses Blutvergießen wollte, weil die Wölfe, die dabei starben, ihm ohnehin Ärger gemacht hätten. Ich glaube, er hatte von Anfang an vor, Adam zu erpressen.«

Samuel nickte. »Und er kennt Adam gut. Er würde meinen Vater nicht heraufordern – selbst wenn er nicht mit dem übereinstimmen sollte, was Bran vorhat. Er will nicht Marrok werden.«

»Er kennt Adam nicht besonders gut, wenn er glaubt, er könne ihn kontrollieren, indem er seine Tochter bedroht«, sagte David.

»Da irren Sie sich, glaube ich«, warf ich ein. »Ich denke, Adam würde alles tun, um Jesse zu retten.«

»Ihr klingt alle, als wäre es sicher, dass Adam meinen Vater töten würde«, sagte Samuel.

Ich dachte darüber nach. »Gerry ist derjenige, der das glaubt. Vielleicht hat er vor, wirklich zu Brans Tod beizutragen. Er glaubt offenbar immer noch, dass er der Einzige ist, der von den Betäubungsmitteln weiß.«

Samuel knurrte, und ich tätschelte ihm den Kopf. Die Lehne des Sofas war nicht so bequem wie der Sitz, aber es gefiel mir, eine höhere Position zu haben als die beiden Werwölfe. Samuel zog meine Hand auf seine Schulter und behielt sie dort.

»Warum sind Sie also hier?«, fragte er David. »Können Sie Adams Rudel finden?«

»Ich werde nicht einmal danach suchen müssen«, antwortete David. »Gerry hat Adam mit Drogen vollgepumpt. Ich bin reingegangen, um mit ihm zu sprechen, und er hätte beinahe seine Ketten zerrissen. Er glaubt, einen Verräter in seinem Rudel zu haben – und ich denke, er hat recht. Wahrscheinlich haben sie ihn auf diese Weise gefangen. Dennoch, ich denke, die Droge macht ihn paranoid. Und wenn wir ihn sicher zusammen mit seiner Tochter herausholen wollen, wird er mitarbeiten müssen.

Er traut mir nicht – und so leid es mir tut, das lässt sich jetzt wahrscheinlich so schnell nicht ändern, also kann ich nicht allein vorgehen.« Er sah Samuel an. »Ich glaube auch nicht, dass er Ihnen traut – niemandem, solange seine Tochter da drin ist.« Wieder wandte er sich mir zu. »Aber in Ihrem Bus hängt überall sein Geruch, und er hat ein Bild von Ihnen in seinem Schlafzimmer.«

Samuel warf mir einen scharfen Blick zu. »In seinem Schlafzimmer?«

Das war mir ebenfalls neu. Aber ich machte mir mehr Sorgen um Adam und Jesse als um einen Schnappschuss von mir.

»Also gut«, sagte ich. »Wo ist er?«


Mit zwei Ausnahmen schien Samuel kein Problem damit zu haben, David die Pläne schmieden zu lassen. Sein erster Einspruch bezog sich darauf, das Rudel zusammenzurufen – obwohl er zustimmte, sie als Rückendeckung einzusetzen, die ein paar hundert Meter entfernt wartete. Nur Darryl würde wissen, was los war, und auch er würde erst in letzter Minute eingeweiht.

Und außerdem bestand er darauf, seinen Vater anzurufen und ihm alles zu sagen, was wir wussten und vermuteten.

»Adam wird nicht gegen ihn kämpfen«, sagte er zu David. »Ich weiß, er ist nicht glücklich darüber, sich der Öffentlichkeit zu stellen, aber er versteht die Gründe meines Vaters.« Er seufzte. »Keinem von uns gefällt diese Idee, nicht einmal dem Marrok selbst. Aber mein Vater weiß, dass diverse Regierungsorganisationen auf unserer Spur sind. Sie werden an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir es nicht selbst tun.«

Ich konnte den Ausdruck auf Davids Gesicht nicht deuten, aber Samuel nickte. »Ich hatte mich schon gefragt, ob man auch mit Ihnen Kontakt aufgenommen hat. Die anderen waren ebenfalls alle beim Militär. Wir sind zu einem offenen Geheimnis geworden – und das ist ungemein gefährlich. Ganz ehrlich gesagt, bin ich überrascht, dass es Bran überhaupt so lange gelungen ist, unsere Existenz geheim zu halten. Ich bin davon ausgegangen, dass die Menschen nach dem Feenvolk uns andere auch bald entdecken würden.«

»Sie wollen es nicht wissen«, sagte ich. »Die meisten mögen ihre kleine heile Welt.«

»Was wird Ihr Vater mit Großvater machen?«, fragte Connor.

Samuel zog die Brauen hoch. »Ich denke nicht, dass er etwas falsch gemacht hat. Er hat Bran oder einem anderen keine Eide geschworen und auch nichts getan, um unsere Geheimnisse zu verraten. Genau das Gegenteil ist der Fall.«

Mein Handy klingelte wieder – Bran. Dieser Werwolf war einfach unheimlich. »Mercedes, lass mich mit meinem Sohn sprechen.«

Ich sah Samuel an und sagte: »Er ist nicht hier. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich seit der letzten Nacht nichts von ihm gehört habe.«

»Lass die Spielchen«, erwidert Bran. »Gib Samuel das Telefon.«

Ich sah David Christiansen und seinen Männer an, zog die Brauen hoch und reichte das Telefon weiter, dann hörte ich zu, wie Samuel begann, seinem Vater alles zu erklären. Bran hatte wahrscheinlich einfach nur die Lüge in meiner Stimme gehört, als ich ihm sagte, dass Samuel nicht hier sei. Aber David würde nun für immer überzeugt sein, dass der Marrok einfach gewusst hatte, dass Samuel neben mir saß.

Ich verbarg meine Zufriedenheit. Bran würde umso sicherer sein, desto fester die Wölfe an seine Macht glaubten.