Vampir zu sein dagegen sehr
…
von
J. M. Rymer
In seiner »Gothic Bibliography« verzeichnet Montague Summers, einer der profundesten Kenner der literarischen Horror-Szene, unter dem Stichwort »Varney« einen Vampir-Roman, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den meistgelesenen Büchern in England überhaupt zählte, später jedoch schnell in Vergessenheit geriet und erst in unserer Zeit durch einen Reprint wieder zugänglich gemacht worden ist. Eine gekürzte Fassung des ausufernd umfangreichen Romans liegt auch in deutscher Sprache vor (»Varney der Vampir oder das Fest des Blutes«, Heyne-Buch Band 5209). Summers schreibt: »Varney der Vampir gilt als Meisterwerk von Thomas Peckett Prest.« Aber nicht Prest, der König der beliebten »bloods«, ist der Autor – stilkritische Untersuchungen weisen vielmehr auf James Malcolm Rymer als Autor hin, Prests gleichermaßen erfolgreichen Schreibkollegen in der Trivialliteraturfabrik des damals marktbeherrschenden Verlegers Edward Lloyd, der dem Horror-Genre mit seiner Massenproduktion in England zum Durchbruch verhalf. »Varney der Vampir« erschien erstmals 1847, ein halbes Jahrhundert vor Bram Stokers berühmtem »Dracula«. Wir drucken hier eine in sich abgeschlossene Episode ab, die Vorgeschichte des ebenso blutrünstigen wie unglückseligen Vampirs betreffend.
Während so manchen, kurzen Gedankenaustausches – und diese blieben immer kurz, wenn sie vertraulicher Natur waren – habe ich Überraschung ausgelöst, indem ich von Personen und Ereignissen sprach, die seither längst von der fast vergessenen Vergangenheit geschluckt worden sind. Auf diesen paar Seiten will ich mich eingehender erklären.
Zur Regierungszeit Charles des Ersten residierte ich in einer schmalen Straße in der unmittelbaren Nachbarschaft von Whitehall. Es war eine schmale, gewundene Durchfahrt, durch die es zur Themse hinunterging; es spielt weiter keine große Rolle, womit ich damals meinen Lebensunterhalt bestritt, aber ich zögere nicht im mindesten zu sagen, daß ich ein gutbezahlter Agent in einer der politischen Bewegungen war, für die jene Epoche bekannt und berüchtigt ist.
London war damals eine Masse schäbig aussehender Häuser mit hier und dort einem Gebäude, das im Vergleich zu seinen noch schäbigeren Nachbarn wie ein Palast wirkte. Beinahe jede Straße schien dabei unter dem Schutz irgendeines großen Hauses zu stehen, das sich irgendwo an ihr befand, aber jene Häuser, die den Verfall der Zeit überdauert haben, sind heute so verändert und gleichen so sehr ihren Nachbarn, daß selbst ich, der ich viele von ihnen gut gekannt habe, kaum noch sagen könnte, welche es waren oder wo sie einmal gestanden haben.
Ich spielte keine prominente Rolle bei den politischen Aufruhren jener Epoche, aber ich sah den blutigen Kopf eines Königs in Whitehall aufgespießt als Spektakel für die Volksmenge.
Es gab Tausende von Personen in England, die alle zu diesem Ende des Königs beigetragen, es aber beileibe nicht erwartet hatten und dann die ersten waren, die den gigantischen Mächten, die sie selber aufgerührt hatten, zum Opfer fielen.
Unter diesen waren auch viele von meinen Auftraggebern; Männer, die durchaus willens gewesen waren, den Thron zu erschüttern, soweit es jenen betraf, der ihn gerade besetzt hielt, die aber ganz sicher niemals beabsichtigten, die Monarchie zu zerstören; so schufen denn der Tod von Charles dem Ersten und die Diktatur Cromwells eine Unzahl von Royalisten.
Sie hatten damit einen Geist heraufbeschworen, den sie nun nicht mehr loszuwerden vermochten, und dies war eine Tatsache, der sich auch jener strenge, harte Mann, Cromwell, mit dem ich viele Unterredungen hatte, durchaus bewußt war.
Mein Haus war in ganz besonderem Maße für diskrete und verschwiegene Zwecke geeignet, und ich wurde ein reicher Mann durch die großen Summen, die ich dafür erhielt, daß ich vornehmen Royalisten zur Flucht verhalf, von denen manche für eine beträchtliche Zeit perdu in meinem Hause lagen, bevor sich eine günstige Gelegenheit ergab, sie still und leise den Fluß hinunterzuschaffen zu irgendeinem Schiff, das sie nach Holland bringen würde.
Mir wurde in der Tat so viel pro Kopf für jene Royalisten geboten, daß eines Tages Cromwell nach mir schickte; es gab da insbesondere einen, der Privatsekretär des Herzogs von Cleveland gewesen war, ein noch junger Mann ohne Familie und Rang, aber von großen Fähigkeiten, den Cromwell unbedingt in seine Gewalt bringen wollte. Ich glaube, es muß da ebenso auch noch ein paar private Gründe gegeben haben, die den Diktator des Commonwealth veranlaßten, derart wild hinter diesem Master Francis Latham her zu sein, welches der Name der Person war, auf die ich mich hier beziehe.
Es war spät eines Abends, als ein Fremder zu meinem Haus kam und, da er mich diskret zu sprechen wünschte, in ein Privatzimmer geführt wurde, wo ich ihn sogleich empfing.
»Ich weiß«, sagte er, »daß Sie vertraulich für den Herzog von Cleveland tätig gewesen sind, und ebenso ist mir bekannt, daß Sie schon so manchem Royalisten, der sich in der Klemme befand, sehr nützlich gewesen sind, aber dafür, daß Sie Master Francis Latham, dem Sekretär des Herzogs, helfen, wird Ihnen gestattet, beinahe jede beliebige Summe zu nennen.«
Ich nannte einhundert Pfund, was zu jener Zeit eine weit größere Summe war als heute, wenn man den relativen Wert berücksichtigt. Die eine Hälfte davon sollte ich sofort erhalten; die andere wurde mir zur Zahlung innerhalb vierundzwanzig Stunden versprochen, nachdem Latham die Flucht gelungen war.
Mir wurde gesagt, daß um halb zwölf Uhr in jener Nacht ein Mann in gewöhnlicher Arbeitskleidung, mit einem Besen über der Schulter, an meine Tür klopfen und fragen würde, ob man ein Nachtquartier für ihn wisse; durch diese Kennzeichen würde ich wissen, daß der Mann Francis Latham sei. Ein holländischer Lugger, wurde mir ferner gesagt, läge nahe von Gravesend, und an Bord von diesem sollte ich den Flüchtling bringen, um mir mein Geld zu verdienen.
All dies wurde abgemacht; ich hielt ein Boot mit zwei Ruderern bereit, auf die ich mich absolut verlassen konnte. Ich war weit davon entfernt, bei der Durchführung dieses Unternehmens irgendwelche besonderen Schwierigkeiten zu erwarten.
Ich hatte einen Sohn von damals etwa zwölf Jahren, der ein sehr gewitztes Bürschchen war, das mir schon bei mehreren Gelegenheiten von großem Nutzen gewesen war, und es waren mir niemals Bedenken gekommen, ihn bei solchen Affären wie jener, von der ich hier berichte, ins Vertrauen zu ziehen.
Ein paar Minuten nach halb zwölf kam dann auch tatsächlich von meiner Haustür ein Klopfen, welches mein Sohn beantwortete; es war gemäß der Vereinbarung ein Mann mit einem Besen über der Schulter, der fragte, ob man nicht ein Nachtquartier für ihn wisse, und der daraufhin von meinem Sohn aufgefordert wurde, hereinzukommen.
Der Mann wirkte ziemlich nervös und fragte mich, ob ich glaubte, daß bei der Sache ein großes Risiko bestünde.
»Nein«, sagte ich, »kein größeres als gewöhnlich in solchen Fällen, aber wir müssen eine halbe Stunde bis zum Gezeitenwechsel warten, denn in einem Boot flußab gegen die auflaufende Flut anzukämpfen, würde bedeuten, die Aufmerksamkeit geradezu herauszufordern.«
Dem stimmte er vollkommen bei und setzte sich vor meinen Kamin, um die Zeit bis dahin abzuwarten.
Ich war ebenso wie er darauf bedacht, die Angelegenheit möglichst rasch hinter uns zu bringen, denn es war ein verflixt heikler Auftrag; wenn Oliver Cromwell die Sache zu Ohren kam und er mir nur im geringsten etwas nachweisen konnte, würde er ebenso selbstverständlich den Befehl gegeben haben, mich zu erschießen, wie er im Namen des HERRN sein Abendmahl einzunehmen pflegte.
Ich ging deshalb sogleich zum Fluß hinunter, um mit den beiden Männern zu sprechen, die dort mit dem Boot lagen, und ließ mir von ihnen bestätigen, daß in etwa zwanzig Minuten in der Mitte des Stroms die Flut abzuebben beginnen würde, als mich plötzlich zwei Männer konfrontierten.
Erfahren, wie ich in den Gewohnheiten und Erscheinungen jener Zeit war, erriet ich sofort, mit wem ich es zu tun hatte. In der Tat, zwei von Oliver Cromwells Dragonern waren ja auch wohl kaum zu verkennen.
»Sie werden gesucht«, sagte der eine zu mir.
»Sie werden sogar ganz dringend gesucht«, bekräftigte der andere.
»Aber, Gentlemen, ich bin im Moment gerade sehr beschäftigt«, sagte ich. »In einer Stunde jedoch werde ich Ihnen gern das Vergnügen machen. Sie brauchen mir nur zu sagen, wo ich auf Sie warten soll, und ich werde dann ganz zu Ihrer Verfügung stehen.«
Die einzige Antwort, die ich darauf bekam, war, daß ich von ihnen in die Mitte genommen und a tempo davongeführt wurde, an meiner eigenen Haustür vorbei.
Ich wurde schnellen Schritts direkt nach St. James gebracht, wo man mich eilig durch einen der Innenhöfe führte; wir hielten kurz an einer kleinen Tür, vor der ein Posten stand.
Meine beiden Begleiter verhandelten kurz mit ihm, woraufhin er uns durchließ. Wir kamen durch einen schmalen Gang ohne jedes Licht, dann zu einer weiteren Tür, an welcher ebenfalls ein Posten stand, der den Schein einer Laterne auf mich und meine beiden Führer richtete. Auch ihm wurde eine kurze Erklärung gegeben, während der ich die Worte Seiner Hoheit hörte, welches der Titel war, den Cromwell sich letzthin zugelegt hatte.
Sie schoben mich durch diese zweite Tür, schlossen sie hinter mir und ließen mich im Dunkel allein.
Da ich absolut unwissend war, wo ich mich befand, hielt ich es für das Klügste, ganz still stehen zu bleiben, denn jeder Schritt, den ich tat, hätte mich in Gefahr bringen können; der Rückzug war mir offensichtlich sowieso abgeschnitten.
Darüber hinaus mußten jene, die mich hergebracht hatten, ja wohl irgendwelche Absichten damit verfolgen, und es war in jedem Falle besser, sie diese entwickeln zu lassen, statt selber Schritte zu unternehmen, was für mich höchst gefährlich hätte werden können.
Ich erhielt auch bald die Bestätigung, daß dies die beste Politik gewesen war, denn plötzlich fiel ein greller Lichtschein auf mich, und ich hörte eine mürrische Stimme sagen:
»Wer geht da? Los, hierher!«
Ich ging in die angegebene Richtung und gelangte durch eine offene Tür in ein kleines Apartment, in welchem ich, vor einem gewöhnlichen Kartentisch und die geballten Fäuste darauf gestützt, niemand anderen als Oliver Cromwell selbst vorfand.
»So, Sir«, sagte er, »Royalisten und andere Elemente wollen das Land also in Aufruhr und Verderb stürzen. Ist es nicht so? Los, antworten Sie mir.«
»Ich habe keine Antwort, die ich darauf geben könnte, Eure Hoheit«, sagte ich.
»So, bei Gott, keine Antwort können Sie mir geben, während in Ihrem eigenen Haus der für vogelfrei erklärte Sekretär des Herzogs von Cleveland versteckt ist.«
Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen und war sicher, von jemandem verraten worden zu sein, aber ohne mir Zeit für eine Antwort zu geben, fuhr er in raschem Tonfall fort:
»Der HERR ist gnädig, und ebenso sind wir es, aber der Bösewicht muß gefaßt werden, weshalb die beiden gottesfürchtigen Männer mit ihren kurzen Karabinern, geliebte Soldaten des Commonwealth, Sie jetzt begleiten werden. Sie werden den Bösewicht aus Ihrem Haus herausführen, während die beiden gottesfürchtigen Dragoner sich im Schatten hinter Ihnen halten werden. Sie bringen ihn dann zum Fluß hinunter, wo, sofern der HERR will, ein Boot mit einem kleinen blauen Zeichen am Bug warten wird, an Bord dessen Sie ihn setzen und ihm gute Reise wünschen werden.«
Er hielt inne und fixierte mich scharf in dem schwachen Licht, das in dem Apartment herrschte.
»Und dann, Eure Hoheit?« fragte ich.
»Dann werden Sie morgen bei uns für eine beträchtliche Summe vorsprechen, welche Ihnen für den Dienst zusteht, den Sie dem Commonwealth geleistet haben. Ja, es soll sich für Sie als höchst profitabel erweisen, für die Sache des HERRN gekämpft zu haben.«
Ich muß gestehen, ich hatte von diesem Gespräch ein ganz anderes Resultat erwartet; ich hatte sogar gefürchtet, daß meine Freiheit, mein Leben in Gefahr wäre. Cromwell war ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Ich kannte diese Gefahr und war nicht gewillt, mich etwa für Master Latham zu opfern.
»Ich werde tun, wie Eure Hoheit befehlen«, sagte ich deshalb auch sofort.
»So, wirklich?« erwiderte er. »Nun, wenn Sie mir nicht gehorchten, würden Sie auch sofort meinen starken Arm zu spüren bekommen. Ho, hallo? Gottfürchtiger Simpkins, sind Sie da draußen?«
»Ja, so der HERR will«, sagte ein Dragoner, der in der Tür erschien.
Cromwell machte ihm lediglich mit der Hand ein Zeichen, woraufhin Simpkins mich fest am Oberarm packte, als wäre ich ein ertappter Dieb, und mich wieder durch den Gang führte, in welchem die beiden Posten standen.
Ein paar Augenblicke darauf fand ich mich wieder in der Obhut meiner beiden früheren Wächter wieder; äußerst forschen Schrittes setzten wir uns in Richtung meines Hauses in Marsch.
Es war keine sehr angenehme Affäre, in welchem Licht ich es auch betrachten mochte; aber was Cromwell betraf, so kannte ich meine Zwangslage, und es würde mir übel bekommen sein, wenn ich auch nur eine Sekunde gezögert hätte, ihm zu gehorchen. Andererseits wußte ich, wie großzügig er solche Dienstleistungen zu belohnen pflegte, und rechnete mir daher aus, daß ich durch die Transaktion in den Besitz einer guten runden Summe kommen würde, wozu noch die fünfzig Pfund kamen, die ich bereits von den Royalisten erhalten hatte. In der Tat, die Sache war so lukrativ, daß ich, während wir durch die nächtlichen Straßen zu meinem Haus zurückgingen, schon überlegte, ob ich mich nicht ganz in die Dienste des Protektors von England stellen sollte.
»Wenn ich das tue«, argumentierte ich im stillen, »und dabei weiterhin meine Beziehungen zu den Royalisten unterhalte, müßte sich daraus eigentlich ein flottes Geschäft entwickeln lassen.«
Aber es wird gleich zu sehen sein, daß widrige Umstände all diesem Träumen ein jähes Ende setzten.
Als wir zu meinem Hause kamen, war das erste, was ich sah, daß mein Sohn, der mir die Tür geöffnet hatte, sich mit der Hand über die Augenbraue fuhr, als sei er müde geworden; er kam auf mich zugerannt, klammerte sich an meinen Arm und flüsterte mir aufgeregt etwas zu.
Ich war im Moment jedoch so verärgert, daß ich die Beherrschung verlor, ohne die Folgen zu bedenken, mit der geballten Faust ausholte und ihn zu Boden schlug. Er fiel mit dem Hinterkopf genau auf einen der großen runden Steine, mit denen die Straße gepflastert war, und atmete sein Leben aus. Ich hatte ihn ermordet.
Ich weiß nicht, was unmittelbar nach dieser schrecklichen Tat geschah; ich kann mich nur noch erinnern, daß es eine große Konfusion gab, ein Herumblitzen von Lichtern, und es schien mir, als ob mich irgend etwas plötzlich mit großer Gewalt zu Boden schleuderte.
Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einer kleinen schmalen Liege wieder, aber in einem sehr großen, nur dämmrig erhellten Raum, in dem noch viele andere solcher kleinen Betten entlang den Wänden standen. Das dürftige Licht ermöglichte mir gerade noch, mich ein wenig umzusehen und ein paar herumschleichende, finster aussehende Gestalten zu erkennen.
Ich war in dem Hospital, das der Protektor kürzlich in der City hatte errichten lassen.
Ich versuchte zu sprechen, konnte es aber nicht; die Zunge schien mir am Gaumen festgeklebt zu sein; und auch mein Gesichtssinn trübte sich jetzt; ich konnte die schemenhaften, düsteren Gestalten um mich herum kaum noch erkennen.
Dann faßte jemand mein Handgelenk, und ich hörte den Betreffenden ganz deutlich sagen:
»Mit dem hier geht es jetzt zu Ende.«
Plötzlich schien es mir, als ob sich irgend etwas mit erdrückender Kraft auf meine Brust senkte, und ich war mir dumpf bewußt, daß ich verzweifelt nach Atem rang; dann glaubte ich, ich befände mich auf dem Grund des Meeres. Einen Moment, wirklich nur einen Moment lang, spürte ich eine schreckliche Todesqual, und dann kam da ein zischendes Geräusch wie das Rauschen von Wasser, wonach ich ganz deutlich spürte, daß ich von jemandem auf den Armen hochgehoben wurde. Ich wurde dann wieder hingelegt, und meine Glieder fühlten sich taub und kalt an; ein heftiger Krampf durchlief meinen ganzen Körper; ich schlug die Augen auf und fand mich im Freien liegend wieder, neben einem frisch ausgehobenen Grab.
Der Vollmond stand hoch am Himmel, und seine kühlen Strahlen fielen auf mein Gesicht. Eine Stimme klang mir in den Ohren, eine tiefe und feierliche Stimme; schmerzlich deutlich war jedes Wort, das sie sprach.
»Mortimer«, sagte sie, denn das war mein Name, »Mortimer, in deinem Leben hast du eine Tat begangen, die dich ein für allemal der Hoffnung beraubt, daß man sich an irgend etwas aus diesem deinem Leben in jener Welt, die nach dem Tode kommt, zu deinem Vorteil erinnern wird. Du hast den reinen Quell der Gnade vergiftet, und auf jemanden wie dich kann niemals auch nur ein Schimmer der Großzügigkeit und Vergebung des Himmels fallen. Mörder, Mörder jenes Wesens, das dir vom großen Schöpfer zur unverletzlichen Obhut anvertraut war, lebe hinfort als für immer verflucht. Sei dir selbst eine Widerwärtigkeit und ein Ekel, gemieden von allem, was gut und rechtschaffen ist. Stehe allen Menschen als Feind gegenüber, und alle Menschen sollen als Feinde dir gegenüberstehen: Varney, dem Vampir.«
Taumelnd kam ich auf die Beine und sah, daß die Szene um mich herum ein Friedhof war. Ich war hager und ausgemergelt; meine Kleider hingen an mir wie an einem Skelett, und der klamme Geruch des Grabes haftete ihnen noch an. Ich begegnete einem alten Mann und fragte ihn, wo ich sei. Er sah mich an mit einem Erschaudern, als wäre ich gerade irgendeinem Beinhaus entkommen.
»Wieso, dies ist Isledon«, sagte er.
Helles Glockenläuten klang plötzlich durch die laue Nachtluft.
»Was bedeutet das?« fragte ich.
»Wieso, dies ist der Jahrestag der Restauration.«
»Der Restauration? Welcher Restauration?«
»Wieso, der königlichen Familie der Stuarts auf den Thron, das ist doch klar. Genau heute vor einem Jahr kehrte sie auf ihren Thron zurück. Haben Sie so lange geschlafen, daß Sie das überhaupt nicht wissen?«
Ich erschauderte und ging weiter, entschlossen, eingehendere Erkundigungen einzuziehen, aber mit solcher Vorsicht, daß das Ausmaß meiner Unwissenheit nicht sichtbar wurde; das Resultat war für mich höchst erstaunlichen Charakters.
Ich fand heraus, daß ich beinahe zwei volle Jahre in Todestrance gelegen hatte und in dieser Zeit große politische Veränderungen stattgefunden hatten. Die ins Exil getriebene königliche Familie war wieder in den Thron eingesetzt worden; die wohl erstaunlichste Umkehr der Gefühle, die jemals in einer Nation registriert worden ist, hatte sich in England vollzogen.
Aber ich persönlich war noch nicht zu dem ganzen Schrecken dessen erwacht, was ich an Worten an mich gerichtet gehört hatte, sondern maß dem noch keine sehr klar umrissene Bedeutung zu.
Nein, ich war mir noch beileibe nicht des ganzen Horrors dessen bewußt, was ich nunmehr war, aber ich sollte bald genug herausfinden, was die Worte, welche jenes mysteriöse Wesen zu mir gesprochen hatte, bedeuteten. Ich war ein verfluchtes Wesen, das von allen Menschen gemieden wurde, ein Abscheu, eine Widerwärtigkeit und ein Ekel.
Ich fühlte mich ganz krank und schwach, als ich durch die Straßen der Stadt ging, und doch ekelte mich der Anblick von allem Eßbaren, das ich irgendwo sah.
Ich kam zu meinem einstigen Haus und sah, daß es niedergebrannt worden war; nur noch ein Haufen verkohlter Ruinen befand sich dort, wo es einst gestanden hatte.
Aber selbst an jener Ruine hatte ich noch lebhaftes Interesse, denn von Zeit zu Zeit hatte ich beträchtliche Summen Geldes unter dem Boden des untersten Zimmers vergraben, und da von diesem geheimen Schatz nur ich etwas wußte, hatte ich allen Grund zu der Annahme, daß er dort unberührt geblieben war.
Ich wartete ab, bis der Mond von ziehenden Wolken verdunkelt wurde, und dann, mit meiner intimen Kenntnis der Örtlichkeit, begann ich in der Ruine zu graben, entfernte den Schutt, bis ich fast zu jener Stelle vorgedrungen war, an der immer noch mein Gold versteckt liegen mußte.
Aber dann überraschte mich der Morgen, ich konnte nicht mehr weitergraben, und so versteckte ich mich in der Ruine, die einmal mein Heim gewesen war, den ganzen langen Tag, ohne mich auch nur einmal aus meinem Versteck herauszurühren.
Oh, es war ein elend langer, qualvoller Tag. Ich konnte das fröhliche Plappern spielender Kinder hören. Ganz in der Nähe war ein Gasthaus, und ich konnte dort geräuschvolle Zecher Lieder gröhlen hören, die während des Commonwealth strengstens verboten gewesen waren.
Ich sah in der Nähe von dort, wo ich verborgen lag, einen armen Unglückswurm, der beinahe zu Tode gejagt worden war; denn der Art seiner Kleidung und der Fasson seines Haarschnitts nach gehörte er jener Partei an, die inzwischen die Macht verloren hatte und deren Mitglieder unerbittlich verfolgt wurden.
Aber endlich kam die langerwartete Nacht. Sie war so dunkel wie die vorige, was mir natürlich sehr willkommen war.
Ich hatte in den Trümmern ein altes, rostiges Messer gefunden, mit dem ich mich nun daran machte, meinen Schatz auszugraben. Und das Glück war mir hold, denn ich fand alles so, wie ich es einst gelassen hatte. Nicht eine Guinea war entfernt worden, obwohl es in der unmittelbaren Nachbarschaft Leute gab, die für einen solchen Goldschatz, wie ich ihn gehortet hatte, bedenkenlos ein Menschenleben geopfert hätten.
Ich zog keinerlei Erkundigung über irgend jemanden ein, der zu meinem Haus gehört hatte, denn ich fürchtete, nur schreckliche oder allenfalls ausweichende Antworten zu bekommen. Aber eine kleine, höchst interessante Information erhielt ich doch, als ich die Ruine verließ, obwohl ich nicht darum gebeten hatte.
»He«, sagte einer von zwei Männern, die vor dem Grundstück stehengeblieben waren, »hast du schon jemals einen derart armen Teufel gesehen?«
»Du meine Güte, ja«, sagte der andere. »Sein Anblick würde genügen, einem den Kanarienvogel sauer zu machen. Er scheint aus der Ruine des Mortimer-Hauses herausgekommen zu sein. Apropos, hast du jemals gehört, was aus dem eigentlich geworden ist?«
»Ja, sicher. Der wurde doch bei irgendeinem Krawall von zwei von Cromwells Dragonern erschossen.«
»Ja, jetzt entsinne ich mich. Er hatte seinen Sohn ermordet, nicht wahr?«
Ich ging weiter. Jene Worte schienen mir wie ein Feuerstrahl durch das Gehirn zu fahren, und ich fürchtete, der Sprecher könnte das Thema noch breiter ausführen.
Ein leiser Nieselregen hatte inzwischen zu fallen begonnen, der bewirkte, daß die Straßen völlig verlassen dalagen, aber bestens vertraut, wie ich mit der Stadt war, ging ich weiter, bis ich in jenes Viertel kam, das hauptsächlich von Juden bewohnt wird, von denen ich wußte, daß sie mein Geld nehmen würden, ohne mir lästige Fragen zu stellen, was ich benötigte. Und so geschah es auch. Kaum war eine weitere Stunde vergangen, da tauchte ich reich gekleidet wie ein Kavalier jener Epoche auf und hatte dem geflissentlichen Israeliten für die Kleidung kaum mehr als das Vierfache gezahlt, was sie in Wirklichkeit wert war.
So stand ich nun mitten in London mit mehreren hundert Pfund in der Tasche und der schrecklichen Ungewißheit im Herzen, wer oder was ich selber war.
Ich wurde langsam immer schwächer und schwächer; ich fürchtete, ohne eigenes Quartier bald jemandem zum Opfer zu fallen, der – wenn er sah, wie entkräftet ich war – mich trotz des formidablen Rapiers an meiner Seite um alles berauben würde, was ich besaß.
Meine ganze frühere Karriere ist viel zu lang und wildbewegt gewesen, als daß ich von ihr hier auch nur eine kurze Schilderung geben könnte. Alles, was ich hier berichten will, ist, wie ich zu der Überzeugung kam, daß ich ein Vampir war und das Menschenblut die einzige mir bekömmliche, meine neue Existenz erhaltende Nahrung war.
Ich ging weiter, bis ich in eine Straße kam, wo sehr große, aber unmoderne und heruntergekommene Häuser standen, die sich jetzt zumeist im Besitz von Personen befanden, die sich ein Gewerbe daraus machten, einzelne Apartments zu vermieten; dort hoffte ich, eine sichere Bleibe zu finden.
Da ich keinerlei Schwierigkeiten über die Mietbedingungen machte, fand ich auch bald etwas Passendes; ich wurde in eine leidlich hübsche Suite von Zimmern in dem Haus einer anständig aussehenden Witwe geführt, die zwei junge, blühende Töchter hatte, die mich, den neuen Mieter, mit allem anderen als wohlgefälligen Blicken betrachteten; mit meinem gespenstischen, kadaverhaften Aussehen versprach ich ihnen wohl kaum, ein angenehmer Hausgefährte zu werden.
Nun, darauf war ich vorbereitet gewesen, denn ich hatte inzwischen einen Blick in den Spiegel geworfen, und der hatte genügt; ich kann wohl behaupten, niemals ist ein schrecklicheres Skelett, angetan mit Samt und Seide, durch die Straßen der City gewandelt.
Als ich mich auf mein soeben erst gemietetes Zimmer zurückgezogen hatte, fühlte ich mich so schwach und krank, daß ich kaum noch einen Fuß dem anderen nachziehen konnte; verzweifelt überlegte ich, was ich dagegen tun könnte, als plötzlich ein seltsames Gefühl über mich kam, was mir vielleicht schmecken würde – was, nun was? Blut, ja, rotschäumendes, frisches Blut, das gleich Fontänen aus den Venen eines keuchenden Opfers sprudelt.
Eine Uhr im Treppenhaus schlug ein Uhr nachts. Ich stand von meinem Bett auf und horchte; im Haus war alles still – still wie in einem Grab.
Es war ein großes, altes, weitverzweigtes Gebäude, das zweifelsohne einmal einem reichen und bedeutenden Mann seiner Zeit gehört hatte. Mein Zimmer war eines von sechs, die von einem Korridor von beträchtlicher Länge abgingen, der quer durch das ganze Haus führte.
Auf diesen Korridor schlich ich hinaus und horchte erneut, volle zehn Minuten lang, aber ich hörte nicht das leiseste Geräusch, außer meinem eigenen verhaltenen Atem. Das erkühnte mich in meinem mit jedem Augenblick noch wachsenden Appetit auf frisches Blut so, daß ich mich zu fragen begann, aus wessen Venen ich mir am besten diese Stärkung und Nahrung holen könnte.
Aber wie hatte ich da vorzugehen? Wie sollte ich wissen, welchen Schläfer in dem großen Haus ich am ungefährdetsten attackieren konnte, denn daß ich dazu jemanden attackieren mußte, war mir inzwischen natürlich klar. Ich stand da wie ein böser Geist, der über die Mittel und Wege nachsann, sich ein Opfer zu holen.
Und gerade da kam wieder ein neuer Schwächeanfall über mich, jenes entsetzliche Schwächegefühl, das mit jedem Moment stärker wurde und mich völlig zu übermannen drohte. Ich fürchtete, daß ich nach einem neuerlichen Schwächeanfall nicht mehr imstande sein würde, wieder aufzustehen; und so seltsam das auch erscheinen mag, ich hing plötzlich verzweifelt an diesem neuen Leben, das mir da gegeben worden war. Ich schien bereits mit allen dessen Schrecken, aber noch nicht mit dessen Freuden vertraut zu sein.
Plötzlich lichtete sich das Dunkel in dem Korridor, weicher Silberschein fiel herein, und ich sagte mir:
»Der Mond muß aufgegangen sein.«
Ja, tatsächlich war der helle und schöne Mond, der solch einen wiederbelebenden Einfluß auf mich gehabt hatte, als ich inmitten der Gräber gelegen hatte, hinter einer Wolkenbank am östlichen Himmel hervorgekommen, und sein Schein fiel zu einem kleinen Fenster herein. Das Mondlicht erfüllte von dort aus den ganzen Korridor, ihn zwar nur schwach, aber wirksam genug erhellend, um mich ganz klar die verschiedenen Türen erkennen zu lassen, die in die diversen Zimmer führten.
Und so kam es, daß ich zwar genügend Licht hatte für alles, was ich unternehmen wollte, aber sonst keinen weiteren Anhalt.
Die Mondstrahlen, die mir ins Gesicht fielen, schienen mir jedoch vorübergehend neue Kräfte zu verleihen. Erst viel später lernte ich aus Erfahrung kennen, daß sie auf mich immer eine solche belebende Wirkung haben, aber schon damals spürte ich es, obwohl ich diese Wirkung noch keineswegs dem königlichen Himmelsgestirn der Nacht zuschrieb.
Ich ging den Korridor entlang und spürte plötzlich einen Einfluß, der mich zu einer bestimmten Tür hinzog. Ich weiß nicht, wie und woher das kam, aber ich legte meine Hand auf den Türgriff und sagte mir sofort:
»Da drinnen werde ich mein Opfer finden.«
Ich hielt jedoch erst noch einen Moment inne, denn plötzlich wurde mir bewußt, welch schreckliche Tat ich zu begehen im Begriff war und welch schwere Konsequenzen sich daraus vielleicht für mich ergeben konnten. Selbst nachdem ich so weit gegangen war, wäre ich vielleicht immer noch vor der Tat selbst zurückgezuckt, wenn ich nicht gerade im nämlichen Augenblick einen neuen Schwächeanfall gespürt hätte, so entsetzlich und verheerend, daß ich überzeugt war, es würde mein sicherer Tod sein, wenn ich nicht sofort etwas dagegen unternähme.
Daraufhin zögerte ich nicht mehr länger; ich drückte die Klinke nieder, glaubte aber sicher, dadurch entdeckt zu werden. Und so ließ ich die Tür etwa einen Zollbreit offenstehen und floh zu meinem eigenen Zimmer zurück.
Ich horchte gespannt, aber es erfolgte weder ein Alarm, noch rührte sich etwas in irgendeinem der anderen Zimmer – die gleiche totenähnliche Stille wie vorher lag über dem Haus, und ich hatte das Gefühl, daß ich immer noch sicher war.
Ein weicher Strahl von gelbem Licht war durch den Spalt jener Tür gefallen, als ich sie geöffnet hatte. Er mischte sich seltsam mit dem silbrigen Mondlicht, und ich schloß daraus, korrekt genug, wie ich später feststellte, daß in dem Zimmer eine Lampe brannte.
Es dauerte weitere zehn Minuten, bis ich mich wieder soweit gefaßt hatte, daß ich aus meinem Zimmer schlüpfen und zu jenem des mir vom Schicksal bestimmten Schläfers zurückschleichen konnte; aber schließlich sagte ich mir, daß ich es nun gefahrlos tun könnte; außerdem schwand die Nacht schnell dahin. Wenn überhaupt, dann mußte ich sofort handeln, ehe das erste Licht des Morgengrauens die Geister der Nacht vertrieb, und vielleicht blieb mir dann gar keine Kraft mehr, noch zu handeln.
»Was«, sagte ich mir, »wird nach weiteren vierundzwanzig Stunden Erschöpfung aus mir geworden sein? Werde ich dann noch die Kraft haben, die Wahl zu treffen, was ich will und was ich nicht will? Nein, noch einmal vierundzwanzig Stunden Entkräftung werde ich wahrscheinlich nicht überleben.«
Dies war es, was für mich den Ausschlag gab. Mit äußerster Vorsicht und auf Zehenspitzen näherte ich mich erneut jener Schlafzimmertür, die ich spaltbreit geöffnet hatte.
Diesmal zögerte ich nicht mehr, sondern überquerte sofort die Schwelle und sah mich um. Es war die Schlafkammer der jüngeren Tochter meiner Wirtin, die nach meiner Schätzung etwa sechzehn Jahre alt war. Wohl aufgrund meiner schrecklichen Erscheinung waren mir die Töchter soweit wie möglich aus dem Weg gegangen, so daß ich mir noch gar kein genaueres Urteil über ihr Alter und ihr Aussehen hatte bilden können.
Ich wußte nur, es war die jüngere, denn sie trug ihr Haar lang, und sie trug es in Locken, die lose über das Kissen fielen, auf welchem sie schlief, während ihre ältere Schwester, wie ich bemerkt hatte, ihr Haar glatt und vom Nacken aus hochgesteckt trug.
Ich stand neben dem Bett und sah auf dieses hübsche Mädchen herab, das in dem ganzen Stolz seiner jungen Schönheit schlummerte. Seine Lippen waren geteilt, als sähe es in seinem Traum irgendein angenehmes Bild, das es selbst im Schlaf noch lächeln ließ. Sie murmelte auch zweimal ein Wort, welches ich für den Namen von irgend jemandem hielt – vielleicht das Idol ihres jungen Herzens –, aber er war zu undeutlich ausgesprochen, als daß ich ihn verstand; und es kümmerte mich auch nicht, was da vielleicht ihr gehütetes Geheimnis war. Ich legte keinen weiteren Wert auf ihre Zuneigung, noch war ich irgendwie eifersüchtig; bald würde sie mich sowieso verabscheuen und abgrundtief hassen.
Einer ihrer zarten, exquisit gerundeten Arme lag auf der Bettdecke; auch ihr alabasterweißer Hals war teilweise meinem Blick ausgesetzt, aber ich empfand keine Liebesleidenschaft – Nahrung war es, was ich wollte.
Ich sprang auf sie drauf. Sie stieß einen gellenden Schrei aus, aber nicht, bevor ich mir einen langen Zug von Lebensblut aus ihrem Hals gesichert hatte. Der genügte mir. Ich spürte, wie er mir wie Feuer durch die Venen rann, und ich fühlte mich sofort gekräftigt. Von diesem Moment an wußte ich, was künftig meine Nahrung sein würde; es war Blut – das Blut von Zarten und Schönen.
Das Haus war sofort alarmiert und aufgeschreckt, aber nicht, bevor ich mich zurück auf mein eigenes Zimmer hatte flüchten können. Ich war nur teilweise angezogen, und jene paar Kleider warf ich ab, stieg in mein Bett und täuschte vor zu schlafen. Und als dann der Gentleman, der gleichfalls im Haus schlief und von dessen Anwesenheit ich bis dahin nichts gewußt hatte, laut an meine Tür klopfte, tat ich so, als würde ich erschreckt erwachen, und rief mit ängstlicher Stimme:
»Was ist? Was ist? Um Gottes willen, sagen Sie mir, steht das Haus in Flammen?«
»Nein, nein – aber stehen Sie auf, Sir, stehen Sie auf. Jemand Fremder ist im Haus. Ich glaube, ein Mordversuch ist gemacht worden, Sir.«
Ich stand auf und öffnete die Tür, so daß er bei dem Licht der Kerze, die er in der Hand hielt, sehen konnte, daß ich mich erst ankleiden mußte; er war selbst nur halb angezogen, unter dem Arm trug er seinen Degen.
»Eine merkwürdige Sache«, sagte er, »aber ich habe ganz deutlich einen Alarmschrei gehört.«
»Ich ebenfalls«, sagte ich, »aber ich glaubte, ich hätte nur geträumt.«
»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« schrie die Witwe, die aufgestanden war, aber noch auf der Schwelle ihrer eigenen Kammer stand. »Diebe! Diebe!«
Bis dahin hatte ich mich soweit angekleidet, daß ich geziemend in Erscheinung treten konnte; ebenfalls meinen Degen unter dem Arm, kam ich in den Korridor hinaus.
»Oh, Gentlemen – Gentlemen!« jammerte die Wirtin. »Haben Sie auch etwas gehört?«
»Ja, einen Schrei, Madam«, sagte mein Mitmieter. »Haben Sie schon in die Schlafkammern Ihrer Töchter geschaut?«
Das Zimmer der jüngeren Tochter lag am nächsten, und in dieses ging sie deshalb zuerst. Einen Moment darauf erschien sie wieder auf der Schwelle, im Gesicht weiß wie ein Laken, rang die Hände und stöhnte:
»Mord! Mord! Mein Kind – mein Kind ist ermordet worden, Master Harding.« Das war der Name meines Mitmieters.
»Reißen Sie eines der Fenster auf und rufen Sie nach der Wache«, sagte er zu mir. »Ich werde das Zimmer durchsuchen, und wehe jedem, den ich unerlaubt in dessen Wänden finde.«
Ich tat, wie er gesagt hatte, lehnte mich aus dem Fenster und rief nach der Wache, aber keine Wache kam; dann, bei einem zweiten Besuch im Zimmer ihrer Tochter, stellte die Wirtin fest, daß diese nur ohnmächtig war und daß sie sich durch das Blut an ihrem Hals hatte täuschen lassen, sie sei ermordet worden; daraufhin kam das Haus wieder halbwegs zur Ruhe, und da jetzt sowieso der Morgen nahe war, zog Mr. Harding sich wieder auf sein Zimmer zurück und ich mich auf das meine, und wir überließen es der Wirtin und ihrer älteren Tochter, am Bett der jüngeren zu wachen.
Wie herrlich wiederbelebt ich mich fühlte – ich war eine völlig neue Kreatur, als die hellen Sonnenstrahlen in mein Zimmer fielen. Ich kleidete mich an und wollte gerade das Haus verlassen, als Mr. Harding aus einem der Zimmer im Parterre trat und mich abfing.
»Sir«, sagte er, »ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, aber ich bin sicher, ein allgemeines Gefühl von Anstand und Ritterlichkeit wird Sie veranlassen, alles in Ihren Kräften Stehende zu tun, einer so schrecklichen Bedrohung wie in der letzten Nacht vorzubeugen, damit sie sich nicht wiederholen kann.«
»Bedrohung, Sir?« sagte ich. »Bedrohung von wem und durch was?«
»Eine sehr berechtigte Frage«, sagte er, »aber gleichzeitig eine, die ich kaum beantworten kann. Das Mädchen behauptet, sie sei davon erwacht, daß jemand sie in den Hals biß, und als Beweis dafür weist sie auch tatsächlich Bißspuren vor. So entsetzt ist sie darüber, daß sie erklärt, niemals wieder schlafen zu können.«
»Sie erstaunen mich«, sagte ich.
»Sicher, die Sache ist so erstaunlich, daß man niemandem die Zweifel verdenken kann, die er haben mag. Aber wenn Sie und ich, die wir beide Bewohner dieses Hauses sind, heute nacht in dem Korridor Wache halten würden, könnte das auf die Einbildung des jungen Mädchens eine beruhigende Wirkung haben, und vielleicht gelingt es uns dadurch, dem nächtlichen Störenfried auf die Spur zu kommen.«
»Gewiß«, sagte ich, »ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, und es wird mir ein Vergnügen sein.«
»Gut, machen wir dann gleich jetzt aus, daß wir uns um elf Uhr abends in Ihrem oder meinem Apartment treffen.«
»In welchem immer Sie wollen, Sir. Welches Sie für das geeignetere halten.«
»Ich schlage meines vor, welches die letzte Tür im Korridor ist und wo ich mich glücklich schätzen werde, Sie um elf zu sehen.«
Es war da etwas an den Manieren dieses jungen Mannes, das mir nicht ganz gefiel, und doch konnte ich nicht zu einem positiven Schluß kommen, ob er mich verdächtigte; daher hielt ich es für voreilig, zu fliehen, wenn dafür vielleicht überhaupt kein Anlaß bestand. Im Gegenteil, ich entschloß mich, das Ergebnis des Abends abzuwarten, das vielleicht verhängnisvoll für mich sein würde, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls glaubte ich, mich schon irgendwie aus der Klemme ziehen zu können. Wenn mir tatsächlich vom Schicksal bestimmt war, in meiner neuen schrecklichen Existenz als ein von der menschlichen Gesellschaft Ausgeschlossener zu leben, gewöhnte ich mich lieber beizeiten daran und sah zu, wie ich mich aus solchen Schwierigkeiten retten konnte, die sich immer wieder ergeben würden.
Also verließ ich mich auf meine eigene Stärke und gedachte, diese skrupellos zu nutzen; ich wartete in leidlich gefaßter Haltung die Nacht ab.
Während des Tages vergnügte ich mich durch Spazierengehen und bemerkte die vielen Veränderungen, die in lediglich zwei Jahren in London vor sich gegangen waren. Aber es waren eben zwei sehr bedeutsame, schicksalhafte Jahre gewesen. Die Gefühle und Gewohnheiten der Leute hatten eine völlige Revolution durchgemacht, über welche ich noch mehr erstaunt war, als ich dann erfuhr, mit welch heimtückischem Verrat die Restauration der exilierten Stuart-Familie bewirkt worden war.
Der Tag ging weiter. Ich verspürte keinerlei Bedürfnis nach irgendwelchen Erfrischungen; ich fühlte mich längst wieder vollends hergestellt, und wenn ich ab und zu einen kräftigenden Schluck köstliches Lebensblut bekam, wie in der letzten Nacht, würde das genug frisches Mark für meine Knochen sein. Davon war ich überzeugt.
Als ich das Haus betrat, das ich zu meinem zeitweiligen Heim gemacht hatte, konnte ich sehen, daß mein Gefühl, mein Aussehen hätte sich inzwischen grundlegend verbessert, nicht von anderen geteilt wurde, denn die gesamte Familie schrak vor mir zurück, als sei ich mit einer ansteckenden Krankheit behaftet und als wäre die bloße Luft, die ich atmete, hassenswert und verderblich. Ich war überzeugt, daß in der Zwischenzeit über mich gesprochen worden war und daß ich jetzt wieder im höchsten Grade verdächtigt wurde. Sicher hätte ich das Haus unverzüglich leise und still verlassen können, aber eine Art Trotzgefühl wurde in mir wach, das mich davon abhielt.
Ich harte das Gefühl, als sei ich verletzt worden und müßte mich deshalb gegen etwas wehren, das nach Unterdrückung aussah.
»Warum«, sagte ich, »bin ich eigentlich aus dem Grab gerettet worden? Nur um einem böswilligen Schicksal als Spielball zu dienen? Gewiß, mein Verbrechen war schwer, aber dafür habe ich auch genug gelitten, durch meine Todesqualen genug gebüßt. Oder man hätte mich lieber gleich da im Grab ruhen lassen sollen.«
Diese Gefühle gewannen immer mehr Platz in meinem Denken, beherrschten mich bald völlig, und in einer Art trotziger Verzweiflung glaubte ich deshalb, alle Pläne, mich noch weiter zu strafen, vereiteln zu müssen, selbst wenn dieses der Vorsehung selbst zuwiderlaufen sollte.
Dies war letztlich der Grund, warum ich mich nicht als Feigling zeigen und beim ersten Anzeichen von Gefahr fliehen wollte.
Ich saß in meinem Zimmer, bis die Stunde meiner Verabredung mit Mr. Harding kam, ging dann zuversichtlichen Schrittes den Korridor hinauf, wobei ich die Spitze meiner Degenscheide über den Boden klappern ließ, und klopfte kühn an seine Tür. Es schien mir, als zögerte er ein wenig, ehe er mich bat, hereinzukommen, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.
Er saß voll angekleidet an einem Tisch, und außer seinem Degen hatte er vor sich auf dem Tisch eine riesige Pistole liegen, beinahe halb so lang wie ein Karabiner.
»Ich sehe, Sie sind gut vorbereitet«, sagte ich, indem ich auf die Pistole deutete.
»Ja«, sagte er, »und ich werde keineswegs zögern, sie zu gebrauchen.«
»Was wollen die jetzt wieder?«
»Wer will was?« fragte er.
»Ich weiß nicht«, sagte ich, »aber mir war so, als hätte da gerade jemand unten im Haus Ihren Namen gerufen.«
»So, wirklich? Dann entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, vielleicht haben sie unten etwas entdeckt.«
Es stand eine Karaffe Rotwein auf dem Tisch, und während Harding weg war, goß ich ein Glas voll vorn in den Lauf der Pistole hinein. Dann wischte ich die Mündung sorgfältig mit der Manschette meines Jacketts ab, so daß äußerlich nichts davon zu merken war, daß ich das Pulver durchnäßt hatte.
Als er zurückkam, sah er mich argwöhnisch an und sagte:
»Niemand hat mich gerufen. Wie kommen Sie denn dazu, zu behaupten, jemand hätte mich gerufen?«
»Weil ich glaubte, ich hätte gehört, wie jemand Sie rief. Es wird einem Menschen ja wohl noch gestattet sein, sich dann und wann einmal zu irren.«
»Ja, aber ich bin dennoch überrascht, wie Ihnen ein solcher Irrtum unterlaufen konnte.«
Es war nicht ganz einfach, ohne zu zucken seinem durchdringenden Blick standzuhalten, aber schließlich wandte er ihn ab, nahm seine Pistole in die Hand und überprüfte das Zündhütchen. Das war natürlich in Ordnung, und offenbar befriedigt legte er die Pistole wieder hin.
»In den Korridor wird ein Tisch mit zwei Stühlen gestellt werden«, sagte er, »so daß wir dort ganz bequem sitzen können. Ich will keineswegs voraussagen oder behaupten, daß etwas geschehen wird, aber wenn, dann werde ich von diesen Waffen hier rücksichtslos Gebrauch machen; das möchte ich noch einmal wiederholen.«
»Daran zweifle ich nicht und kann Ihnen das nur empfehlen«, sagte ich. »Jene Pistole da muß eine schreckliche Waffe sein. Hat sie manchmal auch Fehlzündungen?«
»Nicht, daß ich wüßte«, sagte er. »Außerdem habe ich sie mit besonderer Sorgfalt geladen, und deshalb ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie ausgerechnet diesmal nicht losgehen sollte. Trinken Sie ein Glas Wein?«
Genau in diesem Augenblick kam von der Haustür lautes Klopfen. Ich sah einen Ausdruck von Genugtuung über sein Gesicht kommen, er sprang auf die Beine und brachte die Pistole auf mich in Anschlag.
»Wissen Sie, was jenes Klopfen zu bedeuten hat?« sagte ich. »Zu solch einer Stunde?« Gleichzeitig schleuderte ich mit einer Armbewegung seinen Degen vom Tisch und damit außerhalb seiner Reichweite.
»Ja«, sagte er ganz aufgeregt, »Sie sind mein Gefangener. Sie waren es, der letzte Nacht das Unheil und Durcheinander gestiftet hat. Das Mädchen ist bereit zu schwören, daß Sie es waren, und wenn Sie jetzt zu fliehen versuchen, blase ich Ihnen mit einer Kugel das Gehirn aus.«
»Feuern Sie nur auf mich, und nehmen Sie die Konsequenzen in Kauf«, sagte ich. »Aber auch die Drohung allein genügt mir schon, Sie werden für Ihre Unverschämtheit sterben.«
Ich zog meinen Degen, und er wähnte sich offenbar in unmittelbarer Lebensgefahr, denn er drückte sofort die Pistole ab, mit der Mündung direkt in mein Gesicht. Natürlich ging bei der nur das Pulver in der Pfanne los, sonst nichts, aber einen Moment darauf ging dafür mein Degen durch ihn hindurch wie ein Blitz. Es war eine gute Klinge, die mir der Jude verkauft hatte – das Heft stieß gegen sein Brustbein, und er schrie auf.
Bum, bum, bum, kam es indessen wieder von der Haustür. Ich zog die blutige Klinge zurück, rammte sie, während ich die Treppe hinunterraste, in die Scheide und kam unten gerade zurecht, meine Wirtin davon abzuhalten, die Haustür zu öffnen. Ich packte sie am Genick, schleuderte sie ein ganzes Stück weit in den Flur nach hinten, öffnete dann selber die Haustür, trat hinter sie und ließ drei Männer an mir vorbei ins Haus stürzen. Dann kam ich hinter der Tür hervor, verließ unauffällig das Haus und war frei. Dieses letzte Abenteuer hatte mich weder besonders beeindruckt, noch verursachte mir der Tod Hardings irgendwelche Gewissensbisse; ich hatte ganz einfach nur getan, was getan werden mußte, um mir die Freiheit zu erhalten.
Eilig ging ich die Straße entlang und schaute mich nicht ein einziges Mal um, bis ich weit genug weg war und mich sicher fühlte, daß jede Verfolgung ausgeschlossen war.
Ich begann dann nachzudenken, was ich als nächstes zu tun hatte.
Ich fühlte mich durch die Blutmahlzeit, die ich bereits zu mir genommen hatte, zwar wieder kräftig belebt, aber ich war noch so neu in meiner Vampir-Existenz, daß ich nicht die mindeste Ahnung hatte, wie lange eine solche Mahlzeit in der Wirkung anhalten würde, mir weiter Leben und Kräfte zu geben.
Dabei war es eine ganz merkwürdige übernatürliche Art von Kräften, die ich in mir spürte und die absolut nichts gemeinsam hatten mit jenen, die ein normaler Mensch empfindet, wenn er sich im Vollbesitz seiner Vitalität fühlt. Nein, bei mir war es mehr; ich spürte eine geradezu magische Kraft, der nichts widerstehen konnte, die alle Hindernisse einfach hinwegfegen würde.
Als ich schließlich stehenblieb, fand ich mich in der Pall Mall wieder, nicht weit vom St.-James-Palast entfernt, der letzthin so viele Wechsel erlebt hatte und Zeuge so vieler bemerkenswerter Veränderungen in den Affären von Monarchen gewesen war, daß allein die nackten kommentarlosen Chroniken darüber einen dickleibigen Wälzer ergeben hätten.
Ich schlenderte bis zu dem offenen Gitter des königlichen Palastes vor, doch als ich jenes Viereck betreten wollte, das der Colour-Court genannt wurde, wies ein Wachtposten mich rüde zurück.
So war es zu Zeiten Cromwells nicht gewesen, aber im Moment hatte ich völlig vergessen gehabt, daß sich die Dinge inzwischen grundlegend geändert hatten.
Ich beuge mich immer der Autorität, wenn ich sehe, daß kein Weg an ihr vorbeiführt, und so wandte ich mich auch jetzt sofort zur Seite, ohne irgendeine Bemerkung zu machen. Aber gerade, als ich das tat, sah ich, wie sich nicht weit von dort, wo ich stand, eine kleine Tür öffnete, und zwei in dicke, braune Mäntel gehüllte Gestalten traten heraus.
Auf den ersten Blick sahen sie nicht gerade wie Standespersonen aus, aber wenn man ihre Gesichter, ihre Gestalten und ihr Gehabe ein paar Sekunden lang genauer beobachtete, wie ich es tat, kam man zwangsläufig zu dem Schluß, daß es irgendwelche sehr hochgestellte Persönlichkeiten sein mußten.
Abenteuer war für mich das Leben selbst, jetzt, da ich alle anderen Bande an die irdische Welt abgeschüttelt hatte, und ich hatte eine rücksichtslose Verachtung für alle Gefahren, was bei meiner einzigartigen gefeiten Art von Existenz nur natürlich war. Ich beschloß, diesen beiden Männern dicht genug zu folgen.
»Sollen wir uns ein Vergnügen machen?« sagte der eine.
»Ich bin sicher, daß uns die Ladies welches liefern werden«, entgegnete der andere.
»Und doch waren sie bei unserem letzten Zusammentreffen ziemlich schüchtern, finden Sie nicht auch, Rochester?«
»Eure Majestät –«
»Pst, Mann, pst! Seien Sie doch nicht so unvorsichtig, mich in öffentlichen Straßen mit Majestät anzureden. Wenn ein Lauscher das hört, könnte es einen Hofskandal geben. Ich muß Sie doch bitten, etwas vorsichtiger zu sein.«
»Aber der Name Rochester, den Sie gerade fallenließen, könnte ebenso leicht einen Hofskandal heraufbeschwören wie der –«
»Pst, pst! Sagte ich tatsächlich gerade Rochester? Nun, nun, Mann, behalten wir Namen und Titel also für uns und kommen Sie schnell. Wenn wir die Ladys überzeugen können, herauszukommen, können wir mit ihnen in den Garten des Palastes gehen. Ich habe den Schlüssel zu jener bequemen kleinen Tür in der Mauer, die uns schon mehr als einmal gedient hat.«
Natürlich hatte ich danach keinerlei Schwierigkeiten mehr, in dem einen Sprecher den restaurierten Monarchen, Charles den Zweiten, zu erkennen und in dem anderen seinen Favoriten und ausschweifenden Begleiter, Rochester, von dem ich schon allerhand gehört hatte, obwohl ich noch nicht lange genug wieder in dem Reich der Lebenden weilte, um schon einmal Gelegenheit gehabt zu haben, einen von ihnen zu sehen. Aber nachdem sie solchermaßen selbst bekannt hatten, wer sie waren, würde ich sie von nun an jederzeit wiedererkennen.
Ich hatte mich sorgfältig außer Sicht gehalten, während der kleine Dialog geführt worden war, und so entdeckten sie mich nicht, obwohl sie mehr als einmal argwöhnische Blicke um sich geworfen hatten. Befriedigt, daß ihr unvorsichtiges Gespräch keinen Schaden angerichtet hatte, gingen sie eilig weiter in Richtung Pimlico.
Charles und sein Begleiter hatten also nicht die mindeste Ahnung, welch ein schreckliches Wesen sich an ihre Fersen geheftet hatte. Wenn der König auch leichtsinnig genug war, so daß man ihm gefahrlos hätte folgen können, warf Rochester ständig lauernde, argwöhnische Blicke um sich, und mehr als einmal war ich dicht davor, von ihm entdeckt zu werden, entging dem aber durch mein geschicktes Verhalten und meine Behendigkeit.
Pimlico war zu jener Zeit eine trostlose Gegend und weit von dem entfernt, was es heute ist. Aber sowohl der König als auch Rochester schienen sich dort bestens auszukennen; sie gingen eine beträchtliche Strecke schnurstracks weiter, bis sie in eine schmale, öde und verlassen daliegende Straße kamen, die auf beiden Seiten nicht von Häusern, sondern von Gartenmauern eingefaßt war. Nach der Höhe und Festigkeit dieser Mauern zu urteilen, mußten die Häuser, die dahinter standen, von einiger Bedeutung sein.
»Bravo, bravissimo«, sagte der König. »Es ist uns gelungen, derart weit in feindliches Territorium vorzudringen, ohne bisher beobachtet worden zu sein.«
»So scheint es«, entgegnete Rochester. »Glauben Sie, daß wir jene bestimmte Mauerstelle jetzt auch wiederfinden werden?«
»Aber sicher finden wir die wieder. Ich habe die Ladys doch gebeten, dort ein Taschentuch oder irgendein anderes Zeichen hinzuhängen, damit es uns im Nachtdunkel den Weg weist, und dort flattert es auch schon.«
Der König zeigte auf eine Stelle der Mauerkrone, an der ein Taschentuch geschwenkt wurde. Ein menschlicher Kopf erschien gegen den Nachthimmel, und eine Stimme, so süß, wie ich noch niemals im Leben gehört hatte, sagte:
»Gentlemen, ich bitte Sie, gehen Sie wieder weg.«
»Was?« sagte der König. »Wieder weggehen? Nachdem wir den ganzen weiten Weg gekommen sind. Ist das eine Weiberlaune?«
»Nein«, sagte die Stimme. »Wir fürchten vielmehr, Gentlemen, wir werden beobachtet.«
»Wir?« sagte Rochester. »Sie sagen wir, und doch ist Ihre hübsche Begleiterin nirgendwo zu sehen.«
»Edler Sir«, sagte die Lady. »Es ist für unsereins nicht die leichteste Sache der Welt, auf einer Leiter zu stehen. Und noch viel weniger ginge es zu zweit.«
»Hübsche Lady«, sagte der König. »Wenn Sie es nur irgendwie schaffen könnten, über die Mauer zu kommen, werden wir alle vier einen der angenehmsten und amüsantesten Spaziergänge der Welt machen. Ein Freund von mir, der ein Hauptmann in der Königlichen Garde ist, wird uns auf meine Bitte erlauben, in dem Privatgarten des St.-James-Palastes zu lustwandeln.«
»Wirklich?«
»Ja, meine Schöne. In jenem Garten, von welchem Sie vielleicht schon gehört haben, daß er der Lieblingsaufenthalt des fröhlichen Charles’ ist.«
»Aber wir sind in Angst«, sagte die Lady, »unser Onkel könnte nach Hause kommen. Es ist wirklich sehr unschicklich, sehr indiskret, und wir sollten eine solche Sache eigentlich überhaupt nicht in Betracht ziehen. In der Tat, Gentlemen, sie wäre regelrecht skandalös – aber wie sollen wir jetzt über die Mauer kommen?«
Alle zusammen lachten sie kichernd auf.
Es war gewißlich eine höchst raffinierte kleine Rede, welche die Lady auf der Mauer gehalten hatte; sie ließ ganz trefflich erkennen, wie hier Neigung und Klugheit miteinander rangen. Und es war auch genau die Art von Rede, welche jene ansprach, an die sie gerichtet war.
Nachdem das Gelächter ein wenig abgeebbt war, sagte Charles:
»Aber mit Hilfe der Leiter können Sie doch, wenn Sie mit ihr auf der anderen Seite heraufgekommen sind, auf dieser ebenso leicht wieder hinab. Ich vermute, Ihnen fehlen wohl nur die Kräfte, sie herüberzuheben.«
»Genauso ist es«, sagte die Lady.
»Nun, ich glaube, mit Unterstützung meines Freundes Smith hier würde ich es schaffen; auf die Mauer heraufzukommen, und ich werde Ihnen dann helfen.«
Mit Hilfe von Rochester schaffte Charles es auch tatsächlich, die Mauerkrone zu erklimmen, um den Schönen hinüberzuhelfen, die so ängstlich, aber doch auch so willens waren, ein wenig Gefahr für ihren Ruf zu riskieren, um im Königsgarten von St. James lustwandeln zu können.
Mir kam jetzt der Gedanke, einen Zwischenfall zu inszenieren, aber andererseits wollte ich lieber nicht stören, sondern vielmehr beobachten, wie sich die Sache weiterentwickeln würde.
Nachdem die beiden Ladys oben auf der Mauer waren, zog der Monarch die Leiter nach, und während Rochester diese, an der anderen Seite der Mauer angelehnt, hielt, stiegen die beiden Schönen ganz bequem und sicher auf ihr herab. Eilig entfernte sich dann die Gesellschaft in Richtung St. James.
Ich folgte ihr mit großer Vorsicht, nachdem ich die Leiter genommen und rasch ein paar Grundstücke weitergetragen hatte. Die vier redeten und lachten in der denkbar fröhlichsten Art, bis sie zum Buckingham-Palast kamen, wo sie einen verschwiegenen Pfad einschlugen, der sie in den Garten von St. James bringen würde.
Überhängende Bäume warfen hier solch undurchdringliche Schatten, daß ich mich der Gruppe gefahrlos auf Hörweite nähern konnte. So bekam ich mit, daß die Ladys inzwischen leicht alarmiert waren über soviel Geheimnistuerei und Verstohlenheit, in den königlichen Garten zu gelangen.
»Gentlemen«, sagte die eine, »wir kommen nicht in den Garten mit, wenn Sie dazu nicht eine ordnungsgemäße Erlaubnis haben.«
»Aber die haben wir«, sagte der König. »Nachdem mir diese Erlaubnis für einige Zeit genommen war, habe ich sie kürzlich wiedererhalten und noch ein paar andere Privilegien dazu, nach denen es mich schon sehnlichst verlangt hatte.«
»Sie brauchen nicht das mindeste zu fürchten«, fügte Rochester, zu den Ladys gewandt, hinzu.
Zu viert standen sie alle vor einer kleinen Tür, während der König ein paar Minuten lang mit einem Schlüssel fummeln mußte, bevor er das Schloß aufbekam. Endlich hatte er es geschafft, die Tür schwang auf. Der König ließ dann versehentlich den Schlüssel fallen, konnte ihn nicht wieder finden und mußte die Tür deshalb angelehnt lassen. So war es mir ohne weiteres möglich, der Gruppe zu folgen, als sie durch die Tür gegangen war.
Die Örtlichkeit lag in tiefstem Dunkel.
Unter meinen Schuhen konnte ich den feinen, weichen Kies knirschen hören; aus Angst, das könnte meine Anwesenheit verraten, ging ich zur Seite, bis ich auf einen weichen Rand kam, der aus Turf zu bestehen schien. Der Duft süßer Blumen drang mir in die Nase, und wenn der Nachtwind leise durch die Bäume strich, kam von ihnen ein Säuseln, so angenehm und zart wie Musik.
Der weiche Boden verhinderte absolut, daß meine Schritte gehört werden konnten, und so war ich bald ganz dicht an der Gruppe dran, die ich vor dem Eingang eines kleinen Lustpavillons stehend fand, aus dessen buntverglastem Fenster Lichtschein fiel.
Die Ladys schienen ziemlich nervös zu sein, und doch hatte sich die Affäre für sie als so charmantes und romantisches Abenteuer angelassen, daß sie jetzt wohl niemals mehr umgekehrt und zurückgegangen wären, selbst wenn sie alle Möglichkeiten der Welt dazu gehabt hätten.
Schließlich gingen sie alle in den Pavillon hinein.
Ich schlich hinterher und fand ein Fenster, durch das ich einen guten Blick ins Innere hatte. Ich war höchst amüsiert über das, was ich sah.
Das Innere war höchst geschmacklos dekoriert, obwohl es ein wenig zum Frivolen neigte, und die Bilder, als Fresken an die Wände gemalt, waren wohl auch nicht gerade das, was strikte Prüderie als korrekt betrachtet haben würde, wiewohl an ihnen auch nichts eigentlich Anstößiges war.
Ein Tisch stand in der Mitte und war mit reichem Konfekt und Wein gedeckt, während die Lampe, deren Schein durch das buntverglaste Fenster gefallen war, an drei massivgoldenen Ketten von der Decke hing.
Alles in allem war es ein höchst geschmackvoll eingerichteter kleiner Liebespavillon.
Der König und Rochester drängten die Ladys jetzt, Wein zu trinken, und zum erstenmal hatte ich nun Gelegenheit, mir die Gesichter der verschiedenen Personen, denen ich gefolgt war, genauer anzusehen. Ich muß gestehen, daß ich es mit einiger Neugier tat. Die Ladys mußte man fraglos als sehr hübsch bezeichnen, vor allem die jüngere, die dem König zugefallen war. Sie hatte ein Gesicht, so unschuldig und süß, daß ich sie unwillkürlich bedauerte.
Der König war ein kleiner dunkler Mann mit einem scharf geschnittenen, nicht unhübschen Gesicht, aus dem mir jedoch Tücke und Verschlagenheit zu sprechen schienen. Was Rochester betraf, so war er ausgesprochen häßlich. Sein Gesicht war ziemlich flach und von fahlgrauer Farbe; sicher war es nicht dazu angetan, ihm die Gunst einer Lady zu gewinnen. Aber dazu mochte er eine Zunge haben, die selbst einen Engel des Himmels betören würde.
Solche Fähigkeiten zählen bei Frauen, die außer Schönheit auch Verstand haben, weit mehr, und Frauen ohne Verstand sind es gar nicht wert, gewonnen zu werden.
»Nein«, hörte ich den König jetzt sagen. »Sie haben hier nur ganz erlesene Weine, und den hier können Sie ganz beruhigt trinken.«
Aber das jüngere der beiden Mädchen schüttelte den Kopf.
»Geben Sie her«, sagte Charles daraufhin lachend, nahm das Glas, von dem das Mädchen kaum genippt hatte, und kippte es in einem Zug hinunter. »Ich werde Sie schon noch überzeugen, wie hervorragend dieser Wein ist.«
Die Lady, mit der Rochester in leiser Unterhaltung beisammenstand, hatte keine solche Skrupel, sondern trank zwei Gläser so schnell, wie sie ihr nacheinander gereicht wurden, auf einen Zug aus und redete völlig ungeniert, bewunderte den Pavillon, die Fresken, die Wandbehänge und die Möbel; schließlich fragte sie noch, ob manchmal auch der König selber hierherkäme.
Rochester erging sich daraufhin, um sie an der Nase herumzuführen, in mystifizierenden Reden, während ich meine Aufmerksamkeit wieder dem König und der jüngeren Frau zuwandte, die von den beiden zweifellos die begehrenswertere war.
Der König hatte leise auf sie eingesprochen, als sie plötzlich zwei Schritte vor ihm zurückprallte, mit hochrotem Kopf und allen Anzeichen tiefster Empörung.
»Louisa«, erklärte sie laut, »ich fordere deinen Schutz, denn in deiner Obhut wurde ich gelassen. Bringe mich sofort nach Hause, oder ich werde meinem Onkel sagen, daß du sein Vertrauen schändlich verraten hast, indem du mir einredetest, es sei nichts weiter dabei, sich mit diesen Gentlemen zu treffen.«
»Pah, das Kind muß verrückt sein«, sagte Louisa.
»Ja, völlig verrückt«, sagte der König, indem er erneut auf die Jüngere zuging. Diese wandte sich um und floh zur Tür des Pavillons. Ich weiß nicht, was für ein Impuls mich dazu trieb, aber ich verließ sofort das Fenster, rannte von außen her zur Tür des Pavillons und kam dort gerade zurecht, das herausstürzende Mädchen in meinen Armen aufzufangen. Das Licht fiel mir voll ins Gesicht, während ich dem König gegenüberstand.
»Wache!« schrie er. »Wache!«
Louisa heuchelte, in Ohnmacht gefallen zu sein, während sich das jüngere Mädchen verzweifelt an mich klammerte als seinen einzigen Beschützer und ausrief:
»Retten Sie mich! Oh! Retten Sie mich!«
»Die Gartentür ist offengeblieben«, raunte ich ihr zu. »Folgen Sie mir rasch, wir dürfen nicht einen Moment verlieren.« Zusammen flohen wir.
Ich hatte sie gerade durch das kleine Gartentor geschoben und wollte selber hindurchschlüpfen, als ein Schuß von einer der Wachen mich traf; ich wurde zu Boden geschleudert, als hätte die Faust eines Riesen mich niedergeschlagen. Blut rauschte mir vom Herzen in den Kopf; ein, zwei Sekunden lang spürte ich einen brennenden Schmerz, der ganz entsetzlich war. Dann schien mich ein Meer von gelbem Licht zu umfangen.
An mehr erinnere ich mich nicht mehr.
Hinterher fand ich dann heraus, daß dies mein zweiter Tod gewesen war und daß Rochester, der Günstling des Königs, ausdrücklich den Befehl gegeben hatte, mich zu erschießen, statt mich gefangenzunehmen oder gar fliehen zu lassen, denn er fürchtete wohl noch mehr als der Monarch die Enthüllung seiner Laster. Ich glaube nicht, daß Charles, falls er die Befehle gegeben hätte, mich in dieser Art hätte niedermachen lassen, obwohl es schwer vorauszusagen ist, was Könige tun und was nicht, wenn sie ihre Pläne durchkreuzt sehen.