Vampir zu sein dagegen sehr …
von
J. M. Ry­mer

 

 

In sei­ner »Go­thic Bi­blio­gra­phy« ver­zeich­net Mon­tague Sum­mers, ei­ner der pro­fun­des­ten Ken­ner der li­te­ra­ri­schen Hor­ror-Sze­ne, un­ter dem Stich­wort »Var­ney« einen Vam­pir-Ro­man, der in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts zu den meist­ge­le­se­nen Bü­chern in Eng­land über­haupt zähl­te, spä­ter je­doch schnell in Ver­ges­sen­heit ge­riet und erst in un­se­rer Zeit durch einen Re­print wie­der zu­gäng­lich ge­macht wor­den ist. Ei­ne ge­kürz­te Fas­sung des aus­ufernd um­fang­rei­chen Ro­mans liegt auch in deut­scher Spra­che vor (»Var­ney der Vam­pir oder das Fest des Blu­tes«, Hey­ne-Buch Band 5209). Sum­mers schreibt: »Var­ney der Vam­pir gilt als Meis­ter­werk von Tho­mas Peckett Prest.« Aber nicht Prest, der Kö­nig der be­lieb­ten »bloods«, ist der Au­tor – stil­kri­ti­sche Un­ter­su­chun­gen wei­sen viel­mehr auf Ja­mes Mal­colm Ry­mer als Au­tor hin, Prests glei­cher­ma­ßen er­folg­rei­chen Schreib­kol­le­gen in der Tri­vi­al­li­te­ra­tur­fa­brik des da­mals markt­be­herr­schen­den Ver­le­gers Ed­ward Lloyd, der dem Hor­ror-Gen­re mit sei­ner Mas­sen­pro­duk­ti­on in Eng­land zum Durch­bruch ver­half. »Var­ney der Vam­pir« er­schi­en erst­mals 1847, ein hal­b­es Jahr­hun­dert vor Bram Sto­kers be­rühm­tem »Dra­cu­la«. Wir dru­cken hier ei­ne in sich ab­ge­schlos­se­ne Epi­so­de ab, die Vor­ge­schich­te des eben­so blut­rüns­ti­gen wie un­glück­se­li­gen Vam­pirs be­tref­fend.

 

 

Wäh­rend so man­chen, kur­z­en Ge­dan­ken­aus­tau­sches – und die­se blie­ben im­mer kurz, wenn sie ver­trau­li­cher Na­tur wa­ren – ha­be ich Über­ra­schung aus­ge­löst, in­dem ich von Per­so­nen und Er­eig­nis­sen sprach, die seit­her längst von der fast ver­ges­se­nen Ver­gan­gen­heit ge­schluckt wor­den sind. Auf die­sen paar Sei­ten will ich mich ein­ge­hen­der er­klä­ren.

Zur Re­gie­rungs­zeit Charles des Ers­ten re­si­dier­te ich in ei­ner schma­len Stra­ße in der un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft von Whi­te­hall. Es war ei­ne schma­le, ge­wun­de­ne Durch­fahrt, durch die es zur Them­se hin­un­ter­ging; es spielt wei­ter kei­ne große Rol­le, wo­mit ich da­mals mei­nen Le­bens­un­ter­halt be­stritt, aber ich zö­ge­re nicht im min­des­ten zu sa­gen, daß ich ein gut­be­zahl­ter Agent in ei­ner der po­li­ti­schen Be­we­gun­gen war, für die je­ne Epo­che be­kannt und be­rüch­tigt ist.

Lon­don war da­mals ei­ne Mas­se schä­big aus­se­hen­der Häu­ser mit hier und dort ei­nem Ge­bäu­de, das im Ver­gleich zu sei­nen noch schä­bi­ge­ren Nach­barn wie ein Pa­last wirk­te. Bei­na­he je­de Stra­ße schi­en da­bei un­ter dem Schutz ir­gend­ei­nes großen Hau­ses zu ste­hen, das sich ir­gend­wo an ihr be­fand, aber je­ne Häu­ser, die den Ver­fall der Zeit über­dau­ert ha­ben, sind heu­te so ver­än­dert und glei­chen so sehr ih­ren Nach­barn, daß selbst ich, der ich vie­le von ih­nen gut ge­kannt ha­be, kaum noch sa­gen könn­te, wel­che es wa­ren oder wo sie ein­mal ge­stan­den ha­ben.

Ich spiel­te kei­ne pro­mi­nen­te Rol­le bei den po­li­ti­schen Auf­ruh­ren je­ner Epo­che, aber ich sah den blu­ti­gen Kopf ei­nes Kö­nigs in Whi­te­hall auf­ge­spießt als Spek­ta­kel für die Volks­men­ge.

Es gab Tau­sen­de von Per­so­nen in Eng­land, die al­le zu die­sem En­de des Kö­nigs bei­ge­tra­gen, es aber bei­lei­be nicht er­war­tet hat­ten und dann die ers­ten wa­ren, die den gi­gan­ti­schen Mäch­ten, die sie sel­ber auf­ge­rührt hat­ten, zum Op­fer fie­len.

Un­ter die­sen wa­ren auch vie­le von mei­nen Auf­trag­ge­bern; Män­ner, die durch­aus wil­lens ge­we­sen wa­ren, den Thron zu er­schüt­tern, so­weit es je­nen be­traf, der ihn ge­ra­de be­setzt hielt, die aber ganz si­cher nie­mals be­ab­sich­tig­ten, die Mon­ar­chie zu zer­stö­ren; so schu­fen denn der Tod von Charles dem Ers­ten und die Dik­ta­tur Crom­wells ei­ne Un­zahl von Roya­lis­ten.

Sie hat­ten da­mit einen Geist her­auf­be­schwo­ren, den sie nun nicht mehr los­zu­wer­den ver­moch­ten, und dies war ei­ne Tat­sa­che, der sich auch je­ner stren­ge, har­te Mann, Crom­well, mit dem ich vie­le Un­ter­re­dun­gen hat­te, durch­aus be­wußt war.

Mein Haus war in ganz be­son­de­rem Ma­ße für dis­kre­te und ver­schwie­ge­ne Zwe­cke ge­eig­net, und ich wur­de ein rei­cher Mann durch die großen Sum­men, die ich da­für er­hielt, daß ich vor­neh­men Roya­lis­ten zur Flucht ver­half, von de­nen man­che für ei­ne be­trächt­li­che Zeit per­du in mei­nem Hau­se la­gen, be­vor sich ei­ne güns­ti­ge Ge­le­gen­heit er­gab, sie still und lei­se den Fluß hin­un­ter­zu­schaf­fen zu ir­gend­ei­nem Schiff, das sie nach Hol­land brin­gen wür­de.

Mir wur­de in der Tat so viel pro Kopf für je­ne Roya­lis­ten ge­bo­ten, daß ei­nes Ta­ges Crom­well nach mir schick­te; es gab da ins­be­son­de­re einen, der Pri­vat­se­kre­tär des Her­zogs von Cle­ve­land ge­we­sen war, ein noch jun­ger Mann oh­ne Fa­mi­lie und Rang, aber von großen Fä­hig­kei­ten, den Crom­well un­be­dingt in sei­ne Ge­walt brin­gen woll­te. Ich glau­be, es muß da eben­so auch noch ein paar pri­va­te Grün­de ge­ge­ben ha­ben, die den Dik­ta­tor des Com­mon­we­alth ver­an­laß­ten, der­art wild hin­ter die­sem Mas­ter Fran­cis La­tham her zu sein, wel­ches der Na­me der Per­son war, auf die ich mich hier be­zie­he.

Es war spät ei­nes Abends, als ein Frem­der zu mei­nem Haus kam und, da er mich dis­kret zu spre­chen wünsch­te, in ein Pri­vat­zim­mer ge­führt wur­de, wo ich ihn so­gleich emp­fing.

»Ich weiß«, sag­te er, »daß Sie ver­trau­lich für den Her­zog von Cle­ve­land tä­tig ge­we­sen sind, und eben­so ist mir be­kannt, daß Sie schon so man­chem Roya­lis­ten, der sich in der Klem­me be­fand, sehr nütz­lich ge­we­sen sind, aber da­für, daß Sie Mas­ter Fran­cis La­tham, dem Se­kre­tär des Her­zogs, hel­fen, wird Ih­nen ge­stat­tet, bei­na­he je­de be­lie­bi­ge Sum­me zu nen­nen.«

Ich nann­te ein­hun­dert Pfund, was zu je­ner Zeit ei­ne weit grö­ße­re Sum­me war als heu­te, wenn man den re­la­ti­ven Wert be­rück­sich­tigt. Die ei­ne Hälf­te da­von soll­te ich so­fort er­hal­ten; die an­de­re wur­de mir zur Zah­lung in­ner­halb vier­und­zwan­zig Stun­den ver­spro­chen, nach­dem La­tham die Flucht ge­lun­gen war.

Mir wur­de ge­sagt, daß um halb zwölf Uhr in je­ner Nacht ein Mann in ge­wöhn­li­cher Ar­beits­klei­dung, mit ei­nem Be­sen über der Schul­ter, an mei­ne Tür klop­fen und fra­gen wür­de, ob man ein Nacht­quar­tier für ihn wis­se; durch die­se Kenn­zei­chen wür­de ich wis­sen, daß der Mann Fran­cis La­tham sei. Ein hol­län­di­scher Lug­ger, wur­de mir fer­ner ge­sagt, lä­ge na­he von Gra­ve­send, und an Bord von die­sem soll­te ich den Flücht­ling brin­gen, um mir mein Geld zu ver­die­nen.

All dies wur­de ab­ge­macht; ich hielt ein Boot mit zwei Ru­de­rern be­reit, auf die ich mich ab­so­lut ver­las­sen konn­te. Ich war weit da­von ent­fernt, bei der Durch­füh­rung die­ses Un­ter­neh­mens ir­gend­wel­che be­son­de­ren Schwie­rig­kei­ten zu er­war­ten.

Ich hat­te einen Sohn von da­mals et­wa zwölf Jah­ren, der ein sehr ge­witz­tes Bürsch­chen war, das mir schon bei meh­re­ren Ge­le­gen­hei­ten von großem Nut­zen ge­we­sen war, und es wa­ren mir nie­mals Be­den­ken ge­kom­men, ihn bei sol­chen Af­fä­ren wie je­ner, von der ich hier be­rich­te, ins Ver­trau­en zu zie­hen.

Ein paar Mi­nu­ten nach halb zwölf kam dann auch tat­säch­lich von mei­ner Haus­tür ein Klop­fen, wel­ches mein Sohn be­ant­wor­te­te; es war ge­mäß der Ver­ein­ba­rung ein Mann mit ei­nem Be­sen über der Schul­ter, der frag­te, ob man nicht ein Nacht­quar­tier für ihn wis­se, und der dar­auf­hin von mei­nem Sohn auf­ge­for­dert wur­de, her­ein­zu­kom­men.

Der Mann wirk­te ziem­lich ner­vös und frag­te mich, ob ich glaub­te, daß bei der Sa­che ein großes Ri­si­ko be­stün­de.

»Nein«, sag­te ich, »kein grö­ße­res als ge­wöhn­lich in sol­chen Fäl­len, aber wir müs­sen ei­ne hal­be Stun­de bis zum Ge­zei­ten­wech­sel war­ten, denn in ei­nem Boot fluß­ab ge­gen die auf­lau­fen­de Flut an­zu­kämp­fen, wür­de be­deu­ten, die Auf­merk­sam­keit ge­ra­de­zu her­aus­zu­for­dern.«

Dem stimm­te er voll­kom­men bei und setz­te sich vor mei­nen Ka­min, um die Zeit bis da­hin ab­zu­war­ten.

Ich war eben­so wie er dar­auf be­dacht, die An­ge­le­gen­heit mög­lichst rasch hin­ter uns zu brin­gen, denn es war ein ver­flixt heik­ler Auf­trag; wenn Oli­ver Crom­well die Sa­che zu Oh­ren kam und er mir nur im ge­rings­ten et­was nach­wei­sen konn­te, wür­de er eben­so selbst­ver­ständ­lich den Be­fehl ge­ge­ben ha­ben, mich zu er­schie­ßen, wie er im Na­men des HERRN sein Abend­mahl ein­zu­neh­men pfleg­te.

Ich ging des­halb so­gleich zum Fluß hin­un­ter, um mit den bei­den Män­nern zu spre­chen, die dort mit dem Boot la­gen, und ließ mir von ih­nen be­stä­ti­gen, daß in et­wa zwan­zig Mi­nu­ten in der Mit­te des Stroms die Flut ab­zueb­ben be­gin­nen wür­de, als mich plötz­lich zwei Män­ner kon­fron­tier­ten.

Er­fah­ren, wie ich in den Ge­wohn­hei­ten und Er­schei­nun­gen je­ner Zeit war, er­riet ich so­fort, mit wem ich es zu tun hat­te. In der Tat, zwei von Oli­ver Crom­wells Dra­go­nern wa­ren ja auch wohl kaum zu ver­ken­nen.

»Sie wer­den ge­sucht«, sag­te der ei­ne zu mir.

»Sie wer­den so­gar ganz drin­gend ge­sucht«, be­kräf­tig­te der an­de­re.

»Aber, Gent­le­men, ich bin im Mo­ment ge­ra­de sehr be­schäf­tigt«, sag­te ich. »In ei­ner Stun­de je­doch wer­de ich Ih­nen gern das Ver­gnü­gen ma­chen. Sie brau­chen mir nur zu sa­gen, wo ich auf Sie war­ten soll, und ich wer­de dann ganz zu Ih­rer Ver­fü­gung ste­hen.«

Die ein­zi­ge Ant­wort, die ich dar­auf be­kam, war, daß ich von ih­nen in die Mit­te ge­nom­men und a tem­po da­von­ge­führt wur­de, an mei­ner ei­ge­nen Haus­tür vor­bei.

Ich wur­de schnel­len Schritts di­rekt nach St. Ja­mes ge­bracht, wo man mich ei­lig durch einen der In­nen­hö­fe führ­te; wir hiel­ten kurz an ei­ner klei­nen Tür, vor der ein Pos­ten stand.

Mei­ne bei­den Be­glei­ter ver­han­del­ten kurz mit ihm, wor­auf­hin er uns durch­ließ. Wir ka­men durch einen schma­len Gang oh­ne je­des Licht, dann zu ei­ner wei­te­ren Tür, an wel­cher eben­falls ein Pos­ten stand, der den Schein ei­ner La­ter­ne auf mich und mei­ne bei­den Füh­rer rich­te­te. Auch ihm wur­de ei­ne kur­ze Er­klä­rung ge­ge­ben, wäh­rend der ich die Wor­te Sei­ner Ho­heit hör­te, wel­ches der Ti­tel war, den Crom­well sich letzthin zu­ge­legt hat­te.

Sie scho­ben mich durch die­se zwei­te Tür, schlos­sen sie hin­ter mir und lie­ßen mich im Dun­kel al­lein.

Da ich ab­so­lut un­wis­send war, wo ich mich be­fand, hielt ich es für das Klügs­te, ganz still ste­hen zu blei­ben, denn je­der Schritt, den ich tat, hät­te mich in Ge­fahr brin­gen kön­nen; der Rück­zug war mir of­fen­sicht­lich so­wie­so ab­ge­schnit­ten.

Dar­über hin­aus muß­ten je­ne, die mich her­ge­bracht hat­ten, ja wohl ir­gend­wel­che Ab­sich­ten da­mit ver­fol­gen, und es war in je­dem Fal­le bes­ser, sie die­se ent­wi­ckeln zu las­sen, statt sel­ber Schrit­te zu un­ter­neh­men, was für mich höchst ge­fähr­lich hät­te wer­den kön­nen.

Ich er­hielt auch bald die Be­stä­ti­gung, daß dies die bes­te Po­li­tik ge­we­sen war, denn plötz­lich fiel ein grel­ler Licht­schein auf mich, und ich hör­te ei­ne mür­ri­sche Stim­me sa­gen:

»Wer geht da? Los, hier­her!«

Ich ging in die an­ge­ge­be­ne Rich­tung und ge­lang­te durch ei­ne of­fe­ne Tür in ein klei­nes Apart­ment, in wel­chem ich, vor ei­nem ge­wöhn­li­chen Kar­ten­tisch und die ge­ball­ten Fäus­te dar­auf ge­stützt, nie­mand an­de­ren als Oli­ver Crom­well selbst vor­fand.

»So, Sir«, sag­te er, »Roya­lis­ten und an­de­re Ele­men­te wol­len das Land al­so in Auf­ruhr und Ver­derb stür­zen. Ist es nicht so? Los, ant­wor­ten Sie mir.«

»Ich ha­be kei­ne Ant­wort, die ich dar­auf ge­ben könn­te, Eu­re Ho­heit«, sag­te ich.

»So, bei Gott, kei­ne Ant­wort kön­nen Sie mir ge­ben, wäh­rend in Ih­rem ei­ge­nen Haus der für vo­gel­frei er­klär­te Se­kre­tär des Her­zogs von Cle­ve­land ver­steckt ist.«

Ich fühl­te mich wie vor den Kopf ge­schla­gen und war si­cher, von je­man­dem ver­ra­ten wor­den zu sein, aber oh­ne mir Zeit für ei­ne Ant­wort zu ge­ben, fuhr er in ra­schem Ton­fall fort:

»Der HERR ist gnä­dig, und eben­so sind wir es, aber der Bö­se­wicht muß ge­faßt wer­den, wes­halb die bei­den got­tes­fürch­ti­gen Män­ner mit ih­ren kur­z­en Ka­ra­bi­nern, ge­lieb­te Sol­da­ten des Com­mon­we­alth, Sie jetzt be­glei­ten wer­den. Sie wer­den den Bö­se­wicht aus Ih­rem Haus her­aus­füh­ren, wäh­rend die bei­den got­tes­fürch­ti­gen Dra­go­ner sich im Schat­ten hin­ter Ih­nen hal­ten wer­den. Sie brin­gen ihn dann zum Fluß hin­un­ter, wo, so­fern der HERR will, ein Boot mit ei­nem klei­nen blau­en Zei­chen am Bug war­ten wird, an Bord des­sen Sie ihn set­zen und ihm gu­te Rei­se wün­schen wer­den.«

Er hielt in­ne und fi­xier­te mich scharf in dem schwa­chen Licht, das in dem Apart­ment herrsch­te.

»Und dann, Eu­re Ho­heit?« frag­te ich.

»Dann wer­den Sie mor­gen bei uns für ei­ne be­trächt­li­che Sum­me vor­spre­chen, wel­che Ih­nen für den Dienst zu­steht, den Sie dem Com­mon­we­alth ge­leis­tet ha­ben. Ja, es soll sich für Sie als höchst pro­fi­ta­bel er­wei­sen, für die Sa­che des HERRN ge­kämpft zu ha­ben.«

Ich muß ge­ste­hen, ich hat­te von die­sem Ge­spräch ein ganz an­de­res Re­sul­tat er­war­tet; ich hat­te so­gar ge­fürch­tet, daß mei­ne Frei­heit, mein Le­ben in Ge­fahr wä­re. Crom­well war ein Mann, mit dem nicht gut Kir­schen es­sen war. Ich kann­te die­se Ge­fahr und war nicht ge­willt, mich et­wa für Mas­ter La­tham zu op­fern.

»Ich wer­de tun, wie Eu­re Ho­heit be­feh­len«, sag­te ich des­halb auch so­fort.

»So, wirk­lich?« er­wi­der­te er. »Nun, wenn Sie mir nicht ge­horch­ten, wür­den Sie auch so­fort mei­nen star­ken Arm zu spü­ren be­kom­men. Ho, hal­lo? Gott­fürch­ti­ger Simp­kins, sind Sie da drau­ßen?«

»Ja, so der HERR will«, sag­te ein Dra­go­ner, der in der Tür er­schi­en.

Crom­well mach­te ihm le­dig­lich mit der Hand ein Zei­chen, wor­auf­hin Simp­kins mich fest am Ober­arm pack­te, als wä­re ich ein er­tapp­ter Dieb, und mich wie­der durch den Gang führ­te, in wel­chem die bei­den Pos­ten stan­den.

Ein paar Au­gen­bli­cke dar­auf fand ich mich wie­der in der Ob­hut mei­ner bei­den frü­he­ren Wäch­ter wie­der; äu­ßerst for­schen Schrit­tes setz­ten wir uns in Rich­tung mei­nes Hau­ses in Marsch.

Es war kei­ne sehr an­ge­neh­me Af­fä­re, in wel­chem Licht ich es auch be­trach­ten moch­te; aber was Crom­well be­traf, so kann­te ich mei­ne Zwangs­la­ge, und es wür­de mir übel be­kom­men sein, wenn ich auch nur ei­ne Se­kun­de ge­zö­gert hät­te, ihm zu ge­hor­chen. An­de­rer­seits wuß­te ich, wie groß­zü­gig er sol­che Dienst­leis­tun­gen zu be­loh­nen pfleg­te, und rech­ne­te mir da­her aus, daß ich durch die Trans­ak­ti­on in den Be­sitz ei­ner gu­ten run­den Sum­me kom­men wür­de, wo­zu noch die fünf­zig Pfund ka­men, die ich be­reits von den Roya­lis­ten er­hal­ten hat­te. In der Tat, die Sa­che war so lu­kra­tiv, daß ich, wäh­rend wir durch die nächt­li­chen Stra­ßen zu mei­nem Haus zu­rück­gin­gen, schon über­leg­te, ob ich mich nicht ganz in die Diens­te des Pro­tek­tors von Eng­land stel­len soll­te.

»Wenn ich das tue«, ar­gu­men­tier­te ich im stil­len, »und da­bei wei­ter­hin mei­ne Be­zie­hun­gen zu den Roya­lis­ten un­ter­hal­te, müß­te sich dar­aus ei­gent­lich ein flot­tes Ge­schäft ent­wi­ckeln las­sen.«

Aber es wird gleich zu se­hen sein, daß wid­ri­ge Um­stän­de all die­sem Träu­men ein jä­hes En­de setz­ten.

Als wir zu mei­nem Hau­se ka­men, war das ers­te, was ich sah, daß mein Sohn, der mir die Tür ge­öff­net hat­te, sich mit der Hand über die Au­gen­braue fuhr, als sei er mü­de ge­wor­den; er kam auf mich zu­ge­rannt, klam­mer­te sich an mei­nen Arm und flüs­ter­te mir auf­ge­regt et­was zu.

Ich war im Mo­ment je­doch so ver­är­gert, daß ich die Be­herr­schung ver­lor, oh­ne die Fol­gen zu be­den­ken, mit der ge­ball­ten Faust aus­hol­te und ihn zu Bo­den schlug. Er fiel mit dem Hin­ter­kopf ge­nau auf einen der großen run­den Stei­ne, mit de­nen die Stra­ße ge­pflas­tert war, und at­me­te sein Le­ben aus. Ich hat­te ihn er­mor­det.

 

Ich weiß nicht, was un­mit­tel­bar nach die­ser schreck­li­chen Tat ge­sch­ah; ich kann mich nur noch er­in­nern, daß es ei­ne große Kon­fu­si­on gab, ein Her­um­blit­zen von Lich­tern, und es schi­en mir, als ob mich ir­gend et­was plötz­lich mit großer Ge­walt zu Bo­den schleu­der­te.

Als ich wie­der zu mir kam, fand ich mich auf ei­ner klei­nen schma­len Lie­ge wie­der, aber in ei­nem sehr großen, nur dämm­rig er­hell­ten Raum, in dem noch vie­le an­de­re sol­cher klei­nen Bet­ten ent­lang den Wän­den stan­den. Das dürf­ti­ge Licht er­mög­lich­te mir ge­ra­de noch, mich ein we­nig um­zu­se­hen und ein paar her­um­schlei­chen­de, fins­ter aus­se­hen­de Ge­stal­ten zu er­ken­nen.

Ich war in dem Hos­pi­tal, das der Pro­tek­tor kürz­lich in der Ci­ty hat­te er­rich­ten las­sen.

Ich ver­such­te zu spre­chen, konn­te es aber nicht; die Zun­ge schi­en mir am Gau­men fest­ge­klebt zu sein; und auch mein Ge­sichts­sinn trüb­te sich jetzt; ich konn­te die sche­men­haf­ten, düs­te­ren Ge­stal­ten um mich her­um kaum noch er­ken­nen.

Dann faß­te je­mand mein Hand­ge­lenk, und ich hör­te den Be­tref­fen­den ganz deut­lich sa­gen:

»Mit dem hier geht es jetzt zu En­de.«

Plötz­lich schi­en es mir, als ob sich ir­gend et­was mit er­drücken­der Kraft auf mei­ne Brust senk­te, und ich war mir dumpf be­wußt, daß ich ver­zwei­felt nach Atem rang; dann glaub­te ich, ich be­fän­de mich auf dem Grund des Mee­res. Einen Mo­ment, wirk­lich nur einen Mo­ment lang, spür­te ich ei­ne schreck­li­che To­des­qual, und dann kam da ein zi­schen­des Ge­räusch wie das Rau­schen von Was­ser, wo­nach ich ganz deut­lich spür­te, daß ich von je­man­dem auf den Ar­men hoch­ge­ho­ben wur­de. Ich wur­de dann wie­der hin­ge­legt, und mei­ne Glie­der fühl­ten sich taub und kalt an; ein hef­ti­ger Krampf durch­lief mei­nen gan­zen Kör­per; ich schlug die Au­gen auf und fand mich im Frei­en lie­gend wie­der, ne­ben ei­nem frisch aus­ge­ho­be­nen Grab.

Der Voll­mond stand hoch am Him­mel, und sei­ne küh­len Strah­len fie­len auf mein Ge­sicht. Ei­ne Stim­me klang mir in den Oh­ren, ei­ne tie­fe und fei­er­li­che Stim­me; schmerz­lich deut­lich war je­des Wort, das sie sprach.

»Mor­ti­mer«, sag­te sie, denn das war mein Na­me, »Mor­ti­mer, in dei­nem Le­ben hast du ei­ne Tat be­gan­gen, die dich ein für al­le­mal der Hoff­nung be­raubt, daß man sich an ir­gend et­was aus die­sem dei­nem Le­ben in je­ner Welt, die nach dem To­de kommt, zu dei­nem Vor­teil er­in­nern wird. Du hast den rei­nen Quell der Gna­de ver­gif­tet, und auf je­man­den wie dich kann nie­mals auch nur ein Schim­mer der Groß­zü­gig­keit und Ver­ge­bung des Him­mels fal­len. Mör­der, Mör­der je­nes We­sens, das dir vom großen Schöp­fer zur un­ver­letz­li­chen Ob­hut an­ver­traut war, le­be hin­fort als für im­mer ver­flucht. Sei dir selbst ei­ne Wi­der­wär­tig­keit und ein Ekel, ge­mie­den von al­lem, was gut und recht­schaf­fen ist. Ste­he al­len Men­schen als Feind ge­gen­über, und al­le Men­schen sol­len als Fein­de dir ge­gen­über­ste­hen: Var­ney, dem Vam­pir.«

Tau­melnd kam ich auf die Bei­ne und sah, daß die Sze­ne um mich her­um ein Fried­hof war. Ich war ha­ger und aus­ge­mer­gelt; mei­ne Klei­der hin­gen an mir wie an ei­nem Ske­lett, und der klam­me Ge­ruch des Gra­bes haf­te­te ih­nen noch an. Ich be­geg­ne­te ei­nem al­ten Mann und frag­te ihn, wo ich sei. Er sah mich an mit ei­nem Er­schau­dern, als wä­re ich ge­ra­de ir­gend­ei­nem Bein­haus ent­kom­men.

»Wie­so, dies ist Is­le­don«, sag­te er.

Hel­les Glo­cken­läu­ten klang plötz­lich durch die laue Nacht­luft.

»Was be­deu­tet das?« frag­te ich.

»Wie­so, dies ist der Jah­res­tag der Re­stau­ra­ti­on.«

»Der Re­stau­ra­ti­on? Wel­cher Re­stau­ra­ti­on?«

»Wie­so, der kö­nig­li­chen Fa­mi­lie der Stu­arts auf den Thron, das ist doch klar. Ge­nau heu­te vor ei­nem Jahr kehr­te sie auf ih­ren Thron zu­rück. Ha­ben Sie so lan­ge ge­schla­fen, daß Sie das über­haupt nicht wis­sen?«

Ich er­schau­der­te und ging wei­ter, ent­schlos­sen, ein­ge­hen­de­re Er­kun­di­gun­gen ein­zu­zie­hen, aber mit sol­cher Vor­sicht, daß das Aus­maß mei­ner Un­wis­sen­heit nicht sicht­bar wur­de; das Re­sul­tat war für mich höchst er­staun­li­chen Cha­rak­ters.

Ich fand her­aus, daß ich bei­na­he zwei vol­le Jah­re in To­destran­ce ge­le­gen hat­te und in die­ser Zeit große po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen statt­ge­fun­den hat­ten. Die ins Exil ge­trie­be­ne kö­nig­li­che Fa­mi­lie war wie­der in den Thron ein­ge­setzt wor­den; die wohl er­staun­lichs­te Um­kehr der Ge­füh­le, die je­mals in ei­ner Na­ti­on re­gis­triert wor­den ist, hat­te sich in Eng­land voll­zo­gen.

Aber ich per­sön­lich war noch nicht zu dem gan­zen Schre­cken des­sen er­wacht, was ich an Wor­ten an mich ge­rich­tet ge­hört hat­te, son­dern maß dem noch kei­ne sehr klar um­ris­se­ne Be­deu­tung zu.

Nein, ich war mir noch bei­lei­be nicht des gan­zen Hor­rors des­sen be­wußt, was ich nun­mehr war, aber ich soll­te bald ge­nug her­aus­fin­den, was die Wor­te, wel­che je­nes mys­te­ri­öse We­sen zu mir ge­spro­chen hat­te, be­deu­te­ten. Ich war ein ver­fluch­tes We­sen, das von al­len Men­schen ge­mie­den wur­de, ein Ab­scheu, ei­ne Wi­der­wär­tig­keit und ein Ekel.

Ich fühl­te mich ganz krank und schwach, als ich durch die Stra­ßen der Stadt ging, und doch ekel­te mich der An­blick von al­lem Eß­ba­ren, das ich ir­gend­wo sah.

Ich kam zu mei­nem eins­ti­gen Haus und sah, daß es nie­der­ge­brannt wor­den war; nur noch ein Hau­fen ver­kohl­ter Rui­nen be­fand sich dort, wo es einst ge­stan­den hat­te.

Aber selbst an je­ner Rui­ne hat­te ich noch leb­haf­tes In­ter­es­se, denn von Zeit zu Zeit hat­te ich be­trächt­li­che Sum­men Gel­des un­ter dem Bo­den des un­ters­ten Zim­mers ver­gra­ben, und da von die­sem ge­hei­men Schatz nur ich et­was wuß­te, hat­te ich al­len Grund zu der An­nah­me, daß er dort un­be­rührt ge­blie­ben war.

Ich war­te­te ab, bis der Mond von zie­hen­den Wol­ken ver­dun­kelt wur­de, und dann, mit mei­ner in­ti­men Kennt­nis der Ört­lich­keit, be­gann ich in der Rui­ne zu gra­ben, ent­fern­te den Schutt, bis ich fast zu je­ner Stel­le vor­ge­drun­gen war, an der im­mer noch mein Gold ver­steckt lie­gen muß­te.

Aber dann über­rasch­te mich der Mor­gen, ich konn­te nicht mehr wei­ter­gra­ben, und so ver­steck­te ich mich in der Rui­ne, die ein­mal mein Heim ge­we­sen war, den gan­zen lan­gen Tag, oh­ne mich auch nur ein­mal aus mei­nem Ver­steck her­aus­zu­rüh­ren.

Oh, es war ein elend lan­ger, qual­vol­ler Tag. Ich konn­te das fröh­li­che Plap­pern spie­len­der Kin­der hö­ren. Ganz in der Nä­he war ein Gast­haus, und ich konn­te dort ge­räusch­vol­le Ze­cher Lie­der gröh­len hö­ren, die wäh­rend des Com­mon­we­alth strengs­tens ver­bo­ten ge­we­sen wa­ren.

Ich sah in der Nä­he von dort, wo ich ver­bor­gen lag, einen ar­men Un­glücks­wurm, der bei­na­he zu To­de ge­jagt wor­den war; denn der Art sei­ner Klei­dung und der Fas­son sei­nes Haar­schnitts nach ge­hör­te er je­ner Par­tei an, die in­zwi­schen die Macht ver­lo­ren hat­te und de­ren Mit­glie­der un­er­bitt­lich ver­folgt wur­den.

Aber end­lich kam die lan­ger­war­te­te Nacht. Sie war so dun­kel wie die vo­ri­ge, was mir na­tür­lich sehr will­kom­men war.

Ich hat­te in den Trüm­mern ein al­tes, ros­ti­ges Mes­ser ge­fun­den, mit dem ich mich nun dar­an mach­te, mei­nen Schatz aus­zu­gra­ben. Und das Glück war mir hold, denn ich fand al­les so, wie ich es einst ge­las­sen hat­te. Nicht ei­ne Gui­nea war ent­fernt wor­den, ob­wohl es in der un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft Leu­te gab, die für einen sol­chen Gold­schatz, wie ich ihn ge­hor­tet hat­te, be­den­ken­los ein Men­schen­le­ben ge­op­fert hät­ten.

Ich zog kei­ner­lei Er­kun­di­gung über ir­gend je­man­den ein, der zu mei­nem Haus ge­hört hat­te, denn ich fürch­te­te, nur schreck­li­che oder al­len­falls aus­wei­chen­de Ant­wor­ten zu be­kom­men. Aber ei­ne klei­ne, höchst in­ter­essan­te In­for­ma­ti­on er­hielt ich doch, als ich die Rui­ne ver­ließ, ob­wohl ich nicht dar­um ge­be­ten hat­te.

»He«, sag­te ei­ner von zwei Män­nern, die vor dem Grund­stück ste­hen­ge­blie­ben wa­ren, »hast du schon je­mals einen der­art ar­men Teu­fel ge­se­hen?«

»Du mei­ne Gü­te, ja«, sag­te der an­de­re. »Sein An­blick wür­de ge­nü­gen, ei­nem den Ka­na­ri­en­vo­gel sau­er zu ma­chen. Er scheint aus der Rui­ne des Mor­ti­mer-Hau­ses her­aus­ge­kom­men zu sein. Apro­pos, hast du je­mals ge­hört, was aus dem ei­gent­lich ge­wor­den ist?«

»Ja, si­cher. Der wur­de doch bei ir­gend­ei­nem Kra­wall von zwei von Crom­wells Dra­go­nern er­schos­sen.«

»Ja, jetzt ent­sin­ne ich mich. Er hat­te sei­nen Sohn er­mor­det, nicht wahr?«

Ich ging wei­ter. Je­ne Wor­te schie­nen mir wie ein Feu­er­strahl durch das Ge­hirn zu fah­ren, und ich fürch­te­te, der Spre­cher könn­te das The­ma noch brei­ter aus­füh­ren.

Ein lei­ser Nie­sel­re­gen hat­te in­zwi­schen zu fal­len be­gon­nen, der be­wirk­te, daß die Stra­ßen völ­lig ver­las­sen dala­gen, aber bes­tens ver­traut, wie ich mit der Stadt war, ging ich wei­ter, bis ich in je­nes Vier­tel kam, das haupt­säch­lich von Ju­den be­wohnt wird, von de­nen ich wuß­te, daß sie mein Geld neh­men wür­den, oh­ne mir läs­ti­ge Fra­gen zu stel­len, was ich be­nö­tig­te. Und so ge­sch­ah es auch. Kaum war ei­ne wei­te­re Stun­de ver­gan­gen, da tauch­te ich reich ge­klei­det wie ein Ka­va­lier je­ner Epo­che auf und hat­te dem ge­flis­sent­li­chen Is­rae­li­ten für die Klei­dung kaum mehr als das Vier­fa­che ge­zahlt, was sie in Wirk­lich­keit wert war.

So stand ich nun mit­ten in Lon­don mit meh­re­ren hun­dert Pfund in der Ta­sche und der schreck­li­chen Un­ge­wiß­heit im Her­zen, wer oder was ich sel­ber war.

Ich wur­de lang­sam im­mer schwä­cher und schwä­cher; ich fürch­te­te, oh­ne ei­ge­nes Quar­tier bald je­man­dem zum Op­fer zu fal­len, der – wenn er sah, wie ent­kräf­tet ich war – mich trotz des for­mi­da­blen Ra­piers an mei­ner Sei­te um al­les be­rau­ben wür­de, was ich be­saß.

Mei­ne gan­ze frü­he­re Kar­rie­re ist viel zu lang und wild­be­wegt ge­we­sen, als daß ich von ihr hier auch nur ei­ne kur­ze Schil­de­rung ge­ben könn­te. Al­les, was ich hier be­rich­ten will, ist, wie ich zu der Über­zeu­gung kam, daß ich ein Vam­pir war und das Men­schen­blut die ein­zi­ge mir be­kömm­li­che, mei­ne neue Exis­tenz er­hal­ten­de Nah­rung war.

Ich ging wei­ter, bis ich in ei­ne Stra­ße kam, wo sehr große, aber un­mo­der­ne und her­un­ter­ge­kom­me­ne Häu­ser stan­den, die sich jetzt zu­meist im Be­sitz von Per­so­nen be­fan­den, die sich ein Ge­wer­be dar­aus mach­ten, ein­zel­ne Apart­ments zu ver­mie­ten; dort hoff­te ich, ei­ne si­che­re Blei­be zu fin­den.

Da ich kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten über die Miet­be­din­gun­gen mach­te, fand ich auch bald et­was Pas­sen­des; ich wur­de in ei­ne leid­lich hüb­sche Sui­te von Zim­mern in dem Haus ei­ner an­stän­dig aus­se­hen­den Wit­we ge­führt, die zwei jun­ge, blü­hen­de Töch­ter hat­te, die mich, den neu­en Mie­ter, mit al­lem an­de­ren als wohl­ge­fäl­li­gen Bli­cken be­trach­te­ten; mit mei­nem ge­spens­ti­schen, ka­da­ver­haf­ten Aus­se­hen ver­sprach ich ih­nen wohl kaum, ein an­ge­neh­mer Haus­ge­fähr­te zu wer­den.

Nun, dar­auf war ich vor­be­rei­tet ge­we­sen, denn ich hat­te in­zwi­schen einen Blick in den Spie­gel ge­wor­fen, und der hat­te ge­nügt; ich kann wohl be­haup­ten, nie­mals ist ein schreck­li­che­res Ske­lett, an­ge­tan mit Samt und Sei­de, durch die Stra­ßen der Ci­ty ge­wan­delt.

Als ich mich auf mein so­eben erst ge­mie­te­tes Zim­mer zu­rück­ge­zo­gen hat­te, fühl­te ich mich so schwach und krank, daß ich kaum noch einen Fuß dem an­de­ren nach­zie­hen konn­te; ver­zwei­felt über­leg­te ich, was ich da­ge­gen tun könn­te, als plötz­lich ein selt­sa­mes Ge­fühl über mich kam, was mir viel­leicht schme­cken wür­de – was, nun was? Blut, ja, rot­schäu­men­des, fri­sches Blut, das gleich Fon­tä­nen aus den Ve­nen ei­nes keu­chen­den Op­fers spru­delt.

Ei­ne Uhr im Trep­pen­haus schlug ein Uhr nachts. Ich stand von mei­nem Bett auf und horch­te; im Haus war al­les still – still wie in ei­nem Grab.

Es war ein großes, al­tes, weit­ver­zweig­tes Ge­bäu­de, das zwei­felsoh­ne ein­mal ei­nem rei­chen und be­deu­ten­den Mann sei­ner Zeit ge­hört hat­te. Mein Zim­mer war ei­nes von sechs, die von ei­nem Kor­ri­dor von be­trächt­li­cher Län­ge ab­gin­gen, der quer durch das gan­ze Haus führ­te.

Auf die­sen Kor­ri­dor schlich ich hin­aus und horch­te er­neut, vol­le zehn Mi­nu­ten lang, aber ich hör­te nicht das lei­ses­te Ge­räusch, au­ßer mei­nem ei­ge­nen ver­hal­te­nen Atem. Das er­kühn­te mich in mei­nem mit je­dem Au­gen­blick noch wach­sen­den Ap­pe­tit auf fri­sches Blut so, daß ich mich zu fra­gen be­gann, aus wes­sen Ve­nen ich mir am bes­ten die­se Stär­kung und Nah­rung ho­len könn­te.

Aber wie hat­te ich da vor­zu­ge­hen? Wie soll­te ich wis­sen, wel­chen Schlä­fer in dem großen Haus ich am un­ge­fähr­dets­ten at­ta­ckie­ren konn­te, denn daß ich da­zu je­man­den at­ta­ckie­ren muß­te, war mir in­zwi­schen na­tür­lich klar. Ich stand da wie ein bö­ser Geist, der über die Mit­tel und We­ge nachsann, sich ein Op­fer zu ho­len.

Und ge­ra­de da kam wie­der ein neu­er Schwä­che­an­fall über mich, je­nes ent­setz­li­che Schwä­che­ge­fühl, das mit je­dem Mo­ment stär­ker wur­de und mich völ­lig zu über­man­nen droh­te. Ich fürch­te­te, daß ich nach ei­nem neu­er­li­chen Schwä­che­an­fall nicht mehr im­stan­de sein wür­de, wie­der auf­zu­ste­hen; und so selt­sam das auch er­schei­nen mag, ich hing plötz­lich ver­zwei­felt an die­sem neu­en Le­ben, das mir da ge­ge­ben wor­den war. Ich schi­en be­reits mit al­len des­sen Schre­cken, aber noch nicht mit des­sen Freu­den ver­traut zu sein.

Plötz­lich lich­te­te sich das Dun­kel in dem Kor­ri­dor, wei­cher Sil­ber­schein fiel her­ein, und ich sag­te mir:

»Der Mond muß auf­ge­gan­gen sein.«

Ja, tat­säch­lich war der hel­le und schö­ne Mond, der solch einen wie­der­be­le­ben­den Ein­fluß auf mich ge­habt hat­te, als ich in­mit­ten der Grä­ber ge­le­gen hat­te, hin­ter ei­ner Wol­ken­bank am öst­li­chen Him­mel her­vor­ge­kom­men, und sein Schein fiel zu ei­nem klei­nen Fens­ter her­ein. Das Mond­licht er­füll­te von dort aus den gan­zen Kor­ri­dor, ihn zwar nur schwach, aber wirk­sam ge­nug er­hel­lend, um mich ganz klar die ver­schie­de­nen Tü­ren er­ken­nen zu las­sen, die in die di­ver­sen Zim­mer führ­ten.

Und so kam es, daß ich zwar ge­nü­gend Licht hat­te für al­les, was ich un­ter­neh­men woll­te, aber sonst kei­nen wei­te­ren An­halt.

Die Mond­strah­len, die mir ins Ge­sicht fie­len, schie­nen mir je­doch vor­über­ge­hend neue Kräf­te zu ver­lei­hen. Erst viel spä­ter lern­te ich aus Er­fah­rung ken­nen, daß sie auf mich im­mer ei­ne sol­che be­le­ben­de Wir­kung ha­ben, aber schon da­mals spür­te ich es, ob­wohl ich die­se Wir­kung noch kei­nes­wegs dem kö­nig­li­chen Him­mels­ge­stirn der Nacht zu­schrieb.

Ich ging den Kor­ri­dor ent­lang und spür­te plötz­lich einen Ein­fluß, der mich zu ei­ner be­stimm­ten Tür hin­zog. Ich weiß nicht, wie und wo­her das kam, aber ich leg­te mei­ne Hand auf den Tür­griff und sag­te mir so­fort:

»Da drin­nen wer­de ich mein Op­fer fin­den.«

Ich hielt je­doch erst noch einen Mo­ment in­ne, denn plötz­lich wur­de mir be­wußt, welch schreck­li­che Tat ich zu be­ge­hen im Be­griff war und welch schwe­re Kon­se­quen­zen sich dar­aus viel­leicht für mich er­ge­ben konn­ten. Selbst nach­dem ich so weit ge­gan­gen war, wä­re ich viel­leicht im­mer noch vor der Tat selbst zu­rück­ge­zuckt, wenn ich nicht ge­ra­de im näm­li­chen Au­gen­blick einen neu­en Schwä­che­an­fall ge­spürt hät­te, so ent­setz­lich und ver­hee­rend, daß ich über­zeugt war, es wür­de mein si­che­rer Tod sein, wenn ich nicht so­fort et­was da­ge­gen un­ter­näh­me.

Dar­auf­hin zö­ger­te ich nicht mehr län­ger; ich drück­te die Klin­ke nie­der, glaub­te aber si­cher, da­durch ent­deckt zu wer­den. Und so ließ ich die Tür et­wa einen Zoll­breit of­fen­ste­hen und floh zu mei­nem ei­ge­nen Zim­mer zu­rück.

Ich horch­te ge­spannt, aber es er­folg­te we­der ein Alarm, noch rühr­te sich et­was in ir­gend­ei­nem der an­de­ren Zim­mer – die glei­che to­ten­ähn­li­che Stil­le wie vor­her lag über dem Haus, und ich hat­te das Ge­fühl, daß ich im­mer noch si­cher war.

Ein wei­cher Strahl von gel­bem Licht war durch den Spalt je­ner Tür ge­fal­len, als ich sie ge­öff­net hat­te. Er misch­te sich selt­sam mit dem silb­ri­gen Mond­licht, und ich schloß dar­aus, kor­rekt ge­nug, wie ich spä­ter fest­stell­te, daß in dem Zim­mer ei­ne Lam­pe brann­te.

Es dau­er­te wei­te­re zehn Mi­nu­ten, bis ich mich wie­der so­weit ge­faßt hat­te, daß ich aus mei­nem Zim­mer schlüp­fen und zu je­nem des mir vom Schick­sal be­stimm­ten Schlä­fers zu­rück­schlei­chen konn­te; aber schließ­lich sag­te ich mir, daß ich es nun ge­fahr­los tun könn­te; au­ßer­dem schwand die Nacht schnell da­hin. Wenn über­haupt, dann muß­te ich so­fort han­deln, ehe das ers­te Licht des Mor­gen­grau­ens die Geis­ter der Nacht ver­trieb, und viel­leicht blieb mir dann gar kei­ne Kraft mehr, noch zu han­deln.

»Was«, sag­te ich mir, »wird nach wei­te­ren vier­und­zwan­zig Stun­den Er­schöp­fung aus mir ge­wor­den sein? Wer­de ich dann noch die Kraft ha­ben, die Wahl zu tref­fen, was ich will und was ich nicht will? Nein, noch ein­mal vier­und­zwan­zig Stun­den Ent­kräf­tung wer­de ich wahr­schein­lich nicht über­le­ben.«

Dies war es, was für mich den Aus­schlag gab. Mit äu­ßers­ter Vor­sicht und auf Ze­hen­spit­zen nä­her­te ich mich er­neut je­ner Schlaf­zim­mer­tür, die ich spalt­breit ge­öff­net hat­te.

Dies­mal zö­ger­te ich nicht mehr, son­dern über­quer­te so­fort die Schwel­le und sah mich um. Es war die Schlaf­kam­mer der jün­ge­ren Toch­ter mei­ner Wir­tin, die nach mei­ner Schät­zung et­wa sech­zehn Jah­re alt war. Wohl auf­grund mei­ner schreck­li­chen Er­schei­nung wa­ren mir die Töch­ter so­weit wie mög­lich aus dem Weg ge­gan­gen, so daß ich mir noch gar kein ge­nau­e­res Ur­teil über ihr Al­ter und ihr Aus­se­hen hat­te bil­den kön­nen.

Ich wuß­te nur, es war die jün­ge­re, denn sie trug ihr Haar lang, und sie trug es in Lo­cken, die lo­se über das Kis­sen fie­len, auf wel­chem sie schlief, wäh­rend ih­re äl­te­re Schwes­ter, wie ich be­merkt hat­te, ihr Haar glatt und vom Nacken aus hoch­ge­steckt trug.

Ich stand ne­ben dem Bett und sah auf die­ses hüb­sche Mäd­chen her­ab, das in dem gan­zen Stolz sei­ner jun­gen Schön­heit schlum­mer­te. Sei­ne Lip­pen wa­ren ge­teilt, als sä­he es in sei­nem Traum ir­gend­ein an­ge­neh­mes Bild, das es selbst im Schlaf noch lä­cheln ließ. Sie mur­mel­te auch zwei­mal ein Wort, wel­ches ich für den Na­men von ir­gend je­man­dem hielt – viel­leicht das Idol ih­res jun­gen Her­zens –, aber er war zu un­deut­lich aus­ge­spro­chen, als daß ich ihn ver­stand; und es küm­mer­te mich auch nicht, was da viel­leicht ihr ge­hü­te­tes Ge­heim­nis war. Ich leg­te kei­nen wei­te­ren Wert auf ih­re Zu­nei­gung, noch war ich ir­gend­wie ei­fer­süch­tig; bald wür­de sie mich so­wie­so ver­ab­scheu­en und ab­grund­tief has­sen.

Ei­ner ih­rer zar­ten, ex­qui­sit ge­run­de­ten Ar­me lag auf der Bett­de­cke; auch ihr ala­bas­ter­wei­ßer Hals war teil­wei­se mei­nem Blick aus­ge­setzt, aber ich emp­fand kei­ne Lie­bes­lei­den­schaft – Nah­rung war es, was ich woll­te.

Ich sprang auf sie drauf. Sie stieß einen gel­len­den Schrei aus, aber nicht, be­vor ich mir einen lan­gen Zug von Le­bens­blut aus ih­rem Hals ge­si­chert hat­te. Der ge­nüg­te mir. Ich spür­te, wie er mir wie Feu­er durch die Ve­nen rann, und ich fühl­te mich so­fort ge­kräf­tigt. Von die­sem Mo­ment an wuß­te ich, was künf­tig mei­ne Nah­rung sein wür­de; es war Blut – das Blut von Zar­ten und Schö­nen.

Das Haus war so­fort alar­miert und auf­ge­schreckt, aber nicht, be­vor ich mich zu­rück auf mein ei­ge­nes Zim­mer hat­te flüch­ten kön­nen. Ich war nur teil­wei­se an­ge­zo­gen, und je­ne paar Klei­der warf ich ab, stieg in mein Bett und täusch­te vor zu schla­fen. Und als dann der Gent­le­man, der gleich­falls im Haus schlief und von des­sen An­we­sen­heit ich bis da­hin nichts ge­wußt hat­te, laut an mei­ne Tür klopf­te, tat ich so, als wür­de ich er­schreckt er­wa­chen, und rief mit ängst­li­cher Stim­me:

»Was ist? Was ist? Um Got­tes wil­len, sa­gen Sie mir, steht das Haus in Flam­men?«

»Nein, nein – aber ste­hen Sie auf, Sir, ste­hen Sie auf. Je­mand Frem­der ist im Haus. Ich glau­be, ein Mord­ver­such ist ge­macht wor­den, Sir.«

Ich stand auf und öff­ne­te die Tür, so daß er bei dem Licht der Ker­ze, die er in der Hand hielt, se­hen konn­te, daß ich mich erst an­klei­den muß­te; er war selbst nur halb an­ge­zo­gen, un­ter dem Arm trug er sei­nen De­gen.

»Ei­ne merk­wür­di­ge Sa­che«, sag­te er, »aber ich ha­be ganz deut­lich einen Alarm­schrei ge­hört.«

»Ich eben­falls«, sag­te ich, »aber ich glaub­te, ich hät­te nur ge­träumt.«

»Hil­fe! Hil­fe! Hil­fe!« schrie die Wit­we, die auf­ge­stan­den war, aber noch auf der Schwel­le ih­rer ei­ge­nen Kam­mer stand. »Die­be! Die­be!«

Bis da­hin hat­te ich mich so­weit an­ge­klei­det, daß ich ge­zie­mend in Er­schei­nung tre­ten konn­te; eben­falls mei­nen De­gen un­ter dem Arm, kam ich in den Kor­ri­dor hin­aus.

»Oh, Gent­le­men – Gent­le­men!« jam­mer­te die Wir­tin. »Ha­ben Sie auch et­was ge­hört?«

»Ja, einen Schrei, Ma­dam«, sag­te mein Mit­mie­ter. »Ha­ben Sie schon in die Schlaf­kam­mern Ih­rer Töch­ter ge­schaut?«

Das Zim­mer der jün­ge­ren Toch­ter lag am nächs­ten, und in die­ses ging sie des­halb zu­erst. Einen Mo­ment dar­auf er­schi­en sie wie­der auf der Schwel­le, im Ge­sicht weiß wie ein La­ken, rang die Hän­de und stöhn­te:

»Mord! Mord! Mein Kind – mein Kind ist er­mor­det wor­den, Mas­ter Har­ding.« Das war der Na­me mei­nes Mit­mie­ters.

»Rei­ßen Sie ei­nes der Fens­ter auf und ru­fen Sie nach der Wa­che«, sag­te er zu mir. »Ich wer­de das Zim­mer durch­su­chen, und we­he je­dem, den ich un­er­laubt in des­sen Wän­den fin­de.«

Ich tat, wie er ge­sagt hat­te, lehn­te mich aus dem Fens­ter und rief nach der Wa­che, aber kei­ne Wa­che kam; dann, bei ei­nem zwei­ten Be­such im Zim­mer ih­rer Toch­ter, stell­te die Wir­tin fest, daß die­se nur ohn­mäch­tig war und daß sie sich durch das Blut an ih­rem Hals hat­te täu­schen las­sen, sie sei er­mor­det wor­den; dar­auf­hin kam das Haus wie­der halb­wegs zur Ru­he, und da jetzt so­wie­so der Mor­gen na­he war, zog Mr. Har­ding sich wie­der auf sein Zim­mer zu­rück und ich mich auf das mei­ne, und wir über­lie­ßen es der Wir­tin und ih­rer äl­te­ren Toch­ter, am Bett der jün­ge­ren zu wa­chen.

Wie herr­lich wie­der­be­lebt ich mich fühl­te – ich war ei­ne völ­lig neue Krea­tur, als die hel­len Son­nen­strah­len in mein Zim­mer fie­len. Ich klei­de­te mich an und woll­te ge­ra­de das Haus ver­las­sen, als Mr. Har­ding aus ei­nem der Zim­mer im Par­terre trat und mich ab­fing.

»Sir«, sag­te er, »ich ha­be nicht das Ver­gnü­gen, Sie zu ken­nen, aber ich bin si­cher, ein all­ge­mei­nes Ge­fühl von An­stand und Rit­ter­lich­keit wird Sie ver­an­las­sen, al­les in Ih­ren Kräf­ten Ste­hen­de zu tun, ei­ner so schreck­li­chen Be­dro­hung wie in der letz­ten Nacht vor­zu­beu­gen, da­mit sie sich nicht wie­der­ho­len kann.«

»Be­dro­hung, Sir?« sag­te ich. »Be­dro­hung von wem und durch was?«

»Ei­ne sehr be­rech­tig­te Fra­ge«, sag­te er, »aber gleich­zei­tig ei­ne, die ich kaum be­ant­wor­ten kann. Das Mäd­chen be­haup­tet, sie sei da­von er­wacht, daß je­mand sie in den Hals biß, und als Be­weis da­für weist sie auch tat­säch­lich Biß­spu­ren vor. So ent­setzt ist sie dar­über, daß sie er­klärt, nie­mals wie­der schla­fen zu kön­nen.«

»Sie er­stau­nen mich«, sag­te ich.

»Si­cher, die Sa­che ist so er­staun­lich, daß man nie­man­dem die Zwei­fel ver­den­ken kann, die er ha­ben mag. Aber wenn Sie und ich, die wir bei­de Be­woh­ner die­ses Hau­ses sind, heu­te nacht in dem Kor­ri­dor Wa­che hal­ten wür­den, könn­te das auf die Ein­bil­dung des jun­gen Mäd­chens ei­ne be­ru­hi­gen­de Wir­kung ha­ben, und viel­leicht ge­lingt es uns da­durch, dem nächt­li­chen Stö­ren­fried auf die Spur zu kom­men.«

»Ge­wiß«, sag­te ich, »ich ste­he ganz zu Ih­rer Ver­fü­gung, und es wird mir ein Ver­gnü­gen sein.«

»Gut, ma­chen wir dann gleich jetzt aus, daß wir uns um elf Uhr abends in Ih­rem oder mei­nem Apart­ment tref­fen.«

»In wel­chem im­mer Sie wol­len, Sir. Wel­ches Sie für das ge­eig­ne­te­re hal­ten.«

»Ich schla­ge mei­nes vor, wel­ches die letz­te Tür im Kor­ri­dor ist und wo ich mich glück­lich schät­zen wer­de, Sie um elf zu se­hen.«

Es war da et­was an den Ma­nie­ren die­ses jun­gen Man­nes, das mir nicht ganz ge­fiel, und doch konn­te ich nicht zu ei­nem po­si­ti­ven Schluß kom­men, ob er mich ver­däch­tig­te; da­her hielt ich es für vor­ei­lig, zu flie­hen, wenn da­für viel­leicht über­haupt kein An­laß be­stand. Im Ge­gen­teil, ich ent­schloß mich, das Er­geb­nis des Abends ab­zu­war­ten, das viel­leicht ver­häng­nis­voll für mich sein wür­de, viel­leicht aber auch nicht. Je­den­falls glaub­te ich, mich schon ir­gend­wie aus der Klem­me zie­hen zu kön­nen. Wenn mir tat­säch­lich vom Schick­sal be­stimmt war, in mei­ner neu­en schreck­li­chen Exis­tenz als ein von der mensch­li­chen Ge­sell­schaft Aus­ge­schlos­se­ner zu le­ben, ge­wöhn­te ich mich lie­ber bei­zei­ten dar­an und sah zu, wie ich mich aus sol­chen Schwie­rig­kei­ten ret­ten konn­te, die sich im­mer wie­der er­ge­ben wür­den.

Al­so ver­ließ ich mich auf mei­ne ei­ge­ne Stär­ke und ge­dach­te, die­se skru­pel­los zu nut­zen; ich war­te­te in leid­lich ge­faß­ter Hal­tung die Nacht ab.

Wäh­rend des Ta­ges ver­gnüg­te ich mich durch Spa­zie­ren­ge­hen und be­merk­te die vie­len Ver­än­de­run­gen, die in le­dig­lich zwei Jah­ren in Lon­don vor sich ge­gan­gen wa­ren. Aber es wa­ren eben zwei sehr be­deut­sa­me, schick­sal­haf­te Jah­re ge­we­sen. Die Ge­füh­le und Ge­wohn­hei­ten der Leu­te hat­ten ei­ne völ­li­ge Re­vo­lu­ti­on durch­ge­macht, über wel­che ich noch mehr er­staunt war, als ich dann er­fuhr, mit welch heim­tücki­schem Ver­rat die Re­stau­ra­ti­on der exi­lier­ten Stu­art-Fa­mi­lie be­wirkt wor­den war.

Der Tag ging wei­ter. Ich ver­spür­te kei­ner­lei Be­dürf­nis nach ir­gend­wel­chen Er­fri­schun­gen; ich fühl­te mich längst wie­der vollends her­ge­stellt, und wenn ich ab und zu einen kräf­ti­gen­den Schluck köst­li­ches Le­bens­blut be­kam, wie in der letz­ten Nacht, wür­de das ge­nug fri­sches Mark für mei­ne Kno­chen sein. Da­von war ich über­zeugt.

Als ich das Haus be­trat, das ich zu mei­nem zeit­wei­li­gen Heim ge­macht hat­te, konn­te ich se­hen, daß mein Ge­fühl, mein Aus­se­hen hät­te sich in­zwi­schen grund­le­gend ver­bes­sert, nicht von an­de­ren ge­teilt wur­de, denn die ge­sam­te Fa­mi­lie schrak vor mir zu­rück, als sei ich mit ei­ner an­ste­cken­den Krank­heit be­haf­tet und als wä­re die blo­ße Luft, die ich at­me­te, has­sens­wert und ver­derb­lich. Ich war über­zeugt, daß in der Zwi­schen­zeit über mich ge­spro­chen wor­den war und daß ich jetzt wie­der im höchs­ten Gra­de ver­däch­tigt wur­de. Si­cher hät­te ich das Haus un­ver­züg­lich lei­se und still ver­las­sen kön­nen, aber ei­ne Art Trotz­ge­fühl wur­de in mir wach, das mich da­von ab­hielt.

Ich har­te das Ge­fühl, als sei ich ver­letzt wor­den und müß­te mich des­halb ge­gen et­was weh­ren, das nach Un­ter­drückung aus­sah.

»Warum«, sag­te ich, »bin ich ei­gent­lich aus dem Grab ge­ret­tet wor­den? Nur um ei­nem bös­wil­li­gen Schick­sal als Spiel­ball zu die­nen? Ge­wiß, mein Ver­bre­chen war schwer, aber da­für ha­be ich auch ge­nug ge­lit­ten, durch mei­ne To­des­qua­len ge­nug ge­büßt. Oder man hät­te mich lie­ber gleich da im Grab ru­hen las­sen sol­len.«

Die­se Ge­füh­le ge­wan­nen im­mer mehr Platz in mei­nem Den­ken, be­herrsch­ten mich bald völ­lig, und in ei­ner Art trot­zi­ger Ver­zweif­lung glaub­te ich des­halb, al­le Plä­ne, mich noch wei­ter zu stra­fen, ver­ei­teln zu müs­sen, selbst wenn die­ses der Vor­se­hung selbst zu­wi­der­lau­fen soll­te.

Dies war letzt­lich der Grund, warum ich mich nicht als Feig­ling zei­gen und beim ers­ten An­zei­chen von Ge­fahr flie­hen woll­te.

Ich saß in mei­nem Zim­mer, bis die Stun­de mei­ner Ver­ab­re­dung mit Mr. Har­ding kam, ging dann zu­ver­sicht­li­chen Schrit­tes den Kor­ri­dor hin­auf, wo­bei ich die Spit­ze mei­ner De­gen­schei­de über den Bo­den klap­pern ließ, und klopf­te kühn an sei­ne Tür. Es schi­en mir, als zö­ger­te er ein we­nig, ehe er mich bat, her­ein­zu­kom­men, aber viel­leicht bil­de­te ich mir das auch nur ein.

Er saß voll an­ge­klei­det an ei­nem Tisch, und au­ßer sei­nem De­gen hat­te er vor sich auf dem Tisch ei­ne rie­si­ge Pis­to­le lie­gen, bei­na­he halb so lang wie ein Ka­ra­bi­ner.

»Ich se­he, Sie sind gut vor­be­rei­tet«, sag­te ich, in­dem ich auf die Pis­to­le deu­te­te.

»Ja«, sag­te er, »und ich wer­de kei­nes­wegs zö­gern, sie zu ge­brau­chen.«

»Was wol­len die jetzt wie­der?«

»Wer will was?« frag­te er.

»Ich weiß nicht«, sag­te ich, »aber mir war so, als hät­te da ge­ra­de je­mand un­ten im Haus Ih­ren Na­men ge­ru­fen.«

»So, wirk­lich? Dann ent­schul­di­gen Sie mich bit­te einen Mo­ment, viel­leicht ha­ben sie un­ten et­was ent­deckt.«

Es stand ei­ne Ka­raf­fe Rot­wein auf dem Tisch, und wäh­rend Har­ding weg war, goß ich ein Glas voll vorn in den Lauf der Pis­to­le hin­ein. Dann wisch­te ich die Mün­dung sorg­fäl­tig mit der Man­schet­te mei­nes Jacketts ab, so daß äu­ßer­lich nichts da­von zu mer­ken war, daß ich das Pul­ver durch­näßt hat­te.

Als er zu­rück­kam, sah er mich arg­wöh­nisch an und sag­te:

»Nie­mand hat mich ge­ru­fen. Wie kom­men Sie denn da­zu, zu be­haup­ten, je­mand hät­te mich ge­ru­fen?«

»Weil ich glaub­te, ich hät­te ge­hört, wie je­mand Sie rief. Es wird ei­nem Men­schen ja wohl noch ge­stat­tet sein, sich dann und wann ein­mal zu ir­ren.«

»Ja, aber ich bin den­noch über­rascht, wie Ih­nen ein sol­cher Irr­tum un­ter­lau­fen konn­te.«

Es war nicht ganz ein­fach, oh­ne zu zu­cken sei­nem durch­drin­gen­den Blick stand­zu­hal­ten, aber schließ­lich wand­te er ihn ab, nahm sei­ne Pis­to­le in die Hand und über­prüf­te das Zünd­hüt­chen. Das war na­tür­lich in Ord­nung, und of­fen­bar be­frie­digt leg­te er die Pis­to­le wie­der hin.

»In den Kor­ri­dor wird ein Tisch mit zwei Stüh­len ge­stellt wer­den«, sag­te er, »so daß wir dort ganz be­quem sit­zen kön­nen. Ich will kei­nes­wegs vor­aus­sa­gen oder be­haup­ten, daß et­was ge­sche­hen wird, aber wenn, dann wer­de ich von die­sen Waf­fen hier rück­sichts­los Ge­brauch ma­chen; das möch­te ich noch ein­mal wie­der­ho­len.«

»Dar­an zweifle ich nicht und kann Ih­nen das nur emp­feh­len«, sag­te ich. »Je­ne Pis­to­le da muß ei­ne schreck­li­che Waf­fe sein. Hat sie manch­mal auch Fehl­zün­dun­gen?«

»Nicht, daß ich wüß­te«, sag­te er. »Au­ßer­dem ha­be ich sie mit be­son­de­rer Sorg­falt ge­la­den, und des­halb ist es bei­na­he ein Ding der Un­mög­lich­keit, daß sie aus­ge­rech­net dies­mal nicht los­ge­hen soll­te. Trin­ken Sie ein Glas Wein?«

Ge­nau in die­sem Au­gen­blick kam von der Haus­tür lau­tes Klop­fen. Ich sah einen Aus­druck von Ge­nug­tu­ung über sein Ge­sicht kom­men, er sprang auf die Bei­ne und brach­te die Pis­to­le auf mich in An­schlag.

»Wis­sen Sie, was je­nes Klop­fen zu be­deu­ten hat?« sag­te ich. »Zu solch ei­ner Stun­de?« Gleich­zei­tig schleu­der­te ich mit ei­ner Arm­be­we­gung sei­nen De­gen vom Tisch und da­mit au­ßer­halb sei­ner Reich­wei­te.

»Ja«, sag­te er ganz auf­ge­regt, »Sie sind mein Ge­fan­ge­ner. Sie wa­ren es, der letz­te Nacht das Un­heil und Durch­ein­an­der ge­stif­tet hat. Das Mäd­chen ist be­reit zu schwö­ren, daß Sie es wa­ren, und wenn Sie jetzt zu flie­hen ver­su­chen, bla­se ich Ih­nen mit ei­ner Ku­gel das Ge­hirn aus.«

»Feu­ern Sie nur auf mich, und neh­men Sie die Kon­se­quen­zen in Kauf«, sag­te ich. »Aber auch die Dro­hung al­lein ge­nügt mir schon, Sie wer­den für Ih­re Un­ver­schämt­heit ster­ben.«

Ich zog mei­nen De­gen, und er wähn­te sich of­fen­bar in un­mit­tel­ba­rer Le­bens­ge­fahr, denn er drück­te so­fort die Pis­to­le ab, mit der Mün­dung di­rekt in mein Ge­sicht. Na­tür­lich ging bei der nur das Pul­ver in der Pfan­ne los, sonst nichts, aber einen Mo­ment dar­auf ging da­für mein De­gen durch ihn hin­durch wie ein Blitz. Es war ei­ne gu­te Klin­ge, die mir der Ju­de ver­kauft hat­te – das Heft stieß ge­gen sein Brust­bein, und er schrie auf.

Bum, bum, bum, kam es in­des­sen wie­der von der Haus­tür. Ich zog die blu­ti­ge Klin­ge zu­rück, ramm­te sie, wäh­rend ich die Trep­pe hin­un­ter­ras­te, in die Schei­de und kam un­ten ge­ra­de zu­recht, mei­ne Wir­tin da­von ab­zu­hal­ten, die Haus­tür zu öff­nen. Ich pack­te sie am Ge­nick, schleu­der­te sie ein gan­zes Stück weit in den Flur nach hin­ten, öff­ne­te dann sel­ber die Haus­tür, trat hin­ter sie und ließ drei Män­ner an mir vor­bei ins Haus stür­zen. Dann kam ich hin­ter der Tür her­vor, ver­ließ un­auf­fäl­lig das Haus und war frei. Die­ses letz­te Aben­teu­er hat­te mich we­der be­son­ders be­ein­druckt, noch ver­ur­sach­te mir der Tod Har­dings ir­gend­wel­che Ge­wis­sens­bis­se; ich hat­te ganz ein­fach nur ge­tan, was ge­tan wer­den muß­te, um mir die Frei­heit zu er­hal­ten.

Ei­lig ging ich die Stra­ße ent­lang und schau­te mich nicht ein ein­zi­ges Mal um, bis ich weit ge­nug weg war und mich si­cher fühl­te, daß je­de Ver­fol­gung aus­ge­schlos­sen war.

Ich be­gann dann nach­zu­den­ken, was ich als nächs­tes zu tun hat­te.

Ich fühl­te mich durch die Blut­mahl­zeit, die ich be­reits zu mir ge­nom­men hat­te, zwar wie­der kräf­tig be­lebt, aber ich war noch so neu in mei­ner Vam­pir-Exis­tenz, daß ich nicht die min­des­te Ah­nung hat­te, wie lan­ge ei­ne sol­che Mahl­zeit in der Wir­kung an­hal­ten wür­de, mir wei­ter Le­ben und Kräf­te zu ge­ben.

Da­bei war es ei­ne ganz merk­wür­di­ge über­na­tür­li­che Art von Kräf­ten, die ich in mir spür­te und die ab­so­lut nichts ge­mein­sam hat­ten mit je­nen, die ein nor­ma­ler Mensch emp­fin­det, wenn er sich im Voll­be­sitz sei­ner Vi­ta­li­tät fühlt. Nein, bei mir war es mehr; ich spür­te ei­ne ge­ra­de­zu ma­gi­sche Kraft, der nichts wi­der­ste­hen konn­te, die al­le Hin­der­nis­se ein­fach hin­weg­fe­gen wür­de.

Als ich schließ­lich ste­hen­blieb, fand ich mich in der Pall Mall wie­der, nicht weit vom St.-Ja­mes-Pa­last ent­fernt, der letzthin so vie­le Wech­sel er­lebt hat­te und Zeu­ge so vie­ler be­mer­kens­wer­ter Ver­än­de­run­gen in den Af­fä­ren von Mon­ar­chen ge­we­sen war, daß al­lein die nack­ten kom­men­tar­lo­sen Chro­ni­ken dar­über einen dick­lei­bi­gen Wäl­zer er­ge­ben hät­ten.

Ich schlen­der­te bis zu dem of­fe­nen Git­ter des kö­nig­li­chen Pa­las­tes vor, doch als ich je­nes Vier­eck be­tre­ten woll­te, das der Co­lour-Court ge­nannt wur­de, wies ein Wacht­pos­ten mich rü­de zu­rück.

So war es zu Zei­ten Crom­wells nicht ge­we­sen, aber im Mo­ment hat­te ich völ­lig ver­ges­sen ge­habt, daß sich die Din­ge in­zwi­schen grund­le­gend ge­än­dert hat­ten.

Ich beu­ge mich im­mer der Au­to­ri­tät, wenn ich se­he, daß kein Weg an ihr vor­bei­führt, und so wand­te ich mich auch jetzt so­fort zur Sei­te, oh­ne ir­gend­ei­ne Be­mer­kung zu ma­chen. Aber ge­ra­de, als ich das tat, sah ich, wie sich nicht weit von dort, wo ich stand, ei­ne klei­ne Tür öff­ne­te, und zwei in di­cke, brau­ne Män­tel gehüll­te Ge­stal­ten tra­ten her­aus.

Auf den ers­ten Blick sa­hen sie nicht ge­ra­de wie Stan­des­per­so­nen aus, aber wenn man ih­re Ge­sich­ter, ih­re Ge­stal­ten und ihr Ge­ha­be ein paar Se­kun­den lang ge­nau­er be­ob­ach­te­te, wie ich es tat, kam man zwangs­läu­fig zu dem Schluß, daß es ir­gend­wel­che sehr hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­kei­ten sein muß­ten.

Aben­teu­er war für mich das Le­ben selbst, jetzt, da ich al­le an­de­ren Ban­de an die ir­di­sche Welt ab­ge­schüt­telt hat­te, und ich hat­te ei­ne rück­sichts­lo­se Ver­ach­tung für al­le Ge­fah­ren, was bei mei­ner ein­zig­ar­ti­gen ge­fei­ten Art von Exis­tenz nur na­tür­lich war. Ich be­schloß, die­sen bei­den Män­nern dicht ge­nug zu fol­gen.

»Sol­len wir uns ein Ver­gnü­gen ma­chen?« sag­te der ei­ne.

»Ich bin si­cher, daß uns die La­dies wel­ches lie­fern wer­den«, ent­geg­ne­te der an­de­re.

»Und doch wa­ren sie bei un­se­rem letz­ten Zu­sam­men­tref­fen ziem­lich schüch­tern, fin­den Sie nicht auch, Ro­che­s­ter?«

»Eu­re Ma­je­stät –«

»Pst, Mann, pst! Sei­en Sie doch nicht so un­vor­sich­tig, mich in öf­fent­li­chen Stra­ßen mit Ma­je­stät an­zu­re­den. Wenn ein Lau­scher das hört, könn­te es einen Hofs­kan­dal ge­ben. Ich muß Sie doch bit­ten, et­was vor­sich­ti­ger zu sein.«

»Aber der Na­me Ro­che­s­ter, den Sie ge­ra­de fal­len­lie­ßen, könn­te eben­so leicht einen Hofs­kan­dal her­auf­be­schwö­ren wie der –«

»Pst, pst! Sag­te ich tat­säch­lich ge­ra­de Ro­che­s­ter? Nun, nun, Mann, be­hal­ten wir Na­men und Ti­tel al­so für uns und kom­men Sie schnell. Wenn wir die La­dys über­zeu­gen kön­nen, her­aus­zu­kom­men, kön­nen wir mit ih­nen in den Gar­ten des Pa­las­tes ge­hen. Ich ha­be den Schlüs­sel zu je­ner be­que­men klei­nen Tür in der Mau­er, die uns schon mehr als ein­mal ge­dient hat.«

Na­tür­lich hat­te ich da­nach kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten mehr, in dem einen Spre­cher den re­stau­rier­ten Mon­ar­chen, Charles den Zwei­ten, zu er­ken­nen und in dem an­de­ren sei­nen Fa­vo­ri­ten und aus­schwei­fen­den Be­glei­ter, Ro­che­s­ter, von dem ich schon al­ler­hand ge­hört hat­te, ob­wohl ich noch nicht lan­ge ge­nug wie­der in dem Reich der Le­ben­den weil­te, um schon ein­mal Ge­le­gen­heit ge­habt zu ha­ben, einen von ih­nen zu se­hen. Aber nach­dem sie sol­cher­ma­ßen selbst be­kannt hat­ten, wer sie wa­ren, wür­de ich sie von nun an je­der­zeit wie­der­er­ken­nen.

Ich hat­te mich sorg­fäl­tig au­ßer Sicht ge­hal­ten, wäh­rend der klei­ne Dia­log ge­führt wor­den war, und so ent­deck­ten sie mich nicht, ob­wohl sie mehr als ein­mal arg­wöh­ni­sche Bli­cke um sich ge­wor­fen hat­ten. Be­frie­digt, daß ihr un­vor­sich­ti­ges Ge­spräch kei­nen Scha­den an­ge­rich­tet hat­te, gin­gen sie ei­lig wei­ter in Rich­tung Pim­li­co.

Charles und sein Be­glei­ter hat­ten al­so nicht die min­des­te Ah­nung, welch ein schreck­li­ches We­sen sich an ih­re Fer­sen ge­hef­tet hat­te. Wenn der Kö­nig auch leicht­sin­nig ge­nug war, so daß man ihm ge­fahr­los hät­te fol­gen kön­nen, warf Ro­che­s­ter stän­dig lau­ern­de, arg­wöh­ni­sche Bli­cke um sich, und mehr als ein­mal war ich dicht da­vor, von ihm ent­deckt zu wer­den, ent­ging dem aber durch mein ge­schick­tes Ver­hal­ten und mei­ne Be­hen­dig­keit.

Pim­li­co war zu je­ner Zeit ei­ne trost­lo­se Ge­gend und weit von dem ent­fernt, was es heu­te ist. Aber so­wohl der Kö­nig als auch Ro­che­s­ter schie­nen sich dort bes­tens aus­zu­ken­nen; sie gin­gen ei­ne be­trächt­li­che Stre­cke schnur­stracks wei­ter, bis sie in ei­ne schma­le, öde und ver­las­sen da­lie­gen­de Stra­ße ka­men, die auf bei­den Sei­ten nicht von Häu­sern, son­dern von Gar­ten­mau­ern ein­ge­faßt war. Nach der Hö­he und Fes­tig­keit die­ser Mau­ern zu ur­tei­len, muß­ten die Häu­ser, die da­hin­ter stan­den, von ei­ni­ger Be­deu­tung sein.

»Bra­vo, bra­vis­si­mo«, sag­te der Kö­nig. »Es ist uns ge­lun­gen, der­art weit in feind­li­ches Ter­ri­to­ri­um vor­zu­drin­gen, oh­ne bis­her be­ob­ach­tet wor­den zu sein.«

»So scheint es«, ent­geg­ne­te Ro­che­s­ter. »Glau­ben Sie, daß wir je­ne be­stimm­te Mau­er­stel­le jetzt auch wie­der­fin­den wer­den?«

»Aber si­cher fin­den wir die wie­der. Ich ha­be die La­dys doch ge­be­ten, dort ein Ta­schen­tuch oder ir­gend­ein an­de­res Zei­chen hin­zu­hän­gen, da­mit es uns im Nacht­dun­kel den Weg weist, und dort flat­tert es auch schon.«

Der Kö­nig zeig­te auf ei­ne Stel­le der Mau­er­kro­ne, an der ein Ta­schen­tuch ge­schwenkt wur­de. Ein mensch­li­cher Kopf er­schi­en ge­gen den Nacht­him­mel, und ei­ne Stim­me, so süß, wie ich noch nie­mals im Le­ben ge­hört hat­te, sag­te:

»Gent­le­men, ich bit­te Sie, ge­hen Sie wie­der weg.«

»Was?« sag­te der Kö­nig. »Wie­der weg­ge­hen? Nach­dem wir den gan­zen wei­ten Weg ge­kom­men sind. Ist das ei­ne Wei­ber­lau­ne?«

»Nein«, sag­te die Stim­me. »Wir fürch­ten viel­mehr, Gent­le­men, wir wer­den be­ob­ach­tet.«

»Wir?« sag­te Ro­che­s­ter. »Sie sa­gen wir, und doch ist Ih­re hüb­sche Be­glei­te­rin nir­gend­wo zu se­hen.«

»Ed­ler Sir«, sag­te die La­dy. »Es ist für un­ser­eins nicht die leich­tes­te Sa­che der Welt, auf ei­ner Lei­ter zu ste­hen. Und noch viel we­ni­ger gin­ge es zu zweit.«

»Hüb­sche La­dy«, sag­te der Kö­nig. »Wenn Sie es nur ir­gend­wie schaf­fen könn­ten, über die Mau­er zu kom­men, wer­den wir al­le vier einen der an­ge­nehms­ten und amüsan­tes­ten Spa­zier­gän­ge der Welt ma­chen. Ein Freund von mir, der ein Haupt­mann in der Kö­nig­li­chen Gar­de ist, wird uns auf mei­ne Bit­te er­lau­ben, in dem Pri­vat­gar­ten des St.-Ja­mes-Pa­las­tes zu lust­wan­deln.«

»Wirk­lich?«

»Ja, mei­ne Schö­ne. In je­nem Gar­ten, von wel­chem Sie viel­leicht schon ge­hört ha­ben, daß er der Lieb­lings­auf­ent­halt des fröh­li­chen Charles’ ist.«

»Aber wir sind in Angst«, sag­te die La­dy, »un­ser On­kel könn­te nach Hau­se kom­men. Es ist wirk­lich sehr un­schick­lich, sehr in­dis­kret, und wir soll­ten ei­ne sol­che Sa­che ei­gent­lich über­haupt nicht in Be­tracht zie­hen. In der Tat, Gent­le­men, sie wä­re re­gel­recht skan­da­lös – aber wie sol­len wir jetzt über die Mau­er kom­men?«

Al­le zu­sam­men lach­ten sie ki­chernd auf.

Es war ge­wiß­lich ei­ne höchst raf­fi­nier­te klei­ne Re­de, wel­che die La­dy auf der Mau­er ge­hal­ten hat­te; sie ließ ganz treff­lich er­ken­nen, wie hier Nei­gung und Klug­heit mit­ein­an­der ran­gen. Und es war auch ge­nau die Art von Re­de, wel­che je­ne an­sprach, an die sie ge­rich­tet war.

Nach­dem das Ge­läch­ter ein we­nig ab­ge­ebbt war, sag­te Charles:

»Aber mit Hil­fe der Lei­ter kön­nen Sie doch, wenn Sie mit ihr auf der an­de­ren Sei­te her­auf­ge­kom­men sind, auf die­ser eben­so leicht wie­der hin­ab. Ich ver­mu­te, Ih­nen feh­len wohl nur die Kräf­te, sie her­über­zu­he­ben.«

»Ge­nau­so ist es«, sag­te die La­dy.

»Nun, ich glau­be, mit Un­ter­stüt­zung mei­nes Freun­des Smith hier wür­de ich es schaf­fen; auf die Mau­er her­auf­zu­kom­men, und ich wer­de Ih­nen dann hel­fen.«

Mit Hil­fe von Ro­che­s­ter schaff­te Charles es auch tat­säch­lich, die Mau­er­kro­ne zu er­klim­men, um den Schö­nen hin­über­zu­hel­fen, die so ängst­lich, aber doch auch so wil­lens wa­ren, ein we­nig Ge­fahr für ih­ren Ruf zu ris­kie­ren, um im Kö­nigs­gar­ten von St. Ja­mes lust­wan­deln zu kön­nen.

Mir kam jetzt der Ge­dan­ke, einen Zwi­schen­fall zu in­sze­nie­ren, aber an­de­rer­seits woll­te ich lie­ber nicht stö­ren, son­dern viel­mehr be­ob­ach­ten, wie sich die Sa­che wei­ter­ent­wi­ckeln wür­de.

Nach­dem die bei­den La­dys oben auf der Mau­er wa­ren, zog der Mon­arch die Lei­ter nach, und wäh­rend Ro­che­s­ter die­se, an der an­de­ren Sei­te der Mau­er an­ge­lehnt, hielt, stie­gen die bei­den Schö­nen ganz be­quem und si­cher auf ihr her­ab. Ei­lig ent­fern­te sich dann die Ge­sell­schaft in Rich­tung St. Ja­mes.

Ich folg­te ihr mit großer Vor­sicht, nach­dem ich die Lei­ter ge­nom­men und rasch ein paar Grund­stücke wei­ter­ge­tra­gen hat­te. Die vier re­de­ten und lach­ten in der denk­bar fröh­lichs­ten Art, bis sie zum Buck­ing­ham-Pa­last ka­men, wo sie einen ver­schwie­ge­nen Pfad ein­schlu­gen, der sie in den Gar­ten von St. Ja­mes brin­gen wür­de.

Über­hän­gen­de Bäu­me war­fen hier solch un­durch­dring­li­che Schat­ten, daß ich mich der Grup­pe ge­fahr­los auf Hör­wei­te nä­hern konn­te. So be­kam ich mit, daß die La­dys in­zwi­schen leicht alar­miert wa­ren über so­viel Ge­heim­nis­tue­rei und Ver­stoh­len­heit, in den kö­nig­li­chen Gar­ten zu ge­lan­gen.

»Gent­le­men«, sag­te die ei­ne, »wir kom­men nicht in den Gar­ten mit, wenn Sie da­zu nicht ei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Er­laub­nis ha­ben.«

»Aber die ha­ben wir«, sag­te der Kö­nig. »Nach­dem mir die­se Er­laub­nis für ei­ni­ge Zeit ge­nom­men war, ha­be ich sie kürz­lich wie­der­er­hal­ten und noch ein paar an­de­re Pri­vi­le­gi­en da­zu, nach de­nen es mich schon sehn­lichst ver­langt hat­te.«

»Sie brau­chen nicht das min­des­te zu fürch­ten«, füg­te Ro­che­s­ter, zu den La­dys ge­wandt, hin­zu.

Zu viert stan­den sie al­le vor ei­ner klei­nen Tür, wäh­rend der Kö­nig ein paar Mi­nu­ten lang mit ei­nem Schlüs­sel fum­meln muß­te, be­vor er das Schloß auf­be­kam. End­lich hat­te er es ge­schafft, die Tür schwang auf. Der Kö­nig ließ dann ver­se­hent­lich den Schlüs­sel fal­len, konn­te ihn nicht wie­der fin­den und muß­te die Tür des­halb an­ge­lehnt las­sen. So war es mir oh­ne wei­te­res mög­lich, der Grup­pe zu fol­gen, als sie durch die Tür ge­gan­gen war.

Die Ört­lich­keit lag in tiefs­tem Dun­kel.

Un­ter mei­nen Schu­hen konn­te ich den fei­nen, wei­chen Kies knir­schen hö­ren; aus Angst, das könn­te mei­ne An­we­sen­heit ver­ra­ten, ging ich zur Sei­te, bis ich auf einen wei­chen Rand kam, der aus Turf zu be­ste­hen schi­en. Der Duft sü­ßer Blu­men drang mir in die Na­se, und wenn der Nacht­wind lei­se durch die Bäu­me strich, kam von ih­nen ein Säu­seln, so an­ge­nehm und zart wie Mu­sik.

Der wei­che Bo­den ver­hin­der­te ab­so­lut, daß mei­ne Schrit­te ge­hört wer­den konn­ten, und so war ich bald ganz dicht an der Grup­pe dran, die ich vor dem Ein­gang ei­nes klei­nen Lust­pa­vil­lons ste­hend fand, aus des­sen bunt­ver­glas­tem Fens­ter Licht­schein fiel.

Die La­dys schie­nen ziem­lich ner­vös zu sein, und doch hat­te sich die Af­fä­re für sie als so char­man­tes und ro­man­ti­sches Aben­teu­er an­ge­las­sen, daß sie jetzt wohl nie­mals mehr um­ge­kehrt und zu­rück­ge­gan­gen wä­ren, selbst wenn sie al­le Mög­lich­kei­ten der Welt da­zu ge­habt hät­ten.

Schließ­lich gin­gen sie al­le in den Pa­vil­lon hin­ein.

Ich schlich hin­ter­her und fand ein Fens­ter, durch das ich einen gu­ten Blick ins In­ne­re hat­te. Ich war höchst amü­siert über das, was ich sah.

Das In­ne­re war höchst ge­schmack­los de­ko­riert, ob­wohl es ein we­nig zum Fri­vo­len neig­te, und die Bil­der, als Fres­ken an die Wän­de ge­malt, wa­ren wohl auch nicht ge­ra­de das, was strik­te Prü­de­rie als kor­rekt be­trach­tet ha­ben wür­de, wie­wohl an ih­nen auch nichts ei­gent­lich An­stö­ßi­ges war.

Ein Tisch stand in der Mit­te und war mit rei­chem Kon­fekt und Wein ge­deckt, wäh­rend die Lam­pe, de­ren Schein durch das bunt­ver­glas­te Fens­ter ge­fal­len war, an drei mas­siv­gol­de­nen Ket­ten von der De­cke hing.

Al­les in al­lem war es ein höchst ge­schmack­voll ein­ge­rich­te­ter klei­ner Lie­bes­pa­vil­lon.

Der Kö­nig und Ro­che­s­ter dräng­ten die La­dys jetzt, Wein zu trin­ken, und zum ers­ten­mal hat­te ich nun Ge­le­gen­heit, mir die Ge­sich­ter der ver­schie­de­nen Per­so­nen, de­nen ich ge­folgt war, ge­nau­er an­zu­se­hen. Ich muß ge­ste­hen, daß ich es mit ei­ni­ger Neu­gier tat. Die La­dys muß­te man frag­los als sehr hübsch be­zeich­nen, vor al­lem die jün­ge­re, die dem Kö­nig zu­ge­fal­len war. Sie hat­te ein Ge­sicht, so un­schul­dig und süß, daß ich sie un­will­kür­lich be­dau­er­te.

Der Kö­nig war ein klei­ner dunk­ler Mann mit ei­nem scharf ge­schnit­te­nen, nicht un­hüb­schen Ge­sicht, aus dem mir je­doch Tücke und Ver­schla­gen­heit zu spre­chen schie­nen. Was Ro­che­s­ter be­traf, so war er aus­ge­spro­chen häß­lich. Sein Ge­sicht war ziem­lich flach und von fahl­grau­er Far­be; si­cher war es nicht da­zu an­ge­tan, ihm die Gunst ei­ner La­dy zu ge­win­nen. Aber da­zu moch­te er ei­ne Zun­ge ha­ben, die selbst einen En­gel des Him­mels be­tö­ren wür­de.

Sol­che Fä­hig­kei­ten zäh­len bei Frau­en, die au­ßer Schön­heit auch Ver­stand ha­ben, weit mehr, und Frau­en oh­ne Ver­stand sind es gar nicht wert, ge­won­nen zu wer­den.

»Nein«, hör­te ich den Kö­nig jetzt sa­gen. »Sie ha­ben hier nur ganz er­le­se­ne Wei­ne, und den hier kön­nen Sie ganz be­ru­higt trin­ken.«

Aber das jün­ge­re der bei­den Mäd­chen schüt­tel­te den Kopf.

»Ge­ben Sie her«, sag­te Charles dar­auf­hin la­chend, nahm das Glas, von dem das Mäd­chen kaum ge­nippt hat­te, und kipp­te es in ei­nem Zug hin­un­ter. »Ich wer­de Sie schon noch über­zeu­gen, wie her­vor­ra­gend die­ser Wein ist.«

Die La­dy, mit der Ro­che­s­ter in lei­ser Un­ter­hal­tung bei­sam­men­stand, hat­te kei­ne sol­che Skru­pel, son­dern trank zwei Glä­ser so schnell, wie sie ihr nach­ein­an­der ge­reicht wur­den, auf einen Zug aus und re­de­te völ­lig un­ge­niert, be­wun­der­te den Pa­vil­lon, die Fres­ken, die Wand­be­hän­ge und die Mö­bel; schließ­lich frag­te sie noch, ob manch­mal auch der Kö­nig sel­ber hier­her­käme.

Ro­che­s­ter er­ging sich dar­auf­hin, um sie an der Na­se her­um­zu­füh­ren, in my­sti­fi­zie­ren­den Re­den, wäh­rend ich mei­ne Auf­merk­sam­keit wie­der dem Kö­nig und der jün­ge­ren Frau zu­wand­te, die von den bei­den zwei­fel­los die be­geh­rens­wer­te­re war.

Der Kö­nig hat­te lei­se auf sie ein­ge­spro­chen, als sie plötz­lich zwei Schrit­te vor ihm zu­rück­prall­te, mit hoch­ro­tem Kopf und al­len An­zei­chen tiefs­ter Em­pö­rung.

»Loui­sa«, er­klär­te sie laut, »ich for­de­re dei­nen Schutz, denn in dei­ner Ob­hut wur­de ich ge­las­sen. Brin­ge mich so­fort nach Hau­se, oder ich wer­de mei­nem On­kel sa­gen, daß du sein Ver­trau­en schänd­lich ver­ra­ten hast, in­dem du mir ein­re­de­test, es sei nichts wei­ter da­bei, sich mit die­sen Gent­le­men zu tref­fen.«

»Pah, das Kind muß ver­rückt sein«, sag­te Loui­sa.

»Ja, völ­lig ver­rückt«, sag­te der Kö­nig, in­dem er er­neut auf die Jün­ge­re zu­ging. Die­se wand­te sich um und floh zur Tür des Pa­vil­lons. Ich weiß nicht, was für ein Im­puls mich da­zu trieb, aber ich ver­ließ so­fort das Fens­ter, rann­te von au­ßen her zur Tür des Pa­vil­lons und kam dort ge­ra­de zu­recht, das her­aus­stür­zen­de Mäd­chen in mei­nen Ar­men auf­zu­fan­gen. Das Licht fiel mir voll ins Ge­sicht, wäh­rend ich dem Kö­nig ge­gen­über­stand.

»Wa­che!« schrie er. »Wa­che!«

Loui­sa heu­chel­te, in Ohn­macht ge­fal­len zu sein, wäh­rend sich das jün­ge­re Mäd­chen ver­zwei­felt an mich klam­mer­te als sei­nen ein­zi­gen Be­schüt­zer und aus­rief:

»Ret­ten Sie mich! Oh! Ret­ten Sie mich!«

»Die Gar­ten­tür ist of­fen­ge­blie­ben«, raun­te ich ihr zu. »Fol­gen Sie mir rasch, wir dür­fen nicht einen Mo­ment ver­lie­ren.« Zu­sam­men flo­hen wir.

Ich hat­te sie ge­ra­de durch das klei­ne Gar­ten­tor ge­scho­ben und woll­te sel­ber hin­durch­schlüp­fen, als ein Schuß von ei­ner der Wa­chen mich traf; ich wur­de zu Bo­den ge­schleu­dert, als hät­te die Faust ei­nes Rie­sen mich nie­der­ge­schla­gen. Blut rausch­te mir vom Her­zen in den Kopf; ein, zwei Se­kun­den lang spür­te ich einen bren­nen­den Schmerz, der ganz ent­setz­lich war. Dann schi­en mich ein Meer von gel­bem Licht zu um­fan­gen.

An mehr er­in­ne­re ich mich nicht mehr.

Hin­ter­her fand ich dann her­aus, daß dies mein zwei­ter Tod ge­we­sen war und daß Ro­che­s­ter, der Günst­ling des Kö­nigs, aus­drück­lich den Be­fehl ge­ge­ben hat­te, mich zu er­schie­ßen, statt mich ge­fan­gen­zu­neh­men oder gar flie­hen zu las­sen, denn er fürch­te­te wohl noch mehr als der Mon­arch die Ent­hül­lung sei­ner Las­ter. Ich glau­be nicht, daß Charles, falls er die Be­feh­le ge­ge­ben hät­te, mich in die­ser Art hät­te nie­der­ma­chen las­sen, ob­wohl es schwer vor­aus­zu­sa­gen ist, was Kö­ni­ge tun und was nicht, wenn sie ih­re Plä­ne durch­kreuzt se­hen.