In der Gruft
von
H. P. Love­craft

 

 

Ho­ward Phil­lips Love­craft (1890-1937), le­gen­därer ame­ri­ka­ni­scher Chro­nist des Grau­ens, der in Pro­vi­dence, Long Is­land, das Le­ben ei­nes Son­der­lings führ­te, konn­te zu sei­nen Leb­zei­ten nur ein ein­zi­ges Buch ver­öf­fent­li­chen; sei­ne Kurz­ge­schich­ten und Er­zäh­lun­gen er­schie­nen in Ma­ga­zi­nen, vor al­lem in der Zeit­schrift »Weird Ta­les«. Love­craft wur­de erst nach sei­nem To­de be­rühmt, als sei­ne un­heim­li­chen Ge­schich­ten ge­sam­melt zu er­schei­nen be­gan­nen und in vie­le Spra­chen über­setzt wur­den. Als in der von Kal­ju Kir­de her­aus­ge­ge­be­nen »Bi­blio­thek des Hau­ses Us­her« die ers­ten Love­craft-Bän­de er­schie­nen, schrieb der Re­zen­sent der »Köl­ni­schen Rund­schau« : »Was da aus den Schäch­ten der Phan­ta­sie, aus den schwar­zen Ab­grün­den des Grau­ens auf­taucht, wird mit ex­ak­tem, pe­ni­blem Rea­lis­mus fest­ge­hal­ten, wie in der sur­rea­lis­ti­schen Ma­le­rei, die ih­re Vi­sio­nen mit na­tu­ra­lis­ti­scher Ge­nau­ig­keit ein­fängt.«

 

 

Mei­ner An­sicht nach gibt es nichts Ab­sur­de­res als die ge­dank­li­che As­so­zia­ti­on der Be­grif­fe länd­lich und le­bens­froh, ob­wohl die Psy­cho­lo­gie der brei­ten Mas­se seit je­her zu die­sem Irr­tum neigt. Be­rich­tet man ei­ne Be­ge­ben­heit aus New Eng­land und er­wähnt als Haupt­per­son den tol­pat­schi­gen To­ten­grä­ber, dem durch sei­ne Sorg­lo­sig­keit ein Miß­ge­schick in ei­ner Gruft zu­stößt, dann er­war­tet der Durch­schnitts­le­ser wohl sel­ten mehr als ei­ne herz­haf­te Ko­mö­die. Aber Gott weiß, daß die­se Ge­schich­te, die ich jetzt nach Ge­or­ge Birchs Hin­schei­den er­zäh­len kann, Aspek­te auf­weist, im Ver­gleich zu de­nen ei­ni­ge der be­kann­te­ren klas­si­schen Tra­gö­di­en fast harm­los wir­ken müs­sen.

Birch bat im Jah­re 1881 plötz­lich um sei­ne Ent­las­sung und gab sei­nen Be­ruf gänz­lich auf, sprach aber nie­mals über die Grün­de, die zu die­sem Ent­schluß ge­führt hat­ten. Auch sein Haus­arzt, Dr. Da­vis, der nun schon seit Jah­ren tot ist, be­wahr­te strik­tes Still­schwei­gen. All­ge­mein be­kannt war nur, daß Birch Ver­let­zun­gen und einen Schock er­lit­ten hat­te, als er neun Stun­den in der Gruft des Fried­hofs von Peck Val­ley zu­brin­gen muß­te, bis er sich end­lich selbst aus die­ser miß­li­chen La­ge be­frei­en konn­te. Die wah­ren Hin­ter­grün­de die­ser Ge­schich­te er­fuhr ich erst von Birch per­sön­lich wäh­rend der häu­fi­gen Kran­ken­be­su­che, die ich ihm in den letz­ten Wo­chen vor sei­nem Tod ab­stat­te­te. Er hat­te Ver­trau­en zu mir, weil ich sein Arzt war, viel­leicht aber auch nur, weil er sich mit nie­man­dem mehr aus­spre­chen konn­te, nach­dem Dr. Da­vis ge­stor­ben war. Birch war Jung­ge­sel­le ge­blie­ben und be­saß kei­ne Ver­wand­ten.

Bis zum Jah­re 1881 hat­te Birch das Amt des To­ten­grä­bers von Peck Val­ley aus­ge­übt und war selbst für die­sen Men­schen­schlag un­ge­wöhn­lich ab­ge­brüht. Sei­ne Ar­beits­wei­se muß für un­se­re Ver­hält­nis­se ge­ra­de­zu un­glaub­lich er­schei­nen, und die bie­de­ren Bür­ger von Peck Val­ley wä­ren ver­mut­lich ent­setzt ge­we­sen, hät­ten sie je er­fah­ren, wie weit­her­zig die­ser Mann den Ei­gen­tums­be­griff aus­leg­te, wenn es sich um Wert­ge­gen­stän­de han­del­te, die oh­ne­hin nicht mehr sicht­bar wa­ren, nach­dem der Sarg­de­ckel sich über den To­ten ge­schlos­sen hat­te. Da­zu kam noch, daß Birch kei­ne lan­gen Um­stän­de zu ma­chen pfleg­te, wenn ein­mal ei­ne Lei­che nicht in den Sarg paß­te, bei des­sen Her­stel­lung er es an der nö­ti­gen Sorg­falt hat­te feh­len las­sen. Er war ver­ant­wor­tungs­los, roh und für sei­ne Stel­lung denk­bar un­ge­eig­net, aber trotz­dem glaub­te ich nicht, daß er von Grund auf schlecht und bö­se war. Ge­dan­ken­lo­sig­keit, Leicht­sinn und Trunk­sucht im Ver­ein mit sei­nem grob­schläch­ti­gen und un­ge­bil­de­ten We­sen führ­ten schließ­lich je­nen Un­fall her­bei, der be­stimmt zu ver­hin­dern ge­we­sen wä­re.

Ich weiß nicht recht, an wel­chem Punkt ich Birchs Ge­schich­te be­gin­nen soll, denn ich bin kein ge­üb­ter Er­zäh­ler. Zu An­fang soll­te man wohl den bit­ter­kal­ten De­zem­ber des Jah­res 1880 er­wäh­nen, in dem das Erd­reich so tief ge­fror, daß bis zum Früh­jahr kei­ne Grä­ber mehr aus­ge­ho­ben wer­den konn­ten. Glück­li­cher­wei­se war das Dorf klein und die Zahl der To­ten in die­sem Win­ter be­son­ders nied­rig, wo­durch Birch in der La­ge war, sei­ne leb­lo­sen Schütz­lin­ge in der leer­ste­hen­den Gruft auf dem Fried­hof un­ter­zu­brin­gen. Das kal­te Wet­ter mach­te ihn noch mür­ri­scher als sonst, und er schi­en sich selbst in be­zug auf schlech­te Ar­beit über­tref­fen zu wol­len. Nie zu­vor hat­te er schie­fe­re Sär­ge zu­sam­men­ge­häm­mert oder sich we­ni­ger um das ros­ti­ge Schloß in der Tür zu der Gruft ge­küm­mert, wenn er wie­der ein­mal einen To­ten zur vor­läu­fi­gen Ru­he zu bet­ten hat­te.

Schließ­lich kam der Früh­ling, und auf dem Fried­hof wur­den neun Grä­ber aus­ge­ho­ben, denn in der Gruft la­gen neun Op­fer, die der Sen­sen­mann wäh­rend des lan­gen Win­ters ab­be­ru­fen hat­te. Birch, der die mit den Um­bet­tun­gen und Wie­der­be­stat­tun­gen ver­bun­de­ne Ar­beit scheu­te, be­gann an ei­nem trü­ben April­tag da­mit, hör­te aber schon bald wie­der auf, weil der star­ke Re­gen sein Pferd un­ru­hig zu ma­chen schi­en. Am nächs­ten Mor­gen woll­te er die zwei­te Lei­che, den al­ten Matt­hew Fen­ner, in das vor­be­rei­te­te Grab schaf­fen, hat­te aber doch kei­ne Lust da­zu und nahm die Ar­beit erst wie­der am Kar­frei­tag auf. Da er von Na­tur aus nicht aber­gläu­bisch ver­an­lagt war, be­deu­te­te ihm die­ser Tag nichts, ob­wohl er spä­ter nie mehr an ei­nem Frei­tag ar­bei­te­te.

Am Nach­mit­tag des fünf­zehn­ten April mach­te Birch sich al­so mit Pferd und Wa­gen auf, um Matt­hew Fen­ners Lei­che in das Grab zu brin­gen. Spä­ter gab er mir ge­gen­über zu, daß er da­bei nicht ganz nüch­tern ge­we­sen sei, ob­wohl er da­mals noch nicht die Men­gen Al­ko­hol zu sich nahm, mit de­ren Hil­fe er spä­ter die­sen Tag zu ver­ges­sen ver­such­te. Ein ei­si­ger Wind hat­te die Wol­ken vom Him­mel ge­fegt, und Birch war froh, als er end­lich das schwe­re Eis­en­tor er­reicht hat­te, das den Ein­gang zu der Gruft ver­sperr­te. Man­cher an­de­re hät­te die feuch­te, nach Mo­der rie­chen­de Kam­mer nur un­gern und zö­gernd be­tre­ten, aber da­mals war Birch für der­glei­chen Ge­fühls­re­gun­gen noch völ­lig un­emp­find­lich und hat­te nur ei­ne Sor­ge – den rich­ti­gen Sarg für das vor­be­rei­te­te Grab zu fin­den. Nur zu gut konn­te er sich noch an den Auf­ruhr er­in­nern, der ent­stan­den war, als Han­nah Bix­bys Ver­wand­te ih­re Lei­che in die Stadt hat­ten über­füh­ren las­sen, wo­bei sich her­aus­stell­te, daß in Wirk­lich­keit Rich­ter Cap­well un­ter ih­rem Grab­stein ruh­te. Die Be­leuch­tung in­ner­halb der Gruft war düs­ter, aber Birch hat­te gu­te Au­gen und nahm nicht et­wa aus Ver­se­hen Asaph Sa­wyers Sarg mit, ob­wohl er sehr ähn­lich aus­sah. Ur­sprüng­lich hat­te er die­sen Sarg für Fen­ner vor­ge­se­hen ge­habt, aber dann hat­te er sich dar­an er­in­nert, wie freund­lich und zu­vor­kom­mend der klei­ne al­te Mann stets zu ihm ge­we­sen war. Des­halb hat­te er ihn zur Sei­te ge­stellt und Matt­hew Fen­ner den schöns­ten und bes­ten Sarg ge­tisch­lert, den je ein Bür­ger von Peck Val­ley be­kom­men hat­te. An­de­rer­seits war er aber spar­sam ge­nug ge­we­sen, um den schlech­ten für den Tag auf­zu­he­ben, an dem Asaph Sa­wyer das Zeit­li­che seg­nen wür­de. Sa­wyer war all­ge­mein un­be­liebt und vie­len so­gar ver­haßt, denn sei­ne Rach­gier hat­te mit zu­neh­men­dem Al­ter ge­ra­de­zu un­mensch­li­che For­men an­ge­nom­men. Birch hat­te kei­ner­lei Ge­wis­sens­bis­se emp­fun­den, als er Sa­wyers Leich­nam in den schlecht ge­ar­bei­te­ten Sarg ge­legt hat­te, den er jetzt auf der Su­che nach Fen­ners acht­los zur Sei­te schob.

Er hat­te ge­ra­de den rich­ti­gen Sarg er­kannt, als der Wind die Tür ins Schloß warf, wo­durch es in der en­gen Grab­kam­mer noch fins­te­rer als zu­vor wur­de. Zwi­schen Tür und Schwel­le drang nur ein schwa­cher Licht­strahl in das In­ne­re der Gruft, so daß Birch sich müh­sam an den Sär­gen ent­lang­tas­ten muß­te, um wie­der an die Tür zu ge­lan­gen. Er rüt­tel­te hef­tig an der Klin­ke und trat schließ­lich so­gar mit dem Stie­fel da­ge­gen, gab die­se ver­geb­li­chen Be­mü­hun­gen dann aber wie­der auf, als sein vom Al­ko­hol um­ne­bel­ter Ver­stand ihm sag­te, daß die­se Me­tho­de we­nig er­folg­ver­spre­chend sei. Das jah­re­lang ver­nach­läs­sig­te Schloß war of­fen­sicht­lich durch den hef­ti­gen Auf­prall ge­bro­chen, wo­durch der To­ten­grä­ber zum Ge­fan­ge­nen der Gruft ge­wor­den war – ein Op­fer sei­ner ei­ge­nen Sorg­lo­sig­keit.

Die­ser Vor­fall muß sich et­wa um vier Uhr nach­mit­tags zu­ge­tra­gen ha­ben. Birch, der von Na­tur aus phleg­ma­tisch und prak­tisch ver­an­lagt war, ver­geu­de­te kei­ne Zeit mit ver­geb­li­chen Hil­fe­ru­fen, son­dern mach­te sich auf die Su­che nach ei­ni­gen Werk­zeu­gen, die er in ei­ner Ecke der Kam­mer hat­te lie­gen se­hen. Es bleibt zu be­zwei­feln, daß er das Un­heim­li­che und Furchter­re­gen­de sei­ner La­ge er­faß­te, aber er war je­den­falls wü­tend dar­über, sich aus­ge­rech­net in der Gruft ein­ge­sperrt zu fin­den, die in der ent­fern­tes­ten Ecke des Fried­hofs lag. Die Ar­beit, die er sich für die­sen Nach­mit­tag vor­ge­nom­men hat­te, wür­de er wohl kaum mehr be­en­den kön­nen, und wenn nicht der Zu­fall einen Men­schen in die­se Ge­gend führ­te, wür­de er un­ter Um­stän­den die gan­ze Nacht und noch län­ger hier ver­brin­gen müs­sen. Die Werk­zeu­ge wa­ren schnell ge­fun­den, Birch wähl­te einen Ham­mer und einen Mei­ßel und kehr­te über die Sär­ge hin­weg zur Tür zu­rück. Die Luft hat­te sich be­reits merk­lich ver­schlech­tert, aber er ach­te­te nicht dar­auf, son­dern be­ar­bei­te­te das schwe­re Schloß mit hef­ti­gen Schlä­gen.

Als er er­kann­te, daß das Schloß mit den vor­han­de­nen Mit­teln nicht auf­zu­bre­chen war – je­den­falls nicht in dem Halb­dun­kel, in dem er kaum den Mei­ßel­kopf er­ken­nen konn­te –, such­te Birch nach ei­nem an­de­ren mög­li­chen Aus­weg. Die Gruft war in ei­ne Fels­wand hin­ein­ge­hau­en wor­den, die je­den Aus­bruchs­ver­such nach oben von vorn­her­ein als aus­sichts­los er­schei­nen ließ. Über der Tür bil­de­te je­doch nur Zie­gel­mau­er­werk den Ab­schluß, das den Be­mü­hun­gen ei­nes ent­schlos­se­nen Man­nes kei­nen all­zu großen Wi­der­stand zu bie­ten ver­sprach; des­halb sah er lan­ge hin­auf, wäh­rend er fie­ber­haft über­leg­te, wie er es er­rei­chen kön­ne. In der Gruft be­fand sich nichts, was als Lei­ter ge­eig­net ge­we­sen wä­re, und die Sarg­nischen an den Sei­ten­wän­den, die Birch sel­ten ge­nug be­nutz­te, wa­ren zu weit ent­fernt, um als Stu­fen zu die­nen. Nur die Sär­ge selbst blie­ben nach die­sen Über­le­gun­gen üb­rig, und wäh­rend er dar­über nach­dach­te, such­te er nach der best­mög­li­chen An­ord­nung. Drei Sär­ge über­ein­an­der, schätz­te er, müß­ten ge­nü­gen, um ihn das Mau­er­werk er­rei­chen zu las­sen, aber vier wä­ren be­stimmt vor­zu­zie­hen. Die ein­zel­nen Sär­ge hat­ten et­wa glei­che Aus­ma­ße und konn­ten wie Bau­klöt­ze auf­ein­an­der­ge­stellt wer­den; Birch über­leg­te al­so, wie er mit acht Sär­gen ei­ne mög­lichst sta­bi­le Platt­form er­rich­ten kön­ne. Da­bei war es un­ver­meid­lich, daß er nach­träg­lich be­dau­er­te, die Ein­zel­tei­le die­ser im­pro­vi­sier­ten Trep­pe nicht doch et­was sorg­fäl­ti­ger und so­li­der an­ge­fer­tigt zu ha­ben. Daß er ge­nü­gend Vor­stel­lungs­kraft be­saß, um sich zu wün­schen, die Sär­ge sei­en leer, muß be­zwei­felt wer­den.

End­lich faß­te er einen Ent­schluß und be­gann die Sär­ge in fol­gen­der An­ord­nung über­ein­an­der­zutür­men: drei als Un­ter­la­ge, dann zwei mal zwei über­ein­an­der und schließ­lich noch einen, von dem aus er ar­bei­ten woll­te. Dann be­nütz­te er aber doch nur zwei für die un­ters­te La­ge, nach­dem er sich über­legt hat­te, daß er un­ter Um­stän­den noch einen brau­chen wür­de, um durch das Loch über der Tür hin­aus­klet­tern zu kön­nen. So plag­te der un­frei­wil­li­ge Ge­fan­ge­ne sich al­so in der tie­fen Däm­me­rung ab und er­rich­te­te vor An­stren­gung keu­chend La­ge für La­ge sei­nen Turm en mi­nia­ture. Ei­ni­ge der Sär­ge ächz­ten be­droh­lich, und er hob sich Matt Fen­ners Sarg bis zu­letzt auf, um sei­nen Fü­ßen spä­ter bei der Ar­beit ei­ne mög­lichst si­che­re Un­ter­la­ge zu bie­ten. Da­bei muß­te er sich vor al­lem auf sei­nen Tast­sinn ver­las­sen und stieß nur aus Zu­fall auf den rich­ti­gen Sarg, nach­dem er ihn zu­nächst aus Ver­se­hen in die drit­te Schicht ein­ge­baut hat­te.

Nach­dem der Turm­bau end­lich fer­tig­ge­stellt war, gönn­te Birch sich ei­ne kur­ze Pau­se, um dann mit Ham­mer und Mei­ßel be­waff­net an die Ar­beit zu ge­hen. Das leich­te Mau­er­werk ver­sprach kei­nen großen Wi­der­stand zu bie­ten, so daß der wa­cke­re Mann nicht dar­an zwei­fel­te, schon nach ver­hält­nis­mä­ßig kur­z­er Zeit wie­der in Frei­heit zu sein. Als die ers­ten Ham­mer­schlä­ge fie­len, wie­her­te sein Gaul auf, wo­bei al­ler­dings nicht mit Si­cher­heit zu un­ter­schei­den war, ob die­ser Laut Er­mun­te­rung oder Spott be­deu­ten soll­te.

Kei­ne der bei­den Aus­le­gun­gen war von der Hand zu wei­sen, denn das Mau­er­werk er­wies sich als über­ra­schend mas­siv.

Die Nacht folg­te auf die Abend­däm­merung, aber Birch ar­bei­te­te un­er­müd­lich wei­ter. Al­ler­dings muß­te er sich jetzt weit­ge­hend auf sei­nen Tast­sinn ver­las­sen, denn schwe­re Wol­ken ver­bar­gen den blas­sen Mond fast voll­stän­dig. Ob­wohl sein Werk nur lang­sam Fort­schrit­te mach­te, fühl­te Birch sich durch den all­mäh­lich ent­ste­hen­den Durch­bruch er­mu­tigt, den er bis Mit­ter­nacht ge­nü­gend er­wei­tert zu ha­ben hoff­te, um hin­durch­krie­chen zu kön­nen. Be­zeich­nend für sei­ne Ein­stel­lung die­sen Din­gen ge­gen­über muß es ge­nannt wer­den, daß er sich kei­ne Se­kun­de lang Ge­dan­ken über Zeit, Ort und die leb­lo­sen Ge­stal­ten zu sei­nen Fü­ßen mach­te. Er häm­mer­te un­ge­rührt wei­ter, stieß nur ab und zu einen kur­z­en Fluch aus, wenn ihn ein Split­ter ins Ge­sicht traf, und lach­te ein­mal so­gar lauthals, als ein an­de­rer das Pferd streif­te, das vor der Gruft un­ru­hig scharr­te. Im Lau­fe der Zeit hat­te er die Öff­nung so ver­grö­ßert, daß er be­reits ge­le­gent­lich den Ver­such un­ter­nahm, sich hin­durch­zu­zwän­gen, wo­bei die Sär­ge un­ter sei­nen Fü­ßen ge­fähr­lich knarr­ten und schwank­ten. Da­bei stell­te er fest, daß es nicht nö­tig sein wür­de, den be­ste­hen­den Sta­pel um einen Sarg zu er­hö­hen, denn das Loch be­fand sich ge­nau in der rich­ti­gen Hö­he und muß­te nur noch er­wei­tert wer­den. Es muß zu­min­dest be­reits Mit­ter­nacht ge­we­sen sein, als Birch zu der Über­zeu­gung kam, daß der Durch­bruch jetzt groß ge­nug sei. Da er trotz häu­fig ein­ge­leg­ter Ar­beit­s­pau­sen er­schöpft und schweiß­über­strömt war, stieg er noch ein­mal in die Gruft hin­un­ter, um sei­ne Kräf­te für den be­vor­ste­hen­den Aus­bruchs­ver­such zu sam­meln. Selt­sa­mer­wei­se ver­spür­te er kei­ne rech­te Be­geis­te­rung mehr da­zu und scheu­te zu­dem die da­mit ver­bun­de­ne An­stren­gung, denn sein Kör­per wies be­reits die ers­ten An­zei­chen der Kor­pu­lenz auf, die bei Män­nern sei­nes Al­ters so häu­fig an­zu­tref­fen ist.

Als er wie­der über die äch­zen­den Sär­ge nach oben klet­ter­te, emp­fand er sein nicht un­be­trächt­li­ches Kör­per­ge­wicht als be­son­ders hin­der­lich, vor al­lem als er den obers­ten er­reicht hat­te und un­ter sei­nen Fü­ßen ein be­droh­lich klin­gen­des Kra­chen ver­nahm. Of­fen­sicht­lich hat­te er sich ei­ner ver­geb­li­chen Hoff­nung hin­ge­ge­ben, als er den am bes­ten ge­bau­ten Sarg an die­se Stel­le ge­drückt hat­te, denn der De­ckel gab un­ter sei­nem Ge­wicht nach, so daß Birch einen hal­b­en Me­ter weit in et­was hin­ab­glitt, das nicht ein­mal er sich vor­stel­len moch­te. Sein Gaul, der schon durch das Kra­chen er­schreckt wor­den war, wur­de durch den ins Freie drin­gen­den un­er­träg­li­chen Ge­stank vollends scheu ge­macht und ras­te wie be­ses­sen mit dem Wa­gen da­von.

Birch be­fand sich nun in ei­ner La­ge, in der ein leich­tes Ent­kom­men durch die er­wei­ter­te Öff­nung un­mög­lich war, aber er sam­mel­te sei­ne Kräf­te zu ei­nem ent­schlos­se­nen Ver­such. Er um­klam­mer­te den un­te­ren Rand des Durch­bruchs und woll­te sich dar­an hoch­zie­hen, als er fest­stel­len muß­te, daß ihn et­was an den Knö­cheln zu­rück­zu­hal­ten schi­en. Jetzt emp­fand er zum ers­ten­mal in die­ser Nacht Angst, denn selbst sei­ne ver­zwei­fel­ten Be­mü­hun­gen konn­ten ihn nicht da­von be­frei­en, sei­ne Fü­ße blie­ben um­klam­mert. Gleich­zei­tig spür­te er fast un­er­träg­li­che Schmer­zen, die ihn noch mehr in Angst und Schre­cken ver­setz­ten, aber trotz­dem be­hielt er noch kla­ren Kopf ge­nug, um sich zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, daß die Wun­den von Nä­geln und Holz­split­tern her­rüh­ren muß­ten. Viel­leicht schrie er so­gar, stieß und schlug aber je­den­falls wild um sich, ob­wohl er be­reits ei­ner Ohn­macht na­he war.

Sein In­stinkt muß ihm da­mals zu Hil­fe ge­kom­men sein, denn er brach­te es schließ­lich doch fer­tig, sich durch die Öff­nung zu zwän­gen und auf dem Bo­den wei­ter­zu­krie­chen, nach­dem er jen­seits des ei­ser­nen Tors hin­ab­ge­glit­ten war. Es muß schau­er­lich an­zu­se­hen ge­we­sen sein, wie Birch müh­sam auf das Häus­chen des Fried­hofs­wär­ters zu­kroch, wäh­rend der schwa­che Mond­schein die blu­ti­ge Spur be­leuch­te­te, die er auf dem kies­be­streu­ten Weg hin­ter­ließ. Sei­ne Hän­de grif­fen nach den Grab­stei­nen, an de­nen er sich vor­wärts­zog, wäh­rend sein Kör­per nur un­wil­lig ge­horch­te, wie es im­mer der Fall zu sein scheint, wenn man sich von ei­nem We­sen aus ei­nem fürch­ter­li­chen Alp­traum ver­folgt fühlt. Of­fen­sicht­lich gab es die­sen Ver­fol­ger je­doch nicht, denn Birch war al­lein und le­ben­dig, als Ar­ming­ton, der Fried­hofs­wär­ter, ihm auf sein schwa­ches Klop­fen die Haus­tür öff­ne­te.

Ar­ming­ton trug Birch in ein leer­ste­hen­des Bett, dann schick­te er sei­nen Sohn Ed­win zu Dr. Da­vis. Der Ver­wun­de­te war bei vol­lem Be­wußt­sein, aber nicht zu ir­gend­wel­chen Aus­künf­ten be­reit, son­dern mur­mel­te nur im­mer wie­der vor sich hin: »Oh, mei­ne Fü­ße! Laß mich los! In der Gruft … ein­ge­schlos­sen …« Dann kam der Arzt mit sei­ner schwar­zen Ta­sche, stell­te ei­ni­ge Fra­gen, zog Birch die Stie­fel aus und schnitt vor­sich­tig die blut­durch­tränk­ten Ho­sen und So­cken auf. Die Wun­den – bei­de Knö­chel wa­ren an der Achil­les­seh­ne be­trächt­lich ver­letzt – schie­nen den al­ten Arzt zu­nächst in Er­stau­nen und schließ­lich so­gar in Schre­cken zu ver­set­zen. Er stell­te im­mer ein­dring­li­che­re Fra­gen, und sei­ne Hän­de zit­ter­ten merk­lich, als er die Ver­bän­de an­leg­te. Da­bei ar­bei­te­te er rasch.

Es ent­sprach kei­nes­falls dem We­sen des Arz­tes, der als zu­rück­hal­tend be­kannt war, daß er den er­schöpf­ten Birch mit Fra­gen über den ge­nau­en Her­gang des Un­glücks be­stürm­te. Er zeig­te sich merk­wür­dig dar­an in­ter­es­siert, ob Birch si­cher war – völ­lig si­cher –, wel­chen Sarg er zu­oberst auf den Sta­pel ge­stellt hat­te, wie er ihn aus­ge­sucht hat­te, wie er ihn in der herr­schen­den Dun­kel­heit als Fen­ners Sarg er­kannt hat­te und wie er ihn von dem schlech­teren un­ter­schie­den hat­te, in dem der rach­süch­ti­ge Asaph Sa­wyer lag. War es tat­säch­lich mög­lich, daß der sta­bil ge­bau­te Sarg Fen­ners so leicht hat­te nach­ge­ben kön­nen? Dr. Da­vis hat­te bei­de Sär­ge bei den je­wei­li­gen Be­stat­tun­gen ge­se­hen, de­nen er bei­ge­wohnt hat­te, da die bei­den Ver­stor­be­nen zu sei­nen Pa­ti­en­ten ge­hört hat­ten. An­läß­lich Sa­wyers Be­er­di­gung hat­te er sich so­gar dar­über ge­wun­dert, wie es mög­lich ge­we­sen war, daß der rach­süch­ti­ge Far­mer in ei­nem Sarg Platz hat­te, der dem des we­sent­lich klei­ne­ren Fen­ner auf­fäl­lig glich.

Erst zwei Stun­den spä­ter stand Dr. Da­vis von dem Bett des Ver­wun­de­ten auf, nach­dem er Birch ein­ge­schärft hat­te, über­all und im­mer zu be­haup­ten, die Wun­den rühr­ten aus­schließ­lich von Nä­geln und Holz­split­tern her. Birch soll­te über­haupt je­des Ge­spräch über die­sen un­glück­li­chen Vor­fall tun­lichst ver­mei­den und vor al­lem kei­nen an­de­ren Dok­tor sei­ne Ver­wun­dun­gen be­han­deln las­sen. Der To­ten­grä­ber be­folg­te die­sen Rat für den Rest sei­nes Le­bens, bis er sich mir an­ver­trau­te, und als ich die Nar­ben zu Ge­sicht be­kam, stimm­te ich mit ihm über­ein, daß er das Rich­ti­ge ge­tan ha­be. Er blieb für im­mer ge­lähmt, denn die Seh­nen wa­ren durch­trennt, aber ich glau­be, daß die ei­gent­li­chen Wun­den in sei­ner See­le zu­rück­b­lie­ben. Sein Ver­stand war nun auf un­er­klär­li­che Wei­se ver­wirrt, und sei­ne Re­ak­ti­on auf Wör­ter wie Frei­tag, Gruft, Sarg und an­de­re, die noch un­ver­fäng­li­cher klan­gen, war ge­ra­de­zu mit­lei­der­re­gend. Er gab sei­nen Be­ruf auf, aber ir­gend et­was schi­en ihn zeit sei­nes Le­bens zu be­drücken. Es mag nur ei­ne un­ge­wis­se Furcht ge­we­sen sein, aber ich ha­be Grund zu der An­nah­me, daß sich dar­un­ter auch ein ver­spä­te­tes Be­dau­ern misch­te, mit dem er an ver­gan­ge­ne Ta­ten zu­rück­dach­te.

Nach­dem Dr. Da­vis ihn in je­ner Nacht ver­las­sen hat­te, bat er den Fried­hofs­wär­ter um ei­ne La­ter­ne und mach­te sich auf den Weg zu der Gruft. Der Mond warf ein geis­ter­haf­tes Licht auf die Zie­gel­trüm­mer und das gäh­nen­de Loch ober­halb der ei­ser­nen Tür. Das ros­ti­ge Schloß ließ sich von au­ßen oh­ne großen Kraft­auf­wand be­tä­ti­gen, aber Dr. Da­vis war vor­sich­tig ge­nug, das Tor durch einen Stein­bro­cken zu si­chern, be­vor er sich in die Gruft wag­te. Er dach­te an die zahl­lo­sen Ob­duk­tio­nen zu­rück, die er mit­ge­macht hat­te, ließ sich von dem ent­setz­li­chen Ge­stank nicht wei­ter be­ein­dru­cken und rich­te­te den Strahl der La­ter­ne auf die Sär­ge, die wirr durch­ein­an­der­la­gen. Zu­erst stieß er einen lau­ten Schrei aus, dann gab er einen halb er­stick­ten Laut von sich, der noch schreck­er­füll­ter klang. Einen Au­gen­blick spä­ter flüch­te­te er wie von Fu­ri­en ge­hetzt in das Haus des Fried­hofs­wär­ters zu­rück und vers­tieß ge­gen al­le Re­geln der ärzt­li­chen Kunst, in­dem er sei­nen Pa­ti­en­ten auf­weck­te, ihn bei den Schul­tern rüt­tel­te und ihm auf­ge­regt et­was ins Ohr flüs­ter­te. Sei­ne Wor­te müs­sen auf Birchs ver­wirr­ten Ver­stand wie die Trom­pe­ten des Jüngs­ten Ge­richts ge­wirkt ha­ben …

»Es war Asa­phs Sarg, Birch, wie ich es mir ge­dacht ha­be! Ich ha­be sein Ge­biß wie­der­er­kannt, in dem die obe­ren Vor­der­zäh­ne fehl­ten – um Got­tes wil­len, zei­gen Sie nie­mals je­mand Ih­re Wun­den! Die Lei­che ist schon ziem­lich ver­west, aber die­ser rach­süch­ti­ge Aus­druck auf dem Ge­sicht – oder dem, was frü­her ein­mal ein Ge­sicht war! … Sie wis­sen doch, wie er sich für al­les räch­te – wie er den al­ten Ray­mond drei­ßig Jah­re nach ih­rem Grenz­streit rui­nier­te, wie er ein­mal einen Hund er­schoß, der als Wel­pe nach ihm ge­schnappt hat­te … Er war der leib­haf­ti­ge Teu­fel, Birch, und ich glau­be wirk­lich, daß sei­ne Rach­gier den Tod über­wun­den hat! Gott, die­ser haß­er­füll­te Ge­sichts­aus­druck!

Warum ha­ben Sie das ge­tan, Birch? Sa­wyer war ein Schuft, und ich kann ver­ste­hen, daß Sie ihm den schlech­ten Sarg ge­ge­ben ha­ben, aber muß­ten Sie denn gleich so weit ge­hen? Nie­mand hät­te es Ih­nen übel­ge­nom­men, wenn Sie das Ding für je­mand an­de­ren ge­nom­men hät­ten, aber Sie wuß­ten doch, wie klein der al­te Fen­ner war.

Die­sen An­blick wer­de ich nie wie­der ver­ges­sen kön­nen, selbst wenn ich hun­dert Jah­re alt wer­den soll­te. Sie ha­ben ver­zwei­felt um sich ge­schla­gen, als Ih­re Seh­nen zer­bis­sen wur­den, denn Asa­phs Sarg lag auf dem Bo­den.

Ich ha­be schon viel mit­ge­macht und ge­se­hen, aber die­ser An­blick war schau­er­li­cher als al­les an­de­re je zu­vor. Au­ge um Au­ge, Zahn um Zahn! Der zer­trüm­mer­te Schä­del al­lein wä­re schon ge­nug ge­we­sen, aber das an­de­re war noch viel schlim­mer – die säu­ber­lich ab­ge­trenn­ten Fü­ße, da­mit die Lei­che in den für Matt Fen­ner vor­ge­se­he­nen Sarg paß­te!«