Der schwarze Kater
von
Ed­gar Al­len Poe

 

 

Ed­gar Al­len Poe (1809-1849) galt in sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Ge­burts­land lan­ge Zeit als ein Frem­der, ehe man in Eu­ro­pa sei­ne li­te­ra­ri­sche Be­deu­tung er­kann­te. Heu­te gilt Poe auch in sei­ner Hei­mat als Klas­si­ker der ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur. Zahl­lo­se Le­gen­den ran­ken sich um sein Le­ben. Er be­such­te in Lon­don die Schu­le, stu­dier­te an der Uni­ver­si­tät von Vir­gi­nia, ging 1827 zur Ar­mee und 1830 für ein Jahr als Ka­dett nach West Point. Nach ei­nem ernst­haf­ten Zer­würf­nis vers­tieß sein Vor­mund Al­len den see­lisch La­bi­len, der meist in großer Ar­mut leb­te, im­mer wie­der an Al­ko­ho­lis­mus und Dro­gen­sucht litt und an weit­ge­hend un­ge­klär­ten Um­stän­den in Bal­ti­mo­re starb. Seit 1833 fris­te­te Poe ein kärg­li­ches Le­ben als Schrift­stel­ler, Jour­na­list und Her­aus­ge­ber li­te­ra­ri­scher Zeit­schrif­ten. Bis auf den heu­ti­gen Tag wur­de Ame­ri­kas be­deu­tends­ter Dich­ter beim brei­ten Pu­bli­kum im Gru­sel­ka­bi­nett der »go­thic no­vel« ab­ge­legt, ein Miß­ver­ständ­nis, das Poes un­be­strit­te­nen li­te­ra­ri­schen Rang auf die Dau­er nicht zu be­ein­träch­ti­gen ver­moch­te. Wenn Poe in un­se­rem »Gru­sel­ka­bi­nett« Auf­nah­me ge­fun­den hat, so als Ahn­herr und Klas­si­ker ei­ner Li­te­ra­tur­gat­tung, die mit sei­nem Na­men auf das al­le­rengs­te ver­bun­den ist: Daß Poe mehr war als ein be­lieb­ter Au­tor von Gru­sel­ge­schich­ten, steht au­ßer Zwei­fel.

 

 

Ich ver­lan­ge und er­war­te nicht, daß man die höchst selt­sa­me und doch ein­fa­che Ge­schich­te, die ich hier nie­der­schrei­ben will, glaubt. Es wä­re auch tö­richt, dies zu tun, denn ich selbst ver­mag dem Zeug­nis mei­ner Sin­ne kaum zu trau­en. Doch bin ich we­der wahn­sin­nig, noch ha­be ich ge­träumt. Mor­gen aber muß ich ster­ben und möch­te dar­um heu­te mei­ne See­le ent­las­ten. Zu die­sem Zweck will ich der Welt klar und bün­dig und oh­ne wei­te­re Er­ör­te­run­gen ei­ne Rei­he rein häus­li­cher Be­ge­ben­hei­ten vor Au­gen füh­ren. Die Fol­gen die­ser Be­ge­ben­hei­ten ha­ben mich dem Ent­set­zen, ha­ben mich der Qual an­heim­ge­ge­ben und mich schließ­lich zu­grun­de ge­rich­tet. Doch will ich nicht ver­su­chen, sie wei­ter zu er­klä­ren. Mir ha­ben sie ein Schau­dern ver­ur­sacht; an­de­ren mö­gen sie viel­leicht we­ni­ger schreck­lich als son­der­bar er­schei­nen. Spä­ter viel­leicht wird ein den­ken­der Geist mei­ne Wahn­ge­bil­de auf Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten zu­rück­füh­ren – er wird, ru­hi­ger, lo­gi­scher und viel we­ni­ger ner­vös als ich, in all den Um­stän­den, die ich nun mit Grau­sen er­zäh­le, die ge­wöhn­li­che Fol­ge ganz na­tür­li­cher Ur­sa­chen und Wir­kun­gen er­ken­nen.

Von frü­her Kind­heit an war ich we­gen mei­nes ge­leh­ri­gen, lie­be­vol­len We­sens be­kannt. Die Zärt­lich­keit mei­nes Her­zens war so un­ge­wöhn­lich, daß sie mich zum Ge­spött mei­ner Ka­me­ra­den mach­te. Ich war ein großer Tier­freund, und mei­ne El­tern ge­stat­te­ten mir gü­tigst, ei­ne gan­ze An­zahl sol­cher Lieb­lin­ge zu hal­ten. Mit ih­nen ver­brach­te ich den größ­ten Teil mei­ner Zeit und fühl­te mich nie so glück­lich, als wenn ich sie füt­ter­te und lieb­kos­te. Die­se Ei­gen­heit mei­nes We­sens wuchs mit den Jah­ren und war spä­ter im Man­nes­al­ter der Quell mei­ner größ­ten Ver­gnü­gun­gen. De­nen, die je­mals Nei­gung für einen treu­en und ge­leh­ri­gen Hund ge­habt ha­ben, brau­che ich wohl die Na­tur und die in­ni­ge Be­frie­di­gung, die aus solch ei­ner Lieb­ha­be­rei ent­ste­hen kann, nicht wei­ter zu er­klä­ren. In der selbst­lo­sen und auf­op­fe­rungs­fä­hi­gen An­häng­lich­keit ei­nes Tie­res liegt et­was, das un­mit­tel­bar zum Her­zen des­sen spricht, der oft Ge­le­gen­heit ge­habt hat, die Arm­se­lig­keit und Un­be­stän­dig­keit der Men­schen – was Freund­schaft und Treue an­geht – zu er­pro­ben.

Ich hei­ra­te­te früh und war glück­lich, bei mei­ner Frau ei­ne mei­nem We­sen ent­spre­chen­de Ge­müts­art zu fin­den. Als sie mei­ne Vor­lie­be für Haus­tie­re be­merk­te, ließ sie kei­ne Ge­le­gen­heit vor­über­ge­hen, mir die ge­fäl­ligs­ten zu ver­schaf­fen. Und so be­sa­ßen wir denn Vö­gel, Gold­fi­sche, einen schö­nen Hund, Ka­nin­chen, einen klei­nen Af­fen und einen – Ka­ter.

Er war ein auf­fal­lend großes und schö­nes Tier, voll­stän­dig schwarz und er­staun­lich klug. Mei­ne Frau, die ein we­nig aber­gläu­bisch war, mach­te oft, wenn sie von die­ser Klug­heit sprach, An­spie­lun­gen auf den volks­tüm­li­chen Aber­glau­ben, nach dem al­le schwar­zen Kat­zen ver­kapp­te He­xen sind. Ich will nicht sa­gen, daß sie je­mals ernst­haft dar­an glaub­te, und ich er­wäh­ne es über­haupt nur, weil ich mich zu­fäl­lig wie­der dar­an er­in­ne­re.

Plu­to – so hieß der Ka­ter – war mein be­vor­zug­ter Lieb­ling und Spiel­ge­nos­se. Ich al­lein füt­ter­te ihn, und er be­glei­te­te mich auf Schritt und Tritt im gan­zen Hau­se her­um. Ich konn­te ihm nur mit Mü­he ver­weh­ren, mir auch auf die Stra­ße zu fol­gen.

Un­se­re Freund­schaft hat­te nun schon meh­re­re Jah­re be­stan­den – Jah­re, in de­nen mein Tem­pe­ra­ment und mein Cha­rak­ter, wie ich mit Be­schä­mung ge­ste­hen muß, durch den Dä­mon Un­mä­ßig­keit all­mäh­lich ei­ne voll­stän­di­ge Wand­lung zum Schlim­men er­fuhr. Ich wur­de von Tag zu Tag trüb­sin­ni­ger, reiz­ba­rer, rück­sichts­lo­ser. Selbst mei­ner Frau ge­gen­über ge­stat­te­te ich mir ei­ne bru­ta­le Spra­che und ver­griff mich schließ­lich so­gar tät­lich an ihr. Mei­ne Lieb­lin­ge muß­ten na­tür­lich eben­falls un­ter die­ser Ver­än­de­rung mei­ner Ge­müts­art lei­den. Ich ver­nach­läs­sig­te sie nicht nur, son­dern miß­han­del­te sie. Für Plu­to je­doch emp­fand ich noch im­mer so viel Zu­nei­gung, daß ich ihn we­nigs­tens nicht quäl­te, ob­wohl ich mir kein Ge­wis­sen dar­aus mach­te, die Ka­nin­chen, den Af­fen und selbst den Hund, wenn sie mir aus Zu­fall oder An­häng­lich­keit in den Weg lie­fen, zu pei­ni­gen, wie ich nur konn­te. Aber mei­ne Krank­heit ge­wann im­mer mehr Macht über mich – denn wel­che Krank­heit ist an Hart­nä­ckig­keit dem Hang zum Al­ko­hol zu ver­glei­chen? –, und zum Schluß muß­te selbst Plu­to, der an­fing, alt und in­fol­ge­des­sen et­was mür­risch zu wer­den, die Wir­kun­gen mei­ner Ver­düs­te­rung an sich er­fah­ren.

Ei­nes Nachts, als ich voll­stän­dig be­trun­ken aus ei­ner mei­ner ge­lieb­ten Knei­pen in der Stadt spät nach Hau­se zu­rück­kehr­te, bil­de­te ich mir ein, der Ka­ter mei­de mei­ne Ge­gen­wart. Ich fing ihn ein, raff­te ihn hoch, wo­bei er mir, wahr­schein­lich aus Angst vor mei­ner Hef­tig­keit, mit den Zäh­nen ei­ne klei­ne Wun­de an der Hand bei­brach­te. In dem­sel­ben Au­gen­blick er­griff mich ei­ne wil­de Wut; ich kann­te mich selbst nicht mehr, es war, als sei mei­ne See­le aus dem Kör­per ent­wi­chen; ei­ne mehr als teuf­li­sche, vom Schnaps noch an­ge­feu­er­te Bos­heit zuck­te in je­der Fi­ber mei­nes Lei­bes. Ich zog ein Fe­der­mes­ser aus mei­ner Ta­sche, öff­ne­te es, pack­te das ar­me Tier an der Gur­gel und stach ihm ganz be­däch­tig eins sei­ner Au­gen aus der Höh­le her­aus. Oh! – es über­läuft mich ab­wech­selnd ein glü­hen­der und ei­si­ger Schau­der, da ich die­se fluch­wür­di­ge Scheuß­lich­keit hier nie­der­schrei­be.

Als ich am an­de­ren Mor­gen den Dunst mei­ner nächt­li­chen Aus­schwei­fung ver­schla­fen hat­te und wie­der zu Ver­stän­de kam, emp­fand ich über mein Ver­bre­chen ein aus Ab­scheu und Ge­wis­sens­bis­sen ge­misch­tes Ge­fühl; doch war es nur ei­ne schwa­che Emp­fin­dung, und in ih­rer Tie­fe blieb mei­ne See­le von der­sel­ben un­be­rührt. Ich über­ließ mich aufs neue mei­nen Un­mä­ßig­kei­ten, und je­de Er­in­ne­rung an die Tat er­tränk­te ich im Brannt­wein. Der Ka­ter ge­nas mitt­ler­wei­le lang­sam.

Sei­ne lee­re Au­gen­höh­le bot al­ler­dings einen schau­er­li­chen An­blick, doch schi­en er kei­ne Schmer­zen mehr zu lei­den. Wie frü­her strich er im Haus um­her, floh aber, wie leicht er­klär­lich, ent­setzt da­von, so­bald ich in sei­ne Nä­he kam. Ich hat­te mir noch so viel Ge­fühl be­wahrt, daß mich die of­fen­ba­re Ab­nei­gung ei­nes Ge­schöp­fes, das mir frü­her zu­ge­tan war, be­trüb­te. Doch wich die­se Emp­fin­dung bald ei­ner tücki­schen Er­bit­te­rung. Und dann kam auch, um mei­nen end­gül­ti­gen, un­wi­der­ruf­li­chen Un­ter­gang zu be­sie­geln, der Geist der Per­ver­si­tät über mich. Die Psy­cho­lo­gie hat sich noch nie mit die­sem Dä­mon be­faßt. Doch so wahr mei­ne See­le lebt, ich glau­be, daß die Per­ver­si­tät ei­ner der Grundtrie­be des mensch­li­chen Her­zens ist, ei­ne der un­teil­ba­ren Un­fä­hig­kei­ten oder Ge­füh­le, die dem Cha­rak­ter des Men­schen sei­ne Rich­tungs­li­nie ge­ben. Wem wä­re es nicht hun­dert­mal be­geg­net, daß er sich bei ei­ner nied­ri­gen oder tö­rich­ten Hand­lung über­rasch­te, die er nur des­halb be­ging, weil er wuß­te, daß sie ver­bo­ten war? Ha­ben wir nicht be­stän­dig die Nei­gung, die Ge­set­ze zu ver­let­zen, bloß weil wir sie als sol­che an­er­ken­nen müs­sen? Die­ser Geist der Per­ver­si­tät kam al­so, wie ich schon sag­te, über mich, um mei­nen Un­ter­gang zu vollen­den. Je­ner un­er­gründ­li­che Drang der See­le, sich selbst zu quä­len, ih­rer ei­ge­nen Na­tur Ge­walt an­zu­tun und das Un­recht nur um des Un­rech­tes wil­len zu be­ge­hen, trieb mich an, das un­schul­di­ge Tier, das ich schon so gräß­lich miß­han­delt hat­te, noch wei­ter zu quä­len. Ei­nes Mor­gens leg­te ich kalt­blü­tig ei­ne Schlin­ge um sei­nen Hals und häng­te es an dem Ast ei­nes Bau­mes auf; häng­te es auf, wäh­rend mir die Trä­nen aus den Au­gen ström­ten und Ge­wis­sens­bis­se mein Herz fol­ter­ten; häng­te es auf, weil ich wuß­te, daß es mich ge­liebt, und weil ich fühl­te, daß es mir nie ei­ne Ur­sa­che zu die­ser Miß­hand­lung ge­ge­ben hat­te; häng­te es auf, weil ich fühl­te, daß ich mit der Tat ei­ne Sün­de be­ging, ei­ne Tod­sün­de, die das Heil mei­ner See­le ver­nich­ten konn­te, sie, wenn es noch mög­lich ge­we­sen wä­re, dem Be­reich der Gna­de des all­barm­her­zi­gen Got­tes hät­te ent­zie­hen müs­sen.

In der Nacht, die dem Ta­ge folg­te, an dem ich die grau­sa­me Tat voll­führt hat­te, wur­de ich durch Feu­er­lärm aus dem Schla­fe ge­weckt. Die Vor­hän­ge mei­nes Bet­tes brann­ten, das gan­ze Haus stand schon in Flam­men. Un­ter großen Ge­fah­ren ent­ran­nen mei­ne Frau, un­ser Dienst­bo­te und ich der Feu­ers­brunst. Al­les wur­de zer­stört, mein gan­zer Be­sitz an ir­di­schen Gü­tern war da­hin. Und ich selbst über­ließ mich von nun ab nur noch wi­der­stands­lo­ser dem Trunk.

Ich bin längst über die Schwä­che hin­aus, ein Ver­hält­nis von Ur­sa­che und Wir­kung zwi­schen die­sem Un­glück und der vor­her­ge­gan­ge­nen Schänd­lich­keit zu er­bli­cken. Ich stel­le nur ei­ne Ket­te von Tat­sa­chen fest und möch­te da­bei kein Glied un­er­wähnt las­sen. Am Tag nach dem Brand be­sich­tig­te ich die Trüm­mer. Die Mau­ern wa­ren bis auf ei­ne zu­sam­men­ge­stürzt: und zwar war die nicht sehr di­cke Schei­de­wand in der Mit­te des Hau­ses, an der das Kopf­en­de mei­nes Bet­tes ge­stan­den hat­te, ste­hen­ge­blie­ben. Die Wand­ver­klei­dung selbst hat­te dem Feu­er auf­fal­lend gut wi­der­stan­den – ich führ­te dies auf den Um­stand zu­rück, daß sie erst vor kur­z­em neu an­ge­wor­fen wor­den war. Um die­se Mau­er her­um hat­te sich ei­ne dich­te Men­schen­men­ge ver­sam­melt und schi­en einen be­stimm­ten Teil der­sel­ben ei­ner ein­ge­hen­den, eif­ri­gen Prü­fung zu un­ter­zie­hen. Wor­te wie ›selt­sam!‹ und ›son­der­bar!‹ und ähn­li­che Aus­ru­fe er­reg­ten mei­ne Neu­gier­de. Ich nä­her­te mich und er­blick­te auf der wei­ßen Ober­flä­che, wie im Bas-Re­li­ef ein­ge­gra­ben, die Ge­stalt ei­nes rie­si­gen Ka­ters. Die Kon­tu­ren wa­ren mit wun­der­ba­rer Sorg­falt aus­ge­führt. Um den Hals des Tie­res lag ein Strick.

Als ich die­sen Spuk – für et­was an­de­res konn­te ich’s kaum hal­ten – er­blick­te, ge­riet ich vor Stau­nen und Grau­sen au­ßer mir. Schließ­lich er­in­ner­te ich mich, daß ich den Ka­ter in ei­nem Gar­ten er­hängt hat­te, der dicht an mein Haus an­s­tieß. Bei dem Feu­er­lärm hat­te sich der Gar­ten so­fort mit Men­schen ge­füllt. Ei­ner von ih­nen muß­te das Tier ab­ge­schnit­ten und durch ein of­fe­nes Fens­ter – wahr­schein­lich in der Ab­sicht, mich aus dem Schla­fe zu we­cken – in mein Zim­mer ge­schleu­dert ha­ben. Beim Ein­sturz der an­de­ren Mau­er muß­te ir­gend­ein Zu­fall das Op­fer mei­ner Grau­sam­keit in die frisch auf­ge­tra­ge­ne Mas­se des Mau­er­put­zes fest ein­ge­drückt ha­ben. Das Feu­er hat­te dann in Ver­bin­dung mit dem tie­ri­schen Al­ka­li des Ka­da­vers sei­ne Um­ris­se fest in den Kalk ein­ge­brannt.

Ob­gleich ich, was die­se auf­re­gen­de, rasch er­zähl­te Tat­sa­che an­geht, mei­ner Ver­nunft, wenn nicht mei­nem Ge­wis­sen Ge­nü­ge tat, mach­te sie nichts­de­sto­we­ni­ger einen tie­fen Ein­druck auf mei­ne Phan­ta­sie. Mo­na­te­lang konn­te ich mich von der Spuk­ge­stalt des Ka­ters nicht be­frei­en, und ei­ne un­be­stimm­te Emp­fin­dung, die wie Reue er­schi­en, es aber doch nicht war, kehr­te in mein Ge­müt ein. Ich fing so­gar an, den Ver­lust des Tie­res auf­rich­tig zu be­dau­ern, und be­gann, mich in den nied­ri­gen Schen­ken, die ich meist be­such­te, nach ei­nem an­de­ren Tier der­sel­ben Art und von ei­ni­ger­ma­ßen ähn­li­chem Aus­se­hen um­zu­se­hen, das den Platz Plu­tos wie­der aus­fül­len konn­te.

Ei­nes Nachts, als ich, schon halb stumpf­sin­nig, in ei­ner der al­ler­nied­rigs­ten Laster­höh­len saß, lenk­te sich mei­ne Auf­merk­sam­keit plötz­lich auf einen dunklen Ge­gen­stand, der oben auf ei­nem rie­si­gen Ox­hoft­faß voll Brannt­wein oder Rum lag, das ein Haupt­stück der Aus­stat­tung des Lo­ka­les bil­de­te. Ei­ni­ge Mi­nu­ten lang blick­te ich fest nach dem in die Hö­he ge­rich­te­ten Bo­den des Fas­ses, und es setz­te mich in Er­stau­nen, daß ich den be­tref­fen­den Ge­gen­stand nicht eher be­merkt hat­te. Ich ging dar­auf zu und be­rühr­te ihn mit der Hand. Es war ein schwar­zer Ka­ter – ein sehr großer schwar­zer Ka­ter –, ganz so groß wie Plu­to und ihm, mit Aus­nah­me ei­ner ein­zi­gen Ab­wei­chung, voll­stän­dig ähn­lich. Plu­to hat­te an sei­nem gan­zen Kör­per kein ein­zi­ges wei­ßes Haar; die­ser Ka­ter hat­te da­ge­gen einen großen, wenn auch un­deut­lich ge­zeich­ne­ten wei­ßen Fle­cken, der bei­na­he die gan­ze Brust be­deck­te.

Als ich das Tier be­rühr­te, er­hob es sich so­fort, be­gann laut zu schnur­ren, rieb sich an mei­ner Hand und schi­en über die ihm ge­spen­de­te Auf­merk­sam­keit höchst er­freut. Dies war al­so wohl ge­ra­de das Tier, das ich such­te! Ich mach­te dem Wirt so­fort ein An­ge­bot, um es zu kau­fen, aber der er­hob über­haupt kei­nen An­spruch dar­auf, sag­te, er ken­ne es nicht und ha­be es nie zu­vor ge­se­hen.

Ich fuhr in mei­nen Lieb­ko­sun­gen fort, und als ich mich auf den Heim­weg mach­te, schi­en das Tier mir fol­gen zu wol­len. Ich ge­stat­te­te es und stand un­ter­wegs hin und wie­der still, um es zu strei­cheln. Zu Hau­se an­ge­kom­men, ge­wöhn­te es sich gleich ein und wur­de so­fort der Lieb­ling mei­ner Frau.

In mir je­doch fühl­te ich bald ei­ne Ab­nei­gung ge­gen das Tier ent­ste­hen. Das war ge­ra­de das Ge­gen­teil von dem, was ich er­war­tet hat­te, aber – ich weiß nicht, wie und wes­halb – sei­ne au­gen­schein­li­che An­häng­lich­keit an mich wi­der­te mich an. Nach und nach ver­wan­del­te sich dies Ge­fühl des Wi­der­wil­lens in er­bit­ter­ten Haß. Ich mied die Kat­ze; ein ge­wis­ses Ge­fühl der Be­schä­mung und die Er­in­ne­rung an mei­ne frü­he­re Grau­sam­keit ver­hin­der­ten je­doch, daß ich sie miß­han­del­te. Ei­ni­ge Wo­chen ver­gin­gen, oh­ne daß ich sie schlug oder sonst quäl­te. Aber all­mäh­lich – ganz all­mäh­lich – fing ich an, sie mit un­aus­sprech­li­chem Ab­scheu zu be­trach­ten und vor ih­rer ver­haß­ten Ge­gen­wart wie vor dem gif­ti­gen Hauch der Pest schwei­gend zu ent­flie­hen.

Was oh­ne Zwei­fel mei­nen Haß ge­gen das Tier noch ver­schärf­te, war die Ent­de­ckung, die ich gleich am ers­ten Mor­gen mach­te: daß das Tier, ge­ra­de wie Plu­to, des einen Au­ges be­raubt war. Die­ser Um­stand mach­te es mei­ner Frau nur noch lie­ber, die, wie ich schon sag­te, in ho­hem Ma­ße je­ne Zärt­lich­keit des Her­zens be­saß, die auch einst mein her­vor­ste­chends­ter Cha­rak­ter­zug und die Quel­le ein­fachs­ter und reins­ter Freu­den ge­we­sen war.

Doch schi­en mit mei­nem Wi­der­wil­len ge­gen den Ka­ter des­sen Vor­lie­be für mich nur noch zu wach­sen. Er folg­te mir stets auf dem Fu­ße, mit ei­ner Be­harr­lich­keit, die ich nur schwer be­schrei­ben kann. Setz­te ich mich nie­der, so kau­er­te er sich un­ter mei­nen Stuhl oder sprang mir auf die Knie und über­häuf­te mich mit den häß­lichs­ten Lieb­ko­sun­gen. Stand ich auf, um weg­zu­ge­hen, so zwäng­te er sich zwi­schen mei­ne Fü­ße und warf mich fast zu Bo­den, oder er klam­mer­te sich mit sei­nen lan­gen, schar­fen Kral­len in mei­ne Klei­der und klet­ter­te an mir fast bis zur Brust her­auf. Und ob­gleich mich bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten das Ver­lan­gen pack­te, ihn mit ei­nem Hie­be tot­zu­schla­gen, hielt mich im­mer ir­gend et­was da­von zu­rück, teils die Er­in­ne­rung an mein frü­he­res Ver­b­rechen, je­doch haupt­säch­lich – ich will es nur gleich ge­ste­hen – ei­ne wirk­li­che Angst vor dem Tier.

Ich fürch­te­te mich nicht ge­ra­de vor ei­ner kör­per­li­chen Ver­let­zung durch Ka­ter – und doch wüß­te ich nicht, wie ich sonst dies Ge­fühl er­klä­ren soll­te! Ich ge­ste­he mit Be­schä­mung, selbst in die­ser Ver­brecher­zel­le mit Be­schä­mung, daß der Schreck und der Ab­scheu, den das Tier mir ein­flö­ßte, durch ein nich­ti­ges Hirn­ge­spinst – so nich­tig, wie man sich nur eins vor­stel­len mag – noch ge­stei­gert wur­de. Mei­ne Frau hat­te mich ge­le­gent­lich auf die Form des wei­ßen Fle­ckens hin­ge­wie­sen, von dem ich schon ge­spro­chen ha­be, und der den ein­zi­gen sicht­ba­ren Un­ter­schied zwi­schen die­sem selt­sa­men Tie­re und dem von mir ge­tö­te­ten aus­mach­te. Der Le­ser wird sich er­in­nern, daß die­ser Fleck, ob­gleich er groß war, nur sehr un­deut­li­che Um­ris­se auf­wies. Aber in ganz all­mäh­li­chen, kaum wahr­nehm­ba­ren Stei­ge­run­gen, die mei­ne Ver­nunft sich ver­geb­lich als Ein­bil­dun­gen ein­re­den woll­te, er­lang­ten die­sel­ben ei­ne fürch­ter­li­che Deut­lich­keit. Sie stell­ten jetzt einen Ge­gen­stand dar, den ich zu nen­nen schau­de­re und des­sent­we­gen al­lein ich das Un­ge­heu­er ver­ab­scheu­te und fürch­te­te und mich von ihm be­freit ha­ben wür­de, hät­te ich es nur ge­wagt. Es war das Ab­bild ei­nes scheuß­li­chen, spuk­haf­ten Ge­gen­stan­des – ich spre­che es aus: Es war die Zeich­nung ei­nes Gal­gens. O trau­ri­ges und furcht­ba­res Mahn­bild der Schan­de und der Süh­ne nied­rigs­ten Ver­bre­chens – voll To­des­qual!

Und nun war ich elend – elend über al­le Gren­zen mensch­li­chen Elends hin­aus. Und ein un­ver­nünf­ti­ges Tier – von des­sen Ge­schlecht ich ei­nes ver­ächt­lich ge­tö­tet hat­te –, ein ver­nunft­lo­ses Tier be­rei­te­te mir, ei­nem Men­schen nach dem Eben­bil­de Got­tes, ei­ne solch un­er­träg­li­che Qual! Ach! We­der bei Ta­ge noch bei Nacht emp­fand ich mehr die Wohl­tat der Ru­he. Tags­über ließ mich das Tier kei­nen Au­gen­blick al­lein, und des Nachts fuhr ich stünd­lich aus Träu­men voll un­aus­sprech­li­chen Grau­sens auf, fühl­te sei­nen Atem über mei­nem Ge­sicht und sein schwe­res Ge­wicht – wie einen kör­per­lich ge­wor­de­nen Nachts­puk, den ich ab­zu­schüt­teln nicht die Kraft hat­te – un­abläs­sig auf mei­ner Brust!

Un­ter dem Druck sol­cher Qua­len. schwand der schwa­che Rest da­hin, der noch von Gu­tem in mir war. Schlim­me Ge­dan­ken wur­den mei­ne ein­zi­gen Be­glei­ter – schlimms­te, fins­ters­te Ge­dan­ken! Mein ge­wöhn­li­cher Trüb­sinn ar­te­te in Haß aus ge­gen al­les in der Welt, ja ge­gen die gan­ze Mensch­heit: Meist war es mei­ne still dul­den­de Frau, die un­ter den plötz­li­chen zü­gel­lo­sen Wut­aus­brü­chen, de­nen ich mich jetzt oft blind­lings über­ließ, bit­ter zu lei­den hat­te.

Ei­nes Ta­ges be­glei­te­te sie mich we­gen ir­gend­ei­ner häus­li­chen An­ge­le­gen­heit in den Kel­ler des al­ten Ge­bäu­des, das zu be­woh­nen uns un­se­re Ar­mut nö­tig­te. Die Kat­ze folg­te mir die stei­len Trep­pen hin­un­ter und ver­an­laß­te, daß ich stol­per­te und fast kopf­über hin­un­ter­ge­stürzt wä­re. Dies er­bos­te mich sehr. Ich er­griff ei­ne Axt, ver­gaß in mei­ner kind­li­chen Wut die Angst, die bis jetzt mei­ne Hand zu­rück­ge­hal­ten hat­te, und führ­te einen Streich auf das Tier, der si­cher töd­lich ge­we­sen wä­re, wenn er so ge­trof­fen hät­te, wie ich es wünsch­te. Mei­ne Frau je­doch hielt den Schlag auf. Dies ver­setz­te mich in ei­ne mehr als teuf­li­sche Ra­se­rei, ich riß mei­nen Arm aus den Hän­den mei­ner Frau los und hieb ihr die Axt in den Schä­del. Oh­ne den ge­rings­ten Laut brach sie so­fort tot zu­sam­men.

Kaum war die­ser grau­en­vol­le Mord ge­sche­hen, als ich mich auch schon dar­an mach­te, den Leich­nam mit al­ler Über­le­gung zu ver­ber­gen. Ich sah ein, daß ich ihn we­der bei Tag noch bei Nacht aus dem Hau­se schaf­fen konn­te, oh­ne Ge­fahr zu lau­fen, von den Nach­barn be­merkt zu wer­den. Man­cher­lei Plä­ne ka­men mir in den Sinn. Ein­mal dach­te ich dar­an, den Kör­per in lau­ter klei­ne Tei­le zu zer­schnei­den und zu ver­bren­nen, dann be­schloß ich, ihn im Bo­den des Kel­lers zu ver­gra­ben, dann über­leg­te ich, ob ich ihn nicht in den Brun­nen, der sich auf un­serm Ho­fe be­fand, wer­fen sol­le – ja, ich dach­te so­gar dar­an, ihn wie ei­ne Wa­re in ei­ne Kis­te zu ver­pa­cken und die­se von ei­nem Pa­kett­rä­ger aus dem Hau­se weg­schaf­fen zu las­sen. End­lich blieb ich bei ei­ner Idee, die mir bei wei­tem als bes­te er­schi­en. Ich be­schloß, ihn im Kel­ler ein­zu­mau­ern, wie es nach ver­schie­de­nen Über­lie­fe­run­gen die Mön­che des Mit­tel­al­ters mit ih­ren Op­fern ge­macht ha­ben sol­len.

Der Kel­ler schi­en mir für einen sol­chen Zweck wohl ge­eig­net. Die Mau­ern wa­ren leicht ge­baut und erst kürz­lich mit gro­bem Mör­tel be­wor­fen wor­den, der in der feuch­ten Kel­ler­luft noch nicht voll­stän­dig ver­här­tet war. Über­dies be­fand sich an ei­ner der Mau­ern ein Vor­sprung, hin­ter dem sich ein falscher Ka­min be­fand, den man aus­ge­füllt hat­te, wo­durch die Stel­le den üb­ri­gen Wän­den gleich­ge­macht war. Ich zwei­fel­te nicht, die Zie­gel an die­ser Stel­le leicht her­aus­bre­chen, den Leich­nam in der Höh­lung ver­ber­gen und das Gan­ze wie­der so zu­mau­ern zu kön­nen, daß kein Au­ge ir­gend et­was Ver­däch­ti­ges ent­de­cken wür­de.

Und die­se An­nah­me täusch­te mich nicht. Ich ent­fern­te mit­tels ei­nes Brech­ei­sens mit leich­ter Mü­he die Stei­ne, lehn­te den Kör­per ge­gen die in­ne­re Wand, be­fes­tig­te ihn et­was in die­ser Stel­lung und stell­te die Mau­er, ge­nau­so, wie sie ur­sprüng­lich ge­we­sen, wie­der her. Da ich mir mit Ver­bre­cher­schlau­heit Mör­tel, Sand und Stroh ver­schafft hat­te, be­rei­te­te ich einen Be­wurf, der von dem vo­ri­gen nicht zu un­ter­schei­den war, und ver­strich die neu­ge­mau­er­te Stel­le auf das sorg­fäl­tigs­te. Als ich fer­tig war, emp­fand ich ei­ne große Be­frie­di­gung dar­über, daß nun al­les in Ord­nung sei. An der Wand war nicht das ge­rings­te zu be­mer­ken, den Fuß­bo­den säu­ber­te ich mit pein­lichs­ter Sorg­falt von dem üb­rig­ge­blie­be­nen Schutt. Dann blick­te ich mit tri­um­phie­ren­den Bli­cken um­her und sag­te mir: »Hier ist mei­ne Ar­beit we­nigs­tens kei­ne ver­geb­li­che ge­we­sen.«

Mein nächs­ter Gang galt dem Ka­ter, der all dies Elend ver­schul­det hat­te und den ich nun mit Be­stimmt­heit tö­ten woll­te. Hät­te ich ihn in dem Au­gen­blick ge­fun­den, so wä­re sein Schick­sal ent­schie­den ge­we­sen, doch es schi­en, als ha­be das schlaue Tier noch Furcht vor mei­nem wil­den Zorn und ver­mei­de es, sich vor mir in mei­ner au­gen­blick­li­chen Stim­mung bli­cken zu las­sen. Es ist un­mög­lich, das tie­fe, se­li­ge Ge­fühl der Er­leich­te­rung, mit wel­chem mich die Ab­we­sen­heit des ver­haß­ten We­sens er­füll­te, zu be­schrei­ben oder gar sich vor­zu­stel­len. Auch am Abend kam es nicht wie­der zum Vor­schein, und so ver­brach­te ich die ers­te Nacht, seit es ins Haus ge­kom­men war, in ge­sun­dem, tie­fem Schlaf, ob­wohl ein Mord mei­ne See­le be­las­te­te!

Der zwei­te und drit­te Tag ver­ging – mein Pei­ni­ger kam nicht wie­der. Noch ein­mal at­me­te ich in Frei­heit auf. Das Un­tier war vor Schre­cken aus mei­nem Hau­se ent­flo­hen! Ich wür­de es nicht mehr se­hen! Mein Glück war un­be­schreib­lich. Das An­den­ken an mei­ne schwar­ze Tat be­un­ru­hig­te mich so gut wie gar nicht. Man hat­te ei­ni­ge Nach­for­schun­gen an­ge­stellt, doch hat­te ich sie bald zu er­le­di­gen ge­wußt. So­gar ei­ne Haus­su­chung hat­te statt­ge­fun­den, die na­tür­lich er­geb­nis­los ver­lau­fen war. Ich fühl­te mich voll­stän­dig ru­hig und si­cher.

Am vier­ten Ta­ge nach dem Mord er­schie­nen je­doch ganz un­er­war­tet noch ei­ni­ge Ab­ge­sand­te der Po­li­zei und nah­men von neu­em ei­ne sorg­fäl­ti­ge Haus­su­chung vor. Da ich je­doch voll­kom­men über­zeugt war, daß man das ver­häng­nis­vol­le Ver­steck nicht auf­fin­den wer­de, blieb ich ganz kalt­blü­tig. Die Be­am­ten for­der­ten mich auf, sie bei der Durch­su­chung zu be­glei­ten. Sie lie­ßen kei­nen Win­kel, kei­ne Ecke au­ßer acht. End­lich stie­gen sie zum drit­ten- oder vier­ten­mal in den Kel­ler hin­ab. Ich zuck­te mit kei­ner Wim­per, und mein Herz schlug so ru­hig wie das ei­nes Men­schen, der in Un­schuld schläft. Ich durch­schritt den Kel­ler von ei­nem En­de zum an­dern, kreuz­te die Ar­me über die Brust und ging see­len­ver­gnügt auf und ab. Die Be­am­ten schie­nen be­frie­digt und schick­ten sich an, wie­der hin­auf­zu­ge­hen. Die Freu­de mei­nes Her­zens war zu groß, als daß ich sie ganz hät­te ver­ber­gen kön­nen. Es sta­chel­te mich förm­lich, mei­nem Tri­umph, wenn auch nur durch ein Wort, Aus­druck zu ver­lei­hen und sie in ih­rer Über­zeu­gung von mei­ner Un­schuld zu be­stär­ken.

»Mei­ne Her­ren«, sag­te ich end­lich, als die Ge­sell­schaft schon die Stu­fen hin­auf­schritt, »ich freue mich, daß sich Ihr Ver­dacht als un­be­grün­det er­wie­sen hat. Ich wün­sche Ih­nen ein herz­li­ches Le­be­wohl und für die Zu­kunft et­was mehr Höf­lich­keit. Im üb­ri­gen, mei­ne Her­ren, ist dies ein sehr so­li­de ge­bau­tes Haus!« (In dem wahn­sin­ni­gen Ver­lan­gen, ir­gend et­was An­züg­li­ches leicht hin­zu­wer­fen, wuß­te ich kaum selbst mehr, was ich sprach.) »Man könn­te es fast ein au­ßer­or­dent­lich so­li­de ge­bau­tes Haus nen­nen! Die­se Mau­ern – Sie ge­hen schon, mei­ne Her­ren? – die­se Mau­ern sind fest ge­fügt.« Und hier klopf­te ich aus pu­rer Prah­le­rei mit ei­nem Sto­cke, den ich in der Hand hielt, hef­tig ge­ra­de ge­gen den Teil der Mau­er, hin­ter dem der Leich­nam je­ner Frau ver­bor­gen war, die ich von Her­zen ge­liebt hat­te.

Aber mö­ge Gott mir gnä­dig sein und mich aus den Klau­en des Erz­fein­des be­frei­en! Kaum war der Nach­klang der Schlä­ge in der Stil­le ver­hallt, als ei­ne Stim­me aus dem In­nern des Gra­bes ant­wor­te­te. – Es war ein Ge­schrei, an­fangs ge­bro­chen und halb er­stickt, wie das Schluch­zen ei­nes Kin­des, ein Ge­schrei, das dann zu ei­nem lan­gen, an­hal­ten­den Laut an­schwoll, der über­na­tür­lich und un­mensch­lich klang – ei­nem Ge­heul, ei­nem krei­schen­den Weh­kla­gen, in dem sich Schreck und Frohlo­cken zu mi­schen schie­nen, wie es sich nur den Keh­len der Ver­damm­ten in ih­ren Qua­len und der Brust tri­um­phie­ren­der Teu­fel ent­rin­gen kann.

Es wä­re un­nütz, von mei­nen Emp­fin­dun­gen spre­chen zu wol­len. Ei­ner Ohn­macht na­he, tau­mel­te ich ge­gen die Rück­wand des Kel­lers. Einen Au­gen­blick stan­den die Po­li­zis­ten im Über­maß des Ent­set­zens und Grau­sens re­gungs­los und starr, im nächs­ten je­doch ar­bei­te­ten be­reits ein Dut­zend kräf­ti­ge Ar­me an der Mau­er.

Sie war bald nie­der­ge­ris­sen, und der schon stark in Ver­we­sung über­ge­gan­ge­ne, mit ge­ron­ne­nem Blut be­deck­te Leich­nam mei­ner Frau stand auf­recht vor ih­ren Au­gen da. Auf dem Kopf, mit auf­ge­ris­se­nem ro­tem Maul und sei­nem ein­zi­gen glü­hen­den Au­ge, hock­te das scheuß­li­che Tier, des­sen Ge­ba­ren mich zum Mor­de ver­lei­tet hat­te und des­sen ver­rä­te­rische Stim­me mich jetzt dem Hen­ker über­lie­fer­te.

Ich hat­te das Un­ge­heu­er mit in das Grab ein­ge­mau­ert.