Spuk im Klub
von
H. G. Wells

 

 

Her­bert Ge­or­ge Wells (1866-1946) war ein au­ßer­or­dent­lich pro­duk­ti­ver Au­tor, der sich in ers­ter Li­nie als Re­for­mer und Zeit­kri­ti­ker ver­stand. Sei­ne ers­ten Ro­ma­ne, na­tur­wis­sen­schaft­li­che Phan­tasi­en in der Art Ju­les Ver­nes, ge­hö­ren längst in das Re­per­toire der klas­si­schen Science Fic­ti­on-Li­te­ra­tur, so »Die Zeit­ma­schi­ne« (1895) oder »Krieg der Wel­ten« (1898). Man­che sei­ner da­mals bahn­bre­chen­den Ide­en sind heu­te All­ge­mein­gut ge­wor­den. Daß H. G. Wells auch Spuk­ge­schich­ten ge­schrie­ben hat, mag zwar bei ei­nem so fort­schritt­li­chen, auf­klä­re­ri­schen Geist be­frem­den, nimmt aber kaum noch wun­der, wenn man sich die Tat­sa­che vor Au­gen hält, daß er Eng­län­der war.

 

 

Ich er­in­ne­re mich noch leb­haft dar­an, wie Clay­ton sei­ne letz­te Ge­schich­te er­zähl­te. Da saß er, am Schau­platz der Ge­schich­te selbst, in ei­nem Ses­sel ne­ben dem of­fe­nen Ka­min. Ne­ben ihm San­der­son, die un­ver­meid­li­che Pfei­fe zwi­schen den Zäh­nen. Auch Evans war da und Wish, die­ser groß­ar­ti­ge Schau­spie­ler und be­schei­de­ne Mensch. Wir al­le wa­ren an die­sem Sonn­abend vor­mit­tags zum Golf­spie­len in den Mer­maid Club ge­kom­men – au­ßer Clay­ton, der hier über­nach­tet hat­te, was den An­laß zu sei­ner Ge­schich­te gab. Wir hat­ten bis zum Ein­bruch der Däm­me­rung Golf ge­spielt, dann ge­ges­sen. Und nun be­fan­den wir uns in je­ner an­ge­reg­ten Stim­mung, in der man sei­ner Phan­ta­sie gern frei­en Lauf läßt.

Als Clay­ton zu er­zäh­len be­gann, wa­ren wir na­tür­lich fest über­zeugt, daß er log. Viel­leicht log er wirk­lich – das mag der Le­ser selbst ent­schei­den. Zwar schil­der­te er sein Er­leb­nis ernst­haft und über­zeu­gend, wie man ei­ne wah­re Be­ge­ben­heit be­rich­tet; aber wir hiel­ten das nur für den Kunst­griff ei­nes gu­ten Er­zäh­lers.

»Wißt ihr ei­gent­lich, daß ich letz­te Nacht al­lein hier war?« be­merk­te er nach ei­ner lan­gen Ge­sprächs­pau­se, in der wir al­le den Fun­ken­flug im Ka­min be­ob­ach­tet hat­ten.

»Au­ßer der Die­ner­schaft«, be­rich­tig­te Wish.

»Die schläft im an­de­ren Flü­gel«, sag­te Clay­ton. »Tja …« Er zog ei­ne Wei­le an sei­ner Zi­gar­re, als zö­ger­te er im­mer noch, ob er sich uns an­ver­trau­en sol­le. Und schließ­lich sag­te er ru­hig: »Ich ha­be ein Ge­spenst ge­fan­gen.«

»So, ein Ge­spenst?« mein­te San­der­son un­be­ein­druckt. »Wo ist es?«

Und Evans, der Clay­ton be­wun­der­te und vier Wo­chen in Ame­ri­ka ge­we­sen war, schrie: »Ein Ge­spenst ge­fan­gen? Ist ja toll! Er­zäh­len Sie, Clay­ton!«

Clay­ton ver­sprach es und bat ihn, zu­vor die Tür zu schlie­ßen.

»Nicht, daß ich Hor­cher fürch­te­te – aber ich möch­te un­ser aus­ge­zeich­ne­tes Klub-Per­so­nal nicht durch Spuk­ge­schich­ten be­un­ru­hi­gen. Die­ses al­te Haus mit den vie­len dunklen Win­keln und der Ei­chen­holz­tä­fe­lung hat oh­ne­hin et­was Un­heim­li­ches. Üb­ri­gens war das auch kein stän­di­ges Ge­spenst. Ich glau­be nicht, daß es je­mals wie­der­kom­men wird.«

»Ach – Sie ha­ben es al­so nicht fest­ge­hal­ten?« frag­te San­der­son.

»Ich hat­te nicht das Herz da­zu.«

»Da bin ich aber über­rascht«, sag­te San­der­son. Und wir lach­ten.

Clay­ton sah et­was ge­kränkt drein.

»Es war wirk­lich ein Ge­spenst«, er­klär­te er ernst. »Ich ha­be es mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen, wie ich Sie jetzt se­he. Ich scher­ze nicht. Ich spre­che ganz im Ernst.«

San­der­son zog kräf­tig an sei­ner Pfei­fe, klapp­te ein Au­ge zu und stieß dann ei­ne dün­ne Rauch­säu­le aus, die be­red­ter als Wor­te war.

Clay­ton über­sah den stum­men Ein­wurf.

»Es ist das Merk­wür­digs­te, das mir in mei­nem gan­zen Le­ben pas­siert ist. Sie wis­sen, daß ich nie an Ge­spens­ter oder ähn­li­ches ge­glaubt ha­be. Nie. Und un­ver­se­hens läuft mir selbst ei­nes über den Weg. Höchst son­der­bar.«

Ge­dan­ken­voll drück­te er sei­ne Zi­gar­re aus und brach­te ei­ne zwei­te zum Vor­schein, die er mit ei­nem selt­sa­men klei­nen Dolch ab­zu­schnei­den be­gann.

»Ha­ben Sie mit ihm ge­spro­chen?« er­kun­dig­te sich Wish.

»O ja. Un­ge­fähr ei­ne Stun­de lang.«

»Ge­sprä­chig?« warf ich im glei­chen Ton tro­ckener Skep­sis ein.

»Der ar­me Teu­fel hat­te Kum­mer«, sag­te Clay­ton und sah uns der Rei­he nach mit mil­dem Vor­wurf an.

»Wein­te er?« frag­te je­mand.

Clay­ton stieß bei der Er­in­ne­rung einen schwe­ren Seuf­zer aus. »Ja«, nick­te er be­küm­mert. »Der ar­me Kerl. Ja.«

»Hat­ten Sie ihm auf den Fuß ge­tre­ten?« grins­te Evans.

Oh­ne auf ihn zu ach­ten, fuhr Clay­ton fort: »Ich hat­te kei­ne Ah­nung, was für ein ar­mer Kerl so ein Geist sein kann.« Wie­der schi­en er sich ganz in der Er­in­ne­rung zu ver­lie­ren, wäh­rend er in sei­nen Ta­schen nach Streich­höl­zern such­te, um sei­ne Zi­gar­re an­zu­zün­den. »Ich ha­be ihn über­rum­pelt«, mur­mel­te er schließ­lich.

Kei­ner von uns hat­te es ei­lig. Wir lie­ßen ihn sei­ne Ge­schich­te in al­ler Ru­he aus­spin­nen.

»Ein Cha­rak­ter«, er­klär­te er, »bleibt im­mer der­sel­be – auch in un­kör­per­li­chem Zu­stand. Das ver­ges­sen wir zu leicht. Ein Mensch, der Ener­gie oder Ge­wandt­heit be­sitzt, wird auch als Geist ener­gisch und ge­wandt sein. Die meis­ten Spuk­geis­ter sind ver­mut­lich be­schränkt und ei­gen­sin­nig wie Maulesel, daß sie im­mer wie­der an den­sel­ben Ort zu­rück­keh­ren. Mein Geist war nicht von die­ser Sor­te.« Er sah uns mit ei­nem ei­gen­tüm­li­chen Lä­cheln an. »Ich weiß, ihr glaubt mir nicht. Und doch ist al­les wahr, was ich euch er­zäh­le. Schon auf den ers­ten Blick er­kann­te ich, daß er schwach war.«

Er lehn­te sich zu­rück und un­ter­strich sei­ne Er­zäh­lung mit sei­ner Zi­gar­re.

»Ich traf ihn drau­ßen in dem lan­gen Gang. Er stand mit dem Rücken zu mir. Ich wuß­te so­fort, daß es ein Geist war. Er war hell und durch­schei­nend – durch sei­ne Brust hin­durch konn­te ich das klei­ne Fens­ter am an­de­ren En­de des Gan­ges se­hen. Und nicht nur sei­ne äu­ße­re Er­schei­nung, son­dern auch sei­ne gan­ze Hal­tung er­schi­en mir schwach und weich. Er sah aus, als wüß­te er nicht, was er tun soll­te. Mit ei­ner Hand stütz­te er sich ge­gen die Tä­fe­lung, die an­de­re lag zit­ternd auf sei­nem Mund. So!«

« Wie sah er aus?« frag­te San­der­son.

»Schmäch­tig und arm­se­lig. Schma­le Schul­tern, schie­fe Hal­tung. Ein dür­rer Hals, über den sich hin­ten zwei tie­fe Ril­len hin­un­ter­zo­gen, dar­auf ein klei­ner Kopf mit strup­pi­gem Haar und ab­ste­hen­den Oh­ren. Da­bei ein ver­hält­nis­mä­ßig noch jun­ger Mann. Er trug ei­ne schlechts­it­zen­de Ja­cke und aus­ge­beul­te Ho­sen, die an den Bein­rän­dern et­was aus­ge­franst wa­ren. So stand er da, als ich lei­se die Trep­pe her­auf­kam. Ich trug kein Licht (Sie wis­sen ja, auf dem Trep­pen­ab­satz brennt im­mer ei­ne Lam­pe) und hat­te mei­ne wei­chen Haus­schu­he an, und so be­merk­te er mich nicht gleich. Bei sei­nem An­blick blieb ich jäh ste­hen. Ich hat­te über­haupt kei­ne Angst. Ko­misch – in sol­chen Fäl­len ist man meist viel ru­hi­ger, als man an­neh­men soll­te. Ich war über­rascht und in­ter­es­siert. Ich dach­te: Großer Gott, ein Geist! Seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren ha­be ich nicht mehr an Geis­ter ge­glaubt!«

»Hm«, mach­te Wish.

»Ich moch­te kaum ei­ne Se­kun­de da sein, als auch er mich be­merk­te. Er fuhr er­schro­cken her­um, und ich sah das Ge­sicht ei­nes un­rei­fen jun­gen Man­nes mit flie­hen­dem Kinn und dün­nem Schnurr­bart. Se­kun­den­lang stan­den wir da und starr­ten ein­an­der an. Dann schi­en er sich sei­ner Be­ru­fung zu er­in­nern. Er rich­te­te sich ge­ra­de auf und brei­te­te die Ar­me aus, wie Ge­spens­ter es zu tun pfle­gen. So kam er auf mich zu, wo­bei er ein zag­haf­tes Bu­u­uh! aus­stieß. Nein, es war nicht be­ängs­ti­gend – über­haupt nicht. Ich hat­te gut zu Abend ge­ges­sen, hat­te ei­ne Fla­sche Sekt ge­trun­ken und, da ich ganz al­lein war, hin­ter­her noch zwei oder drei Whis­ky (viel­leicht auch vier oder fünf). Ich fühl­te mich stark wie ein Fels und war nicht mehr er­schro­cken, als ob mich ein Hund an­ge­bellt hät­te. ›Was heißt hier Buh!‹ sag­te ich barsch. ›Und was ha­ben Sie über­haupt hier zu su­chen?‹ Er zuck­te zu­rück und wie­der­hol­te matt: ›Bu­uh.‹ Ich sag­te: ›Un­sinn! Was wol­len Sie hier? Sind Sie Mit­glied?‹ Und um ihm zu zei­gen, wie we­nig ich mir aus ihm mach­te, trat ich ein­fach durch ihn hin­durch, nahm mir ei­ne Ker­ze vom Tisch und zün­de­te sie an. ›Sind Sie Mit­glied?‹ wie­der­hol­te ich und sah ihn mir von der Sei­te an.

Er wich ein we­nig zu­rück, und sei­ne künst­li­che Po­se fiel kläg­lich in sich zu­sam­men. ›Nein, ich bin kein Mit­glied‹, mur­mel­te er dumpf. ›Ich bin ein Geist.‹

›Das gibt Ih­nen noch kein Recht, im Mer­maid Club aus und ein zu ge­hen. Woll­ten Sie ei­ne be­stimm­te Per­son be­su­chen?‹ Ich be­müh­te mich, die bren­nen­de Ker­ze mög­lichst ru­hig zu hal­ten, da­mit er mei­ne Furcht­lo­sig­keit nicht et­wa dem ge­nos­se­nen Whis­ky zu­schrie­be. ›Was wol­len Sie hier?‹

Er hat­te die Hän­de sin­ken las­sen und stand ver­le­gen und nie­der­ge­schla­gen da, der Geist ei­nes schwäch­li­chen und un­be­deu­ten­den jun­gen Man­nes.

›Ich spu­ke‹, mur­mel­te er un­si­cher.

›Da­zu ha­ben Sie kein Recht.‹

›Ich bin ein Geist‹, ver­tei­dig­te er sich schüch­tern.

›Mag sein. Trotz­dem ha­ben Sie kein Recht, hier zu spu­ken. Das ist ein an­ge­se­he­ner Pri­vat-Klub. Man­che Leu­te brin­gen ge­le­gent­lich ih­re Fa­mi­lie mit. Bei Ih­rer Un­vor­sich­tig­keit könn­te es leicht vor­kom­men, daß Sie ir­gend­ein jun­ges Ding zu To­de er­schre­cken. Dar­an ha­ben Sie wohl nicht ge­dacht, wie?‹

›Nein, Sir‹, gab er zu.

›Schlimm ge­nug. Ha­ben Sie denn ir­gend­wel­che be­son­de­ren Be­zie­hun­gen zu die­sem Ort? Ich mei­ne – sind Sie viel­leicht hier er­mor­det wor­den oder so was?‹

›Nein, das nicht. Aber ich dach­te, weil das Haus so alt und dun­kel und ei­chen­ge­tä­felt ist …‹

›Das ist kei­ne Ent­schul­di­gung‹, sag­te ich fest. Und mit freund­li­cher Über­le­gen­heit füg­te ich hin­zu: ›An Ih­rer Stel­le wür­de ich nicht bis zum Hah­nen­schrei hier her­um­lun­gern – ich wür­de lie­ber gleich ver­schwin­den.‹

Er trat ver­le­gen von ei­nem Fuß auf den an­dern. ›Die Sa­che ist die, Sir‹, be­gann er.

›Ich wür­de gleich ver­schwin­den‹, wie­der­hol­te ich nach­drück­lich.

»Es ist näm­lich so, Sir – ich kann nicht.‹

›Sie kön­nen nicht?‹

›Nein, Sir. Ich muß ir­gend et­was ver­ges­sen ha­ben. Ich trei­be mich schon seit ges­tern um Mit­ter­nacht hier her­um, ver­ste­cke mich in den Schrän­ken der lee­ren Gäs­te­zim­mer und so. Ich bin ganz durch­ein­an­der. Ich spu­ke näm­lich zum ers­ten­mal, müs­sen Sie wis­sen. Und jetzt ist die gan­ze Sa­che schief­ge­gan­gen.‹

›Schief­ge­gan­gen?‹

›Ja, Sir. Ich ha­be es schon ein paar­mal ver­sucht, aber es klapp­te nicht. Ir­gend et­was ist mir ent­fal­len, und nun kann ich nicht zu­rück.‹

Sie kön­nen sich den­ken, daß ich ziem­lich ver­blüfft war. Er sah mich so kläg­lich an, daß ich mei­nen stren­gen Ton nicht län­ger auf­recht­er­hal­ten moch­te. ›Merk­wür­dig«, sag­te ich. Und weil ich glaub­te, un­ten Schrit­te zu hö­ren, schlug ich vor: ›Kom­men Sie mit mir auf mein Zim­mer, und er­zäh­len Sie mir das ge­nau­er.‹ Ich woll­te ihn am Arm neh­men, aber na­tür­lich hät­te ich eben­so­gut ver­su­chen kön­nen, ein Rauch­wölk­chen fest­zu­hal­ten. Ich hat­te mei­ne Zim­mer­num­mer ver­ges­sen und ging mit ihm durch meh­re­re Gäs­te­zim­mer, bis ich mein Ge­päck wie­der­fand; glück­li­cher­wei­se war in die­ser Nacht au­ßer mir nie­mand in dem Gäs­te­flü­gel. ›Da sind wir‹, sag­te ich und setz­te mich in einen Lehn­stuhl. ›Neh­men Sie Platz und er­zäh­len Sie. Mir scheint, Sie sind da in ei­ne recht ver­zwick­te La­ge ge­ra­ten.‹

Er sag­te, er woll­te nicht gern sit­zen; ob es mir et­was aus­mach­te, wenn er da­bei ein we­nig im Zim­mer her­um­geis­ter­te. Das tat er denn auch. Und bald wa­ren wir in ein lan­ges, ernst­haf­tes Ge­spräch ver­strickt. In­zwi­schen wa­ren auch die paar Whis­ky, die ich ge­trun­ken hat­te, ver­duns­tet, und mir wur­de klar, wie gro­tesk und un­glaub­lich die­se Si­tua­ti­on war. In dem sau­be­ren, hüb­schen, chintz­be­han­ge­nen Schlaf­zim­mer husch­te ein rich­ti­ges Ge­spenst auf und ab, laut­los bis auf sei­ne Geis­ter­stim­me, halb durch­sich­tig – ich konn­te durch ihn hin­durch die kup­fer­nen Ker­zen­leuch­ter und die ge­rahm­ten Sti­che an den Wän­den se­hen. Und er er­zähl­te mir über sein arm­se­li­ges Er­den­le­ben, das kürz­lich ein En­de ge­fun­den hat­te. Er hat­te kein be­son­ders ver­trau­en­er­we­cken­des Ge­sicht. Aber er sag­te die Wahr­heit.«

»Wie­so ei­gent­lich?« warf Wish plötz­lich ein. »Das se­he ich nicht ein.«

»Ich auch nicht«, mein­te Clay­ton ach­sel­zu­ckend. »Aber ich kann Ih­nen ver­si­chern, daß es wirk­lich so ist. Ich bin über­zeugt, daß er nicht um Haa­res­brei­te von der Wahr­heit ab­ge­wi­chen ist. Er er­zähl­te mir auch, wie er um­ge­kom­men war: Er ging in ei­nem Lon­do­ner Miets­haus mit bren­nen­der Ker­ze in den Kel­ler, um ei­ne un­dich­te Stel­le in der Gas­lei­tung zu su­chen. Er war Eng­lisch­leh­rer an ei­ner Lon­do­ner Pri­vat­schu­le ge­we­sen, als das pas­sier­te.«

»Ar­mer Teu­fel«, sag­te ich.

»Das dach­te ich auch. Er tat mir wirk­lich leid. Un­nütz im Le­ben und un­nütz im Tod. Er re­de­te schlecht von al­len, die er im Le­ben ge­kannt hat­te. Nie­mand ha­be ihn je ver­stan­den, nie­mand sei­ne Vor­zü­ge er­kannt und ge­schätzt. Er hat­te nie Freun­de, nie Er­folg ge­habt. Er sei eben zu gut­mü­tig und zu sen­si­bel ge­we­sen. Er war ver­lobt ge­we­sen (wahr­schein­lich mit ei­ner eben­so un­ge­schick­ten und über­sen­si­blen Per­son), als die Sa­che mit der Gas­lei­tung sei­nen Plä­nen ein En­de setz­te.

Ich frag­te: ›Und wo sind Sie jetzt?‹

Über die­sen Punkt drück­te er sich nicht klar aus. Ich hat­te den Ein­druck, daß er sich in ei­ner Art Zwi­schen­reich be­fand, ei­nem Re­ser­vat für See­len, die so un­be­deu­tend wa­ren, daß man sie we­der zu den Hei­li­gen noch zu den Sün­dern rech­nen konn­te. Ich konn­te ihn nicht da­zu brin­gen, mir mehr über die­sen Ort zu er­zäh­len. Je­den­falls schi­en er dort in pas­sen­der Ge­sell­schaft zu sein: un­ter den Geis­tern eben­so schwa­cher und un­be­deu­ten­der jun­ger Leu­te, die sich mit Vor­lie­be über das Spu­ken un­ter­hiel­ten. Spu­ken – das galt bei ih­nen als das große, pri­ckeln­de Aben­teu­er, das sie doch heim­lich al­le fürch­te­ten. Ei­nes Nachts hat­te auch er es ver­sucht – und so war er in den Mer­maid Club ge­kom­men.«

»Al­so ich muß schon sa­gen …«, be­merk­te Wish.

»Er hat das al­les na­tür­lich nicht mit kla­ren Wor­ten dar­ge­legt«, er­klär­te Clay­ton. »Aber so un­ge­fähr war der Ein­druck, den ich von ihm hat­te. Die gan­ze Zeit husch­te er im Zim­mer auf und ab, wäh­rend er mit wei­ner­li­cher Stim­me über sein arm­se­li­ges Selbst re­de­te. Mit sei­ner dün­nen Stim­me und sei­nem durch­schei­nen­den Geis­ter­leib wirk­te er noch er­bärm­li­cher, als wenn er ein Mensch von Fleisch und Blut ge­we­sen wä­re. Aber als Mensch von Fleisch und Blut wä­re er wohl kaum in mei­nem Zim­mer ge­we­sen – ich hät­te ihn na­tür­lich hin­aus­ge­wor­fen.«

»Ja, ja, es gibt schon sol­che Men­schen«, mein­te Evans.

Und ich füg­te hin­zu: »Und warum soll­ten sie nicht eben­so­gut einen Geist ha­ben wie je­der an­de­re.«

« Was für ihn sprach, war sei­ne ehr­li­che Be­stür­zung«, sag­te Clay­ton. »Er war ent­setz­lich de­pri­miert, weil er die Sa­che mit dem Spuk ver­pfuscht hat­te. Al­le hat­ten ihm er­zählt, daß es ein Hei­den­spaß sein wür­de. Er hat­te sich na­tür­lich auch einen Hei­den­spaß er­war­tet – und nun war es nichts als ein neu­er Miß­er­folg auf sei­ner Lis­te von Fehl­schlä­gen. Al­les, al­les im Le­ben war ihm da­ne­ben­ge­gan­gen – und selbst in der Ewig­keit schi­en es ihm nicht an­ders zu er­ge­hen. Al­les käme da­her, sag­te er, weil sich nie je­mand um ihn ge­küm­mert, nie­mand ihm In­ter­es­se oder Sym­pa­thie ent­ge­gen­ge­bracht hat­te. Nach sei­ner Be­mer­kung brach er er­staunt ab und sah mich an. Ich sei ei­gent­lich der ers­te, er­klär­te er ver­wun­dert, der sich je für sei­ne An­ge­le­gen­hei­ten in­ter­es­siert hat­te. Ich merk­te gleich, wor­auf er hin­aus­woll­te, und be­schloß, ihm et­was un­ter die Ar­me zu grei­fen. Ich mag ein al­ter Gro­bi­an sein – aber wenn so ein ar­mer Schwäch­ling (ob Mensch oder Geist) in mir sei­nen ein­zi­gen wah­ren Freund sieht, ha­be ich nicht das Herz, ihn zu­rück­zu­sto­ßen.

Ich er­mun­ter­te ihn al­so, sich nicht wei­ter mit solch düs­te­ren Ge­dan­ken ab­zu­ge­ben. Für ihn gä­be es jetzt nur ei­nes: so rasch wie mög­lich aus die­ser Sa­che her­aus­zu­kom­men. ›Rei­ßen Sie sich zu­sam­men‹, sag­te ich, ›und ver­su­chen Sie es.‹ – ›Ich kann nicht«, sag­te er. ›Ver­su­chen Sie es!, be­harr­te ich. Und das tat er denn auch.«

»Wie denn?« er­kun­dig­te sich San­der­son.

»Ges­ten.«

»Ges­ten?«

»Nun ja, ei­ne kom­pli­zier­te Rei­he von Ges­ten und Hand­be­we­gun­gen. So war er her­ein­ge­kom­men, so muß­te er auch wie­der hin­aus. Mei­ne Gü­te – was hat­te ich für ei­ne Pla­ge mit ihm!«

Ich be­gann: »Ich kann mir nur nicht vor­stel­len, wie­so ei­ne Rei­he von Hand­be­we­gun­gen …«

»Mein lie­ber Mann«, fiel er mir un­ge­dul­dig ins Wort. »Sie wol­len im­mer al­les ganz ge­nau wis­sen. Ich weiß auch nicht, wie­so. Ich kann Ih­nen nur sa­gen, daß es so war. Ei­ne qual­voll lan­ge Zeit müh­te er sich ver­geb­lich ab. Aber dann be­kam er wohl die rich­ti­ge Rei­hen­fol­ge her­aus – und auf ein­mal war er ver­schwun­den.«

San­der­son er­kun­dig­te sich: »Ha­ben Sie die­se Ges­ten be­ob­ach­tet?«

»Na­tür­lich«, ant­wor­te­te Clay­ton nach­denk­lich. »Es war al­les sehr selt­sam. Wir bei­de al­lein in dem lee­ren Haus, ich und die­ser schwäch­li­che Geist. Al­les still, kein Laut au­ßer un­se­ren Stim­men und dem schwa­chen Keu­chen, das er bei sei­nen Übun­gen aus­stieß. Nur zwei Ker­zen brann­ten in mei­nem Zim­mer, die ab und zu ge­spens­tisch auf­fla­cker­ten. Ei­ne phan­tas­ti­sche Si­tua­ti­on! ›Ich schaf­fe es nicht‹, jam­mer­te er im­mer wie­der. ›Ich schaf­fe es ein­fach nicht!‹ Und plötz­lich sank er auf den klei­nen Stuhl am Fußen­de des Bet­tes und schluchz­te und schluchz­te. Ein jäm­mer­li­ches Häuf­chen Elend.

›Neh­men Sie sich zu­sam­men!‹ sag­te ich und ver­such­te ihm auf den Rücken zu klop­fen – wo­bei mei­ne Hand na­tür­lich ins Lee­re griff. Zu die­sem Zeit­punkt war ich nicht mehr ganz so kalt­blü­tig wie vor­her auf dem Trep­pen­ab­satz. Die haar­sträu­ben­de Si­tua­ti­on be­gann mich doch et­was ner­vös zu ma­chen. Ich er­in­ne­re mich, daß ich über die­sen Griff ins Lee­re hef­tig er­schrak und zu­rück­zuck­te. ›Neh­men Sie sich zu­sam­men!‹ wie­der­hol­te ich. ›Ver­su­chen Sie wei­ter!‹ Und um ihn an­zu­spor­nen, be­gann ich so­gar mitz­u­ma­chen.«

»Was!« rief San­der­son. »Sei­ne Ges­ten?«

»Ja.«

»Aber …« Ich beug­te mich vor.

»Das ist in­ter­essant«, sag­te San­der­son, einen Fin­ger im Pfei­fen­kopf. »Wol­len Sie be­haup­ten, daß er Ih­nen al­les …«

»… daß er mir das Ge­heim­nis preis­ge­ge­ben hat? Ja.«

»Un­mög­lich!« rief Wish. »Sonst wä­ren Sie ja auch hin­über­ge­gan­gen!«

»Ge­nau!« rief ich eif­rig.

»Ge­nau«, mur­mel­te Clay­ton ge­dan­ken­voll.

Ei­ne Wei­le herrsch­te Schwei­gen. Dann frag­te San­der­son:

»Und wie ging die Sa­che aus?«

»Schließ­lich glück­te es ihm. Ich muß­te ihm im­mer wie­der zu­re­den und ihn an­spor­nen, aber schließ­lich glück­te es ihm doch. Und zwar ganz plötz­lich. Er woll­te wie­der ein­mal auf­ge­ben, wir hat­ten ei­ne hef­ti­ge Sze­ne. Und dann stand er plötz­lich auf und bat mich, die gan­ze Sa­che noch ein­mal mit ihm durch­zu­ma­chen. Er sag­te: ›Wenn ich es bei Ih­nen se­he, kom­me ich viel­leicht da­hin­ter, was ich falsch ma­che.‹ Al­so mach­ten wir al­les noch ein­mal ge­mein­sam durch. Auf ein­mal sag­te er: ›Jetzt weiß ich’s.‹ Aber nun hat­te er plötz­lich Hem­mun­gen und be­haup­te­te, er könn­te es nicht zu En­de füh­ren, wenn ich ihn da­bei an­sä­he. Ich soll­te mich um­dre­hen. ›Ich bin nun ein­mal ner­vös und sen­si­bel‹, er­klär­te er. ›Sie ir­ri­tie­ren mich.‹ Wir strit­ten ei­ne Wei­le her­um, und schließ­lich hat­te ich es satt. ›Al­so schön‹, sag­te ich. ›Ich se­he nicht hin.‹ Ich dreh­te ihm den Rücken zu – aber ich konn­te ihn im Spie­gel ne­ben mei­nem Bett se­hen.

Er be­gann so­fort und has­pel­te sei­ne Übun­gen in schnel­lem Tem­po ab. Ich be­ob­ach­te­te ihn im Spie­gel, denn ich war na­tür­lich ge­spannt zu se­hen, was er bis­her falsch ge­macht hat­te. Er schwang die Ar­me her­um, un­ge­fähr so und so und so, und dann fiel er ruck­ar­tig in die letz­te Po­se – so: Man steht hoch­auf­ge­rich­tet, die Ar­me weit aus­ge­brei­tet. So stand er al­so da. Und auf ein­mal stand er eben nicht mehr da. Er war weg! Ich wir­bel­te auf dem Ab­satz her­um. Nichts! Weg! Ich war al­lein mit den hef­tig fla­ckern­den Ker­zen und mei­ner gren­zen­lo­sen Ver­wir­rung. Was war ge­sche­hen? War über­haupt et­was ge­sche­hen? Hat­te ich ge­träumt? Im sel­ben Au­gen­blick schlug die Uhr im Trep­pen­haus mit dröh­nen­dem Schlag die ers­te Stun­de. Mir war ganz schwach in den Kni­en, das kön­nen Sie mir glau­ben. Ich war nüch­tern wie ein Staats­an­walt, der Sekt und der Whis­ky wa­ren ver­flo­gen, und mir war ganz son­der­bar zu­mu­te – ganz son­der­bar – du lie­be Zeit!«

Er be­trach­te­te die Asche an sei­ner Zi­gar­re.

»Das ist al­les«, sag­te er schließ­lich.

»Und dann sind Sie zu Bett ge­gan­gen?« frag­te Evans.

»Was blieb mir andres üb­rig?«

Wish und ich wech­sel­ten einen Blick. Wir woll­ten wit­zeln, aber ir­gend et­was (viel­leicht et­was in Clay­tons Stim­me oder Hal­tung) hemm­te uns.

»Und die­se Ges­ten?« er­kun­dig­te sich San­der­son.

»Ich glau­be, ich könn­te sie jetzt ma­chen.«

»So?« San­der­son brach­te ein Ta­schen­mes­ser zum Vor­schein und be­gann in sei­ner Pfei­fe zu sto­chern. »Warum ver­su­chen Sie es dann nicht gleich jetzt?« schlug er vor und klapp­te das Ta­schen­mes­ser zu­sam­men.

»Gut«, ant­wor­te­te Clay­ton.

»Das klappt ja doch nicht«, mein­te Evans.

»Aber wenn es klappt, dann …«, gab ich zu be­den­ken.

Wish streck­te sei­ne lan­gen Bei­ne aus.

»Ich bin da­ge­gen«, sag­te er.

»Warum?« frag­te Evans.

»Ich bin da­ge­gen, daß er es ver­sucht.«

»Er kriegt es ja doch nicht fer­tig«, sag­te San­der­son und stopf­te zu­viel Ta­bak in sei­ne Pfei­fe.

»Trotz­dem bin ich da­ge­gen«, wie­der­hol­te Wish.

Wir wi­der­spra­chen Wish. Er sag­te, wenn Clay­ton die­se Ges­ten wie­der­hol­te, so käme ihm das vor, als mach­te man sich über et­was sehr Erns­tes lus­tig.

»Aber Sie glau­ben doch nicht dar­an?« wand­te ich ein.

Wish sah Clay­ton an, der schwei­gend ins Feu­er starr­te.

»Ich weiß nicht recht – halb glau­be ich doch dar­an«, mur­mel­te Wish.

Ich sag­te: »Clay­ton, Sie lü­gen et­was zu gut für mich. Ich mei­ne – die gan­ze Sa­che war ja ganz nett. Aber der Schluß, die­ses Ver­schwin­den – das klang ei­gent­lich zu echt. Sa­gen Sie, daß es nur ei­ne er­fun­de­ne Ge­schich­te war.«

Er stand auf, oh­ne mich an­zu­se­hen, stell­te sich auf den Tep­pich vor dem Ka­min und starr­te einen Mo­ment auf sei­ne Fü­ße hin­un­ter. Dann hob er den Kopf und rich­te­te den Blick auf die ge­gen­über­lie­gen­de Wand, mit ei­nem Aus­druck tiefs­ter in­ne­rer Kon­zen­tra­ti­on. Lang­sam hob er bei­de Hän­de in Au­gen­hö­he. Und dann be­gann er …

Nun muß man wis­sen, daß San­der­son Frei­mau­rer ist. Er ge­hört der Lo­ge der Vier Kö­ni­ge an, die sich so eif­rig mit dem Stu­di­um der Mys­te­ri­en der Frei­mau­re­rei aus Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart­be­schäf­tigt. Er folg­te Clay­tons Be­we­gun­gen mit ei­nem ganz be­son­de­ren In­ter­es­se in den klei­nen, ro­ten Au­gen.

»Nicht schlecht«, mein­te er, als Clay­ton fer­tig war. »Tat­säch­lich, Clay­ton, Sie ha­ben die­se Din­ge er­staun­lich gut er­faßt. Nur fehl­te da noch ei­ne Klei­nig­keit.«

»Ich weiß«, sag­te Clay­ton. »Ich glau­be, ich weiß so­gar, wel­che.«

»Nun?«

»Die­se«, sag­te Clay­ton und voll­führ­te ei­ne merk­wür­di­ge klei­ne Se­rie von Wen­dun­gen und Ver­ren­kun­gen der Hän­de.

»Ja.«

»Ge­nau das ist es näm­lich, was auch er nicht gleich traf«, er­klär­te Clay­ton. »Aber wo­her wis­sen Sie …?«

San­der­son sag­te: »Das meis­te da­von ver­ste­he auch ich nicht. Und vor al­lem be­grei­fe ich nicht, wie Sie das er­fin­den konn­ten. Aber die­se ei­ne Pha­se ken­ne ich wirk­lich. Es ist zu­fäl­lig ei­ne Ges­te, die mit ei­nem be­stimm­ten Zweig der eso­te­ri­schen Frei­mau­re­rei zu tun hat – viel­leicht wis­sen Sie da­von. Wenn nicht, be­grei­fe ich nicht, wie­so …« Er über­leg­te ei­ne Wei­le. »Ich glau­be, es kann nichts scha­den, wenn ich Ih­nen die rich­ti­ge Be­we­gung zei­ge. Ent­we­der wis­sen Sie es so­wie­so – oder es hilft Ih­nen auch nichts.«

»Ich weiß gar nichts«, sag­te Clay­ton. »Au­ßer was die­ser ar­me Teu­fel mir vor­ge­macht hat.«

»Na schön«, sag­te San­der­son und leg­te sei­ne lan­ge Ton­pfei­fe vor­sich­tig auf das Ka­min­sims. Dann voll­führ­te er sehr rasch ein paar Hand­be­we­gun­gen.

»So?« frag­te Clay­ton und ahm­te ihn nach.

»So.« San­der­son wie­der­hol­te die Ges­ten und griff dann wie­der nach sei­ner Pfei­fe.

»Ach ja«, sag­te Clay­ton. »Ich glau­be, jetzt kann ich es.«

Er stand vor dem ver­glim­men­den Ka­min­feu­er und lä­chel­te uns der Rei­he nach zu. Aber es war et­was Un­heim­li­ches in sei­nem Lä­cheln.

»Wenn ich an­fan­ge …«, sag­te er.

»Las­sen Sie es lie­ber«, fiel Wish ein.

»Un­sinn!« rief Evans. »Ma­te­rie ist un­zer­stör­bar. Ihr glaubt doch nicht wirk­lich, daß sol­cher Ho­kus­po­kus den gu­ten Clay­ton ins Schat­ten­reich be­för­dern könn­te! Ich je­den­falls glau­be nicht an die­sen Hum­bug. Mei­net­we­gen kön­nen Sie Ih­re Turn­übun­gen ma­chen, Clay­ton, bis Sie Mus­kel­ka­ter krie­gen.«

»Ich bin da­ge­gen«, sag­te Wish und stand auf und leg­te Clay­ton die Hand auf die Schul­ter. »Sie ha­ben Ih­re Ge­schich­te so sug­ge­s­tiv er­zählt, daß ich halb und halb dar­an glau­be. Und dar­um moch­te ich nicht, daß Sie das ma­chen.«

»Großer Gott!« lach­te ich. »Wish hat Angst.«

»Stimmt«, sag­te Wish mit ech­tem oder gut ge­spiel­tem Ernst. »Ich glau­be, daß Clay­ton wirk­lich hin­über­geht, wenn er das macht.«

»Kein Ge­dan­ke!« rief ich. »Es gibt nur einen ein­zi­gen Weg aus die­ser Welt – und da­zu hat Clay­ton noch drei­ßig Jah­re Zeit. Sie glau­ben doch nicht im Ernst …«

Wish mach­te ein paar Schrit­te von uns weg und blieb ne­ben dem Tisch ste­hen.

»Clay­ton, Sie sind ver­rückt, wenn Sie es tun«, sag­te er.

Clay­ton lä­chel­te selt­sam.

»Wish hat recht, und ihr al­le habt un­recht. Ich wer­de hin­über­ge­hen. Ich wer­de die Ges­ten rich­tig ma­chen, und bei der letz­ten Be­we­gung – husch – wird der Ka­min­tep­pich leer sein. Ihr al­le wer­det Mund und Au­gen auf­rei­ßen – und ein se­ri­ös ge­klei­de­ter Herr von hun­dert­sieb­zig Pfund wird in die Welt der Schat­ten hin­ein­plat­zen. Ich bin ganz si­cher. Sie wer­den se­hen. Hö­ren wir auf, dar­über zu strei­ten. Tre­ten wir lie­ber den Be­weis an.«

»Nein«, sag­te Wish und trat einen Schritt vor.

Aber Clay­ton hob die Hän­de und be­gann die Ges­ten des Geis­tes zu wie­der­ho­len.

Zu die­sem Zeit­punkt hat­ten wir uns al­le in einen Zu­stand äu­ßers­ter Ner­ven­span­nung hin­ein­ge­stei­gert. Ich glau­be, dar­an war in ers­ter Li­nie Wis­hs Ver­hal­ten schuld. Wir al­le hat­ten die Bli­cke auf Clay­ton ge­rich­tet. Ich zu­min­dest saß stock­steif da und hat­te das Ge­fühl, als ob mein Rücken vom Kopf bis zu den Hüf­ten ver­eis­te.

Und vor dem Ka­min stand Clay­ton und voll­führ­te sei­ne Be­we­gun­gen mit erns­ter Fei­er­lich­keit und zu­gleich mit un­er­schüt­ter­li­cher Ge­las­sen­heit. Er beug­te und dreh­te sei­nen Kör­per, schwang die Ar­me und be­weg­te die Hän­de. Je nä­her er dem En­de kam, de­sto atem­lo­ser wur­de die Span­nung im Raum.

Die letz­te Ges­te be­stand, wie ge­sagt, dar­in, die Ar­me weit aus­zu­brei­ten und dann so da­zu­ste­hen, mit auf­wärts ge­wand­tem Ge­sicht. Als er schließ­lich zu die­ser Po­se kam, stock­te mir der Atem. Es war lä­cher­lich, ge­wiß – aber wer kann sich schon die­sem ge­wis­sen Gru­seln ver­schlie­ßen, das einen bei Ge­spens­ter­ge­schich­ten über­fällt. Es war spätabends, in ei­nem al­ten, un­heim­li­chen Haus. Wür­de er wirk­lich …?

Einen end­lo­sen Au­gen­blick lang stand er so da, die Ar­me weit aus­ge­brei­tet, den Blick nach oben ge­rich­tet, hei­ter und ge­las­sen, im Licht­schein der Hän­ge­lam­pe. Der Au­gen­blick schi­en uns ei­ne Ewig­keit zu dau­ern.

Und dann kam von uns al­len so et­was wie ein stum­mer Seuf­zer gren­zen­lo­ser Er­leich­te­rung. Denn kör­per­lich war er nicht fort. Es war al­les Un­sinn. Er hat­te uns ei­ne Lü­gen­ge­schich­te auf­ge­bun­den, auf die wir bei­na­he her­ein­ge­fal­len wä­ren – das war al­les.

In die­sem Au­gen­blick ver­än­der­te sich Clay­tons Ge­sicht mit ei­nem Schlag. Es ver­än­der­te sich so wie ein er­leuch­te­tes Haus, in dem plötz­lich al­le Lich­ter aus­ge­hen. Sein Blick wur­de starr, das Lä­cheln ge­fror auf sei­nen Lip­pen. Er stand still. Und dann be­gann er kaum merk­lich zu schwan­ken.

Auch die­ser Au­gen­blick war ei­ne Ewig­keit.

Plötz­lich pol­ter­ten Stüh­le, scharr­ten Schrit­te – wir al­le wa­ren auf­ge­sprun­gen und stürz­ten vor. Sei­ne Knie schie­nen nach­zu­ge­ben, er fiel vorn­über, und Evans konn­te ihn ge­ra­de noch in sei­nen Ar­men auf­fan­gen.

Es traf uns al­le wie ein Blitz­strahl. Ei­ne Mi­nu­te lang brach­te kei­ner von uns ein Wort her­vor. Wir glaub­ten es und konn­ten es doch nicht glau­ben …

Als ich aus mei­ner schlot­tern­den Be­täu­bung zu mir kam, lag ich auf den Kni­en ne­ben ihm. Sein Hemd war auf­ge­ris­sen, und San­der­sons Hand lag auf sei­ner Brust …

Wir konn­ten es lan­ge nicht fas­sen, was ge­sche­hen war. Aber das hat­te auch kei­ne Ei­le. Der Be­weis lag vor uns, grau­en­haft still und un­über­seh­bar. So blieb er noch ei­ne Stun­de lie­gen.

Clay­ton war wirk­lich in je­ne Welt hin­über­ge­gan­gen, die der un­se­ren so fern und doch so nah ist. Er war den ein­zi­gen Weg ge­gan­gen, der dem Sterb­li­chen of­fen ist. Ob wirk­lich die Ges­ten und Be­we­gun­gen, die der ar­me Geist ihm ge­zeigt hat­te, die­se Wir­kung aus­lös­ten – oder ob er (wie es im Po­li­zei­be­richt hieß) mit­ten im Ge­schich­ten­er­zah­len von ei­nem Schlag­an­fall ge­trof­fen wor­den war –, wer will das ent­schei­den? Es war ei­nes je­ner un­er­klär­li­chen Rät­sel, de­ren Lö­sung wir erst am En­de al­ler Ta­ge ken­nen wer­den.

Ich weiß nur ei­nes: daß er in dem­sel­ben Au­gen­blick, in dem er die­se ganz be­stimm­te Ges­te vollen­de­te, vor un­se­ren Au­gen tot zu­sam­men­brach.