Spuk im Klub
von
H. G. Wells
Herbert George Wells (1866-1946) war ein außerordentlich produktiver Autor, der sich in erster Linie als Reformer und Zeitkritiker verstand. Seine ersten Romane, naturwissenschaftliche Phantasien in der Art Jules Vernes, gehören längst in das Repertoire der klassischen Science Fiction-Literatur, so »Die Zeitmaschine« (1895) oder »Krieg der Welten« (1898). Manche seiner damals bahnbrechenden Ideen sind heute Allgemeingut geworden. Daß H. G. Wells auch Spukgeschichten geschrieben hat, mag zwar bei einem so fortschrittlichen, aufklärerischen Geist befremden, nimmt aber kaum noch wunder, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß er Engländer war.
Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie Clayton seine letzte Geschichte erzählte. Da saß er, am Schauplatz der Geschichte selbst, in einem Sessel neben dem offenen Kamin. Neben ihm Sanderson, die unvermeidliche Pfeife zwischen den Zähnen. Auch Evans war da und Wish, dieser großartige Schauspieler und bescheidene Mensch. Wir alle waren an diesem Sonnabend vormittags zum Golfspielen in den Mermaid Club gekommen – außer Clayton, der hier übernachtet hatte, was den Anlaß zu seiner Geschichte gab. Wir hatten bis zum Einbruch der Dämmerung Golf gespielt, dann gegessen. Und nun befanden wir uns in jener angeregten Stimmung, in der man seiner Phantasie gern freien Lauf läßt.
Als Clayton zu erzählen begann, waren wir natürlich fest überzeugt, daß er log. Vielleicht log er wirklich – das mag der Leser selbst entscheiden. Zwar schilderte er sein Erlebnis ernsthaft und überzeugend, wie man eine wahre Begebenheit berichtet; aber wir hielten das nur für den Kunstgriff eines guten Erzählers.
»Wißt ihr eigentlich, daß ich letzte Nacht allein hier war?« bemerkte er nach einer langen Gesprächspause, in der wir alle den Funkenflug im Kamin beobachtet hatten.
»Außer der Dienerschaft«, berichtigte Wish.
»Die schläft im anderen Flügel«, sagte Clayton. »Tja …« Er zog eine Weile an seiner Zigarre, als zögerte er immer noch, ob er sich uns anvertrauen solle. Und schließlich sagte er ruhig: »Ich habe ein Gespenst gefangen.«
»So, ein Gespenst?« meinte Sanderson unbeeindruckt. »Wo ist es?«
Und Evans, der Clayton bewunderte und vier Wochen in Amerika gewesen war, schrie: »Ein Gespenst gefangen? Ist ja toll! Erzählen Sie, Clayton!«
Clayton versprach es und bat ihn, zuvor die Tür zu schließen.
»Nicht, daß ich Horcher fürchtete – aber ich möchte unser ausgezeichnetes Klub-Personal nicht durch Spukgeschichten beunruhigen. Dieses alte Haus mit den vielen dunklen Winkeln und der Eichenholztäfelung hat ohnehin etwas Unheimliches. Übrigens war das auch kein ständiges Gespenst. Ich glaube nicht, daß es jemals wiederkommen wird.«
»Ach – Sie haben es also nicht festgehalten?« fragte Sanderson.
»Ich hatte nicht das Herz dazu.«
»Da bin ich aber überrascht«, sagte Sanderson. Und wir lachten.
Clayton sah etwas gekränkt drein.
»Es war wirklich ein Gespenst«, erklärte er ernst. »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie ich Sie jetzt sehe. Ich scherze nicht. Ich spreche ganz im Ernst.«
Sanderson zog kräftig an seiner Pfeife, klappte ein Auge zu und stieß dann eine dünne Rauchsäule aus, die beredter als Worte war.
Clayton übersah den stummen Einwurf.
»Es ist das Merkwürdigste, das mir in meinem ganzen Leben passiert ist. Sie wissen, daß ich nie an Gespenster oder ähnliches geglaubt habe. Nie. Und unversehens läuft mir selbst eines über den Weg. Höchst sonderbar.«
Gedankenvoll drückte er seine Zigarre aus und brachte eine zweite zum Vorschein, die er mit einem seltsamen kleinen Dolch abzuschneiden begann.
»Haben Sie mit ihm gesprochen?« erkundigte sich Wish.
»O ja. Ungefähr eine Stunde lang.«
»Gesprächig?« warf ich im gleichen Ton trockener Skepsis ein.
»Der arme Teufel hatte Kummer«, sagte Clayton und sah uns der Reihe nach mit mildem Vorwurf an.
»Weinte er?« fragte jemand.
Clayton stieß bei der Erinnerung einen schweren Seufzer aus. »Ja«, nickte er bekümmert. »Der arme Kerl. Ja.«
»Hatten Sie ihm auf den Fuß getreten?« grinste Evans.
Ohne auf ihn zu achten, fuhr Clayton fort: »Ich hatte keine Ahnung, was für ein armer Kerl so ein Geist sein kann.« Wieder schien er sich ganz in der Erinnerung zu verlieren, während er in seinen Taschen nach Streichhölzern suchte, um seine Zigarre anzuzünden. »Ich habe ihn überrumpelt«, murmelte er schließlich.
Keiner von uns hatte es eilig. Wir ließen ihn seine Geschichte in aller Ruhe ausspinnen.
»Ein Charakter«, erklärte er, »bleibt immer derselbe – auch in unkörperlichem Zustand. Das vergessen wir zu leicht. Ein Mensch, der Energie oder Gewandtheit besitzt, wird auch als Geist energisch und gewandt sein. Die meisten Spukgeister sind vermutlich beschränkt und eigensinnig wie Maulesel, daß sie immer wieder an denselben Ort zurückkehren. Mein Geist war nicht von dieser Sorte.« Er sah uns mit einem eigentümlichen Lächeln an. »Ich weiß, ihr glaubt mir nicht. Und doch ist alles wahr, was ich euch erzähle. Schon auf den ersten Blick erkannte ich, daß er schwach war.«
Er lehnte sich zurück und unterstrich seine Erzählung mit seiner Zigarre.
»Ich traf ihn draußen in dem langen Gang. Er stand mit dem Rücken zu mir. Ich wußte sofort, daß es ein Geist war. Er war hell und durchscheinend – durch seine Brust hindurch konnte ich das kleine Fenster am anderen Ende des Ganges sehen. Und nicht nur seine äußere Erscheinung, sondern auch seine ganze Haltung erschien mir schwach und weich. Er sah aus, als wüßte er nicht, was er tun sollte. Mit einer Hand stützte er sich gegen die Täfelung, die andere lag zitternd auf seinem Mund. So!«
« Wie sah er aus?« fragte Sanderson.
»Schmächtig und armselig. Schmale Schultern, schiefe Haltung. Ein dürrer Hals, über den sich hinten zwei tiefe Rillen hinunterzogen, darauf ein kleiner Kopf mit struppigem Haar und abstehenden Ohren. Dabei ein verhältnismäßig noch junger Mann. Er trug eine schlechtsitzende Jacke und ausgebeulte Hosen, die an den Beinrändern etwas ausgefranst waren. So stand er da, als ich leise die Treppe heraufkam. Ich trug kein Licht (Sie wissen ja, auf dem Treppenabsatz brennt immer eine Lampe) und hatte meine weichen Hausschuhe an, und so bemerkte er mich nicht gleich. Bei seinem Anblick blieb ich jäh stehen. Ich hatte überhaupt keine Angst. Komisch – in solchen Fällen ist man meist viel ruhiger, als man annehmen sollte. Ich war überrascht und interessiert. Ich dachte: Großer Gott, ein Geist! Seit fünfundzwanzig Jahren habe ich nicht mehr an Geister geglaubt!«
»Hm«, machte Wish.
»Ich mochte kaum eine Sekunde da sein, als auch er mich bemerkte. Er fuhr erschrocken herum, und ich sah das Gesicht eines unreifen jungen Mannes mit fliehendem Kinn und dünnem Schnurrbart. Sekundenlang standen wir da und starrten einander an. Dann schien er sich seiner Berufung zu erinnern. Er richtete sich gerade auf und breitete die Arme aus, wie Gespenster es zu tun pflegen. So kam er auf mich zu, wobei er ein zaghaftes Buuuh! ausstieß. Nein, es war nicht beängstigend – überhaupt nicht. Ich hatte gut zu Abend gegessen, hatte eine Flasche Sekt getrunken und, da ich ganz allein war, hinterher noch zwei oder drei Whisky (vielleicht auch vier oder fünf). Ich fühlte mich stark wie ein Fels und war nicht mehr erschrocken, als ob mich ein Hund angebellt hätte. ›Was heißt hier Buh!‹ sagte ich barsch. ›Und was haben Sie überhaupt hier zu suchen?‹ Er zuckte zurück und wiederholte matt: ›Buuh.‹ Ich sagte: ›Unsinn! Was wollen Sie hier? Sind Sie Mitglied?‹ Und um ihm zu zeigen, wie wenig ich mir aus ihm machte, trat ich einfach durch ihn hindurch, nahm mir eine Kerze vom Tisch und zündete sie an. ›Sind Sie Mitglied?‹ wiederholte ich und sah ihn mir von der Seite an.
Er wich ein wenig zurück, und seine künstliche Pose fiel kläglich in sich zusammen. ›Nein, ich bin kein Mitglied‹, murmelte er dumpf. ›Ich bin ein Geist.‹
›Das gibt Ihnen noch kein Recht, im Mermaid Club aus und ein zu gehen. Wollten Sie eine bestimmte Person besuchen?‹ Ich bemühte mich, die brennende Kerze möglichst ruhig zu halten, damit er meine Furchtlosigkeit nicht etwa dem genossenen Whisky zuschriebe. ›Was wollen Sie hier?‹
Er hatte die Hände sinken lassen und stand verlegen und niedergeschlagen da, der Geist eines schwächlichen und unbedeutenden jungen Mannes.
›Ich spuke‹, murmelte er unsicher.
›Dazu haben Sie kein Recht.‹
›Ich bin ein Geist‹, verteidigte er sich schüchtern.
›Mag sein. Trotzdem haben Sie kein Recht, hier zu spuken. Das ist ein angesehener Privat-Klub. Manche Leute bringen gelegentlich ihre Familie mit. Bei Ihrer Unvorsichtigkeit könnte es leicht vorkommen, daß Sie irgendein junges Ding zu Tode erschrecken. Daran haben Sie wohl nicht gedacht, wie?‹
›Nein, Sir‹, gab er zu.
›Schlimm genug. Haben Sie denn irgendwelche besonderen Beziehungen zu diesem Ort? Ich meine – sind Sie vielleicht hier ermordet worden oder so was?‹
›Nein, das nicht. Aber ich dachte, weil das Haus so alt und dunkel und eichengetäfelt ist …‹
›Das ist keine Entschuldigung‹, sagte ich fest. Und mit freundlicher Überlegenheit fügte ich hinzu: ›An Ihrer Stelle würde ich nicht bis zum Hahnenschrei hier herumlungern – ich würde lieber gleich verschwinden.‹
Er trat verlegen von einem Fuß auf den andern. ›Die Sache ist die, Sir‹, begann er.
›Ich würde gleich verschwinden‹, wiederholte ich nachdrücklich.
»Es ist nämlich so, Sir – ich kann nicht.‹
›Sie können nicht?‹
›Nein, Sir. Ich muß irgend etwas vergessen haben. Ich treibe mich schon seit gestern um Mitternacht hier herum, verstecke mich in den Schränken der leeren Gästezimmer und so. Ich bin ganz durcheinander. Ich spuke nämlich zum erstenmal, müssen Sie wissen. Und jetzt ist die ganze Sache schiefgegangen.‹
›Schiefgegangen?‹
›Ja, Sir. Ich habe es schon ein paarmal versucht, aber es klappte nicht. Irgend etwas ist mir entfallen, und nun kann ich nicht zurück.‹
Sie können sich denken, daß ich ziemlich verblüfft war. Er sah mich so kläglich an, daß ich meinen strengen Ton nicht länger aufrechterhalten mochte. ›Merkwürdig«, sagte ich. Und weil ich glaubte, unten Schritte zu hören, schlug ich vor: ›Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer, und erzählen Sie mir das genauer.‹ Ich wollte ihn am Arm nehmen, aber natürlich hätte ich ebensogut versuchen können, ein Rauchwölkchen festzuhalten. Ich hatte meine Zimmernummer vergessen und ging mit ihm durch mehrere Gästezimmer, bis ich mein Gepäck wiederfand; glücklicherweise war in dieser Nacht außer mir niemand in dem Gästeflügel. ›Da sind wir‹, sagte ich und setzte mich in einen Lehnstuhl. ›Nehmen Sie Platz und erzählen Sie. Mir scheint, Sie sind da in eine recht verzwickte Lage geraten.‹
Er sagte, er wollte nicht gern sitzen; ob es mir etwas ausmachte, wenn er dabei ein wenig im Zimmer herumgeisterte. Das tat er denn auch. Und bald waren wir in ein langes, ernsthaftes Gespräch verstrickt. Inzwischen waren auch die paar Whisky, die ich getrunken hatte, verdunstet, und mir wurde klar, wie grotesk und unglaublich diese Situation war. In dem sauberen, hübschen, chintzbehangenen Schlafzimmer huschte ein richtiges Gespenst auf und ab, lautlos bis auf seine Geisterstimme, halb durchsichtig – ich konnte durch ihn hindurch die kupfernen Kerzenleuchter und die gerahmten Stiche an den Wänden sehen. Und er erzählte mir über sein armseliges Erdenleben, das kürzlich ein Ende gefunden hatte. Er hatte kein besonders vertrauenerweckendes Gesicht. Aber er sagte die Wahrheit.«
»Wieso eigentlich?« warf Wish plötzlich ein. »Das sehe ich nicht ein.«
»Ich auch nicht«, meinte Clayton achselzuckend. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß es wirklich so ist. Ich bin überzeugt, daß er nicht um Haaresbreite von der Wahrheit abgewichen ist. Er erzählte mir auch, wie er umgekommen war: Er ging in einem Londoner Mietshaus mit brennender Kerze in den Keller, um eine undichte Stelle in der Gasleitung zu suchen. Er war Englischlehrer an einer Londoner Privatschule gewesen, als das passierte.«
»Armer Teufel«, sagte ich.
»Das dachte ich auch. Er tat mir wirklich leid. Unnütz im Leben und unnütz im Tod. Er redete schlecht von allen, die er im Leben gekannt hatte. Niemand habe ihn je verstanden, niemand seine Vorzüge erkannt und geschätzt. Er hatte nie Freunde, nie Erfolg gehabt. Er sei eben zu gutmütig und zu sensibel gewesen. Er war verlobt gewesen (wahrscheinlich mit einer ebenso ungeschickten und übersensiblen Person), als die Sache mit der Gasleitung seinen Plänen ein Ende setzte.
Ich fragte: ›Und wo sind Sie jetzt?‹
Über diesen Punkt drückte er sich nicht klar aus. Ich hatte den Eindruck, daß er sich in einer Art Zwischenreich befand, einem Reservat für Seelen, die so unbedeutend waren, daß man sie weder zu den Heiligen noch zu den Sündern rechnen konnte. Ich konnte ihn nicht dazu bringen, mir mehr über diesen Ort zu erzählen. Jedenfalls schien er dort in passender Gesellschaft zu sein: unter den Geistern ebenso schwacher und unbedeutender junger Leute, die sich mit Vorliebe über das Spuken unterhielten. Spuken – das galt bei ihnen als das große, prickelnde Abenteuer, das sie doch heimlich alle fürchteten. Eines Nachts hatte auch er es versucht – und so war er in den Mermaid Club gekommen.«
»Also ich muß schon sagen …«, bemerkte Wish.
»Er hat das alles natürlich nicht mit klaren Worten dargelegt«, erklärte Clayton. »Aber so ungefähr war der Eindruck, den ich von ihm hatte. Die ganze Zeit huschte er im Zimmer auf und ab, während er mit weinerlicher Stimme über sein armseliges Selbst redete. Mit seiner dünnen Stimme und seinem durchscheinenden Geisterleib wirkte er noch erbärmlicher, als wenn er ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen wäre. Aber als Mensch von Fleisch und Blut wäre er wohl kaum in meinem Zimmer gewesen – ich hätte ihn natürlich hinausgeworfen.«
»Ja, ja, es gibt schon solche Menschen«, meinte Evans.
Und ich fügte hinzu: »Und warum sollten sie nicht ebensogut einen Geist haben wie jeder andere.«
« Was für ihn sprach, war seine ehrliche Bestürzung«, sagte Clayton. »Er war entsetzlich deprimiert, weil er die Sache mit dem Spuk verpfuscht hatte. Alle hatten ihm erzählt, daß es ein Heidenspaß sein würde. Er hatte sich natürlich auch einen Heidenspaß erwartet – und nun war es nichts als ein neuer Mißerfolg auf seiner Liste von Fehlschlägen. Alles, alles im Leben war ihm danebengegangen – und selbst in der Ewigkeit schien es ihm nicht anders zu ergehen. Alles käme daher, sagte er, weil sich nie jemand um ihn gekümmert, niemand ihm Interesse oder Sympathie entgegengebracht hatte. Nach seiner Bemerkung brach er erstaunt ab und sah mich an. Ich sei eigentlich der erste, erklärte er verwundert, der sich je für seine Angelegenheiten interessiert hatte. Ich merkte gleich, worauf er hinauswollte, und beschloß, ihm etwas unter die Arme zu greifen. Ich mag ein alter Grobian sein – aber wenn so ein armer Schwächling (ob Mensch oder Geist) in mir seinen einzigen wahren Freund sieht, habe ich nicht das Herz, ihn zurückzustoßen.
Ich ermunterte ihn also, sich nicht weiter mit solch düsteren Gedanken abzugeben. Für ihn gäbe es jetzt nur eines: so rasch wie möglich aus dieser Sache herauszukommen. ›Reißen Sie sich zusammen‹, sagte ich, ›und versuchen Sie es.‹ – ›Ich kann nicht«, sagte er. ›Versuchen Sie es!, beharrte ich. Und das tat er denn auch.«
»Wie denn?« erkundigte sich Sanderson.
»Gesten.«
»Gesten?«
»Nun ja, eine komplizierte Reihe von Gesten und Handbewegungen. So war er hereingekommen, so mußte er auch wieder hinaus. Meine Güte – was hatte ich für eine Plage mit ihm!«
Ich begann: »Ich kann mir nur nicht vorstellen, wieso eine Reihe von Handbewegungen …«
»Mein lieber Mann«, fiel er mir ungeduldig ins Wort. »Sie wollen immer alles ganz genau wissen. Ich weiß auch nicht, wieso. Ich kann Ihnen nur sagen, daß es so war. Eine qualvoll lange Zeit mühte er sich vergeblich ab. Aber dann bekam er wohl die richtige Reihenfolge heraus – und auf einmal war er verschwunden.«
Sanderson erkundigte sich: »Haben Sie diese Gesten beobachtet?«
»Natürlich«, antwortete Clayton nachdenklich. »Es war alles sehr seltsam. Wir beide allein in dem leeren Haus, ich und dieser schwächliche Geist. Alles still, kein Laut außer unseren Stimmen und dem schwachen Keuchen, das er bei seinen Übungen ausstieß. Nur zwei Kerzen brannten in meinem Zimmer, die ab und zu gespenstisch aufflackerten. Eine phantastische Situation! ›Ich schaffe es nicht‹, jammerte er immer wieder. ›Ich schaffe es einfach nicht!‹ Und plötzlich sank er auf den kleinen Stuhl am Fußende des Bettes und schluchzte und schluchzte. Ein jämmerliches Häufchen Elend.
›Nehmen Sie sich zusammen!‹ sagte ich und versuchte ihm auf den Rücken zu klopfen – wobei meine Hand natürlich ins Leere griff. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr ganz so kaltblütig wie vorher auf dem Treppenabsatz. Die haarsträubende Situation begann mich doch etwas nervös zu machen. Ich erinnere mich, daß ich über diesen Griff ins Leere heftig erschrak und zurückzuckte. ›Nehmen Sie sich zusammen!‹ wiederholte ich. ›Versuchen Sie weiter!‹ Und um ihn anzuspornen, begann ich sogar mitzumachen.«
»Was!« rief Sanderson. »Seine Gesten?«
»Ja.«
»Aber …« Ich beugte mich vor.
»Das ist interessant«, sagte Sanderson, einen Finger im Pfeifenkopf. »Wollen Sie behaupten, daß er Ihnen alles …«
»… daß er mir das Geheimnis preisgegeben hat? Ja.«
»Unmöglich!« rief Wish. »Sonst wären Sie ja auch hinübergegangen!«
»Genau!« rief ich eifrig.
»Genau«, murmelte Clayton gedankenvoll.
Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fragte Sanderson:
»Und wie ging die Sache aus?«
»Schließlich glückte es ihm. Ich mußte ihm immer wieder zureden und ihn anspornen, aber schließlich glückte es ihm doch. Und zwar ganz plötzlich. Er wollte wieder einmal aufgeben, wir hatten eine heftige Szene. Und dann stand er plötzlich auf und bat mich, die ganze Sache noch einmal mit ihm durchzumachen. Er sagte: ›Wenn ich es bei Ihnen sehe, komme ich vielleicht dahinter, was ich falsch mache.‹ Also machten wir alles noch einmal gemeinsam durch. Auf einmal sagte er: ›Jetzt weiß ich’s.‹ Aber nun hatte er plötzlich Hemmungen und behauptete, er könnte es nicht zu Ende führen, wenn ich ihn dabei ansähe. Ich sollte mich umdrehen. ›Ich bin nun einmal nervös und sensibel‹, erklärte er. ›Sie irritieren mich.‹ Wir stritten eine Weile herum, und schließlich hatte ich es satt. ›Also schön‹, sagte ich. ›Ich sehe nicht hin.‹ Ich drehte ihm den Rücken zu – aber ich konnte ihn im Spiegel neben meinem Bett sehen.
Er begann sofort und haspelte seine Übungen in schnellem Tempo ab. Ich beobachtete ihn im Spiegel, denn ich war natürlich gespannt zu sehen, was er bisher falsch gemacht hatte. Er schwang die Arme herum, ungefähr so und so und so, und dann fiel er ruckartig in die letzte Pose – so: Man steht hochaufgerichtet, die Arme weit ausgebreitet. So stand er also da. Und auf einmal stand er eben nicht mehr da. Er war weg! Ich wirbelte auf dem Absatz herum. Nichts! Weg! Ich war allein mit den heftig flackernden Kerzen und meiner grenzenlosen Verwirrung. Was war geschehen? War überhaupt etwas geschehen? Hatte ich geträumt? Im selben Augenblick schlug die Uhr im Treppenhaus mit dröhnendem Schlag die erste Stunde. Mir war ganz schwach in den Knien, das können Sie mir glauben. Ich war nüchtern wie ein Staatsanwalt, der Sekt und der Whisky waren verflogen, und mir war ganz sonderbar zumute – ganz sonderbar – du liebe Zeit!«
Er betrachtete die Asche an seiner Zigarre.
»Das ist alles«, sagte er schließlich.
»Und dann sind Sie zu Bett gegangen?« fragte Evans.
»Was blieb mir andres übrig?«
Wish und ich wechselten einen Blick. Wir wollten witzeln, aber irgend etwas (vielleicht etwas in Claytons Stimme oder Haltung) hemmte uns.
»Und diese Gesten?« erkundigte sich Sanderson.
»Ich glaube, ich könnte sie jetzt machen.«
»So?« Sanderson brachte ein Taschenmesser zum Vorschein und begann in seiner Pfeife zu stochern. »Warum versuchen Sie es dann nicht gleich jetzt?« schlug er vor und klappte das Taschenmesser zusammen.
»Gut«, antwortete Clayton.
»Das klappt ja doch nicht«, meinte Evans.
»Aber wenn es klappt, dann …«, gab ich zu bedenken.
Wish streckte seine langen Beine aus.
»Ich bin dagegen«, sagte er.
»Warum?« fragte Evans.
»Ich bin dagegen, daß er es versucht.«
»Er kriegt es ja doch nicht fertig«, sagte Sanderson und stopfte zuviel Tabak in seine Pfeife.
»Trotzdem bin ich dagegen«, wiederholte Wish.
Wir widersprachen Wish. Er sagte, wenn Clayton diese Gesten wiederholte, so käme ihm das vor, als machte man sich über etwas sehr Ernstes lustig.
»Aber Sie glauben doch nicht daran?« wandte ich ein.
Wish sah Clayton an, der schweigend ins Feuer starrte.
»Ich weiß nicht recht – halb glaube ich doch daran«, murmelte Wish.
Ich sagte: »Clayton, Sie lügen etwas zu gut für mich. Ich meine – die ganze Sache war ja ganz nett. Aber der Schluß, dieses Verschwinden – das klang eigentlich zu echt. Sagen Sie, daß es nur eine erfundene Geschichte war.«
Er stand auf, ohne mich anzusehen, stellte sich auf den Teppich vor dem Kamin und starrte einen Moment auf seine Füße hinunter. Dann hob er den Kopf und richtete den Blick auf die gegenüberliegende Wand, mit einem Ausdruck tiefster innerer Konzentration. Langsam hob er beide Hände in Augenhöhe. Und dann begann er …
Nun muß man wissen, daß Sanderson Freimaurer ist. Er gehört der Loge der Vier Könige an, die sich so eifrig mit dem Studium der Mysterien der Freimaurerei aus Vergangenheit und Gegenwartbeschäftigt. Er folgte Claytons Bewegungen mit einem ganz besonderen Interesse in den kleinen, roten Augen.
»Nicht schlecht«, meinte er, als Clayton fertig war. »Tatsächlich, Clayton, Sie haben diese Dinge erstaunlich gut erfaßt. Nur fehlte da noch eine Kleinigkeit.«
»Ich weiß«, sagte Clayton. »Ich glaube, ich weiß sogar, welche.«
»Nun?«
»Diese«, sagte Clayton und vollführte eine merkwürdige kleine Serie von Wendungen und Verrenkungen der Hände.
»Ja.«
»Genau das ist es nämlich, was auch er nicht gleich traf«, erklärte Clayton. »Aber woher wissen Sie …?«
Sanderson sagte: »Das meiste davon verstehe auch ich nicht. Und vor allem begreife ich nicht, wie Sie das erfinden konnten. Aber diese eine Phase kenne ich wirklich. Es ist zufällig eine Geste, die mit einem bestimmten Zweig der esoterischen Freimaurerei zu tun hat – vielleicht wissen Sie davon. Wenn nicht, begreife ich nicht, wieso …« Er überlegte eine Weile. »Ich glaube, es kann nichts schaden, wenn ich Ihnen die richtige Bewegung zeige. Entweder wissen Sie es sowieso – oder es hilft Ihnen auch nichts.«
»Ich weiß gar nichts«, sagte Clayton. »Außer was dieser arme Teufel mir vorgemacht hat.«
»Na schön«, sagte Sanderson und legte seine lange Tonpfeife vorsichtig auf das Kaminsims. Dann vollführte er sehr rasch ein paar Handbewegungen.
»So?« fragte Clayton und ahmte ihn nach.
»So.« Sanderson wiederholte die Gesten und griff dann wieder nach seiner Pfeife.
»Ach ja«, sagte Clayton. »Ich glaube, jetzt kann ich es.«
Er stand vor dem verglimmenden Kaminfeuer und lächelte uns der Reihe nach zu. Aber es war etwas Unheimliches in seinem Lächeln.
»Wenn ich anfange …«, sagte er.
»Lassen Sie es lieber«, fiel Wish ein.
»Unsinn!« rief Evans. »Materie ist unzerstörbar. Ihr glaubt doch nicht wirklich, daß solcher Hokuspokus den guten Clayton ins Schattenreich befördern könnte! Ich jedenfalls glaube nicht an diesen Humbug. Meinetwegen können Sie Ihre Turnübungen machen, Clayton, bis Sie Muskelkater kriegen.«
»Ich bin dagegen«, sagte Wish und stand auf und legte Clayton die Hand auf die Schulter. »Sie haben Ihre Geschichte so suggestiv erzählt, daß ich halb und halb daran glaube. Und darum mochte ich nicht, daß Sie das machen.«
»Großer Gott!« lachte ich. »Wish hat Angst.«
»Stimmt«, sagte Wish mit echtem oder gut gespieltem Ernst. »Ich glaube, daß Clayton wirklich hinübergeht, wenn er das macht.«
»Kein Gedanke!« rief ich. »Es gibt nur einen einzigen Weg aus dieser Welt – und dazu hat Clayton noch dreißig Jahre Zeit. Sie glauben doch nicht im Ernst …«
Wish machte ein paar Schritte von uns weg und blieb neben dem Tisch stehen.
»Clayton, Sie sind verrückt, wenn Sie es tun«, sagte er.
Clayton lächelte seltsam.
»Wish hat recht, und ihr alle habt unrecht. Ich werde hinübergehen. Ich werde die Gesten richtig machen, und bei der letzten Bewegung – husch – wird der Kaminteppich leer sein. Ihr alle werdet Mund und Augen aufreißen – und ein seriös gekleideter Herr von hundertsiebzig Pfund wird in die Welt der Schatten hineinplatzen. Ich bin ganz sicher. Sie werden sehen. Hören wir auf, darüber zu streiten. Treten wir lieber den Beweis an.«
»Nein«, sagte Wish und trat einen Schritt vor.
Aber Clayton hob die Hände und begann die Gesten des Geistes zu wiederholen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns alle in einen Zustand äußerster Nervenspannung hineingesteigert. Ich glaube, daran war in erster Linie Wishs Verhalten schuld. Wir alle hatten die Blicke auf Clayton gerichtet. Ich zumindest saß stocksteif da und hatte das Gefühl, als ob mein Rücken vom Kopf bis zu den Hüften vereiste.
Und vor dem Kamin stand Clayton und vollführte seine Bewegungen mit ernster Feierlichkeit und zugleich mit unerschütterlicher Gelassenheit. Er beugte und drehte seinen Körper, schwang die Arme und bewegte die Hände. Je näher er dem Ende kam, desto atemloser wurde die Spannung im Raum.
Die letzte Geste bestand, wie gesagt, darin, die Arme weit auszubreiten und dann so dazustehen, mit aufwärts gewandtem Gesicht. Als er schließlich zu dieser Pose kam, stockte mir der Atem. Es war lächerlich, gewiß – aber wer kann sich schon diesem gewissen Gruseln verschließen, das einen bei Gespenstergeschichten überfällt. Es war spätabends, in einem alten, unheimlichen Haus. Würde er wirklich …?
Einen endlosen Augenblick lang stand er so da, die Arme weit ausgebreitet, den Blick nach oben gerichtet, heiter und gelassen, im Lichtschein der Hängelampe. Der Augenblick schien uns eine Ewigkeit zu dauern.
Und dann kam von uns allen so etwas wie ein stummer Seufzer grenzenloser Erleichterung. Denn körperlich war er nicht fort. Es war alles Unsinn. Er hatte uns eine Lügengeschichte aufgebunden, auf die wir beinahe hereingefallen wären – das war alles.
In diesem Augenblick veränderte sich Claytons Gesicht mit einem Schlag. Es veränderte sich so wie ein erleuchtetes Haus, in dem plötzlich alle Lichter ausgehen. Sein Blick wurde starr, das Lächeln gefror auf seinen Lippen. Er stand still. Und dann begann er kaum merklich zu schwanken.
Auch dieser Augenblick war eine Ewigkeit.
Plötzlich polterten Stühle, scharrten Schritte – wir alle waren aufgesprungen und stürzten vor. Seine Knie schienen nachzugeben, er fiel vornüber, und Evans konnte ihn gerade noch in seinen Armen auffangen.
Es traf uns alle wie ein Blitzstrahl. Eine Minute lang brachte keiner von uns ein Wort hervor. Wir glaubten es und konnten es doch nicht glauben …
Als ich aus meiner schlotternden Betäubung zu mir kam, lag ich auf den Knien neben ihm. Sein Hemd war aufgerissen, und Sandersons Hand lag auf seiner Brust …
Wir konnten es lange nicht fassen, was geschehen war. Aber das hatte auch keine Eile. Der Beweis lag vor uns, grauenhaft still und unübersehbar. So blieb er noch eine Stunde liegen.
Clayton war wirklich in jene Welt hinübergegangen, die der unseren so fern und doch so nah ist. Er war den einzigen Weg gegangen, der dem Sterblichen offen ist. Ob wirklich die Gesten und Bewegungen, die der arme Geist ihm gezeigt hatte, diese Wirkung auslösten – oder ob er (wie es im Polizeibericht hieß) mitten im Geschichtenerzahlen von einem Schlaganfall getroffen worden war –, wer will das entscheiden? Es war eines jener unerklärlichen Rätsel, deren Lösung wir erst am Ende aller Tage kennen werden.
Ich weiß nur eines: daß er in demselben Augenblick, in dem er diese ganz bestimmte Geste vollendete, vor unseren Augen tot zusammenbrach.