Die Zaubernacht in den Hochlanden
von
Ho­noré de Balzac

 

 

 

Ho­noré de Balzac (1799-1850), der be­deu­tends­te fran­zö­si­sche Ro­man­cier sei­ner Epo­che, wand­te sich in sei­nen »Mys­ti­schen Ge­schich­ten«, aus de­nen die hier aus­ge­wähl­te Er­zäh­lung stammt, den dunklen Sei­ten der mensch­li­chen See­le zu, dem, was die deut­schen Ro­man­ti­ker die »Nacht­sei­te der Na­tur« zu be­zeichn en pfleg­ten. Vor dem Hin­ter­grund spuk­haf­ter Er­eig­nis­se be­schreibt Balzac das un­heim­li­che Pan­dä­mo­ni­um mensch­li­cher Lei­den­schaf­ten und Trieb­kräf­te.

 

 

»Hal­lo­we’en, Hal­lo­we’en!« schri­en sie al­le. »Das ist der Abend der hei­li­gen Nacht, die schö­ne Nacht der Skel­pies{2} und Fai­ries{3}! Car­rick, und du, Co­lean, kommt ihr? Al­le Bau­ern von Car­rick-Bor­der{4} sind da. Un­se­re Megs und Jan­nies kom­men auch. Wir wer­den gu­ten Whis­ky in zin­ner­nen Krü­gen brin­gen und schäu­men­des Ale und den schmack­haf­ten Par­ridge{5}. Das Wet­ter ist schön, der Mond muß bald auf­ge­hen; nie, Ka­me­ra­den, sol­len die Rui­nen von Cas­si­lis-Dow­n­ans ei­ne so hei­te­re Ge­sell­schaft ge­se­hen ha­ben.« Al­so sprach Jock Muir­land, ein Land­mann und jun­ger Wit­wer. Er war, gleich den meis­ten schot­ti­schen Bau­ern, Theo­log, ein we­nig Dich­ter und ein großer Trin­ker, aber da­bei sehr spar­sam; Mur­dock, Will La­praik und Com Duck­at wa­ren bei ihm. Die Un­ter­hal­tung fand in der Nä­he des Dor­fes Cas­si­lis statt. Ihr wißt wahr­schein­lich nicht, was der Hal­lo­we’en ist: Es ist das die Nacht der Feen, in der Mit­te des Au­gust; al­le necki­schen Geis­ter tan­zen dann auf der Hei­de, ei­len über die Ge­fil­de oder rei­ten auf des Mon­des blei­chen Strah­len. Der Hal­lo­we’en ist der Fa­sching der Geis­ter und Gno­men. In die­ser Nacht gibt es kei­ne Grot­te und kei­ne Fel­sen, wo nicht ein Ball und ein Fest ge­fei­ert wür­de; nicht ei­ne Blu­me, die nicht von dem Hauch ei­ner Syl­phi­de be­wegt wür­de; kei­ne Haus­frau, die nicht sorg­sam ih­re Tü­re ver­schlös­se, da­mit der Spun­kie{6} nicht das Früh­stück für den fol­gen­den Tag weg­ho­le oder sei­nen Freun­den das Es­sen der Kin­der op­fe­re, wel­che in der Wie­ge ne­ben­ein­an­der­lie­gen.

Ei­ne fei­er­li­che Nacht leg­te sich über die Hü­gel von Cas­si­lis. Denkt euch ein ber­gi­ges Land, wel­len­för­mig wie das Meer, des­sen zahl­rei­che Hü­gel mit grü­nem und glän­zen­dem Moos be­deckt sind. In der Fer­ne, auf ei­nem stei­len Fel­sen, er­blickt man die Mau­ern des zer­stör­ten Schlos­ses, des­sen Ka­pel­le das Dach fehlt, die aber sonst fast un­ver­sehrt ist mit ih­ren schlan­ken Säu­len.

Der Bo­den ist un­frucht­bar in je­ner Ge­gend, und der Mensch, wel­cher in der Ver­ödung und dem Grau­en ei­ne höchs­te Macht er­kennt, glaubt, daß die­sem un­frucht­ba­ren Bo­den das Sie­gel der Gott­heit selbst auf­ge­drückt ist.

Die Gü­te des höchs­ten We­sens flö­ßt uns we­nig Dank ein, aber sei­ne Zuchtru­te und Stren­ge be­ten wir an.

Die Spun­kies tanz­ten in die­ser Nacht auf dem küm­mer­li­chen Ra­sen von Cas­si­lis, und der auf­ge­gan­ge­ne Mond scheint breit und rot. Die Spun­kies tanz­ten.

Der Spun­kie hat einen Mäd­chen­kopf, schnee­weiß, mit lan­gem flam­men­den Haar. Auch hat er Flü­gel, doch sit­zen die­se nicht an den Schul­tern, son­dern an den wei­ßen und dün­nen Ar­men, mit de­nen sie bis an das Hand­ge­lenk ver­bun­den sind. Der Spun­kie ist Herm­aphro­dit – mit ei­nem weib­li­chen Ant­litz ver­bin­det er die zar­te Ele­ganz der männ­li­chen Ju­gend. Der Spun­kie hat kei­ne an­de­re Klei­dung als sei­ne Flü­gel, ein Ge­we­be, zart und fein, schmieg­sam und dicht, un­durch­dring­lich und leicht, wie der Flü­gel der Fle­der­maus. Ei­ne bräun­li­che Fär­bung, durch wel­che es rot hin­durch­schim­mert, zeich­net die­ses na­tür­li­che Ge­wand aus, das sich um den ru­hen­den Spun­kie zu­sam­men­legt, wie die Fal­ten der Fah­ne um den Schaft. Lan­ge Rip­pen, wel­che in ih­rer bläu­li­chen Fär­bung dem Stahl glei­chen, stüt­zen die­se lan­gen Flü­gel, mit de­nen der Spun­kie sich klei­det; eher­ne Kral­len be­waff­nen ih­re äu­ßers­ten En­den. We­he der Haus­frau, die sich abends in die Nä­he des Moo­res wagt, wo der Spun­kie lau­ert, oder die in den Wald geht, den er durch­läuft!

An den Ufern der Doon tanz­ten die Spun­kies, als ei­ne hei­te­re Ge­sell­schaft von Frau­en, Kin­dern und jun­gen Mäd­chen sich nä­her­te. So­fort ver­schwan­den die Ko­bol­de. Sie brei­te­ten ih­re großen Flü­gel aus und ver­dun­kel­ten den Mond. Sie glei­chen ei­ner Wol­ke von Vö­geln, die sich plötz­lich aus rau­schen­dem Röh­richt er­he­ben. Muir­land und sei­ne Ge­fähr­ten blie­ben ste­hen.

»Mich graust«, sag­te ein jun­ges Mäd­chen.

»Bah!« ant­wor­te­te der Päch­ter. »Das sind wil­de En­ten, wel­che da­von­flie­gen.«

»Muir­land«, sag­te vor­wurfs­voll der jun­ge Co­lean, »du wirst ein schlech­tes En­de neh­men; du glaubst an nichts.«

»Wir wol­len uns hier nie­der­las­sen«, ent­geg­ne­te Muir­land, oh­ne auf den Ta­del sei­nes Ge­fähr­ten zu hö­ren; »hier kön­nen wir un­se­re Kör­be lee­ren, denn der Ort ist schön und ge­schützt, der Fel­sen deckt uns, und der Ra­sen bie­tet uns ein wei­ches La­ger. Der Teu­fel selbst soll mich nicht in mei­nen Be­trach­tun­gen stö­ren, die aus die­sen Kan­nen und Fla­schen her­vor­kom­men wer­den.«

»Aber die Bo­gil­lies{7} und Brow­nil­lies{8} kön­nen uns hier fin­den«, sag­te schüch­tern ei­ne jun­ge Frau.

»Der Cra­neuch{9} ho­le sie«, un­ter­brach Muir­land die Spre­chen­de. »Schnell, La­praik, ma­che hier bei dem Fel­sen ein Feu­er aus tro­ckenem Laub und Rei­sig; wir wol­len den Whis­ky heiß ma­chen, und wenn die Mäd­chen wis­sen wol­len, was für einen Mann der lie­be Gott oder der Teu­fel ih­nen be­stimmt hat, so ha­ben wir hier al­les, wo­mit wir ih­re Neu­gier­de be­frie­di­gen kön­nen. Bor­ne Les­ley hat Spie­gel, Nüs­se, Lein­sa­men, Tel­ler und But­ter mit­ge­bracht. Sagt, Mäd­chen, ist das nicht al­les, was ihr zu eu­ren Zau­be­rei­en braucht?«

»Ja, ja«, ant­wor­te­ten die Mäd­chen.

»Zu­vor wol­len wir aber trin­ken«, sag­te der Päch­ter, der durch sein Ver­mö­gen, sei­ne wohl­ge­füll­ten Kel­ler und Spei­cher und sei­ne land­wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­se ein großes An­se­hen in der Ge­gend ge­noß.

Von al­len Län­dern in der Welt ist Schott­land das­je­ni­ge, in wel­chem die ge­rin­ge­ren Klas­sen die meis­te Bil­dung in Ver­bin­dung mit dem größ­ten Aber­glau­ben be­sit­zen. Fragt Wal­ter Scott, je­nen er­ha­be­nen schot­ti­schen Land­mann, der sei­ne Grö­ße nur der von Gott er­hal­te­nen Fä­hig­keit ver­dank­te, auf sym­bo­li­sche Wei­se den gan­zen Ge­ni­us sei­nes Vol­kes dar­zu­stel­len. In Schott­land glaubt man an al­le Ar­ten von Geis­tern und un­ter­hält sich in den dürf­tigs­ten Hüt­ten über Ge­gen­stän­de der ab­strak­ten Phi­lo­so­phie.

Die Nacht der Hal­lo­we’en ist vor­zugs­wei­se dem Aber­glau­ben ge­wid­met. Man glaubt, in die­ser Nacht einen Blick in die Zu­kunft tun zu kön­nen. Die For­meln und Zau­ber­sprü­che sind be­kannt und un­ver­letz­lich. Kei­ne Re­li­gi­on kann es ge­nau­er mit ih­ren Ze­re­mo­ni­en neh­men. Der Zweck des nächt­li­chen Aus­flugs der Be­woh­ner von Cas­si­lis war die Fei­er die­ser Zau­ber­nacht, bei wel­cher je­der Pries­ter und He­xen­meis­ter zu glei­cher Zeit ist.

Die­se länd­li­che Zau­be­rei hat einen un­aus­sprech­li­chen Reiz. Man bleibt ge­wis­ser­ma­ßen auf der Gren­ze ste­hen, wel­che Dich­tung und Wirk­lich­keit schei­det; man steht mit den höl­li­schen Mäch­ten in Ver­bin­dung, oh­ne da­bei aber Gott zu ver­leug­nen; man wan­delt die ge­wöhn­lichs­ten Din­ge in ma­gi­sche um; man schafft sich mit ei­ner Ge­trei­de­äh­re und ei­nem Wei­den­blatt Hoff­nun­gen und Be­fürch­tun­gen. Mit­ter­nacht ist die Stun­de der Hal­lo­we’en, denn dann ist die gan­ze Luft von über­ir­di­schen We­sen be­völ­kert.

Um neun Uhr wa­ren die Bau­ern zu­sam­men­ge­kom­men; sie ver­brach­ten die Zeit bis Mit­ter­nacht mit Ze­chen; auch san­gen sie je­ne al­ten, köst­li­chen Bal­la­den, de­ren schwer­mü­ti­ge, kind­li­che Me­lo­di­en so un­end­lich er­grei­fen.

Die jun­gen Mäd­chen mit ih­ren ge­wür­fel­ten Tü­chern und ih­ren sau­be­ren Ge­wän­dern, die Frau­en, auf de­ren Lip­pen ein Lä­cheln schweb­te, die Kin­der, ge­schmückt mit je­nen ro­ten Bän­dern, wel­che über den Kni­en zu­sam­men­ge­bun­den wer­den und als Strumpf­bän­der und Schmuck zu­gleich die­nen, die jun­gen Leu­te, de­ren Herz schnel­ler schlug, je nä­her die ge­heim­nis­vol­le Stun­de kam, in wel­cher das Schick­sal be­fragt wer­den soll­te, ei­ner oder zwei Grei­se, die durch das schmack­haf­te Ale zu Jüng­lin­gen wur­den, sie al­le bil­de­ten ei­ne an­zie­hen­de Grup­pe, die, von Wil­kie ge­malt, al­le emp­fäng­li­chen See­len Eu­ro­pas ent­zückt und al­le die er­freut hät­te, wel­che un­ter so vie­len fie­ber­haf­ten An­stren­gun­gen noch der Won­ne ei­nes wah­ren und tie­fen Ge­fühls zu­gäng­lich ge­blie­ben sind.

Be­son­ders Muir­land über­ließ sich ganz und gar der lau­ten Hei­ter­keit, wel­che aus dem Bier auf­stieg und sich der gan­zen Ver­samm­lung be­mäch­tig­te.

Er war ei­ner von de­nen, die das Le­ben nicht klein­kriegt, die sich im Be­wußt­sein ih­rer Kraft vor nichts fürch­ten. Sei­ne jun­ge Frau war nach zwei­jäh­ri­ger Ehe ge­stor­ben, und Muir­land hat­te ge­schwo­ren, nie wie­der zu hei­ra­ten.

Je­der­mann im Dorf kann­te die Ur­sa­che von Tuil­zi­es Tod: Muir­lands Ei­fer­sucht hat­te ihn her­bei­ge­führt. Kaum sech­zehn Som­mer zähl­te Tuil­zie, als der Päch­ter sie frei­te. Sie lieb­te ihn und kann­te nicht sei­ne Hef­tig­keit, nicht die Wut, die ihn er­grei­fen konn­te, die täg­li­chen Qua­len, die er sich selbst und an­de­ren be­rei­te­te. Jock Muir­land war ei­fer­süch­tig; die kind­li­che Zärt­lich­keit sei­ner jun­gen Gat­tin be­ru­hig­te ihn nicht. Ei­nes Ta­ges, es war mit­ten im Win­ter, ließ er sie ei­ne Rei­se nach Edin­bur­gh ma­chen, um sie den vor­geb­li­chen Nach­stel­lun­gen ei­nes jun­gen Lords zu ent­zie­hen, der die schlech­te Jah­res­zeit auf sei­nem Land­sitz zu­brin­gen woll­te.

Von den Be­kann­ten des Päch­ters ließ es kei­ner an Vor­wür­fen feh­len; er ant­wor­te­te nichts wei­ter, als daß er Tuil­zie sehr lie­be und am bes­ten be­ur­tei­len kön­ne, was zu dem Glück sei­ner Ehe bei­trü­ge. Un­ter dem Dach Jocks hör­te man oft Kla­gen, Ge­schrei und Seuf­zer. Tuil­zi­es Bru­der hat­te sei­nem Schwa­ger vor­ge­stellt, daß sein Be­neh­men un­ver­zeih­lich wä­re, und hef­ti­ger Streit zwi­schen den Gat­ten war die Fol­ge die­ses Schrit­tes ge­we­sen; das jun­ge Weib wur­de krän­ker von Tag zu Tag. End­lich er­lag sie dem Kum­mer. Muir­land ver­sank in tie­fe Ver­zweif­lung, die meh­re­re Jah­re dau­er­te; da aber al­les in die­ser Welt ver­gäng­lich ist, so hat­te auch er, in­dem er den Eid leis­te­te, Wit­wer blei­ben zu wol­len, all­mäh­lich die Er­in­ne­rung an die Frau ver­lo­ren, de­ren Hen­ker er ge­gen sei­nen Wil­len ge­wor­den war. Die Frau­en und Mäd­chen, wel­che ihn meh­re­re Jah­re lang nur mit Angst an­ge­se­hen hat­ten, ver­zie­hen ihm end­lich, und die Nacht des Hal­lo­we’en fand ihn als den wie­der, der er frü­her ge­we­sen war: hei­ter, wit­zig, un­ter­hal­tend, reich an treff­li­chen Er­zäh­lun­gen und Scher­zen, wel­che die nächt­li­che Ge­sell­schaft in die hei­ters­te Lau­ne ver­setz­ten.

Schon hat­te man die meis­ten al­ten Ro­man­zen ge­sun­gen, als es Mit­ter­nacht schlug. Man hat­te reich­lich ge­trun­ken. Die Geis­ter­stun­de war da. Al­le er­ho­ben sich, nur Muir­land nicht.

»Wir wol­len den Kail su­chen! Den Kail wol­len wir su­chen!« rie­fen al­le.

Die jun­gen Män­ner und jun­gen Mäd­chen eil­ten da­von und kehr­ten dann ei­ner nach dem an­dern zu­rück; je­der brach­te ei­ne Wur­zel mit, die er aus dem Bo­den ge­zo­gen – das war der Kail.

Die ers­te Wur­zel, die man fin­det, muß man aus­zie­hen; ist die Wur­zel ge­ra­de, so ist die zu­künf­ti­ge Gat­tin oder der zu­künf­ti­ge Gat­te schön ge­wach­sen und hübsch; ist sie ge­krümmt, so hei­ra­tet man ei­ne häß­li­che Per­son. Bleibt Er­de an den Fa­sern der Wur­zel hän­gen, ist die Ehe glück­lich und frucht­bar; ei­ne glat­te und dün­ne Wur­zel deu­tet dar­auf, daß man nicht lan­ge ver­hei­ra­tet bleibt.

Die Aus­sich­ten auf künf­ti­ge Hei­ra­ten ver­an­laß­ten lau­tes La­chen und man­chen Scherz.

»Ar­mer Will Ha­ver­el!« rief Muir­land, wäh­rend er auf die Wur­zel blick­te, die ein jun­ger Bur­sche in der Hand hielt. »Du be­kommst ei­ne buck­li­ge Frau; dein Kail gleicht dem Schwanz mei­nes Schwei­nes.«

Dann setz­ten sie sich in einen Kreis und ver­such­ten, wie die Wur­zeln schmeck­ten. Ei­ne bit­te­re Wur­zel deu­tet auf ein gars­ti­ges Ehe­ge­mahl; ei­ne sü­ße Wur­zel auf einen schwach­sin­ni­gen Mann oder ei­ne eben­sol­che Frau; ei­ne wohl­rie­chen­de Wur­zel auf einen Gat­ten von fröh­li­chem We­sen. Dann kam das tap-pick­le. Die jun­gen Mäd­chen gin­gen mit ver­bun­de­nen Au­gen auf ein Feld, und je­des pflück­te drei Ge­trei­de­äh­ren. Fehlt in ei­ner der­sel­ben das Korn, so weiß man, daß der zu­künf­ti­ge Mann ei­ne vor der Ehe be­gan­ge­ne Schwä­che zu ver­zei­hen hat. O Nel­ly! Nel­ly! Dei­nen drei Äh­ren fehl­te ihr tap-pick­le, und man wird dich nicht mit Spöt­te­rei­en ver­scho­nen! Du hat­test ges­tern noch auf dem Heu­bo­den ei­ne lan­ge, lan­ge Un­ter­re­dung mit Ro­bert Luath.

Muir­land blick­te die Mäd­chen an, oh­ne An­teil an ih­rem Spiel zu neh­men.

»Die Nüs­se! Nüs­se!« rief man nun.

Aus ei­nem Korb wur­de ein Sack mit Nüs­sen her­vor­ge­zo­gen, und man nä­her­te sich dem Feu­er. Je­der nahm ei­ne Nuß. Man stell­te sich paar­wei­se auf und gab der Nuß, die man ge­wählt hat, sei­nen ei­ge­nen Na­men. Dann leg­te das Paar die Nüs­se in das Feu­er. Wenn die bei­den Nüs­se fried­lich ne­ben­ein­an­der bren­nen, so wird die Ehe lan­ge dau­ern und fried­lich sein; wenn aber die Nüs­se knacken und beim Ver­bren­nen aus­ein­an­der­sprin­gen, so wird Un­frie­den in der Ehe herr­schen, und sie wird bald ge­trennt wer­den.

Es schlug ein Uhr, und noch wa­ren die Bau­ern nicht mü­de, ih­re Ora­kel zu be­fra­gen. Die Spun­kies be­gan­nen sich im Schilf zu re­gen. Die jun­gen Mäd­chen zit­ter­ten. Ei­ne Wol­ke zog vor den Mond, wel­cher hoch am Him­mel stand. Man be­frag­te jetzt den Erd­topf, man blies das Licht aus, man schnitt Äp­fel und gab sich noch manch an­de­rer Zau­be­rei hin.

Wil­lie Mail­lie, eins der hüb­sche­s­ten Mäd­chen, tauch­te drei­mal sei­ne Hand in das Was­ser der Doon und rief da­bei: »Mein künf­ti­ger Mann, den ich noch nicht se­hen kann, wo du bist, sag mir an. Mei­ne Hand nimm an.«

Drei­mal wie­der­hol­te sie den Zau­ber­spruch; da stieß sie plötz­lich einen lau­ten Schrei aus.

»Ach, ge­rech­ter Gott! Der Spun­kie hat mei­ne Hand er­grif­fen!« schrie sie.

Man eil­te zu ihr, und al­le schri­en, nur nicht Muir­land. Das Mäd­chen zeig­te sei­ne blu­ten­de Hand; die, wel­che durch lan­ge Übung ge­schickt in der Deu­tung sol­cher Ora­kel wa­ren, ka­men da­hin über­ein, daß die Ver­wun­dung kei­nes­wegs, wie Muir­land be­haup­te­te, durch Dor­nen her­vor­ge­bracht wä­re, son­dern daß die Hand des jun­gen Mäd­chens tat­säch­lich die Spu­ren der spit­zi­gen Kral­len ei­nes Spun­kie zei­ge.

Mail­lie wür­de al­so einen sehr ei­fer­süch­ti­gen Mann er­hal­ten. Der ver­wit­we­te Päch­ter hat­te viel ge­trun­ken.

»Einen Ei­fer­süch­ti­gen!« schrie er.

Er glaub­te in die­ser Deu­tung ei­ne An­spie­lung auf die Ge­schich­te sei­ner Ehe zu er­ken­nen. »Was mich be­trifft«, fuhr Muir­land fort und leer­te ei­ne Kan­ne, wel­che bis zum Ran­de mit Whis­ky ge­füllt war, »so will ich mich hun­dert­mal lie­ber mit dem Spun­kie ver­mäh­len, als noch­mals hei­ra­ten. Ich ha­be er­fah­ren, was es heißt, in Fes­seln zu le­ben. Lie­ber will ich mich mit ei­nem Af­fen, ei­ner Kat­ze oder ei­nem Teu­fel in ei­ne Fla­sche ein­schlie­ßen las­sen. Ich bin auf mei­ne ar­me Tuil­zie ei­fer­süch­tig ge­we­sen und hat­te da­mit viel­leicht un­recht; doch was soll man tun, wenn man sich ge­gen die Ei­fer­sucht schüt­zen will? Wo ist das Weib, wel­ches nicht ei­ner ewi­gen Auf­sicht be­dürf­te? Ich schlief des Nachts nicht, ver­ließ sie den gan­zen Tag nicht und schloß kei­ne Mi­nu­te die Au­gen. Mein Gut ging zu­rück, al­les ging zu­grun­de. Tuil­zie selbst welk­te da­hin. Fünf Mil­lio­nen Teu­fel mö­gen die Ehe ho­len!« Ei­ni­ge lach­ten, an­de­re är­ger­ten sich und schwie­gen.

Nun soll­te der Zau­ber mit dem Spie­gel ver­sucht wer­den. Hier­bei stellt man sich mit ei­nem Licht in der Hand vor einen klei­nen Spie­gel, haucht drei­mal auf das Glas und wischt es dann ab, in­dem man drei­mal wie­der­holt: »Komm her­an, mein Mann!« oder »Daß ich dich schau’, mei­ne Frau!« Dann zeigt sich über der lin­ken Schul­ter der Per­son, die das Schick­sal be­fragt, deut­lich ei­ne Ge­stalt, und zwar die der Gat­tin oder des Gat­ten. Nie­mand wag­te nach dem, was Mail­lie zu­ge­sto­ßen war, noch fer­ner die über­na­tür­li­chen Mäch­te zu be­fra­gen. Die Wel­len der Doon mur­mel­ten im Schilf; ein lan­ger Sil­ber­schein, wel­cher in der Fer­ne auf dem Was­ser schim­mer­te, war in den Au­gen der Land­leu­te die leuch­ten­de Spur der Skel­pies oder Was­ser­geis­ter. Muir­lands Pferd, ein klei­nes Tier mit schwar­zem Schweif und wei­ßer Brust, wie­her­te laut, was stets ein Zei­chen da­für ist, daß ein bö­ser Geist in der Nä­he weilt. Die Luft wur­de kühl, die Hal­me des Schilfs wieg­ten sich rau­schend im Wind. Al­le Frau­en be­gan­nen von der Rück­kehr zu spre­chen; sie ta­del­ten ih­re Män­ner und Brü­der, daß sie zu­viel trän­ken, rie­ten ih­ren Vä­tern, sich nicht län­ger der fri­schen Nacht­luft aus­zu­set­zen.

»Nun! Wer von euch will in den Spie­gel bli­cken?« frag­te Muir­land.

Nie­mand ant­wor­te­te.

»Ihr habt we­nig Mut«, fuhr er dann fort. »Der Hauch des Win­des macht euch zit­tern. Was mich be­trifft, so will ich kei­ne Frau ha­ben, wie ihr wißt, weil ich schla­fen will und mei­ne Au­gen sich nicht schlie­ßen wol­len, wenn ich ver­hei­ra­tet bin; da­her darf ich nicht in den Spie­gel se­hen.«

Als aber nie­mand den Spie­gel er­grei­fen woll­te, nahm Jock Muir­land ihn doch zur Hand.

»Ich wer­de euch ein Bei­spiel ge­ben.« Mit die­sen Wor­ten nahm er den Spie­gel; das Licht wur­de an­ge­zün­det, und mu­tig wie­der­hol­te er die Zau­ber­wor­te.

»Daß ich dich schau’, mei­ne Frau!«

So­fort zeig­te sich über Muir­lands Schul­ter ein blei­cher Kopf mit blon­dem Haar. Er er­beb­te und blick­te sich um, um sich zu über­zeu­gen, daß keins der jun­gen Mäd­chen hin­ter ihm ste­he. Al­lein nie­mand hat­te ge­wagt, die Rol­le des Ge­spens­tes zu spie­len, und ob­schon der Spie­gel den Hän­den des Päch­ters ent­glit­ten war und zer­bro­chen auf der Er­de lag, zeig­te sich doch noch im­mer über sei­ner Schul­ter der blei­che Kopf mit dem flam­mend blon­den Haar.

Muir­land stieß einen lau­ten Schrei aus und warf sich mit dem Ge­sicht auf den Bo­den.

Al­le An­we­sen­den flo­hen und zer­streu­ten sich nach den ver­schie­dens­ten Sei­ten wie Blät­ter im Wind. An der Stel­le, wo sie sich ih­ren länd­li­chen Freu­den hin­ge­ge­ben hat­ten, blie­ben nur Res­te des Fes­tes, das halb er­lo­sche­ne Feu­er, die ge­leer­ten Krü­ge und Fla­schen – und Muir­land, der mit dem Ge­sicht noch im­mer auf dem Bo­den lag.

Der Wind heul­te und ließ je­nes lan­ge Pfei­fen hö­ren, wel­ches die Schot­ten mit dem Aus­druck sugh be­zeich­nen.

Muir­land er­hob sich und blick­te über sei­ne Schul­ter – noch im­mer sah er den Kopf; er lä­chel­te dem Bau­ern zu, sag­te aber kein Wort, und Muir­land ver­moch­te nicht zu er­ken­nen, ob die­ser Kopf ei­nem mensch­li­chen Kör­per an­ge­hö­re, denn er zeig­te sich ihm stets nur über die Schul­ter. Sei­ne Zun­ge kleb­te ihm am Gau­men. Er ver­such­te ei­ne Un­ter­hal­tung mit dem höl­li­schen We­sen an­zu­knüp­fen, er sprach sich selbst Mut zu, doch um­sonst – so­bald er die blei­chen Zü­ge und die flam­men­den Lo­cken er­blick­te, zit­ter­te er am gan­zen Kör­per. Da floh er in der Hoff­nung, sich so von die­sem schreck­li­chen We­sen be­frei­en zu kön­nen.

Er eil­te zu sei­nem Pferd, band es los und woll­te den Fuß in den Steig­bü­gel set­zen, als er sich noch ein­mal um­blick­te. O Grau­sen! Noch im­mer war der Kopf ne­ben ihm, schi­en sein un­zer­trenn­li­cher Be­glei­ter ge­wor­den zu sein. Er war an sei­ne Schul­ter ge­hef­tet, gleich je­nen Köp­fen, wel­che go­ti­sche Bild­hau­er bis­wei­len an der Spit­ze ei­ner Säu­le oder in der Ecke ei­nes Ge­sim­ses an­brach­ten.

Das Pferd des Bau­ern schnaub­te; es teil­te das Grau­sen sei­nes Herrn.

Der Spun­kie, denn ei­ner von die­sen Be­woh­nern des Schil­fes der Doon muß­te es sein, der den Päch­ter ver­folg­te, rich­te­te zwei flam­men­de Au­gen auf Muir­land, so­oft die­ser sich um­blick­te. Tief­blau wa­ren die­se Au­gen, kei­ne Wim­pern be­schat­te­ten, kein Au­gen­lid mil­der­te ih­ren un­heim­li­chen Glanz. Bei­de Spo­ren schlug der Bau­er dem Pferd in die Sei­ten, das da­von­jag­te; im­mer wie­der muß­te er sich um­dre­hen, muß­te sich über­zeu­gen, ob sei­ne Ver­fol­ge­rin noch da war, und sie ver­ließ ihn nicht; er ga­lop­pier­te da­hin. Muir­land wuß­te nicht mehr, wel­chen Weg er ver­folg­te, wel­chem Ziel sein Pferd ihn ent­ge­gen­führ­te. Er hat­te nur einen Ge­dan­ken, den an den Spun­kie, der ihn nicht ver­ließ.

Der Him­mel über­zog sich mit schwar­zen Wol­ken. Der Wind heul­te, als hät­te er die To­ten auf­we­cken wol­len; der Re­gen klatsch­te.

Flüch­ti­ge Blit­ze durch­zuck­ten die Wol­ken. Der Don­ner glich ei­nem dump­fen und lau­ten Ge­brüll.

Die Wut des Un­ge­wit­ters stei­ger­te sich mit je­dem Au­gen­blick; die Doon trat aus ih­ren Ufern, und Muir­land er­kann­te, nach­dem er ei­ne Stun­de ga­lop­piert war, daß er an die­sel­be Stel­le zu­rück­ge­kehrt war, von der er weg­ge­rit­ten war. Er jag­te wei­ter.

Die Kir­che von Cas­si­lis lag vor ihm. Ei­ne Feu­ers­brunst schi­en ih­re al­ten Pfei­ler zu ver­zeh­ren; Flam­men schlu­gen aus den Fens­ter­lö­chern, und die Bild­wer­ke er­schie­nen in ih­rer gan­zen Schön­heit auf dem un­heim­lich hel­len Hin­ter­grun­de. Das Pferd woll­te nicht wei­ter; al­lein der Päch­ter, des­sen Ver­nunft nicht mehr sein Tun lei­te­te, der die Last des furcht­ba­ren Kopf­es auf sei­nen Schul­tern zu füh­len glaub­te, schlug dem ar­men Tie­re so hef­tig die Spo­ren in die Sei­ten, daß es wei­ter­ras­te.

»Jock«, sag­te ei­ne sanf­te Stim­me, »hei­ra­te mich, und du wirst dich nicht mehr fürch­ten.«

»Hei­ra­te mich«, wie­der­hol­te der Spun­kie.

In­des jag­ten sie auf die flam­men­de Kir­che zu. Am Wei­ter­rei­ten durch die zer­bro­che­nen Pfei­ler und die zu Bo­den ge­stürz­ten Stein­bil­der der Hei­li­gen ge­hin­dert, stieg Muir­land vom Pfer­de.

Mit fes­ten Schrit­ten trat er in die Kir­che, de­ren De­cke der Him­mel bil­de­te, aus wel­chem je­ne in­fer­na­li­schen Flam­men ka­men.

Ein neu­es Schau­spiel er­war­te­te ihn hier. Ei­ne Ge­stalt kau­er­te in der Mit­te des Schif­fes und trug auf ih­rem ge­krümm­ten Rücken ein acht­e­cki­ges Ge­fäß, aus wel­chem ei­ne grü­ne und ro­te Flam­me her­vor­zün­gel­te. Der Hoch­al­tar zeig­te sei­nen al­ten Zie­rat aus der ka­tho­li­schen Zeit. Dä­mo­nen mit flam­men­dem Haar, das sich auf ih­rem Kopf sträub­te, stan­den auf dem Al­tar und ver­tra­ten die Stel­len der Ker­zen.

Al­le gro­tes­ken und höl­li­schen Ge­stal­ten, wel­che je die Ein­bil­dungs­kraft ei­nes Ma­lers oder Dich­ters er­fun­den hat, dräng­ten sich durch­ein­an­der, lie­fen, rann­ten, flo­gen und schweb­ten. Im Ge­stühl der Dom­her­ren sa­ßen erns­te Ge­stal­ten in der Tracht ih­res Stan­des. Die Hän­de, wel­che sie auf ih­re Ge­bet­bü­cher ge­legt hat­ten, wa­ren die Hän­de von Ske­let­ten, und in ih­ren ein­ge­sun­ke­nen Au­gen war kei­ne Spur von Le­ben. Dä­mo­nen par­odier­ten die hei­li­ge Mes­se. Vier­zig von die­sen Ko­bol­den hiel­ten schot­ti­sche Du­del­sack­pfei­fen von ver­schie­de­ner Grö­ße in den Hän­den. Ein un­ge­heu­rer schwar­zer Ka­ter, der auf ei­nem Thron saß, den et­wa zwölf von je­nen Geis­tern um­stan­den, gab mit ei­nem lang­ge­dehn­ten Mi­au­en den Takt an.

Die­se höl­li­sche Sym­pho­nie ließ al­les er­be­ben, was noch von der halb zer­stör­ten Kir­che üb­rig war, und von Zeit zu Zeit fiel ein Stein her­ab. Schö­ne Skel­pies la­gen wäh­rend die­ses Lär­mens auf den Kni­en; man hät­te sie für rei­zen­de Jung­frau­en hal­ten kön­nen, hät­te nicht der Schweif un­ter dem Saum ih­res Ge­wan­des her­vor­ge­guckt.

Mehr als fünf­zig Spun­kies, die ih­re Flü­gel teils aus­brei­te­ten, teils zu­sam­men­leg­ten, tanz­ten oder ruh­ten. In den Ni­schen der Hei­li­gen, die um das Schiff an­ge­bracht wa­ren, stan­den of­fe­ne Sär­ge, in de­nen die To­ten in ih­rem wei­ßen Lei­chen­ge­wand la­gen und ei­ne bren­nen­de Ker­ze in der Hand hiel­ten. Was die Skulp­tu­ren be­trifft, wel­che an den Pfei­lern an­ge­bracht wa­ren, so wer­de ich mich mit ih­rer Be­schrei­bung nicht be­fas­sen. Al­le seit zwan­zig Jah­ren in Schott­land be­gange­nen Ver­bre­chen hat­ten das Ih­ri­ge da­zu bei­tra­gen müs­sen, die­se den Dä­mo­nen über­lie­fer­te Kir­che zu schmücken.

Man sah dort den Strang des Ge­häng­ten, das Mes­ser des Mör­ders, die schreck­li­chen Über­res­te der Kinds­mör­de­rin, Her­zen von Bö­se­wich­tern, die im Las­ter schwarz ge­wor­den wa­ren, und wei­ße Haa­re von Vä­tern, wel­che noch an der Schnei­de des va­ter­mör­de­ri­schen Dol­ches kleb­ten.

Muir­land blieb ste­hen und wand­te sich um, das Ant­litz, das ihn bei sei­nem Ritt be­glei­tet hat­te, be­fand sich noch im­mer auf sei­nem Pos­ten. Eins von den Un­ge­heu­ern, wel­che den höl­li­schen Got­tes­dienst zu ver­se­hen hat­ten, er­griff ihn bei der Hand; er ließ al­les mit sich ge­sche­hen. Man führ­te ihn zum Al­tar, und er folg­te wil­lig sei­nem Füh­rer. Man knie­te nie­der, und er knie­te eben­falls nie­der; man sang wun­der­li­che Hym­nen, er aber hör­te nicht; starr blieb er ste­hen und er­war­te­te sein Schick­sal.

In­des wur­den die höl­li­schen Ge­sän­ge im­mer lau­ter; die Spun­kies, wel­che das Bal­lett bil­de­ten, dreh­ten sich schnel­ler in ih­rer höl­li­schen Run­de; die Du­del­sack­pfei­fen gell­ten, schnarr­ten, heul­ten und pfif­fen.

Muir­land wand­te wie­der den Kopf, sei­ne Be­glei­te­rin war ver­schwun­den.

Als sich aber sei­ne ge­blen­de­ten und ver­wirr­ten Bli­cke auf die Ge­gen­stän­de rich­te­ten, wel­che ihn um­ga­ben, war er sehr er­staunt, ein jun­ges Mäd­chen zu er­bli­cken, das auf ei­nem Sarg ne­ben ihm knie­te und des­sen Ge­sicht voll­kom­men das­sel­be war, wie das des Ge­spens­tes, wel­ches ihn ver­folgt hat­te.

Ein kur­z­es schot­ti­sches Hemd von fei­ner grau­er Lein­wand fiel kaum bis auf die Hälf­te der Schen­kel hin­ab. Man sah wei­ße Schul­tern, über wel­che blon­des Haar her­ab­fiel, einen jung­fräu­li­chen Bu­sen, des­sen Rei­ze durch die Leich­tig­keit der Klei­dung er­höht wur­den.

Muir­land war auf­ge­regt; die­se so an­mu­ti­gen und so zar­ten For­men stan­den im Wi­der­spruch zu al­lem, was ihn um­gab. Das Ske­lett, wel­ches die Mes­se nach­äff­te, er­griff mit sei­nen ge­krümm­ten Fin­gern Muir­lands Hand und leg­te sie in die des jun­gen Mäd­chens.

Muir­land glaub­te jetzt in der Be­rüh­rung der selt­sa­men Braut den kal­ten Biß zu er­ken­nen, wel­chen das Volk den Spun­kies zu­schreibt. Das war zu­viel; er schloß die Au­gen und wur­de halb ohn­mäch­tig.

Er glaub­te zu füh­len, wie Geis­ter­hän­de ihn auf sein treu­es Tier setz­ten, wel­ches vor der Tür der Ka­the­dra­le war­te­te; al­lein sei­ne Wahr­neh­mun­gen wa­ren dun­kel, un­be­stimmt sei­ne Emp­fin­dun­gen. Was wei­ter ge­sch­ah, wuß­te der Päch­ter nicht, der sich am nächs­ten Mor­gen in sei­nem Bett wie­der­fand und er­staunt war, als man ihm sag­te, daß er in der Nacht des Hal­lo­we’en ei­ne Rei­se in das Hoch­land an­ge­tre­ten ha­be und ei­ni­ge Ta­ge dar­auf mit dem jun­gen Weib zu­rück­ge­kehrt sei, das er an sei­nem Bett sit­zen sah.

Er rieb sich die Au­gen und glaub­te zu träu­men, dann aber woll­te er die be­trach­ten, die er ge­wählt hat­te, oh­ne zu wis­sen, und die nun Frau Muir­land ge­wor­den war.

Wie hübsch war sie! Welch sanf­tes Licht strahl­te aus ih­ren glän­zen­den Au­gen! Doch über­rasch­ten Muir­land die­se großen Au­gen. Er sah kei­ne Au­gen­li­der, große dun­kelblaue Krei­se zeig­ten sich un­ter den schwar­zen Bo­gen der Au­gen­brau­en, de­ren Schwung von be­wun­derns­wür­di­ger Leich­tig­keit war. Muir­land seufz­te; die un­deut­li­che Er­in­ne­rung an den Spun­kie, an sei­nen nächt­li­chen Ritt und sei­ne schreck­li­che Hoch­zeit in der Ka­the­dra­le wur­de in ihm wach.

Wäh­rend er sei­ne neue Gat­tin be­trach­te­te, glaub­te er, wenn auch ge­mil­dert, bei ihr al­le cha­rak­te­ris­ti­schen Zü­ge ei­nes über­na­tür­li­chen We­sens zu er­ken­nen.

Die Fin­ger des jun­gen Wei­bes wa­ren lang und dünn, ih­re Nä­gel lang und schmal, ihr blon­des Haar reich­te bis auf die Er­de.

Er ver­sank in tie­fe Ge­dan­ken; in­des sag­ten al­le sei­ne Nach­barn zu ihm, daß die Fa­mi­lie sei­ner Frau in den Hoch­lan­den woh­ne, daß er gleich nach der Hoch­zeit von ei­nem hef­ti­gen Fie­ber er­grif­fen und es da­her kein Wun­der sei, wenn je­de Er­in­ne­rung an die Trau­ung sei­nem Geis­te ent­fal­len wä­re; bald aber wür­de er sich mit sei­ner Frau glück­lich füh­len, denn sie sei schön, sanft und ei­ne gu­te Haus­frau.

»Sie hat aber kei­ne Au­gen­li­der!« rief Muir­land.

Man lach­te ihm ins Ge­sicht und be­haup­te­te, daß er noch im­mer an Fie­ber­phan­tasi­en lit­te. Au­ßer dem Päch­ter be­merk­te nie­mand die­se son­der­ba­re Ei­gen­tüm­lich­keit.

Die Nacht kam; es war für Muir­land die Hoch­zeits­nacht; denn bis­her war er nur dem Na­men nach Ehe­mann ge­we­sen.

Die Schön­heit sei­ner Frau hat­te ihn er­regt. Er ge­lob­te sich, sei­ner Angst zu trot­zen und das wun­der­ba­re Ge­schenk zu ge­nie­ßen, wel­ches der Him­mel oder die Höl­le ihm ge­sandt hat­te …

Muir­land er­wach­te, denn es war ihm, als hät­te ein plötz­li­cher Son­nen­strahl das Zim­mer er­leuch­tet, in wel­chem das ehe­li­che Bett stand. Er fuhr rasch em­por und er­blick­te die fun­keln­den Au­gen sei­ner Gat­tin, die sich zärt­lich auf ihn rich­te­ten. »Ver­dammt!« rief er. »Mein Schlaf ist ei­ne Be­lei­di­gung dei­ner Schön­heit!«

Er sag­te zu Spel­lie, so hieß die jun­ge Gat­tin, tau­send lie­bens­wür­di­ge und zärt­li­che Din­ge, auf wel­che das jun­ge Mäd­chen aus den Ber­gen so gut sie konn­te ant­wor­te­te.

Der Mor­gen brach an, und Spel­lie hat­te noch nicht ge­schla­fen. Wie soll­te sie auch schla­fen? frag­te sich Muir­land. Sie hat ja kei­ne Li­der.

Die Son­ne stand am Him­mel. Muir­land war bleich und er­schöpft; die Au­gen der jun­gen Gat­tin strahl­ten feu­ri­ger als je. Mor­gens er­gin­gen sie sich an den Ufern der Doon. Das jun­ge Weib war so schön, daß der Bau­er trotz des Fie­bers, von wel­chem er er­grif­fen war, es nicht oh­ne Be­wun­de­rung be­trach­ten konn­te.

»Jock«, sag­te sie zu ihm, »ich lie­be dich eben­so­sehr, wie du Tuil­zie ge­liebt hast; al­le jun­gen Mäd­chen be­nei­den mich. Sei du auf dei­ner Hut, denn ich bin ei­fer­süch­tig und wer­de dich sorg­sam be­wa­chen.«

Muir­lands Küs­se un­ter­bra­chen ih­re Wor­te; auf den Tag folg­te ei­ne neue Nacht, und wäh­rend je­der Nacht wur­de der Bau­er durch Spel­lies glü­hen­de Au­gen sei­nem Schlum­mer ent­ris­sen; sei­ne Kräf­te er­la­gen da­bei.

»Aber, Liebs­te«, frag­te Jock sei­ne Frau, »schläfst du denn nie?«

»Ich, schla­fen?«

»Ja, schla­fen! Ich glau­be, du hast, seit wir ver­hei­ra­tet sind, noch kei­nen Au­gen­blick ge­schla­fen.«

»In mei­ner Fa­mi­lie ist es nicht Sit­te, zu schla­fen.«

Die blau­en Au­gen des jun­gen Wei­bes strahl­ten ein noch glü­hen­de­res Licht aus als vor­her.

»Sie schläft nicht!« rief der Bau­er ver­zwei­felt. »Sie schläft nicht!«

Er­schöpft und ent­setzt sank er in die Kis­sen zu­rück.

»Sie hat kei­ne Au­gen­li­der, sie schläft nicht!« wie­der­hol­te er.

»Ich wer­de nicht mü­de, dich an­zu­se­hen«, sag­te Spel­lie, »und ich wer­de ein wach­sa­mes Au­ge auf dich ha­ben.«

Der ar­me Muir­land! Die schö­nen Au­gen sei­ner Gat­tin lie­ßen ihm kei­ne Ru­he. Sie gli­chen ewig fun­keln­den Ge­stir­nen, die ihn blen­de­ten. Mehr als drei­ßig Bal­la­den auf Spel­lies schö­ne Au­gen wur­den von den Dich­tern der Ge­gend ge­macht. Was aber Muir­land be­traf, so ver­schwand er ei­nes Ta­ges.

Drei Mo­na­te wa­ren ver­flos­sen; die Mar­ter, wel­che der Päch­ter er­dul­de­te, hat­te sei­ne Kräf­te er­schöpft; er glaub­te, daß die Feu­er­bli­cke sei­ner Gat­tin ihn ver­seng­ten. Moch­te er auf das Feld ge­hen oder zu Hau­se blei­ben oder sich in die Kir­che be­ge­ben, stets traf ihn der schreck­li­che Strahl ih­rer Au­gen, und ihr Glanz drang bis in das In­ners­te sei­nes We­sens, ließ ihn er­be­ben und er­füll­te ihn mit Schau­der. Er ver­wünsch­te end­lich die Son­ne und floh den Tag.

Die­sel­be Mar­ter, wel­che die ar­me Tuil­zie er­dul­det, war nun sein Los ge­wor­den; an­statt je­ner in­ne­ren Un­ru­he, wel­che ihn wäh­rend sei­ner ers­ten Ehe zum Hen­ker sei­nes jun­gen Wei­bes ge­macht hat­te, und wel­che von den Män­nern Ei­fer­sucht ge­nannt wird, be­fand er sich jetzt un­ter dem phy­si­schen und for­schen­den Ein­fluß ei­nes Au­ges, wel­ches sich nim­mer schloß; es war das auch Ei­fer­sucht, al­lein ei­ne greif­bar ge­wor­de­ne Ei­fer­sucht.

Er ver­ließ sein Land­gut, ging über das Meer und eil­te in die Wäl­der Nord­ame­ri­kas, wo schon so man­cher sei­nes Vol­kes einen neu­en Wohn­sitz ge­sucht und ei­ne fried­li­che Hüt­te ge­baut hat­te.

Die Sa­van­nen des Ohio bo­ten ihm ein si­che­res Asyl, wie er glaub­te; lie­ber woll­te er als ar­mer Ko­lo­nist le­ben, lie­ber sich mit gro­ber und kärg­li­cher Nah­rung sät­ti­gen, als sich un­ter sei­nem schot­ti­schen Dach von ei­nem ei­fer­süch­ti­gen und stets ge­öff­ne­ten Au­ge fort­wäh­rend quä­len zu las­sen.

Nach­dem er ein Jahr in die­ser Ein­sam­keit zu­ge­bracht hat­te, seg­ne­te er sein Los, fand er doch Ru­he in­mit­ten die­ser frucht­ba­ren Na­tur. Er un­ter­hielt kei­nen Brief­wech­sel mit der Hei­mat, da er fürch­te­te, er könn­te Nach­rich­ten von sei­ner Frau er­hal­ten; in sei­nen Träu­men sah er noch bis­wei­len je­nes stets ge­öff­ne­te Au­ge, je­nes Au­ge oh­ne Wim­pern, und schrak dann hef­tig zu­sam­men; al­lein das war auch al­les, was er zu lei­den hat­te; er über­zeug­te sich bald, daß das stets wach­sa­me und furcht­ba­re Au­ge nicht mehr in sei­ner Nä­he war, ihn nicht mehr durch sei­ne un­er­träg­li­che Glut ver­seng­te.

Die Nar­rag­han­setts, der nächs­te Stamm der Wil­den, hat­ten als Sa­chem oder Häupt­ling einen kränk­li­chen Greis na­mens Mas­sa­soit, der sehr fried­lich war und des­sen Wohl­wol­len sich Jock Muir­land be­son­ders da­durch zu er­hal­ten wuß­te, daß er ihn bis­wei­len mit Brannt­wein be­wir­te­te. Mas­sa­soit wur­de krank; sein Freund be­such­te ihn in sei­ner Hüt­te.

In der Hüt­te die­ses arm­se­li­gen Pa­las­tes brann­te ein Feu­er, Büf­fel­häu­te la­gen auf der Er­de, und auf ei­ner der­sel­ben kau­er­te der al­te kran­ke Häupt­ling; die größ­ten Zau­be­rer des Stam­mes heul­ten, schri­en und mach­ten einen Lärm, durch wel­chen der Kran­ke nur noch elen­der ge­macht wer­den muß­te, einen Lärm, der selbst einen Ge­sun­den hät­te krank ma­chen kön­nen.

Der Me­di­zin­mann lei­te­te den Chor und den Trau­er­tanz; der Wald er­scholl von dem Lärm, wel­chen die­se wun­der­li­che Fei­er­lich­keit ver­an­laß­te; den Gott­hei­ten des Lan­des wur­den Op­fer und Ge­be­te dar­ge­bracht.

Sechs jun­ge Mäd­chen wa­ren da­mit be­schäf­tigt, die nack­ten und kal­ten Glie­der des Grei­ses zu rei­ben. Eins von ih­nen, ein sehr hüb­sches Mäd­chen von kaum sech­zehn Jah­ren, wein­te bei die­ser Ar­beit.

Der Schot­te er­kann­te, daß die­se gan­ze Be­hand­lungs­wei­se nur Mas­sa­soits Tod be­wir­ken wür­de. Als Eu­ro­pä­er und Wei­ßer galt er für einen ge­bo­re­nen Arzt. Er be­nutz­te das An­se­hen, wel­ches er in die­ser Hin­sicht hat­te, ent­fern­te die Lär­men­den und nä­her­te sich dem Häupt­ling.

»Wer kommt zu mir?« frag­te der Greis.

»Jock, der wei­ße Mann.«

»Oh!« ver­setz­te der Häupt­ling und reich­te ihm die ver­trock­ne­te Hand. »Wir wer­den uns nicht wie­der­se­hen, Jock.«

Ob­gleich Jock we­nig me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se hat­te, so be­merk­te er doch oh­ne Mü­he, daß der Häupt­ling an ei­ner ein­fa­chen Ver­dau­ungs­stö­rung litt; er kam ihm zu Hil­fe, be­fahl, daß man um ihn her schwei­ge, setz­te ihn auf ei­ne kärg­li­che Di­ät und be­rei­te­te ihm dann ein aus­ge­zeich­ne­tes schot­ti­sches Ge­richt, wel­ches die Stel­le ei­ner Arz­nei ver­tre­ten muß­te.

In drei Ta­gen war Mas­sa­soit wie­der her­ge­stellt. Das Heu­len der In­dia­ner und die Tän­ze be­gan­nen von neu­em; al­lein die­ses Mal drück­ten die Hym­nen der Wil­den nur noch die Ge­füh­le des Danks und der Freu­de aus.

Mas­sa­soit ließ Jock in sei­ner Hüt­te sich set­zen, reich­te ihm sei­ne Pfei­fe und zeig­te ihm sei­ne Toch­ter An­au­ket, das jüngs­te und hüb­sche­s­te von den Mäd­chen, wel­che Muir­land in der Hüt­te ge­se­hen hat­te.

»Du hast kein Weib«, sag­te der al­te Krie­ger zu ihm; »nimm mei­ne Toch­ter und eh­re mein wei­ßes Haupt.«

Jock er­beb­te; er dach­te an Tuil­zie und Spel­lie, er dach­te dar­an, wie schlecht ihm sei­ne frü­he­ren Hei­ra­ten ge­lun­gen wa­ren.

Al­lein das jun­ge Mäd­chen war sanft und ge­hor­sam. Ei­ne Hei­rat in ei­ner ein­sa­men Ge­gend ist nur mit we­nig Förm­lich­kei­ten ver­knüpft und pflegt eben­so­we­nig nach­tei­li­ge Fol­gen für einen Eu­ro­pä­er zu ha­ben. Jock füg­te sich da­her, und die schö­ne An­au­ket gab ihm kei­nen Grund, sei­ne Wahl zu be­reu­en.

Es war an ei­nem schö­nen Herbst­mor­gen, am ach­ten Ta­ge ih­rer Ver­ei­ni­gung, als bei­de im Boot den Ohio hin­un­ter­fuh­ren. Jock hat­te sei­ne Jagd­flin­te mit­ge­nom­men. An­au­ket war an sol­che Zü­ge ge­wöhnt, da das Le­ben des Wil­den zum größ­ten Teil aus ih­nen be­steht, wes­halb sie ih­ren Mann un­ter­stütz­te und ihm half. Das Wet­ter war pracht­voll; die Ufer des schö­nen Flus­ses bo­ten den Lie­ben­den be­zau­bern­de Aus­sich­ten dar; Jock be­merk­te ein Perl­huhn mit strah­len­den Flü­geln, er ziel­te, schoß, und der töd­lich ge­trof­fe­ne Vo­gel fiel in dich­tes Ge­büsch.

Muir­land woll­te ei­ne so schö­ne Beu­te nicht ver­lie­ren, band sein Boot an und stieg an Land, um den Vo­gel zu su­chen. Ver­ge­bens durch­streif­te er das Ge­büsch; sei­ne schot­ti­sche Hart­nä­ckig­keit trieb ihn im­mer tiefer und tiefer in den Wald. Bald sah er sich zwi­schen ho­hen Bäu­men, als plötz­lich ein strah­len­des Licht durch das Laub fiel und bis zu ihm drang. Er zit­ter­te. Das un­er­träg­li­che Licht zwang ihn, sei­ne Au­gen zu schlie­ßen. Das Au­ge oh­ne Lid blick­te ihn an.

Spel­lie war über das Meer ge­kom­men, hat­te die Spur ih­res Man­nes ge­fun­den und sei­ne Fähr­te ver­folgt; sie hat­te ihr Wort ge­hal­ten, und ih­re furcht­ba­re Ei­fer­sucht über­häuf­te Muir­land be­reits mit ge­rech­ten Vor­wür­fen. Er eil­te ans Ufer, ver­folgt von dem lid­lo­sen Au­ge, er­blick­te die rei­nen und kla­ren Wel­len des Ohio und stürz­te sich in sei­ner Angst in die Flut. Das war das En­de Jock Muir­lands.