Die Zaubernacht in den
Hochlanden
von
Honoré de Balzac
Honoré de Balzac (1799-1850), der bedeutendste französische Romancier seiner Epoche, wandte sich in seinen »Mystischen Geschichten«, aus denen die hier ausgewählte Erzählung stammt, den dunklen Seiten der menschlichen Seele zu, dem, was die deutschen Romantiker die »Nachtseite der Natur« zu bezeichn en pflegten. Vor dem Hintergrund spukhafter Ereignisse beschreibt Balzac das unheimliche Pandämonium menschlicher Leidenschaften und Triebkräfte.
»Hallowe’en, Hallowe’en!« schrien sie alle. »Das ist der Abend der heiligen Nacht, die schöne Nacht der Skelpies{2} und Fairies{3}! Carrick, und du, Colean, kommt ihr? Alle Bauern von Carrick-Border{4} sind da. Unsere Megs und Jannies kommen auch. Wir werden guten Whisky in zinnernen Krügen bringen und schäumendes Ale und den schmackhaften Parridge{5}. Das Wetter ist schön, der Mond muß bald aufgehen; nie, Kameraden, sollen die Ruinen von Cassilis-Downans eine so heitere Gesellschaft gesehen haben.« Also sprach Jock Muirland, ein Landmann und junger Witwer. Er war, gleich den meisten schottischen Bauern, Theolog, ein wenig Dichter und ein großer Trinker, aber dabei sehr sparsam; Murdock, Will Lapraik und Com Duckat waren bei ihm. Die Unterhaltung fand in der Nähe des Dorfes Cassilis statt. Ihr wißt wahrscheinlich nicht, was der Hallowe’en ist: Es ist das die Nacht der Feen, in der Mitte des August; alle neckischen Geister tanzen dann auf der Heide, eilen über die Gefilde oder reiten auf des Mondes bleichen Strahlen. Der Hallowe’en ist der Fasching der Geister und Gnomen. In dieser Nacht gibt es keine Grotte und keine Felsen, wo nicht ein Ball und ein Fest gefeiert würde; nicht eine Blume, die nicht von dem Hauch einer Sylphide bewegt würde; keine Hausfrau, die nicht sorgsam ihre Türe verschlösse, damit der Spunkie{6} nicht das Frühstück für den folgenden Tag weghole oder seinen Freunden das Essen der Kinder opfere, welche in der Wiege nebeneinanderliegen.
Eine feierliche Nacht legte sich über die Hügel von Cassilis. Denkt euch ein bergiges Land, wellenförmig wie das Meer, dessen zahlreiche Hügel mit grünem und glänzendem Moos bedeckt sind. In der Ferne, auf einem steilen Felsen, erblickt man die Mauern des zerstörten Schlosses, dessen Kapelle das Dach fehlt, die aber sonst fast unversehrt ist mit ihren schlanken Säulen.
Der Boden ist unfruchtbar in jener Gegend, und der Mensch, welcher in der Verödung und dem Grauen eine höchste Macht erkennt, glaubt, daß diesem unfruchtbaren Boden das Siegel der Gottheit selbst aufgedrückt ist.
Die Güte des höchsten Wesens flößt uns wenig Dank ein, aber seine Zuchtrute und Strenge beten wir an.
Die Spunkies tanzten in dieser Nacht auf dem kümmerlichen Rasen von Cassilis, und der aufgegangene Mond scheint breit und rot. Die Spunkies tanzten.
Der Spunkie hat einen Mädchenkopf, schneeweiß, mit langem flammenden Haar. Auch hat er Flügel, doch sitzen diese nicht an den Schultern, sondern an den weißen und dünnen Armen, mit denen sie bis an das Handgelenk verbunden sind. Der Spunkie ist Hermaphrodit – mit einem weiblichen Antlitz verbindet er die zarte Eleganz der männlichen Jugend. Der Spunkie hat keine andere Kleidung als seine Flügel, ein Gewebe, zart und fein, schmiegsam und dicht, undurchdringlich und leicht, wie der Flügel der Fledermaus. Eine bräunliche Färbung, durch welche es rot hindurchschimmert, zeichnet dieses natürliche Gewand aus, das sich um den ruhenden Spunkie zusammenlegt, wie die Falten der Fahne um den Schaft. Lange Rippen, welche in ihrer bläulichen Färbung dem Stahl gleichen, stützen diese langen Flügel, mit denen der Spunkie sich kleidet; eherne Krallen bewaffnen ihre äußersten Enden. Wehe der Hausfrau, die sich abends in die Nähe des Moores wagt, wo der Spunkie lauert, oder die in den Wald geht, den er durchläuft!
An den Ufern der Doon tanzten die Spunkies, als eine heitere Gesellschaft von Frauen, Kindern und jungen Mädchen sich näherte. Sofort verschwanden die Kobolde. Sie breiteten ihre großen Flügel aus und verdunkelten den Mond. Sie gleichen einer Wolke von Vögeln, die sich plötzlich aus rauschendem Röhricht erheben. Muirland und seine Gefährten blieben stehen.
»Mich graust«, sagte ein junges Mädchen.
»Bah!« antwortete der Pächter. »Das sind wilde Enten, welche davonfliegen.«
»Muirland«, sagte vorwurfsvoll der junge Colean, »du wirst ein schlechtes Ende nehmen; du glaubst an nichts.«
»Wir wollen uns hier niederlassen«, entgegnete Muirland, ohne auf den Tadel seines Gefährten zu hören; »hier können wir unsere Körbe leeren, denn der Ort ist schön und geschützt, der Felsen deckt uns, und der Rasen bietet uns ein weiches Lager. Der Teufel selbst soll mich nicht in meinen Betrachtungen stören, die aus diesen Kannen und Flaschen hervorkommen werden.«
»Aber die Bogillies{7} und Brownillies{8} können uns hier finden«, sagte schüchtern eine junge Frau.
»Der Craneuch{9} hole sie«, unterbrach Muirland die Sprechende. »Schnell, Lapraik, mache hier bei dem Felsen ein Feuer aus trockenem Laub und Reisig; wir wollen den Whisky heiß machen, und wenn die Mädchen wissen wollen, was für einen Mann der liebe Gott oder der Teufel ihnen bestimmt hat, so haben wir hier alles, womit wir ihre Neugierde befriedigen können. Borne Lesley hat Spiegel, Nüsse, Leinsamen, Teller und Butter mitgebracht. Sagt, Mädchen, ist das nicht alles, was ihr zu euren Zaubereien braucht?«
»Ja, ja«, antworteten die Mädchen.
»Zuvor wollen wir aber trinken«, sagte der Pächter, der durch sein Vermögen, seine wohlgefüllten Keller und Speicher und seine landwirtschaftlichen Kenntnisse ein großes Ansehen in der Gegend genoß.
Von allen Ländern in der Welt ist Schottland dasjenige, in welchem die geringeren Klassen die meiste Bildung in Verbindung mit dem größten Aberglauben besitzen. Fragt Walter Scott, jenen erhabenen schottischen Landmann, der seine Größe nur der von Gott erhaltenen Fähigkeit verdankte, auf symbolische Weise den ganzen Genius seines Volkes darzustellen. In Schottland glaubt man an alle Arten von Geistern und unterhält sich in den dürftigsten Hütten über Gegenstände der abstrakten Philosophie.
Die Nacht der Hallowe’en ist vorzugsweise dem Aberglauben gewidmet. Man glaubt, in dieser Nacht einen Blick in die Zukunft tun zu können. Die Formeln und Zaubersprüche sind bekannt und unverletzlich. Keine Religion kann es genauer mit ihren Zeremonien nehmen. Der Zweck des nächtlichen Ausflugs der Bewohner von Cassilis war die Feier dieser Zaubernacht, bei welcher jeder Priester und Hexenmeister zu gleicher Zeit ist.
Diese ländliche Zauberei hat einen unaussprechlichen Reiz. Man bleibt gewissermaßen auf der Grenze stehen, welche Dichtung und Wirklichkeit scheidet; man steht mit den höllischen Mächten in Verbindung, ohne dabei aber Gott zu verleugnen; man wandelt die gewöhnlichsten Dinge in magische um; man schafft sich mit einer Getreideähre und einem Weidenblatt Hoffnungen und Befürchtungen. Mitternacht ist die Stunde der Hallowe’en, denn dann ist die ganze Luft von überirdischen Wesen bevölkert.
Um neun Uhr waren die Bauern zusammengekommen; sie verbrachten die Zeit bis Mitternacht mit Zechen; auch sangen sie jene alten, köstlichen Balladen, deren schwermütige, kindliche Melodien so unendlich ergreifen.
Die jungen Mädchen mit ihren gewürfelten Tüchern und ihren sauberen Gewändern, die Frauen, auf deren Lippen ein Lächeln schwebte, die Kinder, geschmückt mit jenen roten Bändern, welche über den Knien zusammengebunden werden und als Strumpfbänder und Schmuck zugleich dienen, die jungen Leute, deren Herz schneller schlug, je näher die geheimnisvolle Stunde kam, in welcher das Schicksal befragt werden sollte, einer oder zwei Greise, die durch das schmackhafte Ale zu Jünglingen wurden, sie alle bildeten eine anziehende Gruppe, die, von Wilkie gemalt, alle empfänglichen Seelen Europas entzückt und alle die erfreut hätte, welche unter so vielen fieberhaften Anstrengungen noch der Wonne eines wahren und tiefen Gefühls zugänglich geblieben sind.
Besonders Muirland überließ sich ganz und gar der lauten Heiterkeit, welche aus dem Bier aufstieg und sich der ganzen Versammlung bemächtigte.
Er war einer von denen, die das Leben nicht kleinkriegt, die sich im Bewußtsein ihrer Kraft vor nichts fürchten. Seine junge Frau war nach zweijähriger Ehe gestorben, und Muirland hatte geschworen, nie wieder zu heiraten.
Jedermann im Dorf kannte die Ursache von Tuilzies Tod: Muirlands Eifersucht hatte ihn herbeigeführt. Kaum sechzehn Sommer zählte Tuilzie, als der Pächter sie freite. Sie liebte ihn und kannte nicht seine Heftigkeit, nicht die Wut, die ihn ergreifen konnte, die täglichen Qualen, die er sich selbst und anderen bereitete. Jock Muirland war eifersüchtig; die kindliche Zärtlichkeit seiner jungen Gattin beruhigte ihn nicht. Eines Tages, es war mitten im Winter, ließ er sie eine Reise nach Edinburgh machen, um sie den vorgeblichen Nachstellungen eines jungen Lords zu entziehen, der die schlechte Jahreszeit auf seinem Landsitz zubringen wollte.
Von den Bekannten des Pächters ließ es keiner an Vorwürfen fehlen; er antwortete nichts weiter, als daß er Tuilzie sehr liebe und am besten beurteilen könne, was zu dem Glück seiner Ehe beitrüge. Unter dem Dach Jocks hörte man oft Klagen, Geschrei und Seufzer. Tuilzies Bruder hatte seinem Schwager vorgestellt, daß sein Benehmen unverzeihlich wäre, und heftiger Streit zwischen den Gatten war die Folge dieses Schrittes gewesen; das junge Weib wurde kränker von Tag zu Tag. Endlich erlag sie dem Kummer. Muirland versank in tiefe Verzweiflung, die mehrere Jahre dauerte; da aber alles in dieser Welt vergänglich ist, so hatte auch er, indem er den Eid leistete, Witwer bleiben zu wollen, allmählich die Erinnerung an die Frau verloren, deren Henker er gegen seinen Willen geworden war. Die Frauen und Mädchen, welche ihn mehrere Jahre lang nur mit Angst angesehen hatten, verziehen ihm endlich, und die Nacht des Hallowe’en fand ihn als den wieder, der er früher gewesen war: heiter, witzig, unterhaltend, reich an trefflichen Erzählungen und Scherzen, welche die nächtliche Gesellschaft in die heiterste Laune versetzten.
Schon hatte man die meisten alten Romanzen gesungen, als es Mitternacht schlug. Man hatte reichlich getrunken. Die Geisterstunde war da. Alle erhoben sich, nur Muirland nicht.
»Wir wollen den Kail suchen! Den Kail wollen wir suchen!« riefen alle.
Die jungen Männer und jungen Mädchen eilten davon und kehrten dann einer nach dem andern zurück; jeder brachte eine Wurzel mit, die er aus dem Boden gezogen – das war der Kail.
Die erste Wurzel, die man findet, muß man ausziehen; ist die Wurzel gerade, so ist die zukünftige Gattin oder der zukünftige Gatte schön gewachsen und hübsch; ist sie gekrümmt, so heiratet man eine häßliche Person. Bleibt Erde an den Fasern der Wurzel hängen, ist die Ehe glücklich und fruchtbar; eine glatte und dünne Wurzel deutet darauf, daß man nicht lange verheiratet bleibt.
Die Aussichten auf künftige Heiraten veranlaßten lautes Lachen und manchen Scherz.
»Armer Will Haverel!« rief Muirland, während er auf die Wurzel blickte, die ein junger Bursche in der Hand hielt. »Du bekommst eine bucklige Frau; dein Kail gleicht dem Schwanz meines Schweines.«
Dann setzten sie sich in einen Kreis und versuchten, wie die Wurzeln schmeckten. Eine bittere Wurzel deutet auf ein garstiges Ehegemahl; eine süße Wurzel auf einen schwachsinnigen Mann oder eine ebensolche Frau; eine wohlriechende Wurzel auf einen Gatten von fröhlichem Wesen. Dann kam das tap-pickle. Die jungen Mädchen gingen mit verbundenen Augen auf ein Feld, und jedes pflückte drei Getreideähren. Fehlt in einer derselben das Korn, so weiß man, daß der zukünftige Mann eine vor der Ehe begangene Schwäche zu verzeihen hat. O Nelly! Nelly! Deinen drei Ähren fehlte ihr tap-pickle, und man wird dich nicht mit Spöttereien verschonen! Du hattest gestern noch auf dem Heuboden eine lange, lange Unterredung mit Robert Luath.
Muirland blickte die Mädchen an, ohne Anteil an ihrem Spiel zu nehmen.
»Die Nüsse! Nüsse!« rief man nun.
Aus einem Korb wurde ein Sack mit Nüssen hervorgezogen, und man näherte sich dem Feuer. Jeder nahm eine Nuß. Man stellte sich paarweise auf und gab der Nuß, die man gewählt hat, seinen eigenen Namen. Dann legte das Paar die Nüsse in das Feuer. Wenn die beiden Nüsse friedlich nebeneinander brennen, so wird die Ehe lange dauern und friedlich sein; wenn aber die Nüsse knacken und beim Verbrennen auseinanderspringen, so wird Unfrieden in der Ehe herrschen, und sie wird bald getrennt werden.
Es schlug ein Uhr, und noch waren die Bauern nicht müde, ihre Orakel zu befragen. Die Spunkies begannen sich im Schilf zu regen. Die jungen Mädchen zitterten. Eine Wolke zog vor den Mond, welcher hoch am Himmel stand. Man befragte jetzt den Erdtopf, man blies das Licht aus, man schnitt Äpfel und gab sich noch manch anderer Zauberei hin.
Willie Maillie, eins der hübschesten Mädchen, tauchte dreimal seine Hand in das Wasser der Doon und rief dabei: »Mein künftiger Mann, den ich noch nicht sehen kann, wo du bist, sag mir an. Meine Hand nimm an.«
Dreimal wiederholte sie den Zauberspruch; da stieß sie plötzlich einen lauten Schrei aus.
»Ach, gerechter Gott! Der Spunkie hat meine Hand ergriffen!« schrie sie.
Man eilte zu ihr, und alle schrien, nur nicht Muirland. Das Mädchen zeigte seine blutende Hand; die, welche durch lange Übung geschickt in der Deutung solcher Orakel waren, kamen dahin überein, daß die Verwundung keineswegs, wie Muirland behauptete, durch Dornen hervorgebracht wäre, sondern daß die Hand des jungen Mädchens tatsächlich die Spuren der spitzigen Krallen eines Spunkie zeige.
Maillie würde also einen sehr eifersüchtigen Mann erhalten. Der verwitwete Pächter hatte viel getrunken.
»Einen Eifersüchtigen!« schrie er.
Er glaubte in dieser Deutung eine Anspielung auf die Geschichte seiner Ehe zu erkennen. »Was mich betrifft«, fuhr Muirland fort und leerte eine Kanne, welche bis zum Rande mit Whisky gefüllt war, »so will ich mich hundertmal lieber mit dem Spunkie vermählen, als nochmals heiraten. Ich habe erfahren, was es heißt, in Fesseln zu leben. Lieber will ich mich mit einem Affen, einer Katze oder einem Teufel in eine Flasche einschließen lassen. Ich bin auf meine arme Tuilzie eifersüchtig gewesen und hatte damit vielleicht unrecht; doch was soll man tun, wenn man sich gegen die Eifersucht schützen will? Wo ist das Weib, welches nicht einer ewigen Aufsicht bedürfte? Ich schlief des Nachts nicht, verließ sie den ganzen Tag nicht und schloß keine Minute die Augen. Mein Gut ging zurück, alles ging zugrunde. Tuilzie selbst welkte dahin. Fünf Millionen Teufel mögen die Ehe holen!« Einige lachten, andere ärgerten sich und schwiegen.
Nun sollte der Zauber mit dem Spiegel versucht werden. Hierbei stellt man sich mit einem Licht in der Hand vor einen kleinen Spiegel, haucht dreimal auf das Glas und wischt es dann ab, indem man dreimal wiederholt: »Komm heran, mein Mann!« oder »Daß ich dich schau’, meine Frau!« Dann zeigt sich über der linken Schulter der Person, die das Schicksal befragt, deutlich eine Gestalt, und zwar die der Gattin oder des Gatten. Niemand wagte nach dem, was Maillie zugestoßen war, noch ferner die übernatürlichen Mächte zu befragen. Die Wellen der Doon murmelten im Schilf; ein langer Silberschein, welcher in der Ferne auf dem Wasser schimmerte, war in den Augen der Landleute die leuchtende Spur der Skelpies oder Wassergeister. Muirlands Pferd, ein kleines Tier mit schwarzem Schweif und weißer Brust, wieherte laut, was stets ein Zeichen dafür ist, daß ein böser Geist in der Nähe weilt. Die Luft wurde kühl, die Halme des Schilfs wiegten sich rauschend im Wind. Alle Frauen begannen von der Rückkehr zu sprechen; sie tadelten ihre Männer und Brüder, daß sie zuviel tränken, rieten ihren Vätern, sich nicht länger der frischen Nachtluft auszusetzen.
»Nun! Wer von euch will in den Spiegel blicken?« fragte Muirland.
Niemand antwortete.
»Ihr habt wenig Mut«, fuhr er dann fort. »Der Hauch des Windes macht euch zittern. Was mich betrifft, so will ich keine Frau haben, wie ihr wißt, weil ich schlafen will und meine Augen sich nicht schließen wollen, wenn ich verheiratet bin; daher darf ich nicht in den Spiegel sehen.«
Als aber niemand den Spiegel ergreifen wollte, nahm Jock Muirland ihn doch zur Hand.
»Ich werde euch ein Beispiel geben.« Mit diesen Worten nahm er den Spiegel; das Licht wurde angezündet, und mutig wiederholte er die Zauberworte.
»Daß ich dich schau’, meine Frau!«
Sofort zeigte sich über Muirlands Schulter ein bleicher Kopf mit blondem Haar. Er erbebte und blickte sich um, um sich zu überzeugen, daß keins der jungen Mädchen hinter ihm stehe. Allein niemand hatte gewagt, die Rolle des Gespenstes zu spielen, und obschon der Spiegel den Händen des Pächters entglitten war und zerbrochen auf der Erde lag, zeigte sich doch noch immer über seiner Schulter der bleiche Kopf mit dem flammend blonden Haar.
Muirland stieß einen lauten Schrei aus und warf sich mit dem Gesicht auf den Boden.
Alle Anwesenden flohen und zerstreuten sich nach den verschiedensten Seiten wie Blätter im Wind. An der Stelle, wo sie sich ihren ländlichen Freuden hingegeben hatten, blieben nur Reste des Festes, das halb erloschene Feuer, die geleerten Krüge und Flaschen – und Muirland, der mit dem Gesicht noch immer auf dem Boden lag.
Der Wind heulte und ließ jenes lange Pfeifen hören, welches die Schotten mit dem Ausdruck sugh bezeichnen.
Muirland erhob sich und blickte über seine Schulter – noch immer sah er den Kopf; er lächelte dem Bauern zu, sagte aber kein Wort, und Muirland vermochte nicht zu erkennen, ob dieser Kopf einem menschlichen Körper angehöre, denn er zeigte sich ihm stets nur über die Schulter. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen. Er versuchte eine Unterhaltung mit dem höllischen Wesen anzuknüpfen, er sprach sich selbst Mut zu, doch umsonst – sobald er die bleichen Züge und die flammenden Locken erblickte, zitterte er am ganzen Körper. Da floh er in der Hoffnung, sich so von diesem schrecklichen Wesen befreien zu können.
Er eilte zu seinem Pferd, band es los und wollte den Fuß in den Steigbügel setzen, als er sich noch einmal umblickte. O Grausen! Noch immer war der Kopf neben ihm, schien sein unzertrennlicher Begleiter geworden zu sein. Er war an seine Schulter geheftet, gleich jenen Köpfen, welche gotische Bildhauer bisweilen an der Spitze einer Säule oder in der Ecke eines Gesimses anbrachten.
Das Pferd des Bauern schnaubte; es teilte das Grausen seines Herrn.
Der Spunkie, denn einer von diesen Bewohnern des Schilfes der Doon mußte es sein, der den Pächter verfolgte, richtete zwei flammende Augen auf Muirland, sooft dieser sich umblickte. Tiefblau waren diese Augen, keine Wimpern beschatteten, kein Augenlid milderte ihren unheimlichen Glanz. Beide Sporen schlug der Bauer dem Pferd in die Seiten, das davonjagte; immer wieder mußte er sich umdrehen, mußte sich überzeugen, ob seine Verfolgerin noch da war, und sie verließ ihn nicht; er galoppierte dahin. Muirland wußte nicht mehr, welchen Weg er verfolgte, welchem Ziel sein Pferd ihn entgegenführte. Er hatte nur einen Gedanken, den an den Spunkie, der ihn nicht verließ.
Der Himmel überzog sich mit schwarzen Wolken. Der Wind heulte, als hätte er die Toten aufwecken wollen; der Regen klatschte.
Flüchtige Blitze durchzuckten die Wolken. Der Donner glich einem dumpfen und lauten Gebrüll.
Die Wut des Ungewitters steigerte sich mit jedem Augenblick; die Doon trat aus ihren Ufern, und Muirland erkannte, nachdem er eine Stunde galoppiert war, daß er an dieselbe Stelle zurückgekehrt war, von der er weggeritten war. Er jagte weiter.
Die Kirche von Cassilis lag vor ihm. Eine Feuersbrunst schien ihre alten Pfeiler zu verzehren; Flammen schlugen aus den Fensterlöchern, und die Bildwerke erschienen in ihrer ganzen Schönheit auf dem unheimlich hellen Hintergrunde. Das Pferd wollte nicht weiter; allein der Pächter, dessen Vernunft nicht mehr sein Tun leitete, der die Last des furchtbaren Kopfes auf seinen Schultern zu fühlen glaubte, schlug dem armen Tiere so heftig die Sporen in die Seiten, daß es weiterraste.
»Jock«, sagte eine sanfte Stimme, »heirate mich, und du wirst dich nicht mehr fürchten.«
»Heirate mich«, wiederholte der Spunkie.
Indes jagten sie auf die flammende Kirche zu. Am Weiterreiten durch die zerbrochenen Pfeiler und die zu Boden gestürzten Steinbilder der Heiligen gehindert, stieg Muirland vom Pferde.
Mit festen Schritten trat er in die Kirche, deren Decke der Himmel bildete, aus welchem jene infernalischen Flammen kamen.
Ein neues Schauspiel erwartete ihn hier. Eine Gestalt kauerte in der Mitte des Schiffes und trug auf ihrem gekrümmten Rücken ein achteckiges Gefäß, aus welchem eine grüne und rote Flamme hervorzüngelte. Der Hochaltar zeigte seinen alten Zierat aus der katholischen Zeit. Dämonen mit flammendem Haar, das sich auf ihrem Kopf sträubte, standen auf dem Altar und vertraten die Stellen der Kerzen.
Alle grotesken und höllischen Gestalten, welche je die Einbildungskraft eines Malers oder Dichters erfunden hat, drängten sich durcheinander, liefen, rannten, flogen und schwebten. Im Gestühl der Domherren saßen ernste Gestalten in der Tracht ihres Standes. Die Hände, welche sie auf ihre Gebetbücher gelegt hatten, waren die Hände von Skeletten, und in ihren eingesunkenen Augen war keine Spur von Leben. Dämonen parodierten die heilige Messe. Vierzig von diesen Kobolden hielten schottische Dudelsackpfeifen von verschiedener Größe in den Händen. Ein ungeheurer schwarzer Kater, der auf einem Thron saß, den etwa zwölf von jenen Geistern umstanden, gab mit einem langgedehnten Miauen den Takt an.
Diese höllische Symphonie ließ alles erbeben, was noch von der halb zerstörten Kirche übrig war, und von Zeit zu Zeit fiel ein Stein herab. Schöne Skelpies lagen während dieses Lärmens auf den Knien; man hätte sie für reizende Jungfrauen halten können, hätte nicht der Schweif unter dem Saum ihres Gewandes hervorgeguckt.
Mehr als fünfzig Spunkies, die ihre Flügel teils ausbreiteten, teils zusammenlegten, tanzten oder ruhten. In den Nischen der Heiligen, die um das Schiff angebracht waren, standen offene Särge, in denen die Toten in ihrem weißen Leichengewand lagen und eine brennende Kerze in der Hand hielten. Was die Skulpturen betrifft, welche an den Pfeilern angebracht waren, so werde ich mich mit ihrer Beschreibung nicht befassen. Alle seit zwanzig Jahren in Schottland begangenen Verbrechen hatten das Ihrige dazu beitragen müssen, diese den Dämonen überlieferte Kirche zu schmücken.
Man sah dort den Strang des Gehängten, das Messer des Mörders, die schrecklichen Überreste der Kindsmörderin, Herzen von Bösewichtern, die im Laster schwarz geworden waren, und weiße Haare von Vätern, welche noch an der Schneide des vatermörderischen Dolches klebten.
Muirland blieb stehen und wandte sich um, das Antlitz, das ihn bei seinem Ritt begleitet hatte, befand sich noch immer auf seinem Posten. Eins von den Ungeheuern, welche den höllischen Gottesdienst zu versehen hatten, ergriff ihn bei der Hand; er ließ alles mit sich geschehen. Man führte ihn zum Altar, und er folgte willig seinem Führer. Man kniete nieder, und er kniete ebenfalls nieder; man sang wunderliche Hymnen, er aber hörte nicht; starr blieb er stehen und erwartete sein Schicksal.
Indes wurden die höllischen Gesänge immer lauter; die Spunkies, welche das Ballett bildeten, drehten sich schneller in ihrer höllischen Runde; die Dudelsackpfeifen gellten, schnarrten, heulten und pfiffen.
Muirland wandte wieder den Kopf, seine Begleiterin war verschwunden.
Als sich aber seine geblendeten und verwirrten Blicke auf die Gegenstände richteten, welche ihn umgaben, war er sehr erstaunt, ein junges Mädchen zu erblicken, das auf einem Sarg neben ihm kniete und dessen Gesicht vollkommen dasselbe war, wie das des Gespenstes, welches ihn verfolgt hatte.
Ein kurzes schottisches Hemd von feiner grauer Leinwand fiel kaum bis auf die Hälfte der Schenkel hinab. Man sah weiße Schultern, über welche blondes Haar herabfiel, einen jungfräulichen Busen, dessen Reize durch die Leichtigkeit der Kleidung erhöht wurden.
Muirland war aufgeregt; diese so anmutigen und so zarten Formen standen im Widerspruch zu allem, was ihn umgab. Das Skelett, welches die Messe nachäffte, ergriff mit seinen gekrümmten Fingern Muirlands Hand und legte sie in die des jungen Mädchens.
Muirland glaubte jetzt in der Berührung der seltsamen Braut den kalten Biß zu erkennen, welchen das Volk den Spunkies zuschreibt. Das war zuviel; er schloß die Augen und wurde halb ohnmächtig.
Er glaubte zu fühlen, wie Geisterhände ihn auf sein treues Tier setzten, welches vor der Tür der Kathedrale wartete; allein seine Wahrnehmungen waren dunkel, unbestimmt seine Empfindungen. Was weiter geschah, wußte der Pächter nicht, der sich am nächsten Morgen in seinem Bett wiederfand und erstaunt war, als man ihm sagte, daß er in der Nacht des Hallowe’en eine Reise in das Hochland angetreten habe und einige Tage darauf mit dem jungen Weib zurückgekehrt sei, das er an seinem Bett sitzen sah.
Er rieb sich die Augen und glaubte zu träumen, dann aber wollte er die betrachten, die er gewählt hatte, ohne zu wissen, und die nun Frau Muirland geworden war.
Wie hübsch war sie! Welch sanftes Licht strahlte aus ihren glänzenden Augen! Doch überraschten Muirland diese großen Augen. Er sah keine Augenlider, große dunkelblaue Kreise zeigten sich unter den schwarzen Bogen der Augenbrauen, deren Schwung von bewundernswürdiger Leichtigkeit war. Muirland seufzte; die undeutliche Erinnerung an den Spunkie, an seinen nächtlichen Ritt und seine schreckliche Hochzeit in der Kathedrale wurde in ihm wach.
Während er seine neue Gattin betrachtete, glaubte er, wenn auch gemildert, bei ihr alle charakteristischen Züge eines übernatürlichen Wesens zu erkennen.
Die Finger des jungen Weibes waren lang und dünn, ihre Nägel lang und schmal, ihr blondes Haar reichte bis auf die Erde.
Er versank in tiefe Gedanken; indes sagten alle seine Nachbarn zu ihm, daß die Familie seiner Frau in den Hochlanden wohne, daß er gleich nach der Hochzeit von einem heftigen Fieber ergriffen und es daher kein Wunder sei, wenn jede Erinnerung an die Trauung seinem Geiste entfallen wäre; bald aber würde er sich mit seiner Frau glücklich fühlen, denn sie sei schön, sanft und eine gute Hausfrau.
»Sie hat aber keine Augenlider!« rief Muirland.
Man lachte ihm ins Gesicht und behauptete, daß er noch immer an Fieberphantasien litte. Außer dem Pächter bemerkte niemand diese sonderbare Eigentümlichkeit.
Die Nacht kam; es war für Muirland die Hochzeitsnacht; denn bisher war er nur dem Namen nach Ehemann gewesen.
Die Schönheit seiner Frau hatte ihn erregt. Er gelobte sich, seiner Angst zu trotzen und das wunderbare Geschenk zu genießen, welches der Himmel oder die Hölle ihm gesandt hatte …
Muirland erwachte, denn es war ihm, als hätte ein plötzlicher Sonnenstrahl das Zimmer erleuchtet, in welchem das eheliche Bett stand. Er fuhr rasch empor und erblickte die funkelnden Augen seiner Gattin, die sich zärtlich auf ihn richteten. »Verdammt!« rief er. »Mein Schlaf ist eine Beleidigung deiner Schönheit!«
Er sagte zu Spellie, so hieß die junge Gattin, tausend liebenswürdige und zärtliche Dinge, auf welche das junge Mädchen aus den Bergen so gut sie konnte antwortete.
Der Morgen brach an, und Spellie hatte noch nicht geschlafen. Wie sollte sie auch schlafen? fragte sich Muirland. Sie hat ja keine Lider.
Die Sonne stand am Himmel. Muirland war bleich und erschöpft; die Augen der jungen Gattin strahlten feuriger als je. Morgens ergingen sie sich an den Ufern der Doon. Das junge Weib war so schön, daß der Bauer trotz des Fiebers, von welchem er ergriffen war, es nicht ohne Bewunderung betrachten konnte.
»Jock«, sagte sie zu ihm, »ich liebe dich ebensosehr, wie du Tuilzie geliebt hast; alle jungen Mädchen beneiden mich. Sei du auf deiner Hut, denn ich bin eifersüchtig und werde dich sorgsam bewachen.«
Muirlands Küsse unterbrachen ihre Worte; auf den Tag folgte eine neue Nacht, und während jeder Nacht wurde der Bauer durch Spellies glühende Augen seinem Schlummer entrissen; seine Kräfte erlagen dabei.
»Aber, Liebste«, fragte Jock seine Frau, »schläfst du denn nie?«
»Ich, schlafen?«
»Ja, schlafen! Ich glaube, du hast, seit wir verheiratet sind, noch keinen Augenblick geschlafen.«
»In meiner Familie ist es nicht Sitte, zu schlafen.«
Die blauen Augen des jungen Weibes strahlten ein noch glühenderes Licht aus als vorher.
»Sie schläft nicht!« rief der Bauer verzweifelt. »Sie schläft nicht!«
Erschöpft und entsetzt sank er in die Kissen zurück.
»Sie hat keine Augenlider, sie schläft nicht!« wiederholte er.
»Ich werde nicht müde, dich anzusehen«, sagte Spellie, »und ich werde ein wachsames Auge auf dich haben.«
Der arme Muirland! Die schönen Augen seiner Gattin ließen ihm keine Ruhe. Sie glichen ewig funkelnden Gestirnen, die ihn blendeten. Mehr als dreißig Balladen auf Spellies schöne Augen wurden von den Dichtern der Gegend gemacht. Was aber Muirland betraf, so verschwand er eines Tages.
Drei Monate waren verflossen; die Marter, welche der Pächter erduldete, hatte seine Kräfte erschöpft; er glaubte, daß die Feuerblicke seiner Gattin ihn versengten. Mochte er auf das Feld gehen oder zu Hause bleiben oder sich in die Kirche begeben, stets traf ihn der schreckliche Strahl ihrer Augen, und ihr Glanz drang bis in das Innerste seines Wesens, ließ ihn erbeben und erfüllte ihn mit Schauder. Er verwünschte endlich die Sonne und floh den Tag.
Dieselbe Marter, welche die arme Tuilzie erduldet, war nun sein Los geworden; anstatt jener inneren Unruhe, welche ihn während seiner ersten Ehe zum Henker seines jungen Weibes gemacht hatte, und welche von den Männern Eifersucht genannt wird, befand er sich jetzt unter dem physischen und forschenden Einfluß eines Auges, welches sich nimmer schloß; es war das auch Eifersucht, allein eine greifbar gewordene Eifersucht.
Er verließ sein Landgut, ging über das Meer und eilte in die Wälder Nordamerikas, wo schon so mancher seines Volkes einen neuen Wohnsitz gesucht und eine friedliche Hütte gebaut hatte.
Die Savannen des Ohio boten ihm ein sicheres Asyl, wie er glaubte; lieber wollte er als armer Kolonist leben, lieber sich mit grober und kärglicher Nahrung sättigen, als sich unter seinem schottischen Dach von einem eifersüchtigen und stets geöffneten Auge fortwährend quälen zu lassen.
Nachdem er ein Jahr in dieser Einsamkeit zugebracht hatte, segnete er sein Los, fand er doch Ruhe inmitten dieser fruchtbaren Natur. Er unterhielt keinen Briefwechsel mit der Heimat, da er fürchtete, er könnte Nachrichten von seiner Frau erhalten; in seinen Träumen sah er noch bisweilen jenes stets geöffnete Auge, jenes Auge ohne Wimpern, und schrak dann heftig zusammen; allein das war auch alles, was er zu leiden hatte; er überzeugte sich bald, daß das stets wachsame und furchtbare Auge nicht mehr in seiner Nähe war, ihn nicht mehr durch seine unerträgliche Glut versengte.
Die Narraghansetts, der nächste Stamm der Wilden, hatten als Sachem oder Häuptling einen kränklichen Greis namens Massasoit, der sehr friedlich war und dessen Wohlwollen sich Jock Muirland besonders dadurch zu erhalten wußte, daß er ihn bisweilen mit Branntwein bewirtete. Massasoit wurde krank; sein Freund besuchte ihn in seiner Hütte.
In der Hütte dieses armseligen Palastes brannte ein Feuer, Büffelhäute lagen auf der Erde, und auf einer derselben kauerte der alte kranke Häuptling; die größten Zauberer des Stammes heulten, schrien und machten einen Lärm, durch welchen der Kranke nur noch elender gemacht werden mußte, einen Lärm, der selbst einen Gesunden hätte krank machen können.
Der Medizinmann leitete den Chor und den Trauertanz; der Wald erscholl von dem Lärm, welchen diese wunderliche Feierlichkeit veranlaßte; den Gottheiten des Landes wurden Opfer und Gebete dargebracht.
Sechs junge Mädchen waren damit beschäftigt, die nackten und kalten Glieder des Greises zu reiben. Eins von ihnen, ein sehr hübsches Mädchen von kaum sechzehn Jahren, weinte bei dieser Arbeit.
Der Schotte erkannte, daß diese ganze Behandlungsweise nur Massasoits Tod bewirken würde. Als Europäer und Weißer galt er für einen geborenen Arzt. Er benutzte das Ansehen, welches er in dieser Hinsicht hatte, entfernte die Lärmenden und näherte sich dem Häuptling.
»Wer kommt zu mir?« fragte der Greis.
»Jock, der weiße Mann.«
»Oh!« versetzte der Häuptling und reichte ihm die vertrocknete Hand. »Wir werden uns nicht wiedersehen, Jock.«
Obgleich Jock wenig medizinische Kenntnisse hatte, so bemerkte er doch ohne Mühe, daß der Häuptling an einer einfachen Verdauungsstörung litt; er kam ihm zu Hilfe, befahl, daß man um ihn her schweige, setzte ihn auf eine kärgliche Diät und bereitete ihm dann ein ausgezeichnetes schottisches Gericht, welches die Stelle einer Arznei vertreten mußte.
In drei Tagen war Massasoit wieder hergestellt. Das Heulen der Indianer und die Tänze begannen von neuem; allein dieses Mal drückten die Hymnen der Wilden nur noch die Gefühle des Danks und der Freude aus.
Massasoit ließ Jock in seiner Hütte sich setzen, reichte ihm seine Pfeife und zeigte ihm seine Tochter Anauket, das jüngste und hübscheste von den Mädchen, welche Muirland in der Hütte gesehen hatte.
»Du hast kein Weib«, sagte der alte Krieger zu ihm; »nimm meine Tochter und ehre mein weißes Haupt.«
Jock erbebte; er dachte an Tuilzie und Spellie, er dachte daran, wie schlecht ihm seine früheren Heiraten gelungen waren.
Allein das junge Mädchen war sanft und gehorsam. Eine Heirat in einer einsamen Gegend ist nur mit wenig Förmlichkeiten verknüpft und pflegt ebensowenig nachteilige Folgen für einen Europäer zu haben. Jock fügte sich daher, und die schöne Anauket gab ihm keinen Grund, seine Wahl zu bereuen.
Es war an einem schönen Herbstmorgen, am achten Tage ihrer Vereinigung, als beide im Boot den Ohio hinunterfuhren. Jock hatte seine Jagdflinte mitgenommen. Anauket war an solche Züge gewöhnt, da das Leben des Wilden zum größten Teil aus ihnen besteht, weshalb sie ihren Mann unterstützte und ihm half. Das Wetter war prachtvoll; die Ufer des schönen Flusses boten den Liebenden bezaubernde Aussichten dar; Jock bemerkte ein Perlhuhn mit strahlenden Flügeln, er zielte, schoß, und der tödlich getroffene Vogel fiel in dichtes Gebüsch.
Muirland wollte eine so schöne Beute nicht verlieren, band sein Boot an und stieg an Land, um den Vogel zu suchen. Vergebens durchstreifte er das Gebüsch; seine schottische Hartnäckigkeit trieb ihn immer tiefer und tiefer in den Wald. Bald sah er sich zwischen hohen Bäumen, als plötzlich ein strahlendes Licht durch das Laub fiel und bis zu ihm drang. Er zitterte. Das unerträgliche Licht zwang ihn, seine Augen zu schließen. Das Auge ohne Lid blickte ihn an.
Spellie war über das Meer gekommen, hatte die Spur ihres Mannes gefunden und seine Fährte verfolgt; sie hatte ihr Wort gehalten, und ihre furchtbare Eifersucht überhäufte Muirland bereits mit gerechten Vorwürfen. Er eilte ans Ufer, verfolgt von dem lidlosen Auge, erblickte die reinen und klaren Wellen des Ohio und stürzte sich in seiner Angst in die Flut. Das war das Ende Jock Muirlands.