Jedermann – jedes Kind und ganz gewiss jeder Wissenschaftler – wusste natürlich, dass der so genannte Mann im Mond nichts anderes war als eine Ansammlung von Schatten und Kratern auf der Oberfläche des Erdtrabanten.

Für die Menschen, die mit bloßem Auge zum Mond emporschauten, mochten diese dunklen Strukturen die Form einer menschlichen Gestalt haben, einer Gestalt mit einem Bündel Zweige auf dem Rücken. Für die Forscher der Sternwarte aber, die den Mond mit dem Teleskop so nah heranholen konnten wie andere Leute die Krümel auf ihren Frühstückstellern, war der Mann im Mond nur ein Ammenmärchen, das sie belächelten und ihren Kindern vor dem Schlafengehen erzählten.

Dass ausgerechnet diese Männer und Frauen, gewaschen mit allen Wassern der Wissenschaft, das Verschwinden des Mannes im Mond feststellen mussten, war für einige von ihnen unerklärlich, für andere schier unglaublich.

Keiner aber war fassungsloser als Doktor Julius Karfunkel persönlich. So etwas war weder ihm noch irgendwem, von dem er gehört hatte, jemals vorgekommen.

Die Oberfläche des Trabanten war leer gewischt, von allen Schatten und dunklen Flecken bereinigt, wie eine Suppenschüssel nach dem letzten Spülgang.

Doktor Karfunkel mochte es drehen und wenden, wie er wollte – es gab einfach keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen. Es war fast, als hätten Außerirdische auf dem Mond starke Scheinwerfer aufgestellt und damit jeden dunklen Winkel ausgeleuchtet. Eine Lösung übrigens, die dem Doktor kaum weniger fantastisch erschien als jede andere, die er und seine Kollegen in der Sternwarte diskutiert hatten.

Doktor Karfunkel war ein Mann, der fest an Leben auf fremden Planeten glaubte. Er war sicher, dass Ufos in unsere Atmosphäre vorstießen und dass immer wieder Menschen von Wesen aus dem All entführt und untersucht wurden.

Hätte man ihm allerdings von Hexen erzählt, von der magischen Macht des Arkanums und der Tatsache, dass der Mann im Mond eben doch sehr viel mehr war als nur eine Zusammenballung von Schatten in einem Ozean endloser Staubwüsten – nun, er hätte sich wohl geschüttelt vor Lachen.

Kein Wunder also, dass er nichts Böses dachte, als er zwei Nächte nach dem unerklärlichen Vorfall ganz allein in seiner Sternwarte saß und mit scharfem Blick die Oberfläche des Mondes studierte.

In wenigen Stunden würde die Morgendämmerung anbrechen, die letzten Mitarbeiter lagen längst zu Hause in ihren Betten. Doktor Karfunkel saß auf einem Stuhl inmitten des Stahlgerüsts, auf dem tonnenschwer das gewaltige Teleskop ruhte. Kameras übertrugen die eingefangenen Bilder der Mondoberfläche auf mehrere Bildschirme. Alles wurde aufgezeichnet, jede Abweichung von der Norm vollautomatisch von Computern durchgerechnet und in Form von komplizierten Diagrammen und Zahlentabellen ausgedruckt.

Aber Doktor Karfunkel hatte keinen Blick übrig für die Schlangen aus Endlospapier, die seine Drucker in überfüllte Auffangkörbe spuckten. Seine Augen starrten gebannt auf die flimmernden Monitore.

Tiefes Schweigen lag über der Sternwarte. Die stählernen Säle und Korridore waren menschenleer, nur hier und da piepste ein elektronisches Gerät oder summte ein Laserdrucker.

»Das kann nicht sein«, entfuhr es dem Doktor nunmehr zum dritten Mal, seit er die neuerliche Veränderung auf der Oberfläche des Mondes bemerkt hatte.

Es war anders als vor zwei Tagen. Diesmal wurde nicht auf einen Schlag die gesamte Mondkugel von Helligkeit überflutet. Nein, diesmal war nur ein winziges Stück Schwärze in Bewegung geraten, ein Schatten, der auf dem Monitor nicht größer war als der Daumennagel des Doktors. Es handelte sich um einen Splitter aus Dunkelheit, der eben noch Teil eines Schattenmassivs am Rande des Kraters Kopernikus gewesen war, südlich des Mare Imbrium.

Im ersten Moment glaubte der Doktor, es müsse sich um ein Stück Mondgestein handeln – mehrere Kilometer im Durchmesser –, das sich auf unerklärliche Weise von der Oberfläche gelöst hatte und nun hinaus ins All trudelte.

Dann kam ihm der Gedanke, es könne ein Satellit sein, der oberhalb der Erdatmosphäre seine Bahn zog und ins Blickfeld des Teleskops geraten war.

An einem aber gab es bald keinen Zweifel mehr – das Stück Finsternis, das sich aus dem Schattenkörper des Mondmannes gelöst hatte, kam genau auf die Erde zu.

Auf Europa.

Auf die Sternwarte.

Geradewegs durch das Teleskop auf den Doktor zu …

Alles ging rasend schnell. So schnell dass Doktor Karfunkel nicht einmal die Zeit blieb, zusammenzuzucken.

Der daumennagelgroße Fleck löste sich wie ein schwarzer Öltropfen von der Oberfläche des Monitors, schoss auf das Auge des Doktors zu und traf ihn noch im selben Sekundenbruchteil.

Es war ein Gefühl, als wäre durch ein geöffnetes Fenster eine Woge eiskalter Polarluft genau in Karfunkels Gesicht geweht.

Doch es war keine Polarluft.

Die Finsternis, die jetzt seinen rechten Augapfel überzog wie ein hauchfeines Wurzelgeflecht, war eisiger als der kälteste Ort der Antarktis, kälter gar als das Weltall selbst.

Der Doktor aber spürte schon bald nichts mehr davon. Er schaltete in aller Ruhe seine Geräte ab und beschloss, es für diese Nacht gut sein zu lassen. Zeit, nach Hause zu fahren. Zeit, endlich ins Bett zu gehen.

Später, beim Waschen, würde er die sanfte Wölbung bemerken, die sich auf seinem Rücken zwischen den Schulterblättern abzeichnete.

Und morgen, vielleicht übermorgen, würden ihm die winzigen Dornen auffallen, die an dieser Stelle von innen gegen die Haut zu drücken begannen.

Er aber würde sich nichts dabei denken. Ebenso wenig wie bei der Tatsache, dass die Computer am nächsten Morgen über keinerlei Aufzeichnungen des rätselhaften Phänomens verfügen würden.

Genau genommen, würde der Professor niemals mehr irgendetwas denken.

Denn das tat jetzt jemand anderes für ihn. Jemand, der sich verraten fühlte, von den Hexen des Arkanums ebenso wie von der Gruppe von Jugendlichen, die ihn auf der Kuppe des Hügelgrabes in eine Falle gelockt hatten.

Es war endlich an der Zeit, zurückzuschlagen.

Der Mann im Mond hatte jetzt einen menschlichen Körper.

Und er würde warten. Warten, bis die Zeit reif war. Bis der richtige Augenblick kam, aus dem Leib des Professors hervorzubrechen, mit peitschenden Dornenranken und Plänen voller Hass und Zwietracht.

Ich bin zurück, dachte der Mann im Mond in seinem Hirn aus purem Schatten.

Eure Welt soll sein wie die meine, eine Ödnis aus Staub und Kälte und absoluter Finsternis.

Und dann endlich werde ich euer König sein. Euer Kaiser. Euer Gott.