Die Hexe lachte, ein klares, glockenhelles Lachen – viel zu schön als Maske für eine so schwarze Seele. »Das soll deine Sorge nicht sein, Kyra Rabenson. Und nicht die deiner Mutter. Vielleicht werden wir uns wieder sehen. Vielleicht auch nicht. Aber du wirst meine Anwesenheit spüren können, immer wenn du zum Mond emporschaust. Mein Auge beobachtet dich. Sei wachsam.«

Kyra hatte einmal im Keller eine alte Porzellanpuppe gefunden. Das Puppengesicht war weiß und makellos gewesen, kunstvoll gearbeitet und zweifellos sehr wertvoll. Doch als sie die Puppe umgedreht hatte, hatte sie bemerkt, dass der Hinterkopf zersplittert war. In der Öffnung nistete eine fette Kreuzspinne.

Daran musste sie denken, als sie nun der Hexe gegenüberstand. Eine so perfekte Fassade und dahinter ein Geist wie ein gefräßiges Raubtier. Ebenso gnadenlos, ebenso kalt.

Draußen krachte erneut ein Donner.

»Leb wohl, mein Kind«, sagte die Hexe. »Der Mond klagt hinter dunklen Wolken. Ich will ihn nicht warten lassen.«

Und ohne ein weiteres Wort trat sie an Kyra vorüber, würdigte Chris mit keinem Blick und ging mit ruhigen Schritten den Stollen hinunter. Mühelos glitt sie durch den Bretterverschlag, geschmeidig wie eine Rauchwolke, und ging an Lisa und Nils vorbei, die starr vor Schreck im Regen standen. Bald darauf trat die Hexe in den Schatten des Bahndamms und verschmolz mit der Dunkelheit.

In der Grabkammer legte Chris Kyra von hinten eine Hand auf die Schulter und drehte sie zu sich herum.

»Wir haben gewonnen«, sagte er leise. »Heute Nacht haben wir gewonnen.«

Kyra nickte langsam, aber Chris sah ihr an, dass ihre Gedanken anderswo waren. Irgendwo in weiter Ferne. Vielleicht oben am Himmel, verloren in der Nacht. Auf der Suche nach Leben in den Staubwüsten des Mondes.

Oder horchte sie in sich hinein? Auf die Stimme ihrer Mutter, tief in ihrem Inneren?

Schließlich aber zuckte sie die Achseln und gestattete sich ein feines Lächeln.

»Komm«, sagte Chris, »du kannst nicht alleine hier bleiben.«

Kyras Lippen formten Worte, aber sie sprach sie nicht aus.

Ich bin nicht allein. Bin es niemals gewesen.

Mit einem Nicken folgte sie Chris ins Herz des Unwetters.