Tommys Rache
Schrilles Kreischen drang aus dem Inneren des Kinderwagens.
Kyra seufzte, während Chris und Nils sich die Ohren zuhielten. Nur Lisa zeigte Verständnis – oder Mitleid? –, trat an Kyra vorbei und beugte sich über das brüllende Kind zwischen den Kissen. Beruhigend redete sie auf den Kleinen ein, reichte ihm einen Plüschaffen und kuschelte ihn in seine Armbeuge.
Nach einem letzten Krächzen verstummte Tommy und fuchtelte selig mit dem Stofftier.
»Es ist erniedrigend«, brummte Kyra übellaunig. »Reine Schikane.«
»Nimm’s nicht so schwer«, meinte Lisa besänftigend.
Kyra funkelte sie an. »Den Tonfall spar dir für den Schreihals … Ich werd bestimmt nicht heulen, bis die Leute meinen Babysitter anstarren, als wäre er ein Kindermörder.«
Lisa lächelte, und auch Chris konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Nils teilte Kyras schlechte Laune. »Gibt’s für so was nicht Kindergärten?«
»Tommy ist noch zu klein dafür«, belehrte ihn Lisa. »Außerdem ist er doch ganz süß.«
»Süß?«, entfuhr es Kyra und Nils wie aus einem Munde. Chris lachte schon wieder.
Als hätte der Kleine den feindseligen Ton dieses Protests verstanden, begann er prompt, erneut zu schreien. Um sie herum auf der Hauptstraße blieben Passanten stehen und blickten den Freunden und ihrem Kinderwagen hinterher.
»Die müssen uns alle für Unmenschen halten«, meinte Chris.
»Kinderquäler, sag ich doch«, bestätigte Kyra finster. »Irgendwer wird uns noch anzeigen.«
Nach den Ereignissen der letzten Nacht war das allerdings keine allzu bedrohliche Vorstellung. Sie hatten den Mann im Mond besiegt und eine Hexe in die Flucht geschlagen – was konnte das noch übertreffen?
Tommy zumindest gab sich alle Mühe. Er kreischte und heulte, bis sie das südliche Stadttor erreichten.
An der Außenseite blieben sie stehen und blickten über die Festwiese. Junge Männer mit freien Oberkörpern oder in T-Shirts bauten gerade die Bühne ab. Die Arbeiten waren schon weit fortgeschritten, die meisten Stahlstangen des Gerüsts lagen gestapelt auf dem Anhänger eines Sattelschleppers. Aus allen Richtungen ertönten Rufe und metallisches Hämmern.
Lisa beugte sich über den Kinderwagen, jetzt nicht mehr ganz so begeistert, und drückte Tommy abermals den Teddybären zwischen die Ärmchen. Sein Geschrei brach ab, aber jetzt brabbelte er leise vor sich hin, was auf die Dauer nicht weniger nervtötend war.
Kyra schaute flehend zum Himmel. »Lieber Gott, verschone mich mit so einer Plage«, murmelte sie.
»Seit wann betest du denn?«, fragte Chris schmunzelnd.
»Das war nur so was wie ’ne Redewendung.«
Nils’ Blick war neugierig auf die Arbeiten an der Bühne gerichtet. »Da müsste doch irgendwer sein, der den Namen der Hexe kennt. Immerhin ist sie hier aufgetreten.«
»Kannst ja fragen gehen«, meinte Lisa ohne große Begeisterung.
Er nickte ernst. »Genau das werd ich auch tun.«
Nils lief los, quer über die Wiese, auf der Hilfskräfte dabei waren, den verstreuten Müll aufzusammeln. Seine Freunde beobachteten, wie er auf einen Arbeiter einredete und von diesem an einen anderen Mann verwiesen wurde. Nils ging zu ihm hinüber. Der Mann trug einen dunklen Anzug und hatte sein Büro im Rathaus augenscheinlich nur ungern verlassen; offenbar hatte man ihm die Verantwortung für das Konzert übertragen. Die beiden sprachen kurz miteinander, dann schüttelte der Mann den Kopf und ging davon.
Nils kehrte zu den anderen zurück. Tommy brüllte zu seiner Begrüßung wie am Spieß.
»Dreimal dürft ihr raten, unter welchem Namen sie sich bei den Veranstaltern vorgestellt hat.«
Die drei zuckten die Achseln. »Keine Ahnung«, meinte Chris.
»Diana«, sagte Nils.
Kyra lächelte schief. »Die Göttin des Mondes.«
»Typischer Fall von Größenwahn«, bemerkte Lisa.
Kyra seufzte und drehte den Kinderwagen um, zurück Richtung Stadt. Sie wollte schon losgehen, als Nils sagte: »Und wisst ihr, was. Keiner hat ihre Musiker gesehen.«
»Aber sie waren oben auf der Bühne«, entgegnete Lisa. »Du und ich, wir haben sie doch gesehen.«
»Sie standen die ganze Zeit im Schatten.«
»Sie waren Schatten«, verbesserte Kyra ihn. Zwar war sie nicht bei dem Konzert gewesen, aber sie hatte dennoch keine Zweifel. Die Hexen des Arkanums hatten wahrscheinlich mehr Tricks auf Lager, als sie und die drei anderen sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten.
Keiner wusste so recht, was er darauf hätte sagen können. Schweigend gingen sie erneut durchs Tor und spazierten mit dem Kinderwagen und seinem schreienden Passagier die Hauptstraße nordwärts.
»Ich weiß nicht, was Tante Kassandra Ruth erzählt hat, wegen ihres Gartens und so, aber dass wir jetzt auf Tommy aufpassen müssen, ist einfach unfair.« Kyra überlegte kurz, dann fügte sie hinzu: »Wenn man’s genau nimmt, haben wir ihn schließlich gerettet.«
Lisa zog eine Schnute. »Undank ist der Welt Lohn … wo wir doch eben bei Redewendungen waren.«
»Unsere Lisa«, meinte Chris mit hämischem Grinsen. »Immer einen so weisen Spruch auf Lager.«
Sie schnitt ihm eine Grimasse. »Noch nie was davon gehört, dass Frauen immer weiser sind als Männer?«
»Dafür spielen wir besser Fußball«, erwiderte Nils.
»Ooooh, wow!«, machten die beiden Mädchen im Chor, und auch Tommy fiel mit ein und kreischte, was das Zeug hielt.
Ein Lastwagen donnerte über das alte Straßenpflaster an ihnen vorüber. Die scheppernden Stahlgestänge auf seinem Anhänger machten einen Höllenlärm. Sie übertönten sogar das Geschrei des kleinen Plagegeistes im Kinderwagen.
Kyra schaute dem Laster hinterher und sah, wie er vor dem Nordtor abbremste und langsam unter dem niedrigen Bogen hindurchfuhr. Danach verschwand er in der Ferne.
Einen Augenblick lang schien es ihr, als blitzte hoch über den Zinnen der Tortürme etwas auf, ein Abglanz des Vollmondes, schimmernd im Blau des Himmels.
Doch falls es ein Auge gewesen war, das sie beobachtet hatte, so schloss es sich gleich darauf wieder, denn schon beim zweiten Hinsehen war der Mond verblasst und zeigte sich an diesem Tag nicht wieder.