Eine Hexe singt
Die Bühne erhob sich menschenleer am anderen Ende der Festwiese. Mondlicht glänzte auf stählernen Streben. Der kühle Nachtwind erweckte die schwarzen Vorhänge an der Rückseite zum Leben wie eine Armee flatternder Gespenster. Man hatte alle technischen Geräte abgebaut, geblieben war allein das Gerüst mit seinen Bühnenbrettern und Stoffplanen, das Gerippe eines Stahldinosauriers. Kyra erschien das riesenhafte Gebilde wie etwas, auf dem die alten Azteken Menschenopfer dargebracht hätten. Mindestens fünfzehn Meter hoch und doppelt so breit, eindrucksvoll und – bei Nacht – bedrohlich zugleich.
Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen. Die Wiese lag völlig verlassen da. Die letzten Feiernden hatten sich längst in die Hand voll Kneipen und Bistros zurückgezogen, die im Labyrinth der Giebelsteiner Gassen auf Gäste warteten.
Hier draußen war niemand mehr.
»Große weite Plätze finde ich im Dunkeln fast noch unheimlicher als irgendwelche Katakomben oder Wälder«, flüsterte Lisa mit schwankender Stimme.
»Daran werd ich dich erinnern, wenn wir das nächste Mal mit dem Professor unterwegs sind«, erwiderte ihr Bruder leise. Er spielte auf Kyras Vater an, Professor Rabenson, der seine Tochter und ihre drei besten Freunde immer in den Ferien mit auf eine seiner Reisen in ferne Länder nahm. Der Professor war selbst ernannter Fachmann für übersinnliche Phänomene, und seine Bücher darüber waren in der ganzen Welt Bestseller. Ufos, Wiedergeburten und fantastische Fabelwesen waren seine Spezialgebiete. Stets trieb er sich in einem anderen Winkel der Erde herum, erforschte Ruinen untergegangener Kulturen, kletterte durch die Katakomben alter Kathedralen oder die Felsentempel längst vergessener Priesterkönige. Das war auch der Grund, weshalb Kyra seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Tante Kassandra lebte, der Schwester des Professors. Wenn Kyra ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie ihren Vater kaum kannte. Nicht wirklich.
»Hier ist kein Mensch«, sagte Chris enttäuscht und ließ seinen Blick über die Wiese schweifen. Von der Bühne trennten sie etwa hundert Meter. Pappteller und Plastikbecher lagen im Gras verstreut. Je nachdem, wie der Wind stand, roch es abwechselnd nach schalem Bier, Urin und kalter Schaschliksoße.
»Die Bühne wird erst morgen abgebaut«, murmelte Kyra. »Ich hab’s in der Zeitung gelesen.«
»Du liest Zeitung?«, flachste Nils. »Wahrscheinlich die Kosmetiktipps.«
»In unserer Zeitung gibt’s so was nicht, Blödmann.«
Lisa grinste unsicher. »Nils liest auch Zeitung – alles, was im Umkreis von zwanzig Zentimetern rund um die Fußballergebnisse steht.«
»Hey, seid still!«, fuhr Chris sie an. Die drei anderen wechselten erstaunte Blicke. Nils schmollte und wedelte mit der Hand, als hätte er sich die Finger verbrannt.
»Da vorne ist was«, sagte Chris. »Jemand.«
Jetzt sahen sie es alle. Eine Gestalt war auf der Bühne erschienen. Niemand hatte sie kommen sehen. Es sah aus, als wäre sie geradewegs aus der leeren Luft aufgetaucht.
»Die Hexe!«, entfuhr es Lisa, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können – dabei kam es sogar ihr selbst reichlich überflüssig vor.
»Wir könnten sie mit Papptellern bewerfen«, schlug Nils trocken vor.
»Würdet ihr jetzt endlich still sein!«, zischte Chris den beiden zu.
Kyra beobachtete die Frau wie in Trance, gebannt und schweigend. Hexen wie diese waren die Todfeinde ihrer Mutter gewesen; das Arkanum stand für alles, gegen das sie gekämpft hatte. Auch Kyra spürte in sich einen verzehrenden Hass auf den Geheimbund der Hexen, als wäre mit den Sieben Siegeln auch das Empfinden ihrer Mutter auf sie übergegangen.
Chris warf Kyra einen fragenden Blick zu.
»Glaubst du, sie kann uns auf die Entfernung etwas tun?«
Kyra hob die Schultern. »Ich gehe zu ihr.«
»Was?«, entfuhr es Lisa und Nils wie aus einem Mund.
»Ich muss mit ihr sprechen.«
»Darauf wird sie bestimmt großen Wert legen«, bemerkte Nils. »Bevor sie dich röstet oder häutet oder –«
»Sie hat meine Mutter gekannt«, unterbrach Kyra ihn gedankenverloren. »Ich glaube, sie war dabei, als sie starb.«
Lisa schaute sie mit großen Augen an. »Diese Hexe hat deine Mutter umgebracht? Bist du sicher?«
»Ich spüre … irgendetwas. Eine … Vertrautheit.«
»Oh Mann«, murmelte Nils und verdrehte die Augen.
»Du solltest das nicht tun.« Chris versuchte es mit Vernunft statt mit Spott. »Nils hat Recht. Sie wird dich töten.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Genau wie deine Mutter.«
Lisa nickte heftig. »Deine Mutter hätte das nicht gewollt. Du bist doch völlig wehrlos.«
Kyra schüttelte den Kopf, als wären die Argumente ihrer Freunde winzige Schädlinge, die sich in ihrem Haar festkrallten; sie schleuderte sie alle von sich und blieb stur bei ihrem Entschluss. »Ich rede mit ihr. Ich allein.«
Nils bekam allmählich wirkliche Angst um sie.
»Kommt gar nicht infrage. Und wenn ich dich eigenhändig hier wegschleppen muss.«
Kyra wirbelte zu ihm herum, und sekundenlang loderte in ihren Augen ein unheilvolles Feuer, das ihn schlagartig zum Schweigen brachte – vielleicht ein Hauch jener Kräfte, die einst ihre Mutter besessen hatte. Hexenmacht. Nils war so baff, dass er kein Wort mehr herausbrachte.
Kyra setzte sich in Bewegung. Langsam, aber entschlossen entfernte sie sich von ihren Freunden und ging allein über die Wiese, einsam, eine kleine, verlorene Gestalt.
»Sie kann uns hier nicht einfach stehen lassen«, sagte Nils.
»Wir können sie nicht einfach gehen lassen«, meinte Lisa. Sie zitterte vor Aufregung und vor Angst – um sich selbst, aber mehr noch um Kyra.
Chris blickte Kyra starr hinterher. »Vielleicht weiß sie ja, was sie tut.«
»Danach hat sie aber gar nicht ausgesehen«, wandte Nils ein.
Lisa nickte. »Wir müssen hinterher.«
»Kyra hat gesagt, sie will allein gehen«, sagte Chris. »Ich glaube, dabei hat sie sich was gedacht.«
Nils schnaubte verächtlich – was bei ihm meist ein Zeichen von Hilflosigkeit war. Wenn er nicht mehr weiterwusste, verfiel er oft in Streitlust. Doch diesmal verzichtete er darauf, ein Wortgeplänkel vom Zaun zu brechen. Dazu war die Lage zu ernst.
Die Hexe stand wie erstarrt in der Mitte der Bühne, ein finsterer Umriss vor den noch dunkleren Vorhängen, die im Hintergrund wehten. Ihr Haar wirbelte schwarz um den hellen Stecknadelkopf ihres Gesichts. Ob ihre Augen auf Kyra gerichtet waren oder ob sie die drei Freunde ansah, ließ sich aus der Ferne nicht erkennen.
Lisa erinnerte sich schaudernd, wie sie und hunderte anderer dieser Frau noch vor wenigen Stunden zugejubelt hatten. Sie alle waren, ohne es zu ahnen, zu Teilnehmern eines schrecklichen Rituals geworden. Lisa zweifelte nicht mehr daran, dass es der Auftritt der Hexe beim Konzert gewesen war, der den Mann im Mond herbeigerufen hatte. Das Ganze war nichts anderes gewesen als die moderne Variante einer uralten Beschwörungszeremonie.
Ja, dachte sie, wir alle tragen einen Teil der Schuld an dem, was geschehen ist – und noch geschehen wird.
Der Gedanke machte ihr zu schaffen, aber er lenkte sie auch einen Augenblick lang von der Gefahr ab, in der sie und ihre Freunde schwebten.
Ohne eine Regung blickte die Hexe Kyra entgegen. Sie wartete.
Wartete, dass Kyra vor sie trat.
Aber Kyra war noch weit genug Herrin ihrer Sinne, dass sie nicht näher als zehn Schritte an die Hexe heranging. In respektvollem Abstand blieb sie vor der Bühne stehen. Ihre Augen suchten die der Frau, und ihrer beider Blicke verbissen sich ineinander wie Kampfhunde in einer Arena.
Keine von beiden sprach. Nicht die Hexe, nicht das Mädchen. Stattdessen taxierten sie einander, suchten nach Schwächen ihres Gegenübers.
Schließlich ergriff Kyra das Wort.
»Was willst du von uns?«, fragte sie leise. Sie wusste, dass die Frau sie auch dann verstanden hätte, wenn sie die Frage nur stumm mit den Lippen geformt hätte.
Die Hexe bewegte sich. Doch statt die Arme emporzureißen und kryptische Formeln zu murmeln, wie man es von einer wie ihr erwartet hätte, legte sie nur für einen Moment den Kopf schräg. Dann ließ sie sich im Schneidersitz am Bühnenrand nieder. Dabei lächelte sie, verspielt wie ein kleines Mädchen. Sie sah sehr unschuldig aus, beinahe hilflos.
