»Pass auf!« Chris’ Aufschrei riss sie abrupt aus ihren Gedanken.
Sie wirbelte erschrocken herum und ließ sich zur Seite fallen, als etwas von außen gegen die Tür krachte und den Flügel nach innen stieß. Lisa schrie auf und sah aus dem Augenwinkel, wie etwas Glänzendes, Silbernes über sie hinwegschoss, im Flur einen Haken schlug und erneut auf sie zuraste.
Ohne zu überlegen, sprang sie ins Freie und schlug von außen die Haustür zu.
Der Fliegende Fisch prallte gegen die Innenseite. Sogar durch das Holz konnte sie das wütende Schnappen seiner Kiefer hören.
Chris!, dachte sie panisch. Er war jetzt allein mit dem Fisch im Flur.
Während Lisa verzweifelt seinen Namen rief, gab sich Chris im Inneren noch lange nicht geschlagen. Er sah, wie der Fisch gegen die Tür knallte, seine schrecklichen Haifischzähne fletschte und herumwirbelte. Verschlagen funkelten seine Augen Chris entgegen.
Ein einziger Schlag mit den Flughäuten, dann schoss der Fisch auf ihn zu. Blindwütig, erfüllt von dämonischem Zorn. Von einem einzigen Gedanken besessen – sein Opfer zu töten!
Chris stand breitbeinig am anderen Ende des Flurs, nur einen Schritt von der Mauer aus Dornenranken entfernt. Ihm blieb keine Zeit, sich vor den Stacheln zu fürchten. Der Angriff des Hexenfischs erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.
Immer größer wurde das aufgerissene Maul, das durch den Flur auf ihn zuraste. Immer länger die Zähne, immer tiefer der Schlund.
Noch drei Meter, zwei …
Chris ließ sich fallen.
Der Fisch war zu schnell, seine bösartige Intelligenz zu sehr vom eigenen Hass zerfressen. Wie ein silberner Blitz schoss er über Chris hinweg.
Doch diesmal war das Hindernis, auf das er stieß, keine glatte Haustür.
Diesmal waren es fingerlange Dornen, so hart und scharf wie Stahlklingen.
Unfähig, seinen Flug abzubremsen, wurde der Höllenfisch von den Stacheln aufgespießt. Wie ein Luftballon zerplatzte er in einer Explosion aus silbernem Schleim, der in weitem Umkreis alles besudelte: die Zweige, die Wände – und Kyra, die gerade mit Tommy im Arm die Treppe herabstürmte.
Nils prallte von hinten gegen sie, beide stolperten und stürzten. Tommy flog aus Kyras Armen – und wurde im letzten Moment von Chris aufgefangen, der sich eben wieder aufrappelte.
»Wo ist Lisa?«, rief Nils alarmiert, als er wieder auf die Füße sprang.
»Draußen«, presste Chris hervor. Tommy regte sich in seinen Armen, erkannte in ihm einen Fremden und begann, steinerweichend zu schreien.
Kyra lief zur Haustür und öffnete sie. Lisa stand draußen auf der Fußmatte und wandte ihr den Rücken zu. Sie bewegte sich nicht.
»Lisa?«, fragte Kyra vorsichtig und tippte gegen ihren Oberarm.
Lisa hob eine Hand und deutete zitternd die Auffahrt hinunter zur Straße. Angespannt schauten die drei anderen über ihre Schulter.
Zwischen den Pfosten des Tors, unten auf dem Bürgersteig, stand eine einsame Gestalt. Eine schlanke Frau in einem hautengen schwarzen Overall. Langes Haar flatterte im Wind. Sie trug hohe Plateauschuhe. Man hätte sie für ein Model halten können.
Es war die Sängerin, die am Abend auf der Festwiese aufgetreten war.
An ihrem Arm baumelte eine leere Tasche aus Krokodilleder.
Sie warf den vier Freunden einen Blick voller Hass und Verachtung zu, dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und verschwand in der Nacht.