Fahrstuhl zum Mond

Der Mann im Mond stieg den Hügel herauf. Höchstens zwanzig Meter trennten ihn noch von der Grabanlage.

Eilig wichen die Freunde zurück, zur hinteren Kante des Grabes. Dabei nahm ihnen die sanfte Wölbung der Steinkuppe die Sicht auf ihren Gegner.

»Wartet«, sagte Nils aufgeregt. »Wir müssen doch sehen, ob er links- oder rechtsrum geht.«

Natürlich hofften sie alle, dass der Mann im Mond den Weg quer über das Grab nehmen würde, geradewegs ins Zentrum des magischen Kraftfeldes – falls überhaupt eines da war. Kyra war nach wie vor davon überzeugt.

»Glaubst du, er kann die Magie fühlen?«, fragte Lisa ihren Bruder.

Nils nickte überzeugt. »Immerhin ist er hier gelandet. Er kann nicht so dumm sein, das zu vergessen.«

»Die Hexe hat gesagt, er ist verrückt«, behauptete Kyra. »Wer weiß, ob er sich wirklich daran erinnert.«

»Das ist ein ziemliches Glücksspiel«, befand Chris, aber er sagte es ganz ruhig, so als hätte er sich damit abgefunden, dass die Konfrontation mit dem Mann im Mond endlich bevorstand. Lisa staunte über seine Beherrschung. Sie selbst wäre am liebsten von der Grabkuppel gesprungen und weiter zum Waldrand geflohen.

»Achtung!«, brüllte plötzlich Kyra. »Von links!«

Alle wirbelten herum und sprangen in die entgegengesetzte Richtung. Lisa entging nur um Haaresbreite einer peitschenden Dornenranke.

Die Freunde stürmten quer über die Kuppel zur gegenüberliegenden Seite. Lisa musste daran denken, wie sie und Nils in den Fluren und Zimmern des Kerkerhofs Fangen gespielt hatten. Dabei waren sie endlos lang um Tische und Sessel herumgetänzelt, während der eine immer wieder versuchte, dem anderen den Weg abzuschneiden. Geendet hatten solche Spiele erst, wenn einer die Lust verlor oder erschöpft war.

Wie lange würde es heute dauern, bis sie erschöpft waren? Konnte der Mann im Mond sie stundenlang über die Kuppel scheuchen, ohne selbst einen Fuß darauf zu setzen?

Das Schlimmste war, dass sie ihn aufgrund der Wölbung immer wieder aus den Augen verloren.

Kyra blickte äußerst verzweifelt drein. »Es muss schneller gehen. Wenn die Gewitterfront erst den Mond verdeckt, ist die Verbindung unterbrochen.«

Woher sie das wusste? Eine Ahnung vielleicht.

Wahrscheinlicher aber noch ein Überbleibsel vom Wissen ihrer Mutter. In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, dass ihr Gedanken kamen, die nicht ihre eigenen zu sein schienen. War vielleicht immer noch ein Teil ihrer Mutter am Leben? In ihr? Trug sie etwa in ihrem Kopf einen Geist, so wie alte Burgen in ihren Hallen manchmal Gespenster beherbergten?

Kyra, das lebende Spukschloss. Wow, das würde eine tolle Touristenattraktion werden. Vorausgesetzt, sie würden diese Nacht heil überstehen.

Diesmal kam der Angriff von rechts. Wirbelnd rasten die Dornententakel durch die Nacht, silbrig schimmernd im knochenfarbenen Mondlicht.

In Kyras Gehirn herrschte ein Chaos von Fragen und Zweifeln. Wenn die Verbindung zwischen Mond und Hügelgrab tatsächlich existierte, warum wurden dann sie und ihre Freunde nicht dort hinaufgesaugt?

Dornenranken schossen auf der anderen Seite des Hügelgrabes in den Himmel empor wie die ausgestreckten Finger einer grotesken Dämonenklaue. Keine war kürzer als zehn, fünfzehn Meter. Blitzschnell zuckten sie vor und hieben herab auf den Stein der Grabkuppel. Wie die Drahtklingen eines gigantischen Eierschneiders hätten sie jeden in Scheiben zerteilt, der in ihre Reichweite geraten wäre. Die Freunde aber waren bereits auf der anderen Seite des Grabes, weit genug entfernt, um nicht mit den Zweigen in Berührung zu kommen.

Etwas Seltsames geschah.

Die Dornententakel verharrten einen Moment lang starr auf der Oberfläche des Grabes, dann wanden sie sich plötzlich wie Schlangen, denen jemand auf den Schwanz tritt. Zugleich wurden sie von unsichtbaren Händen nach oben gerissen, mehrere Meter über den Boden, mit einem Mal straff gespannt wie Bogensehnen.

Der Mann im Mond riss seine Fangarme mit einem kraftvollen Ruck zurück, und da erst lösten sie sich aus dem gespenstischen Sog.

»Es funktioniert«, murmelte Kyra atemlos.

Chris nickte beeindruckt. »Du hattest Recht. Es ist, als sauge ihn irgendetwas zum Himmel hinauf.«

»Zum Mond«, verbesserte Kyra, und im gleichen Moment sprang sie auch schon vor und begann, wilde Rufe in die Richtung ihres Gegners auszustoßen.

Sie will ihn anlocken, dachte Lisa wie gelähmt. Sie lockt ihn tatsächlich an!

Wenn der Mann im Mond wahrgenommen hatte, was mit seinen Fangarmen geschehen war, so zog er zumindest keine logischen Schlüsse daraus. Was die Hexe gesagt hatte, war die Wahrheit: Er hatte den Verstand verloren. Er war unfähig, die Gefahr zu erkennen.

Lisa hätte am liebsten losgejubelt – bis ihr siedend heiß einfiel, dass sie noch lange nicht in Sicherheit waren.

Als wollte auch ihr Gegner sie an diese Tatsache erinnern, schossen schon wieder Dornenranken heran, erneut von links. Sie hätten Lisa und Chris mühelos packen können, wäre ihr Ziel nicht ein anderes gewesen.

»Kyra!«

Lisa brüllte den Namen ihrer Freundin und ließ sich gleichzeitig fallen. Die Ranken schossen über sie hinweg und jagten in Kyras Richtung, quer über die Steinkuppel.

Kyra riss die Augen auf und sah die Fangarme wie in Zeitlupe näher kommen. Instinktiv ließ sie sich zur Seite fallen, rollte mit angezogenen Armen die Wölbung hinunter. Hinter ihr klatschten die Zweige auf den Stein. Die ganze Kuppel erbebte unter dem wütenden Aufprall der Ranken.

Kyra sprang auf, sah, wie ihre Freunde zur anderen Seite der Kuppel hinüberrannten und begann, dem Mann im Mond höhnische Rufe entgegenzuschleudern. Die anderen zögerten noch einen Augenblick, dann begann erst Lisa, schließlich auch Chris und Nils, ihren Gegner anzuschreien.

Zum ersten Mal, seit er die Kuppel erreicht hatte, konnten sie ihn wieder sehen. Wie ein Schatten, der im Näherkommen auf einer Wand Gestalt annimmt, wuchs er über der Wölbung des Grabes empor. Seine Füße berührten den Stein, die Fangarme tanzten einen wilden Reigen um seine dürren Heuschreckenglieder.

Kyra schloss zu den anderen auf. Gebannt beobachteten sie von der Kante des Grabes aus, wie der Mann im Mond die Kuppel überquerte. Seine ersten Schritte waren noch fest und siegessicher, dann aber sah es mit einem Mal aus, als kämpfe er um sein Gleichgewicht. Plötzlich rasten die Enden seiner Tentakel aufwärts, streckten sich elastisch wie Bungeeseile. Der Mann im Mond legte den Kopf in den Nacken, starrte in die Nacht hinauf, eine Geste grenzenloser Verwunderung.

Die Gewitterfront hatte Giebelstein fast erreicht. In wenigen Augenblicken würden sich ihre Ausläufer vor den Mond schieben.

Schneller!, dachte Kyra verbissen. Es muss schneller gehen!

Der Mann im Mond, immer noch ein schwarzer Umriss, ein Schatten auf einer unsichtbaren Mauer, geriet in Bewegung. Aber es waren nicht seine Gelenke, die sich bewegten. Vielmehr schien seine ganze Form Wellen zu schlagen wie die Oberfläche eines pechschwarzen Sees.

Seine Ränder zerfaserten. Erst sah es aus, als kräuselte sich feiner Rauch von seinen Schultern und seinem Kopf. Dann aber wurde der Dunst wallender, dichter. Ein grässlicher Schrei ertönte, ein Laut, den kein Mensch hätte ausstoßen können. Der spindeldürre Körper dehnte sich in die Länge, wurde aufwärts gezogen, obwohl die Füße immer noch am Boden hafteten. Innerhalb von Sekunden wuchs er auf das Doppelte seiner ursprünglichen Größe, wurde dabei immer schmaler, faseriger. Schattenfragmente lösten sich aus seinem Leib, peitschten wie Gewehrkugeln in die Höhe und verschwanden im hellen Rund des Vollmondes. Ein Sturm aus dunklen Teilchen fegte dem Nachthimmel entgegen, während der Mann im Mond immer länger und schmaler wurde, bald nur noch ein Strich, der sich von der Grabkuppel zum Mond hinaufstreckte. Schließlich löste sich seine Bindung zum Boden, und die ganze groteske Erscheinung sauste wie ein überdehntes Gummiband zum Mond empor. Sekunden später sahen die Freunde, wie sich Flecken auf der weißen Lichtscheibe breit machten, Schatten, die auseinander flossen und gewaltige Staubkrater ausfüllten.

Ein Blitz zuckte vom brodelnden Himmel herab und spaltete krachend einen Baum am nahen Waldrand. Eine Stichflamme loderte auf und verblasste wieder.

Der folgende Donner war so laut, dass die Freunde auf dem Hügelgrab erschrocken aus ihrer Starre erwachten.

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