»Wir müssen hier runter«, rief Chris, packte Lisa, die ihm am nächsten stand, am Arm und zerrte sie mit sich über die Kante. Strampelnd kamen sie im Gras auf, stolperten und fielen zu Boden. Kyra und Nils folgten ihnen.
Die Gewitterwolken glitten vor den Mond, verschluckten ihn. Finsternis legte sich über das Land wie vergossenes Pech. Sturm kam auf, und dicke Regentropfen klatschten den Freunden ins Gesicht.
»Weg hier!«, brüllte Nils und wollte den Hügel hinunterrennen. Kyra und Lisa schlossen sich ihm an.
»Nein!«, rief Chris ihnen hinterher. Der Regen wurde schlagartig stärker, wahre Fontänen prasselten vom Himmel. »Nicht darunter. Wir gehen ins Grab. Da sind wir sicher.«
Die anderen stimmten zu.
Wenig später zwängten sie sich durch den Bretterverschlag ins Innere des Hügelgrabes. Hier drinnen konnten sie die Hand nicht vor den Augen sehen. Kyra, die an der Spitze ging, tastete sich an der Wand des Stollens entlang. Der Stein war eiskalt unter ihren Fingerspitzen.
Sie erreichte die Stelle, wo der Stollen in die Grabkammer mündete. Hinter ihr fluchte Nils, als er im Dunkeln gegen Lisa rempelte und sich die Schulter an der Mauer anstieß.
Kyra ging in die Knie und klopfte mit den Händen den Boden ab. Sie fand die kleine Kiste, in der sie Kerzen und Streichhölzer für einen Fall wie diesen aufbewahrten. Hinter ihr drängten die anderen in den unterirdischen Raum. Sogar hier drinnen war das Prasseln des Regens noch deutlich zu hören, ein unheimliches Rauschen, das vom Eingang her durch den Stollen wehte. Die mächtigen Donnerschläge, die draußen über das Hügelland rollten, erklangen im Inneren der Keltengruft dumpfer, aber nicht weniger laut. Jedes Mal schienen die Wände zu erzittern wie Membranen eines vorzeitlichen Lautsprechers.
Kyra nahm das erste Streichholz aus der Schachtel und schrammte es über die Reibfläche. Es funkte kurz, entwickelte aber keine Flamme. Kyra fluchte, warf das Hölzchen fort und nahm ein anderes. Diesmal hatte sie mehr Glück. Fahl zuckte der Lichtschein über die Wände.
Jemand war hier. Jemand, der nicht hierher gehörte.
Erschrocken ließ Kyra das Streichholz fallen. Die anderen schienen nichts bemerkt zu haben, doch Kyra war ganz sicher. Eine fünfte Person hielt sich in der Kammer auf. Sie hatte an der gegenüberliegenden Wand gestanden und einen riesenhaften Schatten auf das Mauerwerk geworfen.
Jetzt herrschte wieder Finsternis.
Niemand sprach ein Wort, bis Chris plötzlich sagte: »Machst du nun Licht oder nicht?«
Kyra fingerte mit zitternden Händen nach einem neuen Streichholz. »Hier ist jemand«, sagte sie.
»Wo?«, fragte Nils. Seine Stimme hallte dumpf von den uralten Wänden wider.
Kyra riss das Streichholz über die Reibfläche. Die winzige Flamme spendete Licht, aber es reichte nicht aus, um den ganzen Raum zu erhellen. Die Stelle, an der Kyra den Schatten bemerkt hatte, war jetzt leer.
Sie griff nach einer der Kerzen, die in der Kiste lagen, und ließ die Flamme auf den Docht überspringen.
»Kyra.« Lisas Stimme war nur ein schwaches Flüstern.
Kyra schaute auf, sah Lisas aufgerissene Augen angstvoll zu sich herüberstarren. Nils hob eine Hand, deutete auf etwas über Kyras Schulter.
Sie wirbelte herum – Und blickte in das Gesicht der Hexe.
»Hallo, Kyra Rabenson.«
Kyra prallte zurück und taumelte durch die Kammer, fort von der Frau, hinüber zu ihren Freunden am Eingang. Ihre Finger krallten sich um die Kerze. Sie spürte kaum, dass heißes Wachs über ihren Handrücken spritzte.
Die Mondhexe bewegte sich nicht. Sie lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr hautenger schwarzer Overall schien das Kerzenlicht aufzusaugen, sie sah fast ebenso schattenhaft aus wie der Mann im Mond. Nur ihr helles Gesicht besaß feine Konturen, umrahmt von langem Haar. Sie war wunderschön, wie alle Hexen des Arkanums.
»Ihr könnt nicht vor mir fliehen«, sagte sie mit lieblicher Stimme. »Versucht es gar nicht erst.«
Chris, Lisa und Nils hörten nicht auf sie. Blitzschnell rannten sie den Stollen hinunter. Die Bretterbarriere am Eingang war unversehrt, die Hexe musste sich wie eine Schlange durch den schmalen Spalt gewunden haben. Lisa zwängte sich ins Freie, Nils folgte ihr. Chris wollte hinterher steigen, als er bemerkte, dass Kyra nicht bei ihnen war.
Verwirrt blieb er stehen. Angst peitschte seine Sinne.
»Kyra?«, rief er und blickte zurück in den Stollen. Er sah, wie Kyra sich vor dem Kerzenschein in der Kammer abhob. »Kyra, verdammt, komm her!«
Aber sie bewegte sich nicht. Ihr Blick fixierte die Hexe, die immer noch unbewegt an der Wand lehnte.
Chris eilte zurück. Die Furcht um Kyra beherrschte sein ganzes Denken. Er dachte nicht mehr an seine eigene Sicherheit, nicht an die schreckliche Macht der Hexe. Alles, was er wollte, war, Kyra dort herauszuholen.
Kyra selbst aber bewegten ganz andere Gedanken. Ihr Blick blieb fest auf das perfekte Gesicht der Mondhexe gerichtet. »Was willst du noch?«, fragte sie gefasst. »Du kannst mich nicht töten.«
»Nein?«
»Sonst hättest du es längst getan.« Sie hatte das Spiel der Hexe durchschaut, schon als sie ihr vor der Bühne gegenübergestanden hatte. All die Gebärden, die Drohungen – nichts als Maskerade. Die Hexe selbst war ohne die Macht des Mondes nur eine gewöhnliche Frau, jung und ein wenig zu schmächtig. Nicht kräftig genug, um Kyra und die anderen anzugreifen.
»Du hast gewonnen – für heute.« Die Mondhexe stieß sich sanft von der Mauer ab und kam auf Kyra zu. Sie starrte in Kyras Augen, als beobachtete sie einen Wetterfrosch in seinem Glas. »Du bist da drin, nicht wahr? Irgendwo in deiner Tochter.«
Kyra begriff schlagartig, dass die Hexe gar nicht mit ihr sprach. Sie redete mit ihrer Mutter!
Ein hämisches Lächeln zuckte über die Züge der Hexe. »Kyra Rabenson … und wie sind noch die Namen deiner Freunde? Lisa, Nils und Chris, nicht wahr? Wichtige Namen, ohne Zweifel. Wir merken sie uns gut, wir alle.«
Ihre Worte waren jetzt wieder an Kyra gerichtet. »Das Arkanum vergibt nicht«, fuhr sie fort. »Nicht der Mutter, nicht der Tochter. Nicht den Freunden.«
Chris fuhr zusammen, hielt sich aber weiter im Hintergrund. Etwas hielt ihn davon ab, diese Begegnung zu stören. Zwischen Kyra und der Hexe geschah etwas, für das es keine Worte gab. Es war fast, als sprächen sie in einer fremden Sprache miteinander, die keiner außer ihnen verstehen konnte. Gewiss, Chris hörte die Worte und wusste, was sie bedeuteten. Aber ihm war, als fände zwischen den Zeilen noch ein anderer Austausch statt. Ein wechselseitiges Tasten und Fühlen, ein zaghaftes Abschätzen des Gegners.
Und doch würde es keinen Kampf mehr geben. Nicht heute Nacht.
»Der Mann im Mond ist wieder da, wo er hingehört«, sagte Kyra. Der Klang ihrer eigenen Stimme machte ihr Mut, so als wäre sie erleichtert, dass es ihre Stimme war, die aus ihr sprach, nicht etwa die ihrer Mutter. »Du hast versucht, uns zu besiegen, Mondhexe, und du bist gescheitert. Du hast sicher Recht: Das Arkanum vergibt nicht. Aber werden die Drei Mütter dir vergeben?«
