KAPITEL EINUNDZWANZIG

In dem Junior Websters kryptische Botschaft nicht weniger kryptisch wird und die schlimmsten Fotos zirkulieren, die je von uns gemacht wurden

 

Wir sind am Busbahnhof und füttern den Fahrkartenautomaten mit Dads Kreditkarte. Laut Fahrplan fährt der Bus nach Daytona in fünf Minuten. Ich weiß nicht, ob wir diesen Bus überhaupt nehmen sollen. Ich halte mich nur an das, was ich auf der Anzeigenseite gelesen habe. Da stand was von der YA!-Party. Die ist in Florida. An diesem Abend fahren drei Busse und einer davon geht nach Daytona; ergo: Wir fahren nach Daytona. Ich spüre meiner Zukunft auf der Basis einer Kleinanzeige nach, die ich auf einem Friedhof gefunden habe.

»Also meinst du, dass das Teil der geheimen Botschaft ist?«, fragt Gonzo und schaut auf den Zeitungsschnipsel.

»Weiß nicht, ist mir im Augenblick egal«, sage ich. Der Fahrkartenautomat schnauft wie ein alter Mann und spuckt quälend langsam zwei Tickets nach Florida aus.

»Leben. Vielleicht meint es quietschlebendig«, sagt Gonzo und streckt genüsslich das »ie«. »Weißt du, so wie, hey, so wie kleine Kätzchen, die sind doch alle quietschlebendig.«

»Oder vielleicht ist es totaler Quatsch. Leben? Das ist keine geheimnisvolle Botschaft, das klingt nach Glückskeks.«

»Vielleicht meinte es, dass du leben musst. Vielleicht will er dir sagen, dass Dr. X dich heilen und alles gut werden wird. Ich wette, das ist es, Alter!«

Gonzos Gesichtszüge werden heiter, jetzt, da er glaubt, das Rätsel gelöst zu haben. Ich aber fühle mich wie ein Idiot, dem ein kosmischer Streich gespielt wird. Ich wünsche mir was Handfestes: am Automarkt nach links abbiegen. Das Büro von Dr. X liegt an der Ecke Fifth und Main Street und Sie haben einen Termin am nächsten Dienstag um elf Uhr.

Gerade als unser Bus aufgerufen wird, betreten ein paar Polizisten die Halle. Als wir sie sehen, machen wir uns automatisch kleiner und verstecken uns hinter einer Gruppe Menschen, die zu den Bussen läuft. Die Cops zeigen den Leuten einen Handzettel.

»Halt deinen Kopf unten«, flüstere ich Gonzo zu. Ein Bulle befragt eine Dame mit drei kleinen Kindern, ob sie diese Typen gesehen hat, und ich werfe einen Blick über seine Schulter. Auf dem Zettel sind zwei sehr schlechte Schulfotos zu sehen, eins von mir und eins von Gonzo, und drunter steht VERMISST. Ich hasse dieses Bild von mir. Ich sehe aus wie ein Volltrottel. Aber wenigstens trage ich keinen lächerlichen Oberlippenpfirsichflaum, wie ihn Gonzo auf dem Foto zur Schau stellt.

»Gonzo, bleib cool«, sage ich. »Diese Cops suchen uns. Pass dich den Leuten an.«

»Anpassen? Du hast leicht reden!«

Die Schlange drängt vorwärts, Richtung Bus. Der Fahrer öffnet einen Stauraum an der Seite und die Passagiere übergeben ihm ihre Koffer. Warum müssen Menschen mit so viel Gepäck reisen? Die Polizisten streifen jetzt um die Busse, auf der Suche nach zwei Teenies – einer davon ein Zwerg –, die aus einem Krankenhaus in Texas geflohen sind. Ich versuche, Gonzo zu verdecken. Das Problem ist, dass er breiter ist als ich, und das lässt uns so aussehen, als ob wir eine dieser vielarmigen indischen Göttinnen sind. Nach einer halben Ewigkeit öffnet der Fahrer die Türen, und Gonzo und ich bringen uns fast um in unserem Bemühen, so schnell wie möglich die hinteren Reihen des Busses zu erreichen.

»Bedeck das Gesicht mit deiner Jacke und tu so, als ob du schläfst«, sage ich.

Wir vergraben uns unter unseren Windjacken und Rucksäcken, sodass nur die Haare hervorgucken. Die anderen Leute suchen ebenfalls Sitzplätze. Ich luge über den Jackenrand und beobachte, wie der eine Bulle den Gang betritt. Er reckt den Hals und hält nach uns Ausschau, aber das Gedränge ist zu groß, als dass er wirklich was sehen könnte.

Der Fahrer steigt zu. »Entschuldigen Sie, Officer, wenn Sie fertig sind – ich muss mich an den Fahrplan halten.«

Der Cop wirft einen letzten strengen Blick in den Raum und ich verberge mich unter meiner Jacke. Nach ein paar Sekunden höre ich, wie er dem Fahrer dankt. Mit einem Zischen schließen sich die Türen. Wir sind in Sicherheit. Der Bus rollt an, aber mein Herzschlag wird erst wieder normal, als wir die Stadtgrenze von New Orleans längst hinter uns gelassen haben.

 

Bevor er ein Nickerchen hält, leiht uns der Typ neben uns sein Kartenspiel. Wir mampfen Fruchtgummischlangen und spielen Black Jack und Poker. Der Bus holpert an der Küste entlang. Ölraffinerien grüßen uns mit giftigen Rauchschwaden. Es stinkt nach mit Reinigungsmittel angerührten faulen Eiern. Ein paar Krabbenfischerboote schaukeln auf dem Wasser und die Fischer ziehen die Seele des Meeres hoch in ihre schweren Netze.

Ich mag es, wie das Land an meinem Fenster vorüberzieht. Ich wünschte, wir wären öfter verreist. Ich versuche mich daran zu erinnern, warum das aufgehört hat. Dad war mit seiner Arbeit beschäftigt, und Mom war damit beschäftigt, so zu tun, als sei sie beschäftigt, und Jen und ich begannen uns gegenseitig zu hassen, und dann wurden wir uns bekanntlich fremd und fühlten uns in der Gegenwart des anderen total unwohl. Und wer will schon mit fremden Leuten Ferien machen?

Gonzo teilt die Spielkarten neu aus. Der Himmel wird dunkler. Im Bus gehen die Lichter an. Kleine weißlich gelbe Lichtkegel fallen auf unsere Karten und lassen unsere Hände wie gebleicht aussehen.

»Hast du die Telefonnummer von den deutschen Mädchen vom Friedhof?«, frage ich. »Ich glaube, die waren heiß auf dich.«

Gonzo schüttelt den Kopf. »Nicht mein Typ.«

»Was? Weil sie Deutsche sind? Touristinnen? Mädchen?«

Gonzo wirft mir einen Lass-es-bleiben-Blick zu.

»Also, was ist dein Typ?«

Er denkt eine Minute nach. »Muss süß sein, aber gefährlich aussehen. Außerdem mag ich nen Südstaatenakzent. Und Tattoos.«

Ich muss laut lachen. »Tattoos? Boaah! Wer hätte das gedacht? Der Gonzman mag die Mädels ’n bisschen tough.«

Er grinst. »Du weißt nicht alles über mich, pendejo. Ich bin ein ziemlich komplizierter Typ.«

»Du bist ein total offenes Buch, Gonz«, sage ich und lache. »In meinem ganzen Leben hab ich keinen durchschaubareren Typen getroffen.«

»Du kennst mich nicht, Alter«, sagt er und jetzt lächelt er nicht. Er überprüft seine Karten und bereitet den nächsten Zug vor. »Menschen glauben immer, sie würden andere Menschen kennen. Aber das tun sie nicht. Nicht wirklich. Na ja, vielleicht wissen sie ein paar Sachen über sie. Dass sie keine Donuts essen oder dass sie Actionfilme mögen oder was auch immer. Aber was ihre Freunde nachts allein in ihren Zimmern tun, wissen sie nicht, oder was sie als Kinder erlebt haben oder ob sie sich ohne ersichtlichen Grund beschissen fühlen oder traurig – sie wissen es nicht.«

Ich sehe vor meinem geistigen Auge Gonzo allein in seinem Zimmer sitzen, wie er sich beschissen fühlt und traurig, und ich hasse das, weil ich mich jetzt in einer Weise für ihn verantwortlich fühle, die ich nicht mag.

»Du sagst jetzt nicht so was Abgeschmacktes wie ›Menschen sind wie Zwiebeln; sie haben ne Menge Schichten‹, oder?«

»Ich versuch nur, mich mit dir zu unterhalten. Vergiss es, Alter. Was soll’s. Spiel einfach.«

Er legt eine Zwei ab und ich nehme sie. Ich habe ein Zweier-Paar und das war’s. Meine Karten sind beschissen.

»Und was ist dein Typ?«, fragt Gonzo ein paar Minuten später.

»Wow, lass mich nachdenken. Hmmm, jede, die mich haben will.« Ich lege eine weitere Karte auf den Haufen. Was ist mein Typ? Unwillkürlich kommt mir ein flüchtiges Bild von Dulcie in den Sinn, mit ihrer Rüstung und ihrem pinkfarbenen Haar. Ich schiebe es weg. »Du kennst Staci Johnson?«

»Staci Johnson!«, knurrt Gonzo. »Das darf nicht wahr sein, Alter! Staci Johnson ist die Ausgeburt des Teufels!«

»Weiß ich, weiß ich. Ihr Kopf ist hohl, ihr Charakter miserabel, und es gibt rein gar nichts, worüber man sich mit ihr unterhalten könnte, außer man weiß, was letzte Nacht auf YA! TV gelaufen ist. Aber davon abgesehen ist sie ein Sahnetörtchen. He, ich hab abgelegt.«

Er ignoriert meine Karte und zieht eine vom Stapel. »Staci Johnson, Alter. Mir wird’s, als ob ich meine Innereien rasieren müsste, wenn du so redest.« Gonzo ordnet seine Karten in der Hand und steckt eine vom Rand in die Mitte. »Na ja, wenn du aus Florida zurück bist, wer weiß? Dann wirst du die Welt gerettet haben. So was zählt.«

»Und ich werd braun gebrannt sein«, füge ich hinzu und schaue auf meine Arme, so weiß wie der Bauch einer Flunder.

»Sonnenbräune funktioniert immer.«

»Und außerdem werde ich nicht gestorben sein. Hoffentlich.«

»Das würde sicher helfen.« Er breitet seine Karten fächerförmig auf dem Tisch aus. »Royal Flush, Señor Pajero. Du schuldest mir vier Tüten Chips.«

Nach sechs Stunden Fahrt beginnt mein rechtes Bein unkontrolliert zu zucken. Das E-Ticket verliert noch ein bisschen mehr an Farbe; Adventureland ist ganz verschwunden und das nächste, Frontierland, ist blassgrün. Ich schlage das linke Bein übers rechte und lege meinen Rucksack drauf, in der Hoffnung, dass niemand was bemerkt und das Zucken bald aufhört. Es wandert weiter. Mein rechter Arm wird schwer. Ich kann den Trottel nicht mehr heben. Er fühlt sich an wie Blei. Bitte, lass mich hier keinen Anfall kriegen. Bitte. Lass es mich bis Florida schaffen. Draußen, am dunklen Horizont, lodern kleine Flammen in die Höhe. Sie sehen aus wie die Feuerbälle über den Raffinerien. Ich versuche mir gerade einzureden, dass sie das auch sind. Aber mein Bauch sagt mir, dass da draußen Feuerriesen brennen, Feuerriesen, die immer größer und stärker werden und auf mich warten. Während ich sie beobachte, werden meine Augenlider schwer. Der Rhythmus der Straße wiegt mich in den Schlaf.

 

»Cameron? Ich dachte, ich lese dir noch ein bisschen was aus Don Quijote vor.« Mom sitzt, lichtüberströmt, neben mir auf meinem Krankenhausbett. Die Vorhänge sind zugezogen und schließen uns in einem kleinen Gardinengespinst ein. »Würdest du das mögen?« Ihre Stimme hüllt mich ein wie ein Handtuch, das frisch aus dem Trockner kommt. Ich lasse mich mit Sancho Panza kreuz und quer durch die unterhaltsamen Abenteuer des irrsinnigen Ritters treiben. »›Hört auf meinen Rat und lebt noch viele, viele Jahre‹«, liest Mom vor. »›Das Dümmste, das ein Mensch in seinem Leben tun kann, ist, so mir nichts, dir nichts zu sterben.‹«

Nach einer Weile klappt Mom das Buch zu und streicht über mein Haar. »Irgendwie ist es schön, dir wieder was vorzulesen«, sagt sie. »Kannst du dich daran erinnern, wie wir im Sommer immer in die Bibliothek gingen, als du ein Kind warst? Ich hab dich fünf Bücher aussuchen lassen, und du konntest nie warten, bis wir nach Hause kamen. Also mussten wir uns eine Ecke suchen, uns hinsetzen und alle Bücher lesen, bevor wir die Bibliothek wieder verließen.«

Warum kann ich mich nicht daran erinnern? Wie können meine Mom und ich dasselbe erlebt haben und ich erinnere mich nicht daran?

»Warum haben wir das eigentlich aufgegeben?«, wundert sich Mom laut. »Wir sind einfach nicht mehr hingegangen. Ich glaube, du wolltest nicht mehr. Und ich hatte Angst, dich zu drängen. Ich hatte immer Angst, das Falsche zu sagen, also habe ich den Mund gehalten.«

Mom weint ein bisschen, leise, wie sie es immer tut. Sie gibt nie einen Laut von sich, nicht einmal, wenn sie weint. Und das macht mich ein bisschen traurig. Ich habe das Gefühl, dass das nicht richtig ist. Wenn du weinst, sollten dich die Leute hören. Die Welt sollte für einen Augenblick anhalten. Ich drücke Moms Hand und sie drückt meine. Ich sage nichts, aber immerhin weiß sie, dass ich sie gehört habe.

Menschen kommen und gehen in meinem Traum wie Schauspieler in einem Theaterstück. Eubie besucht mich. Er stülpt mir Headphones über die Ohren, damit ich den Cypress Grove Blues hören kann, und ich möchte ihm gern erzählen, dass ich in New Orleans gewesen bin, dass ich Junior Webster gesehen und für ihn Bassgitarre gespielt habe – aber es ist ein Traum und die Worte kommen mir nicht über die Lippen. Einmal sitzt Dad auf meinem Bett und liest mir aus einem physikalischen Aufsatz vor, den er beurteilen muss. Es geht um Super-Teilchenbeschleuniger.

In der Ecke zeigt der leise gestellte Fernseher immer wieder denselben Cartoon, den, wo sich Roadrunner und Kojote gegenseitig durch Türen rein- und rausjagen. Das Letzte, was ich sehe, ist die alte Lady vom Zimmer gegenüber, wie sie am Fußende meines Bettes steht. Sie ist mit Mantel und Hut bekleidet und trägt einen kleinen Koffer in der Hand.

»Ein Haus am Meer. Vergiss das nicht.«

»Werd ich nicht«, sage ich, aber ich bin mir nicht sicher, ob mich irgendjemand hört.

Und im Fernsehen wartet der Kojote auf den fallenden Amboss.