Jahr Zwei, 10. Oktober, Mittag

Alv Bulvey saß mit Birte und Katharina in seiner Küche am Tisch; vor ihm stand ein Becher Earl Grey Tee und Katharina machte sich an seinem Verband zu schaffen, um ihn zu wechseln. Die Schusswunde, die Alv sich beim Kampf um das Dorf zugezogen hatte, verheilte recht gut und es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis er wieder voll einsatzfähig war.

»Wie lange muss ich noch wie eine verdammte Mumie rumlaufen?«, brummte er verdrießlich.

Katharina zupfte die Wundauflage ab und besah sich die Naht.

»Sieht gar nicht so übel aus, mein Schatz. Ich denke, ich kann die Fäden ziehen.«

»Das wurde aber auch Zeit.«

Sie grinste ihn an und küsste ihn zärtlich. Birte lachte am anderen Ende des Küchentisches.

»Du alter Griesgram kannst es nicht erwarten, da draußen wieder herumzuspringen und die Leute zur Arbeit anzutreiben, was?«

Katharina griff nach einer kleinen Schere und der Pinzette, die sie auf dem Tisch bereitgelegt hatte, und schnippelte an den feinen Knoten herum, welche die Naht über der Wunde an Alvs Schulter in den letzten Tagen zusammengehalten hatten.

Vorsichtig zupfte sie die Wundfäden heraus und tupfte die frische Narbe mit einem milden Desinfektionsmittel ab. Dann verband sie die Schulter frisch und räumte das alte Verbandszeug fort. Als sie wieder bei Alv am Tisch saß, sagte sie:

»Was meinst du, wird diese Putschgeschichte da im Norden funktionieren?«

Alv nahm einen Schluck Tee und entgegnete:

»Ich bin nicht wirklich sicher. Gärtner ist ein harter Gegner.«

»Ich war dort«, warf Birte ein, »mit Sepp. Diese Festung ist riesig. Und voller Soldaten. Überall Hightech. Im Inneren gibt es eine Art Festung-in-der-Festung. Sicherheitstechnik, Kameras und Scanner, wohin man schaut. Dieser innere Ring ist fast uneinnehmbar, meinte Sepp, als wir da drin waren; die können das total abschotten.«

»Das mag stimmen«, gab Alv zu bedenken, »aber ich vermute mal, die Verteidigungsmaßnahmen richten sich nach außen, nicht aber nach innen. Und Gärtners härtester Feind sitzt an seiner Seite.«

Katharina meinte:

»Aber dieser Marschall ist bestimmt nicht doof, er wird misstrauisch sein und niemanden zu dicht an sich heranlassen. Ich schätze mal, seinen Generälen traut er sogar am wenigsten.«

»Er wäre nicht da, wo er heute ist, wenn es anders wäre«, stimmte Alv zu. Dann goss er sich noch einmal Tee ein und setzte nach:

»Aber dieser General Pjotrew ist ein ausgefuchster Hund. Wenn unsere Kontaktleute in der Ukraine nicht falsch liegen, ist er ein Mann von großer Weitsicht, und er hat ein umfangreiches Netzwerk an loyalen Offizieren um sich herum versammelt.«

»Aber wie will er das mit dem Putsch machen?«, fragte Birte.

»Ich vermute, er bereitet das schon länger vor. Gerade erst hat er es geschafft, die mächtigsten Kriegsschiffe, über die Gärtner verfügte, von der Insel wegzubekommen. Die Amerikaner sind auf dem Weg nach Hause und die russischen Schlachtschiffe verfolgen sie. Aber ich wette, die Peter der Große feuert nicht eine Rakete auf die Amerikaner ab. Ich schätze, irgendwann demnächst gibt es ein paar spektakuläre Explosionen irgendwo im Nordost-Atlantik und das war es. Der Marschall hat keine Kontrolle über die Satelliten westlich des atlantischen Rückens, für ihn werden die Schiffe verschwunden sein. Und ich wette Hundert zu Eins, dass die russischen Schlachtschiffe dann technische Schwierigkeiten haben, die sie zwingen, in der Biskaya halt zu machen.«

Katharina stutzte.

»Aber wäre es nicht besser für den General, er hätte diese Schlachtschiffe dabei, wenn er eine Revolution startet?«

»Nein, nicht wirklich«, schallte es aus dem Flur herüber. Es war die Stimme von Leutnant Paladin, der eben hereingekommen war. Er stand in der offenen Küchentür und klopfte gegen den Rahmen.

»Juri, mein Freund! Herein, herein!«, rief Alv und winkte ihn heran.

Der kräftige Russe legte seine AK107 beiseite und setzte sich an den Tisch. Birte brachte ihm einen Becher mit dampfendem Tee, den er freundlich nickend entgegennahm.

»Der General braucht die Raketenkreuzer nicht im Norden«, fuhr er fort, »weil er keine Schlacht führen will. Der geplante Putsch ist ein stilles Kommandounternehmen, das schnell und leise durchgezogen werden muss. Der ehrenwerte General ist ein ausgesprochen fähiger Taktiker, der schon zu Zeiten der UdSSR große Erfolge hatte. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Wie es aussieht, hat er bereits ein Kontingent speziell ausgebildeter Kämpfer im Eis um die Insel herum stationiert und im Inneren der Festung sind ihm viele Soldaten treu ergeben.«

»Und«, fügte Alv hinzu, »nicht zu vergessen: Pjotrew hat eine fünfte Kolonne, nämlich die beiden Wissarion-Leaker. Es muss ihm gelingen, die Truppen in der Festung so zu verunsichern, dass eine Machtübernahme begünstigt wird. Da kommen ihm die amerikanischen Deserteure gerade recht, schätze ich mal. Bei der Bevölkerung muss er sich wohl keine großen Sorgen machen, die haben eh den Kanal voll.«

Katharina runzelte die Stirn.

»Aber ein wenig Sorgen macht mir das Ganze schon.«

»Wieso?«, fragte Alv.

»Na ja, wenn nun ein russischer General die Macht übernimmt, wer sagt uns beziehungsweise den Siedlern in Gärtners Reich denn, dass General Pjotrew die bessere Wahl ist? Vielleicht wird er ja von der absoluten Macht ebenso korrumpiert wie Marschall Gärtner. Ich bin da ehrlich gesagt skeptisch.«

Birte nickte.

»Ja, zu Recht, wie ich finde. Ich traue dem Braten auch nicht und ich finde, wenn der Zauber da los geht, sollten wir uns hübsch ruhig verhalten und schauen, wie es ausgeht. Denn wenn Pjotrew es nicht schafft, die Palastrevolte durchzuziehen, dann gute Nacht, Marie. Dann können wir uns hier nämlich warm anziehen. Ich glaub, dann wandere ich freiwillig nach Afrika in die Badlands aus.«

Juri ergriff wieder das Wort.

»Ich kenne den General persönlich, und ich verbürge mich dafür, dass er es wirklich ernst meint. Ich weiß, das bedeutet euch nicht viel, und ich werde eure Zweifel nicht zerstreuen können. Aber meine Männer und ich kämpfen auf der Seite der Freiheit, nicht auf der Seite der Macht. Das haben wir früher lange genug getan und nun haben wir uns entschlossen, der Freiheit den Vorzug zu geben.«

Alv nickte.

»Mein lieber Juri, ich zweifle nicht daran, was du sagst. Deine Männer und du, ihr habt eure Freiheitsliebe hier längst unter Beweis gestellt, keine Frage. Und ich hoffe inständig, dass eure Kameraden und Vorgesetzten in der Feste Rungholt das ebenso sehen wie du. Ganz bestimmt. Aber das mit den Männern im Eis finde ich interessant, erzähl doch mal.«

Und Juri berichtete vom Flug hierher und von der verdeckten Operation, bei der zwanzig Männer mit ihrer Ausrüstung im Schneetreiben aus geringer Höhe von der Laderampe einer Transportmaschine abgesprungen waren, um im Packeis einen Brückenkopf zu bilden.