14 Zappler

 

Zu dritt verließen sie Schloß Roogna, ohne daran gehindert zu werden. Das Fallgatter war wieder hochgezogen worden, nachdem Trent die Winde gefunden und geölt hatte. Die Gespenster erschienen, um sich herzlich von ihnen zu verabschieden, Chamäleon weinte zum Abschied, und sogar Bink war traurig. Er wußte, wie einsam sich die Geister fühlen würden, nachdem sie einige Tage lang lebende Gesellschaft hatten genießen können, und er empfand selbst für das Schloß Respekt. Es tat nur, was es tun mußte, wie er ja auch.

Sie hatten Beutel voller Früchte aus dem Garten dabei und trugen praktische Kleidung, die sie aus den Schränken im Schloß entwendet hatten. Dort waren die Sachen achthundert Jahre lang magisch konserviert gewesen. Sie sahen aus wie die Fürsten und fühlten sich auch so. Schloß Roogna hatte sich gut um sie gekümmert.

Die Gärten waren wunderschön. Diesmal kam kein Sturm auf, und sie sahen auch keine bösartigen Tiere und Zombies.

Schon nach erstaunlich kurzer Zeit war das Schloß außer Sichtweite. »Jetzt befinden wir uns außerhalb des Einflußgebiets

von Roogna«, erklärte Trent. »Wir müssen also zur alten Wachsamkeit zurückkehren, denn mit der echten Wildnis kann man kein Waffenstillstandsabkommen schließen.«

»Wir?« fragte Bink. »Werden Sie denn etwa nicht ins Schloß zurückkehren?«

»Jetzt noch nicht«, sagte der Magier.

Bink wurde sofort wieder mißtrauisch. »Was haben Sie diesem Schloß eigentlich genau gesagt?«

»Ich habe gesagt: ›Ich werde zurückkehren – als König. Roogna wird Xanth wieder regieren.‹«

»Und das hat es geglaubt?«

Trent blickte ihn unbewegt an. »Warum sollte es die Wahrheit bezweifeln? Ich werde die Krone ja wohl kaum dadurch erringen, daß ich mich in der Wildnis einsperren lasse.«

Bink antwortete nicht. Der Böse Magier hatte nie gesagt, daß er seinen Plan, Xanth zu erobern, aufgegeben habe. Er hatte sich lediglich bereit erklärt, Bink und Chamäleon sicher aus dem Schloß zu geleiten. Das hatte er auch getan. Und jetzt waren sie wieder dort, wo sie angefangen hatten – sie handelten unter einem Waffenstillstandsabkommen, um gemeinsam in Sicherheit die Wildnis durchqueren zu können. Und danach – Bink wußte es nicht.

Der ungezähmte Wald ließ nicht lange auf sich warten, um auf sich aufmerksam zu machen. Als sie durch ein kleines Tal voller hübscher gelber Blumen schritten, erhob sich plötzlich ein Bienenschwarm und summte wütend um die drei herum, ohne sie jedoch zu berühren oder gar zu stechen.

Chamäleon nieste. Und nieste noch einmal, aber wesentlich heftiger. Dann niesten auch Bink und Trent.

»Niesbienen!« rief der Magier zwischen zwei Niesanfällen.

»Verwandeln Sie sie!« rief Bink.

»Ich kann sie nicht – hatschie! – deutlich genug erkennen, meine Augen tränen. Hatschi! Jedenfalls sind es ganz harmlose Wesen des ha-, ha-, HATSCHIII!«

»Lauft, ihr Trottel!« schrie Chamäleon.

Sie liefen los. Als sie das Waldstück hinter sich gelassen hatten, ließen die Bienen von ihnen ab, und der Niesreiz ließ auch nach. »Gut, daß es keine Würgebienen waren!« sagte der Magier und wischte sich seine tränenden Augen.

Bink mußte ihm zustimmen. Ein oder zwei Nieser waren ja noch zu ertragen, aber wenn man Dutzende davon hintereinander bekam, dann war das schon eine ernstere Sache. Sie hatten ja kaum Zeit gehabt, um zu atmen.

Der Lärm hatte auch andere Dschungelgeschöpfe alarmiert. Sie hörten ein Fauchen, dann stampfende Pfoten, und schließlich stürzte ein feuerspeiender Drache durch das Nieswaldstück hinter ihnen her.

Die Bienen ließen ihn allerdings in Ruhe, denn sie waren zu klug, um Feuernieser auszulösen, die ihre Blumen versengen würden.

»Verwandeln Sie ihn! Verwandeln Sie ihn!« rief Chamäleon, als der Drache sich anschickte, sich mit ihr zu befassen. Drachen schienen einen ausgeprägten Sinn für die allerschönsten Mädchen zu haben.

»Geht nicht«, murmelte Trent. »Bis er auf sechs Fuß herangekommen ist, sind wir alle schon geröstet. Er hat einen Flammenwerfer von zwanzig Fuß Reichweite.«

»Sie sind auch keine große Hilfe!« jammerte sie. »Verwandeln Sie mich!« rief Bink plötzlich. »Gute Idee.« Sofort war Bink eine Sphinx. Er hatte noch immer seinen eigenen Kopf, aber sein Körper war der eines Bullen, er besaß Adlerschwingen und Löwenbeine. Und er war riesig – von oben blickte er auf den Drachen herab. »Ich wußte gar nicht, daß Sphinxe so groß werden!« dröhnte er.

»Tut mir leid, hab’s wieder mal vergessen«, sagte Trent. »Ich habe dabei an die legendäre Sphinx in Mundania gedacht.«

»Aber die Mundanier besitzen doch gar keine Magie!«

»Diese muß wohl aus Xanth herausgewandert sein, vor langer Zeit. Seit Jahrtausenden ist sie jedenfalls zu Stein erstarrt, versteinert.«

»Versteinert? Was könnte eine Sphinx dieser Größe denn wohl so erschrecken?« fragte Chamäleon und blickte zu Binks monströsem Gesicht empor.

Aber es gab zu tun. »Scher dich fort, Bestie!« donnerte Bink. Der Drache hatte Schwierigkeiten, sich an die veränderte Situation anzupassen. Er spie eine orangefarbene Stichflamme in Binks Richtung und versengte ihm die Federn. Das tat zwar nicht weh, war aber lästig. Bink holte mit einer Löwenklaue aus und wischte den Drachen ohne jede Anstrengung seitlich in einen Baum. Der wütende Baum ließ einen Felsnußhagel auf den Drachen herunterregnen. Das Ungeheuer stieß einen Schmerzensschrei aus, löschte sein Feuer und floh.

Bink drehte sich vorsichtig um und hoffte, daß er dabei auf niemanden getreten war. »Warum haben wir nicht schon früher daran gedacht?« polterte er. »Ich kann euch bis zum Dschungelrand mitnehmen, ohne daß uns jemand erkennt, und belästigen wird uns auch niemand.«

Er kauerte nieder, so tief es ging, und Chamäleon stieg zusammen mit Trent auf seinen Rücken. Bink schritt in einem gemächlichen Tempo aus, das immer noch schneller war, als je ein Mensch laufen konnte, und schon waren sie wieder auf dem Weg.

Doch es dauerte nicht lange, Chamäleon, die auf dem schuppigen Sphinxrücken durchgerüttelt wurde, mußte plötzlich mal. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als anzuhalten. Bink kniete nieder, damit sie sicher an seiner Seite herunterrutschen konnte.

Trent nutzte die Pause, um sich die Füße zu vertreten. Er ging um Bink herum, bis er zu einem riesigen Gesicht emporblicken konnte. »Ich würde Sie ja zurückverwandeln, aber es ist wohl besser, wenn man bei einer Gestalt bleibt, bis man sie nicht mehr braucht«, sagte er. »Ich habe zwar keine wirklichen Beweise dafür, daß es einem schaden kann, öfters verwandelt zu werden, aber im Augenblick sollten wir besser kein Risiko eingehen. Da die Sphinx ein intelligentes Lebewesen ist, leiden Sie intellektuell ja nicht darunter.«

»Nein, mir geht es gut«, bestätigte Bink. »Sogar besser denn je. Können Sie dieses Rätsel lösen? Was ist das: Am Morgen geht es auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf drei Beinen?«

»Das werde ich nicht beantworten«, sagte Trent erschrocken. »In allen Legenden, von denen ich gehört habe, haben Sphinxe Selbstmord verübt, wenn ihre Rätsel richtig gelöst wurden. Das waren zwar kleinere Sphinxarten, eine andere Art also, aber offenbar habe ich bei der Verwandlung irgend etwas durcheinandergebracht. Ich möchte mich lieber nicht daraufverlassen, daß es keinerlei Ähnlichkeit zwischen beiden Arten gibt.«

»Nein, lieber nicht«, sagte Bink entsetzt. »Ich schätze, das Rätsel stammt wohl aus dem Geiste der Sphinx, nicht aus meinem. Ich bin sicher, daß alle Sphinxe von gemeinsamen Vorfahren abstammen, obwohl ich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten auch nicht kenne.«

»Seltsam. Nicht Ihr Unwissen bezüglich der mundanischen Legenden, sondern seltsam wegen Ihres Rätselgedächtnisses. Sie sind die Sphinx. Ich habe Ihren Verstand nicht in einen bereits existierenden Körper verlegt, denn die ursprünglichen Wesen sind alle tot oder versteinert. Ich habe Sie in ein ähnliches Ungeheuer verwandelt, in eine Bink-Sphinx. Aber wenn Sie tatsächlich auch ein echtes Sphinxgedächtnis haben, ein Sphinx-Erinnerungsvermögen…«

»Es gibt wohl Auswirkungen Ihrer Magie, die Sie selbst nicht verstehen«, meinte Bink. »Ich wünschte, ich verstünde das wahre Wesen der Magie… jeglicher Magie.«

»Ja, das ist wirklich ein Rätsel. Magie existiert nur in Xanth, nirgendwo sonst. Warum? Was ist das für ein Mechanismus? Warum scheint Xanth an jedes andere mundanische Land zu grenzen, geographisch, sprachlich, kulturell? Wie wird diese Magie in ihrer ganzen Vielschichtigkeit aus dem geographischen Gebiet in seine Bewohner übertragen?!«

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, sagte Bink. »Ich dachte, daß vielleicht irgendeine Felsstrahlung oder der Nährwert des Bodens…«

»Wenn ich erst einmal König geworden bin, dann werde ich ein Forschungsprogramm aufstellen, um die wahren Hintergründe der Einmaligkeit von Xanth zu untersuchen.«

Wenn Trent erst einmal König war… Es war wirklich ein lohnendes, ja sogar faszinierendes Projekt – aber nicht um diesen Preis. Einen Augenblick lang war Bink versucht, den Bösen Magier mit einem einzigen Prankenhieb zu zerquetschen, damit diese Bedrohung für immer aufhörte.

Nein. Selbst wenn Trent nicht wirklich sein Freund war, so durfte Bink das Abkommen trotzdem nicht auf solche Weise verletzen. Außerdem wollte er nicht sein Leben lang ein Ungeheuer sein, weder körperlich noch moralisch.

»Die Dame läßt sich aber Zeit«, meinte Trent.

Bink drehte seinen gewaltigen Schädel zur Seite, um nach Chamäleon Ausschau zu halten. »Sonst ist sie bei diesen Dingen immer ziemlich schnell. Sie ist nicht gern allein.« Dann fiel ihm etwas ein. »Es sei denn, sie hat sich auf die Suche nach ihrem Zauber gemacht, Sie wissen schon, damit sie normal wird. Sie hat Xanth verlassen, um die Magie zunichte zu machen, und jetzt, da

sie wieder hier sein muß, will sie eine Art Gegenzauber. Im Augenblick ist sie nicht besonders klug…«

Trent fuhr sich mit der Hand über das Kinn. »Das hier ist ein Dschungel. Ich möchte mich ja wirklich nicht in ihre Privatsphäre einmischen, aber…«

»Vielleicht sollten wir sie besser suchen.«

»Hm. Na ja, ich schätze, eine weitere Verwandlung werden Sie schon aushalten«, entschied Trent. »Ich werde einen Bluthund aus Ihnen machen. Das ist ein mundanisches Tier, eine Hundeart, die besonders gut Spuren wiederfinden kann. Wenn Sie sie bei ihrem Geschäft aufstöbern sollten… na ja, dann sind Sie eben nur ein Tier und kein menschlicher Voyeur.«

Plötzlich war Bink ein schlappohriges Wesen mit spitzer Nase und loser Gesichtshaut, das völlig auf seinen Geruchssinn konzentriert war. Er war überzeugt davon, daß er jederlei Geruch sofort wittern könnte. Noch nie war ihm so klargewesen, wie wichtig Geruch sein konnte. Seltsam, daß er sich früher immer auf weitaus weniger zuverlässige Sinnesorgane verlassen hatte! Trent versteckte ihre Vorräte in einem flachen Gewirrbaum und drehte sich zu ihm um. »Also gut, Bink, erschnüffeln wir sie.« Bink verstand ihn recht gut, konnte aber nicht antworten, weil er kein sprechendes Tier war.

Chamäleons Fährte war so deutlich zu erkennen, so daß es schon an ein Wunder grenzte, daß Trent sie nicht selbst wittern konnte. Bink legte die Nase an den Boden – wie sinnvoll das doch war, den Kopf so weit unten zu tragen, dort, wo die meisten Informationen zu finden waren, anstatt ihn so närrisch hoch zu tragen wie Trent! – und lief zielsicher los.

Die Fährte führte ihn hinter einen Busch und in die Wildnis hinaus. Sie war tatsächlich fortgelockt worden. Bei ihrer niedrigen Intelligenz im Moment konnte sie sich so ziemlich von allem und jedem täuschen lassen. Und doch war da kein durchgehender Geruch eines Tieres oder einer Pflanze, dem sie vielleicht gefolgt war. Das deutete auf Magie hin. Besorgt bellte Bink und schnüffelte weiter. Der Magier folgte ihm. Ein magischer Köder bedeutete sicheren Ärger.

Doch ihre Fährte führte weder unter einen Gewirrbaum noch in einen Spitzzahnsumpf oder in den Hort eines Flügeldrachen. Sie schlängelte sich vielmehr um allerlei Gefahren herum in Richtung Süden, in den tiefen Dschungel hinein. Offensichtlich hatte irgend etwas sie geführt, sie an allen Gefahren vorbeigelenkt – aber was war das gewesen? Und wo? Und warum?

Bink wußte schon in etwa, was vorgefallen sein mußte: Irgendein launischer Zauber hatte sie gelockt und sie immer weitergeführt, ohne daß sie seiner jemals habhaft hatte werden können. Vielleicht hatte er ihr irgendein Elixier oder einen Zauber angeboten, um sie normal zu machen. Also war sie ihm gefolgt. Man würde sie in die unbegehbare Wildnis hineinlocken, wo sie völlig schutzlos und verloren war, um sie dort im Stich zu lassen. Lange würde sie dann nicht mehr überleben.

Bink zögerte. Er hatte die Fährte nicht verloren, so etwas war so gut wie unmöglich. Aber da war etwas anderes.

»Was ist los, Bink?« fragte Trent. »Ich weiß, daß sie dem ignis fatuus gefolgt ist, aber da wir ihr dicht auf den Fersen sind, müßten wir eigentlich…« Er brach seinen Satz ab, als er das andere Ding bemerkte. Der Boden bebte, als werde ein gewaltiger Gegenstand darauf fallen gelassen. Ein Gegenstand, der viele Tonnen wog.

Trent blickte sich um. »Ich kann es nicht erkennen, Bink, können Sie es wittern?«

Bink verhielt sich still. Der Wind blies in die falsche Richtung, und er konnte das Ding auf diese Entfernung nicht wittern.

»Soll ich Sie in etwas Kräftigeres verwandeln?« fragte Trent. »Mir gefällt das hier nicht. Erst das Sumpfgras, dann das hier.«

Wenn er Bink verwandelte, dann würde er Chamäleons Fährte nicht mehr ausmachen können. Er blieb still.

»Also gut, Bink. Aber bleiben Sie in meiner Nähe. Ich kann Sie in jedes beliebige Tier verwandeln, so daß wir jeder Notlage gewachsen sind, aber Sie müssen in Reichweite sein. Ich habe das Gefühl, daß wir in eine große Gefahr hineinlaufen oder daß sie auf uns zukommt.« Er legte die Hand an sein Schwert.

Sie gingen weiter, doch das Beben wurde immer stärker und hörte sich wie das Stampfen eines gewaltigen Tieres an. Erkennen konnten sie jedoch noch nichts. Jetzt war es direkt hinter ihnen.

»Ich glaube, wir verstecken uns besser«, sagte Trent grimmig. »Vorsicht ist ja bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.«

Eine gute Idee. Sie liefen um einen harmlosen Bierfaßbaum und verhielten sich leise.

Das Stampfen wurde immer lauter, und der ganze Baum erbebte. STAMPF! STAMPF! STAMPF! Vom Baum fielen kleinere Zweige herab, und sein Stamm bekam plötzlich einen Riß, aus dem ein dünner Bierstrahl unter Binks empfindliche Nase strömte, so daß er zurückwich. Selbst in seiner menschlichen Gestalt hatte er dieses Getränk nie sonderlich gemocht! Er spähte am Stamm des Baumes vorbei, doch es war nichts zu sehen.

Endlich erschien doch etwas: Von einem Spiraldornbaum krachte splitternd ein Ast herab. Das Buschwerk wurde mit gewaltiger Kraft beiseite geschoben, und ein Teil des Bodens rutschte fort. Aus den weiteren, neuerstandenen Rissen ihres Baumes spritzte immer mehr Bier heraus und erfüllte die Luft mit seinem Malzgeruch, doch noch immer war nichts Greifbares sichtbar.

»Er ist unsichtbar«, flüsterte Trent und wischte sich das Bier von der Hand. »Ein unsichtbarer Riese.«

Unsichtbar! Das bedeutete, daß Trent ihn nicht verwandeln konnte, denn er mußte sehen, was er verzauberte.

Schweigend hielten sie sich hinter dem Baum in den Bierausdünstungen versteckt und sahen zu, wie der Riese an ihnen vorbeischritt. Monströse menschliche Fußstapfen erschienen: sie

waren gut zehn Fuß lang und versanken mehrere Zoll tief im Boden. STAMPF! – die Bäume bebten und zitterten, Blätter und Früchte fielen herab. STAMPF! – ein Eiskrembusch verschwand, und übrig blieb nur eine verfärbte Patina auf dem flachgestampften Boden. STAMPF! – ein Gewirrbaum umschlang sich verschreckt mit seinen eigenen Tentakeln. STAMPF! – unter dem fünf Fuß breiten Stampf zersplitterte ein umgestürzter Baumstamm.

Plötzlich wurden sie von einem erstickenden Gestank umhüllt wie von der Ausdünstung eines Stinkschnaubers, und Binks empfindliche Nase begann zu schmerzen.

»Ich bin bestimmt kein Feigling«, murmelte Trent. »Aber langsam bekomme ich Angst. Wenn man einem Feind weder mit Zauber noch mit dem Schwert beikommen kann…« Er rümpfte die Nase. »Schon sein Körpergeruch ist tödlich. Wahrscheinlich hat er Aas gefrühstückt.«

Dieses Nahrungsmittel kannte Bink nicht. Wenn das Obst sein sollte, das auf mundanischen Bäumen wuchs, dann wollte er damit nichts zu tun haben.

Bink merkte, daß sein Fell sich sträubte. Er hatte zwar von solchen Ungeheuern gehört, hatte es jedoch immer für einen Witz gehalten. Ein unsichtbarer – aber nicht unriechbarer – Riese!

»Wenn er einigermaßen proportioniert gebaut sein sollte«, bemerkte Trent, »dann ist dieser Riese etwa sechzig Fuß groß. In Mundania wäre so etwas schon aus rein physikalischphysiologischen Gründen nicht möglich, von wegen Quadrat- und Kubikwurzelgesetz und so weiter. Aber hier? Wer kann die Magie leugnen? Er kann über den größten Teil des Waldes hinwegsehen, aber nicht hindurch.« Er dachte eine Weile nach. »Uns hat er offensichtlich nicht verfolgt. Wo will er wohl dann hin?«

Wo immer Chamäleon sein mag, dachte Bink. Er knurrte.

»Richtig, Bink. Wir stöbern sie besser so schnell wie möglich auf, bevor sie zertrampelt wird.«

Sie liefen den nun gut ausgetretenen Pfad entlang. Dort, wo die Fußstampfen des Riesen sich mit Chamäleons Spur trafen, überlagerte sein Gestank die Fährte, so daß Binks feine Nase rebellierte. Er lief um die Abdrücke herum und nahm Chamäleons wesentlich milderen Geruch wieder auf.

Plötzlich hörten sie ein pfeifendes Geräusch zu ihrer Rechten, und als Bink emporblickte, sah er einen Greif, der vorsichtig zwischen den Bäumen auf den Boden zuflog.

Trent zog sofort sein Schwert und stellte sich mit dem Rücken gegen einen Ölfaßbaum, um sich dem Ungeheuer zu stellen. Bink, der dem Wesen nicht gewachsen war, bleckte die Zähne und suchte ebenfalls den Schutz des Baumes auf. Er war froh daß es kein Drache war, denn der hätte mit einem einzigen kräftigen Feuerzüngeln den Baum zum Explodieren bringen können. Doch so würden die überhängenden Zweige und Äste des Baumes den Anflug des Ungeheuers behindern und es zum Bodenkampf zwingen. Das war zwar immer noch riskant, aber auf diese Weise brauchten sie sich nur in zwei Richtungen zu bewegen, was Bink und Trent zusammen einen gewissen Vorteil brachte. Wenn Bink das Wesen ablenkte, dann konnte Trent sich ihm vielleicht nähern, um es zu verwandeln.

Der Greif setzte auf und legte seine riesigen, glänzenden Flügel zusammen. Sein geringelter Löwenschweif peitschte umher, und seine Adlerklauen bohrten sich in den Boden. Mit seinem Adlerkopf blickte er Trent an, »Kaaahp?« fragte er. Bink spürte bildhaft, wie sich der tödliche Schnabel durch sein Fleisch bohrte. Ein gesunder, kräftiger Greif konnte es mit einem mittelgroßen Drachen ohne weiteres aufnehmen, und dieser hier war durchaus gesund und kräftig. Er bewegte sich in Trents Verwandlungsbereich.

»Immer der Spur des Riesen nach, dort entlang«, sagte Trent zu dem Ungeheuer. »Du kannst es nicht verfehlen.«

»Baaahp!« sagte der Greif. Er drehte sich um, erblickte die Spur des Riesen, breitete seine Schwingen aus und flog im Tiefflug durch die Schneise, die der Riese durch den Wald geschlagen hatte.

Verblüfft blickten Bink und Trent sich an. Sie waren knapp ihrem Unglück entgangen. Greife waren sehr wendig im Kampf, und es hätte sein können, daß Trents Magie nicht rechtzeitig Wirkung gezeigt hätte. »Es wollte nur Anweisungen«, sagte Trent. »Da vorne muß wirklich etwas Seltsames vor sich gehen. Es ist besser, wir beeilen uns jetzt. Es wäre ziemlich unangenehm, wenn dort gerade ein teilmenschlicher Kult ein Ritualopfer durchführen sollte.«

Ein Ritualopfer? Bink zeigte mit einem Grollen seine Verwirrung an.

»Sie wissen schon«, sagte Trent grimmig, »ein blutiger Altar, eine schöne Jungfrau…«

»Grrrr!« Bink raste die Fährte entlang.

Schon bald hörten sie ein wahres Tohuwabohu vor sich: Stampfen, Krachen, Brüllen, Quietschen, wieder Krachen… »Klingt eigentlich eher wie eine Schlacht als wie eine Party«, bemerkte Trent. »Ich weiß wirklich nicht, was…«

Da sahen sie es vor sich und blieben erstaunt stehen. In einem großen, unregelmäßigen Kreis stand, die Gesichter kreiseinwärts gerichtet, die verwirrendste Versammlung von Wesen, die sie je auf einmal gesehen hatten: Drachen, Greife, Manticoras, Harpyien, Landschlangen, Trolle, Kobolde, Feen und so viele andere mehr, daß sie sie nicht auf einmal ausmachen konnte. Sogar Menschen waren dabei. Es war keineswegs ein völliges Durcheinander, vielmehr waren alle Wesen grimmig mit eigenen Übungen beschäftigt: Sie stampften auf den Boden auf, schnappten in die Luft, knallten ihre Hufe zusammen und schlugen auf Steine ein. Mitten im Kreis lagen mehrere Wesen, die entweder schon tot waren oder im Sterben lagen und von den anderen nicht beachtet wurden. Bink konnte Blut sehen und riechen, und er hörte, wie sie gepeinigt aufstöhnten. Das hier war wirklich eine Schlacht – aber wo war der Feind? Es war nicht der unsichtbare Riese, denn man sah seine Fußstapfen, die ein Viertel des Kreises ausmachten, ohne den Abschnitt seiner Nachbarn zu betreten.

»Ich dachte immer, ich würde etwas von Magie verstehen«, sagte Trent kopfschüttelnd. »Aber das hier übersteigt mein Fassungsvermögen. Diese Wesen sind natürliche Feinde, und doch beachten sie sich gegenseitig nicht und versuchen auch nicht, Beute zu machen. Haben sie sich etwa über einen Loco-Vorrat hergemacht?«

»Wuff!« rief Bink. Er hatte Chamäleon erspäht. Sie hielt zwei große flache Steine in den Händen und starrte wie gebannt zwischen ihnen hindurch. Dann stieß sie sie plötzlich mit lautem Knall gegeneinander. Der Schlag war so heftig, daß sie ihr aus den Händen fielen, worauf sie die Luft anlächelte und sie wieder aufhob.

Trent bemerkte Binks Blick. »Loco!« wiederholte er. Doch Bink konnte kein Loco riechen. »Sie also auch. Es muß wohl ein Ortszauber sein. Wir ziehen uns besser zurück, bevor wir ihm auch noch zum Opfer fallen.«

Sie wollten gerade umkehren, obwohl Bink Chamäleon nur ungern im Stich ließ. Da trabte ein alter Zentaur auf sie zu. »Hängt hier nicht so herum!« bellte er. »Geht in den Nordquadranten.« Er zeigte auf die Stelle, die er meinte. »Wir haben dort schwere Verluste gehabt, und Großfuß kann nicht alles allein machen. Er kann den Gegner ja nicht einmal erkennen. Sie werden jeden Augenblick durchbrechen. Holt euch ein paar Steine. Und benutz bloß nicht dein Schwert, du Trottel!«

»Gegen wen soll ich mein Schwert nicht benutzen?« fragte Trent mit verständlicher Gereiztheit.

»Gegen die Zappler natürlich! Wenn man einen von ihnen entzweischneidet, dann hat man plötzlich zwei Zappler. Ihr…«

»Die Zappler!« sagte Trent atemlos, und Bink knurrte böse.

Der Zentaur schnupperte. »Habt ihr gesoffen?«

»Als Großfuß an dem Bierfaßbaum vorbeikam, hinter dem wir uns versteckt hatten, ist die Rinde geplatzt«, erklärte Trent. »Ich dachte, die Zappler wären ausgerottet worden.«

»Das haben wir alle gedacht«, erwiderte der Zentaur. »Aber hier lebt eine ganze Kolonie von ihnen und gedeiht prächtig. Man muß sie zertrampeln, zerkauen, verbrennen oder ertränken. Wir können uns nicht erlauben, auch nur einen von ihnen entkommen zu

lassen. Und jetzt bewegt euch!«

Trent drehte sich um. »Wo sind die Steine?«

»Hier, ich habe einen Haufen gesammelt.« Der Zentaur zeigte ihnen den Weg. »Ich wußte, daß ich es nicht allein schaffen würde, also habe ich ein paar Irrlichter losgeschickt, um Hilfe herbeizuholen.«

Plötzlich erkannte Bink den Zentauren: das war Herman der Einsiedler, der vor fast einem Jahrzehnt aus der Zentaurengemeinschaft wegen Obszönität verbannt worden war. Kaum zu glauben, daß er mitten in dieser Wildnis überlebt haben sollte, aber Zentauren waren ja ziemlich hart im Nehmen.

Trent wußte nichts davon, da es erst nach seiner Verbannung gewesen war. Aber er wußte sehr genau, was für eine schreckliche Gefahr die Zappler darstellten. Er nahm zwei schwere Steine aus Hermans Vorrat und schritt auf den Nordquadranten zu.

Bink folgte ihm. Er mußte auch helfen. Wenn auch nur ein einziger Zappler entkommen sollte, dann würde es irgendwann wieder einen Schwarm von ihnen geben, den man dann vielleicht nicht mehr rechtzeitig würde aufhalten können. Er lief neben dem Magier her. »Wuff! Wuff!« bellte er eindringlich.

Trent blickte unentwegt geradeaus. »Bink, wenn ich Sie hier und jetzt verwandele, dann wissen die anderen sofort, wer ich bin. Es könnte sein, daß sie sich dann auf mich stürzen, und dann werden die Zappler nicht ausgerottet. Ich glaube, daß wir den Schwarm mit unseren vereinten Kräften vernichten können. Der Zentaur

hat alles gut organisiert. Ihre natürliche Gestalt ist auch nicht besser gerüstet für einen Krieg gegen die Zappler, also können Sie auch in ihrer jetzigen Gestalt handeln. Warten Sie also, bis alles vorüber ist.«

Bink überzeugten diese Argumente zwar nicht ausnahmslos, aber er hatte wohl keine andere Wahl, also beschloß er, sich so nützlich zu machen, wie er nur konnte. Vielleicht konnte er die Zappler ja aufstöbern.

Als sie in ihren Teil des Kreises traten, gab ein Greif ein lautes Quäken von sich und kippte um. Er glich dem Greif, den sie hierhergeschickt hatten; offenbar hatte der wohl sein Irrlicht aus dem Blick verloren. Aber alle Greife rochen so ziemlich gleich für Bink. Nicht, daß es einen objektiven Unterschied gemacht hätte, denn sie hatten nun alle ein gemeinsames Ziel. Aber trotzdem meinte er, ihn zu erkennen, und er lief zu ihm hin in der Hoffnung, daß er nicht schwer verwundet war.

Doch das Wesen blutete aus einer tödlichen Wunde. Ein Zappler hatte sein Löwenherz durchbohrt.

Die Zappler stürzten sich blitzschnell durch die zapplergroßen magischen Gräben und Tunnels, die sie geschaffen hatten. Dann hielten sie inne, wahrscheinlich um neue Kräfte zu schöpfen, vielleicht aber auch nur, um sich philosophischen Dingen zu widmen. Niemand wußte wirklich, was in einem Zappler vorging. Der Killerzappler, der den Greif erwischt hatte, mußte also noch in der Nähe sein. Bink schnüffelte und witterte seinen leicht stechenden Geruch. Dann verfolgte er diese Witterung – und sah zum erstenmal in seinem Leben einen lebendigen Zappler.

Es war ein zwei Zoll langer Spiralwurm, der mitten in der Luft völlig regungslos schwebte. Man sah ihm kaum an, wie gefährlich er war. Bink verbellte ihn, und Trent kam mit seinen beiden Steinen angelaufen. »Gut gemacht, Bink!« rief er. Er schlug die beiden Steine zusammen und zerquetschte den Zappler. Als er sie wieder voneinander löste, fiel das winzige tote Ungeheuer zu Boden. Eins zu null!

Zzapp! »Da ist noch einer!« rief Trent. »Sie machen ihre Kanäle durch alles, auch durch die Luft, deshalb hören wir auch, wie hinter ihnen das Vakuum wieder zusammenbricht. Der da müßte ungefähr… hier sein!« Er schlug seine Steine wieder zusammen und zerquetschte den Zappler.

Danach wurde es hektisch. Die Zappler zappelten voller Entschlossenheit hinaus, jeder nach einem eigenen Bewegungsmuster. Man konnte nie genau vorhersagen, wie lange sie in der Luft schweben bleiben würden – es konnte sich um Minuten, aber auch nur um Sekunden handeln, oder auch wie weit entfernt es sein würde, ob wenige Zoll oder mehrere Fuß. Doch jeder Zappler bewegte sich stets in genau dieselbe Richtung, in die er gestartet war, ohne die geringste Abweichung, deshalb konnte man sie einigermaßen genau und schnell verfolgen. Wenn jemand in ihrer Flugbahn stand, dann wurde er bezappelt, und wenn das Loch ein lebenswichtiges Organ traf, dann starb er. Andererseits war es auch nicht ratsam, sich hinter einen Zappler zu stellen, denn je mehr man sich dem Schwarm näherte, um so größer wurde die Gefahr, selbst überfallen zu werden. Es gab derart viele von den Ungeheuern, daß es vorkommen konnte, daß man gerade einen Zappler erschlug und im selben Augenblick von einem weiteren durchbohrt wurde. Deshalb mußte man am Rand des Kreises stehenbleiben und die ersten Zappler zuerst töten.

Den Zapplern waren äußere Dinge entweder gleichgültig, oder sie nahmen sie gar nicht wahr. Jedenfalls durchbohrten sie einfach alles, was sich in ihren Weg stellte. Wenn man einen Zappler nicht sofort erspähte, dann war es auch schon zu spät, denn schon einen Augenblick später hatte er bereits zugeschlagen. Und doch war es oft schwierig, einen ruhenden Zappler auszumachen, denn von der Seite betrachtet, glich er einem verborgenen Ast und von hinten einem aufgerollten Ast, so daß man ihn meistens erst bemerkte, wenn er sich bewegte – und dann konnte es, wie gesagt, bereits zu spät sein.

»Das ist das gleiche, als stünde man auf einem Schießstand und würde versuchen, die Geschosse aufzufangen«, brummte Trent.

Das klang wieder wie eine mundanische Anspielung. Offenbar nannte man die mundanischen Zappler Geschosse.

Zur Rechten Binks war der unsichtbare Riese in Aktion, wie ihm seine Nase deutlich meldete. STAMPF! – und wieder wurde ein Zappler vom Leben in den Tod befördert, vielleicht sogar hundert auf einmal. Aber das galt auch für alles andere, was von dem Fuß erwischt wurde. Bink wagte es nicht, Großfuß auf Zappler aufmerksam zu machen, denn das wäre sein eigenes Todesurteil gewesen. Soweit er das beurteilen konnte, stampfte der Riese völlig willkürlich in der Gegend herum. Aber diese Methode war auch nicht schlechter als alle anderen.

Zur Linken war ein Einhorn zu sehen, das die Zappler entweder zwischen Horn und Huf zertrampelte oder sie mit seinem Pferdegebiß zermalmte. Bink erschien dieses Vorgehen als viel zu abstoßend und gefährlich, denn wenn es einmal einen Zappler nicht richtig erwischen sollte…

Zzapp! Am Kiefer des Einhorns erschien plötzlich ein Loch, aus dem Blut hervor tropfte. Das Wesen wieherte vor Schmerz auf, dann trabte es hinter dem Zappler her, entdeckte ihn und biß wieder zu – diesmal mit der anderen Maulhälfte.

Bink bewunderte den Mut des Einhorns. Aber er hatte selbst genug zu tun. Zwei Zappler waren gerade in Reichweite gezappelt. Er machte Trent auf einen davon aufmerksam und rannte auf den nächsten zu, weil er fürchtete, daß Trent ihn nicht mehr rechtzeitig erwischen könnte. Seine Hundezähne waren zwar weniger zum Kauen als zum Zubeißen und Reißen geeignet, aber vielleicht würde es doch gehen. Er biß auf den Zappler.

Mit einem unangenehmen Kwaaatsch! brach der Körper des Zapplers auseinander, und die Säfte spritzten hervor. Der Geschmack war einfach fürchterlich, irgendeine Säure – brr! Trotzdem kaute Bink sorgfältig mehrere Male, damit auch alles zermalmt wurde, denn er wußte, daß jeder nicht zermalmte Teil sofort als winziger Zappler davonzappeln würde und nicht weniger gefährlich war als das ursprüngliche Wesen. Er spuckte dieÜberreste aus. Sein Maul würde nie mehr dasselbe sein.

Zzapp! Zzapp! Wieder zwei Zappler in der Nähe. Trent hörte einen davon und lief hinter ihm her, während Bink sich den nächsten vornahm. Doch als sie sich eben wieder orientiert hatten, hörten sie ein drittes Zzapp! zwischen ihnen. Die Zappler tauchten immer schneller auf, weil der Schwarm in seiner Gänze nun bis zum Rand des Kreises vorstieß. Es mußte sich insgesamt um etwa eine Million Zappler handeln, viel zu viele, um es mit ihnen aufnehmen zu können.

Plötzlich hörten sie ein ohrenbetäubendes Schreien, das von oben kam. »OOAAOUCH!«

Herman der Zentaur galoppierte vorbei. Aus einer kleinen Zapplerwunde an seiner Seite tropfte Blut. »Großfuß hat’s erwischt!« rief er. »Lauft beiseite!«

»Aber die Zappler brechen aus!« sagte Trent.

»Ich weiß! Am ganzen Kreisrand haben wir schwere Verluste. Der Schwarm ist noch größer, als ich dachte, in seiner Mitte ist er viel dichter als erwartet. Wir können sie sowieso nicht aufhalten. Wir müssen einen neuen Kreis schließen und hoffen, daß man uns rechtzeitig zu Hilfe kommt. Rettet euch selbst, bevor der Riese fällt!«

Das war ein guter Rat, Sie verschwanden, als sich vor ihnen ein großer Fußabdruck des taumelnden Riesen zu zeigen begann.

»AAOOGAHH!« dröhnte der Riese. Wieder erschien ein gewaltiger Abdruck, diesmal mehr in der Mitte des Kreises. Als er schließlich zu Boden stürzte, wurde die Luft mit enormem Zischen aufgewirbelt und vom starken Duft durchflutet. »GOUGHOOOAAA-AAHH« Wie eine versteinerte Kiefer, die durch Magie gefällt wurde, krachte Großfuß auf die Mitte des Zapplerschwarms herab. WWWWUUMMPP!

Herman, der hinter demselben Baum Schutz gesucht hatte wie Trent und Bink, wischte sich etwas Gelee aus dem Auge und schüttelte traurig den Kopf. »Das war ein großer, großer Mann! Jetzt haben wir kaum noch Hoffnung, die Plage unter Kontrolle zu bekommen. Wir sind schlecht organisiert und haben zuwenig Personal, und der Feind strebt mit aller Macht nach außen. Nur ein Hurrikan könnte den Zapplern jetzt noch etwas antun, und das Wetter ist zu trocken dafür.« Dann blickte er Trent wieder an. »Du kommst mir bekannt vor. Bist du nicht… ja. Vor zwanzig Jahren…«

Trent hob die Hand. »Es tut mir leid, dazu greifen zu müssen, aber…« begann er.

»Nein, warte, Magier«, sagte Herman. »Verwandle mich nicht. Ich werde dein Geheimnis nicht preisgeben. Ich hätte deinen Kopf gerade mit meinem Huf zertrümmern können, wenn ich dir Böses hätte antun wollen. Weißt du denn nicht, warum mich meine Artgenossen verstoßen haben?«

Trent hielt inne. »Das weiß ich nicht, weil ich dich gar nicht kenne.«

»Ich bin Herman der Einsiedler, der wegen der Obszönität, Magie zu praktizieren, verstoßen wurde. Indem ich Irrlichter herbeigerufen habe. Kein Zentaur darf…«

»Soll das heißen, daß Zentauren Magie praktizieren können?«

»Sie könnten – wenn sie wollten. Wir Zentauren leben schon lange in Xanth, daß wir zu einer natürlichen Rasse hier geworden sind. Aber die Magie wird als…«

»…obszön angesehen«, beendete Trent seinen Satz und sprach damit aus, was Bink dachte. Also konnten intelligente Wesen doch zaubern! Ihre Unfähigkeit dazu war kultureller, nicht genetischer Art, ein Produkt ihrer Umwelt und Erziehung. »Also wurdest du ein Einsiedler in der Wildnis.«

»Genau. Ich teile mit dir die Demütigung des Exils. Aber jetzt gibt es Wichtigeres als unsere persönlichen Probleme. Benutze dein Talent, um die Zapplerplage zu beenden!«

»Ich kann nicht alle Zappler verwandeln. Ich muß mich auf jeden einzelnen konzentrieren, und dafür sind es zu viele…«

»Nein, nicht so. Wir müssen sie verbrennen. Ich hatte ja gehofft, daß meine Irrlichter auch einen Salamander herbringen würden…«

»Einen Salamander!« rief Trent. »Aber natürlich! Aber selbst dann würde sich das Feuer nicht schnell genug ausbreiten, um alle Zappler zu verbrennen, und wenn es das täte, dann könnte man es nicht mehr aufhalten, so daß es eine noch schlimmere Bedrohungwäre als die Zappler selbst. Damit würden wir doch nur ein Übel gegen ein anderes eintauschen.«

»Nein, so nicht. Salamander haben auch ihre Grenzen, und wenn man ein bißchen vorsichtig ist, lassen sie sich im Zaum halten. Ich dachte an…«

Zzapp! Im Stamm ihres Baumes erschien ein Loch, und Gelee tropfte wie purpurnes Blut daraus hervor. Bink rannte hinaus, um den Zappler zu zermalmen, der zum Glück zwischen ihnen erschienen war, ohne einem von ihnen etwas zuleide zu tun. Brr! Was für ein Geschmack!

»Sie sind in den Bäumen«, sagte Trent. »Einige von ihnen müssen ja darin landen. Es ist unmöglich, die auch zu erwischen.«

Herman trabte zu einem unscheinbaren Busch hinüber. Er riß mehrere Stränge davon ab. »Das ist Salamanderkraut«, erklärte er. »In den Jahren meiner Einsamkeit bin ich ein ganz guter Botaniker geworden. Das hier ist das einzige, was ein Salamander nicht versengen kann. Es stellt eine natürliche Grenze dar, die kein Feuer überschreiten kann. Die Flammen werden durch wucherndes Kraut schließlich gelöscht. Wenn ich daraus einen Zügel mache, dann kann ich einen Salamander in einem großen Kreis um das befallene Gebiet herumführen…«

»Aber wie soll man das Feuer löschen, bevor es den größten Teil von Xanth in Brand gesetzt hat?« wollte Trent wissen. »Wir können uns nicht darauf verlassen, daß wir irgendwann auf Salamanderkraut stoßen, bis dahin könnte der halbe Bewuchs versengt worden sein. Wir können unmöglich rechtzeitig eine Brandmauer errichten.« Er schwieg einen Augenblick. »Deshalb haben deine Irrlichter auch keine Salamander geholt. Dieser dichte Wald hat vermutlich einen Abwehrzauber gegen Salamander, denn ein solches Feuer würde seine Umgebung schnell zerstören. Aber wenn wir doch ein Feuer entfachen würden…«

Herman hob die Hand. Er war ein alter Zentaur, aber immer noch kräftig. Sein Arm war voller Muskeln. »Du weißt doch aber auch, daß Salamanderfeuer immer nur in die Richtung weiterbrennt, die es beim Entfachen bekommen hat, oder? Wenn wir einen Kreis aus nach innen gerichtetem Feuer bilden…«

»Jetzt verstehe ich!« rief Trent. »Dann brennt es im Inneren des Kreises von alleine aus.« Er sah sich um. »Bink?«

Was sollte er tun? Bink war zwar nicht gerade erpicht darauf, ein Salamander zu werden, aber das war immer noch besser, als Xanth den Zapplern auszuliefern. Also lief er auf Trent zu.

Plötzlich war er ein kleines, helles Tier von fünf Zoll Länge. Wieder mußte er an das Omen denken, an die Chamäleonechse, die ebenfalls zu einem Salamander geworden war, bevor sie von dem Mottenfalken verschlungen worden war. Hatte auch für ihn nun das letzte Stündchen geschlagen?

Der Boden, auf dem er stand, fing plötzlich Feuer. Der Sand war zwar unbrennbar, nicht jedoch das Unterholz. »Hier hinein«, sagte Herman und hielt ihm eine Tasche entgegen, die er geschickt aus Krautsträngen geflochten hatte. »Ich werde dich in einem linkswendigen Kreis herumtragen. Paß auf, daß du dein Feuer nach innen lenkst, nach links also!«

Und um ganz sicherzugehen, daß Bink ihn auch verstand, zeigte er mit seiner Linken die Richtung an.

Na ja, eine solche Begrenzung machte zwar nicht so viel Spaß, aber…

Bink stieg in die Netztasche. Der Zentaur hob sie auf und hielt Bink mit ausgestrecktem Arm so weit von seinem Körper ab wie möglich, denn nun war er schon wirklich sehr heiß. Nur das

hinderliche Salamanderkraut sorgte dafür, daß Bink sich nicht losriß.

Herman galoppierte los. »Den Weg freimachen! Aus dem Kreis raus!« brüllte er mit erstaunlicher Lautstärke den verwundeten, kämpfenden Wesen zu, die immer noch versuchten, die Zappler zu vernichten. »Wir verbrennen sie. Salamander!« Und zu Bink: »Nach links! Nach links!«

Bink hatte gehofft, daß er das vergessen hätte. Na ja, ein halber Brenner war immer noch besser als gar nichts. Ein Flammenteppich brach von ihm los und verbrannte alles, was imWeg lag – Äste, Blattwerk, ganze grüne Bäume, sogar die Kadaver gestürzter Ungeheuer. Das war eben das Wesen des Salamanderfeuers: es brannte magisch, unabhängig von allen äußeren Einflüssen. Nicht einmal ein Regensturm konnte es löschen, denn selbst Wasser fing nach der Berührung damit zu brennen an. Alles verbrannte, außer Felsen und Erde – und Salamanderkraut. Verdammtes Zeug!

Jetzt begann eine hastige Flucht. Drachen, Greife, Harpyien, Kobolde und Menschen flohen vor den schrecklichen Flammen. Alle Lebewesen suchten das Weite – bis auf die Zappler, die genauso stur und dumm wie immer ihrem Zappeln nachgingen.

Gierig züngelten die Flammen die Bäume empor und vertilgten sie mit schauriger Geschwindigkeit. Ein Gewirrbaum krümmte sich vor Pein, als er verkohlte, und der Geruch von brennendem Bier und Gelee breitete sich aus. Bereits jetzt hatten sie eine Spur verbrannter, kohlender Erde hinter sich gelassen. Herrlich!

Zzapp! Bink stürzte zu Boden. Ein Zappler hatte, glückhaft, wie die Dummen ja so häufig waren, Hermans Hand durchbohrt. Gut. Nun konnte Bink aus dem Netz krabbeln und endlich an die Arbeit gehen, um das wunderbarste Großfeuer in der Geschichte der Salamanderheit zu entfachen.

Aber der Zentaur wirbelte stampfend herum und packte das Netz mit der Linken. Die Flammen berührten kurz seine Fingerspitzen, die sofort zu Asche verglühten, doch er hielt das Netz noch immer mit den Stummeln fest. Verdammt, dieser dämliche Mut von Herman! »Weiter!« schrie Herman und trabte wieder los. »Nach links!«

Bink mußte gehorchen. Wütend spie er wieder eine besonders heiße Stichflamme aus, in der Hoffnung, daß Herman ihn fallen lassen würde, doch das funktionierte nicht. Der Zentaur galoppierte weiter, zog einen breiteren Kreis, da die Zappler offenbar vorgestoßen waren. Man mußte sie direkt erwischen, was ziemlich schwierig war, aber es war auch ihre letzte Chance.

Der Kreis war fast fertig. Der Zentaur war wirklich schnell. Sie galoppierten auf ihren Ausgangspunkt zu und blieben kurz stehen, um einigen Ungeheuern den Weg freizuhalten, die noch nicht geflohen waren. Als letztes schlüpfte eine riesige, hundert Meter lange Landschlange aus dem Kreis.

Trent stand dort und organisierte die übriggebliebenen Tiere, um den letzten Zapplern außerhalb des Kreises den Garaus zu machen. Jetzt, da die meisten Zappler vernichtet waren, war es durchaus sinnvoll, Jagd auf einzelne Exemplare dieser Gattung zu machen. Man mußte sie mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Das Feuer erreichte den ursprünglichen Platz des Zapplerschwarms. Plötzlich hörten sie einen ohrenbetäubenden Schrei: »AAOOGAAH!« Irgend etwas Unsichtbares bewegte sich dort im Kreis.

»Großfuß!« rief Trent. »Er lebt noch und ist dort drinnen!«

»Ich dachte, er wäre tot!« sagte Herman entsetzt. »Wir haben den Kreis bereits geschlossen, wir können ihn nicht mehr herauslassen.«

»Die Zappler haben seine Beine durchbohrt, deshalb ist er umgefallen, aber tot ist er nicht«, sagte Trent. »Er muß wohl eine Weile ohnmächtig geworden sein.« Er starrte in die züngelnden Flammen hinein, in denen nun die Gestalt eines riesigen Menschen zu sehen war, der auf dem Boden lag und mit seinen Gliedmaßen zuckte. Es stank nach verbranntem Müll. »Jetzt ist es zu spät.«

Der gefangene Riese hieb wildlings um sich und schleuderte dabei brennende Äste in den Dschungel hinter dem Kreis hinaus. »Löscht diese Flammen!« rief der Zentaur. »Sonst gibt es noch einen Waldbrand.«

Doch niemand konnte sie löschen oder auch nur umlenken, außer Herman selbst mit seinem Krautnetz. Er warf Bink hinaus und galoppierte auf das nächste Feuer zu, das gefährlich nahe an einem Ölfaßbaum loderte.

Trent machte hastig eine Bewegung, und Bink fand sich in seiner menschlichen Gestalt wieder. Er sprang von dem glühenden Boden fort, auf dem er als Salamander gestanden hatte. Was für eine Macht der Böse Magier doch besaß! Er konnte Xanth jederzeit vernichten, indem er einfach ein Dutzend Salamander schuf.

Bink kniff die Augen zusammen – und erblickte Chamäleon, die zwischen den kleineren magischen Feuern einen Zappler jagte. Sie war entweder zu konzentriert auf das, was sie tat oder zu dumm, um die Gefahr zu bemerken, in der sie schwebte!

Er rannte hinter ihr her. »Chamäleon! Komm zurück!« Sie beachtete ihn nicht, sondern führte getreulich die ihr gestellte Aufgabe durch. Endlich hatte er sie eingeholt und riß sie herum. »Das Feuer erwischt die Zappler schon. Wir müssen von hier weg.«

»Oh«, sagte sie mit schwacher Stimme. Ihr einst so herrliches Kleid war zerfetzt, und ihr Gesicht war schmutzig, aber dennoch sah sie hinreißend schön aus.

»Komm schon.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie fort.

Doch hinter ihnen hatte eine hartnäckige Flamme sich ausgebreitet, und sie waren auf einer immer kleiner werdenden Insel im Flammenmeer gefangen.

Das Omen! Nun hatte es sie doch eingeholt – ihn und Chamäleon.

Herman sprang über den Flammenring und bot einen prachtvollen Anblick dabei. »Auf meinen Rücken!« schrie er.

Bink packte Chamäleon und hob sie auf Hermans Rücken. Sie war wunderbar üppig, hatte eine schmale Hüfte und dralle Oberschenkel. Nicht, daß dies der Augenblick gewesen wäre, auf so etwas zu achten, aber als er sie so auf den Zentauren hob, ließ sich das gar nicht vermeiden. Er gab ihrem prächtigen Hintern noch einen Klaps, damit sie nicht die Balance verlor, dann kletterte auch er auf Hermans Rücken.

Herman schritt zuerst los, dann trabte er schneller und wollte gerade über den Feuerring springen, da machte es Zzapp!

Der Zentaur begann zu taumeln. »Ich bin getroffen!« rief er. Dann richtete er sich wieder auf, bäumte sich auf und machte einen Satz.

Doch sein Sprung war zu kurz. Seine Vorderbeine knickten ein, und seine Hinterbeine begannen sofort, lichterloh zu brennen. Bink und Chamäleon stürzten zu beiden Seiten seines Oberkörpers zu Boden. Herman packte sie mit seinen starken Zentaurenarmen und schob sie aus der Gefahrenzone.

Trent kam auf sie zu gelaufen. »Einsiedler, du brennst ja!« rief er. »Ich werde dich verwandeln…«

»Nein«, erwiderte Herman. »Ich habe ein Loch in der Leber. Mit mir ist es vorbei. Soll mich das saubere Feuer haben.« Er zog eine Grimasse. »Ich bitte nur um eines, um die Qual zu verkürzen – um Ihr Schwert, mein Herr!« Und er zeigte auf seinen Nacken.

Bink hätte versucht, so zu tun, als verstünde er ihn nicht, um das Unvermeidbare hinauszuzögern, doch der Böse Magier hatte sich schneller entschieden. »Wie es Ihnen beliebt«, sagte Trent. Plötzlich blitzte die Klinge in seiner Hand auf, zog einen Bogen – und der edle Kopf des Zentauren fiel zu Boden und blieb aufrecht außerhalb des Flammenkreises stehen.

Bink starrte ihn entsetzt an. Er hatte noch nie solch ein kaltblütiges Töten miterlebt.

»Ich danke Ihnen«, sagte der Kopf. »Sie haben die Qual sehr kunstgerecht verkürzt. Ihr Geheimnis wird mit mir sterben.«

Dann schlossen sich seine Augen.

Herman der Einsiedler hatte es wirklich so gewollt. Trent hatte die Lage richtig eingeschätzt und sofort gehandelt. Bink hätte die Sache mit Sicherheit verpatzt.

»Das war ein Wesen, das ich mit Stolz zu meinem Freund erklärt hätte«, sagte Trent traurig. »Ich hätte ihn gerettet, wenn es mir möglich gewesen wäre.«

Winzige Lichter tänzelten auf den toten Kopf zu. Zuerst hielt Bink sie für Funken, doch sie brannten nicht wirklich. »Die Irrlichter«, murmelte Trent. »Sie erweisen ihm die letzte Ehre.«

Die Lichter verschwanden, dann verschlangen die Flammen den Körper und den Kopf und züngelten weiter. Der größte Teil des Feuers hatte sich nun auf die Mitte des Kreises konzentriert, wo der unsichtbare Riese nicht länger um sich schlug.

Trent ergriff mit lauter Stimme das Wort. »Alle Wesen bewahren jetzt Schweigen, zu Ehren von Herman dem Einsiedler, dem von seinen eigenen Artgenossen Unrecht angetan wurde und der bei der Verteidigung Xanths gefallen ist. Und ebenso für Großfuß und all die anderen edlen Geschöpfe, die auf ähnliche Weise den Tod gefunden haben.«

Die Menge schwieg, und plötzlich summte nicht einmal mehr ein Insekt. Eine Minute lang, zwei, drei – kein einziger Ton war noch zu hören. Es war eine phantastische Ansammlung von Ungeheuern, die hier mit gesenkten Köpfen jener gedachten, die so tapfer gegen den gemeinsamen Feind gestritten hatten. Bink war zutiefst bewegt. Nie wieder würde er die wilden magischen Wesen als bloße Tiere ansehen.

Schließlich hob Trent wieder den Kopf. »Xanth ist gerettet, dank Herman – und dank euch allen«, verkündete er.

»Die Zappler sind vernichtet. Zieht wieder voller Stolz eurer Wege und geht hin mit unserem Dank. Ihr hättet Xanth keinen besseren Dienst erweisen können, und ich gebiete euch Heil!«

»Aber es könnte doch sein, daß einige Zappler entkommen sind«, wandte Bink flüsternd ein.

»Nein. Es ist kein einziger entkommen. Wir haben ganze Arbeit geleistet.«

»Wie können Sie da so sicher sein?«

»Während der Stille habe ich kein einziges Zappen gehört. Kein Zappler kann länger als drei Minuten stillhalten.«

Binks Unterkiefer klappte herunter. So ernst gemeint das Gedenkschweigen auch gewesen war, hatte es gleichzeitig doch auch der Bestätigung gedient, daß die Gefahr wirklich gebannt war! An so etwas hätte Bink selbst niemals gedacht. Wie tüchtig Trent doch die schwere Aufgabe des Führens übernommen hatte, nachdem der Zentaur gestorben war! Und dabei hatte er nicht einmal sein Geheimnis preisgegeben…

Die Ungeheuer gingen friedlich auseinander und hielten damit ein unausgesprochenes Friedensabkommen ein. Viele von ihnen waren verwundet, aber sie trugen ihre Pein mit der gleichen Würde und der gleichen Tapferkeit, mit der Herman sich hervorgetan hatte, und sie ließen einander in Frieden. Die große Landschlange kroch vorbei, und Bink zählte ein halbes Dutzend Löcher in ihrem Körper, doch sie stockte nicht einmal. Wie die anderen war auch die Schlange gekommen, um zu tun, was getan werden mußte – aber bei späteren Begegnungen würde sie genauso gefährlich sein wie immer.

»Sollen wir unsere Reise wieder aufnehmen?« fragte Trent und blickte ein letztes Mal auf das zu Asche verglühte Schlachtfeld.

»Das wäre wohl besser«, sagte Bink. »Ich glaube, daß das Feuer langsam verlischt.«

Sofort war er wieder eine Sphinx, nur halb so groß wie der unsichtbare Riese, aber viel massiger als dieser. Trent hatte offenbar entschieden, daß mehrere Verwandlungen hintereinander doch nicht gefährlich waren. Trent und Chamäleon stiegen auf, und er machte sich wieder auf den Weg zu ihren versteckten Vorräten. »Und keine Pinkelpausen mehr!« dröhnte Bink. Irgend jemand kicherte.