5 Frühling

 

Südlich des Erdspalts war die Landschaft wesentlich rauher als im Norden. Es gab keine Hügel, sondern Berge, deren höchste Gipfel mit weißem Schnee bedeckt waren. Die schmalen Pfade waren bis zur Undurchdringlichkeit überwuchert, so daß Bink einen Umweg nach dem anderen nehmen mußte. Disteln und Juckgestrüpp wären nicht weiter schlimm gewesen, aber man konnte ja nicht wissen, welcher Magie sich diese fremdartigen Pflanzen bedienten. Es war durchaus angezeigt, einen hohen Gewirrbaum zu meiden, und hier gab es ganze Haine verwandter Gewächse. Er durfte das Risiko nicht eingehen.

Wann immer der Dschungel ihn also zurückwarf, versuchte Bink es ein Stück weiter aufs neue. Er mied auch die offensichtlichsten Pfade, denn die waren ebenfalls suspekt. So stapfte er durch mittelhohes Gestrüpp im Grenzgebiet zwischen Dschungel und Feld, das oft am schwersten begehbar war: kahle, brennende Felsplatten, steile Felsenhänge, hohe windige Plateaus. Gebiete, die sogar von magischen Pflanzen verachtet wurden, waren es in der Regel auch nicht wert, daß man es damit versuchte, es sei denn,man wollte als Reisender jeden Ärger vermeiden. Eine große Lichtung stellte sich als Landeplatz eines riesigen Flugdrachen

heraus. Kein Wunder, daß es hier also keine weiteren Raubtiere gab. Bink kam so langsam voran, daß es noch Tage dauern mußte, bis er das Schloß des Guten Magiers erreichte.

Er grub sich eine Kerbe in den Boden, schichtete Steine als Schutz gegen den Wind darum auf und bestreute den Boden mit totem Gestrüpp als Unterlage. Dort schlief er ziemlich schlecht. Er fragte sich, warum er nicht wenigstens das Angebot der Magierin angenommen hatte, über Nacht zu bleiben. Das wäre sicherlich um einiges bequemer gewesen.

Nein, er wußte schon, warum er hatte aufbrechen müssen. Möglicherweise hätte er die Insel nach dieser Nacht niemals wieder verlassen. Nicht als er selbst. Und wenn er es getan hätte, dann hätte Sabrina ihm niemals verziehen. Schon die bloße Tatsache, daß eine solche Nacht ihn im nachhinein noch reizen konnte – und nicht nur wegen des bequemen Schlafs –, war ein Indiz dafür, daß er sie sich nicht leisten durfte.

Er erinnerte sich selbst mehrmals daran, bevor er sich in den Schlaf zitterte. Dann träumte er von einem Palast aus Diamantkristall, wachte mit gemischten Gefühlen auf und mußte sich erneut in den Schlaf zittern. Einer Versuchung zu widerstehen war gewiß kein Vergnügen, wenn man allein in freier Wildbahn war. Morgen wollte er sich einen Deckenbaum und einige Heißsuppenkürbisse suchen.

Am dritten Morgen seiner Reise südlich der Spalte stapfte er an einer Felsspalte Richtung Westen. Er hatte sich einen neuen Stock geschnitten, nachdem er nach mehreren Anläufen einen Ast erwischt hatte, der sich ihm nicht mit allerlei Abwehrzaubern entzog. Er war überzeugt davon, daß es eine Menge geeigneter Bäume gab, die er überhaupt nicht sehen konnte, weil sie mit ›Beachte-mich-nicht‹-Zaubern arbeiteten. Einer der Bäume setzte einen Abstoßungszauber gegen Schneidewerkzeuge ein: Jedesmal, wenn er mit seinem Messer daranging, wurde es beiseite gedrückt.

Eine Stunde nachdem er seinen Stab fertig und sich mit ihm wieder auf den Weg gemacht hatte, dachte er immer noch über die natürliche Auswahl der Magie nach. Die Pflanzen mit den stärksten Zaubern überlebten am besten, also verbreiteten sie sich auch am meisten. Aber wie oft kam denn hier wohl ein Reisender mit einem Messer vorbei? Dann wurde ihm klar, daß er mit diesem Abwehrzauber viel anfangen könnte. Wenn es ihm gelingen sollte, einen Stock von einem solchen Baum zu schneiden, würde der dann alle Angriffe auf ihn abwehren?

Diese Magie richtete sich ganz offensichtlich gegen die Heimsuchung durch Drachen, Biber und ähnliche, nicht gegen Messer allein, und mit einem Anti-Drachenstab würde er sich schon sicherer fühlen. Nein, den Baum zu beschneiden hieß, ihn zu töten. Dann würde auch seine Magie verschwinden. Aber vielleicht würde ein Same davon…

Es hatte keinen Sinn, Zeit damit zu verschwenden, umzukehren. Es sollte ihm nicht allzu schwerfallen, noch mal einen solchen Baum ausfindig zu machen. Er mußte lediglich so tun, als wolle er mit gezücktem Messer einen weiteren Stab schneiden, und darauf achten, welcher Baum sein Messer beiseite drückte. Vielleicht könnte er einen kleinen Baum ausgraben und ihn ganz am Leben erhalten, so daß er wirkungsvoll blieb.

Bink schritt weiter seitlich zu den Bäumen, um sie zu überprüfen. Das erwies sich jedoch als gefährlicher, als er erwartet hatte. Wenn sich das Messer den empfindlichen Rinden der Bäume näherte, wurden sie regelrecht wild. Der eine warf harte Früchte auf ihn herab und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Ein anderer blies Schlafparfüm aus, das Binks Reise beinahe ein vorzeitiges Ende gesetzt hätte. Doch es gab keinen Baum hier, der einen Abwehrzauber hatte, mit dem er Messer ablenkte.

In einem der Bäume hauste eine Dryade, eine Waldnymphe, die sehr hübsch aussah, ungefähr so wie Iris mit vierzehn, die Bink jedoch mit äußerst undamenhafter Sprache beschimpfte. »Wenn du an wehrlosen Dingern herumschnippeln willst, dann tu’s bei

deinesgleichen!« schrie sie. »Geh doch und schnitze an einem verwundeten Soldaten in einem Graben herum, du Sohn eines…« Glücklicherweise führte sie den Reim nicht zu Ende. Dryaden durften solche Ausdrücke eigentlich gar nicht kennen.

Verwundete Soldaten? Bink entdeckte den Graben und musterte ihn gründlich. Tatsächlich, da lag ein Mann in Uniform. Sein Rücken war blutverkrustet, und er stöhnte jämmerlich.

»Friede!« sagte Bink. »Ich werde Ihnen helfen, wenn Sie gestatten.« Früher hatte Xanth wirklich einmal eine Armee gebraucht, doch nun waren die Soldaten meistens nur als Boten des Königs tätig. Aber ihre Kostüme und ihren Stolz hatten sie sich erhalten.

»Hilfe!« rief der Mann mit schwacher Stimme. »Ich werde mich irgendwie erkenntlich zeigen.«

Jetzt wagte Bink es, sich dem Soldaten zu nähern. Er war schwer verwundet und hatte viel Blut verloren. Durch die Infektion fieberte er. »Ich kann nichts unternehmen. Ich bin kein Arzt, und wenn ich Sie auch nur vom Fleck schaffe, könnten Sie sterben. Ich werde Hilfe holen und zurückkommen«, sagte Bink. »Ich muß mir aber Ihr Schwert borgen.« Wenn der Soldat ihm sein Schwert gab, dann war er wirklich krank.

»Komm bald wieder… oder gar nicht«, keuchte der Mann und hob den Knauf des Schwerts.

Bink nahm die schwere Waffe entgegen und kletterte wieder aus dem Graben. Dann näherte er sich wieder dem Baum der Dryade. »Ich brauche Magie«, sagte er ihr. »Bluterneuerung, Wundenheilung, Fiebersenkung, solche Sachen eben. Sag mir sofort, wo ich die bekomme, sonst werde ich deinen Baum umsäbeln.«

»Das würdest du nicht wagen!« rief sie entsetzt.

Bink hob drohend das Schwert. Er sah plötzlich Jama vor sich, den Schwertzauberer seines Dorfes. Das Bild erfüllte ihn mit Widerwillen.

»Ich sag’s ja schon! Ich sag’s ja schon!« schrie sie.

»Gut, dann sag’s.« Er war erleichtert, denn er hatte Zweifel daran, daß er sich wirklich dazu hätte zwingen können, den Baum zu fällen. Das hätte sie getötet, und zwar ziemlich sinnlos. Dryaden waren harmlose Wesen, die hübsch anzusehen waren. Es gab keinen Grund, sie zu belästigen oder ihre geliebten Baumheime zu fällen.

»Drei Meilen westlich. Der Quell des Lebens. Seine Wasser heilen alles.«

Bink zögerte. »Da ist irgend etwas, was du mir verheimlichst«, sagte er. »Wo liegt der Haken?«

»Das darf ich nicht sagen«, rief sie. »Jeder, der es verrät… der Fluch…«

Bink tat so, als wolle er den Baum umhauen. Die Dryade schrie so erbärmlich auf, daß er nachließ. Er hatte gekämpft, um Justin Baum zu Hause zu beschützen, er konnte diesen Baum hier nicht fällen. »Also gut«, sagte er. »Ich will den Fluch riskieren.« Er machte sich auf, nach Westen zu gehen.

Er fand einen Pfad, der in die gewünschte Richtung führte. Da er nicht sonderlich einladend wirkte, glaubte er, ihn mit angemessener Vorsicht entlanggehen zu können. Es sah so aus, als wüßten auch andere um den Weg zum Quell. Doch während er sich ihm näherte, wurde er immer nervöser. Was hatte die Sache für einen Haken, und was war das für ein Fluch? Er sollte das eigentlich vorher wissen, bevor er sein Leben riskierte oder dem verwundeten Soldaten sein Wasser reichte.

Xanth war ein magisches Land, doch die Magie hatte ihre Gesetze und ihre Bedingungen. Es war gefährlich, mit der Magie zu spielen, solange man nicht genau wußte, mit welcher Art von Zauber man zu tun hatte. Wenn dieses Wasser den Soldaten wirklich heilen konnte, dann war das ein stark verzauberter Quell. Für diese Art von Hilfe mußte doch ein Preis zu zahlen sein.

Er entdeckte den Quell unter einem großen, überhängenden Eichenbaum. Der gesunde Zustand des Baumes sprach für das Wasser. Es war wohl kaum vergiftet, aber es konnte irgend etwas anderes Unangenehmes damit verbunden sein. Ausgenommen, unter seiner Oberfläche verbarg sich ein Flußungeheuer, das das Wasser als Lockmittel für die Unvorsichtigen benutzte?

Verwundete oder sterbende Lebewesen waren leichte Beute, und ein falscher Ruf, heilende Kräfte zu besitzen, würde sie im Umkreis von vielen Meilen anlocken.

Bink hatte nicht die Zeit, zu warten und den Quell zu beobachten. Das Wasser wirkte kühl und klar. Er hielt seine Feldflasche hinein und hielt mit der anderen Hand das Schwert fest. Doch es geschah nichts. Kein grausiger Fangarm erschien aus den Tiefen, um ihn zu bedrohen.

Als er die gefüllte Flasche ansah, kam ihm ein neuer Gedanke. Selbst wenn das Wasser nicht vergiftet sein sollte, dann hieß das noch nicht, daß es auch heilende Wirkung hatte. Was nutzte es dem Soldaten, wenn er es ihm brachte und es ihn nicht kurierte?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Durstig war er ohnehin. Also setzte er die Flasche an und nippte an dem Naß.

Das Wasser war kühl und schmeckte gut. Er trank weiter und stellte fest, daß es sehr erfrischend war. Vergiftet war es bestimmt nicht.

Wieder tauchte er seine Feldflasche in den Quell und beobachtete die aufsteigenden Blasen. Im verzerrten Bild seiner Hand unter Wasser sah es so aus, als habe er noch alle fünf Finger. Er dachte nicht oft an seinen Finger, den er ja schon vor so langer Zeit verloren hatte, doch dieses Bild einer vermeintlich unversehrten Hand berührte ihn recht unangenehm.

Er holte die Flasche wieder hervor – und ließ sie beinahe fallen. Sein Finger war wirklich wieder vollständig! Tatsächlich! Die Verletzung seiner Kindheit war behoben worden!

Er streckte und berührte ihn. Erstaunt zwickte er ihn und stellte fest, daß es weh tat. Keine Frage, sein Finger war echt.

Also war das wirklich ein magischer Quell. Wenn er eine fünfzehn Jahre alte Amputation so sauber und schmerzlos heilen konnte, dann konnte er auch alles andere kurieren!

Und eine Erkältung? Bink schniefte – und stellte fest, daß seine Nase wieder frei war. Das Wasser hatte auch seinen Schnupfen geheilt.

Es war keine Frage, diesen Quell des Lebens konnte er nur empfehlen. Das war wirklich mächtige Magie. Wäre der Quell ein Mensch, er wäre ein ausgewachsener Magier.

Wieder erwachte seine angeborene Vorsicht. Den Haken bei der Angelegenheit kannte er immer noch nicht, und er wußte auch nicht, um welchen Fluch es sich handelte. Warum durfte niemand das Geheimnis dieses Quells verraten? Was war das für ein Geheimnis? Doch wohl nicht die Tatsache, daß er heilende Kräfte besaß, davon hatte ihm die Dryade ja erzählt, und er könnte es weitererzählen. Der Fluch konnte kein Flußungeheuer sein, weil keins zugeschlagen hatte. Nun, da Bink unversehrt und gesund war, konnte er sich wesentlich besser verteidigen. Also ließ sich diese Theorie bereits wieder abschreiben.

Aber das bedeutete keineswegs, daß es keinerlei Gefahren hier gab. Es hieß lediglich, daß diese noch subtiler sein mußten, als er erwartet hatte. Eine subtile Gefahr war die schlimmste von allen. Der Mann, der vor der offensichtlichen Bedrohung eines Feuerdrachen floh, konnte Schutz im trügerischen Friedenszauber der Pinien suchen.

Der Soldat lag im Sterben. Die Zeit war kostbar, und doch zögerte Bink immer noch. Er mußte es herausbekommen, wenn er nicht den Soldaten und sich selbst in noch größere Gefahr bringen wollte, als sie ohnehin schon waren. Es hieß zwar, daß man einem geschenkten Einhorn nicht ins Maul schauen sollte, weil es sich sonst vielleicht als verzaubert herausstellen könnte, aber Bink schaute immer genau hin.

Er kniete vor dem Quell nieder und starrte angestrengt hinein. Sozusagen dem Einhorn ins Maul. »O Quell des Lebens«, murmelte er. »Ich bin um der Barmherzigkeit willen gekommen. Ich suche nicht den eigenen Vorteil, obwohl auch ich reich beschert worden bin. Ich beschwöre dich, mir zu verraten, wie ich mich verhalten muß, um nicht versehentlich Fehler zu begehen.« Er hatte nicht besonders viel Vertrauen in seine förmliche Beschwörung, da er keinerlei Magie besaß, mit der er ihr hätte Nachdruck verleihen können, aber es war eben alles, was ihm dazu einfiel. Er konnte nicht einfach ein solch wunderbares Geschenk annehmen, ohne zu versuchen, herauszufinden, wie hoch der Preis war, den man dafür zahlen mußte. Es gab immer einen Preis.

Tief im Quellwasser wirbelte irgend etwas herum. Bink spürte seine magische Kraft. Es war, als würde er durch ein Loch in eine andere Welt lugen. O ja, dieser Quell hatte eigenes Bewußtsein und Stolz! Das Feld seiner Seele stieg empor, um ihn zu umhüllen, und sein Bewußtsein stürzte in die Tiefe hinein und verstand. Wer von mir trinkt, der darf nicht wider mich handeln, sonst verliert er alles, was ich ihm beschert habe.

Oh! Das war ein Selbsterhaltungszauber, das war völlig klar und einfach formuliert. Aber enorm schwierig zu befolgen. Wer entschied denn, was wider die Interessen des Quells war? Wer, außer dem Quell selbst? Es würde in diesem Gebiet offensichtlich kein Holzfällen geben, denn das würde der Umweltschaden und den Niederschlag und das Klima beeinflussen. Bergbau kam auch nicht in Frage, denn der konnte den Grundwasserspiegel senken und den Quell verschmutzen. Selbst das Verbot der Weitervermittlung der Grundprinzipien des Quells ergab einen Sinn, denn auf diese Weise wurde möglicherweise verhindert, daß sich Leute mit kleineren Beschwerden behandeln ließen, wenn sie den Preis im voraus erfuhren. Die Holzfäller und Bergarbeiter würden das Wasser auf jeden Fall meiden. Doch alles, was man tat, zog kleinere und größere Kreise, wie die Ringe, die dabei entstanden, wenn man einen Stein in eine Pfütze warf. Irgendwann wurden diese Kreise schließlich so groß wie ein Ozean. Oder so groß wie Xanth…

Angenommen, der Quell entschied, daß das Tun des fernen Königs von Xanth gegen seine Interessen verstieß, etwa wenn er eine Steuer auf Holz erhob, die die Holzfäller dazu zwang, mehr Bäume zu fällen, um sie bezahlen zu können. Würde der Quell dann alle seine Benutzer dazu zwingen, sich gegen den König zu stellen oder ihn womöglich umzubringen? Jemand, der dem Quell sein Leben verdankte, war sicherlich zu so etwas in der Lage. Theoretisch war es diesem Quell möglich, die gesamte Gesellschaft Xanths zu verändern, ja sogar zu ihrem De-facto-Herrscher zu werden. Doch die Interessen eines einzelnen Quells waren nicht unbedingt auch die der menschlichen Gesellschaft. Wahrscheinlich konnte die Magie des Quells nicht so weit gehen, denn dazu hätte sie ebenso stark sein müssen wie alle Kräfte der Lebewesen von Xanth zusammen. Doch nach und nach würde sie schon Wirkung zeigten. Und damit wurde es zu einer Frage der Ethik.

»Ich kann deine Bedingung nicht akzeptieren«, sagte Bink in den tiefen Strudel hinein. »Ich bin dir nicht feindlich gesonnen, aber ich kann mich auch nicht dazu verpflichten, lediglich zu deinen Gunsten zu handeln. Die Interessen von Xanth stehen höher als deine. Nimm deinen Segen wieder von mir. Ich werde meines Weges ziehen.«

Jetzt war der Quell zornig. Seine tiefsten Tiefen waren aufgewühlt. Wieder stieg das magische Kraftfeld empor und umhüllte ihn. Er sollte die Konsequenz für seine Verwegenheit tragen.

Doch dann verzog sich alles wieder wie ein Sturm – und er war immer noch ganz. Sein Finger blieb geheilt und auch seine Erkältung kehrte nicht wieder. Er hatte den Quell herausgefordert, sich seinem Bluff gestellt und gewonnen.

Wirklich?

Vielleicht würde der Nutzen, den er aus dem Wasser gezogen hatte, erst rückgängig gemacht, wenn er ausdrücklich gegen die

Interessen des Quells verstieß. Na ja, das würde er auch noch verkraften. Jedenfalls würde ihn das nicht daran hindern, das zu tun, was er für richtig hielt.

Bink erhob sich und hielt das Schwert in einer Hand, während er mit der anderen die Feldflasche an ihrem Riemen über seine Schulter warf. Er drehte sich um.

Eine Schimäre kroch auf ihn zu.

Bink wirbelte sein Schwert herum, obwohl er es kaum richtig zu führen wußte. Schimären waren gefährlich!

Doch sofort danach erkannte er, daß das Wesen fast am Ende war. Aus seinem Löwenkopf hing die Zunge herunter, sein Ziegenkopf war bewußtlos, und der Schlangenkopf am Ende des Schwanzes schleifte über den Boden. Das Wesen kroch auf dem Bauch, eine Blutspur hinter sich ziehend, auf den Quell zu.

Bink trat beiseite und ließ es vorbei. In einem solchen Zustand konnte er nicht einmal einer Schimäre Böses wünschen. Noch nie zuvor hatte er ein Lebewesen gesehen, das so sehr litt wie dieses. Außer dem Soldaten.

Die Schimäre erreichte das Wasser, ließ ihren Löwenkopf hineinsinken und trank voller Verzweiflung.

Sofort verwandelte sie sich. Der Ziegenkopf ruckte hoch und wurde flach, um sich auf seinem Hals nach Bink herumzudrehen und ihn finster anzusehen. Der Schlangenkopf zischte.

Es bestand kein Zweifel daran: die Schimäre war wieder gesund. Doch nun war sie auch wieder gefährlich, denn diese Art von Ungeheuer haßte alles, was menschlich war. Sie bewegte sich einen Schritt auf ihn zu, und er umklammerte sein Schwert mit beiden Händen, da er wußte, daß jede Flucht zwecklos war. Wenn er dieses Tier verletzte, dann konnte er vielleicht fliehen, bevor es sich ein zweites Mal vom Quell wiederherstellen ließ.

Doch dann wandte sich das Ding abrupt von ihm ab, ohne ihn anzugreifen. Bink seufzte erleichtert. Er hatte sich zwar kampflustig gezeigt, aber das letzte, was er gewollt hatte, war, sich mit einem solchen Ungeheuer in Gegenwart eines unfreundlichen Quells auf einen Kampf einzulassen.

Bink begriff, daß es in dieser Umgebung eine Art Waffenstillstandsabkommen geben mußte. Es widersprach den Interessen des Quells, daß hier Raubtiere lauerten, also waren alle Jagden und Kämpfe untersagt. Glück für ihn!

Er kletterte den Abhang hoch und wandte sich gen Osten. Er hoffte, daß der Soldat noch durchhielt.

Der Soldat hatte überlebt. Er war zäh, wie es Soldaten meistens waren, und er weigerte sich, aufzugeben, bis ihn die Natur mit Gewalt dazu zwang. Bink träufelte ihm etwas magisches Wasser in den Mund und goß etwas über die Wunde. Mit einemmal war der Mann genesen.

»Was hast du getan?« rief er. »Es ist ganz so, als wäre ich niemals von hinten niedergestochen worden.«

Sie schritten gemeinsam den Hügel hoch. »Ich habe Wasser aus einem magischen Quell geschöpft«, erklärte Bink. Am Baum der Dryade blieb er stehen. »Diese freundliche Nymphe hat mir netterweise gesagt, wo ich ihn finde.«

»O danke, Nymphe«, sagte der Soldat, »wie kann ich dir im Gegenzug etwas geben, das…«

»Indem ihr abhaut«, sagte sie und starrte böse auf das Schwert in Binks Hand.

Sie gingen weiter. »Sie dürfen nicht gegen die Interessen des Quells handeln«, sagte Bink. »Und auch niemandem erzählen, welchen Preis Sie für seine Hilfe gezahlt haben. Sonst sind Sie wieder da, wo Sie angefangen haben. Ich schätze, daß der Preis Ihnen nicht zu hoch erscheinen dürfte.«

»Das will ich meinen! Ich war gerade auf Patrouillengang, habe die Augapfelfarne des Königs bewacht, als jemand – he, ein Schluck von diesem Wasser, und die Augen des Königs wären

auch ohne diese Farne wieder in Ordnung, nicht? Ich sollte…« Er brach mitten im Satz ab.

»Ich kann Ihnen zeigen, wo der Quell ist«, bot Bink ihm an. »Soweit ich weiß, darf ihn jeder benutzen.«

»Nein, das ist es nicht. Ich hatte plötzlich das Gefühl… ich glaube nicht, daß man dem König dieses Wasser geben sollte.«

Diese schlichte Bemerkung beeindruckte Bink zutiefst. War das nicht eine Bestätigung seiner Vermutung, daß sich der Einfluß des Quells selbstsüchtig immer weiter ausdehnen könnte? Es könnte sein, daß es nicht im Interesse des Quells lag, die Gesundheit des Königs wiederherzustellen, also…

Doch wenn der König vom Quell kuriert wurde, dann würde er selbst den Interessen des Quells dienen. Warum sollte der Quell dagegen etwas haben?

Und warum war Binks Finger heil geblieben, warum war seine Erkältung nicht wiedergekehrt, nachdem er dem Soldaten das Geheimnis verraten hatte? Er hatte den Quell herausgefordert und war dennoch nicht bestraft worden. War der Fluch ein reiner Bluff?

Der Soldat streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Crombie. Korporal Crombie. Sie haben mir das Leben gerettet. Wie kann ich mich revanchieren?«

»Ach, ich habe doch nur getan, was recht war«, erwiderte Bink. »Ich konnte Sie einfach nicht sterben lassen. Ich bin auf dem Weg zum Magier Humfrey, um feststellen zu lassen, ob ich irgendein magisches Talent besitze.«

Crombie legte die Hand an den Bart. In dieser Haltung sah er recht imponierend aus. »Ich kann Ihnen die Richtung sagen.« Er schloß die Augen, streckte seinen rechten Arm aus und drehte sich im Kreis. »Der Magier ist dort, in dieser Richtung. Das ist mein Talent – Orientierung. Ich kann Ihnen von allem sagen, wo es ist.«

»Die Richtung weiß ich schon«, sagte Bink. »Westen. Mein Hauptproblem besteht darin, durch den Dschungel zu gelangen. Es gibt ja so viel feindselige Magie…«

»Das kann man wohl sagen!« stimmte Crombie ihm von ganzem Herzen zu. »Fast so viel wie in den zivilisierten Gegenden. Die, die mich überfallen haben, müssen mich hierhergezaubert haben. Sie haben wohl daran gedacht, daß ich hier niemals lebend herauskommen würde und daß man auch meine Leiche hier nicht finden würde. Und mitten im Dschungel könnte mein Schatten mich auch nicht rächen.«

»Na, ich weiß nicht«, meinte Bink, der an Donalds Schatten in der Erdspalte denken mußte.

»Aber jetzt habe ich mich erholt, dank Ihnen. Ich will Ihnen was sagen: Ich werde den Leibwächter spielen, bis Sie beim Magier angelangt sind. Ist das ein faires Angebot?«

»Sie brauchen wirklich nicht…«

»Aber ja doch! Soldatenehre. Sie haben mir einen Dienst erwiesen, also will ich Ihnen einen Dienst erweisen. Ich bestehe darauf. Ich kann Ihnen sehr nützlich sein. Ich will’s Ihnen zeigen.« Er schloß erneut die Augen und drehte sich mit ausgestrecktem Arm um seine eigene Achse. Als er wieder zum Stehen gekommen war, fuhr er fort: »In dieser Richtung liegt die größte Gefahr für Ihr Wohlergehen. Wollen Sie hingehen und feststellen, ob es

stimmt?«

»Nein«, erwiderte Bink.

»Ich aber. Gefahren verschwinden nicht einfach dadurch, daß

man sie nicht beachtet. Man muß ausziehen, um sie zu besiegen. Geben Sie mir mein Schwert wieder.«

Bink reichte es ihm, und Crombie schritt in die Richtung, in die er gezeigt hatte: nach Norden.

Bink folgte ihm murrend.

Er wollte die Gefahr nicht auch noch suchen, aber er war der Ansicht, daß es nicht rechtens war, den Soldaten an seiner Stelle

hineinlaufen zu lassen. Vielleicht war es irgend etwas Offensichtliches, wie der Spaltendrache. Aber der stellte keine unmittelbare Bedrohung dar, solange er nicht wieder in die Erdspalte eindrang. Und das hatte er keineswegs vor.

Wenn Crombie auf einen Busch stieß, der ihm im Wege stand, hieb er ihn einfach mit seinem Schwert um. Bink sah, wie manche Pflanzen nachgaben, bevor die Klinge sie tatsächlich traf. Wenn esfür diese Pflanzen für das Überleben am besten war, einen Pfad frei zu machen, dann taten sie es eben. Doch was, wenn der Soldat seine Klinge in einen Gewirrbaum hieb? Das könnte die Gefahr sein, von der er gesprochen hatte.

Nein, ein Gewirrbaum war zwar für alle tödlich, die unvorsichtig waren, aber er bewegte sich nicht von der Stelle, an der er Wurzeln gefaßt hatte. Da Bink sich in Richtung Westen gehalten hatte und nicht nach Norden, war nichts Unbewegliches eine solch große Gefahr für ihn, es sei denn, es lag im Westen.

Dann hörte er einen Schrei. Bink zuckte zusammen, und Crombie hielt sein Schwert kampfbereit hoch. Doch es war nur eine verschreckte, zitternde junge Frau.

»Rede, Mädchen!« brüllte Crombie und schwang sein scharfes Schwert.

»Was für Unheil hast du im Sinn?«

»Tut mir nichts!« rief sie. »Ich bin nur Dee, allein und verloren. Ich dachte, ihr wärt gekommen, um mich zu retten.«

»Du lügst!« rief Crombie. »Du willst diesem Mann, meinem Freund, Böses antun. Gestehe es!« Und wieder hob er das Schwert.

»Um Gottes willen, lassen Sie sie doch!« schrie Bink, »Sie haben sich geirrt. Sie ist doch ganz offensichtlich harmlos.«

»Mein Talent hat mich noch nie getäuscht«, erwiderte Crombie. »Hier habe ich Ihre größte Bedrohung ausgemacht.«

»Vielleicht liegt diese Gefahr hinter ihr, ein Stück weiter«, meinte Bink. »Sie war nur in der Sichtlinie.«

Crombie zögerte. »Könnte sein. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Er war offensichtlich ein vernünftiger Mann, trotz all seiner Gewalttätigkeiten. »Warten Sie, ich werde es überprüfen.«

Er zog sich etwas zurück und stellte sich ostwärts von dem Mädchen auf, schloß die Augen und drehte sich um sich selbst. Sein Zeigefinger richtete sich direkt auf Dee.

Das Mädchen brach in Tränen aus. »Ich will Ihnen nichts Böses, ich schwöre es. Tun Sie mir nichts!«

Sie war ein einfaches Mädchen, von durchschnittlicher Figur und keiner großen Schönheit. Das war ein Kontrast zu den Frauen, denen Bink in letzter Zeit begegnet war. Und doch war da etwas vage Vertrautes an ihr, und Bink ließ sich sowieso immer von weiblichem Leid beeindrucken. »Vielleicht ist es gar keine körperliche Gefahr«, sagte er. »Kann Ihr Talent so etwas unterscheiden?«

»Nein, das kann es nicht«, gab Crombie etwas verlegen zu. »Es kann jede Art von Gefahr sein, und vielleicht will sie Ihnen auch gar nichts Böses – aber irgendwas ist da!«

Bink musterte das Mädchen, das inzwischen zu schluchzen aufgehört hatte.

Diese Ähnlichkeit – wo hatte er sie nur schon einmal gesehen? Sie kam nicht aus dem Norddorf, und anderswo hatte er eigentlich nicht besonders viele Mädchen kennengelernt. Und jetzt, auf der Reise?

Langsam kam er darauf: Eine Magierin, die Illusionen fabrizierte, mußte sich nicht unbedingt schön machen. Wenn sie ihn verfolgen wollte, dann könnte sie ein anderes Aussehen wählen, in der Hoffnung, daß er niemals darauf käme. Und doch ließ sich die Illusion nur dann leicht aufrechterhalten, wenn sie irgendwie ihren eigenen Formen entsprach. Wenn man sich hier und da ein paar Pfunde wegdachte, die Stimme veränderte – hm, könnte sein. Wenn er auf diese List hereinfiel, dann würde er in Gefahr geraten, korrumpiert zu werden. Nur die Magie des Soldaten hatte sie verraten.

Aber wie sollte er sichergehen?

Selbst wenn Dee für ihn irgendeine große Gefahr darstellte, so mußte er sich dennoch von der genauen Art der Gefahr überzeugen. Es konnte einem passieren, daß man vorsichtig einer Giftmaus aus dem Weg ging und dabei eine Harpyie übersah. Es war immer gefährlich, in Sachen Magie vorschnell ein Urteil zu fällen.

Da hatte er einen genialen Einfall. »Dee, Sie müssen durstig sein«, sagte er. »Trinken Sie einen Schluck.« Und er reichte ihr seine Feldflasche.

»Oh, danke schön«, sagte sie und nahm sie froh entgegen.

Das Wasser kurierte alle Erkrankungen und Übel. EineVerzauberung war doch auch ein Übel, oder nicht? Wenn sie also trank, dann würde sie wohl, und wenn es nur kurz andauern mochte, in ihrer wahren Gestalt zu sehen sein. Dann würde er Bescheid wissen.

Dee trank in großen Zügen.

Eine Verwandlung trat nicht ein.

»Oh, das ist aber gut!« sagte sie. »Ich fühle mich schon viel besser.«

Die beiden Männer wechselten Blicke miteinander. Das war also sein genialer Einfall! Entweder war Dee nicht Iris, oder die Magierin hatte sich besser in der Gewalt, als er gedacht hatte. Er hatte keine Möglichkeit, das genauer festzustellen.

»Und jetzt mach dich auf den Weg, Mädchen«, sagte Crombie barsch.

»Ich will zum Magier Humfrey«, sagte sie reumütig. »Ich brauche einen Zauber, der mich heilt.«

Wieder blickten Bink und Crombie sich an. Dee hatte das magische Wasser getrunken, also war sie auch gesund. Folglich mußte sie gar nicht aus diesem Grund zum Guten Magier. Sie log also. Und wenn sie lügen sollte, was wollte sie dann vor ihnen verbergen?

Sie mußte diesen Ort gewählt haben, weil sie wußte, daß Bink dort vorbeikommen würde. Aber das war blanke Spekulation. Es konnte auch reiner Zufall sein. Oder sie konnte ein Menschenfresser in weiblicher Gestalt sein – ein gesunder Menschenfresser! – und auf den geeigneten Augenblick lauern, um zuzuschlagen.

Crombie merkte Binks Unentschlossenheit und fällte nun seinerseits eine Entscheidung.

»Wenn Sie ihr erlauben, mit Ihnen zu gehen, dann komme ich auch mit. Mit griffbereitem Schwert. Ich werde sie die ganze Zeit im Auge behalten.«

»Das wäre wahrscheinlich das beste«, stimmte Bink ihm zögernd zu.

»Ich will Ihnen nichts Böses!« protestierte Dee. »Ich würde Ihnen nicht einmal etwas zuleide tun, wenn ich das könnte. Warum glauben Sie mir nicht?«

Bink fand, daß das zu kompliziert war, um es zu erklären. »Sie können mit uns reisen, wenn Sie wollen.«

Dee lächelte dankbar, doch Crombie schüttelte grimmig den Kopf und legte die Hand auf den Griff seines Schwerts.

Crombie blieb auch weiterhin mißtrauisch, doch Bink merkte bald, wie sehr ihm Dees Gesellschaft gefiel. Sie hatte keine Spur von der Persönlichkeit der Magierin an sich. Sie war ein solch durchschnittliches Mädchen, daß er sich zu einem großen Teil mit ihr identifizieren konnte. Magische Fähigkeiten schien sie keine zu besitzen, jedenfalls vermied sie das Thema geflissentlich. Vielleicht wollte sie ja zum Magier, um ihr Talent bestimmen zu lassen. Vielleicht hatte sie das mit dem Zauber gemeint, der sie kurieren sollte. Wer fühlte sich in Xanth ohne magische Fähigkeiten schon wohl?

Doch wenn sie die Magierin Iris sein sollte, dann würde der Magier sie schon bald entlarven. So würde die Wahrheit doch noch an den Tag kommen.

Sie blieben am Quell des Lebens stehen, um ihre Feldflaschen erneut zu füllen, reisten einen halben Tag lang und gerieten schließlich in einen Hagelsturm in Technicolor. Das war natürlich magisch oder magisch verstärkt. Die Farben verrieten es. Es würde also kaum zu allzu großer Durchnässung und Ausfärbung kommen; alles, was sie tun mußten, war, sich solange unterzustellen.

Doch sie befanden sich auf einem kahlen Felsgrat. Meilenweit waren weder Bäume noch Höhlen, noch Häuser zu sehen. Das Land war hügelig und von Felsbrocken übersät, und es gab auch erodierte Gräben, doch nichts, was ihnen hinreichenden Schutz vor dem Sturm geboten hätte.

Von immer größeren Hagelkörnern geprügelt, hasteten die drei schließlich in die Richtung, in die Crombies Magie sie wies: zu einem sicheren Schutz. Sie entdeckten ihn hinter einem großen Felsen: ein monströser Tentakelbaum.

»Das ist ein Greifer!« rief Bink entsetzt. »Da können wir nicht hin!«

Crombie blieb abrupt stehen und lugte angestrengt durch den Hagel. »Tatsächlich. Aber mein Talent hat sich bisher noch nie geirrt.«

Außer, als es Dee beschuldigt hat, dachte Bink. Er fragte sich, wie zuverlässig die Magie des Soldaten wohl in Wirklichkeit sein mochte. Warum hatte sie ihn zum Beispiel nicht gewarnt, bevor er hinterrücks erdolcht worden war? Aber das sagte Bink nicht laut. Bei der Magie gab es häufig Verwicklungen und Verwirrungen, und er war überzeugt, daß Crombie es gut meinte.

»Da liegt ja ein Hephalumph!« rief Dee. »Es ist schon halb verspeist.«

Tatsächlich lag der gewaltige Kadaver vor der Öffnung im Stamm des Baumes. Sein Hinterteil war verschwunden, aber das Vorderteil war unversehrt. Der Baum hatte es offensichtlich eingefangen und so viel davon gefressen, wie er nur konnte. Doch ein Hephalumph war so groß, daß selbst ein Tentakelbaum es nicht auf einmal wegputzen konnte. Jetzt war der Baum satt, und seine Fangarme hingen schlapp herab.

»Er ist also doch sicher«, sagte Bink und zuckte zusammen, als ein eigroßes rotes Hagelkorn seinen Kopf um Haaresbreite verfehlte. Der Hagel war zwar leicht und flockig, aber weh tun konnte er doch. »Es wird noch Stunden dauern, bis der Baum wieder aggressiv wird. Vielleicht sogar Tage. Und selbst dann wird er sich erst an den Hephalumph machen.«

Doch Crombie zögerte immer noch, was man auch verstehen konnte. »Der Kadaver könnte auch eine Illusion sein«, warnte er. »Mißtraue allen Dingen – das ist das Motto des Soldaten. Eine Falle, die uns glauben machen soll, daß der Baum zahm ist. Was glauben Sie wohl, wie er das Hephalumph hierhergelockt hat?«

Das war wahr. Periodische Hagelstürme auf dem Grat, um die Beute zu veranlassen, sich unterzustellen, und ein scheinbar idealer Unterschlupf – ein nettes System. »Aber wenn wir uns nicht bald unterstellen, dann wird uns der Hagel noch das Hirn aus dem Schädel trommeln«, sagte Bink.

»Ich werd’ hingehen«, sagte Dee. Bevor Bink protestieren konnte, war sie schon unter den Baum gelaufen.

Die Tentakel bebten und griffen nach ihr, aber es war eineziemlich matte Geste ohne große Überzeugungskraft. Sie lief zu dem Kadaver und trat mit dem Fuß dagegen – er war echt. »Keine Fata Morgana!« rief sie. »Kommen Sie!«

»Wenn sie nicht eine Gehilfin ist!« brummte Crombie. »Ich will Ihnen was sagen, Bink, sie ist eine große Gefahr für Sie. Wenn sie für den Greifer Opfer einfängt, dann könnte sie Dutzende von Leuten in seine Fänge bugsieren und…«

Der Mann litt unter Verfolgungswahn. Vielleicht war das ja eine ganz natürliche Eigenschaft für einen Soldaten – aber andererseitshatte sie ihn zuvor ja auch nicht vor Ärger bewahrt. »Das glaube ich nicht«, meinte Bink. »Aber ich glaube diesem Hagelsturm! Ich stelle mich unter.«

Dann lief er los.

Nervös schritt er unter den Tentakeln hindurch, doch die verhielten sich ruhig. Ein hungriger Greifer war nicht eben eine gewitzte Pflanze, er packte seine Opfer normalerweise, sobald es irgendwie ging.

Schließlich folgte Crombie ihm. Der Baum bebte etwas, wie wegen seiner Unfähigkeit, sie zu verspeisen, aber das war auch schon alles. »Na, ich wußte doch, daß mein Talent die Wahrheit angezeigt hat. Das tut es schließlich immer«, sagte er etwas lahm.

Eigentlich war es ganz nett hier. Die Hagelkörner waren inzwischen faustgroß geworden, doch sie wurden vom oberen Blattwerk des Baumes abgehalten, sprangen hinunter und sammelten sich im Kreis in einer kleinen Vertiefung um sie herum. Raubbäume standen meistens in solchen Vertiefungen, die sie sich dadurch schufen, daß sie mit ihren Fangarmen Unterholz und Steine aus dem Weg schafften, um eine lockende Wiese für vorbeikommende Lebewesen zu schaffen. Sie warfen alles um sich herum in einem Kreis fort, so daß das sie umgebende Land mit der Zeit höher wuchs. Greifer waren eine recht erfolgreiche Baumart, und manche bildeten sogar Brunnen, deren Wände aus den Knochen ihrer Opfer bestanden. In der Umgebung des Norddorfes hatte man sie alle fortgeräumt, aber jedes Kind wurde über diese Gefahr belehrt. Theoretisch konnte jemand, der von einem Drachen verfolgt wurde, einen Greifer streifen und den Drachen in die Reichweite seiner Tentakel locken – sofern er mutig und geschickt genug dazu war.

Innerhalb des abgeschirmten Gebiets befand sich ein grüner Rasen mit kleinen Buckeln, der fast so aussah wie ein Frauentorso. Die Luft war angenehm warm, und süße Düfte zogen an ihnen

vorüber. Es war also ein geradezu idealer Ort, um Schutz zu suchen – und so sollte er auch aussehen. Auf jeden Fall hatte er das Hephalumph zum Narren gehalten. Offenbar war die Stelle recht einträglich, denn der Greifer war gewaltig breit. Doch im Augenblick konnten sie sich unbeschadet hier aufhalten.

»Na, da hat meine Magie aber diesmal funktioniert«, sagte Crombie. »Ich hätte mich gleich darauf verlassen sollen. Aber das heißt auch…« Er blickte vielsagend zu Dee hinüber.

Bink dachte darüber nach. Er glaubte, daß der Soldat es ernst meinte, und seine Ortungsmagie funktionierte offensichtlich. Hatte er sich im Fall von Dee nur geirrt, oder stellte sie wirklich eine schlimme, wenn auch versteckte Gefahr dar? Und wenn, welche? Er mochte nicht glauben, daß sie ihm übelwollte. Er hatte sie im Verdacht gehabt, die Magierin Iris zu sein, aber das glaubte er nun nicht mehr. Sie zeigte nichts von dem Temperament der Meisterin der Illusion, und ein Charakter ließ sich durch Magie nicht lange verbergen.

»Warum hat Ihre Magie Sie denn nicht vor dem Messerstich in den Rücken gewarnt?« fragte Bink den Soldaten bei einem neuerlichen Versuch, herauszubekommen, worauf man sich nun verlassen konnte und worauf nicht.

»Ich habe sie nicht befragt«, sagte Crombie. »Ich war ein verdammter Trottel. Aber wenn ich Sie erst mal sicher zu Ihrem Magier gebracht habe, dann werde ich schon noch fragen, wer mich überfallen hat, beim Teufel! Und dann…« Bedeutungsvoll befingerte er seine Schwertklinge.

Das war eine ehrliche Antwort. Das Talent war kein Warnsignal. Es funktionierte nur bei Befragung. Crombie hatte offenbar keinerlei Veranlassung gehabt, Gefahr zu wittern, so wie es Bink jetzt gerade erging. Worin unterschieden sich natürliche Vorsicht und Paranoia voneinander?

Der Sturm wütete weiter. Keiner von ihnen wollte schlafen, weil sie dem Baum nicht trauten, also setzten sie sich hin und redeten.

Crombie erzählte eine wüste Geschichte von einer alten Schlacht in den Tagen der vierten Welle. Bink war kein Soldat, aber er merkte, wie ihn die Tapferkeit mitriß, und fast hätte er sich gewünscht, daß er in jenen abenteuerlichen Zeiten gelebt hätte, als auch Männer ohne magische Fähigkeiten immer noch als Männer galten.

Als die Geschichte fertig war, hörte auch der Sturm auf, doch der Hagel war inzwischen derart hoch aufgetürmt, daß es sich nicht lohnte, schon hinauszugehen. Meistens schmolzen die Hagelkörner eines magischen Sturmes sehr schnell dahin, sobald die Sonne wieder hervorkam, also wollten sie das erst abwarten.

»Wo wohnen Sie?« fragte Bink Dee.

»Ach, ich bin nur ein Mädchen vom Lande«, sagte sie. »Niemand wollte mich durch die Wildnis begleiten.«

»Das ist keine Antwort!« schnappte Crombie mißtrauisch.

Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist die einzige Antwort, die ich darauf geben kann. Ich kann nicht ändern, was ich bin, so gern ich das auch täte.«

»Das ist dasselbe wie bei mir«, sagte Bink. »Ich bin nur ein Dörfler, niemand Besonderes. Ich hoffe, der Magier wird aus mir jemand Besonderes machen, indem er feststellt, daß ich irgendein gutes magisches Talent besitze, das früher nie jemand vermutet hätte. Ich bin bereit, dafür ein Jahr lang für ihn zu arbeiten.«

»Ja«, sagte sie und lächelte ihn verständnisvoll an. Plötzlich merkte er, wie sehr er sie mochte. Sie war normal, so wie er auch. Sie war motiviert, wie er auch. Sie hatten etwas gemeinsam.

»Sie wollen Ihre magischen Fähigkeiten feststellen lassen, damit Ihr Mädchen zu Hause Sie heiratet?« fragte Crombie. Es klang zynisch.

»Ja«, sagte Bink und erinnerte sich mit einem plötzlichen Stich an Sabrina. »Und damit ich in Xanth bleiben kann.«

»Sie sind ein Narr, ein Zivilistennarr«, sagte der Soldat väterlich.

»Na ja, es ist die einzige Chance, die ich habe«, erwiderte Bink. »Jedes Spiel lohnt sich, wenn die einzige Alternative…«

»Ich meine nicht die Magie, die ist ja natürlich. Und in Xanth bleiben zu wollen, das klingt auch ganz vernünftig. Ich meine die Ehe.«

»Die Ehe?«

»Die Frauen sind die Geißel der Menschheit«, sagte Crombie mit großer Heftigkeit. »Sie locken die Männer in die Ehe wie dieser Greifer hier seine Opfer anlockt, und dann quälen sie sie für den Rest ihres Lebens.«

»Das ist aber ungerecht«, warf Dee ein. »Hatten Sie etwa keine Mutter?«

»Die hat meinen ehrenwerten Vater in den Suff getrieben. Und zu den Locobeeren«, sagte Crombie. »Hat ihm das Leben zur Hölle gemacht – und mir auch. Sie konnte unsere Gedanken lesen, das war ihr Talent.«

Eine Frau, die die Gedanken der Männer lesen konnte – das war wirklich die Hölle für jeden Mann! Wenn je eine Frau Binks Gedanken hätte lesen können – pfui!

»Das wird wohl auch für sie die Hölle gewesen sein«, meinte Dee.

Bink unterdrückte ein Lächeln, aber Crombie zog eine Grimasse. »Ich bin abgehauen und bin zwei Jahre vor meiner Volljährigkeit in die Armee eingetreten. Hab’s nie bereut.«

Dee blickte mißmutig drein. »Sie hören sich auch nicht gerade an, als wären Sie ein Gottesgeschenk für jede Frau. Wir können alle dankbar dafür sein, daß Sie nie eine angerührt haben.«

»Oh, anrühren tu ich sie schon«, sagte Crombie mit derbem

Lachen. »Ich heirate sie nur nicht. Mich fängt keine ein.«

»Sie sind ekelhaft«, fauchte sie.

»Ich bin nur schlau genug. Und wenn Bink auch schlau genug ist, dann wird er es nicht zulassen, daß Sie damit anfangen, auch ihn in Versuchung zu führen.«

»Das habe ich doch gar nicht getan!« rief sie wütend.

Crombie wandte sich angewidert ab. »Ach, ihr seid doch alle gleich! Was soll ich meine Zeit damit verschwenden, mit euch zu reden. Genausogut könnte ich versuchen, dem Teufel das Beten beizubringen.«

»Gut, wenn Sie das so sehen, dann gehe ich eben!« sagte Dee. Sie sprang auf und schritt an den Rand der Schutzzone.

Zuerst dachte Bink, daß sie nur bluffte, denn obwohl der Sturm nachgelassen hatte, wehte ab und zu noch immer eine ziemlich steife Brise. Die bunten Hagelkörner lagen zwei Fuß hoch, und die Sonne war immer noch nicht hervorgetreten.

Doch Dee lief hinaus ins Freie.

»He, warte!« rief Bink und rannte ihr nach.

Dee war im Sturm verschwunden. »Lassen Sie sie ruhig laufen. Ab mit Schaden!« brummte Crombie. »Sie hatte es sowieso auf Sie abgesehen. Ich weiß, wie die vorgehen. Und daß sie Ärger bedeutet, das habe ich von Anfang an gewußt.«

Bink legte seine Arme schützend über seinen Kopf und sein Gesicht und trat hinaus. Seine Füße rutschten auf den glatten Hagelkörnern aus, und er stürzte in den Hagelhaufen hinein.

Über seinem Kopf rollten die Hagelkörner wieder zusammen. Jetzt wußte er, was mit Dee passiert war: Sie lag irgendwo dort draußen begraben.

Er mußte die Augen schließen, weil das Pulver der zermalmten Steine hineinzudringen drohte. Es war kein echtes Eis, sondern verdichteter Dampf, Magie eben. Die Körner waren trocken und nicht wirklich kalt, aber sehr rutschig.

Irgend etwas packte ihn am Fuß, und er trat wild um sich. Das Seeungeheuer in der Nähe der Insel der Magierin fiel ihm ein, und er vergaß, daß das nur eine Illusion gewesen war und daß es hier eigentlich keine Seeungeheuer geben konnte. Doch es packte ihn noch fester und zerrte ihn wieder zurück.

Als es losließ, sprang er mühselig auf die Füße und griff die Trollsgestalt an, die er durch den Staubschleier zu erkennen meinte.

Plötzlich flog er durch die Luft und landete hart auf dem Rücken. Das Wesen klemmte seinen Arm ein. Trolle waren aber zäh! Er blinzelte und versuchte, seinen Gegner am Bein zu packen, doch das Ding ließ sich auf ihn fallen und nagelte ihn so am Boden fest. »Immer mit der Ruhe, Bink«, sagte es. »Ich bin’s, Crombie.«

Bink wirbelte so gut herum, wie es unter den Umständen möglich war, und erkannte den Soldaten.

Crombie ließ ihn aufstehen.

»Ich wußte, daß du dich nie durch das Gewirr dort draußen schlagen würdest, also habe ich dich am einzigen Körperteil zurückgezogen, den ich zu packen bekam, am Fuß. Du hattest magischen Staub in den Augen, deshalb konntest du mich nicht erkennen. Tut mir leid, daß ich dich habe flachlegen müssen.«

Magischer Staub – natürlich! Der verzerrte den Blick, ließ Menschen wie Trolle aussehen oder wie Menschenfresser oder noch schlimmer – und umgekehrt. Das war eine weitere Gefahr solcher Stürme, die dazu führte, daß man nie wieder herausfand. Wahrscheinlich hatten schon viele Menschen den Greifer für einen harmlosen Deckenbaum gehalten… »Das ist schon in Ordnung«, sagte Bink. »Ihr Soldaten wißt ja wirklich, wie man kämpft.«

»Gehört zum Beruf. Greif nie einen Mann an, der weiß, wie man wirft.« Crombie legte den gestreckten Zeigefinger neben sein Ohr. Er hatte offenbar eine Idee. »Ich werde dir zeigen, wie das geht. Das ist ein nichtmagisches Talent, das sehr nützlich sein kann.«

»Und Dee?« rief Bink. »Sie ist immer noch da draußen!«

Crombie zog eine Grimasse. »Also gut, ich habe sie hinausgetrieben. Wenn sie dir so viel bedeutet, dann werde ich dir auch bei der Suche helfen.«

Also hatte der Mann doch noch etwas Ehrgefühl, sogar gegenüber Frauen. »Haßt du sie wirklich alle?« fragte Bink, als er sich anschickte, wieder in den Hagel hinauszutreten. »Selbst die, die keine Gedanken lesen?«

»Gedanken lesen sie alle«, behauptete Crombie. »Die meisten tun es bloß ohne Magie, das ist alles. Aber ich würde auch nicht darauf schwören, daß es in ganz Xanth kein passendes Mädchen für mich gäbe. Wenn ich mal eine Hübsche finden sollte, die weder hinterhältig noch geizig, noch zänkisch ist…« Er schüttelte den Kopf. »Aber wenn es eine solche geben sollte, dann würde sie mich bestimmt nicht heiraten.«

Also lehnte der Soldat alle Frauen ab, weil er meinte, daß sie ihn ablehnten. Na ja, das entbehrte nicht einer gewissen Logik.

Jetzt hatte sich der Sturm endgültig gelegt. Sie traten in die Hagelkornhaufen hinaus und setzten vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht wieder auszurutschen. Die farbigen Sturmwolken verteilten sich nun schnell, da der Zauber nachließ.

Was löste wohl solche Stürme aus? fragte sich Bink. Belebt konnten sie eigentlich nicht sein, aber das, was er im Verlauf seiner bisherigen Reise gelernt hatte, hatte ihn davon überzeugt, daß tote Gegenstände durchaus Magie besaßen, manchmal sogar sehr wirkungsvolle. Vielleicht lag es in der Substanz von Xanth selbst begründet, so daß die Magie langsam in alles hineinsickerte, was sich in diesem Land befand. Die Lebewesen kontrollierten ihre Magie und setzten sie so ein, wie es ihrem Willen entsprach. Die unbelebten Dinge ließen ihr völlig willkürlich freien Raum, so wie dieser Sturm gerade. Es mußte eine ganze Menge Magie hier geben, die aus einem großen Gebiet zusammenströmte. Und all das wurde in einem nutzlosen Hagelschauer vertan.

Aber ganz so nutzlos war das nun auch wieder nicht. Der Tentakelbaum profitierte offensichtlich von solchen Stürmen, und vermutlich gab es auch noch andere Weisen, in denen sie dem Gleichgewicht der Natur förderlich waren. Vielleicht eliminierte der Hagel die schwächeren Geschöpfe, Tiere, die nicht überlebensfähig waren, und ermöglichte dadurch die natürliche

Auswahl der Wildnis. Und es gab durchaus zweckgebundene Magie toter Dinge, wie etwa die des Ausblicksfelsens oder des Quells des Lebens, dessen Wasser durch die Ströme des ganzen Gebiets gespeist wurde, so daß sich seine magische Kraft dadurch vielleicht erhöhte. Vielleicht war es erst die Magie, die den Dingen ein Selbstbewußtsein verlieh. Alles in Xanth wurde von der Magie berührt und beherrscht. Ohne Magie wäre Xanth (schon der bloße Gedanke daran erschreckte ihn) nicht anders als Mundania.

Die Sonne brach durch die Wolken. Dort, wo ihre Strahlen niedergingen, verdampften die Hagelkörner zu bunten Schwaden. Direkter Sonnenwärme konnte ihre Magie nicht widerstehen. Das machte Bink erneut nachdenklich. War die Sonne der Magie vielleicht feindlich gesonnen? Wenn die Magie aus den Tiefen entstammen sollte, dann waren die Oberfläche des Landes und der Boden nur ihre äußerste Grenze. Wenn man wirklich tief ins Innere vordrang, dann konnte man vielleicht zu der Urquelle dieser Kraft gelangen. Ein betörender Gedanke.

Bink wünschte sich eigentlich, seine eigene Suche nach seiner persönlichen Magie beiseite schieben zu können, um nach der letztinnigen Realität Xanths zu suchen. Dort, tief unten, mußte doch die Antwort auf alle seine Fragen liegen.

Aber das ging nicht. Zum einen, weil er jetzt erst mal Dee aufspüren mußte. Wenige Minuten später waren die Hagelkörner restlos verschwunden. Das Mädchen allerdings auch. »Sie muß den Hang hinunter in den Wald hineingerutscht sein«, meinte Crombie. »Sie weiß, wo wir sind. Also kann sie uns auch finden, wenn sie will.«

»Es sei denn, sie steckt in Schwierigkeiten«, erwiderte Bink besorgt. »Setz doch dein Talent ein. Finde sie.«

Crombie seufzte. »Also gut.« Er schloß die Augen, drehte sich um sich selbst und zeigte zur Südseite des Grats.

Sie schritten dorthin und entdeckten ihre Spur am Rand des Dschungels. Bald hatten sie sie erreicht.

»Dee!« rief Bink froh. »Es tut uns leid. Geh nicht allein durch den Dschungel, es ist zu gefährlich.«

Sie stapfte entschlossen weiter. »Laßt mich allein«, sagte sie. »Ich will nicht mit euch gehen.«

»Aber Crombie hat das doch nicht so gemeint…« fing Bink an.

»Doch, das hat er. Du traust mir nicht. Also halte dich auch von mir fern. Ich will es lieber allein schaffen.«

Das war’s auch schon. Sie blieb standhaft, und Bink wollte sie ganz bestimmt nicht zwingen. »Na gut. Aber wenn du Hilfe brauchst oder so, dann ruf uns… oder so…«

Sie ging weiter, ohne zu antworten.

»Eine besonders große Gefahr kann sie ja nicht gewesen sein«, meinte Bink traurig.

»Die ist wohl eine Gefahr«, beharrte Crombie. »Aber keine Gefahr ist noch eine volle Gefahr, wenn sie sich woanders aufhält.«

Sie gingen weiter. Einen Tag später kamen sie in Sichtweite des Schlosses des Magiers an, dank der Fähigkeit des Soldaten, sich im Gelände zu orientieren und allen Gefahren auszuweichen. Er hatte ihm wirklich sehr geholfen.

»Na, das war’s dann wohl«, meinte Crombie. »Ich habe dich sicher bis hierhergebracht, und ich glaube, damit sind wir einigermaßen quitt. Ich habe noch ein paar Sachen zu erledigen, bevor ich dem König Bericht erstatte und um einen neuen Auftrag bitte. Ich hoffe, du findest deine Magie.«

»Das hoffe ich auch«, entgegnete Bink. »Danke für die Wurftechniken, die du mir beigebracht hast.«

»Das war nicht besonders viel. Du mußt sie noch ziemlich viel üben, bevor sie dir wirklich etwas nützen. Tut mir leid, daß ich das Mädchen dazu gebracht habe, wütend auf dich zu werden. Vielleicht habe ich mich in ihr ja doch getäuscht.«

Bink stand nicht der Sinn danach, über diesen Punkt zu diskutieren, also gab er ihm die Hand und eilte auf das Schloß des Guten Magiers zu.