11 Die Wildnis

 

Als Bink erwachte, lag er mit dem Gesicht im Sand. Um ihn herum schlängelten sich reglos die Tentakel eines grünen Ungeheuers.

Er stöhnte und setzte sich auf. »Bink!« rief Fanchon erfreut und lief über den Strand auf ihn zu.

»Ich dachte, es wäre Nacht«, sagte er.

»Du bist bewußtlos gewesen. Diese Höhle besitzt eine magische Leuchtkraft. Vielleicht ist es auch eine mundanische Leuchtkraft, denn die Felsen hatten ja auch etwas davon. Aber hier drin ist es viel heller. Trent hat dir das Wasser aus dem Leib gepumpt, aber ich habe schon befürchtet…«

»Was ist das hier?« fragte Bink und starrte einen der Tentakel an.

»Ein Krakenseetang«, sagte Trent. »Er hat uns aus dem Wasser gefischt, um uns aufzufressen, aber die Elixierflasche ist zerborsten und hat ihn getötet. Das hat uns allen das Leben gerettet. Wäre die Flasche früher zerbrochen, so hätte der Krake uns nicht eingefangen, und wir wären ertrunken. Einen glücklicheren Zufall habe ich noch nie erlebt.«

»Ein Krakentang!« rief Bink. »Aber das ist doch ein magisches Wesen!«

»Wir sind wieder in Xanth«, sagte Fanchon.

»Aber…«

»Ich vermute, daß der Strudel uns unterhalb des Wirkungsbereichs des Schilds nach Xanth hineingezogen hat«, meinte Trent. »Vielleicht hat das Elixier ja auch genutzt. Es war ein Zufall, und ich werde ganz bestimmt nicht versuchen, jetzt wieder umzukehren. Ich habe mein Atemgerät unterwegs verloren. Ein Glück, daß ich vorher noch Luft geholt hatte. Jetzt sind wir wieder in Xanth, auf immer!«

»Sieht wohl so aus«, erwiderte Bink benommen. Er hatte sich langsam an den Gedanken gewöhnt, bis zu seinem Lebensende in Mundania bleiben zu müssen, und es war schwierig, sich jetzt schon wieder umzustellen. »Aber warum haben Sie mich gerettet? Nachdem das Elixier doch verloren war…«

»Das war irgendwie eine Frage des Anstands«, sagte der Magier. »Ich weiß zwar, daß Sie ein solches Wort aus meinem Munde befremden dürfte, aber eine bessere Erklärung habe ich im Augenblick auch nicht anzubieten. Ich habe nie etwas gegen Sie persönlich gehabt, im Gegenteil, ich bewundere Ihre Aufrichtigkeit und Ihren Ehrenkodex. Sie können jetzt Ihren Weg ziehen, und ich werde meinen einschlagen.«

Bink dachte nach. Jetzt hatte er es mit einer neuen, unvertrauten Wirklichkeit zu tun: Er war wieder in Xanth und stand mit dem Bösen Magier auch nicht mehr auf Kriegsfuß. Je mehr er sich die Einzelheiten durch den Kopf gehen ließ, um so weniger Sinn ergaben sie für ihn. »Nein«, sagte er schließlich. »Das kann ich nicht glauben. So etwas geschieht einfach nicht!«

»Es sieht wirklich so aus, als wären wir verhext worden«, meinte Fanchon. »Aber warum der Böse Magier ausgerechnet mit von der Partie war…«

Trent lächelte. Auch nackt war er genauso eindrucksvoll anzusehen wie vorher. Trotz seines Alters war er immer noch ein durchtrainierter, kräftiger Mann. »Es liegt wirklich eine Ironie darin, daß das Böse zusammen mit dem Guten wirklich wurde. Vielleicht richtet die Natur sich ja nicht immer nach menschlichen Wertmaßstäben und Definitionen. Aber ich bin ein Realist wie Sie auch. Ich tue nicht so, als wüßte ich genau, wie wir hierhergekommen sind, aber ich stelle diese Tatsache auch nicht in Frage. Allerdings dürfte es noch ziemlich problematisch werden, an Land zu kommen. Wir sind noch lange nicht in Sicherheit.«

Bink blickte sich in der Höhle um. Die Luft begann bereits stickig zu werden, obwohl er hoffte, daß er sich das nur einbildete. Es schien keinen anderen Ausweg zu geben als das Wasser, durch das sie hineingelangt waren. In einer Ecke lag ein Haufen abgenagter Knochen – der stammte wohl von den Opfern des Kraken.

Plötzlich wirkte alles viel weniger zufällig. Was gab es für ein Seeungeheuer denn auch für einen geeigneteren Ort als den Ausgang eines Strudels? Das Meer selbst sammelte die Beute dort ein, und beim Durchdringen des Schilds wurde sie in der Regel sofort getötet. Der Krake hatte die frischen Leichen einfach nur aus dem Wasser fischen müssen. Und diese abgeschiedene Höhle war geradezu ideal, um auch die größten Tiere genüßlich zu verspeisen. Man konnte sie sogar hier auf den Strand legen und sie so lange füttern, bis der Krake hungrig genug wurde. Das war wirklich eine hübsche kleine Speisekammer, in der sich die Nahrungsmittel lange frisch hielten. Und wenn das Opfer versuchte, an den Tentakeln des Kraken vorbeizuschwimmen – brr! Also hatte der Krake das menschliche Trio hier abgeladen und war von dem Elixier getroffen worden. Es war also keine Frage von Sekunden-, sondern von Minutenbruchteilen gewesen. Ein Zufall zwar, aber kein ganz so unerhörter mehr.

Fanchon hockte am Wasser und warf trockene Blätter hinein. Diese Blätter stammten noch aus vergangen Jahreszeiten des Krakentangs. Bink verstand zwar nicht, weshalb das Wesen hier, wo es keinerlei Sonnenlicht gab, Blätter gebraucht hatte, aber vielleicht war es ja eine gewöhnliche Pflanze gewesen, bevor es zu einem magischen Wesen geworden war. Vielleicht stammte es auch von gewöhnlichen Pflanzen ab oder hatte sich noch nicht völlig angepaßt. Möglicherweise dienten die Blätter auch einem anderen Zweck. Es gab noch vieles, was an der Natur so rätselhaft war. Jedenfalls warf Fanchon gerade trockenes Laub ins Wasser, und es war ihm ebenfalls schleierhaft, weshalb sie damit ihre Zeit vergeudete.

Sie bemerkte, daß er sie ansah. »Ich versuche, die Oberflächenströmung zu bestimmen«, sagte sie. »Siehst du, das Wasser fließt in diese Richtung. Unter der Wand dort muß es einen Weg ins Freie geben.«

Wieder war er von ihrer Intelligenz beeindruckt. Jedesmal, wenn er sie bei etwas scheinbar Törichtem erwischt hatte, stellte es sich im nachhinein als das genaue Gegenteil davon heraus. Sie war ein normales, wenn auch häßliches Mädchen, und ihr Verstand funktionierte blendend. Sie hatte ihre Flucht aus der Grube geplant und auch ihre spätere Strategie, mit der sie Trents Eroberungspläne durchkreuzt hatten. Und jetzt war sie schonwieder dabei. Wirklich schade, daß ihr Äußeres so wenig hergab.

»Natürlich«, stimmte Trent ihr zu. »Ein Krake kann nicht in einem toten, stehenden Gewässer leben, er braucht die Strömung. Dadurch bekommt er seine Nahrung, und seine Ausscheidungen werden fortgetragen. Wir haben also einen Ausgang, sofern wir schnell genug hindurch zur Wasseroberfläche kommen und nicht wieder durch den Schild geführt werden.«

Der Gedanke gefiel Bink ganz und gar nicht. »Angenommen, wir tauchen mit der Strömung und werden eine Meile unter Wasser abgetrieben, bis wir wieder an die Oberfläche kommen? Dann würden wir ertrinken.«

»Mein Freund«, sagte Trent, »über eben dieses Problem habe ich auch schon nachgedacht. Meine Seeleute können uns nicht retten, denn wir befinden uns ganz offensichtlich jenseits des Schilds. Mir gefällt es auch nicht, mich auf den Verlauf der Strömung verlassen zu müssen, aber tun müssen wir es dennoch. Schließlich können wir nicht ewig hierbleiben.«

Bink sah, wie sich etwas bewegte – es war einer der grünen Tentakel des Kraken. »Der Krake wird wieder wach!« rief er. »Er ist gar nicht tot!«

»Oh«, meinte Trent. »Das Elixier ist wohl von der Strömung verdünnt worden und hat das Biest gar nicht getötet, wie ich dachte. Jetzt erlangt es seine magische Kraft wieder.«

Fanchon blickte die Tentakel an, die jetzt alle zu zucken begannen. »Ich glaube, wir verschwinden hier besser«, meinte sie. »Und zwar bald.«

»Aber wir können doch nicht einfach ins Wasser springen, ohne zu wissen, wohin wir damit kommen!« protestierte Bink. »Wir müssen ziemlich tief unter der Oberfläche sein. Da bleibe ich lieber hier und kämpfe, als zu ertrinken.«

»Ich schlage vor, daß wir uns auf einen Waffenstillstand einigen, bis wir wieder in Freiheit sind«, sagte Trent. »Das Elixier ist weg, und wir können nicht mehr auf dem gleichen Weg nach Mundania zurückkehren. Wir werden wohl zusammenarbeiten müssen, um hier herauszukommen, und ich glaube, daß es im Augenblick wirklich keinen Grund zum Streit zwischen uns gibt.«

Doch Fanchon traute ihm nicht. »Wir helfen Ihnen also dabei, ins Freie zu gelangen, dann endet das Waffenstillstandsabkommen, und Sie verwandeln uns in Stechfliegen. Da wir uns in Xanth befinden, könnten wir uns nie wieder zurückverwandeln.«

Trent schnippte mit den Fingern. »Wie dumm von mir, daß ich nicht daran gedacht habe! Danke, daß Sie mich daran erinnert haben. Ich kann ja jetzt meine magische Kraft benutzen, um uns freizubekommen.« Er blickte die zuckenden grünen Fangarme an. »Natürlich muß ich erst warten, bis das ganze Elixier verschwunden ist, denn es unterdrückt ja auch meine eigene Magie. Das bedeutet, daß der Krake sich vollends erholt haben wird. Umwandeln kann ich ihn nicht, dafür ist sein Hauptkörper zu weit weg.«

Die Tentakel hoben sich. »Bink, tauch weg!« rief Fanchon. »Wir wollen nicht zwischen den Kraken und den Bösen Magier geraten.« Sie sprang ins Wasser.

Jetzt stand er vor vollendeten Tatsachen. Sie hatte recht: Entweder würde der Krake sie auffressen, oder der Magier würde sie verwandeln. Jetzt war die Zeit, zu fliehen. Und doch hätte er noch gezögert – wenn Fanchon nicht bereits die Initiative ergriffen hatte. Wenn sie ertrinken sollte, dann hätte er überhaupt niemanden mehr, der Seite an Seite mit ihm zusammen kämpfte.

Bink rannte über den Sand, stolperte über einen der Fangarme und stürzte zu Boden. Instinktiv wickelte sich der Tentakel um sein Bein, und mit leisen Sauggeräuschen hefteten sich die Blätter an seiner Haut fest. Trent zog sein Schwert und kam auf ihn zu.

Bink nahm eine Handvoll Sand und warf sie nach dem Magier, doch das verfehlte seine Wirkung. Da schlug Trent mit seinem Schwert zu – und zertrennte den Fangarm. »Von mir droht Ihnen keine Gefahr, Bink«, sagte der Magier. »Schwimmen Sie ruhig weg, wenn Sie wollen.«

Bink erhob sich hastig, atmete tief durch und sprang ins Wasser. Er sah Fanchons Füße, die das Wasser teilten, während sie auf die finstere Röhre des unteren Ausgangs zuschwamm. Entsetzt zögerte er.

Wieder stieß er an die Oberfläche. Trent stand auf dem Strand und kämpfte mit den Tentakeln. Er sah wie ein Ebenbild der Tapferkeit aus, und doch würde er zu einer noch größeren Gefahr werden als der Krake, sobald dieser Kampf vorüber war.

Bink fällte seine Entscheidung. Er holte erneut tief Luft und tauchte unter. Diesmal schwamm er direkt in das dunkle Loch hinein und spürte, wie die Strömung ihn mitriß. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Der Tunnel endete fast sofort – und er befand sich in einer weiteren leuchtenden Höhle.

Bink hatte Fanchon inzwischen eingeholt, und ihre Köpfe tauchten fast gleichzeitig auf. Wahrscheinlich war sie etwas vorsichtiger gewesen.

Sie sahen, wie sich äußerst hübsche Köpfe nach ihnen umdrehten, die auf weiblichen Torsi ruhten. Es waren elfengleiche Häupter, deren Locken auf schmale nackte Schultern und straffe junge Brüste hinabfielen. Doch die unteren Teile der Körper endeten in Fischschwänzen. Das waren also Meerjungfrauen.

»Was tut ihr hier in unserer Höhle?« kreischte eine der Jungfrauen zornig.

»Wir sind nur auf der Durchreise«, erwiderte Bink. Natürlich sprachen Meerjungfrauen die Sprache von Xanth. Er hätte gar keinen Gedanken daran verschwendet, hätte Trent nicht eine Bemerkung darüber gemacht, wie die Sprache von Xanth mit allen mundanischen Sprachen verschmolzen war. Die Magie wirkte auf vielerlei Weise. »Sagt uns, wie wir am schnellsten zur Wasseroberfläche kommen.«

»Dort entlang«, sagte eine und zeigte nach links. »Dort entlang«, sagte eine andere und wies nach rechts. »Nein, dort entlang!« rief eine dritte Meerjungfrau und deutete an die Decke. Sie kicherten wie kleine Mädchen.

Einige der Meerjungfrauen sprangen ins Wasser und schwammen auf Bink zu. Kurz darauf war er von ihnen umringt. Aus der Nähe betrachtet, waren die Wesen noch viel hübscher als aus der Ferne. Alle hatten sie eine makellose Haut, die wohl auf die wohltuende Wirkung des Wassers zurückzuführen war, und ihre Brüste wurden vom Auftrieb etwas angehoben, so daß sie noch voller aussahen. Vielleicht hatte er Fanchon zu lange anblicken müssen; als er diese Schönheit sah, empfand er eine merkwürdige Erregung und Sehnsucht. Wenn er sie alle auf einmal packenkönnte – aber nein, es waren Meerjungfrauen. Überhaupt nicht sein Typ.

Fanchon beachteten sie nicht. »Es ist ein Mann!« rief eine. Sie meinte wohl, daß Bink kein Nix war, sondern ein Mensch. »Schaut euch seine gespaltenen Beine an. Er hat überhaupt keinen Schwanz.«

Plötzlich tauchten sie unter, um seine Beine zu begutachten. Sie faßten sie an und kneteten sie, um voller Neugier die ungewohnte Muskulatur zu erforschen. Aber warum kümmerten sie sich nicht auch um Fanchons Beine? Offenbar handelte es sich hier doch eher um einen Schabernack als um ehrliche Neugier.

Hinter ihnen tauchte Trents Kopf aus dem Wasser auf. »Meerjungfrauen«, meinte er. »Von denen hat man nichts.«

So sah es auch aus. Es sah allerdings auch so aus, als könnte man dem Magier nicht aus dem Weg gehen. »Ich glaube, wir schließen doch das Abkommen«, sagte Bink zu Fanchon. »Manchmal muß man eben einfach vertrauen.«

Sie sah die Meerjungfrauen an und blickte dann zu Trent hinüber. »Von mir aus«, sagte sie ungnädig. »Was immer das wert sein mag. Wird schon was sein.«

»Eine vernünftige Entscheidung«, sagte Trent. »Unsere Endzielvorstellungen mögen ja voneinander abweichen, aber auf kürzere Sicht wollen wir alle nur eins: überleben. Da kommen schon die Tritonen.«

Aus einem anderen Höhlenzugang kam eine Gruppe Meeritianner angeschwommen. Das hier schien ja ein wahres Labyrinth von Höhlen und Kanälen zu sein!

»Holla!« rief einer der Tritonen und schwenkte seinen Dreizack. »Spießbraten!«

Die Meerjungfrauen kreischten fröhlich auf und tauchten davon. Bink vermied es, Fanchons Blick zu erwidern. Die Damen hatten sich sehr mit ihm amüsiert, und es war offensichtlich, daß das nicht nur mit seinen gespaltenen Beinen zu tun gehabt hatte.

»Es sind zu viele, um sie zu bekämpfen«, meinte Trent. »Das Elixier ist fort. Im Rahmen unseres Abkommens werde ich Sie beide, sofern Sie damit einverstanden sein sollten, in Fische verwandeln. Oder vielleicht besser in Reptilien, damit Sie entkommen können. Allerdings…«

»Wie werden wir dann wieder zurückverwandelt?« fragte Fanchon.

»Das ist der springende Punkt. Ich kann mich nicht selbst verwandeln. Folglich werden Sie mich retten müssen – oder Sie werden nicht zurückverwandelt. Also werden wir entweder gemeinsam gerettet oder getrennt leiden müssen. Ist das ein faires Angebot?«

Sie blickte die Tritonen an, die verbissen auf sie zukamen, sie umringten und ihre Dreizacke schwenkten. Sie sahen alles andere als verspielt aus. Es war offensichtlich eine Bande von Rabauken, die sich vor den Meerjungfrauen, die inzwischen wieder am Ufer aufgetaucht waren, mächtig aufspielen wollten. »Warum verwandeln Sie die denn nicht in Fische?«

»Wenn ich sie alle auf einmal erwischen könnte, dann würde das die unmittelbare Gefahr bannen«, gab Trent zu. »Aber damit wären wir noch nicht aus der Höhle. Ich glaube, daß wir früher oder später sowieso unsere Magie an uns selbst ausprobieren müssen. Und außerdem sind wir hier die Eindringlinge. Es gibt schließlich noch so etwas wie eine Ethik des Besitzes…«

»Also gut!« rief sie, als einer der Tritonen seinen Dreizack zum Stoß erhob. »Machen wir’s nach Ihrer Methode.«

Plötzlich war sie ein Ungeheuer, und zwar eines der schlimmsten, das Bink jemals gesehen hatte. Sie besaß einen riesigen grünlichen

Panzer um ihren Körper, aus dem Arme, Beine, Kopf und Schwanz hervorragten. Sie hatte Flossenfüße und einen Schlangenkopf.

Der Dreizack des Tritons prallte an Fanchons Panzer ab, und plötzlich begriff Bink den Sinn dieser Verwandlung: Dieses Monster war unverwundbar.

»Meeresschildkröte«, murmelte Trent. »Mundan. An sich ganz harmlos, aber das wissen diese Meerleute ja nicht. Ich habe mich mit nichtmagischen Tieren befaßt und habe einen großen Respekt vor ihnen. Hoppla!« Wieder wurde ein Dreizack geschleudert.

Dann war Bink selbst zu einer Schildkröte geworden. Mit einemmal fühlte er sich im Wasser völlig wohl und fürchtet sich auch nicht mehr vor den gezackten Speeren. Wenn eine auf sein Gesicht zielen sollte, dann würde er einfach den Kopf einziehen. Er konnte ihn zwar nicht völlig zurückziehen, aber der ihn umgebende Panzer würde so gut wie alles abhalten.

Irgend etwas zerrte an seinem Panzer. Bink tauchte davon um es loszuwerden, doch dann begriff sein Reptiliengehirn daß er sich wohl damit abfinden mußte. Es war kein Freund, aber ein Verbündeter – wenigstens jetzt noch. Also tauchte er tiefer und versuchte nicht mehr, das Wesen abzuschütteln.

Vor ihm war die andere Schildkröte bereits in einen Unterwassertunnel eingedrungen. Bink machte sich wegen der mangelnden Luft keine Sorgen. Er wußte, daß er den Atem so lange anhalten konnte, wie es nötig war.

Es dauerte jedoch nicht lange. Dieser Tunnel führte schräg empor an die Oberfläche. Bink erblickte den Mond, als er aus dem Wasser stieß. Der Sturm hatte sich inzwischen gelegt.

Sofort wurde er wieder zu einem Menschen – und schon war das Schwimmen wesentlich anstrengender. »Warum haben Sie mich zurückverwandelt?« fragte er. »Wir sind doch noch nicht am Ufer.«

»Wenn Sie eine Schildkröte sind, dann benutzen Sie auch das Hirn einer Schildkröte und ihre Instinkte«, erklärte Trent, »sonst könnten Sie als Schildkröte auch nicht überleben. Wenn es zu lange dauert, dann könnte es passieren, daß Sie vergessen, jemals ein Mensch gewesen zu sein. Wenn Sie ins Meer hinausgeschwommen wären, dann hätte ich Sie vielleicht nicht mehr rechtzeitig erwischt und also auch nicht wieder umwandeln können.«

»Justin Baum hat aber seinen menschlichen Verstand beibehalten«, bemerkte Bink.

»Justin Baum?«

»Einer der Menschen, die Sie in Bäume verwandelt haben. Im Norddorf. Er konnte seine Stimme projizieren, das war sein Talent.«

»Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Das war ein Sonderfall. Den habe ich in einen denkenden Baum verwandelt, eigentlich in einen Menschen in der Gestalt eines Baumes, nicht in einen richtigen Baum. Das kann ich schon, wenn ich mich darauf konzentriere. Bei einem Baum klappt das. Aber eine Schildkröte braucht Schildkrötenreflexe, um im Ozean überleben zu können.«

Das leuchtete Bink nicht ganz ein, aber er wollte sich nicht auf einen Streit einlassen. Offenbar war alles von Fall zu Fall verschieden. Da erschien Fanchon wieder in menschlicher Gestalt. »Na ja, immerhin haben Sie sich an die Abmachung gehalten«, sagte sie mürrisch. »Daran habe ich nicht wirklich geglaubt.«

»Ab und zu muß sich eben auch die Wirklichkeit einmischen!« erwiderte Trent.

»Was meinen Sie damit?«

»Ich sagte, daß wir noch nicht außer Gefahr sind. Ich glaube, daß eine Seeschlange auf dem Weg zu uns ist.«

Bink erblickte den riesigen Kopf des Ungeheuers und wußte sofort, daß es sie bereits bemerkt hatte. Es war ein sehr großes Wesen, allein der Kopf hatte schon einen Durchmesser von über einem Meter. »Vielleicht sind die Felsen…« rief Bink und zeigte

auf die aus dem Wasser ragenden Steine, die den Ausgang der Tritonenhöhle markierten.

»Das Ding ist groß und lang«, sagte Fanchon. »Es könnte in die Höhle hinein oder sich auch um die Felsen wickeln. In dieser Gestalt können wir ihm nicht entkommen.«

»Ich könnte Sie beide wohl in giftige Quallen verwandeln, die von Seeschlangen nicht gefressen werden«, meinte Trent, »aber dann könnten Sie in der ganzen Aufregung abhanden kommen. Es scheint auch, daß es nicht ratsam ist, mehr als einmal am Tag verwandelt zu werden. Das konnte ich aus naheliegenden Gründen in meinem Exil nicht überprüfen, aber ich mache mir Sorgen darüber, daß Ihre Körpersysteme jedesmal einen Schock bekommen könnten.«

»Und außerdem könnte das Ungeheuer Sie trotzdem noch fressen«, bemerkte Fanchon.

»Sie besitzen eine sehr rasche Auffassungsgabe«, stimmte Trent ihr freundlich zu. »Ich werde also etwas tun, was mir mißfällt, ich werde das Ungeheuer verwandeln.«

»Sie wollen die Seeschlange verwandeln?« fragte Bink erstaunt. Inzwischen war das Ding schon recht nahe gekommen und blickte seine Beute mit kleinen roten Augen an. Seine riesigen Zähne blitzten, und der Speichel troff ihm aus dem Maul.

»Es ist nur ein unschuldiges Wesen, das seinem Lebensunterhalt nachgeht«, sagte Trent. »Wir sollten uns nicht in sein Gewässer begeben, wenn wir nicht seinen Lebensstil zu teilen wünschen. Es gibt ein natürliches Gleichgewicht, in das wir, ob es nun magisch sein mag oder mundan, nicht eingreifen sollten.«

»Sie haben wirklich einen verqueren Sinn für Humor«, meinte Fanchon säuerlich. »Aber ich habe ja auch nie behauptet, die feineren Nuancen böser Magie zu verstehen. Wenn Sie den Lebensstil des Viechs wirklich bewahren möchten, dann verwandeln Sie es eben in einen kleinen Fisch, bis wir an Land gegangen sind, und machen die Verwandlung danach wieder rückgängig.«

»Und beeilen Sie sich!« rief Bink. Das Ding bäumte sich nun über ihnen auf und nahm seine Zielobjekte ins Visier.

»Das würde nicht funktionieren«, erwiderte Trent. »Der Fisch würde davonschwimmen und verlorengehen. Ich muß das Wesen, das ich verwandeln will, erkennen können, und es darf nicht weiter entfernt sein als sechs Fuß. Aber Ihr Vorschlag ist durchaus nicht ohne eigene Vorzüge.«

»Sechs Fuß«, sagte Bink. »Bevor wir ihm so nahe kommen, sind wir bereits verschlungen.« Er wollte gar nicht witzig sein. Das Maul des Ungeheuers war viel höher, als es breit war, so daß die obere Zahnreihe gute zwölf Fuß von der unteren befand, wenn es sein Maul aufsperrte.

»Trotzdem, ich muß mich an meine Rahmenbedingungen halten«, sagte Trent seelenruhig. »Die kritische Region ist der Kopf, der Sitz der Identität. Wenn ich den verwandele, dann ergibt sich der Rest von selbst. Wenn ich es am Schwanz versuchte, dann würde ich nur Mist bauen. Also gerät es in meine Macht, sobald es versucht, mich zu verschlingen.«

»Und wenn es erst einen von uns attackiert?« wollte Fanchon wissen. »Angenommen, wir sind weiter als sechs Fuß von Ihnen entfernt?«

»Ich schlage vor, daß Sie es so einrichten, daß Sie sich innerhalb dieses Radius aufhalten«, entgegnete Trent trocken.

Hastig planschten Bink und Fanchon näher an den Bösen Magier heran. Bink hatte das vage Gefühl, daß sie auch dann noch in der Gewalt Trents gewesen wären, wenn er keine magischen Kräfte besessen hätte. Dazu war er zu selbstsicher, taktisch zu brillant. Er wußte, wie man mit Leuten umgehen mußte.

Der Leib des Seeungeheuers zog sich zusammen, und es stieß mit blitzenden Zähnen auf sie zu. Wie obszöne kleine Wölkchen versprühte es seinen Speichel. Fanchon schrie hysterisch auf, und Bink war sofort von Entsetzen erfüllt. Dieses Gefühl mußte er in letzter Zeit immer häufiger erleben. Er war eben einfach nicht zum Helden geboren.

Doch als die schrecklichen Kiefer über ihnen zusammenklappten, verschwand die Seeschlange plötzlich. An ihrer Stelle flatterte ein leuchtendes, grellbuntes Insekt. Trent fing es elegant mit einer Hand und setzte es auf seinen Kopf, wo es zitternd auf der Stelle blieb.

»Ein Liebeskäfer«, erklärte Trent. »Sie können nicht besonders gut fliegen, und sie hassen das Wasser. Dieser hier wird bei uns bleiben, bis wir aus dem Meer kommen.«

Nun schwammen sie zu dritt auf den Strand zu. Da die See immer noch unruhig war, brauchten sie, erschöpft wie sie waren, eine ganze Weile, aber immerhin wurden sie nicht von weiteren Ungeheuern belästigt. Offenbar wagte sich kein anderer Raubfisch in das Jagdrevier des Seeungeheuers. Das war nur zu verständlich – aber vermutlich würden binnen weniger Stunden ganze Heerscharen aggressiver Wesen dort auftauchen, wenn die Seeschlange nicht zurückkehren sollte. Wie Trent es formuliert hatte: Es gab immer ein natürliches Gleichgewicht.

Als sie in flachere Gewässer kamen, wurde das Leuchten stärker. Zum Teil waren Leuchtfische dafür verantwortlich, die sich mit bunten Lichtsignalen untereinander verständigten, doch zum größten Teil rührte es von dem Wasser selbst her. Da gab es fahlgrüne Wellen, gelbe, orangefarbene – alles war natürlich magisch, aber welchem Zweck diente es? Wo immer Bink hinblickte, überall gab es so vieles, was er nicht verstand. Am Meeresboden erblickte er Muscheln, die zum Teil um die Ränder herum leuchteten, während andere in bunten Mustern glühten. Als er über sie hinwegschwamm, verschwanden einige von ihnen. Er konnte nicht feststellen, ob sie wirklich unsichtbar geworden waren oder lediglich ihre Lichter gelöscht hatten. Aber auf jeden Fall waren es magische Wesen, und das war etwas Vertrautes. Erst jetzt stellte er fest, wie froh er doch war, wieder unter den wohl vertrauten Bedrohungen Xanths leben zu dürfen!

Als sie den Strand erreichten, dämmerte es gerade. Hinter dem Dschungel ging die Sonne auf und durchbrach die Wolken, um ihre Strahlen auf das Wasser zu werfen. Es war ein wunderschöner Anblick. Bink klammerte sich an diesen Gedanken, weil er vor Erschöpfung wie taub war.

Als er schließlich an Land krabbelte, kroch Fanchon neben ihn. »Noch nicht liegenbleiben«, sagte sie. »Wir müssen erst in Deckung, für den Fall, daß andere Ungeheuer kommen, entweder am Strand oder aus dem Dschungel…«

Doch Trent stand bis an die Knie in der Brandung. An seinem prächtigen Körper hing das Schwert herab, und er war offensichtlich nicht so müde wie sie. »Kehre zurück, Freund«, sagte er und schnippte etwas aufs Meer hinaus. Das Seeungeheuer erschien aufs neue, und seine schlangenähnlichen Bewegungen waren im flachen Wasser noch viel eindrucksvoller als auf hoher See. Trent mußte sich eilig verziehen, um nicht von dem peitschenden Schwanz erschlagen zu werden.

Aber das Ungeheuer war jetzt nicht mehr an Ärger interessiert. Es war ziemlich vergrätzt, stieß einen Schrei aus, der von Wut, Schmerz oder auch nur blankem Erstaunen herrühren mochte, und schwamm peitschend in tiefere Gewässer hinaus.

Trent kam an den Strand. »Es ist nicht besonders amüsant, ein hilfloser Liebeskäfer zu sein, wenn man gewöhnt ist, König der See zu spielen«, meinte er. »Ich hoffe nur, daß das Tier keinen Nervenzusammenbruch erleidet.«

Er sagte es ohne jedes Lächeln. Es war etwas Merkwürdiges an diesem Mann, dachte Bink, der Ungeheuern eine solche Liebe entgegenbrachte. Aber schließlich war Trent ja der Böse Magier der Gegenwart schlechthin. Er wirkte seltsam anziehend, er hatte Manieren und war gebildet, er war kräftig, geschickt und mutig – doch Ungeheuer standen ihm näher als Menschen. Es könnte in einer Katastrophe enden, wenn man das jemals vergessen sollte.

Es war doch seltsam, daß Humfrey der Gute Magier ein häßlicher kleiner Gnom war, der in seinem verbotenen Schloß seine Magie selbstsüchtig dazu einsetzte, sich zu bereichern, während Trent aus dem Stoff geschaffen war, aus dem man Helden machte. Die Zauberin Iris hatte schön und sexy ausgesehen, war aber in Wirklichkeit ziemlich farblos gewesen. Humfreys gute Eigenschaften wurden in seinen Taten offenbar, wenn man ihn erst einmal kannte. Doch Trent hatte sich, zumindest was die rein persönliche Ebene anging, bisher gut verhalten und auch einen solchen Eindruck gemacht. Wenn Bink ihm zum erstenmal in der Krakenhöhle begegnet wäre, ohne etwas von der bösen Natur des Mannes zu wissen, dann wäre er niemals darauf gekommen.

Trotz des beschwerlichen, anstrengenden Schwimmens wirkte Trent kaum erschöpft. Das junge Sonnenlicht ließ sein Haar hellgelb schimmern. Jetzt sah er aus wie ein Gott, wie ein vollkommener Mensch. Wieder war Bink verwirrt, als er versuchte, das Aussehen dieses Mannes mit dem in Einklang zu bringen, was er über seinen Charakter wußte, und wieder merkte er, wie unmöglich es ihm war. Manche Dinge mußte man eben einfach glauben.

»Ich muß mich ausruhen, schlafen«, murmelte Bink. »Im Augenblick kann ich nicht das Gute vom Bösen unterscheiden.«

Fanchon blickte zu Trent hinüber. »Ich weiß, was du meinst«, sagte sie und schüttelte den Kopf, so daß ihr strähniges Haar sich verschob. »Das Böse hat eine hinterhältige Art an sich, und in jedem von uns steckt etwas Böses, das gerne die Herrschaft an sich reißen würde. Wir müssen dagegen ankämpfen, so verführerisch es auch sein mag.«

Trent trat zu ihnen. »Sieht so aus, als hätten wir es geschafft«, sagte er fröhlich. »Ist ja wirklich schön, wieder in Xanth zu sein, wie zufällig das auch zustande gekommen sein mag. Es liegt eine gehörige Ironie darin, daß Sie beide, die Sie mein Eindringen noch verhindern wollten, es selbst begünstigt haben.«

»Sehr ironisch«, stimmte Fanchon ausdruckslos zu.

»Ich vermute, daß dies hier die Küste der zentralen Wildnis ist, die im Norden von der Großen Spalte begrenzt wird. Ich hätte gar nicht gedacht, daß wir so weit nach Süden abgetrieben worden sind, aber die Landschaftsmerkmale sind doch eindeutig. Das bedeutet, daß wir wahrscheinlich noch lange nicht in Sicherheit sind.«

»Bink ist ein Exilant, Sie hat man verbannt, und ich bin häßlich«, brummte Fanchon. »Wir werden niemals in Sicherheit und ohne Ärger leben können.«

»Trotzdem würde ich es für ratsam halten, unser Abkommen zu verlängern, bis wir aus der Wildnis heraus sind«, sagte der Magier.

Wußte Trent irgend etwas, das Bink nicht wußte? Bink besaß keine magischen Fähigkeiten, also war er ein willkommenes Opfer für all die finsteren, üblen Zauber des Dschungels. Fanchon besaß keine offensichtliche Magie – seltsam, sie hatte gesagt, daß sie freiwillig ins Exil gegangen sei, aber wenn sie keine Magie besaß, dann hätte man sie doch verbannen müssen. Jedenfalls war sie wohl in der gleichen Lage. Doch Trent hatte mit seinen Fähigkeiten und im Besitz eines Schwerts und magischer Kräfte keinerlei Grund, sich vor diesem Gebiet zu schützen.

Auch Fanchon hegte ähnliche Zweifel. »Solange wir mit Ihnen zusammen sind, sind wir ständig in der Gefahr, von Ihnen in Kröten verwandelt zu werden. Meiner Meinung nach kann die Wildnis auch nicht schlimmer sein.«

Trent breitete die Hände aus. »Es ist mir bewußt, daß Sie mir nicht trauen, und vielleicht haben Sie auch einleuchtende Gründe dafür. Ich bin der Meinung, daß unserer aller Sicherheit besser gewährleistet wäre, wenn wir noch eine Weile zusammenarbeiteten. Aber ich will Ihnen meine Gesellschaft nicht aufdrängen.« Er drehte sich um und schritt in südlicher Richtung den Strand entlang.

»Er muß irgend etwas wissen«, meinte Bink. »Er läßt uns hier liegen, damit wir umkommen. Auf diese Weise kann er uns loswerden, ohne sein Wort zu brechen.«

»Warum sollte er sich wegen seines Wortes Sorgen machen?« fragte Fanchon. »Das würde doch bedeuten, daß er ein Ehrenmann wäre.«

Darauf wußte Bink keine Antwort. Er kroch in den Schatten des nächsten Baumes und brach dort zusammen. In der vergangenen Nacht war er ohnmächtig gewesen, aber das war nicht dasselbe wie Schlaf.

Als er aufwachte, war es bereits Mittag – und er war an der Stelle festgenagelt. Er empfand keine Schmerzen, nur ein leichtes Jucken, aber er konnte weder Kopf noch Hände bewegen. Sie waren mit Tausenden von Fäden an den Boden gefesselt, als wenn die Wiese selbst…

O nein! Er hatte sich, benommen wie er gewesen war, achtlos in fleischfressendes Gras gelegt! Die Wurzelblätter waren leise und unmerklich in seinen Körper eingedrungen, ohne seinen Schlaf zu stören, und jetzt war er gefangen. Früher hatte er einmal ein Tierskelett auf einem solchen Grasstück in der Nähe des Norddorfes gesehen und sich gefragt, wie ein Wesen nur so dumm sein konnte, in eine solche Falle zu laufen. Jetzt wußte er es.

Er atmete noch, also mußte er auch rufen können. Er tat es mit einer gewissen Begeisterung: »Hilfe!«

Keine Antwort.

»Fanchon!« rief er. »Ich bin an den Boden gefesselt. Das Gras istdabei, mich aufzufressen.« Das war eigentlich eine Übertreibung. Er war nicht verletzt, sondern lediglich zur Regungslosigkeit verdammt. Aber die Fäden krochen immer mehr um ihn herum und würden schon bald damit anfangen, ihm die Proteine aus dem Körper zu saugen.

Immer noch nichts. Vielleicht war sie einem Schlafzauber verfallen oder sogar schon tot.

»Hilfe! Kann mir nicht irgend jemand helfen?« schrie er verzweifelt.

Das war wieder ein Fehler. Um ihn herum, im Wald und auf dem Strand, gerieten die Dinge in Bewegung. Er hatte seine eigene Hilflosigkeit herausposaunt, jetzt kamen sie auf ihn zu, um sie auszunutzen. Hätte er sich leise gegen das Gras gestemmt, so hätte er sich vielleicht losreißen können. Doch jetzt hatte er mit seinem Geschrei weitere Gefahren herbeigelockt, die vielleicht noch schlimmer waren.

In einem nahe gelegenen Baum war ein Rascheln zu hören, wie von einem fleischfressenden Eichhörnchen. Vom Strand her war ein Kratzen zu hören, wie von hungrigen Säurekrabben, während im Meer ein kleineres Seeungeheuer, das sich ins Jagdrevier des größeren eingeschlichen hatte, herumplanschte. Nun versuchte es, aus dem Wasser zu kommen, um sich seine Beute zu holen. Doch das furchterregendste Geräusch war ein dumpfes Stampfen tief im Wald, das immer schneller näher kam.

Plötzlich fiel ein Schatten auf ihn. »Hallo!« rief eine schrille Stimme. Es war eine Harpyie, ähnlich der, die er auf dem Rückweg zum Norddorf getroffen hatte. Sie war genauso häßlich, übelriechend und widerlich – und gefährlich. Mit greifenden Klauen stieß sie langsam zu ihm hinunter. Die andere Harpyie hatte ihn gesund und kräftig erlebt und sich deswegen außerhalb seiner Reichweite aufgehalten, doch die hier sah, wie hilflos er war.

Sie besaß ein menschliches Gesicht und menschliche Brüste, so daß sie in diesem Sinne weiblichen Geschlechts war wie die Meerjungfrauen. Doch statt der Arme hatte sie Schwingen, und ihr Körper war der eines fetten Vogels. Außerdem war sie ein schmutziger Vogel; nicht nur, daß ihr Gesicht und ihre Brüste bizarr geformt waren, sie waren auch noch mit Schmutz bedeckt. Es war ein Wunder, daß sie überhaupt fliegen konnte. Bink hatte bisher keine Gelegenheit dazu gehabt, die Qualitäten einer Harpyie auf nähere Entfernung zu würdigen, und auch jetzt stand ihm keineswegs der Sinn danach. Doch nun hatte er einen ausgezeichneten Anblick von unten. Brr! Die Meerjungfrauen hatten vieles an sich gehabt, was an der weiblichen Gestalt schön war; diese Harpyie war der häßliche Aspekt. Fanchon sah dagegen noch einigermaßen annehmbar aus. Fanchon war wenigstens sauber.

Sie stürzte sich mit ihren Klauen auf ihn herab. Einige waren gebrochen und zerfetzt. Ihr Gestank war schlimmer als alles, was er jemals gerochen hatte. »Oooh, du hübsches großes Stück Fleisch!« kreischte sie. »Du siehst aber lecker aus! Ich weiß ja kaum, was ich mir zuerst holen soll.« Dann lachte sie hysterisch.

Bink war entsetzt und riß mit übermenschlicher Anstrengung einen Arm aus der Umklammerung des Grases. Winzige Wurzeln schauten aus der Haut heraus, und es schmerzte sehr. Er lag auf der Seite, und eine Wange war am Boden festgewachsen, so daß er nur ein sehr begrenztes Sichtfeld hatte, doch seine Ohren nahmen die Geräusche all der schrecklichen Gefahren wahr, die um ihn herum lauerten. Er langte nach der Harpyie, und erschreckt wich sie einen Augenblick zurück. Natürlich war sie feige; Charakter und Aussehen waren in diesem Fall eins.

Ihre Schwingen flatterten schwerfällig, und eine schmutzige Feder fiel auf ihn herab. »Oooh, was für ein böser Junge!« kreischte sie. Sie schien nur kreischen zu können. Ihre Stimme war so schrill, daß man sie kaum verstand. »Dafür lutsch’ ich dir den Magen aus!« Wieder keckerte sie schrill.

Doch nun fiel ein weiterer Schatten auf Bink. Er konnte die Gestalt nicht sehen, aber sie wirkte schrecklich. Er hörte ihr schweres Atmen und roch ihren Aasgeruch, der einen Augenblick lang den Gestank der Harpyie übertönte. Es war ein Wesen aus dem Meer, das mit seinen Füßen über den Boden schlurfte, während es vorwärts buckelte. Es beschnüffelte ihn – und alle anderen Wesen wichen zurück, vor Furcht, es mit diesem Raubtier aufnehmen zu müssen.

Bis auf die Harpyie: Sie war bereit, von ihrem sicheren Platz in der Luft herab alles zu beschimpfen, was sich ihr in den Weg stellte. »Hau ab, Argus!« kreischte sie. »Er ist mein, ganz mein, besonders sein Magen!« Dann stürzte sie wieder auf ihn hinab und vergaß dabei seinen freien Arm. Diesmal hatte Bink nichts

dagegen. Den schmutzigen Vogel konnte er abwehren, doch dieses andere Ding war zuviel für ihn. Sollte sie sich doch einmischen, soviel sie wollte!

Das Wesen schnaubte und machte einen Satz. Mit überraschender Gelenkigkeit sprang es über Bink hinweg. Jetzt sah er, wen er vor sich hatte: den Körper und den Schwanz eines großen Fisches, vier stämmige Beine, die in Flossen endeten, einen gehörnten Eberkopf ohne Hals. Auf seinem Torso waren drei Augen zu sehen, das mittlere lag etwas tiefer als die anderen. Bink hatte noch nie ein solches Ungeheuer gesehen – es war ein Landgeherfisch.

Die Harpyie flog gerade noch rechtzeitig davon, um nicht von den halbkreisförmigen Hörnern des Dings aufgespießt zu werden. Wieder fiel eine stinkende Feder herab. Voll Zorn kreischte sie einige wirklich üble Schimpfwörter und ließ Kot herabfallen, doch das Ungeheuer beachtete sie nicht mehr und drehte sich wieder zu Bink um. Es öffnete sein Maul, und Bink ballte die Hand zur Faust, um auf seine Schnauze zu schlagen, was immer das auch noch helfen mochte. Doch plötzlich hielt es inne und starrte unheilvoll über Binks Schulter.

»Jetzt kriegst du Keile, Argus!« kreischte die Harpyie schadenfroh. »Selbst ein fischiger Schlagetot wie du kann keine Catoblepas ignorieren.«

Bink hatte weder von Argus noch von Catoblepas gehört, doch er hatte sofort eine böse Vorahnung. Er spürte, wie die Schnauze des versteckten Ungeheuers ihn stupste. Sie war seltsam weich, aber doch kräftig genug, um ihn zur Hälfte aus dem Gras zu reißen.

Dann stürmte der Argus mit der Schweineschnauze wütend vor, um seine Mahlzeit zu retten. Bink ließ sich wieder flach auf den Boden fallen und spürte, wie die schleimigen Flossen über seinen Körper glitten und ihn immer weiter aus den Fängen des Grases rissen. Langsam wurde er frei!

Die beiden Tiere rammten gegeneinander. »Immer drauf, ihr Monster!« gellte die Harpyie, die in der Luft über der Szene schwebte. Aufgeregt ließ sie erneut Kot fallen, der Bink nur um Haaresbreite verfehlte. Wenn er doch nur einen Stein hätte, den er nach ihr werfen könnte!

Er setzte sich auf. Ein Bein war noch vom Gras gefangen, aber nun hatte er genügend Hebelwirkung, um es mühelos freizubekommen. Es tat nicht einmal mehr weh. Er blickte zu den kämpfenden Ungeheuern hinüber und sah, wie sich das schlangenartige Haar der Catoblepas um den Kopf, die Hörner, die Ohren, Schuppen und Augenbälle des Argus wickelten – um alles, was an ihm greifbar war. Der Leib der Catoblepas war mit reptilischen Schuppen bedeckt, die von ihrem Gorgonenhaupt bis zu ihren Spalthufen reichten und sie für den Argus unangreifbar machten. Ansonsten glich sie einem gewöhnlichen Vierbeiner, und es war nichts Außergewöhnliches an ihr – bis auf dieses tödliche, schlängelnde Greifhaar am Kopf.

Hatte er wirklich in das magische Land Xanth zurückkehren wollen? Er hatte seine häßlichen Aspekte bequemerweise vergessen. In der Magie steckte ebensoviel Böses wie Gutes. Vielleicht wäre Mundania doch besser gewesen.

»Narren!« schrie die Harpyie, als sie sah, daß Bink frei war. »Er haut ab!« Doch die Ungeheuer waren jetzt zu sehr in ihren Kampf vertieft und beachteten sie nicht. Der Sieger würde sich zweifellos an dem Besiegten gütlich tun, so daß Bink hier überflüssig war.

Ohne jede Vorsicht stürzte sie sich wieder auf ihn, doch inzwischen stand er aufrecht und konnte sich wehren. Er packte einen ihrer Flügel und versuchte, ihren Hals zu umgreifen. Nur zu gerne hätte er sie erwürgt und mit ihr all die Bösartigkeit Xanths, doch sie flatterte und krächzte so wild, daß er schließlich nur noch ein Büschel klebriger Federn in den Händen hielt.

Bink nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Einen Augenblick lang verfolgte ihn die wüst schimpfende Harpyie, doch schließlich gab sie es auf. Allein hatte sie keine Chance gegen ihn.

Harpyien waren im Grunde Aasfresser und Diebe, keine Jäger. In der Regel schnappten sie anderen die Nahrung weg.

Wo war Fanchon? Warum war sie ihm nicht zu Hilfe geeilt? Seine Schreie mußte sie doch gehört haben, es sei denn, sie war tot.

Nein, sie mußte irgendwo sein. Vielleicht unten am Meer, außer Hörweite, beim Fischen. Während der letzten beiden Tage war sie ihm unersetzlich gewesen und hatte ihre unverbrüchliche Treue gegenüber Xanth unter Beweis gestellt. Ohne sie wäre er den Fängen des Bösen Magiers niemals entkommen. Was Intelligenz und Persönlichkeit anging, war sie allen anderen Mädchen, denen er jemals begegnet war, weit überlegen. Wirklich schade, daß sie nicht…

Da erblickte er sie, wie sie gegen einen Baum lehnte.

»Fanchon!« rief er froh.

»Hallo Bink«, erwiderte sie.

Jetzt verwandelte sich seine Sorge in Wut. »Hast du nicht gesehen, wie ich von diesen Ungeheuern angegriffen wurde? Hast du mich nicht gehört?«

»Ich hab’s gesehen und gehört«, sagte sie ruhig.

Bink war verblüfft und wütend. »Warum hast du mir dann nicht geholfen? Du hättest doch wenigstens einen Stock holen oder Steine werfen können. Ich bin ja beinahe bei lebendigem Leib aufgefressen worden!«

»Es tut mir leid«, sagte sie.

Er trat einen Schritt näher an sie heran. »Es tut dir leid! Du stehst hier rum, ruhst dich aus und tust nichts, und…« Er beendete seinen Satz nicht, weil ihm plötzlich die Worte fehlten.

»Vielleicht, wenn du mich von dem Baum fortbringen könntest…« sagte sie.

»Ins Meer werde ich dich schmeißen!« rief er. Er schritt zu ihr hinüber, beugte sich vor, um sie grob am Arm zu packen und spürte, plötzlich, wie ihn eine Welle der Mattigkeit durchflutete.

Da begriff er: Der Baum hatte einen Lethargiezauber über sie gelegt und fing jetzt an, auch ihn in Beschlag zu nehmen. Wie bei dem fleischfressenden Gras war es auch hier eine Frage der Zeit, bis der Zauber voll zur Wirkung gelangte. Sie mußte sich erschöpft hier zur Ruhe gelegt haben, so unvorsichtig und achtlos, wie er es auch gewesen war, und nun war sie kaum noch bei Bewußtsein. Es gab hier keinerlei Gefühl der Bedrohung, durch das unachtsame Opfer gewarnt worden wären, nur ein langsames, unmerkliches Absaugen der Vitalität, der Kraft und des Willens, bis alles vorüber war. Eigentlich genau wie bei dem Gras, nur weniger greifbar.

Er schüttelte den Einfluß ab, kauerte sich neben ihr nieder und fuhr mit den Armen unter ihren Rücken und ihre Beine. Er war noch nicht sonderlich geschwächt. Wenn er schnell handelte…

Er versuchte, sie aufzuheben – und entdeckte, daß ihm seine Kauerstellung ein trügerisches Gefühl des Wohlbefindens verliehen hatte.

Er konnte sie nicht aufheben. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er allein stehen konnte. Er wollte sich einfach nur hinlegen und sich einen Augenblick ausruhen.

Nein! Das wäre das Ende. Er durfte es nicht riskieren, dem nachzugeben. »Tut mir leid, daß ich dich angeschrien habe«, sagte er. »Ich wußte ja nicht, was mit dir los ist.«

»Schon gut, Bink. Nimm’s nicht so tragisch.« Sie schloß die Augen.

Er ließ sie los und kroch auf allen vieren zurück. »Lebwohl«, sagte sie matt und öffnete wieder ein Auge. Sie war schon fast erledigt.

Er ergriff einen ihrer Füße und zerrte daran. Wieder überfiel ihn ein Schwächegefühl und machte sein Vorhaben zunichte. Es war genausosehr seelisch wie körperlich. Er konnte sie nicht hervorziehen oder wegtragen. Er versuchte es dennoch und überwand mit seiner Sturheit die Magie, doch ohne Erfolg. An dieser Stelle war sie zu schwer für ihn.

Er wich weiter zurück, und prompt kehrten mit wachsendem Abstand zum Baum Energie und Willenskraft zurück. Doch jetzt war sie außerhalb seiner Reichweite. Er stand auf und machte einen Schritt nach vorn – und verlor wieder jede Kraft, so daß er zu Boden stürzte. Auf diese Weise würde er niemals Erfolg haben.

Wieder kroch er zurück. Vor Anstrengung war er nun schweißgebadet, doch wenn er nicht diese Sturheit besessen hätte, wäre er niemals so weit gekommen. »Ich kriege dich von dort nicht weg und verschwende nur Zeit«, sagte er. »Vielleicht kann ich dich mit einem Seil herausziehen.«

Doch er besaß kein Seil. Er schritt den Dschungelrand entlang, bis er eine herabhängende Liane entdeckte. Wenn er die abreißen könnte, dann würde sie ihren Zweck schon erfüllen. Er packte sie mit einer Hand – und schrie auf. Das Ding zuckte in seinem Griff und wickelte sich um sein Handgelenk. Oben vom Baum schlängelten sich weitere Lianen auf ihn herab. Das war ja ein Landkrake, eine Abart des Gewirrbaums! Noch immer war er viel zu unvorsichtig und lief in Fallen hinein, die er eigentlich sofort als solche hätte erkennen müssen.

Bink ließ sich fallen und riß mit ganzer Kraft an der Liane. Sie dehnte sich nur und wickelte sich noch fester um sein Handgelenk. Doch da hatte er auch schon einen spitzen Knochensplitter am Boden erspäht, ein Überbleibsel früherer Opfer. Er hob ihn mit der freien Hand auf und bohrte ihn in die Liane.

Aus der Wunde quoll dicker, orangefarbener Sirup. Der ganze Baum erzitterte vor Schmerz und zog die Liane zögernd zurück. Bink riß sich los. Das war mal wieder knapp gewesen!

Er rannte zum Strand hinunter, auf der Suche nach irgend etwas, was ihm dienlich sein konnte. Vielleicht fand er ja einen scharfen Stein, mit dem er eine Liane abschneiden konnte – doch nein, dann würden ihn die anderen Tentakel einfangen. Der Plan taugte

also nichts. Vielleicht ein langer Stock? Nein, das würde nur Ähnliches heraufbeschwören. Dieser scheinbar so friedliche Strand war ein Morast der Gefahr und wurde immer lebendiger. Alles hier war mittlerweile in Aufruhr geraten.

Dann erblickte er eine menschliche Gestalt: Trent, der mit gekreuzten Beinen auf dem Sand saß und irgend etwas betrachtete. Es sah aus wie ein bunter Kürbis. Vielleicht aß er ja gerade davon.

Bink blieb stehen. Trent könnte ihm helfen. Der Magier könnte den Schlafbaum in einen Salamander verwandeln und ihn töten oder wenigstens unschädlich machen. Doch auf lange Sicht stellte Trent eine viel größere Gefahr dar als der Baum. Wofür sollte er sich nun entscheiden?

Nun, er würde versuchen, zu verhandeln. Die eindeutige Gefahr, die von dem Baum ausging, mochte wohl weniger schlimm sein als das ungewisse Böse in dem Magier, aber auf jeden Fall war sie im Augenblick bedrohlicher.

»Trent«, sagte er zögernd.

Der Mann betrachtete ihn nicht. Er starrte weiterhin auf seinen Kürbis. Er schien ihn gar nicht zu essen. Was faszinierte ihn denn dann so daran?

Bink zögerte, den Mann zu provozieren, aber er wußte nicht, wie lange er noch warten durfte. Fanchon lag im Sterben. Wann war es zu spät mit ihr für eine Wiederbelebung, selbst wenn sie vor dem Baum gerettet wurde? Er mußte einfach ein Risiko eingehen.

»Magier Trent!« sagte er mit fester Stimme. »Ich glaube, wir sollten das Abkommen doch verlängern. Fanchon ist gefangen und…« Er hörte auf zu sprechen, denn der andere beachtete ihn immer noch nicht.

Binks Furcht verwandelte sich wieder in Wut, wie schon zuvor bei Fanchon. »Hören Sie zu, sie steckt in Schwierigkeiten!« fauchte er. »Wollen Sie ihr nun helfen oder nicht?«

Doch Trent würdigte ihn noch immer keines Blickes.

Matt und gereizt bekam Bink einen Tobsuchtsanfall.

Er schlug dem Magier den Kürbis aus der Hand und brüllte ihn an: »Verdammt noch einmal, antworten Sie mir gefälligst!« Der Kürbis flog sechs Fuß weit durch die Luft, fiel in den Sand und rollte weiter.

Trent blickte auf. Er wirkte nicht im mindesten wütend, eher milde erstaunt. »Hallo Bink!« sagte er. »Was haben Sie auf dem Herzen?«

»Was ich auf dem Herzen habe!« schrie Bink. »Das habe ich Ihnen doch dreimal gesagt!«

Trent sah ihn verwirrt an. »Ich habe Sie nicht gehört.« Er dachte nach. »Ich habe nicht einmal gesehen, wie Sie gekommen sind. Ich muß wohl eingeschlafen sein, obwohl ich das gar nicht wollte.«

»Sie haben dagesessen und den Kürbis angegafft«, erwiderte Bink hitzig.

»Jetzt fällt es mir ein. Ich habe ihn auf dem Strand liegen gesehen, und er wirkte so faszinierend…« Er brach ab und betrachtete seinen Schatten. »He, das war ja vor einer Stunde! Wie die Zeit vergeht!«

Bink spürte, daß hier irgend etwas nicht stimmte. Er schritt zu

dem Kürbis, um ihn aufzuheben.

»Halt!« bellte Trent. »Das Ding ist hypnotisch.«

Bink blieb abrupt stehen.

»Was?«

»Hypnotisch. Das ist ein mundanischer Begriff, der bedeutet, daß es einen in Trance fallen läßt, in einen Wachschlaf. Meistens dauert es eine Weile, aber eine magische Zauberhypnose könnte natürlich auch sofort wirken. Schauen Sie den Kürbis nicht allzu genau an. Seine hübschen Farben dienen wohl dazu, die Aufmerksamkeit des Auges auf ihn zu lenken. Außerdem besitzt er, ja, jetzt weiß ich es wieder, ein Guckloch. Wenn man auch nur einmal kurz hineinblickt, bleibt man eine Ewigkeit am Anblick seiner faszinierenden Innereien kleben. Ein sehr hübscher Einfall.«

»Aber wozu?« fragte Bink und vermied es, den Kürbis anzublicken. »Ich meine, ein Kürbis kann doch keinen Menschen fressen…«

»Aber der Kürbisstrauch vielleicht!« meinte Trent. »Es kann aber auch sein, daß ein gelähmter lebender Körper einen ausgezeichneten Nährboden für seine Samen abgibt. Es gibt Wespen in Mundania, die andere Wesen stechen, sie lähmen und dann ihre Eier in ihren Körpern ablagern. Wir können immer davon ausgehen, daß es irgendeinen Sinn haben muß.«

Doch Bink war noch immer erstaunt. »Wie kommt es denn, daß Sie, ein Magier…«

»Magier sind auch Menschen, Bink. Wir essen, schlafen, lieben, hassen und machen Fehler. Ich bin genauso anfällig für Magie wie Sie, ich habe lediglich mächtigere Waffen, um mich zu schützen. Wenn ich in völliger Sicherheit leben wollte, dann würde ich mich auch in einem steinernen Schloß vergraben wie mein FreundHumfrey. Meine Überlebenschancen in dieser Wildnis würden durch die Anwesenheit von ein oder zwei wachsamen, treuen Gefährten wesentlich erhöht. Deshalb habe ich ja auch vorgeschlagen, unser Waffenstillstandsabkommen zu verlängern, und ich meine noch immer, daß das eine ganz gute Idee wäre. Es ist ziemlich offensichtlich, daß ich Hilfe gebrauchen kann, auch wenn das bei Ihnen nicht der Fall sein sollte.« Er blickte Bink an. »Warum haben Sie mir eben geholfen?«

»Ich…« Bink schämte sich, zuzugeben, daß es eigentlich nur Zufall gewesen war. »Ich meine, wir sollten… das Abkommen verlängern.«

»Ausgezeichnet. Ist Fanchon damit einverstanden?«

»Sie braucht gerade Hilfe. Ein… sie ist in der Gewalt eines Schlafbaumes.«

»Oho! Dann werde ich mich für Ihren Dienst revanchieren, indem ich die Mamsell rette. Danach wollen wir uns über ein Abkommen unterhalten.« Mit diesen Worten sprang Trent auf.

Auf dem Weg zeigte Bink bereits von ferne auf den Lianenbaum, und Trent kappte mit seinem Schwert säuberlich eine Liane davon ab. Wieder wurde Bink an die Geschicklichkeit dieses Mannes erinnert, mit der dieser sein Schwert zu führen verstand. Selbst wenn man Trent aller seiner magischen Kräfte beraubt hätte, würde er immer noch gefährlich bleiben. In Mundania war er ja auch bis zum General einer Armee aufgestiegen.

Die Liane zuckte wie eine sterbende Schlange und verlor viel orangefarbenen Sirup, aber inzwischen war sie harmlos. Der Baum wankte eingeschüchtert, und fast tat er Bink leid.

Sie liefen zu Fanchon hinüber, wickelten die Liane um ihren Fuß und zerrten sie unsanft unter dem Baum hervor. Mit dem richtigen Gerät war so etwas alles kein Problem!

»Also dann«, sagte Trent forsch, nachdem Fanchon sich einigermaßen erholt hatte. »Ich schlage vor, daß wir unser Stillhalteabkommen verlängern, bis wir die Wildnis von Xanth hinter uns gebracht haben. Es sieht so aus, als kämen wir jeder für sich nur schwierig voran.«

Diesmal willigte Fanchon in den Vorschlag ein.