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Und sie lebten glücklich …

»Aber er hat dir doch immer geschmeckt«, protestierte Matt fassungslos.

Er stand auf der anderen Seite der Kücheninsel vor einem mit weißem Zuckerguss überzogenem Kuchen, auf dem eine einzelne blaue Kerze thronte. Ich fühlte mich fürchterlich dabei, ihm die Wahrheit sagen zu müssen, da es ihn schwer zu treffen schien. Aber ich wollte, dass heute einfach alles perfekt war.

»Wendy hat gelogen, Schatz«, sagte Willa. Sie ging mit einer Schüssel Blaubeeren an ihm vorbei und gab ihm einen tröstenden Kuss auf die Wange, als könne sie so mein Geständnis wiedergutmachen.

»Aber …« Matt schüttelte verständnislos den Kopf. »Warum denn nur?«

»Sie wollte deine Gefühle nicht verletzen«, erklärte Willa. »Aber heute soll alles perfekt sein, deshalb muss die Wahrheit ans Licht.« Sie schaute ihn so reumütig wie möglich an. »Wir alle hassen deine Geburtstagskuchen.«

»Aber ihr habt sie doch immer gegessen!« Matts Fassungslosigkeit verwandelte sich in Empörung und er schaute zwischen Willa und mir hin und her. »Ich habe euch beiden Kuchen gebacken! Ich habe sogar Loki einen gebacken und er hat ihn gegessen!«

»Matt, ich liebe dich«, sagte Willa und berührte seine Schulter. »Und wir können uns später gerne noch über den Kuchen streiten. Aber im Moment haben wir keine Zeit dafür. Die Gäste werden gleich kommen.«

Wie aufs Stichwort klingelte es am Eingangstor.

»Ich mache auf«, sagte Willa und legte noch ein paar Bananen zu den Blaubeeren.

»Ich komme gleich«, rief ich ihr nach, aber zuerst ging ich zu meinem Bruder. »Sorry, Matt. Ich hätte es dir schon längst sagen müssen, aber ich fand es immer so schön, dass du dir solche Mühe für mich gegeben hast. Ich wollte dir das nicht verderben.«

»Schon okay.« Er starrte auf die Torte, steckte dann den Zeigefinger in den Zuckerguss und leckte ihn grimmig ab. »Ich bin bloß enttäuscht, weil ich ihm so gerne eine Torte gebacken hätte.«

»Er braucht keine Geburtstagstorte«, sagte ich lächelnd. »Ihm reicht es, wenn er Zeit mit seinem Lieblingsonkel Matt verbringen darf.«

Matt lächelte und schien sich wieder gefasst zu haben. Ich hörte Stimmen aus der Eingangshalle und geriet schon wieder in Panik. Ich plante seit einer Woche die perfekte Geburtstagsparty für meinen Sohn, und jetzt hatte ich Angst, dass im letzten Moment alles aus dem Ruder laufen würde.

»Ich muss jetzt los«, sagte ich und ging bereits in Richtung Tür. »Könntest du nachher den Joghurt mit hochbringen?«

»Klar.« Matt nickte.

Ich holte eine Schnabeltasse und eine Flasche Traubensaft vom Tresen, weshalb ich ursprünglich in die Küche gekommen war.

Willa war mit dem Obst hereingekommen, das sie für die Party besorgt hatte, und wir hatten Matt dabei erwischt, wie er heimlich seine Überraschungstorte verzierte. Also mussten wir ihm endlich sagen, dass weder die Tryll noch die Vittra seine Torten gerne aßen.

Als ich in der Halle ankam, standen Rhys und Rhiannon bereits im Foyer.

»Ihr habt es geschafft!« Ich strahlte und eilte zu ihnen. »Wie schön! Als ich das letzte Mal mit euch gesprochen habe, klang es, als hättet ihr bereits andere Pläne.«

Rhys grinste. »Na hör mal, mein Neffe hat heute Geburtstag. Das würde ich doch um nichts in der Welt verpassen wollen.«

Ich umarmte ihn ungelenk mit der Saftflasche in der Hand und er drückte mich fest an sich. Als er mich losließ, umarmte ich auch Rhiannon.

»Komm, ich nehme dir das ab«, sagte Rhys und griff nach der Flasche.

»Ich wusste nicht, dass wir Abendgarderobe tragen sollten«, sagte Rhiannon und musterte mich. Sie fuhr sich durch die roten Haare und zupfte an einem Ahornblatt, das sich in ihnen verfangen hatte. »Du siehst wunderschön aus.«

»Was?« Ich schaute an mir herunter. Ich trug zwar ein Kleid, aber das war weit weniger aufwändig als meine offiziellen Gewänder. Aber verglichen mit den Jeans, die Rhys und Rhiannon trugen, war ich tatsächlich ziemlich aufgetakelt. »Sorry. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich jetzt Königin bin. Ich habe mich so daran gewöhnt, Kleider zu tragen, dass ich mir in Hosen inzwischen komisch vorkomme.«

Ich war mittlerweile seit mehr als anderthalb Jahren Königin und hatte mich an all die Formalitäten gewöhnt, die mir anfangs so seltsam vorgekommen waren. Sicherlich hatte ich bei Weitem nicht Eloras Anmut und Klasse, aber ich wurde allmählich zu einer Frau, auf die meine Mutter stolz gewesen wäre.

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, winkte Rhiannon ab. »Du siehst toll aus.«

»Du auch«, sagte ich, und sie musste lachen. »Aber ich muss wieder hoch zur Party. Wollt ihr euch zuerst frisch machen? Ich habe euer altes Zimmer vorbereiten lassen.«

»Wir könnten unser Gepäck abladen«, sagte Rhys und hob seine Tasche auf. »Wo ist die Party?«

»In deinem alten Spielzimmer«, sagte ich. »Wir haben ein bisschen umdekoriert, und jetzt ist es perfekt für ihn.«

»Wie schön, dass es endlich jemand nutzt.« Rhys lachte.

»Wie läuft’s im College?« Ich warf ihm einen Blick über die Schulter zu, da er mir die Treppe hinaufgefolgt war. »Ist es okay, dass du ein paar Tage verpasst?«

»Ja, alles läuft gut.« Rhys nickte. »Ich darf nicht zu lange fehlen, also muss ich übermorgen schon wieder fahren.«

Ich runzelte die Stirn. »So bald schon? Wie schade. Aber ich freue mich, dass du hier bist. Ihr habt sicher beide viel zu tun.«

»Sicher nicht so viel wie du«, sagte Rhys, und ich lachte.

»Oh, du hast ja keine Ahnung.«

Das Leben als frisch gebackene Ehefrau, frisch gebackene Mutter und frisch gebackene Königin konnte ziemlich anstrengend sein. Ich regierte das Königreich seit meiner Krönung mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht. Wir standen zwar am Anfang einer neuen Ära des Friedens, aber da wir uns auf unbekanntem Terrain bewegten, bedeutete das nur noch mehr Arbeit für die Königin.

Aber ich hatte ein großartiges Beraterteam. Gemeinsam mit Tove, Willa, Garrett und Kanzler Bain hatte ich schon viele einschneidende Veränderungen bewirkt. Loki blieb gerne zu Hause und kümmerte sich um unseren Sohn, während ich arbeitete, und Matt und Willa waren begeisterte Babysitter.

Ich ging in Rhys’ altes Spielzimmer zu der Party, während Rhys und Rhiannon weiter zu ihrem Zimmer gingen. Rhys reichte mir den Saft und ich dankte ihm.

Schon bevor ich die Tür öffnete, hörte ich meinen Sohn kichern. Er musste das glücklichste Baby des Planeten sein. Sein rotbackiges Lächeln war ansteckend und er hatte die goldenen Augen seines Vaters und meine dunklen Locken geerbt.

Ich betrat das Spielzimmer und sah sofort, was seinen Lachanfall ausgelöst hatte. Mit Hilfe seiner Fähigkeiten ließ Tove meinen Sohn in der Luft schweben und schaukelte ihn leicht hin und her. Seine Ärmchen und Beinchen tanzten in der Luft, und er lachte so begeistert, dass seine gebräunte Haut ganz rot wurde.

»Tove«, rief ich. Ich stellte den Saft ab und pflückte meinen Sohn aus der Luft. »Hatte ich dir das nicht verboten?«

»Sorry, Wendy.« Tove lächelte verlegen. »Aber es macht ihm so viel Spaß.«

»Ist doch nicht schlimm, Wendy«, warf Loki ein.

Er stand etwas abseits und half Bain dabei, den Gabentisch zu schmücken. Bain hängte blaugrüne Girlanden auf und Loki reichte ihm die Reißnägel. Auf dem Tisch standen bereits eine Menge Geschenke in glänzendem Papier.

»Du weißt doch, dass Tove gut auf Oliver aufpasst«, sagte Loki.

»Und so können sie sich stundenlang miteinander beschäftigen«, fügte Bain hinzu.

Ich schaute auf das Baby in meinen Armen herab und Oliver begann sofort loszuplappern. Er konnte erst ein paar Worte wie Mama und Dada, aber meiner Meinung nach war sein Lieblingswort Dodo – seine Version von Tove. Im Moment liebte Oliver wahrscheinlich Tove am meisten, denn es machte ihm einen Riesenspaß, durchs Zimmer zu fliegen. Natürlich hätte auch ich ihn fliegen lassen können, aber ich traute mich meistens nicht.

»Du willst mit Onkel Tove spielen, richtig?«, fragte ich und versuchte, einen strengen Tonfall aufzusetzen. Aber das war völlig unmöglich, wenn er so glücklich wirkte. Seufzend gab ich meinen Sohn Tove zurück. »Aber sei vorsichtig und hör bald damit auf. Wenn Maggie dich erwischt, dreht sie durch.«

Tove lächelte folgsam. »Verstanden.« Er spielte genauso gern mit Oliver, wie Oliver mit ihm.

Loki kam zu mir und legte mir den Arm um die Taille. Er küsste mich auf die Wange und sagte: »Entspann dich doch.«

»Ich bin entspannt«, log ich und riss mich von Oliver los, um meinen Ehemann anzusehen. »Ich kann nur nicht glauben, dass er schon ein Jahr alt ist. Wie ist das denn passiert?«

»Tja, wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit schnell.« Loki grinste breit.

Ich küsste ihn auf den Mund. »Ich muss noch schnell alles fertig machen. Rhys und Rhiannon sind schon hier.«

Ich hob die Saftflasche vom Boden, ging zum Buffet und goss sie in die Bowleschüssel. Willa arrangierte gerade die Früchte und die anderen Snacks auf dem Tisch.

Am Samstag würde im großen Ballsaal eine riesige, offizielle Geburtstagsparty für Oliver stattfinden, zu der das gesamte Königreich eingeladen war.

Da Oliver seit Jahrhunderten der erste Prinz war, der nicht als Changeling aufwuchs, waren alle Tryll vernarrt in ihn.

Als ich verkündet hatte, dass ich Oliver selbst großziehen würde, hatten nicht alle verständnisvoll reagiert. Sogar jetzt noch akzeptierten nicht alle meine Entscheidung. Aber ich war fest entschlossen, eine Richtungsänderung durchzusetzen. Wenn wir als Königreich wachsen und gedeihen wollten, mussten wir unsere Kinder selbst großziehen und ihnen unsere Traditionen beibringen. Nur das würde sie daran hindern, uns zu verlassen, sobald sie die Möglichkeit dazu bekamen.

Irgendwann gaben die Tryll nach, wahrscheinlich hauptsächlich deshalb, weil sie mir inzwischen vertrauten. Nachdem ich den Vittra-König besiegt und die beiden Königreiche friedlich vereinigt hatte, war ihnen klar geworden, dass ich ihre Situation tatsächlich verbessern konnte.

Natürlich war es ein kleiner Skandal gewesen, dass ich nur einen Monat nach meiner Hochzeit mit Loki ankündigte, dass ich bereits im sechsten Monat schwanger war. Toves Mutter hatte ursprünglich vermutet, er sei der Vater, aber Tove hatte ihr in deutlichen Worten gesagt, dass das nicht der Fall sein konnte.

Es freute mich, dass die Tryll Oliver so sehr ins Herz geschlossen hatten, aber ich wollte vor der Riesenparty am Samstag trotzdem noch in kleiner Runde seinen Geburtstag feiern. Willa und Bain hatten netterweise die Planung für unsere kleine Feier übernommen.

Nachdem Rhys letzten Herbst ans College gegangen war, hatten wir sein altes Spielzimmer neu dekoriert. Viel mussten wir nicht verändern, aber wir stellten neue Spielsachen hinein und restaurierten das Deckengemälde. Willa und Bain hatten das Zimmer heute Morgen mit bunten Girlanden geschmückt und in allen Ecken Luftballons aufgehängt.

Die Tür des Spielzimmers schwang auf und ich warf Tove einen beschwörenden Blick zu. Sanft setzte er Oliver auf dem Boden ab. Aber es war nur Matt, der den Joghurt mitbrachte, um den ich ihn gebeten hatte. Rhys und Rhiannon folgten ihm.

Sobald Olivers Füße den Boden berührten, quietschte er empört und wackelte dann zu Loki. Vor lauter Eile fiel er beinahe hin, aber Loki fing ihn auf und nahm ihn auf den Arm.

»Hallo, mein Sohn«, sagte er und küsste ihn auf die Wange.

Matt begann sofort, Rhys über sein Studium auszufragen, also nahm Willa ihm die Joghurtschüssel ab. Sie setzte sie auf dem Tisch hinter mir ab, stellte sich dann neben mich und musterte das Zimmer.

»Okay. Ich glaube, mehr zu dekorieren hat keinen Zweck«, sagte sie.

Bain war mit dem Gabentisch fertig und schien ebenfalls dieser Meinung zu sein. Er stand neben Tove, der ihm den Arm um die Schulter gelegt hatte. Tove hatte sich noch nicht offiziell zu seiner Homosexualität bekannt, aber er versteckte sie auch nicht. Und wer Zeit mit ihm und Bain verbrachte, merkte sofort, wie sehr die beiden einander liebten.

»Toll gemacht, Willa«, sagte ich lächelnd. »Danke.«

»Jederzeit gerne«, sagte Willa. »Wann soll die Party eigentlich anfangen?«

Ich schaute auf die Sternenzeiger der Monduhr an der Wand. »Äh … jetzt.«

»Wer fehlt denn noch?«, fragte Willa.

Ich wollte gerade antworten, da stürmte Maggie mit ihrer üblichen Eile ins Spielzimmer. Garrett folgte ihr. Er trug mehrere Pakete auf dem Arm.

»Wo ist das Geburtstagskind?«, fragte Maggie, und bevor Loki antworten konnte, ging sie zu ihm und nahm Oliver auf den Arm. »Du bist aber groß und stark geworden!«

»Danke. Ich habe trainiert.« Loki grinste und sie schlug ihm spielerisch auf die Schulter.

»Ich rede von deinem zauberhaften Sohn.« Maggie bewunderte Oliver, der fröhlich auf sie einplapperte. »Ich habe dich auch vermisst, mein Kleiner.«

Nachdem Maggie eine Zeitlang bei uns im Palast gewohnt hatte, nahm sie ihre Reisen wieder auf. Seit ein paar Monaten nahm sie in Frankreich Malunterricht, was sie sich schon immer gewünscht hatte. Jetzt hatte sie endlich die Gelegenheit dazu. Deshalb erzählte sie Oliver jetzt auf Französisch, wie niedlich er sei.

Garrett schleppte die Pakete in Richtung Tisch, aber Bain und Tove nahmen sie ihm ab. Ich hatte Garrett gebeten, Maggie vom Flughafen abzuholen, da wir anderen so viel zu tun hatten. Außerdem schienen Garrett und Maggie sich zu mögen, und seit dem Tod meiner Mutter war er ein bisschen einsam gewesen.

Sobald er seine Geschenke losgeworden war, ging er zu Rhiannon und umarmte sie. Er hatte sie aufgezogen, und obwohl sie eine Mänks war, immer als seine Tochter betrachtet.

Willa ging zu ihrem Vater und begann eine Unterhaltung mit ihm und Rhiannon. Die beiden hatten sich anfangs nicht gut verstanden, aber seit Willa mit Matt zusammen war, hatte sich ihr Verhältnis verbessert. Sie würden zwar nie Schwestern sein, aber sie waren zumindest Freundinnen geworden.

Maggie hatte offenbar vor, den ganzen Nachmittag lang Französisch mit Oliver zu sprechen, aber ich beschloss, mich in das Gespräch einzuschalten und herauszufinden, wie es ihr ging. Sie umarmte mich, als ich vor ihr stand, und zerquetschte den Kleinen beinahe zwischen uns.

»Du siehst großartig aus«, schwärmte Maggie, als sie mich wieder freigegeben hatte. »Die Mutterschaft scheint dir gut zu bekommen. Du leuchtest geradezu!«

»Danke.« Ich zeigte auf sie. »Du siehst aber auch sehr gut aus. Frankreich tut dir offenbar gut.«

»Oh, es ist wundervoll dort«, sagte Maggie dramatisch. »Du musst mich unbedingt mit deiner Familie besuchen.«

Duncan kam ein paar Minuten später herein und brachte den Spezialkuchen mit, den ich in einer Föreninger Bäckerei für Oliver bestellt hatte. Er bestand nur aus Zutaten, die ihm schmecken würden, und enthielt keine industriell bearbeiteten Lebensmittel. Die würde er nur wieder ausspucken.

»Gib her.« Matt nahm Duncan den Kuchen ab. »Ich stelle ihn zu dem anderen Essen, aber ich will euch mal etwas sagen. Nie im Leben ist dieser Kuchen besser als meiner.«

»Ich weiß nicht«, sagte Duncan, als Matt den Kuchen fortbrachte. »Ich habe in der Bäckerei ein Stück Kuchen probiert, während dieser hier verpackt wurde. Er war köstlich.«

Maggie fragte, worum es ging, und Willa informierte sie über den großen Kuchen-Streit, der den Palast teilte.

Wenn Duncan lief, belastete er hauptsächlich sein linkes Bein. Sein Hinken war eine bleibende Erinnerung an die Schlacht im Vittra-Palast. Er hatte auch ein paar Narben zurückbehalten, aber die blieben unter seiner Kleidung verborgen. Aber sein Hinken schmerzte mich jedes Mal.

Duncan arbeitete immer noch als mein Bodyguard – und Teilzeit-Kindermädchen –, aber er hatte eine saftige Gehaltserhöhung bekommen. Alle Tracker, die in Förening arbeiteten, wurden jetzt besser bezahlt und waren krankenversichert. Dies gehörte zu meiner Initiative, mit der ich bessere Lebensbedingungen für die Leute schaffen wollte, die uns beschützten und für uns sorgten.

Ich hatte eine Menge erreicht, aber leider noch nicht alles, was ich mir vorgenommen hatte. Willas nackter Ringfinger erinnerte mich daran. Wir hatten bei der Legalisierung von Mischehen bereits Fortschritte gemacht. Toves quasi-offizielle Beziehung zu Bain war der Beweis dafür, genau wie Willas Beziehung zu meinem Bruder Matt. Die beiden waren nun auch offiziell ein Paar, aber Willa hatte für ihn ihren Titel als Marksinna aufgeben müssen.

Ich war entschlossen, Willa zu ermöglichen, meinen Bruder zu heiraten und ihren Titel wiederzubekommen. Wenn es mich frustrierte, dass dieser Prozess so lange dauerte, erinnerte mich Tove stets daran, dass ich erst seit anderthalb Jahren Königin war. Fortschritt braucht Zeit, und irgendwann würden wir in der modernen Welt ankommen.

Es klopfte leise an der Spielzimmertür und Loki öffnete sie. Im Türrahmen stand die kleine Hanna, das dunkle Haar zu zwei Zöpfchen geflochten.

»Sie hat eine Anklopf-Phase«, erklärte Mia mit einem schüchternen Lächeln.

»Oh, dann passt bloß auf«, sagte Loki. »Ich habe gehört, dass darauf die Klingelstreich-Phase folgt.«

Oliver quiekte, als er Hanna sah. Er wollte abgesetzt werden und Maggie tat ihm den Gefallen. Hanna rannte auf ihn zu, und die beiden begannen sofort, eine Art Kleinkind-Gespräch zu führen, dem ich nicht folgen konnte.

Oliver hatte hier keine Tryll-Kameraden und überhaupt nur wenige Spielgefährten. Im Moment war Hanna wahrscheinlich seine beste Freundin, obwohl sie anderthalb Jahre älter war als er.

»Mach du nur deine Witze, aber bald kommt Oliver auch in das Alter«, warnte Finn Loki grinsend. »Und gleichzeitig mit der Anklopf-Phase kommt auch die Widerspruchs- und Fußtritt-Phase.«

Loki lachte. »Ich kann’s kaum erwarten.«

»Wo soll ich das hinstellen?« Finn hielt ein Geschenk für Oliver hoch.

»Ich nehme es dir ab«, erbot sich Loki.

»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagte ich, als ich zu ihnen hinübergegangen war. »Ich wusste nicht, ob ihr es schaffen würdet.«

Finn hatte sich eine Woche freigenommen, um mit Mia und Hanna Verwandte in Oslinna zu besuchen. Ich freute mich darüber, dass Finn sich endlich die Zeit nahm, etwas mit seiner Familie zu unternehmen. Endlich stellte er seinen Beruf nicht mehr über alles. Vielleicht hatte er aber auch erst jetzt etwas gefunden, das er mehr liebte als seine Pflicht.

»Wir konnten doch den Geburtstag des Prinzen nicht verpassen.« Mia rieb sich abwesend den kugeligen Bauch. Der kleine Diamant in ihrem Ehering glitzerte im Licht. »Hanna wäre schrecklich enttäuscht gewesen, wenn wir die Party verpasst hätten.«

»Oh wow!«, japste Rhiannon. »Mia! Ich wusste gar nicht, dass du schwanger bist! Wann ist es soweit?«

»Noch drei Monate.« Mia lächelte und errötete.

»Wow.« Rhiannon schüttelte den Kopf, als könne sie es nicht glauben. »Mir kommt es vor, als wäre ich erst gestern auf eurer Hochzeit gewesen. Ihr freut euch sicherlich sehr.«

Mia und Finn tauschten einen Blick voller Liebe und Freude. »Wir sind überglücklich«, sagte sie dann.

Willa erwähnte eine Babyparty, und Rhiannon zog Mia beiseite und begann aufgeregt mit ihr die Planung zu besprechen.

Loki unterhielt sich mit Tove, Bain und Duncan über den Staatsbesuch des Kanin-Königs nächste Woche. Matt und Garrett redeten mit Rhys übers College. Finn und ich blieben einen Augenblick nebeneinander stehen und beobachteten, wie Oliver und Hanna einen großen Ball durchs Zimmer schoben.

»Habt ihr schon einen Namen ausgesucht?«, fragte ich.

»Ja. Wir dachten an Liam Thomas.«

»Es wird also ein Junge«, sagte ich.

Finn nickte. »Wir konnten es nicht abwarten.«

»Ging mir genauso«, sagte ich lächelnd. »Liam ist ein guter Name. Schön und schlicht.«

»Nun ja, er reicht nicht ganz an Oliver Matthew Loren Staad heran«, neckte Finn. Loki und ich hatten große Probleme damit gehabt, uns auf einen Namen für unseren Sohn zu einigen. Schließlich gaben wir ihm zwei Mittelnamen, weil wir uns einfach nicht entscheiden konnten.

Ich spielte die Beleidigte. »Hey, das ist ein guter Name.«

Finn lachte. »Das stimmt.«

»Ich bin froh, dass ihr gekommen seid«, sagte ich und schaute ihn ernst an. Seine dunklen Augen trafen meine, und ich merkte wieder einmal, wie viel glücklicher sie wirkten. Sie blickten nicht mehr so düster wie früher, sondern schienen zu funkeln.

»Ich auch«, sagte Finn lächelnd.

Ich drehte mich um und schaute unseren Kindern beim Spielen zu.

»Als wir uns kennengelernt haben, hättest du da jemals gedacht, dass alles sich so entwickeln würde?«

»Nein.« Finn schüttelte den Kopf. »Im Leben nicht. Aber ich bin wirklich froh darüber, dass alles so gekommen ist.«

»Ich auch«, versicherte ich.

Hanna rannte zu uns und griff nach Finns Hand.

»Schau mal, Papa!«

»Die Pflicht ruft«, sagte Finn und ließ sich lächelnd von Hanna davonziehen.

Finn war natürlich nicht Hannas leiblicher Vater, aber der Einzige, an den sie sich erinnern konnte.

Finn hatte Mia vor etwas mehr als einem halben Jahr geheiratet und ich hatte ihn noch nie so glücklich gesehen. Das Lächeln fiel ihm leichter und er wirkte viel entspannter. Auch Mia schien sehr zufrieden zu sein. Ich kannte sie inzwischen ziemlich gut, und sie war wirklich so lieb und fürsorglich, wie ich bei unserer ersten Begegnung vermutet hatte.

Die beiden vervollständigten sich auf eine Weise, die zwischen mir und Finn nie existiert hatte. Sie brachten das Beste aneinander zum Vorschein. Wenn ich jetzt darüber nachdachte, kam es mir geradezu lächerlich vor, dass Finn und ich jemals mit dem Gedanken gespielt hatten, ein Paar zu werden.

Hanna zeigte Finn gerade etwas, also kam Oliver zu mir und streckte die Arme aus. Ich hob ihn hoch und drückte ihn an mich.

In solchen Augenblicken wurde mir wirklich klar, was meine Mutter aufgegeben hatte. Wenn Elora mich wirklich geliebt hatte – und da war ich mir ganz sicher –, musste es entsetzlich gewesen sein, mich wegzugeben. Ich hatte Oliver schon vor seiner Geburt geliebt, und als er zum ersten Mal in meine Armen lag, überwältigten mich meine Gefühle für dieses Kind beinahe.

Ich habe noch nie etwas so innig geliebt wie meinen Sohn. Und auf eine seltsame Art fühle ich mich erst seit seiner Geburt richtig lebendig. Es war, als habe ein wichtiger Teil meines Wesens Winterschlaf gehalten, bis er es aufweckte.

Ich liebe meine Freunde, und natürlich liebe ich Loki über alles, aber die Liebe einer Mutter für ihr Kind ist wirklich mit nichts zu vergleichen. Nichts auf dieser Welt wird mir jemals so viel bedeuten wie Oliver.

Ich setzte meinen Sohn auf meine Hüfte und hielt ihn mit einem Arm fest. Dann drehte ich mich so um, dass er das neueste Bild im Spielzimmer sehen konnte: Ein großes Porträt von Elora. Jung und wunderschön sitzt sie im Garten, ihr blaues Kleid schmiegt sich an ihren gewölbten Bauch, in dem sie mich trägt. Nur auf diesem Bild hatte ich sie jemals wirklich glücklich gesehen.

»Wer ist das?«, fragte ich Oliver. Ich zeigte auf das Bild und er tat es mir nach. »Wer ist das auf dem Bild?« Er plapperte ein bisschen, aber Worte formen konnte er noch nicht. »Das ist Omi Elora. Und sie hat dich sehr lieb, obwohl sie dich leider nicht kennenlernen konnte.«

»Oliver!«, rief Hanna hinter mir, und Oliver begann, sich in meinen Armen zu winden. »Oliver!«

Ich küsste ihn auf die Stirn und setzte ihn dann ab. »Geh spielen.«

Dann richtete ich mich auf und schaute mich im Zimmer um. Maggie stand bei Mia, die Hand auf ihren Bauch gelegt. Wahrscheinlich hatte das Baby gerade gestrampelt. Matt, Rhys und Rhiannon unterhielten sich.

Willa saß auf dem Boden und ließ sich von Hanna ein pinkfarbenes Plastikdiadem aufsetzen und von Oliver Bauklötze reichen. Finn und Loki lachten sich beinahe kaputt, als Oliver begann, Willa in eine blaue Girlande einzuwickeln.

Tove hatte mit Bain auf der Couch gesessen, stand jetzt aber auf, ging zu den Kindern und ließ die Bauklötze durch die Luft schweben. Duncan hinkte zu ihnen, pflückte die Klötze aus der Luft und begann mit ihnen zu jonglieren. Beide Kinder starrten staunend nach oben.

Loki sah, dass ich abseits stand, und kam zu mir. Er lächelte, aber seine Augen wirkten besorgt. »Ist alles in Ordnung, meine Königin?«

»Oh ja.« Ich nickte und lächelte ihn an. »Ehrlich gesagt, bin ich richtig glücklich.«

»Gut.« Er beugte sich vor und küsste mich sanft auf den Mund. Dann nahm er meine Hand und ging einen Schritt rückwärts. »Na komm. Lass uns feiern.«