Gesprächsprotokoll 03


Therapiezentrum für affektive Psychosen

Breughelstr. 17, 10000 Berlin


Patient: 0372JK

Gesprächsprotokoll 03  // Transkript: TL

Datum: 17.11.2011, 16:30

Tp: Dr. Gunnar Fröwe


Tp: Wie geht es Ihnen heute?

JK:  Es geht mir wie das letzte Mal. Ich werde hier festgehalten und Sie wollen mir erklären, dass es nur zu meinem Besten ist.

Tp: Aber wie fühlen Sie sich?

JK: Meine Gedanken sind hinter einem Schleier. Auch das habe ich euch zu verdanken, nicht wahr?

Tp: Wie meinen Sie das?

JK: Ich muss mit ziemlich vielen Drogen vollgepumpt sein.

Tp: Sie glauben, wir haben Ihnen Drogen verabreicht?

JK: Habt ihr das etwa nicht?

Tp: Ich verabreiche Ihnen ein harmloses Beruhigungsmittel. Sie haben versucht mich zu erwürgen, erinnern Sie sich?

JK: Sie stellen das sehr einseitig dar.

Tp: Das ist vergangen und vergessen. Reden wir doch über die Gegenwart.

JK: Was schwebt Ihnen vor?

Tp: Sprechen wir doch über Sie.

JK: Was sonst... Was wollen Sie wissen?

Tp: Wir haben gestern über Ihre Zeit in München gesprochen. Sie sagten, Sie hätten nicht besonders gern dort gelebt.

JK: Natürlich. Die Stadt profilierte sich Jahrzehnte durch... durch... Oh, Mann, könnte man meinen Kopf nicht etwas klarer lassen, bevor wir diese Gespräche führen? Ich kann mich wirklich... nur schwer konzentrieren.

Tp: Entspannen Sie sich. Sagen Sie, was Ihnen in den Sinn kommt.

JK: Eine Stadt profiliert sich Jahrzehnte mit dem Image von Lebensart - doch statt dessen bietet sie einem nur teure Mieten und Reglements.

Tp: Reglements?

JK: Haben Sie mal gemerkt, dass heute alles reglementiert ist? Ist das die Freiheit, die man uns versprach? Ich hatte mal eine Steuererklärung beim Finanzamt abgegeben, die besagte, dass ich in jenem Jahr nur 9.500 DM verdiente und da schickte man mir die Bitte, nachzuweisen, wovon ich eigentlich lebe und die entsprechenden Belege beizulegen. Bin ich der einzige, dem das seltsam vorkommt? Ist alles, was nicht auf einem Beleg steht nicht-existent?

Tp: Was meinen Sie damit?

JK: Sie wissen genau, was ich meine. Ich schrieb ihnen auch zurück, dass ich meinen bohemischen Unterhalt so bestreite, wie es schon Honoré de Balzac gemacht hat: durch das Anhäufen privater Schulden. Das funktioniert 180 Jahre später noch immer sehr gut.

Tp: Haben Sie mal Balzac gelesen?

JK: Nein, ich lese kaum...

Tp: Woher wissen Sie dann, dass Balzac Schulden hatte?

JK: Von Athos...

Tp: Das ist doch eine Figur aus einem Roman von Dumas...

JK: Ja, ja... Ich bin ja nicht ganz so dämlich, nur weil ich Ihre Pillen geschluckt habe und nun etwas retardiert wirke... Athos... Athos ist ein Deckname. Nein, in dem Fall ist es ein Universalname, aber das können Sie nicht verstehen. Sie waren alle da. Die ganzen drei Musketiere.

Tp: Wo ist das gewesen?

JK: In einem kleinen Ort unweit von Hamburg. Er heißt Herbstwerder.

Tp: Was ist an diesem Ort...?

JK: Dort werden alle Ihre Träume wahr. Dort wird Ihre Angst genommen und ersetzt durch die Gewissheit, dass die Welt nur deshalb existiert, um die Abwesenheit des Zufalls zu demonstrieren.

Tp: Glauben Sie, dass der Zufall nicht existiert?

JK: Glauben Sie, ich bin zufällig hier? In diesem Bett? In diesem Verhör...

Tp: Finden Sie, das hier ein Verhör ist?

JK: Sie sind ein Narr. Sie denken, ich sehe nicht, dass Sie hier ein Verhör als Therapiesitzungen kaschieren.

Tp: Niemand verhört Sie, Jan. Sie bestimmen, worüber wir werden.

JK: Was wollen Sie mir damit sagen?

Tp: Ich sage nur, dass ich Sie nicht zwinge, etwas zu sagen, das Ihnen nicht behagt.

JK: Also ist das hier kein kaschiertes Verhört?

Tp: Das hier ist kein kaschiertes Verhör.

JK: Bin ich also ein Lügner?

Tp: Nein, ich halte Sie nicht für einen Lügner.

JK: Leide ich unter Verfolgungswahn?

Tp: Sie irren sich einfach nur. Alle Menschen irren sich. Es ist nicht möglich, unsere Umgebung stets richtig einzuschätzen. Das ist keine Schande.

JK: Ich aber beharre auf der Version, dass das hier eigentlich ein Verhör ist. Wäre das nicht ein Hinweis auf Verfolgungswahn? Paranoide Wahnvorstellungen? Nun sprechen Sie schon!

Tp: Ich erzähle Ihnen mal eine kleine Geschichte. Ich betreute diesen Fall vor vielen Jahren, als ich noch jung war. Ein braver Familienvater steigerte sich in die Vorstellung, dass seine Ehefrau ihn betrügt. Er verfolgte sie bei ihren heimlichen Ausflügen in die Stadt und gewann dadurch immer mehr Gewissheit, dass sie einen Liebhaber hatte. Er bekam ihn zwar nie zu sehen, doch da war dieses Haus und diese Wohnung in der sie regelmäßig abstieg. Er überlegte sich, einen Detektiv anzuheuern, doch dann betrank er sich, lernte diese junge Frau in einer Bar kennen und fing mit ihr ein Verhältnis an. Für sich rechtfertigte er es damit, dass seine Ehefrau ihn ohnehin auch betrüge. Doch er fand keine Ruhe. Weder bei seinen langen Nächten als Parkplatzwächter, noch in den Armen seiner Geliebten. Seine Liebhaberin stachelte ihn dazu an, daheim endlich Ordnung zu schaffen und sich nicht auf der Nase tanzen zu lassen. Eines Tages nahm er ein großes Küchenmesser und folgte seiner Frau. Diesmal klingelte er an der Wohnungstür. Als ein junger Mann die Tür öffnete, stach unser Ehemann auf ihn ein und tötete ihn mit 12 Messerstichen. Dann drang er in die Wohnung und stach dreimal auf seine Frau ein. Er dachte, sie sei tot und lief wieder auf die Straße. In Wirklichkeit konnte sie im Krankenhaus noch gerettet werden. Der Ehemann lief in die Wohnung seiner Geliebten und stritt sich dort mit ihr. Er war zu Fuß in Ihre Wohnung gelaufen, mit riesigen Blutflecken auf der Kleidung. Es war also nicht verwunderlich, dass ihn dort die Polizei nur zwanzig Minuten später aufgriff und festnahm. Bei dem Toten handelte es sich um einen jungen Maler. Die Verletzte im Krankenhaus war eine Prostituierte, die sich etwas dazuverdiente, in dem sie für den Maler Modell saß. Mit dem affektierten Ehemann hatte sie nichts zu tun. Der war nämlich unverheiratet. Es zeigte sich, dass er die Prostituierte jede Woche bis zu dem Haus des Malers verfolgte. Was halten Sie davon?

JK: Und die Geliebte? War sie echt?

Tp: Ja, aber sie konnte keines der Gespräche bestätigen, die der Patient schilderte. Die Aufstachelei und alles.

JK: [überlegt eine Weile] Finden Sie es nicht ungewöhnlich, mir eine solche Geschichte zu erzählen?

Tp: Ich sehe, Sie sind sehr intelligent und haben mein Anliegen durchschaut. Ein Psychotherapeut würde Ihnen nie eine derartige Geschichte erzählen. Aber ich sehe Sie nicht als einen gewöhnlichen Patienten an. Es ist jedoch wichtig für mich, Sie zu erreichen.


In den Spiegeln
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