Ein Märchen für wahre Ketzer
Der nachfolgende Text war nicht zur Veröffentlichung geplant, sondern diente lediglich als eine »mythologische« Blaupause für die Spiegelwelten.
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Es war einmal eine Schöpfung und die entstand. Warum kann ich nicht sagen. Ich war nicht dabei und die, die mich darüber belehren wollen, auch nicht. Doch ich weiß, dass sich der Schöpfer nach dem Einschalten der Scheinwerfer von der Bühne zurückzog. Wie ein Regisseur, der das begonnene Stück aus der Ferne betrachtet.
Und in dieser Welt entstanden Menschen, pathetisch so wie ich und wissbegierig, so wie Sie.
Ich nehme nicht an, dass der Regisseur dieser Schöpfung Leidenschaft kennt, doch wenn er sie kennen würde, es wäre sicher eine Leidenschaft für die Vielfalt aller Dinge. Und damit diese Vielfalt stets gewahrt bleibt, begann sein Theaterstück mit dem Auftritt zweier Kräfte, die den Antrieb dieser Welt darstellen. Und mit diesen beiden entgegensetzten Kräften entwickelt diese Welt sich bis heute fort.
Die eine Kraft beruhigt die Dinge und die andere versetzt sie in Bewegung. Die eine Kraft einigt und die andere spaltet. Die eine gewöhnt und die andere verändert. Die eine bedeutet Ordnung, die andere das Chaos.
Beide sind unvereinbar und doch kann die eine ohne die andere niemals existieren. Jede dieser beiden Kräfte hat Tausende Namen und doch ist es stets mehr ein Gefühl, wenn es darauf ankommt sie zu beschreiben.
Und deshalb belegen wir sie seit Jahrtausenden mit Eigenschaften und bewerten sie, je nach dem wie es uns gefällt, oder wer uns gerade die Wahrheit ins Ohr flüstert.
Und je komplexer wir die Welt gestalten, desto komplexer erscheinen diese beiden Kräfte uns. Je weniger wir uns selbst verstehen, desto schwerer können wir sie begreifen.
Sie können mich für verrückt erklären.
Doch meine Welt ist voller Geister. Kaum jemand vermag sie zu sehen, doch mich suchen sie auf, für ihre grausamen Spielchen.
Wer aber einen derartigen Geist benennt, riskiert in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden. Der Preis aller Andersartigkeit. Auch den Laden kenne ich gut.
Diese Wesen manipulieren uns, sie benutzen uns. Aber sie erhöhen uns auch. Sie sind ein uneiniges Elternpaar, das an uns von beiden Seiten zerrt. Die Geister buhlen um uns. Es gibt uns, weil es sie gibt - und es gibt sie, weil es uns gibt. Sie wollen wachsen und wir wollen es auch.
Die überirdischen Wesen sind wie zwei Armeen, die sich bereits seit Menschengedenken bekriegen. Und wir kennen beide Parteien nur zu gut, so sehr sie mit dem Bann der Verzerrung und Verfremdung belegt wurden.
Es sind die Engel und die Dämonen. Die göttlichen Lichtwesen und die dunklen, diabolischen Fürsten. Die einen säen die Liebe, die anderen den Zweifel. Die einen spenden Geborgenheit, die anderen Angst. Die einen sind hoffnungslos langweilig, während die Dämonen einem das Gefühl geben, dass jeder Augenblick wertvoll ist, da stets alles auf dem Spiel steht.
Die Sehnsucht der Engel ist unsere Geborgenheit und unser Seelenheil. Die Engel möchten nicht, das wir verwirrt sind, ohne Orientierung.
Die Dämonen dagegen erfüllen uns mit Fragen und entzweien uns. Sie stiften uns an, über Ozeane zu segeln und Rätsel zu lösen. Drogen zu probieren und in Abgründe unserer Seelen zu steigen. Sie wollen, dass wir misstrauisch sind und feuern euphorisch den Fortschritt an.
Was war zuerst da, die geistige Reife der Menschen, oder die Einwirkung der Geister? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, denn beides kann nur gleichzeitig sein. Das eine ermöglicht das andere und umgekehrt genauso.
Es waren die Engel, die zuerst das menschliche Herz betraten und durch den menschlichen Geist geformt wurden. Was zuerst eine Kraft war, wurde ein Wesen. Denn was zuerst ein Tier war, wurde zum Menschen.
Die Engel waren da, da der Mensch es lernte, sie zu sehen. Er lernte es, sie zu erschaffen, sie heraufzubeschwören. Sein Geist war bereit für Religion.
Der Mensch lernte es zuerst zu beten und dann erst zu zweifeln. Das ist seine Natur.
Der Einfluss der Dämonen war zu diesem Zeitpunkt gering. Sie waren wie Launen in den Gemütern der Menschen. Flüstern in einer Welt, die keine Sprache kannte. Ein Gefühl von Angst auf dem nächtlichen Waldpfad.
Die Engelsschar residierte unter uns in den vergessenen Tagen, die wir heute als Urzeit bezeichnen, angebetet als Götter, Naturgeister und allerlei Götzen. Der Mensch lebte frei von Rätseln in Höhlen und im Schilf. Manche würden sagen, das Leben war noch gut. Doch das sind nur Worte voller Sehnsucht.
Die Dämonen durchstreiften das Jenseits, denn das Reich der Toten ist leichter wandelbar und die Verwandlung ist schließlich ihre Domäne. Auch sie waren zuerst nur Kräfte und Gefühle, doch je mehr der Mensch über den Tod und den Verlust nachdachte, je mehr Zweifel er bei seiner Wiedergeburt aus dem Jenseits brachte, desto mehr formte sich die dunkle Kraft im Totenreich zu einem beschreibbaren Spiegelbild seiner Ängste. So brachen die Dämonen, die Teufel, immer wieder durch die Pforten der Träume in unsere Welt und suchten nach einem Gesicht, unter dem wir sie erkennen würden.
Doch vielleicht hätte der Mensch noch weitere 100.000 Jahre in perfekter Harmonie mit der Einheit gelebt, in geistiger Geborgenheit der Engelsscharen, die von Menschen Besitz nahmen und unter ihnen regierten oder den Menschen in Visionen und Rausch erschienen, als schwebendes Licht, dessen Strahlen ein Gefühl des Einverständnisses auslösten. Der Mensch war noch genug Tier, um ein Leben lang dieser Stimme zu gehorchen. Und bereits genug Mensch, um das Licht zu lieben.
Der Mensch war noch nicht zerrissen.
Es war aber ein Engel, der dem Einklang ein Ende bereitete. Ein Engel, dessen Gedanken dem Dunkel galten. Ein Engel der erwachte und sah, dass die Ordnung falsch war. Dass die Menschen lau waren und ohne Feuer. Dass man vor ihnen den wahren Sinn des Lebens verborgen hielt. Der Dunkle Engel beschloss, die Menschen an der Wahrheit teilhaben zu lassen.
Wir kennen viele seiner Namen, doch wissen nicht, welcher der älteste ist. Bevor Zarathustra kam, nannte man ihn Prometheus. Für die Juden war seine Bezeichnung Sin Teth Nun, der Widersacher, der Erzfeind und bei den Ugaritern hieß er Ba’al Zebul. Bei den Griechen war sein Titel später Phosphoros, der Lichtbringer, was bei den Römern Lucifer bedeutete.
Er brachte den Menschen das Licht der Erkenntnis und die ziellos umherstreifenden Kräfte des Chaos formten sich durch den menschlichen Geist zu einer Armee der Finsternis, deren König und Fürst er von nun an wurde.
So kam es, dass die Streitkräfte der Dämonen von einem Engel angeführt wurden und es gibt kaum ein Volk, das darüber in seinen Geschichten nicht zu berichten weiß.
Seit dem gab es nie wieder Frieden in der Welt. Zumindest nie sehr lange. Denn das Helle wie auch das Dunkle zerrten nun gleichermaßen am Menschen. Er sehnte sich nach Harmonie und war zugleich voller Leidenschaft für alles Unruhige und Verwirrende.
Der erste Schritt, den Luzifer unternahm, war den Menschen die Sprache zu geben. Denn er liebte den Menschen und wollte ihn wachsen sehen. Das mochte vor 40.000 Jahren sein, vielleicht mehr.
Von nun an wurde der endlos erscheinende Krieg zwischen den Dämonen und den Engeln auf den Schlachtfeldern der Menschen ausgetragen. Stämme wurden zu Kulturen und Kulturen zu Zivilisationen. Doch wohin auch immer sich das menschliche Streben richtete - stets waren sein Denken, seine Sehnsüchte und seine Entscheidungen geprägt von dem Zwiespalt des Engelhaften und Dämonischen in ihm selbst.
Die Sprache veränderte den Menschen. Durch sie erfuhr er etwas, worüber er bis dahin noch nicht nachgedacht hatte: den Fortschritt. Er konnte nun seine Gedanken und Gefühle besser mitteilen und durch die Gedanken anderer neue Gedanken formen. Statt an der Einheit ergötzte der Mensch sich nun immer öfter an der Abstraktion.
Und je vielfältiger der Geist der Menschen wurde, je tiefer seine Gedanken, desto mehr wuchs die Kraft der Dämonen und desto größer war ihre Präsenz unter den Menschen. Die Dämonen wurden zu irdischen Fürsten und Königen, in dem sie Besitz nahmen von auserwählten Menschen und durch ihren Mund sprachen.
Der Glaube an die Engel schwand und damit auch die Kraft der Engel im Diesseits. Denn die Geister können in unserer Welt keine Form annehmen, sie können uns nur betreten und durch uns sprechen. Doch betreten können sie uns nur dann, wenn wir an sie glauben. Davon beziehen sie ihre Kräfte.
Nur einmal, vor 2700 Jahren, gab es für kurze Zeit ein Reich, in dem Frieden gestiftet wurde, zwischen den Kräften der Einheit und der Entzweiung. Es war das Reich der Meder, das sich dafür entschied, beide Seiten gleichermaßen zu verehren und anzuerkennen. Für kurze Zeit wandelten dämonische Fürsten und Erzengel in der selben Stadt. Die Meder verehrten Ahura Mazda, der später als Erzengel Michael bekannt wurde und Mithras, der Luzifer gleichkam und dachten noch nicht an Verdammnisse und göttliche Strafen. Sie waren mutige Krieger und geübte Reiter, die ihr Reich ausdehnten und sogar die großen Städte des Westens, Assur und Nineveh, zerstörten. Sie lebten für den Augenblick und jeder Tag konnte eine Entscheidung der Entzweiung oder der Einigkeit mit sich bringen.
Doch der Waffenstillstand dauerte nur wenige Jahre. Mit der Ankunft des Propheten Zarathustra wurde Mithras aus der persischen Zivilisation verdrängt. Zarathustra fand, dass die Menschen ein stärkeres Sinnbild des Bösen brauchten, als der Menschenfreund Mithras es war. Und so wurde der Glaube an Luzifer, den konvertierten Engel, erschüttert und an seine Stelle trat ein echter Dämon, reinrassig und motiviert die Engel vom Antlitz der Welt zu tilgen.
Zarathustra stilisierte Anromainyus, einen von Luzifers ambitioniertesten Gefolgsmännern, zum bösartigen, ruchlosen Gegenspieler von Ahura Mazda, der von nun an der allerschaffende Gott sein sollte.
Zum ersten mal sollte ein alleiniger Gott über der Welt wachen. Und alle guten Engel und schlechten Dämonen sollten nur seine Kreaturen sein. Eine einzigartige Idee, die bis zu diesem Zeitpunkt unerhört war. Und eine Schmeichelei, die Michael eine Weile gerne annahm und - der Behauptung ein Engel sei solcher Regungen nicht fähig zum Trotz - sichtlich genoss.
Doch die persischen Könige waren zu eitel, um nicht den dämonischen Versuchungen zu erliegen, inmitten eines Imperiums, in dem sich ein Engel als Gott feiern ließ. Am Ende war es ein Mensch, der Ahura Mazdas Reich der Güte zerstörte und den ersten beständigen Monotheismus umstürzte. Alexander der Große ritt mit seinen Hellenen und Mazedoniern wie ein Sturm durch Persien und läutete eine neue Zeit ein. Der Lichtkegel der Zivilisation begann sich von Asien nach Europa zu bewegen - und die Schar der Engel und Dämonen mit.
Der entfesselte Anromainyus, dessen Name bedeutet der „Geist der die Angst bringt“ und den die Perser Ahriman nannten, verließ diese Welt nicht mehr. Er wurde ein Gegenspieler Luzifers, genauso wie er ein Feind der Engel war. Doch im Gegenteil zu Luzifer war er ist nicht versessen auf das Abenteuer, sondern auf den Fortschritt. Sein Ziel ist nicht die Erkenntnis, sondern die Kontrolle. Nicht der Zweifel, sondern die Ablehnung. Mit seinen Handlungen erklärte er den Engeln und jenen Dämonen, die treu zu Luzifer waren gleichermaßen den Krieg.
Dem Dämon Anromainyus fiel es leicht Luzifer zu verraten. Stets war er der Meinung, dass ein Emporkömmling aus dem gegnerischen Lager der Engel, ein Renegat, ein Fremder unter ihnen, nicht ewig die Dämonen regieren sollte.
Währenddessen neigte sich die Ära der Engel endgültig dem Ende zu. An zwei Fronten bedrängt von den Armeen Luzifers und Anromainyus, die gleichermaßen die Herzen der Menschen in Aufruhr versetzten, verloren die Lichtwesen ein Gebiet nach dem anderen, bis ihre Präsenz auf Erden sich nur noch auf vereinzelte Burgen und Festungen beschränkte. Daran hat sich bis heute nichts mehr geändert.
Die Dämonen verdrängten die Engel bald und töteten die leibliche Hülle des letzten Engelskönigs Sedekiel. Geschwächt flohen die Angeloi ins Jenseits. Dort wachen sie über den Pfad der Toten bis heute.
Und so sind es die Dämonen, die seit Jahrtausenden unsere Geschicke lenken. Das Diesseits, die Welt, wie wir sie kennen, wurde zum Reich des Diabolos und seiner Schatten, zum Reich der „Entzweiung“, des „Durcheinanders“. Luzifers Legionen kontrollierten die Pforten zum Jenseits und versuchten die Engel an einem Durchkommen zu hindern, in dem sie die Menschen ablenkten und motivierten, über die Geheimnisse der Welt nachzudenken. Und sie durchstreiften die uns bekannten Länder, auf der Suche nach Anromainyus, der stets bemüht war, Luzifers Werk zu untergraben.
Das Leben in Luzifers Reich war nicht gut oder schlecht. Es war nicht schwer oder leicht. Es war individuell. Es war für manche die Hölle auf Erden. Es war für andere das Paradies. Wir leben umgeben von Heilmitteln und Kriegsmaschinen, zwischen Geld und Poesie, Perversionen und Kunst. Rätsel und Geheimnisse wurden beschrieben und gelöst. Schiffe wurden gebaut, um im Geiste der Dämonen die Frage zu beantworten, was sich hinter dem Horizont befindet.
Anromainyus war der Meinung, dass die endlose Entzweiung der menschlichen Gedanken, die endlose Gier und die endlose Sucht nach mehr Antworten und mehr Wissen das Diabolische Reich ins Unglück stürzen würde. Es war nicht möglich, den Menschen auf einer ewigen Straße der Neugier und des Aufbegehrens zu halten. Denn der Mensch neigt dazu an seine Grenzen zu stoßen und seine eigene Selbstzerstörung anzustreben, was die Vernichtung aller Dämonen zur Folge hätte. Anromainyus fand, dass es an der Zeit war, das Gemüt des Menschen zu besänftigen und ihn zufriedener zu machen, glücklicher. Mit dem Aufstieg Anromainyus, als dem hellen Stern am Himmel des menschlichen Glaubens begann ein neues Zeitalter: die Moderne.
Und so brach das letzte Kapitel des Diabolischen Zeitalters an. Das Zeitalter der Bequemlichkeit und der Geschwindigkeit. Das Zeitalter der Erreichbarkeit, der Mobilität. Das Zeitalter der Medien. Des interaktiven Fernsehens. Der Versicherungen. Anromainyus wollte die Bürde der Konsequenzen, den Preis für alles Diabolische, von den Schultern der Menschen nehmen und so erschuf er Welten des bunten Entertainments und zufriedenen Schlafs. Er wurde zu dem Ideengeber aller Gaukler und zu dem Obersten Tamagotchi, in einer Welt, die nur noch zwei Themen kannte: Spaß und Sicherheit.
Wir stehen am Ende der Ära des Diabolos und sind Jahrtausende tief verwickelt in unseren Zweifel, vernarrt in unseren Fortschritt und ratloser als jemals zuvor. Heimlich sehnen wir uns nach Gott und den Engeln, doch unsere Arme strecken wir dem Teufel entgegen.
Unsere Errungenschaften wurden zu unserem Fetisch und die luziferischen Dämonen wurden in unsere Zweifel einbezogen.
Und schließlich verdrängt.
Zu ihrem Missmut.
Weder fürchten wir sie, noch ehren wir sie. Sie sind Folklore geworden. Märchen, die man Kindern erzählt. Karnevalsmasken. Und ihre Kraft schwindet auf die selbe Art, auf die einst die Kraft der Engel schwand und sie zu einem Rückzug ins Jenseits zwang.
So buhlen die Geister weiter um uns - hier und drüben. Während wir regiert werden von Konzernen, Banken, Medienmogulen und konspirativen Geheimzirkeln.
Doch Luzifer hatte einen Plan, mit dem er Anromainyus zerstören wollte. Er formte einige Menschen zu einer Gruppe. Menschen, die nicht besessen und besetzbar waren von den Engeln oder dem Hofgesind des Königs Anromainyus und die klaren Geistes für ihre Sache kämpften. Er machte sie unsterblich, damit sie ewig für die Willensfreiheit des Menschen kämpften. Damit sie bereit waren für die letzte große Schlacht.
***
Nur selten schafften es seitdem die Engel ins Diesseits durchzubrechen. Nur wenige engelhafte Königreiche gab es seit diesen Tagen. In jenen Jahren, die wir heute das Mittelalter nennen, verehrten die Menschen die Engel noch einmal. Doch sie hatten bis auf wenige verlernt, sie anzurufen, sie zu erwecken, ihnen das Tor aus der jenseitigen Welt zu öffnen. Die Menschen vergötterten lieber hurende Päpste und abstruse Reliquien, anstelle sich selbstlos dem Licht der Engel hinzugeben und für sie die Pforten aufzureißen. Der engelhafte Mensch ist in allen Dingen unbewusst, doch der dämonische Mensch muss zuerst all seine Zweifel besiegen, wenn er seine engelhafte Natur erreichen will.
Noch immer sehen die Menschen Engel, im Augenblick tiefen Glaubens, im Rausch einer psychedelischen Droge oder im Gebet. Doch es muß ein selbstloses sein - eine Beschwörung und Selbstaufgabe des Betenden. Und nur wenige tun das. Die Menschen stürzen sich in den Staub und beten in Scharen Gebete des Hasses und wünschen ihren Feinden den Tod. Seit Jahrtausenden. Und die Engel schweigen im Jenseits, das in sehr alten Sprachen noch das Schattenreich genannt wurde.
Doch die Schatten sind heute unter uns.
***
Menschsein bedeutet undankbar sein.
Wir sind undankbar der Natur gegenüber, die sehr viel in uns investiert hat. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass die Natur nichts fühlt und deshalb auch nicht enttäuscht von uns sein kann. Insgeheim ahnen aber die meisten von uns, dass wir auch bereit wären, uns einzureden, der Himmel sei grün und das Gras blau, wenn es uns nur helfen würde, besser zu schlafen.
Ob die Dämonen etwas empfinden, vermag ich nicht zu sagen. Aber sicherlich haben auch sie irgendein Konzept, das mit Enttäuschung vergleichbar wäre. Denn ihr Engagement für unsere Zivilisation und unsere Vergeltung dieser Mühen entbehrt nicht einer Überdosis Ironie.
Trotz der dahinschwindenden Einflussnahme der Engel auf die Geschicke unserer Zivilisation, neigte der Mensch dazu, die Engel zu einem Sinnbild des Guten zu stilisieren. Als ob tief in unserem Unterbewusstsein die Erinnerung an die geistige Geborgenheit während der Engelsherrschaft schlummerte. Das Gefühl beschützt zu sein. Das Gefühl von Klarheit im Angesicht eines Engels. Der heimliche Wunsch nach einem Leben ohne Entzweiung, ohne Zweifel, ohne Verzweiflung.
Dieser Wunsch lebt in uns bis heute fort, wenn auch prosaisch und hoffnungslos naiv. Heute ist es die tropische Insel, die jeder besitzen möchte, um sich dort abzukapseln und jedem den Zutritt zu verbieten.
Die Dämonen hingegen bekamen nur unsere Undankbarkeit zu spüren. Mochten noch die Sumerer und Babylonier ihnen einen angemessenen Anteil ihrer Gedanken schenken, das Zeitalter der monotheistischen Religionen machten ihnen endgültig den Garaus. Zuerst erklärte man sie zu der Quelle allen Bösen, nannte sie Satan, Belzebub und Luzifer. Später bestritt man, dass sie im Diesseits überhaupt etwas zu sagen hätten und verbannte sie unter die Erde in eine masochistisch anmutende Zone mit dem Namen „Hölle“, deren Konzept ein einziges Plagiat der Domizile vulkanischer Götter der Antike ist. Von nun an benutzte man die Dämonen und den Teufel, um Kinder und Künstler zu erschrecken, oder Frauen die nicht gehorchen wollten. Zugleich verstrickte man sich in Widersprüche, unfähig sich zu entscheiden, ob der Teufel nun Gottes oberster Schlägertyp und Foltermeister ist, oder die abtrünnige Ausgeburt des Bösen, die Gott verspottet.
Der Rückschlag für die Dämonen sollte aber noch eine Steigerung erfahren. Irgendwann erklärten die Menschen sie für Ammenmärchen und irrationalen folkloristischen Aberglauben, der in einer aufgeklärten, naturwissenschaftlichen Welt peinlich wirkte. Das spöttische Gelächter der Engel, das aus dem fernen Jenseits hallte, verstummte, denn die Atheisten und Agnostiker nahmen sie sogleich mit auf die Liste jener Dinge, die aus dem Alltag der Menschen gestrichen werden sollten. Eine Streichliste an deren Spitze stets der selbe Simpelton stand, der alles einfach und natürlich erscheinen ließ: Gott.
So ging die Ära des Monotheismus vorbei und neue Götter begannen die Welt zu regieren. Uneinig und zerstritten, stets versucht, sich gegenseitig über den Rand zu drängen und ganz allein die Herrschaft zu bestreiten. Die neuen Götter bauten sich eigene Tempel und eigene Stelen, damit jeder ihre Namen lesen konnte: Monsanto. NASDAQ und DAX. AIG und Apple. Procter & Gamble und AT&T. Exxon und Pfizer. Citigroup und Deloitte Touche. PricewaterhouseCoopers und KPMG. Es gab plötzlich so viele von ihnen, dass es heute kaum möglich, sie alle zu kennen.
Viele Götter und nur ein Kult: Geld. Das große Geschenk der Dämonen an die Menschheit.
Wird es auch bei diesen Gottheiten reichen, nicht mehr an sie zu glauben, um sie gänzlich zum Verschwinden zu bringen?
Doch ein ganz besonderer Neo-Gott ließ sich keine Obelisken errichten und ließ seinen Namen nicht in Neonlicht von Häuserfassaden erstrahlen. Und so kannte kaum jemand seinen Namen. Doch es war ein Gott, dessen Ambitionen über den bloßen Reichtum weit hinausgingen. Und sein Name lautete OKTAGON.
Unser Märchen ist an dieser Stelle nicht zu Ende. Und doch ist der weitere Verlauf ungeschrieben, denn es werden die kommenden Jahre sein, die zeigen werden, welche Moral diese Geschichte hat und welche Wirklichkeit von da an unzertrennbar von den Geschicken der Menschheit ist. Bleiben Sie gesund und Sie werden es noch erleben.