»Ich habe zwei von ihnen vernichtet«, sagte Azachiel, und Trauer schwang mit in seiner Stimme. »Sie haben mir keine Wahl gelassen.«
»Wie viele sind es jetzt noch?«, wollte Nils wissen.
Azachiels Gesicht blieb starr; es wirkte merkwürdig grau und farblos. »Noch sieben. Und Raguel, der sie anführt.«
»Also acht«, murmelte Kyra. »Keine Chance, hm?« Bei den letzten Worten sah sie wieder den Gefallenen Engel an.
»Sie sind stark. Und gefährlich. Uriel hat einige seiner besten Krieger ausgesandt.« Azachiels Haarsträhnen peitschten sein Gesicht wie schwarze Schlangen. »Verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sie es nur mit ein paar Kindern zu tun haben.«
»Und mit dir«, bemerkte Lisa und deutete schaudernd auf das Schwert voller Engelsblut.
»Und mit mir.« Azachiel nickte langsam. »Aber das wird sie nicht schrecken. Ich konnte zwei besiegen, aber acht … nein, das liegt nicht in meiner Macht. Zumal Raguel unter ihnen ist. Keiner außer Uriel ist ihm gleich an Kraft und Schläue.«
Nils schluckte. »Das heißt, dass –«
Azachiel ließ ihn nicht ausreden. »Es mag noch eine Möglichkeit geben.«
»Und die wäre?«, fragte Kyra, der mit einem Mal sonderbar zu Mute war. Nicht allein die Angst zerrte an ihren Nerven, nein, da war noch etwas anderes – ihr war fast, als wittere sie eine List.
Der Engel deutete mit der glitzernden Schwertspitze auf den Rucksack in Kyras Hand. »Gebt mir das Haupt von Lachis. Mit seiner Macht gelingt es mir vielleicht, Raguel und die anderen zurückzuschlagen.«
Kyra bewegte sich nicht. Nur ihre Finger krallten sich fester in den groben Stoff des Rucksacks. »Du willst das Haupt?«, fragte sie, so als hätte sie Azachiel nicht richtig verstanden. In Wahrheit wollte sie nur Zeit gewinnen, um nachzudenken.
Azachiel zog das Schwert zurück. »In der Hand eines Sterblichen ist das Haupt nutzlos. Ein Engel aber vermag ihm Kräfte zu entlocken, die jenseits dessen sind, was ihr begreifen könnt.«
Chris machte entschlossen einen Schritt nach vorne. »Wir wollen das Haupt Raguel geben. Vielleicht lässt er uns dann in Ruhe.«
»Nein!«, schrie Azachiel, und einen Augenblick lang waren sie alle überzeugt, dass er sich mit seinem Schwert auf sie stürzen würde.
Lisa suchte vergeblich in den Zügen des Engels nach dem Lächeln, das er ihr oben auf der Tragfläche des Flugzeugs geschenkt hatte. Azachiel hatte sich verändert, daran bestand kein Zweifel.
Aber, dachte Lisa, wer konnte ihm das verübeln? Er hatte gerade zwei seiner Brüder getötet.
War das die Erklärung für den Grimm in seinen Augen, für den verbissenen Zug seiner Lippen?
Sie wusste es nicht. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als sich hier und jetzt zu entscheiden: Wollten sie dem mysteriösen Fremden vertrauen oder nicht?
»Was wird geschehen, wenn wir dir das Haupt geben?«, fragte Kyra und versuchte, kühn zu klingen, so als würde sie den Fund ihres Vaters nicht kampflos aufgeben.
»Ich weiß es nicht. Nicht genau.« Azachiel schaute ungehindert durch den strömenden Regen zum Himmel empor, schien aber noch keinen seiner Gegner zu entdecken. »Das Haupt von Lachis ist selbst unter uns Engeln eine Legende. Aber vielleicht – nur vielleicht – kann ich Raguel damit bezwingen.«
Kyra schaute Chris an, doch der wirkte ebenso unentschlossen wie sie selbst. Auch Nils trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
Und so war es Lisa, die die Entscheidung herbeiführte.
»Gebt es ihm«, sagte sie.
Die Blicke der drei anderen trafen sie, teils ungläubig, teils dankbar darüber, dass jemand das unsichere Schweigen beendete.
Chris atmete tief durch, dann nickte er. Es war Lisa nicht entgangen, dass er sich in letzter Zeit häufiger auf ihre Seite schlug, aus Respekt vor ihren Überzeugungen. Das erfüllte sie mit Stolz und einem warmen Kribbeln, selbst hier, in einer verzweifelten Lage wie dieser.
Nils blieb unentschlossen, aber Kyra sagte:
»Haben wir überhaupt eine Wahl?«
Azachiel legte den Kopf schräg. »Ich würde euch das Haupt niemals mit Gewalt nehmen. Das könnte ich gar nicht.«
Kyra verstand nicht, was er mit seinen letzten Worten meinte, aber sie nickte. Mit beiden Händen streckte sie den Rucksack aus. »Hier, nimm!«
Zu ihrer Überraschung schüttelte Azachiel den Kopf. »So geht das nicht«, sagte er.
»Wir sollen wohl auch noch ›bitte‹ sagen«, murrte Nils.
Azachiel strafte ihn mit Missachtung. »Ihr kennt unsere Gesetze nicht. Ich bin ein Verstoßener. Auf eurer Ebene des Daseins besitze ich keine Konsistenz.«
Als er sah, dass die vier ihn nicht verstanden, winkte er Lisa zu sich heran. »Komm her«, bat er.
»Geh nicht«, zischte Nils besorgt seiner Schwester zu.
Aber Lisa machte tapfer einige Schritte nach vorne, bis sie direkt vor dem Engel stand. Er war viel größer als sie, und sein Mantel flatterte noch immer wie der Flügelschlag eines Drachen. Einen Moment lang überkam sie panische Angst: Was, wenn er sie jetzt packte und einfach mit ihr davonflog?
Doch Azachiel tat nichts dergleichen. Stattdessen sagte er: »Streck die Hand aus, und berühre mich!«
»Tu’s nicht!«, rief Nils noch einmal hinter Lisas Rücken, aber sie hörte nicht auf ihn.
Langsam schob sie die Hand vor, geradewegs in die Schwärze seines Brustkorbs.
Ihre Finger trafen auf keinen Widerstand.
Es war, als wäre vor ihr nichts als leere Luft.
Erschrocken zuckte sie zurück, stolperte zwei Schritte nach hinten.
Azachiel lächelte sanft. »Ihr könnt mich nicht berühren, und ich euch nicht. Das ist das Los von uns Ausgestoßenen. Wir existieren nicht ganz in dieser, aber auch in keiner anderen Welt.«
»Du meinst«, sagte Kyra, »wenn ich dir das Haupt jetzt in die Hände lege –«
»Würde es geradewegs durch sie hindurchfallen«, führte der Engel den Satz für sie zu Ende.
»Und wahrscheinlich am Boden zerschmettern.«
»Wie sollen wir dir das Ding dann geben?«, fragte Chris ratlos.
»Es gibt eine Möglichkeit«, sagte Azachiel. »Der Herr hat uns eine Gnade gewährt. Es gibt einen Ort, an dem wir körperlich in Kontakt mit euch Menschen treten können.«
»Und dieser Ort ist zufällig hier auf der Insel?«, fragte Nils lakonisch.
»Im Schatten einer Kirche«, sagte Azachiel. »Nur im Schatten einer Kirche kann ich das Haupt von Lachis entgegennehmen. Und es gibt eine Kirche hier auf der Insel.«
»Wir waren gerade unterwegs dorthin«, sagte Kyra.
»Das ist gut«, erwiderte der Engel zufrieden. »Dort könnt ihr mir das Haupt übergeben.« Er verstummte für einen Moment, dann setzte er hinzu: »Und vielleicht kann ich euch dann vor Uriels Schergen retten.«
Lisa versuchte erneut, in seinem Gesicht zu lesen, aber da hatte sich Azachiel schon umgedreht und ging voraus, geradewegs auf das Klippendorf zu. Jenseits der Regenschwaden war die verlassene Ortschaft kaum mehr als ein finsterer Umriss, ein monströser, formloser Buckel aus uraltem Stein.
Menschenleer, vergessen.
Als Professor Rabenson mit Castel an der Wetterstation eintraf, war bereits abzusehen, dass das Unwetter jeden Augenblick mit aller Macht über die Insel hereinbrechen würde.
Tropfend und frierend drängten sie ins Innere. Castel drückte auf einen Knopf, und irgendwo sprang surrend eine Heizung an.
Der Franzose deutete auf das Funkgerät, an dem eine einzelne Lampe glühte. Aus dem Lautsprecher klang leises Rauschen, das ebenso gut vom Regen auf dem Dach der Wetterstation hätte herrühren können.
Castel beugte sich als Erstes über seine Wetterinstrumente, Schaltpulte und Computermonitore. Es war erstaunlich, dass er mit seinen zitternden Fingern noch die Kontrolle über die komplizierten Gerätschaften behielt.
»Was ist das?«, fragte der Professor, als er einen Blick über die Schulter des Franzosen warf.
Auf einem Bildschirm war ein Umriss zu erkennen, eine Computergrafik der Insel. Das Bild flimmerte leicht, wahrscheinlich auf Grund des Gewitters. Dennoch war deutlich zu erkennen, dass sich von Süden her etwas näherte. Noch befand es sich weit über dem Meer, nahezu im Zentrum des tobenden Unwetters.
Castel beugte sich tiefer über den Monitor.
»So was hab ich hier noch nie gesehen.«
Es waren acht winzige Punkte, kleine glühende Pixel auf dem Bildschirm, angeordnet in Form einer Pfeilspitze. Es sah aus wie ein Konvoi von Düsenjägern, die in starrer Kampfformation auf die Insel zurasten. Nur dass sie langsamer waren. Und kleiner.
Dem Professor wurde heiß und kalt zugleich.
»Könnten das Schiffe sein? Oder Flugzeuge?«
»Bei dem Wetter?« Castel lachte meckernd. »Sie belieben zu scherzen, werter Professor.«
»Was dann?«
Castel schwieg. Er wusste darauf keine Antwort.
Professor Rabenson ballte beide Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten.
Es darf nicht sein, dachte er verzweifelt. Nicht jetzt!
Verdammt noch mal, es darf einfach nicht sein!