Es kommt noch schlimmer

Professor Rabenson war es gerade unter viel Stöhnen und Schimpfen gelungen, die Leiter zu erklimmen und seinen Rucksack im Durcheinander der Kabine wieder zu finden, als am Ende der Piste eine Staubwolke aufstieg. Erschrocken blickten die vier Freunde auf. Lisa spürte, wie sich alle Muskeln in ihrem Körper verkrampften. Chris schob sich nervös die schwarzen Haarsträhnen aus der Stirn.

Doch schon Augenblicke später drang das Dröhnen eines Jeeps aus dem Inneren der Wolke an ihre Ohren. Doktor Castel raste mit Höchstgeschwindigkeit auf das Flugzeug und seine Passagiere zu.

Kyras Vater erschien mit dem Rucksack in der Luke des Flugzeugs, als der Franzose den Jeep neben den vier Freunden zum Stehen brachte.

»Schnell!«, rief er dem Professor zu, der jetzt eilig die Leiter herabkletterte. »Ich glaube, es funktioniert wieder!«

»Das Funkgerät?«, fragte Nils.

»Nein«, gab der Wetterforscher ungehalten zurück, »meine Kaffeemaschine … Natürlich das Funkgerät!«

Nils schenkte ihm einen übellaunigen Blick, doch den bemerkte Castel in seiner Aufregung gar nicht. Er sprang bereits vom Sitz und hastete auf den Professor zu, der gerade von der vorletzten Sprosse auf die Landebahn sprang.

»Kommen Sie! Kommen Sie!«, rief Castel. »Sie müssen mir helfen!«

Die Japaner und der Pilot schauten reichlich befremdet drein, als sie den Franzosen derart hektisch über die Landebahn hüpfen sahen. Sie hatten ihn bereits vorher kennen gelernt, als er den Professor und die vier Freunde von seiner Wetterstation zurück zum Flugzeug gebracht hatte. Trotzdem verwirrte er sie noch immer. Mit einem solchen Kauz hatte hier niemand gerechnet.

Professor Rabenson war allzu deutlich anzusehen, wie sehr ihm die Aufmerksamkeit missfiel, die Castel auf ihn lenkte. Hastig legte er dem Franzosen einen Arm um die Schultern und führte ihn aus der Hörweite der Japaner. Mit der anderen Hand hielt er den schweren Rucksack umklammert.

»Was will er?«, flüsterte Lisa, während sie und die drei anderen den beiden Männern hinterherschauten.

Kyra runzelte die Stirn. »Von mir aus könnte der mit seinem doofen Funkgerät MTV empfangen – im Moment gibt’s wirklich Wichtigeres.«

»Hoffentlich kann ihm das dein Vater auch klarmachen«, raunte Chris.

Nils beschattete die Augen mit der flachen Hand und blickte zum Himmel. »Das Gewitter dürfte gleich losgehen.« Tatsächlich war die finstere Wolkenfront während der vergangenen Minuten rasend schnell näher gekommen. Ein kühler Wind peitschte vereinzelte Regentropfen über die Landebahn.

Kyra hielt es nicht länger aus und lief ihrem Vater und Castel hinterher. Gerade, als sie die beiden Männer erreichte, beendeten diese ihr erregtes Gespräch.

Während Castel zurück zum Jeep eilte und dort wartete, kam der Professor gemeinsam mit Kyra zu den anderen zurück.

»Das Funkgerät scheint wieder zu funktionieren«, erklärte er. »Nachdem ich die Drähte heute Morgen in Ordnung gebracht hatte, hat sich erst mal gar nichts getan. Aber Castel sagt, er hätte ein paar Mal mit einer Thermoskanne auf das Gehäuse geschlagen, und jetzt gebe das Ding plötzlich Geräusche von sich. Der Empfang ist verstellt, und er schafft es mit seinen zittrigen Fingern nicht, ihn wieder einzustellen. Wenn ich mit ihm hinfahre, kann ich ihm vielleicht helfen. Wir könnten Hilfe rufen, und vielleicht ist ein Schiff hier, bevor die Engel –«

Kyra unterbrach ihn. Ihr Gesicht war plötzlich ganz rot vor Wut. »Du willst ja nur dein bescheuertes Steinei behalten!«, fuhr sie ihn vorwurfsvoll an.

Diesen Eindruck hatten auch die anderen: Der Professor glaubte, eine Möglichkeit gefunden zu haben, vor den Engeln davonlaufen zu können, ohne das Haupt von Lachis hergeben zu müssen.

»Aber, hört mal …«, stammelte der Professor, der sich noch nie besonders gut gegen den geballten Zorn der vier Freunde hatte durchsetzen können. »Also, ich meine … na ja, unsere Chancen sind vielleicht gar nicht so schlecht …«

Kyra trat vor und riss ihm mit einer raschen Handbewegung den Rucksack aus der Hand. Unter weniger ernsten Umständen wäre das wohl ziemlich unverschämt gewesen, jetzt aber hatte sie Besseres zu tun, als sich über Benimmregeln gegenüber sturen Vätern Gedanken zu machen.

»Also wirklich!«, empörte sich der Professor und streckte die Hand aus, um das Haupt von Lachis zurückzufordern.

Kyra wich zwei Schritte zurück. »Du kannst ja mit Castel zurück zu Wetterstation fahren. Vielleicht schafft ihr es tatsächlich, Hilfe zu rufen. Wir jedenfalls bringen das Ding zur Kirche.«

»Ich weiß nicht –«, begann er erneut, aber da schoben sich schon Lisa, Chris und Nils zwischen ihn und Kyra. Ihre Mienen verrieten deutlich, was sie über diese Angelegenheit dachten.

Professor Rabenson seufzte. »Okay. Macht, was ihr für richtig haltet. Und gebt auf euch Acht.«

Kyras Vater kannte das Geheimnis der vier, und er wusste, welchen Gefahren die Freunde durch die Sieben Siegel ausgesetzt waren. Deshalb war er auch sicher, dass sie recht gut auf sich selbst aufpassen konnten. Er selbst war zwar erwachsen, aber das machte in diesem Fall keinen Unterschied – im Umgang mit Dämonen, Hexen und uralten Prophezeiungen hatten ihm die Freunde einiges an Erfahrung voraus. Zudem konnte er sich noch allzu gut an Kyras Mutter erinnern, an ihren eigenen Kampf gegen die Mächte des Bösen, und er wusste, dass Kyra nicht nur äußerlich ihr Ebenbild war. Falls es so etwas wie Wiedergeburt wirklich gab, dann war Kyra fraglos die Inkarnation ihrer Mutter.

Der Professor schluckte einen Kloß im Hals herunter, drückte jeden der vier an sich und lief dann zu Castels Jeep hinüber. Auf halbem Weg schaute er noch einmal zurück, sah aus, als wollte er etwas sagen, drehte sich dann aber um und sprang in den Wagen. Sekunden später brauste das klapprige Gefährt davon.

Auch Kyra und die anderen machten sich auf den Weg. Abermals durchquerten die vier die öde Felslandschaft der Insel. Kyra fragte sich, ob dieses Eiland am Ende der Welt wohl einen Namen hatte, und wenn ja, was er bedeuten mochte. Es war etwas Mystisches, Geheimnisvolles um diesen Ort, so als wäre dies schon in uralter Zeit das Schlachtfeld der griechischen Götter gewesen.

Als die Klippe und das Dorf vor ihnen auftauchten, war der Regen noch stärker geworden. Alles Blau war vom Himmel verschwunden. Stattdessen machte sich dort oben eine düstere Wolkensuppe breit, die sich mal schwarz, mal violett färbte. Im Süden zuckten Blitze durch die Dunkelheit.

»Scheißwetter«, schimpfte Lisa nicht zum ersten Mal. Alle waren mittlerweile völlig durchnässt und froren erbärmlich. Aber in Anbetracht der Gefahr durch die Engel waren dies nur kleine Unannehmlichkeiten.

Die Sühne, die Uriel euch auferlegt, wird viel furchtbarer sein als der Tod.

Azachiels Worte geisterten durch ihre Gedanken und machten ihnen die Knie weich. Sie hatten sich mit einem Gefallenen Engel angelegt – mit Uriel, dem Sühneengel persönlich. Wie viel schlimmer konnte es da überhaupt noch kommen, selbst wenn sie dieses Abenteuer heil überstanden?

Als hätten ihre Überlegungen ihn herbeigerufen, stand Azachiel mit einem Mal vor ihnen. Es war, als hätte die regennasse Finsternis Gestalt angenommen. Azachiel war aus dem völligen Nichts auf einem rauen Felsbuckel erschienen.

Sein langes, schwarzes Haar flatterte ungezähmt unter der Wucht der Sturmböen, sein dunkler, bodenlanger Mantel bauschte sich wie ein Paar monströser Rabenschwingen. In der rechten Hand hielt der Engel ein langes Schwert mit schmaler Klinge. Von dem Stahl tropfte eine glühende Flüssigkeit, die aussah wie verdünnte Lava. Auch er selbst war mit schimmernden Spritzern besudelt.

Azachiel bemerkte ihre erschrockenen Blicke und nickte bedächtig. »Es ist das Blut von Engeln«, sagte er mit Grabesstimme. »Ich habe die Waffe gegen meinesgleichen erhoben.«

Kyra schaute unwillkürlich zum Himmel empor und befürchtete, dort bereits ihre Gegner zu sehen. Aber der Regen peitschte in ihre Augen, und sie musste den Blick schnell wieder zu Boden wenden. Wenn dort oben etwas war, dann würde es ohne Vorwarnung über sie herfallen.

»Wo sind sie?«, rief Chris über das Tosen der Elemente Azachiel entgegen.

Der Engel sah ihn aus den Tiefen seiner dunklen Augen an. Er wirkte noch unheimlicher als bei ihrer ersten Begegnung.

»Raguel und seine Kämpfer sind unterwegs zur Insel. Sie werden bald hier sein. Noch heute.«

Ihnen allen drohte das Blut in den Adern zu gefrieren. Heute noch! Und nicht einmal einem Wesen wie Azachiel war es gelungen, sie in die Flucht zu schlagen.

 

img9.jpg