»Wir stürzen ab!«, kreischte Nils, bevor alles in einem Chaos aus Schreien und dem Stottern der Motoren unterging.
Dann aber, wie durch ein Wunder, hörte es auf.
Das Flugzeug legte sich wieder in die Horizontale. Ruckend zwar, aber einigermaßen sicher.
Lisa öffnete ihre Augen und sah nach draußen.
Der Mann stand immer noch auf der Tragfläche. Der Propeller rotierte wieder. Ein zweiter Mann hatte von hinten seine Arme um den ersten gelegt und hielt ihn in Schach.
Ja, tatsächlich, die beiden kämpften miteinander!
Nils, Kyra und Chris redeten wild durcheinander, aber Lisa hörte ihnen nicht zu. Sie hatte nur Augen für den gespenstischen Kampf, der sich wenige Meter von ihr entfernt auf der Tragfläche abspielte.
Der Mann, der den anderen von hinten umklammert hielt, hatte das gleiche lange, schwarze Haar, trug den gleichen dunklen Mantel. Was immer diese Wesen auch waren – es schien einen tödlichen Streit zwischen ihnen zu geben.
Der Professor war aufgesprungen und herbeigeeilt. »Seid ihr in Ordnung?«, fragte er besorgt.
Irgendwer antwortete. Lisa nahm es nicht wahr. Sie starrte gebannt durch das rechte Fenster auf das unheimliche Ringen.
Rhythmisches Krachen ertönte über ihren Köpfen. So absurd es auch schien – es klang wie Schritte. Jemand lief über die Außenhaut des Flugzeugs!
Kyra schaute aus dem linken Fenster. »Er ist weg«, entfuhr es ihr. »Unserer ist weg!«
Aber allen war klar, dass er keineswegs spurlos verschwunden war. Offenbar lief er über das Flugzeug hinweg zur anderen Seite, um seinem Gefährten im Kampf gegen den plötzlichen Angreifer zur Hilfe zu kommen.
Lisa und Chris sahen es gleichzeitig: Plötzlich sprang ein dunkler Schemen vor ihrem Fenster herab, blieb breitbeinig stehen und wandte ihnen den Rücken zu. Lisa konnte dennoch haarscharf an ihm vorbeisehen und beobachten, wie der Kampf endete.
Der Angreifer, der hinter dem ersten Mann erschienen war und ihn davon abgehalten hatte, das Flugzeug abstürzen zu lassen, hatte jetzt die linke Hand im Haar seines Gegners verkrallt; seine rechte lag immer noch fest wie eine Schraubzwinge um den Brustkorb des anderen.
Plötzlich riss der Angreifer mit einem brutalen Ruck seine linke Hand zurück – und zog Gesicht und Haar seines Gegners ab wie eine Gummimaske.
Es floss kein Blut. Auch kam kein Knochenschädel unter dem Gesicht zum Vorschein. Zumindest kein menschlicher.
Auf der Schulter des Mannes saß ein weißes, glattes Oval. Keine Augen, keine Nase, kein Mund. Nur eine Kugel wie aus Elfenbein. Sie sah genauso aus wie das Ding, das sie im Tempel von Lachis entdeckt hatten.
Aber Lisa und Chris blieb keine Zeit, das Wesen genauer zu betrachten. Denn im selben Augenblick, als sein Schädel entblößt wurde, erschlafften die Bewegungen der Kreatur. Leblos stürzte sie von der Tragfläche in die Tiefe.
Ihr Bezwinger warf das haarige Bündel in seiner Hand achtlos hinterher und wandte sich seinem zweiten Gegner zu, der jetzt über die Tragfläche hinweg auf ihn zukam. Die beiden Männer in ihren flatternden schwarzen Mänteln standen sich gegenüber wie zwei Westernhelden, bereit zum letzten, tödlichen Duell.
Dann aber stieß sich der zweite Mann – jener, der von der anderen Tragfläche herübergeklettert war – breitbeinig ab und verschwand blitzschnell aus Lisas Blickfeld. Der Tod seines Gefährten hatte seinen Mut offenbar schwinden lassen.
Der Sieger des Kampfes wischte sich seine linke Hand am Mantel ab.
»Er wird den Propeller anhalten«, keuchte Chris atemlos.
Lisa schüttelte den Kopf. »Nein, das wollte der andere tun. Der hier hat uns gerettet. Er will uns nichts Böses.«
Sie war selbst nicht sicher, woher sie diese Überzeugung nahm, aber irgendetwas machte sie ganz sicher. Einmal, während des Kampfes, hatte sie einen kurzen Blick auf das Gesicht des Mannes erhaschen können. Er war jung, höchstens achtzehn, neunzehn Jahre alt. Seine Züge waren hager und ausgezehrt, aber in seinen Augen lag ein sonderbares Glimmen, das ihr Vertrauen einflößte.
Kyra und Nils hatten mittlerweile ihre Gurte gelöst und waren in die leere Sitzreihe vor Lisa und Chris geklettert. Der Professor hatte sich auf den Weg zum Cockpit gemacht, während die Japaner aufgeregt durcheinander redeten. So kam es, dass niemand außer den vier Freunden den geisterhaften Kampf auf der Tragfläche bemerkt hatte.
Das lange, schwarze Haar des Mannes flatterte wirr vor seinem Gesicht und verdeckte seine Züge. Trotzdem schien es Lisa, als hätte sie ein vages Lächeln zwischen den zuckenden Strähnen erkannt.
Plötzlich, von einer Sekunde zur anderen, verharrte er in der Luft, während das Flugzeug unter ihm davonschoss. Dann war er fort.
Lisa drehte sich zu Chris um. Er atmete tief durch und wollte etwas sagen, doch im selben Moment kam ihm eine Stimme aus den Lautsprechern zuvor.
»Wir befinden uns auf griechischem Hoheitsgebiet über der südlichen Ägäis. Das Flugzeug ist beschädigt.« Die Lautsprecher knisterten, ehe der Pilot nach kurzem Zögern hinzufügte: »Ich werde versuchen, die Maschine auf einer der Inseln notzulanden.«