Wolkenkrieger
Das Flugzeug glitt seit fast zwei Stunden durch die Nacht.
Nach dem Start vom Wüstenstützpunkt war ihnen allen ein Stein vom Herzen gefallen. Zum ersten Mal seit ihrem Abstieg in die Ruinen von Lachis fühlten sie sich wieder sicher.
Obwohl der Professor den mysteriösen Fund in seinem Rucksack aufbewahrte – im Augenblick stand er zwischen seinen Füßen vor dem Sitz –, war es den Freunden die ganze Zeit über so vorgekommen, als trüge jeder von ihnen ein Stück davon bei sich. Sie alle wussten, dass auf die unerlaubte Ausfuhr archäologischer Funde hohe Strafen standen. Genau genommen war es Diebstahl, denn Entdeckungen wie diese gehörten immer jenem Staat, auf dessen Gebiet sie gemacht wurden.
Nun also waren sie Diebe. Verbrecher.
Im Nachhinein aber, in der Sicherheit der Flugzeugkabine, schwand ihr schlechtes Gewissen sehr schnell. Erleichterung und Spannung vermischten sich zu Euphorie. Schlafen konnte jetzt keiner der vier mehr.
Das Flugzeug war eine zweimotorige Propellermaschine. Auf jeder Seite des Mittelgangs befanden sich zehn Reihen zu je zwei Sitzen. Die wenigsten waren besetzt. Außer dem Professor und den vier Freunden befanden sich noch sechs Japaner an Bord, steinreiche Touristen, die mit dieser Maschine ganz Europa bereisten. Der Professor hatte ihnen für einen Spottpreis fünf Plätze für den Flug von Israel nach Rom abgekauft – die Japaner waren auf das Geld nicht angewiesen und fühlten sich geehrt, einem so berühmten Wissenschaftler behilflich sein zu können. Von Rom aus wollten die fünf dann einen Linienflug zurück nach Hause nehmen.
Die sechs Japaner saßen weit hinter ihnen. Sie schliefen.
»Was hätten die Soldaten in Lachis wohl mit uns angestellt, wenn sie uns erwischt hätten?«, fragte Lisa.
»In irgendein Gefängnis gesteckt und zu Tode gefoltert«, sagte Nils.
Chris nickte ernsthaft. »Mindestens.«
»Echt?«, fragte Lisa mit großen Augen.
Kyra schüttelte den Kopf. »Uns hätten sie wahrscheinlich laufen lassen. Aber mein Vater wäre hinter Gitter gewandert. Für zehn, fünfzehn Jahre, schätze ich.«
Lisa schüttelte sich bei dem Gedanken. Sie schaute zum Professor hinüber, der drei Reihen vor ihnen saß und schnarchte. Er hatte seit Tagen vor Aufregung kaum noch geschlafen. Die Expedition ins Innere des Tell ed-Duwer war ein Höhepunkt seiner Karriere gewesen.
Die Plätze der Freunde befanden sich genau über den Tragflächen des Flugzeugs. Draußen wurde die Nacht von einem strahlend weißen Halbmond erhellt. Sein Licht brachte die Tragflächen zum Schimmern, das Metall glänzte wie unter einer Eisschicht. Die großen Propeller bewegten sich so schnell, dass sie nicht mehr zu erkennen waren. Nur der Schein der roten Signallichter brach sich flirrend in der rasenden Drehung der Rotorblätter.
Kyra und Nils saßen auf der einen Seite des Mittelgangs, Lisa und Chris auf der anderen. Als Chris sich hinsetzte, hatte Lisa sich blitzschnell an ihrem Bruder Nils vorbeigeschlängelt und den Platz neben Chris in Beschlag genommen. Nils hatte nur geseufzt und nichts gesagt – ihm war nur zu klar, dass Lisa heimlich in Chris verknallt war. Auch Kyra wusste Bescheid. Das Problem war, dass Chris sich wiederum auffallend für Kyra interessierte und offenbar noch immer nicht mitbekommen hatte, wie sehr Lisa sich um seine Nähe bemühte.
»Ich weiß nicht«, meinte Kyra leise, »irgendwie gefällt mir das alles nicht.«
Die anderen wussten, was sie meinte. Es war das erste Mal, dass der Professor in ihrem Beisein etwas Ungesetzliches getan hatte – abgesehen von kleineren Bestechungen hier und da. Keinem der vier war bei diesem Gedanken besonders wohl.
Lisa wollte etwas sagen, als plötzlich ein leichter Ruck durch das Flugzeug ging.
Chris schluckte. »Blöde Luftlöcher.«
Nils grinste. Er hatte gesehen, wie bleich sein Freund geworden war. Gerade setzte er zu einer hämischen Erwiderung an, als Lisa flüsterte:
»Das war kein Luftloch.«
Die Köpfe der drei anderen wandten sich ihr zu. Lisa hatte das Gesicht ans Fenster gepresst und starrte hinaus in die Nacht. Ihr Körper war stocksteif geworden.
»Wie meinst du das?«, fragte Kyra.
»Kein … Luftloch«, wiederholte Lisa tonlos.
»Was ist da draußen?«, fragte Chris in einem Anflug von Besorgnis. Sanft zog er Lisa an der Schulter herum, um über sie hinweg selbst einen Blick hinauszuwerfen.
Beinahe schlimmer als das, was er dort entdeckte, war Lisas Gesichtsausdruck. Ihre Wangen glänzten wie die einer Porzellanpuppe. Sie sah aus, als stünde sie unter Schock.
»Das kann … das kann doch nicht sein«, brachte sie mühsam hervor.
Chris musste ihr Recht geben. Was er dort draußen erblickte, war einfach unmöglich.
Und doch sah er es mit eigenen Augen.
»Scheiße, was ist los?«, wollte Nils wissen.
Kyra sprang blitzschnell auf und kletterte hastig in die freie Sitzreihe vor Chris und Lisa. Mit klopfendem Herzen schaute sie durchs Fenster – und erstarrte.
Auf der Tragfläche saß ein Mann.
Es war verrückt – natürlich! Und doch …
Der Mann hockte mit eng angezogenen Knien auf dem Flügel der Maschine. Er musste sich nicht einmal mit den Händen abstützen, so sicher war sein Sitz. Weder Höhe oder Kälte, noch der tosende Gegenwind brachten ihn aus der Balance. Sein langes dunkles Haar flatterte, und der bodenlange schwarze Mantel warf zuckende Falten. Nichts konnte ihm etwas anhaben. Er kauerte dort draußen auf der äußeren Spitze der Tragfläche, als sei dies die natürlichste Sache der Welt.
Kyras Blick auf ihren Unterarm war längst zum Reflex geworden. Aber die Sieben Siegel, die sonst angesichts einer übernatürlichen Bedrohung auf ihrer Haut erschienen, blieben unsichtbar.
Chris und Lisa machten die gleiche Entdeckung: Die Siegel zeigten sich nicht. Konnte das bedeuten, dass von dem Mann auf der Tragfläche gar keine Gefahr ausging?
»Hätte jemand die Güte, mir zu sagen, was –«
Weiter kam Nils nicht, denn im selben Moment erschütterte ein zweiter Ruck das Flugzeug. Diesmal auf der anderen Seite.
Nils rutschte zum gegenüberliegenden Fenster und starrte hinaus.
»Mist!«, war alles, was er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorbrachte.
Kyra war sofort neben ihm.
»Da ist noch einer«, klärte sie Chris und Lisa auf. »Er sitzt genauso da.«
Tatsächlich unterschied sich der zweite Mann auf der anderen Tragfläche nicht von dem ersten. Sein Gesicht war nicht genau zu erkennen, aber er trug den gleichen Mantel und hatte das gleiche lange Haar.
Nils blickte auf seinen Unterarm. »Keine Siegel.«
Seit sie während ihres Kampfes gegen den auferstandenen Hexenmeister Abakus die magischen Male auf ihren Unterarmen erhalten hatten, gehörten sie zu einem kleinen Kreis von Auserwählten, der sich dem Kampf gegen die Mächte des Bösen verschrieben hatte. Das Schlimme war, dass die vier gar keine andere Wahl hatten – die Sieben Siegel zogen die Kreaturen der Nacht an wie Magneten. Kyras verstorbene Mutter, eine Hexe, hatte ihrer Tochter und deren drei besten Freunden dieses Erbe übertragen. Keiner von ihnen war glücklich darüber – ganz im Gegenteil –, doch allmählich lernten sie, mit der ständigen Bedrohung zu leben.
Umso verwirrender war, dass die Siegel diesmal nicht erschienen waren. Normalerweise wurden sie immer dann sichtbar, wenn Gefahr drohte. Warum also nicht jetzt?
»Vielleicht sind die beiden … na ja, harmlos«, meinte Nils.
Kyra schenkte ihm einen finsteren Blick. »Sehen die für dich so aus, ja?«
Da sagte Lisa: »Er hat gelächelt.«
»Was?«, entfuhr es ihrem Bruder.
»Er hat mich angelächelt«, wiederholte sie, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. Leiser fügte sie hinzu: »Aber irgendwie hat es nicht besonders freundlich ausgesehen.«
Der Mann vor ihrem Fenster richtete sich vorsichtig auf, ungeachtet des peitschenden Windes. Langsam machte er einige Schritte die Tragfläche entlang, näherte sich dem Rumpf der Maschine.
»Er kommt … er kommt auf mich zu«, flüsterte Lisa starr vor Angst.
Chris schaute über ihre Schulter und fluchte leise.
»Unserer sitzt noch«, sagte Kyra. Sie blickte an Nils vorbei nach draußen. »Das heißt, Moment … jetzt bewegt er sich.«
»Er steht auf«, sagte Nils.
Lisa hatte das Gefühl, als müsste ihr Brustkorb jeden Augenblick auseinander platzen, so schnell und hart schlug ihr Herz. Sie spürte Chris hinter sich, aber die Aufregung, die sie gepackt hielt, hatte nichts mit ihm zu tun. Sie konnte nichts anderes tun, als den unheimlichen Mann draußen auf der Tragfläche anzustarren.
Plötzlich blieb er stehen. Er befand sich jetzt auf Höhe des Propellers.
»Schnallt euch an«, rief Kyra laut genug, dass auch ihr Vater und die Japaner davon aufwachen mussten. »Schnallt euch alle an!«
Chris zurrte seinen Gurt fest. »Was macht er?« Er konnte genau wie die anderen kaum glauben, was er mit eigenen Augen mit ansah.
Der Mann drehte sich zur Seite und streckte den rechten Arm nach dem Rotor aus.
»Oh Gott!«, entfuhr es Lisa. »Er wird sich –«
Die Hand des Mannes fuhr mitten in die kreisende Bewegung des Propellers. Einfach mitten hinein!
Und dann hielt er das Rotorblatt an.
Den Freunden blieben zwei, drei Sekunden, um die schiere Unmöglichkeit dieses Vorgangs zu akzeptieren: Der Mann stoppte den Propeller des Flugzeugs mit bloßer Hand!
Diesmal ging mehr als ein Ruck durch die Maschine. Innerhalb eines Atemzuges kippte das Flugzeug zur Seite weg. Taschen und andere Gepäckstücke flogen wie Geschosse durch die Kabine. Die Japaner schrien auf, der Professor brüllte irgendetwas Unverständliches, und Lisa spürte, wie sie fast vom Sitz gerissen wurde. Nur der Sicherheitsgurt hielt sie noch. Aus dem Lautsprecher ertönte das Heulen eines Alarmsignals
