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«Der Boden war steinhart, aber wir haben es doch geschafft, einen Vergleichsabdruck von den Reifenspuren zu machen», sagte Superintendent Pratt. Die Füße hatte er auf der Platte von Wachtmeister Plucks Schreibtisch liegen.

«Ich glaube aber, es hilft uns genausowenig weiter wie die Fußspuren. Mir ist niemand bekannt, der solche Quadratlatschen trägt. Und wenn er so schlau war, seine Schuhe zu wechseln, dann hat er bestimmt auch daran gedacht, die Reifen zu wechseln.»

«Hmm. Wir gehen der Sache auf jeden Fall nach. Es war ein ziemlich sicheres Plätzchen, um den Wagen abzustellen.» Pratt schloß die Augen, als wolle er sich noch einmal die Lichtung vergegenwärtigen. «Von der Straße nicht einsehbar, weil die Bäume und dieser kleine Hügel sich davor befinden.» Er öffnete die Augen und blickte Jury an. «Was die Schnitte auf der Nase betrifft –»

Pratt wurde jedoch von Wachtmeister Pluck unterbrochen, der Lady Ardry ankündigte. «Sie haben sie hierherbestellt, Sir? Zumindest behauptet sie das.» Pluck war entsetzt und blickte Jury an, als wäre er von allen guten Geistern verlassen.

«Ja, ich habe sie kommen lassen. Und wenn Miss Rivington und Mr. Matchett hier eintreffen, sagen Sie ihnen bitte, sie sollen sich etwas gedulden.»

Lady Ardry stand jedoch bereits im Zimmer; sie hatte Pluck ihren Stock vor die Brust gehalten und ihn beiseite geschoben. Pratt trank seinen Tee aus und sagte, er müsse gehen. Er nickte und verschwand.

Agatha nahm in ihrem voluminösen, über den Stuhl wallenden Cape Platz, ihren Spazierstock hielt sie mit beiden Händen umklammert. Jury hatten es besonders die Handschuhe angetan; sie waren aus brauner Wolle gestrickt, und die Finger waren oberhalb der Knöchel abgeschnitten. Wahrscheinlich hatte ein Finger ein Loch gehabt, und sie wollte es nicht flicken. Sie genoß es offensichtlich, von ihm hergebeten worden zu sein. «Handelt es sich um diesen Creed?»

Jury war überrascht. «Woher wissen Sie denn seinen Namen, Lady Ardry?»

«Vom Stadtausrufer», sagte sie mit einem boshaften Lächeln. «Wachtmeister Pluck. Ich hab Sie vor ihm gewarnt, erinnern Sie sich? Er posaunt die Geschichte überall herum.» Sie blies die Backen auf und gab ihre Schlußfolgerung zum besten. «Inspektor, es sieht ganz so aus, als würde dieser Irre sich immer noch in Long Piddleton herumtreiben!»

«Wollen Sie etwa sagen, daß irgendein Fremder hier herumhängt und nur darauf wartet, wieder zuschlagen zu können?»

«Großer Gott, meinen Sie denn etwa, daß es jemand ist, der hier lebt?» schnaubte sie. «Sie haben eben mit unserm verrückten Melrose gesprochen.» Das klang so, als beziehe Scotland Yard seine Hinweise ausschließlich von dem verrückten Melrose.

«Ich befürchte, dieser Irre, falls es überhaupt ein Irrer ist, befindet sich unter ihnen, Lady Ardry.» Sie fuhr empört hoch. «Sie haben gesagt, Sie seien mit Ihrem Fahrrad die Straße nach Dorking Dean entlanggefahren. Um wieviel Uhr war das?»

«Nachdem ich Sie und Melrose verlassen habe, wann denn sonst?»

Sie Idiot, hörte Jury sie im Geist hinzufügen. «Ja, gut. Aber können Sie es nicht etwas genauer sagen? Wie lange brauchten Sie von Ardry End bis zu der Straße?»

Ihre Stirn legte sich in tiefe Falten, so angestrengt dachte sie nach. «Eine Viertelstunde.»

«Und auf dem Weg zur Dorking Dean Road überholte sie dann das Auto?»

«Das Auto? Welches Auto?»

Jury betete um Geduld. «Dieses Auto, das, wenn ich recht verstanden habe, anhielt und dessen Fahrer Ihnen dann erzählt hat, was im Schwanen passiert ist.»

«Ach, dieses Auto? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt. Ich war bereits auf der Straße nach Dorking Dean. Das war Jurvis, der Fleischer. Er hatte den Auflauf vor dem Schwanen gesehen und mir davon erzählt.»

«Bis zu dem Gasthof war es dann ungefähr noch ein Kilometer», schätzte Jury. «Sie hätten das in ein paar Minuten geschafft.»

«Ja, wenn ich gewollt hätte. Ich kann diese gräßliche Willypoole nicht ausstehen, aufgetakelt wie sie ist. Aber was kann man von so einer schon erwarten.»

Jury unterbrach sie. «Theoretisch können Sie also gegen halb elf hier losgefahren und noch vor zwölf am Schwanen gewesen sein.» Jury wartete darauf, daß sie begriff.

Sie begriff jedoch nicht. «Warum hätte ich das tun sollen?»

Jury unterdrückte ein Lächeln. «Also, eine gute Nachricht habe ich für Sie.» Er blickte auf das Stück Papier, auf dem er die Zeiten überschlagen hatte. «Aber ich möchte, daß niemand davon erfährt», flüsterte er.

Sie lag beinahe auf dem Schreibtisch, so begierig war sie, das Geheimnis zu erfahren. «Meine Lippen sind versiegelt.» Sie legte einen aus dem Handschuh ragenden Finger auf ihren Mund.

«Es gibt eine Person in Long Piddleton mit einem absolut hieb- und stichfesten Alibi.» Er lächelte.

Agatha reckte den Kopf wie ein großer Vogel und plusterte sich auf. «Das bin natürlich ich.»

Jury blickte sie mit gespielter Verwunderung an. «Oh, nein, Gnädigste. Ich hab Ihnen das doch gerade eben vorgerechnet. Die Zeiten, überlegen Sie doch! Nein, es ist Melrose Plant.» Er setzte sein gewinnendes Lächeln auf. «Ich wußte, daß Sie das freuen würde.»

Ihr Mund klappte auf und zu. Ihr Gesicht war puterrot. «Aber –»

«Wie Sie wissen, war Mr. Plant von elf Uhr dreißig bis zu dem Zeitpunkt, als Sie wieder zurückkamen, mit mir zusammen. Und Vorher war er mit Ihnen zusammen.»

Sie spielte an ihrem Stock herum, zog an den Enden ihrer Handschuhe und blickte verstört um sich. Dann fing sie an zu strahlen. «Aber dann habe ich ja auch ein Alibi!» Der Stolz auf ihren Scharfsinn stand ihr im Gesicht geschrieben, als sie das Kinn in die Hand legte und die Ellbogen auf den Schreibtisch aufstützte.

«Wie kommen Sie darauf. Creed wurde zwischen halb elf und zwölf ermordet. Und wir wissen auch, wann Sie von Ardry End losgefahren sind und wie lange Sie bis zu dem Gasthof gebraucht hätten –»

Endlich dämmerte es ihr. Er beobachtete, wie die Röte sich auf ihrem Hals und ihrem Gesicht ausbreitete. Sie baute sich vor ihm auf. «Wäre es das jetzt, Inspektor?» Ihre Stimme bebte, und er wußte ganz genau, was sie am liebsten mit ihrem Stock getan hätte.

«Für den Augenblick, ja. Aber halten Sie sich bitte für weitere Fragen bereit.» Jury lächelte strahlend.

Kaum war ihre voluminöse Gestalt aus der Tür, drehte er sich nach dem Fenster hinter ihm um und lachte.

Da er immer noch lauthals lachte, hörte er kaum, wie die Tür hinter ihm auf und zu ging. Erst als er die Stimme hörte, blickte er sich um.

«Inspektor Jury?»

Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, fuhr er herum, das Gesicht immer noch zu einem Grinsen verzogen.

«Ich bin Vivian Rivington. Ihr Wachtmeister sagte mir, ich solle hereinkommen.» Sie schaute ihn mit gerunzelter Stirn ratlos an.

Jury stand einfach nur da, idiotisch lächelnd und unfähig, sich zu rühren. Er hatte nur einen Blick auf Vivian Rivington geworfen und sich Hals über Kopf in sie verliebt.

Es stimmte, daß sie einen dunkelbraunen Pullover mit einem Gürtel trug, wie Lady Ardry gesagt hatte, aber die Hände hatte sie nicht zu Fäusten geballt. Sie zerknautschten vielmehr – ähnlich wie die kleine James das zu tun pflegte – den Saum ihres Pullovers. Ihre Farben waren die eines Herbsttages, lohfarben und tiefgolden, mit einem rötlichen Schimmer wie eine Abendlandschaft. Ihr karamelfarbenes Haar glänzte seidig; das Gesicht war dreieckig und ohne Make-up; die Augen waren bernsteinfarben und wie Halbedelsteine in sich gesprenkelt. Vor allem war es aber ihre Ausstrahlung, die ihn an Maggie erinnerte: eine Trauer, die ihr seltsamerweise etwas Leuchtendes verlieh. Auf ihn wirkte sie charismatisch.

Ihr verlegenes Hüsteln brachte ihn aus weiter Ferne zurück. Jury ging um den Schreibtisch herum, streckte seine Hand aus, zog sie zurück und streckte sie dann wieder aus. Sie starrte zweifelnd darauf, als würde er sie gleich wieder zurückziehen und sie ins Leere greifen lassen.

Jury versuchte gerade, sich zu zwingen, ihr seine Fragen zu stellten, überhaupt etwas zu sagen, als Wiggins den Kopf durch die Tür steckte und Mr. Matchett ankündigte. Jury sagte: «Danke. Ich werde gleich mit ihm sprechen. Können Sie bitte hierbleiben und mitschreiben, Wachtmeister Wiggins.» Er übersah geflissentlich Wiggins fragenden Blick.

Er hätte ihn genausogut bitten können, das Lindisfarne-Evangelium zu vervollständigen, so feierlich klang seine Stimme. «Miss Rivington», sagte er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, als wäre ihr Gesicht ein Spiegel. «Ich bin Inspektor Jury. Richard Jury. Bitte setzen Sie sich.»

«Danke.»

Er blickte auf das Stück Papier, auf dem er bei verschiedenen Gelegenheiten herumgekritzelt hatte, und entdeckte darauf Figuren, die an beleibte Damen in großen Capes erinnerten. Dann faltete er die Hände auf dem Schreibtisch und versuchte eine todernste Miene aufzusetzen. Anscheinend gelang ihm das nur zu gut, denn sie blickte hilfesuchend zu Wiggins hinüber. Wiggins lächelte, und sie schien sich etwas zu entspannen.

Jury bemühte sich, freundlicher dreinzublicken. «Miss Rivington, Sie waren im Schwanen, als, äh, ich meine, kurz bevor …» Er wollte sich nicht so kraß ausdrücken, aber er fand nicht die richtigen Worte.

«Als der Mann ermordet wurde. Ja.» Sie senkte den Blick.

«Können Sie mir sagen, was Sie dort getan haben?»

«Ja, natürlich, ich war zum Mittagessen dort. Ich hatte mich mit Simon Matchett verabredet.»

Matchett. Jury hatte völlig vergessen, daß Matchett angeblich mit dieser Frau verlobt war. Er konnte sie danach fragen. Nein, besser nicht; zumindest nicht jetzt.

«Habe ich etwas Falsches gesagt, Inspektor?»

«Etwas Falsches? Nein, nein, natürlich nicht.» Er mußte wohl sehr stark die Stirn gerunzelt haben, da sie so besorgt aussah. Er konzentrierte sich auf Wiggins, um ihn als Quelle seines Mißbehagens erscheinen lassen. «Haben Sie das – haben Sie auch nichts vergessen, Wachtmeister Wiggins?»

Wiggins Kopf ging in die Höhe. «Entschuldigen Sie … Was denn, Sir? Ja, ja, natürlich, warum …?!»

Jury nickte seinem Wachtmeister zu und widmete sich wieder Vivian Rivington. «Erzählen Sie, Miss Rivington.»

«Eigentlich gibt es gar nichts zu erzählen. Simon mußte nach Dorking Dean, und wir wollten uns danach um elf Uhr im Schwanen zum Mittagessen treffen.»

«Gehen Sie dort oft hin?»

«Nein, nur ab und zu. Um aus Long Piddleton rauszukommen, und da er sowieso nach Dorking mußte …» Sie verstummte.

Jury riß kleine Stückchen von Plucks Löschblatt. Er räusperte sich. «Sie haben diesen Mann nicht gesehen?» Sie schüttelte den Kopf. «Und Sie sind die ganze Zeit nicht von Ihrem Tisch aufgestanden?» Wieder schüttelte sie den Kopf. «Diese Mrs. Willypoole war auch die ganze Zeit über in der Bar?»

Vivian runzelte die Stirn und dachte nach. «Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich glaube aber.»

«Und Sie und Mr. Matchett verließen das Lokal gegen Mittag?»

«Ja.» Sie war etwas an den Schreibtisch herangerückt und legte ihre Finger auf den Rand. «Auf was wollen Sie hinaus, Inspektor Jury?» fragte sie. Jury betrachtete ihre Finger – unlackierte Nägel wie eine kleine Kette von Opalen – und legte das Löschblatt aus der Hand.

«Wenn ich das wüßte.» Selten hatte eine Antwort so matt geklungen. «Kamen Sie nach Mr. Matchett an? Oder mit ihm zusammen?»

«Wir kamen jeder in seinem Auto, waren aber ungefähr zur selben Zeit da. Ich kann nicht glauben –» Sie ließ den Kopf in ihre Hände fallen, hob ihn aber gleich wieder, als wäre diese Geste viel zu dramatisch. Wie ein zurechtgewiesenes Kind setzte sie sich aufrecht auf ihren Stuhl. Jury hatte den Eindruck, daß Vivian Rivington sich ständig selbst zurechtwies. «Am schlimmsten ist, daß dieser Mann ermordet wurde, während ich sozusagen dabeisaß. Darüber komme ich einfach nicht weg.»

Auch Jury kam nicht darüber weg.

«Inspektor? Ist alles in Ordnung?» Sie lehnte sich besorgt zu ihm hinüber. «Wahrscheinlich arbeiten Sie viel zu viel.»

«Mir fehlt nichts. Hören Sie, es gibt da noch ein paar Fragen, aber im Augenblick würde ich mich gern mit Mr. Matchett unterhalten.» Er brannte darauf, sie nach Matchett zu fragen. Er befeuchtete seine Lippen, ließ aber kein Wort darüberkommen. Dann wandte er sich Wiggins zu: «Bitte begleiten Sie Miss Rivington hinaus und sagen Sie Mr. Matchett, ich wäre gleich soweit.»

«Ja, Sir.» Wiggins erhob sich, nahm sein Taschentuch und Notizbuch und öffnete Vivian die Tür; sie warf dem Oberinspektor noch einen fragenden Blick zu, bevor sie sich umdrehte und hinausging.

Jury ließ sich auf seinen Stuhl fallen und holte tief Luft. Du Idiot, beschimpfte er sich, du dämlicher Schwachkopf.

Als Matchett hereinkam und Platz nahm, machte Jury sich immer noch die schwersten Vorwürfe.

Jury bot ihm eine Zigarette an und stellte ihm dieselben Fragen wie Vivian Rivington.

«Ich habe das unangenehme Gefühl», sagte Matchett, «daß ich an erster Stelle rangiere.»

«Bei was?»

«Oh, tun Sie doch nicht so unschuldig, Inspektor. Der Superintendent hat Sie bestimmt von dieser Sache mit meiner Frau unterrichtet. Wie viele Verdächtige haben Sie schon, die in einen Mordfall verwickelt waren?» Er versuchte zu lächeln, aber es wirkte nicht sehr überzeugend. Jury konnte ihm das nachfühlen.

«Ich glaube, jeder hat schmutzige Wäsche, die er nicht in der Öffentlichkeit waschen will.»

Simon Matchett starrte düster auf seine Zigarette. «Aber vielleicht nicht gerade eine ermordete Ehefrau.»

Jury unterzog ihn einer gründlichen Inspektion. Im Gegensatz zu Oliver Darrington schien er keine besondere Vorliebe für italienische Seide und Maßanzüge aus Savile Row zu haben. Jury war jedoch überzeugt, daß sein Geschmack nicht weniger kostspielig war, er trug ihn nur nicht so auffällig zur Schau. Matchetts Stil war eher eine Art sorgloses Understatement, was Kleidung, Auftreten und Ausdrucksweise betraf. Er trug Blue Jeans und ein Baumwollhemd, dessen Ärmel über die Handgelenke hochgerollt waren. Schlicht genug. Nur jemand mit Jurys Beobachtungsgabe konnte erkennen, daß das Hemd ein teures Liberty-Lawn-Hemd war und daß die Blue Jeans aus demselben Konfektionsgeschäft stammten. Ein solcher Schnitt war bei Marks und Sparks nicht zu finden. Nein, er war sehr viel subtiler als Darrington. Darrington kleidete sich wie eine Schaufensterpuppe. Matchett hingegen wirkte wie ein Schatten, der sich hinter einer Jalousie bewegt. Er konnte jeder Frau suggerieren, es stehe allein in ihrer Macht, diese Jalousie hochzuziehen.

«Unterhalten wir uns über diesen spezifischen Mord, Mr. Matchett. Gab es irgendeinen besonderen Grund, weshalb Sie gerade im Schwanen zu Mittag gegessen haben?»

«Nur, daß er auf dem Weg lag.»

Jury warf ihm einen Blick zu. Zufälle gab es natürlich immer. Aber er wurde nicht dafür bezahlt, daß er an Zufälle glaubte.

Matchett fuhr fort. «Ich finde es nur seltsam, daß der Mann die ganze Zeit über in der Kälte herumstand.»

«Er muß ja nicht unbedingt die ganze Zeit am Leben gewesen sein, oder?»

Matchett zuckte zusammen. «Ich scheine wohl Mörder anzuziehen.»

«Hmm, tun Sie das?»

«Das ist bereits das zweite Mal, daß ich mich an einem Ort aufgehalten habe, an dem ein Mord verübt wurde.»

Zumindest besaß er den Anstand, Vivian Rivington aus dem Spiel zu lassen.

«Hielt sich Mrs. Willypoole die ganze Zeit über in der Bar auf, während Sie da waren?»

Matchett dachte einen Augenblick lang nach und nickte. «Ja. Sie hat sich ein Glas eingeschenkt und Zeitung gelesen.»

«Und Sie haben sonst niemanden gesehen? Keiner ist durch diese Tür in den Hof gegangen?»

«Nein. Ich bin mir da ganz sicher. Wir saßen mit dem Gesicht zur Tür.»

«Erzählen Sie mir von Ihrer Frau, Mr. Matchett. Ich habe das Protokoll gelesen, aber vielleicht können Sie auf ein paar Punkte noch etwas näher eingehen.»

«Ja, natürlich. Wir lebten in Devon und hatten – das heißt, sie hatte – mehrere Gasthöfe. Die Ziege mit dem Kompaß, in dem wir wohnten, war einer davon. Es war einer dieser alten Gasthöfe mit einer Galerie auf jeder Etage. Ich dachte, in dem Innenhof könnte man gut mal ein altes Stück aufführen. Wir ließen alles dafür herrichten: die Bühne und ein paar Bänke für das Publikum. Auf den Galerien brachten wir auch Leute unter, wenn der Platz unten nicht reichte. Nach dem ersten Sommer kamen erstaunlich viele. Es waren zwar nicht gerade die Chichester Festspiele, aber wir hatten doch ziemlich Erfolg damit. Um auch nachts spielen zu können, ließen wir Scheinwerfer installieren.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß ich einmal Schauspieler war? Vielleicht kein sehr guter, aber für ein paar kleinere Rollen im West End hat es gereicht. Über die Schauspielerei habe ich auch Celia, meine Frau, kennengelernt. Sie bildete sich ein, eine talentierte Schauspielerin zu sein, und tauchte eines Sommers bei einer Sommer-Inszenierung in Kent auf. Wahrscheinlich hat ihr Vater sich ihre Rolle einiges kosten lassen. Er war vermögend, vor allem hatte er sehr viel Grundbesitz. Zum Beispiel gehörten ihm diese ganzen Gasthöfe. Zwei weitere davon in Devon, Der Eiserne Teufel und Der Sack voll Nägel. Als Celia sie übernahm, wurde jeder Pfennig zweimal umgedreht. Ich möchte mich nicht weiter darüber auslassen, warum unsere Ehe nicht glücklich war, es gab viele Gründe dafür. Nach fünf Jahren konnte ich sie nicht mehr ausstehen. Sie war schrecklich besitzergreifend. Ich wollte weg. Damals spielten sich die schrecklichsten Szenen zwischen uns ab. Ich könnte Ihnen da einiges erzählen.» Und bissig fügte er noch hinzu: «Die Dienstboten übrigens ebenso. Und als die Polizei kam, taten sie das auch.»

«Warum haben Sie sie nicht verlassen?»

«Ich war drauf und dran. Damals tauchte dann Harriet Gethvyn-Owen auf, ein entzückendes Geschöpf. Auch eine Laienschauspielerin, nur war sie begabt, ziemlich begabt sogar. Eines ergab das andere – die alte Geschichte. Wir verliebten uns. Ein Grund mehr für mich, Celia zu verlassen.

In jenem Sommer hatten wir Othello auf dem Programm. Etwas vermessen von mir, aber ich war schon immer auf diese Rolle scharf gewesen. Harriet spielte Desdemona. Celia war mißtrauisch geworden und richtete sich in einem Zimmer gegenüber der Bühne ein kleines Büro ein. Der hintere Teil des Hofs mit der zweiten Etage und der Galerie, die um den ganzen Innenhof geht – wußten Sie übrigens, daß solche Gasthäuser die Vorläufer unserer Theater waren? –, hatten mich überhaupt erst auf die Idee gebracht. Celias Büro war also gerade ein paar Meter von der Bühne entfernt. So besitzergreifend war sie. An dem Abend, als sie umgebracht wurde, hatte ihr das Hausmädchen – Daisy Soundso – wie üblich etwas Heißes zu trinken gebracht. Eine halbe Stunde später kam dann die Köchin, Rose Smollet, um das Tablett abzuholen, und sah Celia zusammengesackt an ihrem Schreibtisch sitzen. Sie war tot.» Matchett zog an seiner Zigarette. «Der Schreibtisch war gründlich durchsucht worden, der Safe geöffnet. Schließlich wurde der Fall zu den Akten gelegt – Täter unbekannt.»

«Aber doch nicht sofort?»

Matchetts Lachen klang bitter. «Oh, bestimmt nicht, wie Sie sich denken können. Ich war natürlich der Hauptverdächtige. Großer Gott, meine Motive lagen sozusagen auf der Hand. Hätte ich nicht auf der Bühne gestanden, als Celia ermordet wurde, wäre ich bestimmt im Gefängnis gelandet. Und Harriet vielleicht auch. Was lag näher, als daß der Ehemann und seine Geliebte die eifersüchtige Ehefrau um die Ecke brachten – aber damit hatten sie kein Glück. Wir führten nämlich zu diesem Zeitpunkt gerade unser Stück auf.»

«Ich nehme an, es gab genügend Leute, die bezeugen konnten, daß Sie auch derjenige waren, der vor ihnen auf der Bühne stand?»

«Dreißig oder vierzig. Das dürften wohl genug Zeugen sein.» Diesmal konnte Matchett sich ein Lächeln erlauben.

«Das perfekte Alibi.»

Matchett drückte seine Zigarette aus und lehnte sich etwas vor. «Inspektor, in Darringtons schwachsinnigen Detektivgeschichten ist immer von ‹perfekten› oder von ‹hieb- und stichfestem Alibi› die Rede. Und immer mit diesem Unterton, den Sie gerade hatten. Meiner Meinung nach ist ein Alibi, das nicht perfekt ist, überhaupt kein Alibi. Ich würde ein perfektes Alibi als einen Pleonasmus bezeichnen. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.»

«Da haben Sie nicht ganz unrecht, Mr. Matchett.»

«Außerdem haben Unschuldige immer ein ‹perfektes› Alibi, einfach weil sie unschuldig sind.»

«Stimmt auch, Mr. Matchett. Aber eigentlich hatte ich überhaupt keinen Hintergedanken, als ich das sagte.»

«Den Teufel hatten Sie!»

Jury ließ das durchgehen. «Hatte Ihre Frau irgendwelche Feinde?»

Matchett zuckte mit den Schultern. «Wahrscheinlich. Sie war nicht besonders beliebt, das steht fest. Aber es gab niemand, der ihr nach dem Leben trachtete.» Matchett fuhr sich mit einer Bewegung, die unendlich müde wirkte, übers Gesicht. «Harriet verließ mich danach. Sie ging in die Staaten.»

«Warum denn das? Sie hatte doch endlich freie Bahn. Trotz der unglücklichen Umstände stand Ihrem Glück nun nichts mehr im Wege. Warum ist sie weggegangen?»

«Aus Schuldgefühlen, nehme ich an. Der ganze Rummel. Sie war sehr sensibel. Und auch ziemlich scheu.»

Jury hatte seine Zweifel.

«Sie packte einfach ihre Koffer. Sagte, sie könne nicht mit mir zusammenleben, Celias Tod läge wie ein Schatten über uns …» Matchett schüttelte den Kopf, als wolle er die Erinnerung daran verscheuchen. «Aber all das liegt schon sechzehn Jahre zurück. Und schlafende Hunde soll man nicht wecken.» Er warf Jury einen Blick zu. «Ich hoffe zumindest, daß sie schlafen, sicher bin ich mir nicht.»

«Irgendwas kommt immer dazwischen!» Jury lächelte und nahm sich vor. sich von Wiggins die Akte über den Fall Celia Matchett besorgen zu lassen. «Etwas anderes – dieses Gerücht, daß Sie sich mit Miss Rivington – ich meine, mit Vivian Rivington – verlobt haben, was hat es damit auf sich?» fragte Jury so beiläufig wie nur möglich.

Matchett war überrascht. «Was hat denn das mit dem Mord zu tun?»

Jury lächelte matt. «Keine Ahnung, deswegen frage ich ja.»

«Nun ja, daß zwischen mir und Vivian was ist, möchte ich nicht abstreiten.»

«‹Was› kann sehr viel bedeuten.»

«Sagen wir, ich habe sie gefragt, ob sie mich heiraten wolle. Aber das bedeutet noch lange nicht, daß sie es auch tut.»

«Warum sollte sie nicht?»

Matchett zuckte mit den Schultern und lächelte. «Wer weiß schon, was in den Köpfen der Frauen vor sich geht, Inspektor.» Er zündete sich eine Zigarre an.

Jury ärgerte sich weniger über die männliche Überheblichkeit, die in dieser Bemerkung zum Ausdruck kam, als über die Tatsache, daß er Vivian einfach mit allen andern Frauen in einen Topf warf. «Sollten Sie nicht wissen, was in Miss Rivingtons Kopf vorgeht, wenn Sie sich mit der Absicht tragen, sie zu heiraten?» Wie absurd, die Partei einer Frau zu ergreifen, die er erst vor knapp einer Stunde kennengelernt hatte. Aber Matchetts banale Bemerkung irritierte ihn auch, weil er durch seine Arbeit zu nah an den Kern der Dinge geriet, um nichtssagende Verallgemeinerungen wie die von Matchett dulden zu können.

Matchett zog einfach nur an seiner Zigarre und betrachtete Jury durch seine halbgeschlossenen Lider. «Ja, wahrscheinlich.»

Jury, der sich einen Bleistift geschnappt hatte und auf einem Blatt Papier herumkritzelte, um sich ein wenig abzulenken, fragte: «Lieben Sie Miss Rivington, Mr. Matchett?» Matchett rollte die Zigarre in seinem Mund und musterte Jury. «Was für eine zynische Frage, Inspektor. Ich sagte Ihnen doch, daß ich ihr einen Heiratsantrag gemacht habe.»

Ja oder nein, Kumpel, hätte Jury am liebsten gesagt, aber statt dessen fragte er: «Ich nehme an, ihre Schwester weiß Bescheid?»

«Ich glaube schon. Und sie ist wohl auch damit einverstanden.»

Jury wußte, daß Matchett weder dumm noch unsensibel war – warum stellte er sich dann so? «Es wäre nicht gerade einfach für ihre Schwester, wenn Vivian heiraten würde. So wie es jetzt aussieht, kann Isabel mehr oder weniger über das Geld verfügen.»

«Meinen Sie, sie würde sie auf die Straße setzen oder so was Ähnliches? Vivian würde das Isabel nie antun. Und Isabel würde für Vivian auch durchs Feuer gehen.»

Jury war sich dessen nicht so sicher – keine Sekunde lang glaubte er daran. Er kam wieder aufsein ursprüngliches Thema zurück. «Sie sind also um elf Uhr am Schwanen angekommen?»

«Ja, richtig. Er macht um diese Zeit auf.»

«Wo waren Sie um zehn? Oder zwischen zehn und elf?» Matchetts Alibi wies immer noch eine Lücke von einer halben Stunde auf.

«In Dorking-Dean. Einkaufen.»

«Und wann fuhren Sie weg?»

«Oh, ungefähr Viertel vor elf. Ich erinnere mich, daß ich eine gute Viertelstunde in dem Kreisverkehr steckte. Der Weihnachtsrummel!»

«Aha, ich glaube, das wär’s für heute, Mr. Matchett. Ich melde mich wieder.»

Als Matchett aufstand, steckte Pluck den Kopf durch die Tür und sagte Jury, Mr. Plant sei draußen und wolle ihn sprechen. Jury ließ ihn eintreten.

Ohne lang Platz zu nehmen, drängte ihn Melrose: «Inspektor, ich glaube, Sie sollten mit zum Pfarrhaus kommen. Der Pfarrer kann Ihnen vielleicht weiterhelfen. Er stand vor dem Schwanen und hörte, was die Polizisten über den Zustand der Leiche sagten. Das war, kurz bevor wir ankamen.»

Jury war aufgestanden und zog seinen Mantel an. «Wieso, was ist mit der Leiche, Mr. Plant?»

«Der Pfarrer sagte, er habe gehört, daß der Mann ein paar Schnittwunden im Gesicht habe. Ich glaube auf der Nase. Schnittwunden, für die es keine Erklärung gibt.»

Jury hätte sich gewünscht, die Polizei wäre zurückhaltender mit ihren Auskünften – etwas zumindest. «Ja, das stimmt, diese Schnitte sind wirklich sehr seltsam.»

«Nun, der Pfarrer weiß, was sie bedeuten, oder zumindest behauptet er das.»