IX


«Als ich das hörte, bin ich sofort zurückgefahren!» sagte Lady Ardry aus dem Rücksitz von Plants Bentley. Fünf Minuten hatte es gedauert, bis der Motor ansprang, jetzt fuhren jedoch alle drei in vollem Tempo die Landstraße entlang, die Dorking Dean mit Sidbury verband.

Jury unterdrückte nur mühsam seinen Ärger. «Warum hat Wiggins mich nicht einfach angerufen? Dann hätten wir die halbe Stunde, die Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs waren, eingespart.»

Sie summte vor sich hin und starrte auf die Felder mit dem schmelzenden Schnee. «Wahrscheinlich wußte er nicht, wo Sie waren.»

Jury drehte sich auf seinem Sitz nach ihr um und sagte mit eiserner Selbstbeherrschung: «Aber Sie wußten es, Lady Ardry.»

Sie strich sich den Rock glatt. «Ich hatte keine Ahnung, daß Sie immer noch bei Plant herumsitzen und Kaffee trinken würden.»

Der Dorfgasthof Zum Schwanen war kaum zwei Kilometer von Ardry End und auch nur wenige Kilometer von Dorking Dean entfernt. Als sie ankamen, sahen sie auf dem kleinen Parkplatz vor dem Gasthof bereits drei Polizeiautos stehen. Auch mehrere Sensationslüsterne hatten ihre Autos wahllos am Straßenrand abgestellt. Kaum war Plants Bentley hinter der Kaskade von Schneematsch sichtbar geworden, kam auch schon Wiggins angerannt.

«Tut mir schrecklich leid, Sir. Ich habe überall herumtelefoniert, wirklich, glauben Sie mir –»

Jury beruhigte ihn. «Ich war auf Ardry End –»

«Und frühstückte», warf Agatha ein, die sich mühsam aus dem Auto hievte.

Pratt trat hinzu. «Die Leute haben schon alles inspiziert, Sie können also tun und lassen, was Sie wollen. Ich muß nach Northampton zurück. Der Hauptwachtmeister ist … na ja, Sie können sich’s ja denken. Wiggins wird Ihnen alles Weitere erzählen.» Pratt salutierte andeutungsweise und verschwand in dem Wagen, der vorgefahren war.

Melrose Plant mischte sich unter die Leute, und Lady Ardry trabte empört hinter ihm her. Sie schien zu denken, die Tatortbesichtigung wäre in ihrer Abwesenheit nicht richtig vorangekommen und könnte erst jetzt zu Ende geführt werden.

«Pluck!» rief Jury. «Diese Leute sollen sofort aus dem Weg gehen. Der Polizeiarzt braucht Platz für seinen Wagen.» Es sprangen auch ziemlich viele Kinder herum, die sich wohl irgendwelche blutigen Greuel versprachen. Er entdeckte die Doubles unter ihnen und winkte. Ganz hektisch winkten sie zurück.

«Wo ist die Leiche, Wiggins? Und wer hat sie gefunden?»

«Im Garten, Sir. Mrs. Willypoole, die Besitzerin, hat sie gefunden.»

Mehrere Reporter drängten sich zu ihnen vor. «Handelt es sich um einen Geistesgestörten, Inspektor?»

«Kann ich Ihnen nicht sagen. Nach dem, was in den Zeitungen steht, scheinen Sie das ja zu glauben.»

«Aber es gibt ein bestimmtes Grundmuster: ein weiterer Mord in einem Gasthof, Inspektor.»

«Erklären Sie mir, was es mit dem Muster auf sich hat, wenn Sie dahintergekommen sind.» Jury drängte sich an ihnen vorbei.

Bevor er die Tür öffnete, blieb er einen Augenblick lang stehen und betrachtete das Schild des Gasthofs, das an seiner eisernen Stange knarrte. Die Farben waren schon ziemlich verblaßt, aber der Schwan mit den beiden Hälsen und den beiden in entgegengesetzte Richtung blickenden Köpfen war deutlich erkennbar. Er schwamm fröhlich einen Fluß hinunter, der einmal grün gewesen sein mußte, und seine seltsame Entstellung schien ihn überhaupt nicht zu stören. Über dem Bild stand in hübscher Kursivschrift: Zum Schwanen mit den zwei Köpfen.

«Wie sie nur auf so was kommen?» meinte Jury zu Wiggins.

«Ah, wassa?» fragte Wiggins, dessen Stimme sich in den Falten seines Taschentuchs verlor.

«Auf diese Namen, Wiggins, auf diese komischen Namen.»

Jury stieß eine Tür aus Milchglas auf, die offensichtlich zur Bar führte. Eine Frau, Mrs. Willypoole, wie er annahm, kippte gerade ein Gläschen Gin hinunter. Als sie Jury sah, zwang sie sich ein Lächeln ab und schwenkte die Ginflasche wie eine Trophäe.

«Das ist Mrs. Willypoole», sagte Wiggins. «Sie hat ihn gefunden.»

«Inspektor Jury, Madam, New Scotland Yard.»Er zeigte ihr seinen Ausweis, aber es fiel ihr offensichtlich schwer, sich darauf zu konzentrieren. Eine orangefarbene Katze, die sich auf dem Tresen zusammengerollt hatte, öffnete ein blankes Auge. Anscheinend hatte sie an Jurys Papieren nichts auszusetzen; sie gähnte und schlief weiter.

«Wie wär’s mit einem Drink, mein Junge?» Jury schüttelte den Kopf. «Du mußt schon entschuldigen, so ’n Schock kriegt man nicht alle Tage. Als ich in den Garten ging, glaub mir –» Sie ließ den Kopf in die Hände fallen.

«Natürlich, ich versteh schon. Mrs. Willypoole. Ich würd mir gern mal den Garten anschauen und Ihnen dann ein paar Fragen stellen.» Sie schien ihn nicht zu hören, und er sagte sich, daß er einen andern Ton anschlagen mußte, wenn er keine völlig bewußtlose Zeugin haben wollte. Er lehnte sich an den Tresen und versuchte, den richtigen Ton zu treffen. «Sie ham ja auch was mitgemacht, aber hör’n Sie, Herzchen, nicht zuviel von dem da.» Er schnipste mit dem Nagel gegen die Flasche. «Ich brauch Sie noch.» Er zwinkerte ihr zu.

Sie blickte zu ihm hoch und setzte das Glas ab. «Hetta heiß ich.» Obwohl sie nicht mehr die Jüngste war, hatte sie doch noch etwas Glamouröses an sich. Trotz Übergewicht und hennarotem Haar sah man sofort, daß das nicht immer so gewesen war. Kleine Gesten und das Knistern von unsichtbarer Seide verrieten, daß sie schon bessere Tage gesehen hatte. Sie verkorkte die Flasche und sagte: «Zum Garten geht’s durch diese Tür.»

Es war eisig.

«Warum um Gottes willen ist er mit seinem Bier in die Kälte hinausgegangen?» fragte Wiggins, als sie vor der Leiche standen, die auf einem der Gartentische lag. Neben der Leiche stand ein zur Hälfte geleertes Bierglas.

«Ich nehme an, weil er sich mit jemandem verabredet hatte.»

«Oh. Mit wem denn, Sir?»

Jury warf Wiggins, der anscheinend eine Antwort von ihm erwartete, einen kurzen Blick zu. «Wenn ich das wüßte, Wachtmeister. Schauen Sie sich mal das an.» Jury zeigte auf ein Buch, auf dem die Hand des Ermordeten lag. Da, wie Pratt gesagt hatte, die Leute vom Labor schon dagewesen waren, brauchte er sich wegen der Fingerabdrücke keine Gedanken zu machen, und er zog vorsichtig das Buch hervor. «Sieh an, Scharf auf Mord. Von unserm Mr. Darrington.»

Wiggins sagte: «Na so was. Kann doch wohl nur ein Ablenkungsmanöver sein?»

Manchmal verblüffte Wiggins Jury. Er konnte, wie eben, vollkommen blödsinnige Fragen stellen und dann wieder ganz scharfsinnige Schlüsse ziehen. Vielleicht hing das davon ab, ob seine Nase frei oder verstopft war. «Würde mich gar nicht wundern, Wachtmeister. Erzählen Sie mir bitte, was Sie wissen.»

Wiggins holte seine in Zellophanpapier eingewickelte Schachtel mit Hustenbonbons hervor, und Jury wartete geduldig, während er sie umständlich öffnete und sich ein Bonbon in den Mund steckte. «Es handelt sich um einen gewissen Jubal Creed, Sir. Seinem Führerschein entnahmen wir, daß er aus einer Stadt in East Anglia kommt, die Wigglesworth heißt. Gehört zu Cambridgeshire. Die Polizei in Weatherington hat versucht, sich mit seiner Familie in Verbindung zu setzen. Sein Auto stand auf dem Parkplatz vor dem Gasthof. Es wurde auch nach Weatherington gebracht. Er kam gestern abend an und hat heute morgen noch sein Frühstück hier eingenommen. Mrs. Willypoole sagte, er sei gegen 10.30 oder vielleicht auch etwas später heruntergekommen.»

Jury nickte und ließ sich auf ein Knie nieder, um Creed genauer zu inspizieren. Die rote Furche um seinen Hals, das bläulich verfärbte Gesicht und die Augen sagten schon alles. Wiggins hatte sie geschlossen, aber sie wölbten sich noch unter den Lidern. Die Furche um den Hals stammte wahrscheinlich wie bei Small von einem Stück Draht, das sich in die Haut eingeschnitten hatte. Einen Kampf konnte es wohl kaum gegeben haben.

«Sauber, ordentlich und lautlos. Man braucht nur ein paar Sekunden hinter seinem Opfer zu stehen und –» Jury erhob sich.

«Ich hab Kriminaldirektor Racer angerufen. Ich hoffe, das ist in Ordnung?»

«Danke. Es hat ihn bestimmt interessiert.»

Wiggins gestattete sich ein Lächeln. «Er wollte wissen, warum nicht Sie anrufen. Ich sagte, Sie hätten zuviel zu tun, Sir.»

«Hätte Lady Ardry nicht darauf bestanden, mir die Nachricht persönlich zu überbringen, hätten Sie mich bestimmt schon früher erreicht. Vielleicht sollten wir die alte Sitte wieder einführen und dem Überbringer schlechter Nachrichten den Kopf abschlagen.»

«Sie war mit ihrem Fahrrad unterwegs, und ein Autofahrer hat ihr von dem Mord erzählt. So hat sie es zumindest dargestellt.»

Jury schnaubte. «Dieses Alibi haben wir sofort vom Tisch gefegt, Wiggins.»

Wiggins lachte tatsächlich und mußte sein Inhaliergerät herausholen. Zu allem Übel wurde er auch noch von Asthma geplagt.

«Versuchen Sie herauszufinden, wann und warum Creed von Cambridgeshire aufbrach.» Jury schaute sich Creed genauer an; der Kopf ruhte auf dem Arm, das Gesicht war leicht nach oben gedreht. «Wiggins, was zum Teufel ist denn das?» Jury zeigte auf eine Verletzung, die wie ein kleiner Schnitt auf der Nase aussah. Das Blut schien noch ziemlich frisch zu sein. Jury streckte den Arm aus und drehte den Kopf des Mannes in seine Richtung. Er entdeckte noch einen weiteren Schnitt. Als hätte jemand mit einer Rasierklinge zwei Kerben in den Nasenrücken gehauen. Das meiste Blut war zur andern Seite hin abgeflossen. Die Kerben waren nicht sehr tief, aber sie ließen Jury erschauern. War wieder der Spaßvogel am Werk gewesen? Aber worin lag der Spaß?

Bevor Wiggins sich zu den Kerben äußern konnte, wurde die Tür zum Garten von einem behenden, kleinen Männchen aufgestoßen, der sich als Dr. Appleby vorstellte und sich für sein spätes Erscheinen entschuldigte. Bissig meinte er, er müsse sich auch noch um die Lebenden kümmern. Nachdem er das Opfer schnell und gründlich untersucht hatte, sagte er: «Das wär’s mal wieder: Er wurde von einem, der hinter ihm stand, erdrosselt. Der Kehlkopf hat den größten Druck abgekriegt. Die Haut ist etwas verletzt. Wahrscheinlich wurde ein Stück Draht benutzt – wie bei den andern. Schnell, sauber und wenn ich das noch hinzufügen darf –» Appleby musterte Jury über seine randlose Brille mit hochgezogenen Augenbrauen, «der dritte bislang.»

«Das ist also eine Tatsache?» sagte Jury. «Warum erfahre ich solche Dinge nicht von den Londoner Burschen?»

Appleby grunzte. «Nach der Obduktion läßt sich vielleicht noch etwas mehr sagen, aber viel wird’s nicht sein. Nicht, wenn es wie bei den andern beiden aussieht. Die Todeszeit kann ich Ihnen auch gleich sagen; es muß zwischen neun und wann immer die Leiche gefunden wurde, gewesen sein – war’s nicht um die Mittagszeit?»

«Wir können das noch weiter eingrenzen. Um halb elf hat er noch gelebt.» Jury bot Appleby eine Zigarette an, die der Arzt auch annahm. «Könnte der Mörder nicht auch eine Frau sein?»

«Natürlich. Alle drei waren ziemlich klein – Fliegengewichte. Und schließlich haben wir inzwischen auch eingesehen, daß das schwache Geschlecht gar nicht so schwach ist. Die Tötungsarten jedoch eher untypisch: Gift, Pistolen, derlei Zeug – das ziehen Frauen gewöhnlich vor.»

«Wie chauvinistisch von Ihnen, Dr. Appleby», sagte Jury mit einem Grinsen. «Wie erklären Sie sich denn die beiden Schnitte auf dem Nasenrücken?»

«Das ist wirklich komisch.» Appleby hob Creeds Kopf, um ihn noch einmal genauer anzuschauen, und ließ ihn dann wieder auf den Arm zurückfallen. «Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Scheint noch ziemlich frisch zu sein. Der Mörder?»

«Beim Rasieren kann es nicht passiert sein.»

«Gut, ich möchte mich verabschieden.» Appleby blickte auf die Leiche und sagte: «Plastikplane und Bahre kommen gleich. Bis dann, Inspektor.» Und weg war er.

Jury schlug den Mantelkragen hoch, steckte die Hände in die Tasche und inspizierte seine Umgebung: Es war ein von einer Mauer umgebener Garten mit einer Seitenlänge von ungefähr 15 Metern. Dort, wo die Tische standen, war er gepflastert, der Rest war Rasen. Auf der linken Seite befanden sich die alten Ställe, die zum Teil modernisiert und in Toiletten umgewandelt worden waren. Auf den andern drei Seiten war die Mauer sehr hoch. «Gibt es irgendwelche Öffnungen in dieser Mauer, Wiggins?»

Jury drehte sich um und inspizierte die Rückseite des Schwanen. Die rückwärtige Mauer wies zwei Vorspränge auf, die einen Teil der gepflasterten Terrasse begrenzten, den Teil, auf dem die Tische standen und in dem sich auch Creed aufgehalten hatte. Das Erdgeschoß hatte zwei Fenster, die sich gleich an die Vorsprünge anschlossen. Aber selbst wenn jemand einen Blick in den Garten geworfen hätte, wäre der Ermordete nicht in seinem Blickfeld gewesen, da der Tisch in der von den beiden Vorsprüngen gebildeten Nische stand. Im Mittelteil gab es keine Fenster; die Terrasse selbst war mit billigem Plexiglas überdacht, das Wind und Regen abhalten sollte. Praktisch für den Mörder, der keine Fußspuren im Schnee hinterlassen wollte. Das Dach versperrte auch jedem die Sicht, der von einem der auf den Hof gehenden Fenster des ersten und zweiten Stocks hinunterblickte. Für ein öffentliches Lokal war es ein erstaunlich abgeschirmtes Plätzchen. Nur der hintere Ausgang war ein Risiko, da die Tür jederzeit geöffnet werden konnte.

«Haben sich die Leute die Mauer auch von außen angesehen, Wiggins?»

«Ja, Sir. Pratt hat seine Männer das ganze Gelände absuchen lassen. Sie haben aber keine Spuren gefunden. Über die Mauer wäre auch keiner so schnell gekommen. Sie ist zu hoch.»

«Hmm», sagte Jury. «Sprechen wir mit Mrs. Willypoole. Gab es noch weitere Gäste?»

«Keine, die übernachteten. Gegen elf, als die Bar geöffnet wurde, kamen zwei Leute aus Long Piddleton vorbei. Miss Rivington und Mr. Matchett.»

Jurys Augenbrauen gingen in die Höhe. «Tatsächlich? Welche von den Rivingtons?»

«Vivian Rivington.»

«Und wieso?»

«Sie sagten, zum Mittagessen.»

«Haben Sie mit ihnen gesprochen?»

«Nein, Sir. Sie waren schon gegangen, als wir hierherkamen.»

«Haben Sie sich mit ihnen in Verbindung gesetzt?»

«Ich habe Pluck losgeschickt; er soll sich darum kümmern, daß sie uns zur Verfügung stehen. Er sagt, sie seien in Long Piddleton.»

Jury schwieg einen Augenblick lang und schaute sich noch einmal prüfend in dem Garten um.

«Sie denken wohl dasselbe wie ich, Sir?»

Am meisten überraschte es Jury zu hören, daß Wiggins überhaupt etwas dachte. Gewöhnlich überließ er das Jury. «Und das wäre, Wachtmeister?»

«Oh, daß das alles reichlich mysteriös ist, das reinste Kriminalstück.»

«Wer immer es war, er muß von drinnen gekommen sein. Aber Mrs. Willypoole sagt, Mr. Matchett und Miss Rivington hätten ihren Tisch nicht verlassen. Und sie kann das nur behaupten, wenn sie selbst auch nicht den Raum verlassen hat. Alle drei haben also ihre Alibis.»

«Sehr schlau, Wiggins. Und über die Mauer kann auch keiner geklettert sein. Also kann auch keiner diesen Mord begangen haben. Ist das der Schluß, zu dem Sie gekommen sind?»

Wiggins hatte ein breites Grinsen aufgesetzt. «Richtig, Sir.»

Jury grinste ebenfalls. «Aber jemand muß ihm den Draht um den Hals gelegt haben! Schauen Sie doch noch mal die Mauer von außen an.»

«Sie sagten, Sie hätten den Toten gefunden, als Sie nachschauen wollten, was er denn so lange im Garten trieb?»

«Ja, richtig», sagte Mrs. Willypoole. «Ich fand es gleich ziemlich komisch, daß er nach draußen gehen wollte. Und da lag er dann auf einem der Tische. Zuerst dachte ich, es sei ihm vielleicht schlecht geworden. Aber irgend etwas sagte mir, ich sollte die Finger von ihm lassen.» Sie erschauerte und bat Jury um eine Zigarette.

«Er hat hier übernachtet?»

Sie nickte. «Ich hab nicht so viele Zimmer in Benutzung. Besonders nicht im Winter. Aber er hat vor ein paar Tagen hier angerufen –»

«Angerufen? Von wo?»

Sie zuckte mit den Schultern. «Weiß ich nicht. Er sagte nur, er wolle ein Zimmer für eine Nacht, das war alles. Ich war einigermaßen überrascht, ich meine, wer kennt das Gasthaus denn schon, außer den Leuten aus Dorking Dean oder Long Pidd.»

«Sie wußten, daß er fremd hier war?»

«Na ja, ich kannte ihn zumindest nicht. Er hätte auch aus Dorking Dean kommen können, aber dann hätte er ja wohl kein Zimmer gebraucht.»

Jury hatte das Fremdenbuch aufgeschlagen vor sich liegen. «Jubal Creed. Er sagte nicht, was er vorhatte?» Sie schüttelte den Kopf. «Sagte er etwas, als er nach draußen ging?»

«Nur, daß er frische Luft schnappen wolle.»

«Haben Sie häufig Gäste aus Long Piddleton?»

«Ja. Ziemlich viele. Meistens sind sie auf dem Weg nach Dorking Dean oder fahren noch weiter. An dem Morgen waren zwei da, das habe ich auch schon Ihrem Wachtmeister gesagt.»

«Und das waren Simon Matchett und Miss Rivington?» Sie nickte. «Kennen Sie sie?»

«Ihn schon. Er ist der Besitzer der Pandorabüchse.» Ihr Blick wurde weicher. «Ein netter Mann, dieser Mr. Matchett. Sie war auch schon ein paarmal hier, aber kennen tu ich sie eigentlich nicht.»

«Warum sind sie denn gekommen?»

«Warum? Sie wollten etwas essen – ein Bauernfrühstück – Brot und Käse.»

«Um welche Zeit war das?»

«So gegen elf. Zum Mittagessen war es noch zu früh.»

«Sind sie zusammen angekommen?»

«Sie kamen zusammen herein. Aber ich hab gesehen, daß sie in verschiedenen Autos kamen und sich erst hier trafen.»

«Sie sagten, das war um elf Uhr?»

«Kurz danach. Auf die Minute genau kann ich es nicht sagen, aber ich erinnere mich, daß ich die Bar für ihn aufgemacht habe.»

«Haben sie an der Bar gesessen und sich unterhalten? Oder was machten sie?»

«O nein, ich habe ihnen das Essen an den Tisch da in der Ecke gebracht.» Sie zeigte auf den hintersten der Tische. «Sie konnten also nicht hören, über was sie sprachen?»

«Nein.»

«Ist einer von ihnen mal aufgestanden?»

«Nein. Und ich war die ganze Zeit hinter der Bar, ich bin mir also ganz sicher.»

«In den Garten kommt man nur durch die hintere Tür?» Sie nickte. «Ich habe gesehen, daß die Terrasse zum Teil von den beiden Vorsprüngen eingefaßt wird.» Jury nahm Wiggins’ Hustenbonbons in die Hand und schob die Schachtel zwischen die Ketchup-Flasche und die Branton-Pickles. «Hinter den Vorsprüngen sind auch Fenster, aber man kann von ihnen nicht in diesen Teil des Gartens sehen.» Er legte die Hand auf die Packung mit den Hustenbonbons. «Die Terrasse ist also nur von einem Punkt aus einzusehen, von der Tür. Und die war zu, weil es Winter ist.» Sie nickte wieder.

«Kennen Sie ein paar von diesen Leuten, Herta?» Jury rasselte die Namen der Leute herunter, die an dem Abend, an dem Small ermordet wurde, in der Pandorabüchse gewesen waren.

«Sie waren alle schon mal hier. Sogar der Pfarrer. Ich könnte Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, wie sie aussehen, aber ihre Namen kommen mir bekannt vor.»

«Wie lange haben sich Mr. Matchett und Miss Rivington hier aufgehalten?»

Sie fuhr sich mit einem roten Fingernagel, von dem der Lack schon teilweise abgesplittert war, über die Stirn. «Hmmm. Vielleicht eine Stunde, vielleicht auch nur eine dreiviertel Stunde.»

In diesem Augenblick kam Wiggins mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck durch den Vordereingang des Schwanen. «Ich hab was gefunden, Sir. Ein Fenster. Kommen Sie doch mal mit nach draußen.» Als Jury sich erhob, fiel Wiggins’ Blick auf das Ketchup- und Hustenbonbon-Arrangement, und er schnappte sich seine Packung.

«Vielen Dank, Hetta.» Jury lächelte. «Sie haben uns sehr viel weiter geholfen.»

Hetta erinnerte sich anscheinend, daß es für einen Versuch nie zu spät war. Sie zog ihren Pullover glatt, damit ihre Formen besser zur Geltung kamen, und strich die roten Locken nach hinten. «Einer, der gleich durchdreht, ist für dieses Gewerbe nicht geeignet. Ich hab das immer gesagt. Früher hab ich auch schon welche eigenhändig aus dem Lokal befördert, Mr. Jury. Männer müssen lernen, nicht nach allem zu grapschen, stimmt’s?» Sie blickte Jury lächelnd an.

«Absolut. Falls wir noch ein paar Fragen haben, können wir uns dann wieder an Sie wenden?»

«Aber ja.» Ihr Lächeln wurde immer kecker.

«Es ist die Toilette, Sir», sagte Wiggins und zeigte nach oben. Sie standen draußen vor der Mauer, vor dem Teil, den die ausgebauten Ställe bildeten. «Es ist nicht besonders schwierig, ich hab eben selbst das Fenster aufgestoßen und mich durchgezwängt. Dann bin ich durch die Tür in den Hof gegangen.»

Jury blickte von dem Fenster auf den Boden. Der Schnee war beinahe geschmolzen, und der Boden war steinhart. Spuren waren wohl kaum zu erwarten. Jury ging in die Hocke. «Pratts Leute müssen hier auch gewesen sein. Ich frage mich, ob –»

Er hörte hinter sich ein Pssst. Als er sich umdrehte, um festzustellen, aus welcher Richtung es kam, sah er einen kleinen Kopf hinter einer Eiche verschwinden.

«Was war denn das, Sir?» fragte Wiggins verstört und schlug den Mantelkragen hoch, als wolle er sich gegen irgendwelche seltsamen Waldgeister schützen.

«Ich kann mir’s schon denken», sagte Jury und beobachtete den Baum. Der Kopf zeigte sich wieder, und über ihm tauchte auch noch ein zweiter auf.

Pssst. Pssst.

«Kommt schon raus aus euerm Versteck», rief Jury so autoritär wie nur möglich.

Es wirkte. Die beiden erschienen auf der Stelle und ließen die Köpfe noch tiefer als gewöhnlich hängen. Die kleine Hand des Mädchens zerknautschte den Saum ihres Mantels.

Jurys Stimme klang etwas freundlicher. «Was macht ihr denn da, ihr beiden, James und James?»

Der Junge, wie immer der Tapfere, blickte von Jury auf Wiggins, den er einer gründlichen Inspektion unterzog, und dann wieder auf Jury; sein Gesicht sagte alles. Schick den da weg. Oder wir sagen kein Wort.

«Wiggins, schauen Sie doch mal nach Hetta, vielleicht ist ihr nach ein paar Gläschen noch etwas eingefallen.»

Kaum war der Wachtmeister verschwunden, hüpfte das Mädchen von einem Bein aufs andere, und der Junge sagte beinahe ehrfürchtig: «Spuren!» Er deutete mit dem Finger auf den Wald. Gleich hinter der Mauer stand eine Gruppe Eichen, die in einen kleinen Wald überging.

Das kleine Mädchen blickte Jury mit tellergroßen blauen Augen an, offensichtlich noch ganz fassungslos, daß ihre Lektion so schnell Anwendung gefunden hatte.

James flüsterte aufgeregt, während er Jury mit sich zog: «Wir haben es genauso gemacht, wie Sie gesagt haben, Mr. Jury. Wir haben nach was Komischem geschaut. Sie meinten doch, bei einem Mord gibt es immer was Komisches.»

Hatte er das gesagt, fragte sich Jury, als sie ihn wie einen Kinderwagen vor sich her schoben. Schließlich ließen sie ihn los und rannten zwischen den Bäumen voraus. Im Wald lag noch sehr viel mehr Schnee als bei dem Gasthof, und als er sie wieder eingeholt hatte, deutete James auf den Abdruck eines Schuhs oder eines Stiefels. Ein paar Schritte weiter war noch einer, auch an einer Stelle, an der der Schnee nicht geschmolzen war. Nach ungefähr sechs Metern hatten sie eine kleine Lichtung erreicht; der Boden war hart gefroren und zerfurcht.

James zeigte zurück auf die von Bäumen verdeckte Landstraße von Sidbury nach Dorking Dean und sagte: «Früher gab es hier auch mal eine Straße. Aber niemand benutzt sie mehr. Sie ging auch nach Dorking.»

Jury entdeckte alte Reifenspuren, und als er sich bückte, um sie genauer zu inspizieren, bemerkte er, daß eine zumindest doch nicht so alt aussah.

Jury stand auf. «James», sagte er, und «James.» Er legte seine Hand auf die gestrickte Mütze des Mädchens. «Wirklich glänzend!» Mit offenen Mündern starrten sie einander an, überwältigt, daß ein Wort, das für Gold und Kronjuwelen reserviert war, nun auf sie angewandt wurde. Jury zog seine Brieftasche hervor und sagte: «Scotland Yard zeigt sich in solchen Fällen immer erkenntlich.» Er gab jedem eine Pfundnote, die sie kichernd in Empfang nahmen. «Ihr dürft natürlich nichts von dieser Entdeckung verlauten lassen.» Das Kichern verstummte, die Köpfe nickten, und ein feierliches Schweigen breitete sich aus. «Und jetzt ab nach Hause. Macht keine Dummheiten, ich brauche euch noch.» Die beiden verschwanden zwischen den Bäumen, aber eine Minute später tauchte der Junge wieder auf und schob etwas in Jurys Hand.

«Das ist für Sie, Sir. Ich hab es selbst geschnitzt.» Er rannte wieder los. Einmal drehten sich beide noch nach Jury um, winkten stürmisch und waren dann weg.

Jury betrachtete sein Geschenk. Es war eine kleine Schleuder, eine sehr primitive, mit einem Gummiring als Band. Er lächelte. Dann tappte er im Schnee herum und suchte nach Steinen; er fand ein paar kleinere Kiesel und zielte probeweise auf die Bäume. In James’ Alter hatte er einmal aus einer Entfernung von ungefähr 300 Metern eine ganze Reihe von Schulfenstern zertrümmert.

Dann blickte er sich wie ertappt um. Er steckte die Schleuder in die Innentasche seines Mantels und stapfte zum Schwanen zurück.