20
Ich ging durch die Küche in den vorderen Teil des Hauses. In der Halle wandte ich mich nach rechts und stieg die Treppe hinauf. Ich hatte keine Ahnung, wo die Schlafzimmer lagen. Ich ging den Flur entlang, an einem Zimmer nach dem anderen vorbei. Am Ende des Korridors kam eine T-förmige Gabelung mit einem Wohnzimmer zur Rechten und einem Schlafzimmer zur Linken. Ich sah Serena unter einer leichten Decke auf einem Himmelbett liegen. Das Zimmer war sonnig und geräumig, tapeziert mit einer gelb-weißen Tapete mit einem winzigen Rosenmuster, und vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge. Alles, was aus Holz war, war ebenfalls weiß.
Serena schien nicht zu schlafen. Ich klopfte an den Türrahmen. Sie wandte den Kopf um und sah mich an. Es kam mir nicht so vor, als ob sie geweint hätte. Ihr Gesicht war blaß und wies keinerlei Spuren von Tränen auf. In ihren Augen stand eher Resignation als Kummer geschrieben, falls man diese Unterscheidung überhaupt treffen kann. Sie fragte: »Sind sie jetzt fertig da draußen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Es wird vermutlich noch eine Weile dauern. Soll ich irgend jemanden verständigen?«
»Eigentlich nicht. Ich habe Roger angerufen. Er kommt herüber, sobald er sich in der Anlage frei machen kann. Wollten Sie etwas Bestimmtes?«
»Ich muß Sie etwas fragen, falls Sie die Störung verkraften können.«
»Ist schon in Ordnung. Worum geht es?«
»Benutzen Sie den Pool täglich?«
»Nein. Ich bin nie gern geschwommen. Das war Daddys Leidenschaft. Er hat sich den Swimmingpool vor ungefähr fünf Jahren anlegen lassen.«
»Schwimmt hier sonst noch jemand? Eines der Dienstmädchen oder die Köchin?«
Sie überlegte kurz. »Hin und wieder ruft eine Freundin an und fragt, ob sie den Pool benutzen darf, aber sonst niemand«, antwortete sie. »Weshalb?«
»Unter Umständen, die ich nicht weiter ausführen möchte, habe ich ein aufgezeichnetes Gespräch gehört. Lorna hat mit einem Mann gesprochen, der die Formulierung Sie geht jeden Tag zur gleichen Zeit rein verwendet hat. Ich dachte, das könnte sich aufs Schwimmen beziehen, aber damals konnte ich keinen Sinn darin erkennen. Ich habe mich nur gefragt, ob es auf dem Anwesen eine >Sie< gibt, die >jeden Tag zur gleichen Zeit reingeht<.«
Sie lächelte matt. »Nur die Hündin, und die geht auch nur rein, wenn Dad reingeht. Sie haben sie ja neulich abends gesehen. Sie spielen Stöckchen holen, und wenn er seine Bahnen schwimmt, paddelt sie neben ihm her.«
Das verwirrte mich etwas. »Ich dachte, der Hund sei ein Männchen. Heißt er nicht Max?«
»Maxine. Abgekürzt Max«, sagte sie. »Ihr richtiger Name ist eigentlich noch viel länger, weil sie einen Stammbaum hat.«
»Ah, Maxine. Wie geht’s ihr? Ich habe sie unten nicht gesehen. Ich dachte, sie wäre vielleicht hier oben bei Ihnen.«
Serena kämpfte sich mühsam in Sitzposition. »Um Himmels willen. Danke, daß Sie mich daran erinnern. Sie ist immer noch im Hundesalon. Ich habe sie heute morgen in aller Herrgottsfrühe dort hingebracht. Die Besitzerin hat sogar uns zuliebe früher aufgemacht. Ich hätte sie um elf Uhr abholen sollen, habe es aber völlig vergessen. Bitten Sie doch Mrs. Holloway hinüberzufahren oder dort anzurufen, damit sie wenigstens Bescheid wissen. Die arme Max, das arme Mädchen. Sie wird umkommen ohne Daddy. Die beiden waren unzertrennlich.«
»Mrs. Holloway ist die Haushälterin? Ich habe sie auch nicht gesehen, aber ich kann den Anruf übernehmen, wenn Sie möchten.«
»Bitte. Vielleicht kann Roger Max auf dem Weg hierher abholen. Sie ist im Montebello-Hundesalon unten im Ort. Die Nummer steht an der Pinnwand in der Küche. Ich möchte Ihnen keinerlei Umstände machen.«
»Das sind keine Umstände«, sagte ich. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«
»Mir geht’s gut, ehrlich. Ich brauche nur etwas Zeit für mich allein, dann komme ich herunter. Ich werde vermutlich sowieso noch einmal mit dem Detective sprechen müssen. Ich kann das alles gar nicht fassen. Es ist derart grotesk.«
»Lassen Sie sich Zeit«, sagte ich. »Ich werde im Hundesalon sagen, daß Max etwas später abgeholt wird. Soll ich die Tür zumachen? Dann wäre es vielleicht ruhiger.«
»Gerne. Und vielen Dank.«
»Keine Ursache. Das mit Ihrem Vater tut mir leid.«
»Nett von Ihnen.«
Ich verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter mir. Dann ging ich hinunter in die Küche und rief im Hundesalon an. Ich stellte mich als eine Freundin von Serena vor und erklärte, daß ihr Vater völlig unerwartet gestorben sei. Die Frau war äußerst freundlich und drückte ihr Beileid aus. Der Salon schloß um drei, und sie sagte, sie könne Max ohne weiteres auf dem Nachhauseweg vorbeibringen. Ich hinterließ eine entsprechende Nachricht und nahm an, daß entweder Mrs. Holloway oder Serena sie entdecken würden.
Als ich auf die Terrasse zurückkehrte, waren die Leichen bereits weggebracht worden, und die Fotografin hatte ihre Ausrüstung zusammengepackt und war gegangen. Weder der Elektriker noch der Leichenbeschauer noch sein Assistent waren irgendwo zu sehen. Der Experte für Fingerabdrücke bearbeitete gerade die Geräte für die Wartung des Pools. Am näher gelegenen Ende des Beckens sah ich Cheney mit dem jüngeren der beiden Detectives sprechen, seinem Freund Hawthorn, wie ich vermutete, obwohl er uns nicht miteinander bekannt gemacht hatte. Als er mich entdeckte, beendete er das Gespräch und kam über die Terrasse auf mich zu. »Ich habe mich schon gefragt, wohin du verschwunden bist. Sie sind hier fast fertig. Möchtest du gehen?«
»Ich habe nichts dagegen«, sagte ich.
Wir sprachen nicht viel, bis wir das Haus verlassen hatten und die Einfahrt bis zu der Stelle hinuntergegangen waren, wo Cheney seinen Wagen geparkt hatte. Dann sagte ich: »Wie lautet denn die aktuelle Theorie? Es kann einfach kein Unfall gewesen sein. Das wäre ja absurd.«
Cheney schloß die Beifahrertür auf und hielt sie mir. »Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus, aber warten wir mal ab, was sie herausfinden.«
Er schloß die Tür auf meiner Seite und kappte damit erfolgreich das Gespräch. Ich beugte mich hinüber und entriegelte die Fahrertür, mußte aber trotzdem warten, bis er um den Wagen herumgegangen war und sich gesetzt hatte. Er ließ sich hinter das Lenkrad gleiten.
»Sei nicht so kleinkariert und spiel mit«, sagte ich. »Was glaubst du denn?«
»Ich halte es für unsinnig herumzuraten.«
»Ach, komm schon, Cheney. Es muß Mord gewesen sein. Jemand hat den Unterwasserscheinwerfer ruiniert und dann die FI-Schaltung abgeklemmt. Du glaubst doch selbst nicht, daß es ein Unfall war. Du bist doch derjenige, der Hawthorn erklärt hat, daß ein vager Zusammenhang zwischen Lornas Tod und dem Esselmanns bestehen könnte.«
»Was für ein Zusammenhang?« fragte er starrköpfig.
»Das frage ich dich!« rief ich aus. »Mein Gott, bist du ein Dickkopf. Okay, ich mache den Anfang. Ich sage dir, was ich denke.«
Er rollte mit den Augen und drehte den Zündschlüssel herum. Dann legte er den Arm um die Rückenlehne, spähte aus der Heckscheibe und fuhr mit atemberaubender Lässigkeit aus dem Tor hinaus. Auf der Straße angekommen, legte er den ersten Gang ein und jagte davon. Auf dem Weg zurück zu meiner Wohnung erzählte ich ihm von Ledas heimlicher Bandaufzeichnung. Ich hatte die Abschrift nicht dabei, aber der Text war so lückenhaft, daß es nicht schwer war, ihn wiederzugeben. »Ich glaube, der Kerl schildert ihr seinen Plan. Er hat sich eine Methode ausgedacht, um Esselmann umzubringen, und er kommt sich ganz schlau vor. Vielleicht hat er sich eingebildet, sie würde das witzig finden, aber das tut sie offensichtlich nicht. Du müßtest sie auf dem Band hören. Sie ist stocksauer und bestürzt, und er versucht so zu tun, als wäre das alles ein toller Spaß. Das Problem ist nur, nachdem er es ihr einmal erzählt hat, hat er sich verraten. Wenn er tatsächlich vorhat, die Sache durchzuziehen, weiß sie, daß er es war. Angesichts ihrer Reaktion kann er sich nicht sicher sein, daß sie den Mund halten wird.«
»Wie lautet also deine Theorie? Dein Fazit?« wollte er wissen.
»Ich glaube, sie wurde ermordet, weil sie zuviel wußte.«
Er verzog das Gesicht. »Ja, aber Lorna ist letzten April umgekommen. Wenn der Typ Esselmann umbringen wollte, warum hat er dann so lang gewartet? Wenn seine einzige Sorge war, daß sie ihn verpfeifen könnte, warum hat er dann den alten Knaben nicht sofort umgelegt, als sie tot war?«
»Das weiß ich nicht«, sagte ich. »Vielleicht mußte er warten, bis sich die Wogen geglättet hatten. Wenn er zu schnell vorging, hätte er womöglich den Verdacht auf sich gelenkt.«
Er hörte mir zu, aber ich merkte genau, daß ich ihn nicht überzeugte. »Noch einmal zurück zu dem Mordplan. Was hat der Kerl denn vorgehabt?«
»Ich glaube, er spricht von einer Variante dessen, was tatsächlich passiert ist. Clark und Max machen jeden Morgen dasselbe. Er wirft ein Stöckchen in den Swimmingpool, und sie holt es. Sie ist ein Labrador, ein Apportierhund. Sie ist für so etwas geschaffen. Nach diesem Spielchen schwimmen die beiden. Es läuft also folgendermaßen ab: Gehen wir davon aus, daß das Becken unter Strom steht. Er wirft das Stöckchen. Sie springt hinein und bäumt sich auf. Er sieht, daß sie Probleme hat. Also springt er ihr hinterher und kommt ebenfalls um. Es sieht wie ein Unfall aus, wie eine aberwitzige Verkettung von Umständen, die alle bestürzt. Der arme Mann. Hat versucht, sein Hündchen zu retten und kam dabei ums Leben. In Wirklichkeit hat Serena den Hund in den Hundesalon gebracht, und Clark ging alleine schwimmen. Statt Clark und dem Hund haben wir nun Clark und den Gärtner, aber das Schema ist das gleiche.«
Cheney schwieg einen Moment. »Woher weißt du, daß das auf dem Band Lorna ist?« fragte er. »Du hast nie ihre Stimme gehört. Der Kerl könnte auch mit Serena sprechen.«
»Warum sollte sie sich überhaupt dort aufhalten?« wandte ich prompt ein. Ich merkte, daß es viel mehr Spaß machte, Fragen zu stellen, als sie beantworten zu müssen.
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Der Punkt ist doch, Serena ist aufgebracht, weil sie nicht möchte, daß der Hund als Köder verwendet wird, also bringt sie Max in den Hundesalon, damit sie aus dem Weg ist.«
»Ich habe mit Serena gesprochen. Die Stimme klang nicht wie ihre.«
»Moment mal. Das ist unfair. Du hast mir doch erzählt, daß die Stimmen verzerrt sind. Du hast auch mit J. D. gesprochen und gesagt, daß es nicht wie er klang.«
»Das stimmt«, sagte ich zögernd. »Aber du unterstellst, daß Serena ihren eigenen Vater umgebracht hat, und das glaube ich nicht. Warum sollte sie das tun?«
»Der Typ hat einen Haufen Geld. Erbt sie nicht seinen Besitz?«
»Wahrscheinlich, aber weshalb sollte sie ihn umbringen? Er hat bereits einen Herzinfarkt hinter sich, und mit seiner Gesundheit ging es bergab. Sie brauchte lediglich abzuwarten, und das vermutlich nicht einmal besonders lang. Außerdem habe ich sie mit ihm gesehen. Da war nichts als die reine Zuneigung. Gelegentlich hat sie sich über seinen Starrsinn beklagt, aber man konnte sehen, daß sie ihn bewundert hat. Auf jeden Fall werde ich versuchen, das Band wiederzubekommen, und dann kannst du es dir selbst anhören.«
»Wer hat es denn?«
»Leda. Sie hat J. D. gestern abend vorbeigeschickt, um es abzuholen. Das hat er zumindest behauptet. Im Grunde sind die beiden keine üblen Kandidaten für die Verdächtigenliste. Sie hatten beide Angst, ich könnte das Band der Polizei übergeben. Keiner von beiden hat ein Alibi. Und weißt du, was J. D. von Beruf ist? Elektriker. Wenn irgend jemand weiß, wie man einen Swimmingpool unter Strom setzt, dann er.«
»Die Stadt ist voll von Leuten, die wüßten, wie man das macht«, sagte er. »Aber wenn deine Theorie zutrifft, müßte derjenige, der Esselmann umgebracht hat, auf jeden Fall jemand sein, der das Haus, den Pool und die Angewohnheit mit dem Hund kennt.«
»Genau.«
»Was uns wieder zu Serena zurückbringt.«
»Vielleicht«, sagte ich langsam. »Obwohl auch Roger Bonney über all das Bescheid weiß.«
»Und was hat er für ein Motiv?«
»Ich habe keine Ahnung, aber er ist auf jeden Fall das Bindeglied zwischen Lorna und Esselmann.«
»Tja, da hast du’s«, schnaubte Cheney. »Wenn Roger nun auch noch Stubby kennt, hat sich der Kreis geschlossen, und wir können ihn unter Mordanklage stellen.« Cheney gab sich witzig, aber es war ein guter Einfall, und ich spürte, wie mir unbehaglich wurde.
Meine Gedanken schweiften zu Danielle und dem Mann, der in der Dunkelheit der Gasse verschwunden war. »Woher wollen wir wissen, daß es nicht derselbe Kerl ist, der Danielle überfallen hat? Vielleicht hängt der Angriff auf sie mit allem anderen zusammen.«
Cheney war vor meinem Haus angekommen und hielt an. Er zog die Handbremse und schaltete in den Leerlauf. Dann sah er mich ohne zu lächeln an. »Tu mir einen Gefallen und denk an etwas anderes. Es ist zwar ein amüsantes Spielchen, aber du weißt genausogut wie ich, daß es nichts bedeutet.«
»Ich probiere nur Theorien aus, wie wenn ich Teller an die Wand würfe, um zu sehen, ob einer kleben bleibt.«
Er streckte die Hand aus und zog mich sachte an den Haaren. »Paß bloß auf. Selbst wenn du recht hast und diese ganzen Fälle zusammenhängen, kannst du nicht einfach ganz allein losstürmen«, sagte er. »Dieser Fall gehört dem Sheriff. Er hat nichts mit dir zu tun.«
»Ich weiß.«
»Dann sieh mich nicht so an. Es ist nichts Persönliches.«
»Doch, es ist persönlich. Vor allem, wenn es um Danielle geht«, sagte ich.
»Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Sie ist in Sicherheit.«
»Wie lange noch? Sie können sie jeden Tag aus der Intensivstation verlegen. Krankenhäuser sind nicht direkt Hochsicherheitszonen. Du müßtest mal die Leute sehen, die dort ein und aus gehen.«
»Da hast du recht. Laß mich nachdenken und überlegen, was ich tun kann. Wir sprechen uns bald, okay?« Er lächelte und ich merkte, wie ich sein Lächeln erwiderte.
»Okay.«
»Gut. Ich gebe dir die Nummer meines Piepsers. Laß mich wissen, wenn du auf irgend etwas stößt.«
»Das werde ich tun«, sagte ich. Er nannte mir die Nummer und ließ sie mich wiederholen, bevor er wieder den Gang einlegte.
Ich stand am Straßenrand und sah zu, wie der rote Mazda wegfuhr. Es war Samstag nachmittag kurz vor drei. Ich betrat meine Wohnung, notierte mir die Nummer von Cheneys Piepser und legte den Zettel auf meinen Schreibtisch. Ich spürte, daß meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen würden. Die Antwort lag irgendwo in den Randbereichen, wie ein Fleck in meinem Gesichtsfeld, der jedesmal seitlich davonwich, wenn ich ihn ansehen wollte. Es mußte eine logische Folge der Ereignisse geben, irgend etwas, das sämtliche Teile dieses Puzzles verband. Ich brauchte irgendeine Ablenkung, um die ganzen Fragen beiseite zu schieben, bis ich ein paar Antworten fand. Ich stieg die Wendeltreppe zum Obergeschoß hinauf und zog meinen Jogginganzug und Laufschuhe an. Dann steckte ich den Hausschlüssel in die Hosentasche und trabte hinüber zum Cabana Boulevard.
Es war ein frischer und klarer Tag, und die Nachmittagssonne ergoß sich wie goldener Sirup über die Berge in der Ferne. Das Meer präsentierte sich als glitzernder Diamantteppich, und in der Luft hing der frische, salzige Geruch der See. Das Laufen war ein Vergnügen und verschaffte mir die uneingeschränkten Freuden körperlicher Aktivität. Ich lief sechseinhalb Kilometer und fühlte mich voller Kraft. Als ich zurückkam, duschte ich und fing den Tag von vorn an, indem ich Corn-Flakes und Toast verspeiste und dazu die Zeitung las, für die ich am Morgen keine Zeit gehabt hatte. Dann verließ ich das Haus, kaufte Lebensmittel und ging bei der Weinhandlung vorbei. Es war schon sechs Uhr, als ich mich endlich entspannt genug fühlte, um mich an meinem Schreibtisch niederzulassen und das Licht einzuschalten.
Ich machte mich wieder über meine Karteikarten her. Ich studierte jede einzelne genau, ohne etwas Speziellem auf der Spur zu sein. Ich wollte nur nicht untätig herumsitzen, bis mir einfiel, was ich als nächstes tun sollte. Ich sah auf die Tüte, in der die zerbrochenen Bilderrahmen lagen. Mist. Natürlich hatte ich vergessen, Danielles Bettwäsche in die Reinigung zu bringen, bevor sie schloß, aber ich konnte wenigstens die Rahmen austauschen. Mit den neuen Rahmen, die ich besorgt hatte, ging ich zur Anrichte in der Küche hinüber. Ich stellte den Papierkorb in Reichweite und holte die Fotos aus der Papiertüte. Es waren vier Vergrößerungen im Format 18x27, alle in Farbe. Ich entfernte Rahmen und Passepartout vom ersten und hielt inne, um das Bild genauer zu betrachten: drei Katzen, die es sich auf einem Picknicktisch gemütlich gemacht hatten. Ein geschmeidiges, graues Kätzchen war kurz davor herunterzuspringen, von fotografischer Unsterblichkeit offenbar nicht besonders angetan. Die beiden anderen Katzen waren langhaarig, die eine zartbeige und die andere schwarz, und äugten hochnäsig beziehungsweise desinteressiert in die Kamera. Auf die Rückseite hatte Danielle das Datum und die Namen der Katzen geschrieben: Smokey, Tigger und Cheshire.
Als ich das Foto aus dem zerborstenen Rahmen nahm, zerfiel das Glas in zwei Stücke. Ich warf beide in den Müll und den Rahmen hinterher. Dann holte ich einen neuen Rahmen, zupfte das Preisschildchen ab und entfernte das Passepartout und die Rückwand aus Pappe. Ich legte das Foto zwischen Rückwand und Passepartout und drehte es um, um sicherzugehen, daß es gerade lag. Anschließend schob ich die drei Schichten — Passepartout, Foto und Rückwand — in den Zwischenraum zwischen dem Glas und den Klammern, die aus dem Rahmen hervorstanden. Dann drehte ich es wieder um. Es sah gut aus.
Ich nahm das zweite Foto zur Hand und wiederholte die Prozedur. Das Glas hatte nur an einer Ecke einen Sprung, aber der Rahmen selbst war nicht mehr zu retten. Auf diesem Foto waren zwei junge Männer und eine junge Frau auf einem Segelboot abgebildet, allesamt mit Bierdosen, Sonnenbrand und windzerzaustem Haar. Danielle hatte die Aufnahme vermutlich selbst gemacht. Es mußte ein schöner Tag mit Freunden gewesen sein, zu einer Zeit ihres Lebens, als sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte. Ich bin auch auf solchen Ausflügen gewesen. Man kommt hundemüde und schmutzig nach Hause zurück, aber man vergißt den Tag nie.
Auf dem dritten Bild posierte Danielle unter einem weißen Spalierbogen neben einem jungen Mann mit klargeschnittenen Gesichtszügen. Aus dem Kleid, das sie trug, und der Orchidee an ihrem Handgelenk schloß ich, daß es anläßlich ihrer High-School-Abschlußfeier aufgenommen worden war. Es war schön, einen kleinen Einblick in ihr Privatleben zu bekommen, Bilder von ihr zu sehen, wie sie zuvor gewesen war. Sie war so überzeugt wie eine Novizin, die ins Kloster geht, in dieses Leben eingetreten, und die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart war ebenso groß.
Um das letzte Bild war ein neues Passepartout gelegt worden, ein breites graues Band, das das Bild auf seine beiden zentralen Figuren reduzierte: Danielle und Lorna, wie sie schick gekleidet in einem Lokal saßen. Es sah aus wie ein kommerzielles Foto, aufgenommen von einem Fotografen, der davon lebte, daß er an Ort und Stelle Schnappschüsse verkaufte. Schwer zu sagen, wo es gemacht worden war — Los Angeles oder Las Vegas, in irgendeinem protzigen Nachtclub mit Dinner und Tanz. Im Hintergrund konnte ich den Teil eines Podiums und eine Topfpflanze erkennen. Vor ihnen auf dem Tisch standen Champagnergläser. Der Rahmen war billig, aber das breite, graue Passepartout war für seinen Zweck geschickt gewählt, da es die beiden hervorhob.
Beide Frauen wirkten elegant und saßen an einem runden Tisch in einer mit Leder ausgeschlagenen Nische. Lorna war wunderschön: dunkle Haare, haselnußbraune Augen und ein perfektes, ovales Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck war würdevoll, und um ihre Lippen spielte lediglich die Andeutung eines Lächelns. Sie trug ein schwarzes Cocktailkleid aus Satin mit langen Ärmeln und einem tiefen, viereckigen Dekollete. An ihren Ohren funkelten die Ohrringe mit den Diamantreifen. Danielle trug ein enganliegendes, paillettenbesetztes Oberteil in kräftigem, hellem Grün, vermutlich mit einem Minirock, wenn ich ihren Geschmack richtig einschätzte. Ihr langes dunkles Haar war hinten zu einer Rolle zusammengesteckt. Ich stellte mir vor, wie Lorna sie für ein hochkarätiges Rendezvous aufputzte: zwei Callgirls im Einsatz. Im Hintergrund der Nische konnte ich hinter Lorna die Hand und den ausgestreckten Arm eines Mannes sehen. Mein Herz begann heftig zu klopfen.
Ich zog das Foto aus dem Rahmen und drehte es um. Als ich das Passepartout entfernt hatte, konnte ich alle vier Personen sehen, die an diesem Abend zusammen am Tisch gesessen hatten: Roger, Danielle, Lorna und Stubby Stockton. O Mann, das ist es, dachte ich. Das ist es. Vielleicht nicht alles, aber der Kern des Rätsels.
Ich nahm das Foto mit hinüber zum Telefon, wählte Cheneys Piepser an und gab meine Telefonnummer sowie beim Signalton das #-Zeichen ein. Dann legte ich auf. Während ich auf seinen Rückruf wartete, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und ging meine Notizen durch, wobei ich alle Karteikarten aussortierte, auf denen Roger erwähnt war. Die meisten stammten von meiner ersten Befragung, dazu kamen zusätzliche Informationen aus dem Gespräch mit Serena. Ich musterte die Karteikarten an der Pinnwand, doch es fanden sich keine weiteren Bezüge. Dann legte ich die Karten auf meinem Tisch aus wie bei einer Tarotsitzung. Ich entdeckte die Notizen, die ich nach meiner Unterredung mit ihm flüchtig hingekritzelt hatte. Roger hatte mir gegenüber behauptet, daß Lorna ihn am Freitag morgen angerufen hätte. Ich umringelte das Datum, fügte ein Fragezeichen hinzu und heftete die Karte mit einer Büroklammer an das Foto.
Das Telefon klingelte. »Kinsey Millhone«, sagte ich automatisch.
»Hier ist Cheney. Was gibt’s?«
»Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich erzähle dir einfach, worauf ich gestoßen bin, und dann sagst du es mir.« Ich schilderte ihm kurz, wie ich an die Fotos gekommen war und beschrieb ihm dann das eine, das ich gerade vor Augen hatte. »Ich wußte, daß es ein Scherz sein sollte, als du von Roger und Stubby gesprochen hast, aber sie haben sich tatsächlich gekannt, und zwar gut genug, um irgendwo auswärts zusammen mit ein paar Callgirls einen draufzumachen. Außerdem bin ich meine Aufzeichnungen noch einmal durchgegangen und auf einen interessanten Widerspruch gestoßen. Roger hat mir erzählt, Lorna hätte ihn am Freitag morgen angerufen, aber das kann wohl kaum sein. Da war sie nämlich schon tot.«
Kurzes Schweigen. »Ich weiß nicht, worauf du damit hinauswillst.«
»Ich habe keine Ahnung. Deshalb habe ich ja dich angerufen«, sagte ich. »Ich meine, nimm nur mal an, Roger und Stubby hätten Geschäfte miteinander gemacht. Wenn Lorna nun Roger von ihrem Verhältnis mit Esselmann erzählt hat, hätten sie diese Information dazu verwenden können, um ihn unter Druck zu setzen. Esselmann stellte sich stur...«
»Und dann hat Stubby ihn umgebracht? Das ist ja lächerlich. Stubby hat eine Menge Eisen im Feuer. Wenn ein Geschäft nicht läuft, hat er schon ein anderes an der Hand, und wenn das schiefgeht, hat er noch massenhaft weitere. Glaub mir, Stockton ist in dieser Branche, um Geschäfte zu machen. Ende. Wenn Esselmann stirbt, wirft ihn das sogar zurück, weil er dann abwarten muß, bis jemand anders an Clarks Stelle ernannt wird, tadam, tadam, ta-dam...«
»Ich spreche auch nicht von Stockton. Ich glaube, daß es Roger war. Er ist derjenige, der Zugang zu den Geräten für den Swimmingpool hat. Er hatte Zugang zu Lorna. Er hatte Zugang zu allem. Außerdem kannte er Danielle. Nimm nur mal an, er und Stockton hätten an diesem Abend über Geschäfte gesprochen. Damit wäre Danielle die einzige Zeugin.«
»Wie willst du denn das beweisen? Das sind doch reine Spekulationen. Nichts als heiße Luft. Du hast nichts Konkretes in Händen. Zumindest nichts, was du zum Staatsanwalt tragen könntest. Er würde nie einen Haftbefehl ausstellen.«
»Was ist mit dem Band?«
»Das beweist rein gar nichts. Zum einen ist es illegal, und zum anderen weißt du nicht einmal, ob es Lorna ist. Sie könnten über alles mögliche reden. Hast du schon einmal den Begriff >verbotene Früchte< gehört? Ich habe über diese Geschichte nachgedacht, seit ich dich zu Hause abgesetzt habe. Da haben Leute am Tatort herumgepfuscht und Beweismittel verfälscht. Jeder gute Verteidiger würde deine Theorie komplett auseinandernehmen.«
»Was ist mit Rogers Behauptung, daß Lorna ihn am Freitag morgen angerufen hätte?«
»Da hat er sich eben geirrt. Sie hat an einem anderen Tag angerufen.«
»Und wenn ich mit einer Wanze zu ihm ginge und mit ihm spräche? Ich frage ihn —«
Cheney fiel mir ins Wort, und sein Tonfall war eine Mischung aus Ungeduld und Zorn. »Was willst du ihn fragen? Wir werden dich jedenfalls nicht mit einer Wanze ausstaffieren. Wie stellst du dir das denn vor? Du klopfst an seine Tür und sagst: >Hi, Rog. Ich bin’s, Kinsey. Wen haben Sie denn heute umgelegt? Oh, nichts weiter, bin bloß neugierig. Entschuldigen Sie, aber würden Sie bitte in diese künstliche Blume in meinem Knopfloch sprechen?< Das ist nicht dein Job. Sieh’s ein. Du kannst nichts tun.«
»Schwachsinn. Das ist Schwachsinn.«
»Okay, aber es ist Schwachsinn, mit dem du leben mußt. Wir sollten das eigentlich überhaupt nicht debattieren.«
»Cheney, ich habe es satt, daß die Bösen gewinnen. Ich habe die Schnauze voll davon, daß Leute mit Mord davonkommen. Wie kommt es, daß das Gesetz sie schützt und nicht uns?«
»Ich verstehe dich, Kinsey, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Sogar wenn du in bezug auf Roger recht hast, hast du keine Möglichkeit, ihn zur Strecke zu bringen, also kannst du es genausogut aufgeben. Irgendwann baut er Mist, und dann kriegen wir ihn.«
»Das werden wir ja sehen.«
»Komm mir nicht mit >das werden wir ja sehen«. Wenn du etwas Dummes anstellst, bist du dran, nicht er. Wir sprechen uns später wieder. Ich habe einen anderen Anruf in der Leitung.«
Ich knallte den Hörer auf und kochte vor Wut. Ich wußte, daß er recht hatte, aber so etwas ist mir wirklich zuwider, und daß er recht hatte, machte es nur noch schlimmer. Ich saß eine Minute lang unbewegt da und starrte das Foto von Lorna und Danielle an. War ich die einzige, der wirklich an ihnen lag? Ich hielt das fehlende Teil des Puzzles in Händen, aber mir fehlten Mittel und Wege, um das Unrecht aus der Welt zu schaffen. Meine Erfolglosigkeit hatte etwas Demütigendes an sich. Ich ging quer durch den Raum und wieder zurück und fühlte mich völlig machtlos. Das Telefon klingelte erneut, und ich packte den Hörer.
»Hier ist Cheney...« Seine Stimme klang merkwürdig ausdruckslos.
»He, wunderbar. Ich hatte gehofft, daß du zurückrufst. Ganz unter uns muß es doch eine Möglichkeit geben, die Sache zu erledigen«, sagte ich. Ich dachte, er riefe an, um sich dafür zu entschuldigen, daß er so starrköpfig gewesen war. Nun wartete ich darauf, daß er einen Vorschlag machte, wie wir Vorgehen könnten, und war daher auf das, was dann kam, vollkommen unvorbereitet.
»Der Anruf war vom St. Terry’s. Die Schwester von der Intensivstation. Wir haben Danielle verloren. Sie ist gerade gestorben«, sagte er.
Ich begriff überhaupt nichts und wartete auf die Pointe. »Sie ist gestorben?«
»Sie hatte einen Herzstillstand. Ich nehme an, man hat Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet, aber es war zu spät, um sie zurückzuholen.«
»Danielle ist gestorben? Das ist absurd. Ich habe sie gestern abend noch gesehen.«
»Kinsey, es tut mir leid. Der Anruf kam gerade eben. Ich bin genauso verblüfft wie du. Es ist mir alles andere als angenehm, daß ich dir das mitteilen muß, aber ich fand, du solltest es wissen.«
»Cheney.« Meine Stimme klang schroff, während sein Tonfall inzwischen mitfühlend geworden war.
»Möchtest du, daß ich vorbeikomme?«
»Nein, ich möchte nicht, daß du vorbeikommst. Ich möchte, daß du aufhörst, mir den Kopf mit Müll vollzuschütten«, fauchte ich. »Warum tust du das?«
»Ich bin in einer Viertelstunde da.«
Die Verbindung brach ab, und er war weg.
Behutsam legte ich den Hörer auf die Gabel. Noch im Stehen legte ich mir eine Hand vor den Mund. Was war hier los? Was spielte sich da ab? Wie konnte Danielle tot sein, wenn Roger nicht zu greifen war? Zuerst spürte ich überhaupt nichts. Meine anfängliche Reaktion war seltsam hohl, ohne jegliche Emotion. Ich nahm den Wahrheitsgehalt dessen, was Cheney mir berichtet hatte, in mich auf, aber es löste keine entsprechende Gefühlsreaktion aus. Im Kopf glaubte ich es, aber mit dem Herzen konnte ich es nicht fassen. Vielleicht eine Minute lang blieb ich regungslos stehen, und als die Empfindungen schließlich langsam zurückkamen, fühlte ich nicht Trauer, sondern anschwellende Wut. Wie ein prähistorisches Wesen, das aus der Tiefe emporschnellt, brach meine Wut durch die Oberfläche, und ich schlug zu.
Ich nahm den Telefonhörer ab, schob die Hand in die Tasche meiner Jeans und zog die Karte heraus, die ich in der Großraumlimousine erhalten hatte. Da stand die hastig notierte Nummer, eine magische Zahlenkombination, die den Tod bedeutete. Ich wählte, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was ich tat. Mich trieb der brennende Drang zu handeln, das blindwütige Bedürfnis, gegen den Mann vorzugehen, der mir diesen Schlag versetzt hatte.
Nach dem zweiten Läuten wurde am anderen Ende der Hörer abgenommen. »Ja?«
Ich sagte: »Roger Bonney hat Lorna Kepler umgebracht.«
Ich legte auf. Dann setzte ich mich. Ich spürte, wie es in meinem Gesicht vor Hitze zuckte und mir einen Moment lang Tränen aus den Augen schossen.
Ich ging ins Badezimmer und sah aus dem Fenster, aber die Straße gegenüber lag im Dunkeln. Ich ging zu meinem Schreibtisch zurück. O Gott. Was hatte ich getan? Ich nahm den Hörer ab und wählte die Nummer ein zweites Mal. Endloses Läuten. Keine Reaktion. Ich legte den Hörer wieder auf. Mir zitterten die Hände. Ich nahm meine Pistole aus der untersten Schublade und legte ein neues Magazin ein. Dann schob ich sie hinten in den Bund meiner Jeans und zog meine Jacke an. Ich packte Handtasche und Autoschlüssel, machte die Lichter aus und verschloß hinter mir die Tür.
Ich fuhr auf der 101 in Richtung Colgate. Immer wieder sah ich in den Rückspiegel, aber die Limousine war nirgends in Sicht. Ich nahm die Abfahrt an der Little Pony Road und bog nach rechts ab. Dann fuhr ich am Volksfestplatz entlang, bis ich an die Kreuzung mit der State Street kam. An der Ampel blieb ich stehen, trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad und sah erneut in den Rückspiegel. An der Hauptdurchgangsstraße war nur ein einziger Farbfleck zu erkennen, und zwar mit roten Neonröhren geschriebene Worte, die am Drugstore prangten. SAV-ON stand auf dem Schild. Das Einkaufszentrum zu meiner Linken hielt offenbar einen exklusiven abendlichen Ausverkauf ab. Grelle Lichter durchbohrten den Himmel. Weiße Plastikfahnen hingen von zahlreichen Masten. An der Einfahrt zum Parkplatz bedeuteten ein Clown und zwei Pantomimen den vorbeifahrenden Autos, hineinzufahren. Die beiden weißgeschminkten Pantomimen begannen mit einem kurzen Zweipersonensketch. Ich konnte nicht ausmachen, welches Drama sie aufführten, aber der eine drehte sich um und sah mich an, als ich aus dem Lichtkegel herausfuhr. Ich wandte mich ebenfalls um, sah jedoch nichts weiter als den geschminkten Schmerz seines herabgezogenen Munds.
Ich raste an der dunklen Tankstelle vorbei, deren Stellplätze und Zapfsäulen über Nacht geschlossen waren. Vermutlich aus einem Geschäft in der Nähe erklang eine Alarmanlage, doch war weder Polizei in Sicht noch herbeieilende Fußgänger, die nachsehen wollten, was los war. Wenn in dem Laden tatsächlich Einbrecher waren, konnten sie sich ruhig Zeit lassen. Wir sind alle so sehr an losjaulende Alarmanlagen gewöhnt, daß wir ihnen überhaupt keine Beachtung mehr schenken und annehmen, sie seien versehentlich ausgelöst worden und bedeuteten nichts. Sechs Häuserblocks weiter überquerte ich eine kleinere Kreuzung und fuhr die Straße hinauf, die zur Wasseraufbereitungsanlage führte.
Die Gegend war fast unbewohnt. Gelegentlich sah ich zu meiner Rechten ein Haus, doch die Felder auf der anderen Straßenseite lagen brach und waren mit Steinen übersät. In der Ferne heulten und winselten Kojoten, die die Wassernot von den Bergen herabgetrieben hatte. Eigentlich war es noch zu früh am Tag für Raubtiere, doch dieses Rudel folgte seinen eigenen Gesetzen. Sie waren heute abend auf der Jagd, witterten Beute. Vor meinem geistigen Auge sah ich eine glücklose Kreatur in Todesangst über die Felder flitzen. Der Kojote tötet rasch, eine Gnade für sein Opfer, aber nur ein schwacher Trost.
Ich fuhr in die Einfahrt der Wasseraufbereitungsanlage. Im Gebäude brannten Lichter, und davor standen vier Autos. Ich ließ meine Tasche im Wagen und schloß ihn ab. Von der Limousine war noch immer nichts zu sehen. Aber andererseits würde der Mann wohl auch nicht mit seinem Riesenschlitten anreisen, wenn er jemanden umbringen wollte, dachte ich. Vermutlich würde er seine Gorillas schicken, und die würden vielleicht erst in Rogers Wohnung nachsehen, wo immer das sein mochte. In der Einfahrt parkte ein Wagen, der dem County gehörte. Im Vorübergehen streckte ich die Hand aus. Die Motorhaube war noch warm. Ich ging die Stufen zu der beleuchteten Eingangshalle empor. Im Kreuz spürte ich die beruhigende Wölbung der Pistole. Dann stieß ich die Glastür auf.
Der Platz der Empfangsdame war nicht besetzt. Einst hatte Lorna Kepler hier gesessen. Es war merkwürdig, sich voxzustellen, wie sie Tag für Tag hier arbeitete, Besucher begrüßte, Anrufe entgegennahm und mit dem Steuerungstechniker und altgedienten Aufbereitungsexperten Konversation betrieb. Vielleicht war das der letzte Fetzen Illusion, der letzte Versuch, den sie unternahm, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Andererseits könnte sie aber auch ernsthaftes Interesse an Belüftungsbecken und Schnellfiltern entwickelt haben.
Im Gebäudeinneren schien zunächst völlige Ruhe zu herrschen. Leuchtstoffröhren strahlten auf die glänzenden Bodenfliesen herab. Der Flur war menschenleer. Aus einem der weiter entfernt liegenden Büros nahm ich die Klänge eines Countrysenders wahr. Ich hörte, wie jemand gegen ein Rohr schlug, doch das Geräusch kam aus den Eingeweiden des Gebäudes. Rasch schritt ich den Flur hinunter und spähte in Rogers Büro. Das Licht brannte, aber er war nirgends zu sehen. Ich hörte, wie sich Schritte näherten. Ein Mann in Overall und Baseballmütze kam um die Ecke auf mich zu. Meine Anwesenheit schien ihn nicht zu verwundern, aber trotzdem nahm er höflich die Mütze ab, als er mich erblickte. Sein Haar war eine lockige, graue Masse, in die die Mütze um seinen Kopf herum eine Linie gezeichnet hatte. »Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?«
»Ich suche Roger.«
Er zeigte nach unten. »Das, was Sie da gegen die Prüfleitung hämmern hören, ist er.« Er war etwa Mitte Fünfzig, hatte ein breites Gesicht und ein Grübchen im Kinn. Sympathisches Lächeln. Er streckte die Hand aus und stellte sich vor. »Ich bin Delbert Squalls.«
»Kinsey Millhone«, sagte ich. »Könnten Sie Roger sagen, daß ich da bin? Es ist dringend.«
»Klar, kein Problem. Ich bin sowieso gerade auf dem Weg nach unten. Kommen Sie doch einfach mit.«
»Danke.«
Squalls ging denselben Weg wieder zurück und öffnete die Tür mit den Glasfenstern, die in den Gebäudeteil führte, den ich schon einmal gesehen hatte: bunte Rohre und eine Wand voller Pegel und Meßgeräte. Ich konnte das klaffende Loch im Boden sehen. Orangefarbene Plastikkegel standen am einen Ende, um Unvorsichtige davor zu warnen, hineinzufallen.
Ich fragte: »Wie viele Leute arbeiten heute abend hier?«
»Schauen wir mal. Mit mir fünf. Kommen Sie hier entlang. Ich hoffe, Sie leiden nicht unter Klaustrophobie.«
»Überhaupt nicht«, log ich und folgte ihm, als er zu der Öffnung hinüberging. Bei meinem ersten Besuch hatte ich einen fließenden Strom schwarzes Wasser dort unten erblickt, still und nach Chemikalien riechend, der anders aussah als alles, was ich je gesehen hatte. Nun sah ich Lichter und kahle Betonwände, die an den Stellen, wo das Wasser entlanggeflossen war, die Farbe verloren hatten. Ich mußte schlucken. »Wo ist denn das ganze Wasser hingekommen?« fragte ich.
»Wir schließen die Schleusentore, und dann fließt es in zwei große Becken«, sagte er im Plauderton. »Dauert ungefähr vier Stunden. Das machen wir einmal im Jahr. Gerade werden einige Nachbelüftungsprüfleitungen repariert. Sie waren fast völlig durchgerostet. Vor dieser Schließung waren sie schon monatelang verstopft. Wir haben zehn Stunden Zeit, um das in Ordnung zu bringen, dann kommt es wieder zurückgeflossen.«
Mehrere an der Wand befestigte Metallsprossen bildeten eine Leiter, die zum Kanal hinunterführte. Das Hämmern hatte aufgehört. Delbert wandte sich um, schob vorsichtig seinen Fuß in die Öffnung und begann schließlich den Abstieg. Tack, tack, tack machten seine Schuhsohlen auf dem Metall, während er langsam aus meinem Blickfeld verschwand. Ich schritt auf das Loch zu und drehte mich um. Dann stieg ich wie er in den darunter liegenden Tunnel hinab.
Am Grund angekommen, befanden wir uns gut dreieinhalb Meter unter der Erde und standen in dem Zulaufkanal, durch den schon Millionen Liter Wasser geflossen waren. Hier unten herrschte stets Nacht, und der einzige Mond schien in Form einer Zweihundertwattbirne. Der Durchgang roch feucht und erdig. Am dunklen Ende des Tunnels konnte ich das Schleusentor erkennen und auf dem Boden Streifen von Sedimenten. Ich kam mir vor wie bei der Höhlenforschung — nicht gerade eine meiner Leidenschaften. Dann entdeckte ich Roger, der mit dem Rücken zu uns an einer Leitung an der Decke arbeitete. Er stand etwa viereinhalb Meter entfernt auf einer Leiter, und die große Glühbirne hing mit ihrem Gitterschutz an einem Rohr direkt neben seinem Gesicht. Er trug einen blauen Overall und bis zur Hüfte reichende schwarze Gummistiefel. Über der Gabelung der Leiter sah ich eine Jeansjacke hängen. Es war kalt hier unten, und ich war froh, daß ich meine Jacke anhatte.
Roger wandte sich nicht um. »Bist du das, Delbert?« fragte er über die Schulter.
»Ja, ich bin’s. Hier ist eine Bekannte von dir. Eine Miss... wie war noch Ihr Name — Kenley?«
»Kinsey«, verbesserte ich.
Roger drehte sich um. In seinen Augen glänzte das Licht und verbannte jegliche Farbe aus seinem Gesicht. »Ah, ja. Ich habe Sie erwartet«, sagte er.
Delbert hatte die Hand in die Hüfte gestützt. »Brauchst du noch Hilfe hier?«
»Eigentlich nicht. Schau doch mal nach Paul und geh ihm zur Hand.«
»Mach’ ich.«
Delbert stieg wieder die Leiter hinauf und ließ uns allein. Erst verschwand sein Kopf, dann der Rücken, die Hüften, die Beine und zuletzt die Stiefel. Es war ganz still. Roger kam von seiner Leiter herunter und wischte sich die Hände an einem Lappen ab, während ich dastand und mir überlegte, wie ich es anfangen sollte. Ich sah, wie er seine Jacke aufhob und eine der Vordertaschen befühlte.
»Es ist nicht das, was Sie denken«, sagte ich. »Hören Sie, Lorna sollte an dem Wochenende, als sie ermordet wurde, heiraten. Vor ein paar Tagen hat mich ein Mann mit ein paar Gorillas in ausgebeulten Mänteln in einer Großraumlimousine abgepaßt...« Ich merkte, wie mir die Stimme versagte.
Er hatte etwas von der Größe eines Walkie-talkies in der Hand: ein schwarzes Kunststoffgehäuse mit ein paar Knöpfen an der Vorderseite. »Wissen Sie, was das ist?«
»Sieht aus wie ein Elektroschocker.«
»Genau.« Er drückte auf einen Knopf, und zwei winzige Sonden mit einer Ladung von hundertzwanzigtausend Volt kamen herausgeschossen. Sowie sie mich berührten, lag ich flach, und mein ganzer Körper war gefühllos geworden. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht atmen. Nach ein paar Sekunden begann mein Gehirn wieder zu arbeiten. Ich wußte, was passiert war. Ich wußte nur nicht, was ich dagegen tun konnte. Unter all den möglichen Reaktionen, die ich bei ihm in Betracht gezogen hatte, war diese nicht mit auf der Liste gestanden. Ich lag wie ein Stein auf dem Rücken und mühte mich ab, eine Methode zu finden, wie ich Sauerstoff in meine Lungen pressen konnte. Keine meiner Gliedmaßen reagierte auf Anforderung. In der Zwischenzeit tastete Roger mich ab, zog meine Pistole hervor und steckte sie in die Tasche seines Overalls.
Ich machte ein Geräusch, das aber vermutlich nicht besonders laut war. Er ging zur Wand hinüber und stieg die Leiter hinauf. Ich dachte schon, er würde mich hier unten liegen lassen. Statt dessen schlug er die Klapptür zu, womit die Luke verschlossen war. »Ich dachte, wir wären vielleicht gern unter uns«, sagte er, als er wieder herunterstieg. Er holte sich einen Plastikeimer, der auf der Seite lag. Dann drehte er ihn um und setzte sich nicht weit von mir entfernt darauf. Er beugte sich ganz nahe zu mir her. Sanft sagte er: »Wenn Sie mir dumm kommen, ersticke ich Sie mit dieser Jacke. So geschwächt, wie Sie jetzt sind, wird das keinerlei Spuren hinterlassen.«
Das hat er auch mit Lorna gemacht, dachte ich. Sie mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und ihr dann ein Kissen ins Gesicht gedrückt. Wird nicht lange gedauert haben. Ich fühlte mich wie ein Baby im ersten Entwicklungsstadium und bewegte beim Versuch, mich umzudrehen, unbeholfen meine Glieder. Ächzend schaffte ich es, mich auf die Seite zu rollen. Schwer atmend lag ich da und sah aus den Augenwinkeln auf den nassen Beton. Meine Wange lag auf etwas Sandigem: Anthrazit, Klärschlamm, kleine Muscheln. Ich konzentrierte mich und zog langsam den rechten Arm unter mir an. Ich hörte, wie die Klapptür aufging, und Delbert Squalls herunterrief: »Roger?«
»Ja?«
»Hier oben ist ein Mann, der dich sprechen will.«
»O verdammt«, zischte er. Und dann zu Delbert: »Sag ihm, ich komme gleich.«
Ich fixierte ihn mit einem Auge, außerstande zu sprechen, und sah, wie er ungeduldig das Gesicht verzog. Er schob die Arme unter mich, zerrte mich in Sitzposition und lehnte mich gegen die Wand. Wie eine Stoffpuppe saß ich da, mit hängenden Schultern und steif nach vorn ausgestreckten Beinen, die Füße einander zugekehrt. Wenigstens konnte ich atmen. Über mir hörte ich jemanden herumlaufen. Ich wollte ihn warnen. Ich wollte ihm sagen, daß er einen entsetzlichen Fehler machte. Während ich noch grunzende Geräusche von mir gab, stieg Roger bereits die Leiter hoch, wobei seine Füße tack, tack, tack machten, während Kopf und Schultern bereits verschwanden. Tränen füllten meine Augen. Meine Glieder waren von dem Elektroschock noch gelähmt. Ich versuchte, die Arme zu bewegen, aber das Ergebnis war das gleiche Gefühl der Fruchtlosigkeit wie wenn man feststellt, daß einem Arme oder Beine »eingeschlafen« sind. Ich begann, die eine Hand zur Faust zu ballen, um so den Blutkreislauf anzuregen. Mein ganzer Körper fühlte sich seltsam taub an. Ich lauschte angestrengt, konnte aber nichts hören. Mit großer Mühe gelang es mir schließlich, mich zur Seite fallen zu lassen und mich mit Händen und Knien aufzurichten. Schwer atmend hielt ich mich in dieser Stellung, bis ich es schaffte, auf die Beine zu kommen. Ich weiß nicht, wie lange ich dazu brauchte. Oben herrschte völlige Stille. Ich griff nach der Leiter und klammerte mich an die nächstgelegene Sprosse. Nach einem weiteren Moment machte ich mich an den Aufstieg.
Als ich oben herauskroch, war im ganzen Korridor kein Mensch zu sehen. Ich quälte mich vorwärts. Es ging schon wieder besser, aber meine Arme und Beine fühlten sich seltsam losgelöst an. Ich gelangte zu Rogers Büro, spähte zur Tür hinein und lehnte mich gegen den Türrahmen. Er war nirgends zu sehen. Meine Pistole lag ordentlich mitten auf seiner Schreibtischunterlage. Ich ging hinüber, nahm sie an mich und steckte sie mir wieder hinten in den Hosenbund.
Ich verließ das Büro und ging in die Empfangshalle. Delbert Squalls saß dort am Tresen und blätterte im Telefonbuch. Vermutlich wollte er eine Runde Pizza für die Nachtschicht bestellen. Er sah auf, als ich vorbeiging.
Ich fragte: »Wo ist Roger hingegangen?«
»Sagen Sie bloß nicht, er hat Sie da unten sitzen lassen? Der Kerl hat keine Manieren. Sie haben ihn knapp verpaßt. Er ist mit diesem Mann im Mantel weggefahren. Hat gesagt, er käme gleich wieder. Möchten Sie ihm eine Nachricht hinterlassen?«
»Ich glaube nicht, daß das nötig sein wird.«
»Oh. Tja, wie Sie wollen.« Er wandte sich wieder seiner Suche zu.
»Gute Nacht, Delbert.«
»Nacht. Schönen Abend noch«, wünschte er und griff nach dem Telefon.
Ich trat aus dem Gebäude in die kühle Nachtluft hinaus. Der Wind hatte wieder aufgefrischt, und obwohl der Himmel wolkenlos war, trug er den Duft eines fernen Regens in sich, der in unsere Richtung unterwegs war. Es war kein Mond zu sehen, und die Sterne wirkten über den Bergen wie vergrößert.
Ich stieg die Stufen hinunter und ging auf die Parkbucht zu, in der ich meinen Wagen abgestellt hatte. Ich setzte mich in den VW, ließ den Motor an und bog hinaus auf die Straße, die in die Stadt zurückführte. Als ich die Kreuzung überquerte, war mir, als sähe ich eine Großraumlimousine in der Dunkelheit verschwinden.