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Am Flughafen angekommen, stellte ich den VW auf einem der Plätze für Langzeitparker ab und trottete zum Terminal. Wie die meisten öffentlichen Gebäude in Santa Teresa hat auch der Flughafen einen leicht spanischen Einschlag: anderthalb Stockwerke weißer Stuck mit einem roten Ziegeldach, Bögen und einer geschwungenen Treppe an der Seite. Drinnen gab es lediglich fünf Flugsteige für Abflüge, einen winzigen Zeitschriftenkiosk im Erdgeschoß und einen bescheidenen Coffee Shop im ersten Stock. Am Schalter von United holte ich mein Ticket ab und nannte der Angestellten meinen Namen, für den Fall, daß auf einem früheren Flug ein Platz frei wurde. Daraus wurde leider nichts. Ich suchte mir einen Sitzplatz in der Nähe, stützte den Kopf in die Faust und döste wie eine Pennerin vor mich hin, bis mein Flug aufgerufen wurde. In der Wartezeit hätte ich leicht mit dem Auto nach San Francisco fahren können.
Das Flugzeug war ein kleiner Floh mit fünfzehn Sitzen, von denen zehn besetzt waren. Ich wandte meine Aufmerksamkeit dem Hochglanzmagazin der Airline zu, das in der Tasche am Sitz vor mir steckte. Es war ein speziell für mich bestimmtes Gratisexemplar — so stand es auf der Titelseite — , wobei der Begriff gratis bedeutete, daß das Ding viel zu langweilig war, um dafür echtes Geld auszugeben. Während die Motoren mit demselben schrillen Getöse aufheulten, wie es Rennmopeds von sich geben, trug die Stewardeß ihren Sermon vor. Wir verstanden kein Wort von dem, was sie sagte, aber anhand ihrer Lippenbewegungen konnten wir den Sinn in groben Zügen erfassen.
Beim Start bockte und ruckte das Flugzeug, doch wurde der Flug schlagartig ruhig, als wir die richtige Höhe erreicht hatten. Die Stewardeß bewegte sich mit einem Tablett den Gang hinunter und verteilte durchsichtige Plastikbecher mit Orangensaft oder Coca Cola und kindersichere Päckchen, wahlweise Salzbrezeln oder Erdnüsse. Die Airlines, die ja inzwischen äußerst geschickt beim Senken der Kosten sind, haben den Inhalt dieser Tütchen mittlerweile auf Portionen reduziert, die (in etwa) einem Teelöffel pro Person entsprechen. Ich brach jede einzelne Erdnuß in zwei Hälften und aß ein Stück nach dem anderen, um das Erlebnis dauerhafter zu gestalten.
Während wir durch den nachtschwarzen Himmel die Küste hinaufbrummten, tauchten die Ortschaften unter uns auf wie eine Reihe vereinzelter, unzusammenhängender Lichter. Aus dieser Höhe sahen die Städtchen aus wie isolierte Kolonien auf einem fremden Planeten, dazwischen dunkle Streifen, in denen man bei Tag Berge erkannt hätte. Die Landschaft verwirrte mich. Ich versuchte, Santa Maria, Paso Robles und King City ausfindig zu machen, besaß aber kein sicheres Gefühl für Größenverhältnisse und Entfernungen. Ich konnte den Highway 101 sehen, aber auf diese Distanz kam er mir unheimlich und fremd vor.
Nach nicht einmal anderthalb Stunden trafen wir in San Francisco ein. Beim Landeanflug konnte ich sehen, wie sich die Straßenlaternen wellenartig über die Hügel zogen und das Areal wie eine Reliefkarte umrissen. Wir landeten an einem Nebenterminal, der so abgelegen war, daß eine Staffel Bodenpersonal entlang der Rollbahn aufgestellt worden war, um uns den Weg in die Zivilisation zu weisen. Wir betraten das Flughafengebäude über die Hintertreppe wie illegale Einwanderer, die abgeschoben werden sollen, und landeten schließlich in einem mir vertrauten Korridor. An einem Zeitungsstand blieb ich stehen und kaufte mir einen ordentlichen Stadtplan, dann suchte ich den Schalter für Mietwagen und füllte die erforderlichen Papiere aus. Fünf Minuten nach elf war ich auf der 101 und fuhr in Richtung Norden auf die Stadt zu.
Die Nacht war klar und kalt, und zu meiner Rechten, auf der anderen Seite der Bucht, konnte ich die Lichter Oaklands und Alamedas sehen. Knapp einen Kilometer nach der Market Street, bei der Golden Gate Avenue, senkt sich die 101 auf Bodenhöhe. Ich fuhr den halben Block zur Van Ness und bog links ab, danach ein weiteres Mal links in die Lombard. Coffee Shops und Motels in allen Größen säumten beide Seiten der vierspurigen Durchgangsstraße. Da ich nicht unnötige Energie verschwenden wollte, mietete ich mich im Del Rey Motel ein, dem ersten mit einem »Zimmer frei«-Schild. Ich würde ohnehin nur eine Nacht bleiben. Ich brauchte weiter nichts als eine Unterkunft, die so sauber war, daß ich nicht ständig die Schuhe anbehalten mußte. Ich bat um ein ruhiges Zimmer und erhielt Nummer 343, das nach hinten hinausging.
Das Del Rey war eines dieser Motels, deren Geschäftsleitung davon ausgeht, daß die Gäste alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist. Sämtliche Kleiderbügel waren so geformt, daß man die Haken nicht von der Stange entfernen konnte. Am Fernseher hing ein Warnschild, das daraufhinwies, daß die Entfernung des Kabels sowie jegliches Verschieben des Geräts automatisch einen Alarm auslösen würde, der von den Gästen nicht abgestellt werden konnte. Der Radiowecker war am Nachttisch festgeschraubt. Es handelte sich also um ein Etablissement, das bestens dafür gerüstet war, Diebe und Trickbetrüger zu überlisten. Ich legte ein Ohr an die Wand und fragte mich, wer wohl im Zimmer nebenan lauem mochte. Die Stille wurde von rasselnden Schnarchlauten durchbrochen. Das würde sich nachher als beruhigend erweisen, wenn ich selbst zu schlafen versuchte. Ich setzte mich auf die Bettkante und rief im Büro an, wo ich Ida Ruth meine Telefonnummer hinterließ. Da ich schon dabei war, wählte ich meinen eigenen Anrufbeantworter an und drückte den Code der Fernabfrage, um eventuell eingegangene Nachrichten abzuhören. Nichts. Meine freundliche Botschaft aus der Ferne hatte keine Wirkung erzielt, was hieß, daß ich irgendwann selbst vorbeifahren mußte.
Mittlerweile war es fast Mitternacht, und ich spürte, wie mir die Energie aus allen Poren rann. Nachdem ich mein Leben bei Tage aufgegeben hatte, um meiner Tätigkeit bei Nacht nachzugehen, merkte ich, daß es mir zunehmend schwerer fiel, meinen toten Punkt vorherzusehen. Ich sehnte mich danach, mich rückwärts aufs Bett fallen zu lassen und in meinen Kleidern einzuschlafen. Bevor die Vorstellung zu verführerisch wurde, erhob ich mich. Im Badezimmer machte ein Schild auf die drohende Dürregefahr aufmerksam und hielt die Motelgäste dazu an, so wenig Wasser wie möglich zu verwenden. Ich duschte rasch (und schuldbewußt) und trocknete mich anschließend mit einem Handtuch ab, das so rauh war wie ein asphaltierter Gehweg. Dann stellte ich meinen Seesack aufs Bett und holte frische Unterwäsche und eine Strumpfhose heraus. Anschließend zog ich das Wundergewand hervor, mein schwarzes Allzweckkleid. Vor nicht allzulanger Zeit war dieses Stück von fauligem Wasser durchtränkt gewesen und hatte nach Moder und Sumpfbewohnern aller Art gestunken. In den Monaten seitdem hatte ich es mehrmals in die Reinigung gegeben, und nun war es wieder so gut wie neu... es sei denn, man schnupperte aus nächster Nähe daran. Das Material repräsentierte die Krönung der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse: leicht, faltenabweisend, schnelltrocknend und unzerstörbar. Mehrere meiner Bekannten verwünschen diese letztere Qualität und bitten mich, das Kleid wegzuwerfen und meiner Garderobe ein neues einzuverleiben. Ich sehe nicht ein, was das für einen Sinn haben sollte. Mit seinen langen Ärmeln und dem gerafften Oberteil war das Allzweckkleid ideal (na ja, angemessen) für alle Gelegenheiten. Ich hatte es schon auf Hochzeiten, Beerdigungen, Cocktailpartys und bei Gerichtsterminen getragen. Ich schüttelte es kurz, machte den Reißverschluß auf und schaffte es, gleichzeitig in das Kleid und meine flachen, schwarzen Slipper zu steigen. Kein Mensch würde mich mit einem Aushängeschild der Mode verwechseln, aber zumindest ginge ich als Erwachsene durch.
Nach dem Stadtplan und der Adresse, die ich bekommen hatte, zu urteilen, lebte Joseph Ayers in Pacific Heights. Ich legte den Plan auf den Beifahrersitz und ließ die Innenbeleuchtung an, damit ich sehen konnte, wohin ich fuhr. An der Divisadero bog ich links ab und fuhr in Richtung Sacramento Street. In seinem Viertel angekommen, drehte ich erst einmal eine Runde. Sogar zu dieser Stunde war das Anwesen der Ayers nicht zu übersehen. Das Haus erstrahlte von Lichtern, und ein ständiger Strom kommender und gehender Gäste benutzte den draußen eingerichteten »Parkservice«. Ich übergab mein Auto einem der jungen Männer in schwarzen Frackhosen und weißen Smokinghemden. Vor mir war ein Mercedes eingetroffen, und hinter mir wartete ein Jaguar.
Das vordere Tor stand offen, und Spätankömmlinge wurden um das Haus herum zum Garten geleitet. Der Zutritt wurde von einem Mann im Smoking überwacht, der meinen Aufzug mit sichtlicher Besorgnis musterte. »Guten Abend. Darf ich Ihre Einladung sehen?«
»Ich komme nicht wegen der Party. Ich habe einen privaten Termin bei Mr. Ayers.«
Sein Blick sagte mir, daß er dies bezweifelte. Aber er wurde dafür bezahlt, daß er lächelte, und so schenkte er mir das minimale Quantum davon. »Klingeln Sie an der Vordertür. Eines der Mädchen wird Ihnen aufmachen.«
Um das Haus zog sich ein schmaler Grünstreifen, der nach San-Francisco-Maßstäben großzügig zu nennen war, da hier die meisten Häuser direkt aneinander kleben. Eine hohe Buchsbaumhecke war gleich hinter den Maschendrahtzaun gepflanzt worden, um größtmögliche Abgeschiedenheit zu gewährleisten. Ich ging den gepflasterten Weg entlang. Das Gras zu beiden Seiten war zartgrün und frisch gemäht. Das dreistöckige Haus aus altem Backstein hatte im Lauf der Jahre die Farbe reifer Wassermelonen angenommen. Sämtliche Bleiglasfenster waren mit blaßgrauem Stein eingefaßt. Das Mansardendach bestand aus grauem Schiefer, und die gesamte Fassade wurde von indirektem Licht übergossen. Von hinten drangen die Stimmen der alkoholisierten Gäste an mein Ohr und übertönten die Akkorde einer Drei-Mann-Combo. Ab und zu schoß ein plötzliches Lachen wie eine Rakete in den Himmel und explodierte matt in der stillen Dunkelheit des Viertels.
Ich klingelte anweisungsgemäß. Ein Dienstmädchen in schwarzer Uniform machte die Tür auf und trat zurück, um mich einzulassen. Ich nannte ihr meinen Namen und sagte ihr, daß Mr. Ayers mich erwarte. Es schien ihr völlig gleichgültig zu sein, und das schwarze Allzweckkleid fand sie offenbar ganz in Ordnung. Sie nickte und verschwand, was mir gestattete, meine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Die Diele war rund, und auf der rechten Seite schwang sich eine Treppe aus schwarzem Marmor nach oben. Die Deckenrosette lag ganze zwei Stockwerke höher und umschloß einen üppigen Kronleuchter voller Gold und glitzerndem Kristall. Eines Tages würde ihn ein Erdbeben mit voller Wucht herabschmettern, und das Dienstmädchen würde wie ein Zeichentrick-Kojote plattgewalzt.
Nach geraumer Zeit erschien ein weiterer Mann im Smoking und geleitete mich in den hinteren Teil des Hauses. Der Fußboden bestand aus schwarzen und weißen Marmorquadraten, die schachbrettartig ausgelegt waren. Die Decken in den Räumen, durch die wir kamen, waren an die vier Meter hoch und mit Gipsgirlanden eingefaßt, von denen merkwürdige Kobolde auf uns herunterblickten. Die Wände im Flur waren mit dunkelroter Seide überzogen und zur Geräuschdämpfung gepolstert. Meine eingehende Betrachtung nahm mich derart in Anspruch, daß ich beinahe gegen eine Tür gelaufen wäre. Der Butler butlerte weiter und ignorierte mich diskret, als ich erschrocken aufjaulte.
Er führte mich in die Bibliothek und zog beim Verlassen des Raumes die Doppeltür hinter sich zu. Ein großer orientalischer Teppich breitete sein verschwommenes, malvenfarbiges Muster über dem Parkett aus. Linkerhand wurde der Raum von einem massiven, antiken Schreibtisch aus Mahagoni und Teak mit Messingintarsien beherrscht. Die Polstermöbel — ein überdimensioniertes Sofa und drei wuchtige Sessel — waren mit burgunderrotem Leder bezogen. Der Raum war funktionell und wurde umfassend genutzt; es war kein gewolltes Arrangement, das aufgestellt worden war, um andere zu beeindrucken. Ich konnte Aktenschränke sehen, einen Computer mit Zubehör, ein Faxgerät, einen Kopierer und ein Telefon mit vier Amtsleitungen. An drei Wänden standen Mahagoniregale voller Bücher, von denen eine Abteilung Drehbüchern vorbehalten war, deren Titel mit Filzstift auf den Rücken geschrieben stand.
An der vierten Wand führten hohe Glastüren in das ummauerte Grundstück hinter dem Haus, wo die Party in vollem Gange war. Der Geräuschpegel war gestiegen, doch wurde der Lärm zum größten Teil von den mit Querstreben unterteilten Fensterscheiben gedämpft. Für den besonderen Anlaß hatte man in Teilen des riesigen Gartens Zelte aufgestellt, durch deren rote Planen das Kerzenlicht schimmerte. Hohe Propangasheizkörper waren um das Gelände herum aufgestellt worden, um die kalte Nachtluft zu erwärmen. Durch alle Büsche und Bäume zogen sich winzige Glühbirnen. Jeder Zweig hob sich durch leuchtende Stecknadelköpfe von den anderen ab. Auf den Tischen lagen rote Satindecken. Der Tischschmuck bestand aus Gestecken dunkelroter Rosen und Nelken. Ich sah, wie die Leute vom Partyservice noch einen kalten Mitternachtsimbiß auftischten — bestimmt Blutwurst.
Die Einladungen mußten genaue Kleidervorschriften enthalten haben. Alle Männer waren im schwarzen Smoking, während die Frauen entweder lange Abendkleider oder Cocktailkleider in Rot und Schwarz anhatten. Die Frauen waren schlank und trugen ihr Haar wie einen Schmuck, gefärbt in diesem seltsamen kalifornischen Blond, das Frauen über fünfzig offenbar gefiel. Ihre Gesichter schienen perfekt zu sein, obwohl sie durch chirurgische Unterstützung so wirkten, als seien sie alle ungefähr im gleichen Alter. Meine Vermutung war, daß niemand von diesen Leuten zur Crème de la crème der Gesellschaft von San Francisco gehörte. Sie waren die fette Milch, die so weit in der Flasche nach oben gestiegen war, wie es Geld und Ehrgeiz im Laufe einer Generation erlaubten. Ich unterstellte ihnen, daß sie, noch während sie tranken und das Buffet beäugten, über die Gastgeber lästerten.
»Falls Sie hungrig sind, kann ich Ihnen etwas zu essen bringen lassen.«
Ich wandte mich um. »Nein, danke«, sagte ich automatisch. In Wirklichkeit war ich am Verhungern, aber ich wußte, ich würde mich unterlegen fühlen, wenn ich in Gegenwart dieses Mannes Essen in mich hineinschaufelte. »Kinsey Millhone«, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. »Danke, daß Sie mich heute abend empfangen.«
»Joseph Ayers«, sagte er. Er war vermutlich Ende Vierzig und besaß den angespannten Gesichtsausdruck eines Gynäkologen, der heikle Neuigkeiten mitzuteilen hat. Er trug eine Brille mit starken Gläsern und einem schweren Schildpattgestell und neigte dazu, den Kopf gesenkt zu halten, während seine dunklen Augen hin und wieder finster dreinblickten. Sein Händedruck war fest, und sein Fleisch fühlte sich so glitschig an, als hätte er gerade Gummihandschuhe übergestülpt. Seine Stirn war von Falten durchzogen, und er hatte ein langes Gesicht, das durch die Kerben neben dem Mund und in den Wangen noch länger wirkte. Oben begann sein dunkles Haar langsam schütter zu werden, aber ich konnte sehen, daß er früher einmal ausgesprochen gutaussehend gewesen war. Auch er trug den vorgeschriebenen Smoking. Falls er von den langen Stunden in der Luft immer noch erschöpft war, so ließ er es sich nicht anmerken. Mit Gesten bedeutete er mir, mich in einen der ledernen Lehnstühle zu setzen, und so nahm ich Platz. Er ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, legte einen Finger an die Lippen und klopfte nachdenklich dagegen, während er mich musterte. »Vor der Kamera könnten Sie sogar gut herauskommen. Sie haben ein interessantes Gesicht.«
»Nehmen Sie es mir nicht übel, Mr. Ayers, aber ich habe einen Ihrer Filme gesehen. Gesichter spielen da wohl die geringste Rolle.«
Er lächelte leicht. »Sie würden staunen. Es gab einmal eine Zeit, da wollte das Publikum dralle, üppige Frauen — à la Marilyn Monroe — mit schon fast grotesker Oberweite. Heute suchen wir nach etwas Realistischerem. Nicht, daß ich Sie zu irgend etwas überreden wollte.«
»Dann ist es ja gut«, sagte ich.
»Ich war auf der Filmhochschule«, sagte er, als hätte ich eine Erklärung verlangt. »Wie Oliver Stone und George Lucas und diese Leute. Nicht, daß ich mich mit ihnen auf eine Stufe stellen wollte. Im Grunde meines Herzens bin ich Akademiker. Darauf wollte ich hinaus.«
»Wissen Ihre Gäste, was Sie machen?«
Er nickte mit dem Kopf in Richtung Fenster. »Ich habe stets zugegeben, daß ich in der Branche tätig bin, was auch stimmt — oder zumindest gestimmt hat. Vor einem Jahr habe ich meine Firma an einen internationalen Konzern verkauft. Deshalb hatte ich auch in den vergangenen Wochen in Europa zu tun — noch Kleinigkeiten unter Dach und Fach bringen.«
»Sie müssen ziemlich erfolgreich gewesen sein.«
»Erfolgreicher als der durchschnittliche Hollywood-Produzent. Meine laufenden Kosten waren niedrig, und ich mußte mich nie mit Gewerkschaftsbossen oder Studioleitern herumärgern. Wenn ich ein Projekt durchziehen wollte, habe ich es getan, einfach so.« Zur Untermalung schnippte er mit den Fingern. »Jeder Film, den ich gemacht habe, wurde auf der Stelle zum Knüller, und das ist mehr, als die meisten Hollywood-Produzenten von sich behaupten können.«
»Wie war das mit Lorna? Wie haben Sie sie kennengelernt?«
»Ich war über das Memorial-Day-Wochenende unten in Santa Teresa — vor zwei Jahren muß das gewesen sein. Ich entdeckte sie in einer Hotelbar und fragte sie, ob sie an einer Karriere als Schauspielerin interessiert sei. Sie hat mich ausgelacht. Dann habe ich ihr meine Karte und zwei von meinen Videokassetten gegeben. Ein paar Monate später hat sie angerufen und Interesse geäußert. Ich habe die Dreharbeiten arrangiert. Sie kam nach San Francisco heraufgeflogen, hat zweieinhalb Tage gearbeitet und dafür zweitausendfünfhundert Dollar kassiert. Das war in etwa alles.«
»Ich begreife immer noch nicht, warum der Film nie in Umlauf kam.«
»Sagen wir mal, ich war mit dem Endprodukt nicht ganz zufrieden. Der Streifen wirkte billig, und die Kameraarbeit war lausig. Die Firma, die mich ausbezahlt hat, hat meine gesamten Bestände übernommen, aber dieser Film gehörte nicht dazu.«
»Wußten Sie, daß Lorna nebenbei als Prostituierte gearbeitet hat?«
»Nein, aber das überrascht mich nicht. Wissen Sie, wie man solche Frauen nennt? Sex-Arbeiterinnen. Eine Sex-Arbeiterin kann alles mögliche machen: Massage, Striptease, Hausbesuche, Lesbenvideos, Hardcore-Magazine. Sie sind wie umherziehende Wanderarbeiter. Sie gehen dorthin, wo es Arbeit gibt, manchmal von Stadt zu Stadt. Nicht, daß ich behaupten wollte, daß sie das alles getan hat. Ich setze Sie nur über die Situation im allgemeinen ins Bild.«
Ich musterte sein Gesicht und wunderte mich über den sachlichen Ton, den er anschlug. »Und was war mit Ihnen? Was hatten Sie für eine Beziehung zu ihr?«
»Ich war in London, als sie ermordet wurde. Ich bin am zwanzigsten abgereist.«
Ich ignorierte den Bruch, obwohl ich ihn interessant fand. Als wir am Telefon miteinander gesprochen hatten, hatte er mit dem Datum ihres Todes etwas danebengelegen. Vielleicht hatte er sich mit einer innerlichen Revision auf meinen Besuch vorbereitet.
Er zog eine Schublade auf und entnahm ihr ein Blatt Papier. »Ich habe überprüft, wer bei dem Film, in dem sie mitgespielt hat, auf der Gehaltsliste stand. Hier sind Namen und Adressen von ein paar Mitgliedern des Teams, mit denen ich danach noch Kontakt hatte. Ich kann nicht garantieren, daß sie immer noch in San Francisco leben, aber es ist zumindest ein Anfang.«
Ich nahm das Blatt und warf einen Blick darauf. Die Namen kannte ich von der Liste, anhand deren ich vorgegangen war. Die beiden San Franciscoer Telefonnummern waren mittlerweile abgemeldet. »Danke. Das ist sehr nett von Ihnen.« So wertlos es auch ist, dachte ich.
Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, ich muß mich kurz noch einmal zeigen, bevor ich zu Bett gehe. Sind Sie sicher, daß Sie keinen Drink wollen?«
»Danke, lieber nicht. Ich muß noch Verschiedenes erledigen, und ich bin nicht so lange in der Stadt.«
»Ich bringe Sie hinaus«, sagte er höflich.
Ich folgte ihm die breite Marmortreppe hinab, durch die Diele und einen riesigen, leeren Raum mit einer Kuppeldecke und einem hellen, glänzenden Hartholzboden. An seinem anderen Ende befand sich eine kleine Bühne. »Was werden Sie jetzt tun, nachdem Ihre Firma verkauft ist?«
»Das ist der Ballsaal«, sagte er, da ihm die Neugier in meinen Augen nicht entgangen war. »Meine Frau hat ihn renovieren lassen. Sie veranstaltet Wohltätigkeitsbälle für Krankheiten, die nur Reiche bekommen. Um Ihre Frage zu beantworten, ich muß überhaupt nichts tun.«
»Sie Glücklicher.«
»Das hat nichts mit Glück zu tun. Es war von Anfang an meine Absicht. Ich bin ein zielstrebiger Mensch. Das würde ich Ihnen auch empfehlen.«
»Unbedingt.«
In der Diele schüttelten wir uns die Hände. Ich merkte noch, daß er die Haustür bereits geschlossen hatte, bevor ich am Gartenzaun angelangt war. Ich holte mein Auto ab und gab dem Mann vom Parkservice einen Dollar. Nach seinem erstaunten Blick zu schließen, müssen ihm alle anderen fünf gegeben haben.
Ich konsultierte meinen Stadtplan. Russell Turpins Adresse in der Haight Street lag nicht weit entfernt. Ich fuhr auf der Masonic Richtung Süden und durchquerte den schmalen Teil des Golden Gate Parks. Die Haight lag zwei Häuserblocks weiter, und die Adresse, zu der ich wollte, lediglich vier Blocks weiter unten.
Die Gehsteige wimmelten von Fußgängern. Man konnte noch Überbleibsel der vergangenen Herrlichkeit von Haight-Ashbury bewundern: Second-Hand-Kleidergeschäfte und Buchhandlungen, schmierig aussehende Restaurants und eine Gemeinschaftspraxis in einem ehemaligen Laden. Die Straße war gut beleuchtet, und es herrschte noch ziemlich reger Verkehr. Die Leute auf der Straße waren ausstaffiert wie die Blumenkinder von einst und trugen immer noch ausgestellte Hosen, Nasenringe, Rastalocken, zerfetzte Blue Jeans, bemalte Gesichter, mehrere Ohrringe, Rucksäcke und kniehohe Stiefel. Aus den Bars dröhnte Musik. In jedem zweiten Hauseingang hingen bekifft aussehende Jugendliche herum, die aber vielleicht von viel ausgefalleneren Drogen high waren als von Marihuana.
Ich drehte eine Runde um acht Häuserblocks herum — zwei nach unten, zwei zur Seite, zwei nach oben und zwei zurück — und versuchte, einen Platz zu finden, in den ich mein Auto quetschen konnte. San Francisco ist ziemlich schlecht dafür gerüstet, die Anzahl von Fahrzeugen zu beherbergen, die sich innerhalb seiner Stadtgrenzen bewegen. An jeden greifbaren Zentimeter geraden Randsteins drücken sich Autos, schmiegen sich an Anhöhen, drängen sich auf den Gehsteigen und pressen sich an die Häuser. Vordere Stoßstangen kommen Hydranten viel zu nahe, und hintere Stoßstangen ragen ins absolute Halteverbot. Garagenplätze stehen hoch im Kurs, und jede Einfahrt strotzt vor Schildern, die die Wildparker abschrecken sollen.
Als ich endlich einen Parkplatz hatte, war es fast ein Uhr morgens. Ich stellte mein gemietetes Vehikel um die Ecke in der Baker Street ab, indem ich in eine Lücke schoß, als gerade ein anderes Auto herausfuhr. Ich fummelte in den Tiefen meiner Handtasche herum, bis ich meine kleine Taschenlampe fand. Dann verschloß ich den Wagen und ging einen halben Block den Hügel hinauf bis zur Haight Street. Die Gebäude standen dicht an dicht, waren pastellfarben gestrichen und vier bis fünf Stockwerke hoch. Gelegentlich steuerte ein zerbrechliches Bäumchen eine zarte Grünnote bei. Viele der übergroßen Fenster waren noch erleuchtet. Von der Straße aus konnte ich Kaminsimse, kühne, abstrakte Gemälde, weiße Wände, Bücherregale, Hängepflanzen und Stuckornamente sehen.
Die gesuchte Adresse entpuppte sich als ein »modernes« Haus mit vier Wohnungen, das mit schäbigen, braunen Schindeln verkleidet war und sich zwischen zwei viktorianische Fachwerkhäuser quetschte. Die Straßenlaterne davor brannte nicht, und so blieb es mir überlassen, zu vermuten, daß das eine mattrot und das andere indigoblau mit (vielleicht) weißen Zierkanten gestrichen war. In der Dunkelheit nahmen sich beide schmutziggrau aus.
Turpin bewohnte offensichtlich eine Wohnung im ersten Stock, und ich war froh, als ich sah, daß die von Hand beschriftete Karte neben der Klingel tatsächlich ausgeschrieben den Namen »Russell« trug, zusammen mit dem einer Wohnungsgenossin namens Cherie Stanislaus. Ich spähte durch die Glastür in einen geschmackvoll tapezierten Hausflur, in dem sich auf jeder Seite eine Wohnungstür befand. Weiter hinten ging nach links eine Treppe hoch, die aus meinem Blickfeld verschwand und vermutlich mittels einer Kehrtwendung auf einen identischen Flur im oberen Stockwerk führte. Die vorderen Räume auf beiden Seiten des Gebäudes waren erleuchtet, was darauf hinwies, daß ihre Bewohner noch wach waren.
Als ich die Stufen zum Eingang hochstieg, hörte ich, wie sich hinter mir klappernde Pfennigabsätze näherten. Ich blieb stehen und sah mich um. Die Blondine, die die Treppen heraufkam, war so bleich geschminkt, daß es gespenstisch wirkte. Um die Augen trug sie dichte, falsche Wimpern, Lidschatten in zwei verschiedenen Farbtönen und sowohl auf dem Ober- als auch auf dem Unterlid schwarzen Lidstrich. Sie hatte eine hohe Stirn, und ihr Haar war am Wirbel hochtoupiert und wurde von einer auffälligen, straßbesetzten Spange zusammengehalten. Der Rest ihres Haares war lang und glatt und teilte sich auf Schulterhöhe, so daß ihr eine Hälfte davon über den Rücken fiel. Strähnen langer Locken wallten ihr über die Brüste. Ihre langen, baumelnden Ohrringe besaßen die Form langgezogener Fragezeichen. Bekleidet war sie mit einem dunklen Trikot und einem hautengen, schwarzen Rock, der auf einer Seite geschlitzt war. Sie hatte schmale Hüften und einen flachen Bauch. Sie zog einen Schlüsselbund hervor und sah mich lange und kühl an, während sie die Haustür aufsperrte. »Suchen Sie jemanden?«
»Russell Turpin.«
»Tja, da sind Sie hier richtig.« Ihr Lächeln war zurückhaltend, nicht unfreundlich, aber auch nicht herzlich, fand ich. »Er ist nicht zu Hause, aber Sie können mit hinaufkommen und auf ihn warten, wenn Sie wollen. Ich wohne mit ihm zusammen.«
»Danke. Sie sind Cherie?«
»Genau. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
»Kinsey Millhone«, sagte ich. »Ich habe eine Nachricht auf Band hinterlassen...«
»Das weiß ich noch. Sie sind die Freundin von Lorna«, sagte sie. Sie stieß die Tür auf, und ich ging nach ihr ins Haus. Sie blieb kurz stehen, um sich zu vergewissern, daß die Tür ins Schloß gefallen war, bevor sie die Treppen hinaufstieg. Ich folgte ihr. Nachdem ich am Telefon gelogen hatte, mußte ich mir nun überlegen, ob ich mit offenen Karten spielen wollte.
»Offen gestanden bin ich Lorna nie begegnet«, sagte ich. »Ich bin Privatdetektivin und untersuche ihren Tod. Wußten Sie, daß sie ermordet worden ist?«
»Ja, natürlich wußten wir das. Ich bin froh, daß Sie es erwähnen. Russell hat sich nicht gerade darauf gefreut, die schlechte Nachricht von Lornas Tod zu überbringen.« Sie trug schwarze Netzstrümpfe, und die Acht-Zentimeter-Absätze drückten ihre Waden heraus. Am Treppenabsatz im ersten Stock angekommen, schloß sie die Tür zu Apartment C auf. Mit einer kleinen Grimasse der Erleichterung stieg sie aus ihren Schuhen und tappte anschließend auf Strümpfen durchs Wohnzimmer. Ich dachte, sie würde vielleicht eine Tischlampe einschalten, doch offenbar zog sie die Finsternis vor. »Machen Sie sich’s gemütlich«, sagte sie.
»Haben Sie eine Ahnung, wann er nach Hause kommt?«
»Jeden Moment, schätze ich. Er geht nicht gern lange aus.« Sie schaltete in der Küche Licht an, was man durch eine zweiteilige Klappe über der Arbeitsfläche sehen konnte. Sie stieß die Läden auf. Durch die Öffnung konnte ich ihr dabei Zusehen, wie sie zwei Schalen mit Eiswürfeln aus dem Kühlschrank nahm und sie in einen Eiskübel aus Acryl leerte. »Ich mache mir einen Drink. Wenn Sie auch einen möchten, müssen Sie es sagen. Ich hasse es, die Gastgeberin zu spielen, aber eine Runde gebe ich aus. Ich habe noch eine offene Flasche Chardonnay, falls Sie daran interessiert sind. Sie sehen aus wie eine Weißweinliebhaberin.«
»Ein Glas Weißwein wäre wunderbar. Brauchen Sie Hilfe?«
»Brauchen wir die nicht alle?« bemerkte sie. »Haben Sie ein Büro in der Stadt?«
»Ich komme aus Santa Teresa.«
Sie legte den Kopf schief und sah mich durch die Durchreiche an. »Warum sind Sie den ganzen Weg hierher gefahren? Um Russell zu sprechen? Er wird doch hoffentlich nicht verdächtigt, oder?«
»Sind Sie seine Freundin?« Ich hielt es für höchste Zeit, daß ich die Fragen stellte und nicht sie.
»Das würde ich nicht sagen. Wir mögen uns, aber wir sind nicht direkt ein >Pärchen<. Er sieht sich gern als völlig ungebunden. Einer von diesen Typen.«
Sie ließ mehrere Eiswürfel in ein hohes Glas fallen und füllte es zur Hälfte mit Scotch. Dann spritzte sie Sodawasser darüber, und zwar mit einem dieser Dinger, die ich in alten Filmen aus den dreißiger Jahren gesehen hatte. Sie nahm einen Schluck, schüttelte sich leicht und stellte das Glas beiseite, während sie ein Weinglas aus dem Geschirrschrank holte. Sie hielt es gegen das Licht und entschied, daß es nicht sauber genug war. Dann spülte sie es aus und trocknete es ab. Sie holte den Chardonnay aus dem Kühlschrank und füllte mein Glas, stellte die Flasche in einen Weinkühler und ließ sie auf der Arbeitsfläche stehen. Ich ging zur Durchreiche hinüber und nahm das Weinglas, das sie mir entgegenhielt.
»Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber im klaren sind, aber Russell ist ganz schön fertig«, sagte sie.
»Tatsächlich. Ich bin ihm nie begegnet.«
»Sie können es mir glauben. Wollen Sie wissen, warum? Weil er einen Apparat hat wie ein Maulesel.«
Ich sagte: »Ah.« Nachdem ich ihn in Aktion gesehen hatte, konnte ich das bestätigen.
Cherie lächelte. »Das >ah< gefällt mir. Es ist diplomatisch. Kommen Sie doch mit in mein Zimmer, da können wir uns unterhalten, während ich mich umziehe. Wenn ich nicht bald aus diesem Hüfthalter herauskomme, bringe ich mich noch um.«