18

Ich fuhr zum St. Terry’s hinüber und tankte unterwegs. Ich wußte, ich würde erst nach Ende der Besuchszeit im Krankenhaus ankommen, doch die Intensivstation besaß ihre eigenen Regeln und Vorschriften. Angehörige durften jede Stunde fünf Minuten lang hinein. Das Krankenhaus war so hell erleuchtet wie ein Urlaubshotel, und ich mußte auf der Suche nach einem Parkplatz eine Runde um den Block drehen. Ich ging durch die Halle und rechts um die Ecke auf die Aufzüge zu, die zur Intensivstation hinauffuhren. Oben angekommen, rief ich vom Wandtelefon aus drinnen an. Die Nachtschwester, die sich meldete, war höflich, aber mein Name sagte ihr nichts. Sie ließ mich warten, ohne Danielles Anwesenheit auf der Intensivstation ausdrücklich zu bestätigen. Ich studierte die pastellfarbene Seelandschaft an der Wand. Schon bald meldete sie sich zurück, diesmal in freundlicherem Tonfall. Cheney hatte offenbar veranlaßt, daß ich hineindurfte. Wahrscheinlich hielt sie mich für eine Polizistin.

Ich stand im Flur und betrachtete Danielle durch das Fenster zu ihrem Zimmer. Ihr Krankenbett war am Kopfteil in leicht angehobene Stellung gebracht worden. Sie schien zu schlafen. Ihr langes, dunkles Haar lag wie ein Fächer auf dem Kissen und fiel seitlich über die Bettkante. Die Prellung im Gesicht kam mir heute abend ausgeprägter vor, und das weiße Pflaster auf ihrer Nase stand in starkem Kontrast zu den geschwollenen, rußig aussehenden, blauschwarzen Augenhöhlen. Ihr Mund war dunkel und aufgedunsen. Vermutlich hatte man ihr den Kiefer mit Draht fixiert, da er nicht so schlaff herunterhing, wie es bei Schlafenden normalerweise der Fall war. Infusion und Katheter waren noch an ihrem Platz.

»Müssen Sie mit ihr sprechen?«

Ich drehte mich um und stand der Schwester vom Abend zuvor gegenüber. »Ich möchte sie nicht stören«, sagte ich.

»Ich muß sie sowieso aufwecken, um ihre Lebensfunktionen zu kontrollieren. Sie können gerne mitkommen. Aber regen Sie sie nicht auf.«

»Tu’ ich nicht. Wie geht’s ihr denn?«

»Recht gut. Sie bekommt starke Schmerzmittel, aber sie ist zwischendurch immer wieder aufgewacht. In ein oder zwei Tagen könnten wir sie wahrscheinlich nach unten auf Station verlegen, aber wir glauben, daß sie hier sicherer ist.«

Ich stand schweigend neben dem Bett, während die Schwester Danielles Blutdruck und Puls maß und den Tropf einstellte. Danielle öffnete die Augen mit dem erschöpften, verwirrten Blick von jemandem, der sich nicht genau daran erinnern kann, wo er ist oder warum. Die Schwester machte eine Eintragung auf einer Tabelle und ging hinaus. Danielles grüne Augen leuchteten hell aus der wolkigen Masse von Prellungen, die ihre Lider umgab.

Ich sagte: »Hallo. Wie geht’s Ihnen?«

»Ging mir schon besser«, preßte sie durch die Zähne. »Sie haben mir den Kiefer fixiert. Deshalb spreche ich so.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Haben Sie Schmerzen?«

»Nee, ich bin high.« Sie lächelte kurz, ohne den Kopf zu bewegen. »Ich habe den Kerl nicht gesehen, falls Sie das wissen wollen. Ich weiß nur noch, daß ich die Tür aufgemacht habe.«

»Kein Wunder«, sagte ich. »Vielleicht kommt die Erinnerung mit der Zeit wieder.«

»Hoffentlich nicht.«

»Ja. Sagen Sie es mir, wenn Sie müde werden. Ich möchte Sie nicht überanstrengen.«

»Kein Problem. Ich habe gern Gesellschaft. Was haben Sie so getrieben?«

»Nicht viel. Ich komme gerade von einer Versammlung der Wasserbehörde. So ein Affentheater. Der alte Mann, den Lorna ab und zu betreut hat, hat ein Riesengebrüll mit einem Bauträger namens Stubby Stockton angezettelt. Der Rest der Versammlung war so sterbenslangweilig, daß ich fast eingeschlafen wäre.«

Danielle gab ein murmelndes Geräusch von sich, um anzuzeigen, daß sie zuhörte. Ihre Lider schienen schwer, und ich dachte, daß sie selbst kurz vorm Einschlafen war. Ich hoffte, daß Stubbys Name in ihr einen Funken der Erinnerung auslösen würde, aber vielleicht hatte Danielle nicht mehr viele Funken übrig. »Hat Lorna Ihnen gegenüber jemals Stubby Stockton erwähnt?« Ich war mir nicht einmal sicher, daß sie mich hörte. Im Raum herrschte Stille. Dann schien sie sich zu sammeln.

»Kunde«, sagte sie.

»Er war ein Kunde?« sagte ich verblüfft. Dann dachte ich einen Moment darüber nach und versuchte, die Information zu verarbeiten. »Das erstaunt mich irgendwie. Er schien mir nicht ihr Typ zu sein. Wann war das?«

»Lange her. Ich glaube, sie hat ihn nur einmal getroffen. Der andere Typ ist derjenige.«

»Welcher andere?«

»Der Alte.«

»Derjenige, der was?«

»Derjenige, den Lorna gebumst hat.«

»Oh, das glaube ich nicht. Sie müssen ihn mit jemandem verwechseln. Clark Esselmann ist Serena Bonneys Vater. Er ist der alte Herr, den sie betreut...«

Sie bewegte ihre unversehrte Hand und zog an der Bettdecke.

»Brauchen Sie etwas?«

»Wasser.«

Ich sah hinüber zu dem fahrbaren Nachttisch. Darauf stand ein Styroporkrug mit Wasser, ein Plastikbecher und ein Plastikstrohhalm mit einem Ziehharmonikateil, das in der Mitte ein Gelenk bildete. »Dürfen Sie das trinken? Ich möchte nicht, daß Sie schummeln, bloß weil ich es nicht besser weiß.«

Sie lächelte. »Würde hier nicht... schummeln.«

Ich füllte den Plastikbecher und bog den Strohhalm um. Dann hielt ich den Becher neben ihren Kopf und drehte den Halm so, daß er ihre Lippen berührte. Sie nahm drei kleine Schlucke und schmatzte ganz leicht. »Danke.«

»Sie haben jemanden erwähnt, mit dem Lorna zu tun hatte.«

»Esselmann.«

»Sind Sie sicher, daß wir vom selben Mann reden?«

»Der Schwiegervater von ihrem Chef, oder?«

»Hm, ja, aber warum haben Sie mir das nicht schon vorher gesagt? Es könnte wichtig sein.«

»Ich dachte, ich hätte. Was macht das schon für einen Unterschied?«

»Klären Sie mich auf, und wir werden sehen, was es für einen Unterschied macht.«

»Er war pervers.« Sie krümmte sich und versuchte, sich etwas anders hinzulegen. Krampfartige Schmerzen zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab.

»Alles in Ordnung? Sie müssen jetzt nicht darüber sprechen.«

»Alles okay. Die Rippen sind im Eimer, das ist alles. Moment noch.«

Ich wartete und dachte über »pervers« nach. Ich stellte mir Esselmann vor, wie er sich den Hintern auspeitschen ließ und dabei in Strapsen herumhüpfte.

Ich konnte sehen, daß Danielle sich alle Mühe gab, sich zusammenzureißen. »Sie ist nach seinem Herzinfarkt hingegangen, aber er hat sie angemacht. Sie hat gesagt, sie war völlig perplex. Nicht daß er sie irgendwie gekümmert hätte. Kohle ist Kohle, und er hat ihr ein Vermögen bezahlt, aber sie hatte nicht damit gerechnet, nachdem er so... korrekt wirkte.«

»Das kann ich mir denken. Und seine Tochter hat nie davon erfahren?«

»Niemand wußte es. Später dann hat sich Lorna verplappert. Sie sagte, es hätte sich herumgesprochen, und damit hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen. Ihr war ganz unwohl dabei. Die Tochter wollte sie wieder anstellen, aber der Alte ließ es nicht zu.«

»Was meinen Sie damit, es hat sich herumgesprochen? Wem hat sie denn davon erzählt?«

»Weiß nicht. Danach hielt sie dicht. Hat gesagt, diese Lektion braucht man nur einmal zu lernen.«

Hinter mir sagte jemand: »Verzeihung.«

Danielles Pflegeschwester war zurückgekommen. »Ich möchte nicht unhöflich sein, aber könnten Sie dann zum Schluß kommen? j Die Ärzte wollen nicht, daß sie länger als fünf Minuten Besuch hat.«

»Ja, sicher. Schon in Ordnung.« Ich sah wieder zu Danielle. »Wir können ein andermal darüber sprechen. Ruhen Sie sich jetzt aus.«

»Ja.« Danielles Augen schlossen sich wieder. Ich blieb noch eine Minute bei ihr, mehr meinet- als ihretwegen, und schlich mich dann leise aus dem Zimmer. Die Hilfskraft in der Zentrale sah mir beim Hinausgehen nach.

Mit Unbehagen ertappte ich mich dabei, wie ich mir ein Bild von Lorna Kepler mit Clark Esselmann ausmalte. Noch dazu pervers. Was für eine Vorstellung. Es war weniger sein Alter als vielmehr seine förmliche Ausstrahlung. Mir war es unmöglich, seine Respek-tabilität mit seiner (angeblichen) sexuellen Neigung zu vereinbaren. Er war vermutlich mehr als fünfzig Jahre mit Serenas Mutter verheiratet gewesen. Und all das mußte sich noch zu Mrs. Esselmanns Lebzeiten abgespielt haben.

Ich machte einen Umweg von sechs Häuserblocks zu Short’s Drugs, wo ich vier Bilderrahmen im Format 18x27 kaufte, um die zerbrochenen Rahmen zu ersetzen, die ich bei Danielle mitgenommen hatte, Lorna und Clark Esselmann — was für eine ausgefallene Kombination. Der Drugstore schien mit den gleichen widersprüchlichen Bildern angefüllt zu sein: Arthritismittel und Kondome, Bettflaschen und Verhütungsmittel. Da ich schon dabei war, kaufte ich noch zwei Päckchen Karteikarten. Dann fuhr ich nach Hause und versuchte, über etwas anderes nachzudenken.

Ich parkte, klappte den Fahrersitz vor und zerrte die Schachtel mit Lornas Papieren unter Danielles blutbespritzter Bettwäsche heraus. Für jemanden, der so um Ordnung in der Wohnung bemüht ist wie ich, scheine ich für den Zustand meines Autos rein überhaupt kein Interesse aufzubringen. Ich stapelte meine Einkäufe auf der Schachtel und hielt alles mit dem Kinn fest, während ich die Wohnungstür aufsperrte.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch. Seit dem zweiten Tag, den ich an diesem Auftrag arbeitete, hatte ich meine Notizen weder übertragen noch vervollständigt, und die Karteikarten, die ich ausgefüllt hatte, kamen mir unzureichend und stümperhaft vor. Daten sammeln und vermischen sich, Schicht um Schicht, und jede beeinflußt die Wahrnehmung. Mit Hilfe meines Notizbuchs, meines Kalenders, mehrerer Tankquittungen, Rechnungen und des Flugtickets begann ich, die Ereignisse zwischen Dienstag und heute zu rekonstruieren und meine Gespräche mit Lornas Chef Roger Bonney, Joseph Ayers und Russell Turpin in San Francisco, Trinny, Serena, Clark Esselmann und dem (angeblichen) Anwalt in der Limousine zu dokumentieren. Nun mußte ich noch Danielles Behauptung über Lornas Verbindung zu Clark Esselmann hinzufügen. Das mußte ich überprüfen, wußte aber nicht wie. Serena konnte ich kaum fragen.

Offen gestanden heiterte es mich auf zu sehen, wieviel ich bereits herausgefunden hatte. Innerhalb von fünf Tagen hatte ich ein ziemlich umfassendes Bild von Lornas Lebensweise zusammengetragen. Ich merkte, wie ich meinen Erinnerungen nachhing. Sowie ich die Karteikarten vollgeschrieben hatte, würde ich sie an die Pinnwand heften, ein Mischmasch aus den unterschiedlichsten Tatsachen und Eindrücken. Als ich Lornas Finanzen noch einmal durchging und Daten von der Tabelle der Vermögenswerte übertrug, fiel mir etwas auf, das mir bisher entgangen war. In dem Ordner mit ihren Aktienzertifikaten steckte eine Auflistung der Schmuckstücke, die sie versichert hatte. Vier Stücke wurden genannt: eine Granathalskette, ein dazu passendes Granatarmband, ein Paar Ohrringe und eine diamantenbesetzte Uhr. Der Schätzwert sämtlicher Stücke belief sich insgesamt auf achtundzwanzigtausend Dollar. Die Ohrringe wurden als abgestufte Steine beschrieben, Diamanten von einem halben bis zu einem ganzen Karat, gefaßt in doppelten Ringen. Ich hatte sie bereits gesehen, nur daß Berlyn sie getragen und ich sie für unecht gehalten hatte. Ich sah auf die Uhr. Es war fast elf Uhr abends, und ich stellte mit Verblüffung fest, daß ich fast zwei Stunden lang gearbeitet hatte. Ich nahm den Telefonhörer ab und rief in der Hoffnung, daß es noch nicht zu spät war, bei den Keplers an. Mace meldete sich. So ein Mist. Es war mir zuwider, mit ihm zu sprechen. Ich konnte hören, wie im Hintergrund irgendein Sportereignis aus dem Fernseher dröhnte. Nach dem Toben der Masse zu urteilen vermutlich ein Boxkampf. Ich steckte mir einen Finger in die Nase, um meine Stimme zu verstellen. »Hallo, Mr. Kepler, ist Berlyn da, bitte?«

»Wer ist da?«

»Marcy. Ich bin eine Freundin von ihr. Ich war letzte Woche da.«

»Tja, sie ist jedenfalls nicht da. Weder sie noch Trinny.«

»Wissen Sie, wo sie ist? Wir wollten uns eigentlich treffen, aber ich weiß nicht mehr, was wir ausgemacht haben.«

»Wie war noch mal Ihr Name?«

»Marcy. Ist sie drüben im Palace?«

Von ihm kam nur unheilschwangeres Schweigen, während im Hintergrund jemand heftig vermöbelt wurde. »Ich sage Ihnen das eine, Marcy, dort sollte sie sich lieber nicht herumtreiben. Wenn sie im Palace ist, kriegt sie massiven Ärger mit ihrem Dad. Haben Sie das als Treffpunkt ausgemacht?«

»Äh — nein.« Aber ich hätte eine Menge Geld darauf gewettet, daß sie genau dort war. Ich legte auf. Dann schob ich die Papiere beiseite, schwang mich in meine Jacke und packte meine Tasche. Zwischendurch fuhr ich mir noch hastig mit dem Kamm durch die Haare.

Als ich meine Haustür öffnete, stand ein Mann direkt davor.

Ich sprang zurück und stieß einen Schrei aus, bevor ich erkannte, wer es war. »Herrgott, J. D.! Was machen Sie denn hier? Sie haben mich zu Tode erschreckt.«

Auch er war wie ich zusammengezuckt und ließ sich gegen den Türrahmen sinken. »Verflucht noch mal. Sie haben mich erschreckt. Ich wollte gerade klopfen, als Sie herausgestürmt kamen.« Er hielt sich eine Hand auf die Brust. »Einen Moment bitte. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich weiß, ich hätte anrufen sollen. Ich habe einfach darauf gehofft, daß Sie da wären.«

»Woher wissen Sie, wo ich wohne?«

»Sie haben Leda diese Karte gegeben und es hier auf die Rückseite geschrieben. Darf ich hereinkommen?«

»In Ordnung, wenn Sie’s kurz machen«, sagte ich. »Ich wollte gerade weggehen. Ich habe etwas zu erledigen.« Ich trat von der Tür zurück und sah ihm dabei zu, wie er sich hereinschob. Eigentlich mag ich es nicht, wenn Hinz und Kunz durch meine Wohnung spazieren. Wenn ich ihm nicht einige Fragen hätte stellen wollen, hätte ich ihn womöglich vor der Tür stehen lassen. Seine Kleidung sah genauso aus wie die, in der ich ihn schon einmal gesehen hatte, aber das traf ja auf meine ebenfalls zu. Wir trugen beide ausgebleichte Jeans und blaue Jeansjacken. Allerdings steckten seine Füße in Cowboystiefeln, während ich Joggingschuhe anhatte. Ich schloß die Tür hinter ihm und ging in der Hoffnung, ihn so von meinem Schreibtisch abzulenken, zur Küchentheke.

Wie die meisten Leute, die meine Wohnung zum ersten Mal sehen, sah er sich interessiert um. »Ganz schön flott«, fand er.

Ich wies auf einen Hocker und warf verstohlen einen Blick auf die Uhr. »Setzen Sie sich.«

»Nicht nötig. Ich kann ohnehin nicht lange bleiben.«

»Ich würde Ihnen ja etwas anbieten, aber das einzige, was ich im Haus habe, ist rohe Pasta. Mögen Sie zufällig Rotelli?«

»Nur keine Umstände. Ich brauche nichts«, sagte er.

Ich setzte mich auf den einen Hocker und überließ ihm den anderen, für den Fall, daß er es sich doch noch anders überlegte. Er schien sich unbehaglich zu fühlen und stand mit den Händen in den Hintertaschen seiner Jeans da. Sein Blick begegnete meinem und wich dann aus. Das Licht in meinem Wohnzimmer ging nicht so gnädig mit seinem Gesicht um wie das in seiner Küche. Womöglich hatte aber auch die ungewohnte Umgebung neue Falten der Anspannung hervorgerufen.

Langsam wurde ich es leid, darauf zu warten, was er zu sagen hatte. »Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?«

»Ja, also, Leda hat erzählt, daß Sie vorbeigekommen sind. Ich bin gegen sieben Uhr nach Hause gekommen, und sie war ziemlich außer sich.«

»Tatsächlich«, sagte ich tonlos. »Warum denn?«

»Es ist wegen dieser Geschichte mit dem Band. Sie hätte es gern zurück, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Überhaupt nichts.« Ich ging zum Schreibtisch hinüber und nahm es aus dem dicken, gelben Umschlag, in den Hector es gesteckt hatte. Dann gab ich es J. D., und er schob es in seine Jackentasche, ohne es richtig anzusehen.

»Haben Sie es sich angehört?« fragte er. Er gab sich viel zu gelassen.

»Kurz. Und Sie?«

»Tja, ich weiß mehr oder weniger, was darauf ist. Ich meine, ich wußte, was sie gemacht hat.«

Ich sagte »Ah« und nickte unbeteiligt. In mir meldete sich ein zartes Stimmchen: Oha, worum geht es nun eigentlich? Das ist ja interessant. »Warum war sie denn so außer sich?«

»Ich glaube, weil sie nicht möchte, daß die Polizei davon erfährt.«

»Ich habe ihr doch gesagt, daß ich es nicht zur Polizei bringen würde.«

»Sie hat nicht viel Vertrauen. Wissen Sie, sie ist irgendwie unsicher.«

»Das ist mir schon klar, J. D.«, sagte ich. »Ich frage mich nur, was sie so nervös gemacht hat, daß sie Sie den ganzen Weg hier herüber geschickt hat.«

»Sie ist nicht nervös. Sie will nur nicht, daß Sie denken, ich sei es gewesen.« Er trat von einem Fuß auf den anderen, lächelte verlegen und brachte seine gelungenste Ist-mir-doch-schnuppe-Mimik zum Einsatz. »Wollte nicht, daß Sie mich mit Argusaugen verfolgen. Mich überprüfen.« Wenn ein Häufchen Erde auf dem Fußboden gelegen wäre, hätte er mit seiner Stiefelspitze darin herumgebohrt.

»Ich überprüfe jeden. Das ist nicht persönlich gemeint«, sagte ich. »Und wo Sie schon einmal da sind, möchte ich Sie auch gleich etwas fragen.«

»He, nur immer los. Ich hab’ nichts zu verbergen.«

»Jemand hat behauptet, Sie seien in die Hütte gegangen, bevor die Polizei gekommen ist.«

Er runzelte die Stirn. »Das hat jemand behauptet? Wer denn?«

»Das ist wohl kein Geheimnis. Serena Bonney«, sagte ich.

Er nickte. »Tja. Das stimmt. Verstehen Sie, ich habe gewußt, daß Leda das Mikro dort installiert hat. Ich wußte von dem Band und wollte nicht, daß die Bullen es finden. Also habe ich die Tür aufgemacht, mich nach unten gebeugt und das Mikro vom Kabel geschnitten. Ich war nicht einmal eine Minute drinnen, deshalb bin ich auch nie auf die Idee gekommen, es zu erwähnen.«

»Hat Lorna gewußt, daß sie abgehört wurde?«

»Ich habe ihr nichts gesagt. Offen gestanden war mir Ledas Verhalten peinlich. Wissen Sie, ihre Einstellung. Sie war Lorna gegenüber ziemlich schroff. Sie ist jung und unreif, und Lorna hat mich sowieso schon ihretwegen angegriffen. Wenn ich ihr erzählt hätte, daß Leda uns nachspionierte, hätte sie sich entweder einen Ast gelacht oder wäre sauer geworden, und ich nahm nicht an, daß das ihr Verhältnis zueinander verbessern würde.«

»Hatten sie ein schlechtes Verhältnis?«

»Hm, nein. Nicht direkt schlecht, aber auch nicht gerade gut.«

»Leda war eifersüchtig«, vermutete ich.

»Ja, sie könnte ein bißchen eifersüchtig gewesen sein.«

»Also, was wollten Sie mir nun mitteilen? Daß zwischen Leda und Ihnen eigentlich alles in Ordnung ist, und keiner von Ihnen einen Grund hatte, Lorna aus dem Weg zu räumen, stimmt’s?«

»Das stimmt auch. Ich weiß, Sie glauben, daß ich irgend etwas mit Lornas Tod zu tun hatte...«

»Wie sollte ich denn darauf kommen? Sie haben doch gesagt, Sie waren gar nicht in der Stadt.«

»Das stimmt. Und sie war auch nicht da. Ich war mit meinem Schwager zum Fischen verabredet, und in letzter Minute hat sie beschlossen, mit nach Santa Maria zu fahren, als ich ihn abgeholt habe. Meinte, sie hielte sich lieber bei ihrer Schwester auf, als allein hierzubleiben.«

»Warum wiederholen Sie diese ganzen Geschichten? Das begreife ich nicht.«

»Weil man Ihnen anmerkt, daß Sie uns nicht glauben.«

»Mein Gott, J. D., warum sollte ich Ihnen nicht glauben, wenn Sie einander schon so hübsche Alibis liefern?«

»Das ist kein Alibi. Also, verdammt noch mal. Wie kann es ein Alibi sein, wenn ich nichts anderes tue, als Ihnen zu erzählen, wo wir waren?«

»In wessen Fahrzeug sind Sie zum Lake Nacimiento gefahren?«

Er zögerte. »Mein Schwager hat einen Geländewagen. Den haben wir genommen.«

»Santa Maria liegt eine Stunde entfernt. Woher wollen Sie wissen, daß Leda nicht in Ihrem Auto zurückgefahren ist?«

»Das weiß ich nicht sicher, aber Sie können ja ihre Schwester fragen. Die kann es Ihnen sagen.«

»Bestimmt.«

»Nein, ehrlich.«

»Ach, kommen Sie schon. Wenn Sie schon für Leda lügen würden, warum sollte dann ihre Schwester nicht genauso lügen?«

»Es muß sie auch noch jemand anders an diesem Samstag gesehen haben. Ich glaube, sie hat erzählt, daß sie an diesem Morgen eine Make-up-Party veranstaltet haben. Sie wissen schon, wo irgendeine Kosmetikvertreterin vorbeikommt und allen Gesichtsbehandlungen verabreicht, damit sie die Produkte von Mary Jane oder wie das heißt kaufen. Sie brauchen nicht wütend zu werden.«

»Mary Kay. Aber Sie haben recht. Ich sollte nicht wütend werden. Ich habe Leda gesagt, daß ich das alles nachprüfen würde. Bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, also ist es meine Schuld und nicht Ihre.«

»Sehen Sie? Ich begreife nicht, wie Sie das anstellen. Sogar wenn Sie sich entschuldigen, klingt es, als würden Sie es gar nicht so meinen. Warum sind Sie denn so unwirsch zu mir?«

»J. D., ich bin unwirsch, weil ich in Eile bin und nicht verstehe, was Sie im Schilde führen.«

»Überhaupt nichts. Ich bin nur vorbeigekommen, um das Band zu holen. Ich dachte, wo ich schon da bin, könnte ich... Sie wissen schon, mit Ihnen darüber reden. Schließlich haben Sie mich ja danach gefragt. Ich bin nicht von selbst darauf zu sprechen gekommen. Jetzt sieht es so aus, als hätte ich alles noch schlimmer gemacht.«

»Okay. Das akzeptiere ich. Belassen wir es dabei. Sonst stehen wir noch die ganze Nacht herum und erklären uns einander.«

»Okay. Hauptsache, Sie sind nicht wütend.«

»Nicht im geringsten.«

»Und Sie glauben mir.«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, ich akzeptiere es.«

»Oh. Na ja, dann ist es ja okay. Ich schätze, es ist okay.«

Ich merkte, wie ich zu schielen begann.

Es war zwanzig nach elf, als ich mir den Weg durch die Menge im Neptune’s Palace bahnte. An diesem Abend war die Illusion der Meerestiefen bestechend. Wäßrige blaue Lichter gingen in Schwarz über. Ein Lichtmuster fluoreszierte auf der Tanzfläche wie das Schimmern am Grund eines Swimmingpools. Ich hob den Blick an die Decke, wo ein Sturm auf hoher See projiziert wurde. Blitze flackerten über einen falschen Himmel, und ein unsichtbarer Wind toste über den Meeresspiegel. Ich hörte das Knacken der Schiffsplanken, als der Regen durch die Masten peitschte, und die Schreie ertrinkender Seeleute vor einem Hintergrund aus Rock ‘n’ Roll. Tanzende wogten vor und zurück, während ihre Arme in der rauchgeschwängerten Luft ruderten. Die Musik war so laut, daß sie schon fast geräuschlos war, wie Stille, genauso wie Schwarz jede Farbe ist, gesteigert ins Nichts.

Ich erklomm einen freien Barhocker und bestellte mir ein Bier, während ich die Menge musterte. Die Jungen trugen Wimperntusche und schwarzen Lippenstift, die Mädchen dagegen Punkfrisuren und komplizierte Tätowierungen. Ich ließ mir nicht anmerken, daß ich sie beobachtete. Schlagartig verstummte die Musik, und die Tanzfläche begann sich zu leeren. Ganz kurz tauchte ein vertrauter blonder Schopf in meinem Blickfeld auf, von dem ich geschworen hätte, daß er Berlyn gehörte. Dann verschwand sie wieder. Ich ließ mich vom Barhocker gleiten und bewegte mich in einem Bogen nach rechts, wobei ich immer wieder über die tobende Menge hinweg an den Punkt spähte, wo ich sie gesehen zu haben glaubte. Sie war nirgends in Sicht, aber ich war mir fast sicher, daß ich mich nicht geirrt hatte.

Ich blieb neben einem mächtigen Salzwasserbassin stehen, in dem ein flacher Aal mit tückischen Zähnen einen glücklosen Fisch verschlang. Plötzlich sah ich sie, wie sie mit einem bulligen Kerl in Muskelshirt, Armeehosen und schweren Springerstiefeln an einem Tisch saß. Den Kopf hatte er sich kahlgeschoren, aber seine Schultern und Oberarme waren noch mit dichter Wolle bewachsen. Sämtliche nicht von Haaren bedeckten Körperteile schienen mit Tätowierungen von Drachen und Schlangen bedeckt zu sein. Ich konnte die Ausbuchtungen seines Schädels und die Fleischwülste seines Nackens sehen. Oft schon habe ich mir vorgestellt, daß fette Nacken der Teil des menschlichen Körpers sind, den Außerirdische am liebsten verspeisen würden.

Berlyn saß im Profil zu mir. Sie hatte ihre Lederjacke abgestreift, die nun über der Stuhllehne hing und von ihrer Umhängetasche gehalten wurde. Sie trug die Ohrringe, zwei diamantenübersäte Reifen, die ihr rechts und links von den Ohren baumelten. Ihr Rock war aus grünem Satin und — genau wie ihr schwarzer — kurz und eng. Während sie sprach, berührte sie immer wieder die Ohrringe, erst den einen und dann den anderen, und vergewisserte sich so, daß sie noch an Ort und Stelle waren. Sie schien unsicher; vielleicht war sie es nicht gewohnt, so üppigen Schmuck zu tragen. Das Licht der Kerze, die mitten auf ihrem Tisch stand, fing sich in den zahllosen Facetten der Steine.

Donnernde Musik dröhnte durch den Raum, und die beiden standen auf, um wieder zu tanzen. Berlyn trug wieder dieselben spitzen Absätze, vielleicht in der Hoffnung, Knöcheln, die sonst so unförmig wie Verandapfosten waren, Anmut zu verleihen. Ihr Hintern sah aus, als hätte sie sich einen vollgepackten Rucksack um die Taille geschnallt. Die Leute am Tisch nebenan waren gegangen, und ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem.

Auf einmal stand Trinny rechts von mir. Ich hätte diese Begegnung gerne vermieden, aber ich wußte, daß sie mich bereits gesehen hatte.

»Hallo, Trinny. Wie geht’s? Ich wußte gar nicht, daß Sie hierher kommen.«

»Jeder kommt hierher. Es ist geil.« Beim Sprechen sah sie sich um und schnippte mit den Fingern, während sie im Takt der Musik ruckartig mit dem Kinn wippte. Ich überlegte, ob das wohl Paarungsverhalten war.

»Sind Sie allein hier?«

»Ä-äh, ich bin mit Berl da. Sie hat einen Freund, mit dem sie sich hier trifft, weil Daddy ihn nicht leiden kann.«

»Ehrlich, Berlyn ist auch hier? Wo ist sie denn?«

»Gleich hier, auf der Tanzfläche. Sie hat gerade noch hier gesessen.«

Sie zeigte in Richtung der Tanzfläche, und ich sah pflichtschuldigst hin. Berlyn zog mit ihrem bulligen Freund eine Hüftwackel-nummer ab. Ich konnte seinen rasierten Schädel über die anderen Köpfe ragen sehen, die auf der Tanzfläche auf und ab hüpften.

»Das ist der Typ, den Ihr Vater nicht leiden kann? Nicht zu fassen.«

Trinny zuckte mit den Achseln. »Es ist wegen seiner Haare, glaube ich. Daddy ist irgendwie konservativ. Er findet, Männer sollten sich nicht den Kopf rasieren.«

»Ja, aber was macht das schon, wo er doch sonst überall so viele Haare hat?« sagte ich.

Trinny verzog das Gesicht. »Ich mag keine Männer mit Haaren auf dem Rücken.«

»Hübsche Ohrringe trägt Berlyn da. Wo hat sie die gekauft? Ich hätte auch gern solche.«

»Das ist bloß Straß.«

»Straß? Das ist ja cool. Von hier aus wirken sie wie echte Diamanten, finden Sie nicht?«

»Oh, natürlich. Als ob sie echte Diamanten tragen würde.«

»Vielleicht hat sie sie in einem Laden gekauft, wo es imitierten Schmuck gibt. Sie wissen schon, Smaragde, Rubine und so. Wenn ich mir solches Zeug ansehe, erkenne ich keinen Unterschied.«

»Ja, vielleicht.«

Ich sah auf. Ein Typ, der mit dem Kinn ruckte und mit den Fingern schnippte, stand neben Trinnys Stuhl. Sie stand auf und fing auf der Stelle mit dem Hüftwackeln an. Ich fuhr mit den Händen durch die Luft und versuchte, durch ihre um sich schlagenden Arme die Tanzfläche im Blick zu behalten. »Wenn Sie mich entschuldigen?«

Die beiden begannen auf die Tanzfläche zuzutanzen. Auf einmal entdeckte ich Berlyn und ihren Verehrer wieder und behielt ihre auf und ab hüpfenden Köpfe in den Augen. Dann beugte ich mich vor, als wollte ich mir den Schuh binden, und ließ eine Hand in ihre Umhängetasche gleiten. Ich spürte ihre Brieftasche, die Schminksachen und eine Haarbürste. Dann setzte ich mich wieder auf und nahm einfach die Tasche von der Lehne des Stuhls, auf dem sie gesessen hatte, und ließ statt dessen meine dort hängen. Ich schlang mir den Riemen um die Schulter und machte mich auf den Weg zur Damentoilette.

An den Waschbecken standen fünf oder sechs Frauen, die ihre Kosmetikutensilien auf den dafür vorgesehenen Borden verteilt hatten. Alle waren hektisch damit beschäftigt, ihre Haare aufzupeppen, Rouge zu verteilen und sich die Lippen nachzuziehen und sahen nicht einmal auf, als ich in eine Kabine ging und den Riegel vorschob. Ich hängte die Tasche auf einen Haken, den die Geschäftsleitung in weiser Voraussicht dort angebracht hatte und begann mit der richtigen Durchsuchung.

Berlyns Brieftasche war nicht besonders aufschlußreich: Führerschein, ein paar Kreditkarten und mehrere zusammengefaltete Kreditkartenquittungen, die zwischen das Bargeld geschoben waren. In ihrem Scheckheft waren einige wöchentliche Einzahlungen verzeichnet, die wohl das Gehalt waren, das sie von Kepler-Installationen bezog. Das Mädchen war massiv unterbezahlt. Ich ging die letzten Monate durch, wobei mir gelegentliche Einzahlungen von zweitausendfünfhundert Dollar auffielen, meist gefolgt von Schecks, die auf Holiday Travel ausgestellt waren. Das war interessant. Außerdem fand ich die kleine, samtbezogene Juwelierschachtel, in der sie vermutlich die Ohrringe aufbewahrte.

Ich zog den Reißverschluß des Innenfachs auf und stöberte durch alte Einkaufszettel, Kassenzettel von Thrifty’s Drugstore und Einzahlungsbelege. Dahinter steckten zwei Sparbücher. Das erste war ungefähr einen Monat nach Lornas Tod mit einer Einzahlung von neuntausend Dollar eröffnet worden. Immer wieder waren zweitausendfünfhundert Dollar abgehoben worden, womit der Stand inzwischen auf eintausendfünfhundert Dollar gesunken war. Auf dem zweiten Sparbuch lagen weitere sechstausend Dollar. Vermutlich gab es irgendwo noch ein drittes. Berlyn hatte die Durchschläge ihrer Ein- und Auszahlungsbelege hinten in eines der Sparbücher gelegt — Informationen, die sie nicht zu Hause aufzubewahren wagte. Wenn Janice ihr Versteck mit den geheimen Guthaben gefunden hätte, wären heikle Fragen aufgekommen. Ich nahm aus jedem Sparbuch einen Durchschlag.

Jemand klopfte an die Tür. »Sind Sie da drin gestorben?«

»Moment noch«, sagte ich.

Ich drückte auf die Toilettenspülung und ließ es lautstark rauschen, während ich alles wieder in die Handtasche zurückstopfte. Mit der Tasche über der Schulter trat ich aus der Kabine. Ein schwarzes Mädchen mit einem Siebziger-Jahre-Afro-Look ging in die Kabine, aus der ich gekommen war. Ich fand ein freies Waschbecken und schrubbte mir heftig die Hände, da ich fand, daß sie es nötig hatten. Dann verließ ich die Toilette und kehrte eilig zum Tisch zurück, da die Musik gerade auf ein tosendes Finale zusteuerte. Von der Tanzfläche ertönte frenetischer Beifall, mitsamt schrillen Pfiffen und Getrampel. Ich ließ mich auf meinen Stuhl gleiten, schnappte mir meine Tasche von Berlyns Stuhl und hängte ihre wieder hin.

Berlyn kam mit dem massigen Typen im Schlepptau näher. Ihr Stuhl wackelte gefährlich. Ich griff nach ihm, jedoch nicht schnell genug, um zu verhindern, daß ihre Tasche und ihre Lederjacke in einem Haufen auf den Boden fielen.