16
Die Notaufnahme im St. Terry’s war ein Tollhaus, ein Blick in die Hölle. Auf der Schnellstraße war ein Unfall mit sechs Autos passiert, und sämtliche Untersuchungsräume beherbergten Verletzte und Sterbende. Bei jedem Behandlungszimmer konnte ich auf den zugezogenen Vorhängen ein Schattenspiel medizinischer Vorgänge mit Instrumentenwagen, Sauerstoffgeräten, herabhängenden Beuteln mit Blut oder Glukose und Röntgengeräten beobachten. Hin und wieder wurde das gleichmäßige Geräusch der Aktivitäten von den markerschütternden Schreien des Patienten auf der Liege durchbrochen. Auf einer fahrbaren Trage lag, unversorgt, ein Opfer, das sich wand wie von Flammen umzüngelt und jammerte: »Gnade... habt Gnade.« Ein Sanitäter kam vorbei und fuhr den Mann in einen soeben erst frei gewordenen Untersuchungsraum.
Aus allen Abteilungen des St. Terry’s hatte man Ärzte, Schwestern und Pfleger herbeizitiert. Ich sah ihnen zu, wie sie perfekt aufeinander abgestimmt arbeiteten, jeder Eingriff erfolgte rasch und präzise. Was die Ärzteserien im Fernsehen geflissentlich beiseite lassen, sind die Schmerzen und der Schleim, die versagenden Körperfunktionen, Nadeln, die sich durch Fleisch bohren, das Zittern und die leisen Hilferufe. Wer möchte schon dasitzen und sich das wirkliche Leben ansehen? Wir wollen die ganze Dramatik des Krankenhauses, aber ohne die darunterhegende Angst.
Die Gesichter der Angehörigen, die man von dem Unfall verständigt hatte und die nun im Warteraum saßen, waren grau und abgezehrt. Sie sprachen in gedämpftem Ton, und die einzelnen Familien drängten sich in kleinen Grüppchen zusammen, gebeugt vom Schrecken. Zwei Frauen klammerten sich aneinander und weinten hemmungslos. Auf der anderen Seite der Glastüren, am einen Ende des Parkplatzes, hatten sich die Nikotinsüchtigen in einer Wolke Zigarettenrauch versammelt. Ich hatte Serena Bonney kurz nachdem Danielle eingeliefert worden war entdeckt, doch mittlerweile hatte der Tumult sie verschluckt.
Als ich Danielles Haustür aufgestoßen hatte, lag sie nackt auf dem Boden, und ihr Gesicht sah so rosa und matschig aus wie eine Wassermelone ohne Kerne. Blut spritzte aus einer ausgefransten Wunde am Kopf, und sie bewegte ziellos ihre Gliedmaßen, als wollte sie ihren eigenen inneren Verletzungen davonkriechen. Ich verdrängte meine Gefühle und tat, was ich konnte, um die Blutung zu stillen, während ich mir das Telefon von ihrem Nachttisch schnappte. Die Notrufzentrale hatte eine Polizeistreife und einen Rettungswagen alarmiert, die beide binnen Minuten kamen. Zwei Sanitäter hatten sich an die Arbeit gemacht und soviel Erste Hilfe geleistet, wie sie konnten.
Die Prellungen auf ihrem Körper bildeten ein Muster aus dunklen, sich überschneidenden Linien, die vermuten ließen, daß jemand mit einem stumpfen Gegenstand auf sie eingeschlagen hatte. Es stellte sich heraus, daß die Waffe ein in Lumpen gewickeltes Stück Bleirohr war, das ihr Angreifer auf seinem Rückzug in die Büsche geworfen hatte. Ein Polizist hatte es bei seiner Ankunft entdeckt und dagelassen, damit es die Spurensicherung, die kurz danach eintraf, einpacken konnte. Nachdem der Polizist den Tatort abgesperrt hatte, gingen wir auf die kleine Veranda hinaus, wo wir in einem dämmrigen Lichtkegel standen, während er mich verhörte und sich Notizen machte.
Zu diesem Zeitpunkt war die Gasse bereits von Fahrzeugen verstopft. Blaulichter flackerten durch die Dunkelheit, und der Polizeifunk steuerte sein ausdrucksloses Staccatogemurmel bei, nur hin und wieder unterbrochen von rasselnden atmosphärischen Störungen. Ein Grüppchen Nachbarn hatte sich seitlich im Garten versammelt, ein buntgeschecktes Durcheinander von Jogginghosen ohne Socken, Pantoffeln, Mänteln und über Nachthemden gestülpten Skianoraks. Der Polizist begann die Menge zu befragen, um festzustellen, ob es außer mir weitere Zeugen gab.
Ein schnittiger, leuchtendroter Mazda kam mit quietschenden Reifen in die Gasse gefahren. Cheney Phillips stieg aus und schlenderte den Weg hinauf. Er nickte mir zu und wechselte dann ein paar Worte mit dem uniformierten Polizisten, dem er seine Dienstmarke zeigte. Anschließend betrat er Danielles Häuschen. Ich sah, wie er auf der Türschwelle stehenblieb und einen Schritt zurück machte. Von der geöffneten Tür aus musterte er langsam die blutige Szenerie, als machte er ein Foto nach dem anderen. Ich führte mir den Anblick so vor Augen, wie ich ihn gesehen hatte: die zerknüllte Bettwäsche und die verschobenen oder umgekippten Möbel. In der Zwischenzeit hatte man Danielle in Decken gepackt und auf die Trage gelegt. Ich trat zur Seite, als die Sanitäter sie zur Tür heraustrugen. Ich nahm Blickkontakt mit dem älteren der beiden auf. »Darf ich mitfahren?«
»Mir ist’s recht, falls der Detective nichts dagegen hat.«
Cheney hatte unseren Wortwechsel mitbekommen und nickte zustimmend. »Wir sehen uns später«, sagte er zu mir.
Dann wurde die Trage hinten in den Rettungswagen geschoben.
Mein Auto ließ ich stehen, wo es war, nämlich in der Gasse hinter Danielles Häuschen. Ich saß hinten im Wagen neben ihrer in Decken gehüllten Silhouette und bemühte mich, dem jungen Sanitäter nicht in die Quere zu kommen, der ständig ihre Lebensfunktionen überprüfte. Ihre Augenlider waren blau angelaufen und geschwollen wie bei einem frisch geschlüpften Vogel. Von Zeit zu Zeit sah ich, wie sie sich bewegte, blind vor Schmerz und Verwirrung. Ich wiederholte andauernd: »Es wird schon. Bald ist alles wieder gut. Jetzt ist es vorüber.« Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie mich hörte und konnte nur hoffen, daß die beruhigenden Äußerungen zu ihr durchdrangen. Sie war kaum bei Bewußtsein. Die blinkenden gelben Lichter spiegelten sich im Glas der Schaufenster, als wir die State Street hinaufrasten. Die Sirene wirkte wie von den Ereignissen losgelöst. Zu dieser Nachtstunde waren die Straßen weitgehend leer, und so ging die Fahrt mit erstaunlicher Geschwindigkeit vonstatten. Erst als wir in der Notaufnahme anlangten, hörten wir von dem Unfall auf der 101.
Ich saß eine Stunde lang draußen im Warteraum, während sie sich an ihr zu schaffen machten. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Unfallopfer versorgt, und der Raum leerte sich. Ich merkte, daß ich dasselbe Exemplar von Family Circle durchblätterte, das ich schon einmal gelesen hatte: dieselben perfekten Frauen mit denselben perfekten Zähnen. Die Juli-Ausgabe hatte ein paar Eselsohren. Einige Artikel waren herausgerissen worden, und jemand hatte Anmerkungen zu dem Aufsatz über die Wechseljahre des Mannes verfaßt und ordinäre Sprüche an den Rand geschrieben. Ich las Rezepte für Gartengrillfeste an hektischen Tagen und eine Kolumne, in der Leserinnen Vorschläge zur Lösung verschiedenster elterlicher Schwierigkeiten machten, zum Beispiel wenn die Kinder logen, stahlen oder nicht lesen lernten. Vermittelte mir ungemeines Zutrauen in die nachwachsende Generation.
Cheney Phillips kam herein. Sein dunkles Haar war so lockig wie das eines Pudels, und ich bemerkte, daß er untadelig gekleidet war: Röhrenjeans, ein Sportsakko über einem makellosen weißen Hemd, dunkle Socken und Halbschuhe. Er trat an den Empfangstresen und zeigte seine Dienstmarke der Angestellten, die hektisch Aufnahmeformulare tippte. Dann telefonierte sie kurz. Ich sah ihm nach, als er ihr in den Behandlungsraum folgte, in den sie Danielle vor meinen Augen gebracht hatten. Kurz darauf kam er wieder heraus auf den Flur, diesmal im Gespräch mit einem der Notärzte. Ihnen folgten zwei Pfleger, die zwischen sich eine fahrbare Trage bugsierten. Danielles Kopf war mit Bandagen umwickelt. Cheneys Gesichtsausdruck war neutral, als sie davongefahren wurde. Der Arzt verschwand in der nächsten Zelle.
Cheney sah auf und entdeckte mich. Er kam in den Warteraum herüber und setzte sich neben mich auf das blaue Tweedsofa. Dann griff er nach meiner Hand und flocht seine Finger durch meine.
»Wie geht’s ihr?« fragte ich.
»Sie bringen sie nach oben in die Chirurgie. Der Arzt macht sich Sorgen wegen der inneren Blutungen. Ich schätze, der Kerl hat sie zum Abschied noch bestialisch mit den Füßen traktiert. Sie hat einen gebrochenen Kiefer, gebrochene Rippen, einen Milzriß und Gott weiß was noch alles. Der Arzt sagt, sie ist schrecklich zugerichtet worden.«
»Sie sah auch entsetzlich aus«, sagte ich. Ich spürte, wie mir mit Verspätung das Blut aus dem Gehirn wich. Kalter Schweiß und Übelkeit wallten in mir auf wie aus einer Quelle. Normalerweise bin ich nicht zimperlich, aber Danielle war eine Freundin, und ich hatte die Wunden gesehen. Als ich ihre Verletzungen aufgezählt bekam, wurde die Erinnerung an das Leid, das ich gesehen hatte, allzu lebendig. Ich steckte den Kopf zwischen die Knie, bis das Tosen abflaute. Das war nun das zweite Mal, daß ich fast ohnmächtig geworden wäre, und ich wußte, ich brauchte Hilfe.
Cheney sah mir besorgt zu. »Sollen wir uns ein Cola oder eine Tasse Kaffee besorgen? Es dauert vermutlich eine Stunde, bevor wir irgend etwas hören.«
»Ich kann nicht weg. Ich will hier sein, wenn sie aus dem OP kommt.«
»Die Cafeteria ist hier den Flur entlang. Ich sage der Schwester, wo wir sind, dann kann sie uns holen, falls wir nicht rechtzeitig zurück sind.«
»In Ordnung, aber sorg dafür, daß Serena Bescheid weiß. Ich habe sie vor kurzem dort hinten gesehen.«
Die Cafeteria hatte seit zweiundzwanzig Uhr geschlossen, aber wir entdeckten eine Reihe Automaten, in denen es Sandwiches, Joghurts, frisches Obst, Eis sowie kalte und warme Getränke gab. Cheney kaufte zwei Dosen Pepsi, zwei Schinken-Käse-Sandwiches mit Roggenbrot und zwei Stück Kirschkuchen auf Styroportellern. Ich setzte mich wie betäubt an einen leeren Tisch in einer kleinen Nische an der Seite. Er kam mit einem Tablett zurück, auf das er neben dem Essen Strohhalme, Servietten, Plastikbesteck, Briefchen mit Salz und Pfeffer und Tütchen mit süßsaurem Relish, Senf, Ketchup und Mayonnaise geladen hatte. »Ich hoffe, du hast Hunger«, sagte er. Er begann den Tisch zu decken und arrangierte die Gewürze vor uns auf zusammenpassenden Papierservietten.
»Es kommt mir zwar so vor, als hätte ich erst gegessen, aber warum nicht?« sagte ich.
»Hierzu kannst du nicht nein sagen.«
»Was für ein Festmahl«, sagte ich lächelnd. Ich war zu müde, um auch nur einen Finger zu rühren. Ich fühlte mich wie ein Kind und sah ihm dabei zu, wie er die Sandwiches auspackte und sie zubereitete.
»Wir müssen sie richtig ekelhaft machen«, meinte er.
»Warum?«
»Weil wir dann nicht merken, wie fade sie sind.« Er zerrte mit den Zähnen an den Plastikverpackungen und quetschte grellrote und gelbe Kleckse über den Schinken. Salz, Pfeffer und Mayonnaisespritzer mit einer Spur Relish überzogen. »Willst du mir davon erzählen?« fragte er beiläufig, während er an der Arbeit war. Er machte eine Dose Pepsi auf und reichte mir ein aufgepepptes Sandwich. »Iß das. Keine Widerrede.«
»Wer könnte da nein sagen?« Ich biß in das Sandwich und mußte beinahe weinen, so gut schmeckte es. Ich stöhnte und schob mir den Bissen in die Backe, damit ich beim Essen reden konnte. »Ich habe Danielle gestern abend gesehen. Wir haben zusammen bei mir gegessen. Bei der Gelegenheit habe ich ihr gesagt, daß ich heute abend eventuell vorbeikäme, aber im Grunde bin ich aus einer Laune heraus zu ihr hingefahren«, sagte ich. Ich legte mir eine Hand vor den Mund, schluckte und trank von meinem Pepsi. »Ich wußte nicht, ob sie Besuch hatte, deshalb bin ich mit laufendem Motor im Auto sitzen geblieben und habe versucht, es zu erkennen. Ich sah, daß Licht bei ihr brannte, und dann habe ich schließlich
beschlossen, an die Tür zu klopfen. Im ungünstigsten Fall wäre sie mit einem Mann zusammengewesen, und ich hätte mich weggeschlichen.«
»Er hat vermutlich deine Scheinwerfer gesehen.« Cheney hatte mit ungefähr drei Bissen die Hälfte seines Sandwiches verschlungen. »Unsere Mütter würden uns umbringen, wenn sie uns so schnell essen sähen.«
Ich stopfte mir das Zeug genauso schnell in den Mund wie er. »Ich kann mich nicht beherrschen. Es schmeckt köstlich.«
»Na gut, sprich weiter. Ich wollte dich nicht unterbrechen.«
Ich hielt inne, um mir den Mund an einer Papierserviette abzuwischen.»Er muß mich zumindest gehört haben. Dieses Auto macht meistens ein Getöse wie ein Rasenmäher.«
»Hast du ihn tatsächlich aus ihrem Haus kommen sehen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nur ganz kurz gesehen, als er wegging. In dem Moment war ich auf der Veranda und hörte sie i stöhnen. Anhand der Laute, die sie von sich gab, nahm ich an, daß sie einen >Gast< hatte. Als hätte ich sie in heftiger Leidenschaft ertappt, die sie vielleicht nur vortäuschte. Als ich den Kerl hinten in der Gasse sah, kam mir schon der Gedanke, daß etwas nicht stimmte. Ich weiß nicht, was es war. Oberflächlich betrachtet gab es keinen Grund zu der Annahme, daß er etwas mit ihr zu tun hatte, aber irgendwie kam es mir komisch vor. Und dann habe ich die Tür aufgemacht.«
»Wahrscheinlich hätte er sie umgebracht, wenn du nicht aufgetaucht wärst.«
»O Gott, sag das nicht. Ich war kurz davor zu gehen, als ich ihn sah.«
»Wie steht’s mit einer Beschreibung? Ein großer Mann? Oder J eher klein?«
»Da kann ich dir nicht weiterhelfen. Ich habe ihn nur eine Se- ; künde lang gesehen, und das fast ausschließlich im Dunkeln.«
»Bist du dir sicher, daß es ein Mann war?«
»Tja, ich könnte es nicht vor Gericht beschwören, aber wenn du mich fragst, was ich in dem Moment dachte, dann würde ich ja sagen. Frauen schlagen im allgemeinen keine anderen Frauen mit Bleirohren zusammen«, sagte ich.»Und er war weiß, da bin ich mir sicher.«
»Was noch?«
»Dunkle Kleidung, und er hat garantiert schwere Schuhe getragen, weil ich seine Sohlen auf dem Asphalt knirschen hörte, als er sich entfernte. Außerdem war er völlig gelassen. Er ist nicht gerannt. Ruhiger, gemächlicher Schritt, als ginge er nur spazieren.«
»Woher weißt du, daß das nicht der Fall war?«
Darüber dachte ich kurz nach. »Ich schätze, weil er mich nicht angesehen hat. Menschen nehmen einander auch in der Dunkelheit wahr. Ich habe jedenfalls gemerkt, daß er da ist. Wenn man in so einer Situation angeschaut wird, dreht man sich um und schaut zurück. Das fällt mir am stärksten auf, wenn ich auf der Schnellstraße unterwegs bin. Wenn ich andere Autofahrer anstarre, weckt das deren Aufmerksamkeit, und sie drehen sich um und schauen zurück. Er hielt das Gesicht nach vorn gewandt, aber er wußte mit Sicherheit, daß ich ihn beobachte.«
Cheney beugte sich über seinen Teller und nahm den Kuchen in Angriff. »Wir haben, kurz nachdem der Notruf eingegangen war, ein paar Wagen die Gegend abfahren lassen, aber er war nirgends zu sehen.«
»Vielleicht wohnt er irgendwo dort unten.«
»Oder er hatte seinen Wagen in der Nähe geparkt«, meinte er. »Hat sie eine Verabredung für heute abend erwähnt?«
»Nicht direkt. Es könnte Lester gewesen sein, fällt mir gerade ein. Sie hat gesagt, er hätte schlechte Laune, wie auch immer die sich äußert.« Der Kuchen war von der Sorte, die ich aus der Grundschule kannte: eine perfekte Mischung aus Kirschpapp und pinkfarbenen, verschrumpelten Früchten mit einer papierenen Kruste, die beinahe die Zinken der Gabel ruinierte. Der erste Bissen war der beste, die Kuchenspitze.
»Ich kann mir kaum vorstellen, daß Lester so etwas getan haben soll. Wenn sie halbtot ist, kann sie nicht arbeiten. Mr. Dickhead lebt nur fürs Geschäft. Er würde seine Mädchen nicht so zurichten. Es war eher ein Freier.«
»Glaubst du, sie hat irgendeinen Kunden beleidigt?«
Cheney warf mir einen Blick zu. »Das war keine Kurzschlußhandlung. Dieser Kerl ist vorbereitet gekommen, mit einem Rohr, das er schon eingewickelt hatte, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.«
Ich aß meinen Kuchen auf und fuhr mit der Gabel über den Styroporteller. Dann sah ich zu, wie das Rot der Kirschkuchenfüllung durch die Zinken der Plastikgabel quoll. Ich mußte an die Gorillas in der Limousine denken und überlegte, ob ich Cheney von ihnen erzählen sollte. Ich war davor gewarnt worden, ihm davon zu berichten, aber mal angenommen, sie waren es gewesen? Ich konnte von ihrem Standpunkt aus allerdings kein Motiv erkennen. Warum sollte ein Anwalt aus Los Angeles eine hiesige Prostituierte umbringen wollen? Wenn er so verrückt nach Lorna war, warum sollte er dann ihre beste Freundin zu Klump schlagen?
Cheney sagte: »Was?«
»Vielleicht hat es mit meinen Ermittlungen zu tun.«
»Möglich, denke ich. Aber wir werden es nie erfahren, wenn wir ihn nicht finden.«
Er begann, zerknüllte Servietten und leere Papierdosen einzusammeln und die leeren Plastikpackungen auf das Tablett zu stapeln. Zerstreut tat ich es ihm nach und machte den Tisch sauber.
Als wir in die Notaufnahme zurückkamen, rief Serena im OP an und sprach mit einer der OP-Schwestern. Obwohl ich lauschte, konnte ich keine Informationen heraushören. »Sie können eigentlich genausogut nach Hause gehen«, sagte sie. »Danielle wird immer noch operiert, und wenn sie herauskommt, bleibt sie noch eine Stunde im Wachraum. Danach kommt sie auf die Intensivstation.«
»Darf ich sie dann sehen?« wollte ich wissen.
»Vielleicht, aber ich bezweifle es. Sie sind nicht mit ihr verwandt.«
»Wie schlecht geht es ihr?«
»Offenbar ist ihr Zustand stabil, aber man kann noch nicht viel sagen, bevor der Chirurg fertig ist. Er kann Ihnen auch Genaueres sagen, aber das wird noch ein Weilchen dauern.«
Cheney beobachtete mich. »Ich kann dich nach Hause bringen, wenn du möchtest.«
»Ich würde lieber hierbleiben, anstatt nach Hause zu fahren«, sagte ich. »Mir ist es recht, wenn du gehen willst. Ehrlich. Du brauchst nicht den Babysitter zu spielen.«
»Es macht mir nichts aus. Um die Uhrzeit habe ich sowieso nichts Besseres zu tun. Vielleicht finden wir irgendwo ein Sofa, auf dem du ein Nickerchen machen kannst.«
Serena empfahl das kleine Wartezimmer vor der Intensivstation, wo wir schließlich auch landeten. Cheney saß da und las eine Illustrierte, während ich mich auf einem Sofa zusammenrollte, das eine Idee kürzer war als ich. Das Geräusch des Papiers, wenn er umblätterte, und sein gelegentliches Räuspern hatten etwas Beruhigendes. Der Schlaf überkam mich wie ein schweres Gewicht, das mich auf das Sofa drückte. Als ich aufwachte, war der Raum leer, aber Cheney hatte mir sein Sakko über den Oberkörper gelegt, also konnte er nicht weit sein. Ich spürte das seidige Futter seines Jacketts, das nach teurem Rasierwasser duftete. Schließlich sah ich auf die Wanduhr: Es war drei Uhr fünfunddreißig. Ich blieb noch einen Moment liegen und fragte mich, ob es irgendwie möglich war, zu bleiben, wo ich war, warm und geborgen. Ich könnte mich daran gewöhnen, auf einem Wartezimmersofa zu leben, mir die Mahlzeiten bringen lassen, und für die Körperpflege gab es ja die Damentoilette hinten im Flur. Es wäre billiger, als Miete zu bezahlen, und wenn mir etwas zustieß, wäre ärztliche Hilfe gleich bei der Hand.
Auf dem Flur erklangen Schritte und das Gemurmel männlicher Stimmen. Cheney erschien in der Türöffnung und lehnte sich an den Rahmen. »Ah. Du bist ja wieder unter uns. Möchtest du Danielle sehen?«
Ich setzte mich auf. »Ist sie wach?«
»Nicht richtig. Sie haben sie gerade aus dem OP gebracht. Sie ist immer noch völlig benommen, aber man hat sie auf die Intensivstation verlegt. Ich habe der Oberschwester gesagt, du seist von der Sitte und müßtest eine Zeugin identifizieren.«
Ich preßte die Finger gegen die Augen und rieb mir das Gesicht. Dann fuhr ich mir mit den Händen durchs Haar und stellte fest, daß dank Danielles Haarschneidekünsten endlich einmal nicht jede Strähne einzeln nach oben abstand. Ich sammelte meine Kräfte, stieß kräftig den Atem aus und zwang mich zurück in den Wachzustand. Ich kam auf die Beine und strich ein paar Falten aus meinem Rollkragenpullover. Ein Vorteil an lässiger Kleidung ist, daß man immer ungefähr gleich aussieht. Vom Flur aus riefen wir per Haustelefon im Schwesternzimmer der Intensivstation an. Cheney erledigte die Formalitäten, und wir wurden eingelassen.
»Müßte ich nicht auch eine Dienstmarke haben?« murmelte ich ihm zu, als wir den Flur entlanggingen.
»Mach dir keine Sorgen. Ich habe ihnen erzählt, daß du als Pennerin getarnt verdeckt ermittelst.« Ich versetzte ihm einen kleinen Schubs.
Wir warteten vor Danielles Zimmer und sahen durch das Glasfenster, während eine Schwester ihren Blutdruck maß und den Tropf an ihrer Infusion einstellte. Genau wie in der Herzstation waren auch hier die Räume U-förmig um die Überwachungszentrale angeordnet, so daß man die Patienten im Blickfeld hatte. Cheney hatte mit dem Arzt gesprochen, der ihm das Nötigste über ihren momentanen Zustand erklärte. »Er hat ihr die Milz herausgenommen. Das meiste hat allerdings der orthopädische Chirurg gemacht. Er hat ihr den Kiefer und das Schlüsselbein eingerenkt und die Rippen fixiert. Sie hatte zwei gebrochene Finger und zahlreiche Prellungen. Sie müßte wieder gesund werden, aber es wird eine Weile dauern. Die Wunde am Kopf war noch das Mindeste. Eine leichte Gehirnerschütterung und jede Menge Blut. Das habe ich selbst schon erlebt. Wenn man sich den Kopf am Medizin Schränkchen anstößt, sieht es aus, als würde man verbluten.«
Die Schwester strich Danielles Bettdecke glatt und verließ den Raum. »Zwei Minuten«, sagte sie und zeigte mit erhobenen Fingern ein V.
Schweigend standen wir nebeneinander und sahen auf sie herab wie Eltern, die den Anblick eines neugeborenen Babys studieren. Schwer zu glauben, daß sie zu uns gehörte. Sie war kaum zu erkennen: schwarze Augen, aufgedunsener Kiefer, verbundene und mit Pflastern verklebte Nase. Eine geschiente Hand lag auf der Decke. Die hellroten Acrylnägel hatten sich gelöst oder waren abgebrochen, und ihre armen, geschwollenen Finger sahen an den Spitzen blutig aus. Was sonst noch von ihr übrig war, war kaum mehr als ein kindergroßes Häufchen. Sie schwankte zwischen Wachen und Bewußtlosigkeit, wurde aber nie klar genug, um uns wahrzunehmen. Durch die ganzen Gerätschaften wirkte sie wie geschrumpft, aber das ganze Personal und die Apparate hatten etwas Beruhigendes. In ihrem mitgenommenen Zustand war das hier genau der richtige Ort für sie.
Als wir die Intensivstation verließen, legte mir Cheney den Arm um die Schultern. »Alles in Ordnung?«
Ich lehnte kurz den Kopf an ihn. »Mir geht’s gut. Und dir?«
»Geht schon«, sagte er. Vor dem Aufzug drückte er den Pfeil nach unten. »Ich habe den Arzt Anweisungen geben lassen. Sie geben keine Informationen über ihren Zustand heraus, und niemand darf zu ihr hinein.«
»Glaubst du, der Typ könnte wiederkommen?«
»Es sieht so aus, als hätte er versucht, sie schon beim ersten Mal umzubringen. Wer weiß, wie wichtig es ihm ist, sie endgültig auszuschalten.«
»Ich fühle mich schuldig. Als hinge das irgendwie mit Lornas Tod zusammen«, sagte ich.
»Möchtest du mich aufklären?«
»Worüber?« Die Aufzugtüren öffneten sich. Wir traten hinein, und Cheney drückte auf »Erdgeschoß«. Der Aufzug bewegte sich nach unten.
»Über den Teil, von dem du mir noch nichts erzählt hast. Du verschweigst doch etwas, oder nicht?« Sein Tonfall war gelassen, aber er sah mich eindringlich an.
»Wohl schon«, gab ich zu. Ich schilderte ihm kurz mein Gespräch mit dem Anwalt aus Los Angeles und seinen Gorillas in der Großraumlimousine. Als wir aus dem Aufzug stiegen, sagte ich: »Hast du irgendeine Ahnung, wer dieser Mann sein könnte? Er hat behauptet, er verträte jemand anders, aber er hätte genausogut von sich selbst sprechen können.«
»Ich kann mich umhören. Ich weiß, daß diese Typen zum Abschalten hier herauf kommen. Gib mir die Telefonnummer, und ich werd’s überprüfen.«
»Lieber nicht«, wandte ich ein. »Je weniger ich weiß, desto besser. Haben sie hier oben Prostituierte laufen?«
»Vielleicht in kleinerem Umfang. Jedenfalls nichts Großes. Sie kontrollieren vermutlich die Vorgänge vor Ort, aber das muß nicht wesentlich mehr heißen, als daß sie die Profite abschöpfen. Die Drecksarbeit überlassen sie den Jungs, die sie unter sich haben.«
Cheney hatte in einer Seitenstraße geparkt, die näher beim Vordereingang als bei der Notaufnahme lag. Wir gelangten in die Halle. Sowohl der Geschenkeladen als auch das Café hatten geschlossen, und man konnte durch die Glasfenster die Schatten der Einrichtung erkennen. Am Empfang sprach ein Mann heftig auf eine Angestellte ein. Cheneys ganze Art änderte sich schlagartig, und seine Haltung wurde polizeilich. Er setzte eine unnachgiebige Miene auf, während zugleich sein Gang etwas Großspuriges bekam. Mit einer einzigen schwungvollen Bewegung hielt er der Angestellten seine Dienstmarke unter die Augen, wandte aber den Blick nicht von dem Mann ab, der sie so bedrängte. »Hallo, Lester. Möchten Sie nicht hier herüberkommen? Dann können wir uns ein bißchen unterhalten«, sagte er.
Lester Dudley veränderte sein Verhalten entsprechend. Er legte seine schikanöse Art ab und lächelte gewinnend. »He, Phillips. Schön, Sie zu treffen. Ich glaube, ich habe Sie vorhin schon kurz gesehen, bei Danielles Haus. Haben Sie gehört, was passiert ist?«
»Deshalb bin ich ja hier, sonst würden Sie mich nämlich nicht sehen. Heute ist mein freier Abend. Ich war zu Hause und habe ferngesehen, als die Notrufzentrale mich verständigt hat.«
»Nicht allein, will ich hoffen. Es ist mir ein Greuel, einen Mann wie Sie allein zu sehen. Das Angebot steht nach wie vor, Tag und Nacht, männlich oder weiblich. Alles, wonach Ihnen der Sinn steht, Lester Dudley liefert es...«
»Wollen Sie kuppeln, Lester?«
»Das war doch nur Spaß, Phillips. Herrgott, darf man denn keinen kleinen Witz mehr machen? Ich kenne die Gesetze ebensogut wie Sie, wahrscheinlich sogar besser, wenn’s drauf ankommt.«
Lester Dudley entsprach nicht der Vorstellung, die ich mir von einem Zuhälter gemacht hatte. Aus der Entfernung hatte er wie ein mürrischer Jugendlicher ausgesehen, zu jung, um ohne ein Elternteil oder einen Aufpasser in einen Film mit Altersbeschränkung zu kommen. Aus der Nähe stellte ich fest, daß er Anfang Vierzig war, ein Fliegengewicht, vielleicht einen Meter zweiundsechzig groß. Sein Haar, das er aus dem Gesicht gestrichen trug, war dunkel und glatt. Er hatte kleine Augen, eine große Nase und ein leicht fliehendes Kinn. Sein Hals war dünn und ließ seinen Kopf wie eine Rübe aussehen.
Cheney machte sich nicht die Mühe, uns einander vorzustellen, aber Lester schien mich durchaus wahrzunehmen und blinzelte mich schelmisch an, wie ein Höhlentier, das plötzlich ans Tageslicht gezerrt wird. Er trug Kinderkleidung: ein langärmeliges, quergestreiftes T-Shirt, Bluejeans, eine Jeansjacke und Turnschuhe. Er hielt die Arme verschränkt und hatte die Hände in die Achselhöhlen geklemmt. Seine Armbanduhr war eine Breitling — vermutlich eine Fälschung — mit verwirrend vielen Zeigern und viel zu groß für sein Handgelenk. Sie sah mehr danach aus, als hätte er sie erworben, indem er soundso viele Packungsabschnitte gesammelt und eingesandt hatte. »Und wie geht’s Danielle? Ich konnte aus der Kuh am Empfang keine vernünftige Antwort herausholen.«
Cheneys Piepser ging los. Er sah die angezeigte Nummer nach. »Mist... bin gleich wieder da«, murmelte er.
Lester, dem wohl unbehaglich zumute war, schien auf den Fersen auf und ab zu federn und starrte Cheney hinterher, der zum Empfang hinüberging.
Ich hielt es für angebracht, das Eis zu brechen. »Sie sind Danielles persönlicher Manager?«
»Stimmt genau. Lester Dudley«, sagte er und streckte die Hand aus.
Ich schüttelte sie trotz meines Widerwillens, Körperkontakt aufzunehmen. »Kinsey Millhone«, sagte ich. »Ich bin mit ihr befreundet.« Wenn man Informationen braucht, darf man sich nicht durch persönliche Animositäten behindern lassen.
Er fuhr fort: »Die Schaltertante hat’s mir ganz schön schwergemacht, wollte mir nicht einmal Auskunft geben, nachdem ich ihr gesagt habe, wer ich bin. Wahrscheinlich eine von diesen Emanzen.«
»Bestimmt.«
»Wie geht’s ihr? Die Ärmste. Ich habe gehört, daß sie wirklich bestialisch zusammengeschlagen worden ist. War wahrscheinlich irgendein Cracksüchtiger. Das sind fiese Schweine.«
»Der Arzt ist gegangen, bevor ich mit ihm sprechen konnte«, sagte ich. »Vielleicht hatte die Empfangsdame Anweisung, keine Auskünfte zu erteilen.«
»He, die doch nicht. Dazu hat es ihr viel zuviel Spaß gemacht. Hat sich auf meine Kosten amüsiert. Nicht daß es mir etwas ausmachen würde. Ich stehe ja ständig unter Beschuß von diesen Emanzenweibern. Ich dachte, sie hätten es mittlerweile aufgegeben, aber nein, zu früh gefreut. Erst letzte Woche machte so eine Bande von denen Randale. Haben sich auf mich gestürzt wie die Wilden und behauptet, ich würde weiße Sklaverei betreiben. Können Sie sich das vorstellen? So ein Scheiß. Wie können sie von weißer Sklaverei reden, wenn die Hälfte meiner Mädchen schwarz ist?«
»Sie nehmen es zu wörtlich. Ich glaube, Ihnen ist der Kernpunkt entgangen«, sagte ich.
»Ich werde Ihnen sagen, was der Kernpunkt ist«, sagte er. »Diese Mädchen verdienen gutes Geld. Hier geht es um dicke Kohle, Megadollars. Wo können denn diese Mädchen sonst soviel Geld verdienen? Sie haben keine Ausbildung. Die Hälfte von ihnen hat einen zweistelligen IQ. Die Mädchen hören Sie nicht jammern. Beklagen sie sich etwa? Überhaupt nicht. Sie leben wie die Königinnen. Und ich sage Ihnen noch etwas. Diese Emanzen bieten ihnen rein gar nichts. Weder Jobs noch Ausbildung noch staatliche Unterstützung. Was mischen die sich also ein? Diese Mädchen müssen sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Möchten Sie wissen, was ich ihnen gesagt habe? Ich habe gesagt: >Meine Damen, das hier ist ein Geschäft. Ich schaffe den Markt nicht. Es geht um Angebot und Nachfragen Die Mädchen bieten Waren und Dienstleistungen an — das ist alles. Glauben Sie, daß ihnen das etwas ausmacht? Wissen Sie, worum es geht? Sexuelle Unterdrückung. Dieser Haufen von männerhassenden Flintenweibern. Sie hassen Männer, und es ist ihnen zuwider, wenn sie sehen, wie sich jemand mit dem anderen Geschlecht vergnügt...«
»Oder«, sagte ich, »vielleicht haben sie etwas dagegen, daß jemand junge Mädchen ausbeutet. Nur eine kühne Vermutung meinerseits.«
»Tja, wenn sie so denken — wo liegt dann das Problem?« fragte er. »Ich denke genauso. Aber sie behandeln mich, als ob ich der Feind wäre, und das begreife ich nicht. Meine Mädchen sind sauber und werden gut beschützt, und daran gibt es nichts zu rütteln.«
»Danielle wurde gut beschützt?«
»Natürlich nicht«, sagte er und verzweifelte beinahe an meiner Begriffsstutzigkeit. »Sie hätte auf mich hören sollen. Ich habe zu ihr gesagt: >Nimm keine Kerle mit nach Hause.« Ich habe gepredigt: »Steig mit keinem ins Bett, wenn ich nicht vor der Tür stehe.« Das ist mein Job. So verdiene ich mir meinen Anteil. Ich fahre sie, wenn sie verabredet ist. Kein Verrückter wird sie auch nur anrühren, wenn sie einen Beschützer dabei hat, Herrgott noch mal. Wenn sie nicht anruft, kann ich ihr nicht helfen. So einfach ist das.«
»Vielleicht ist es an der Zeit, daß sie mit dieser Art Leben aufhört«, meinte ich.
»Das findet sie auch, und ich sage: »He, das bleibt dir überlassen.« Niemand zwingt meine Mädchen zum Weitermachen. Wenn sie raus will, ist das ihre Sache. Ich müßte sie allerdings fragen, wie sie sich ihr Geld verdienen will...« Das ließ er im Raum stehen, und seine Stimme triefte vor Skepsis.
»Und was heißt das? Ich kann Ihnen nicht folgen.«
»Ich versuche nur, mir vorzustellen, wie sie im Kaufhaus oder als Kellnerin oder dergleichen arbeitet. Irgendein Job mit Mindestlohn. So zugerichtet wäre es natürlich hart für sie, aber wenn es ihr nichts ausmacht, auf den Hund zu kommen, steht es mir nicht zu, das zu verhindern. Narben im Gesicht könnten ja auch ein Trick sein, um eingestellt zu werden.«
»Niemand hat Narben im Gesicht erwähnt«, sagte ich. »Wie kommen Sie darauf?«
»Oh. Na ja, ich hab’s nur vermutet. Es hat sich herumgesprochen, daß sie übel zusammengeschlagen worden ist. Daher habe ich zwangsläufig angenommen, daß das Gesicht unseligerweise mitbetroffen ist, wissen Sie? Es ist ein Jammer, aber eine Menge Typen versuchen es einem armen Mädchen zu erschweren, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, wollen ihr Selbstbewußtsein untergraben und noch andere Gemeinheiten.«
Cheney kam zurück, und sein Blick wanderte neugierig zwischen Lester und mir hin und her. »Alles in Ordnung?«
»Sicher, bestens«, antwortete ich knapp.
»Wir reden bloß übers Geschäft«, sagte Lester. »Ich weiß immer noch nicht, wie es Danielle geht. Wird sie wieder gesund?«
»Zeit zu gehen«, sagte Cheney zu ihm. »Wir bringen Sie zu Ihrem Wagen.«
»He, klare Sache. Wo haben sie sie denn hingelegt, auf die orthopädische? Ich könnte ihr ein paar Blumen schicken, wenn ich es wüßte. Jemand hat mir erzählt, ihr Kiefer sei gebrochen. Wahrscheinlich war’s irgendein Irrer voller Koks.«
»Sparen Sie sich die Blumen. Wir geben Ihnen keine Auskunft. Anweisung des Arztes«, sagte Cheney.
»Ganz schön schlau. Das wollte ich selbst schon vorschlagen. Schützt sie vor den falschen Typen.«
Ich sagte: »Dafür ist es schon zu spät«, doch die Ironie drang nicht zu ihm durch.
Als wir auf der Straße vor dem St. Terry’s standen, schüttelten wir uns zum Abschied alle die Hände, als hätten wir gerade eine geschäftliche Besprechung hinter uns gebracht. Sowie Lester uns den Rücken zuwandte, wischte ich mir die Hand an meinen Jeans ab. Cheney und ich blieben auf dem Gehsteig stehen, bis wir ihn wegfahren sahen.