15
Sie entwirrte ihre Gliedmaßen und erhob sich vom Tisch. Dann ging sie hinaus in den Flur und verschwand aus meinem Blickfeld. Einen Moment später kam sie mit einer leeren Kassettenschachtel und einem kleinen Kassettenrecorder wieder, in dem bereits die Kassette steckte, wie man durch das ovale Fensterchen sehen konnte. »Eigentlich hätte ich das nicht aufzuheben brauchen, aber ich habe mich dadurch sicherer gefühlt. Ehrlich, J. D. kann sie gar nicht umgebracht haben, weil er nicht einmal in der Stadt war. Er ist am Freitag morgen zum Angeln gefahren. Sie ist erst am Samstag ermordet worden, als er meilenweit weg war.«
»Wo waren Sie an diesem Tag?«
»Ich war auch weg. Ich habe beschlossen, ein Stück mit ihm zu fahren. Er hat mich bis Santa Maria mitgenommen und Jack und mich am Freitag bei meiner Schwester abgesetzt. Ich bin eine Woche bei ihr geblieben und dann mit dem Bus nach Hause gefahren.«
»Haben Sie etwas dagegen, mir Namen und Telefonnummer Ihrer Schwester zu geben?«
»Sie glauben mir nicht?«
»Fangen wir nicht damit an, Leda. Sie sind nicht gerade eine Pfadfinderin«, sagte ich.
»Ja, ich weiß, aber das heißt nicht, daß ich jemanden umbringen würde.«
»Was ist mit J. D.? Kann er seinen Aufenthaltsort nachweisen?«
»Sie können Nick, den Mann meiner Schwester, fragen. Mit dem ist er nämlich nach Nacimiento gefahren.«
Ich notierte mir Namen und Nummer.
Leda drückte auf die Wiedergabetaste. Nach einem kurzen Rauschen schien der Klang einen geradezu anzuspringen. Die Aufnahme war schlecht und voller Rumpeln und Klappern von den Bewegungen der Personen. Da das Abhörgerät so nahe war, hörte sich das Klopfen an der Tür an wie ein Donnerschlag. Ein Stuhl scharrte, und jemand polterte über den Boden.
»Ob, hallo. Komm rein. Ich habe den Scheck schon vorbereitet.«
Die beiden tauschten ein paar unverständliche Bemerkungen aus. Dann schloß sich die Haustür mit dem Geräusch einer gedämpften Explosion.
Polternde Schritte. »Wie geht’s Leda?«
»Sie ist irgendwie total fertig mit den Nerven, aber das war sie letztes Mal auch schon. Sie fühlt sich dick und häßlich. Sie ist der festen Überzeugung, daß ich losziehe und sie mit anderen Frauen betrüge, deshalb fängt sie jedesmal zu heulen an, wenn ich aus dem Haus gehe.«
Ich streckte die Hand aus. »Moment mal. Das ist J. D.s Stimme?«
Sie drückte auf »Pause«, und das Gerät stoppte. »Ja, ich weiß schon. Sie ist schwer zu erkennen. Ich mußte es mir selbst zwei- oder dreimal anhören. Wollen Sie es noch einmal hören?«
»Wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte ich. »Ich habe Lornas Stimme nie gehört, aber ich nehme an, Sie können sie ohne weiteres identifizieren.«
»Ja, sicher«, sagte Leda. Sie drückte auf die Rückspultaste. Als das Band stehenblieb, schaltete sie auf Wiedergabe, und wir lauschten erneut dem Anfang. »Oh, hallo. Komm rein. Ich habe den Scheck schon vorbereitet.«
Wieder die erstickten Bemerkungen der beiden und das Schließen der Haustür wie ein Überschallknall.
Polternde Schritte. »Wie geht’s Leda?«
»Sie ist irgendwie total fertig mit den Nerven, aber das war sie letztes Mal auch schon. Sie fühlt sich dick und häßlich. Sie ist der festen Überzeugung, daß ich losziehe und sie mit anderen Frauen betrüge, deshalb fängt sie jedesmal zu heulen an, wenn ich aus dem Haus gehe.«
Lorna sagte: »Was hat sie denn für Probleme? Sie sieht doch süß aus.«
»Ja, das finde ich auch, aber sie hat eine Freundin, der das passiert ist.«
Schritte rumpelten über den Boden, und ein Stuhl scharrte, was sich anhörte wie das Gebrüll eines Löwen im Dschungel.
»Sie hat bei Jack nur fünfzehn Pfund zugenommen. Wie kann sie sich da dick Vorkommen? Man sieht es nicht einmal. Meine Mutter hat bei mir sechsundvierzig Pfund zugelegt. Das ist echt scheußlich. Ich habe Fotos gesehen. Der Bauch hängt bis hier runter. Die Titten haben wie Fußbälle ausgesehen und die Beine wie Stöckchen.« Lachen. Gemurmel. Rauschen.
»Ja, ehrlich, es ist einfach nicht real, und deshalb kann man es ihr auch nicht ausreden. Du weißt ja, wie sie ist... [murmel, murmel]... unsicher.«
»Das hast du davon, daß du dich mit jemandem eingelassen hast, der nur halb so alt ist wie du.«
»Sie ist einundzwanzig!«
»Geschieht dir recht. Sie ist ein Baby. Hör mal, soll ich auf Jack aufpassen, solange ihr beide essen geht?« Weiteres Gemurmel.
»xxxxxxx« Die Antwort fehlte, da sie vom Rauschen verschluckt war.
»...Problem. Er und ich kommen prima miteinander aus. Dafür kannst du mir auch einen Gefallen tun und die Hütte für mich ausräuchern, wenn ich verreist bin. Die Spinnen nehmen langsam überhand.«
»Danke... Quittung in deinen Briefkasten.« Stühle scharrten. Polternde Schritte durchquerten die Hütte. Erstickte Stimmen. Das Gespräch setzte sich draußen fort und brach dann abrupt ab. Stille. Als die Aufnahme wieder einsetzte, ertönten Countryklänge, über denen das hohe Jaulen eines Haarföns zu hören war. Ein Telefon begann zu klingeln. Der Fön wurde abgestellt. Stampf, stampf, stampf erklangen die Schritte, wie eine Reihe von Schüssen. Das Telefon wurde abgenommen, und Lorna erhob bei der Begrüßung ihre Stimme. Danach beschränkte sich ihr Beitrag zu dem Gespräch weitgehend auf mehrere kurze Antworten... mhm, klar, sicher, okay, das ist gut. Das Palace wurde beiläufig erwähnt, was mich überlegen ließ, ob sie mit Danielle sprach. Schwer zu sagen, da andauernd die Countryklänge die Oberhand gewannen. Es folgte ein zweites Gespräch zwischen J. D. und Lorna, das in etwa dem entsprach, was Leda bereits angedeutet hatte. J. D. jammerte, und Lorna machte ihn zur Schnecke, weil er im Haushalt nie mithalf.
Leda drückte ungeduldig auf die Stopptaste. »In dem Stil geht es weiter. Hat mich stocksauer gemacht, wie sie da andauernd hinter meinem Rücken über mich geredet haben. Der Rest ist zum größten Teil Gemurmel, und das meiste kann man überhaupt nicht verstehen.«
»Schade«, sagte ich.
»Na ja, das Gerät war eben ziemlich windig. Ich wollte nichts Großartiges einbauen, weil es zuviel Aufwand gewesen wäre. Die Verstärkung war nur minimal. So bekommt man jede Menge Verzerrungen.«
»Von wann stammen die Aufnahmen? Können Sie das Datum irgendwie festmachen?«
»Eigentlich nicht. Lorna hat mehrmals auf Jack aufgepaßt, aber ich habe es mir nie notiert. Es war kein besonderer Anlaß. Wir sind nur einen Happen essen gegangen. Wenn man ein Kleinkind im Haus hat, ist eine Stunde für sich allein wie das Paradies.«
»Was ist mit dem Monat? Es muß zu Beginn der Schwangerschaft gewesen sein, weil er sagt, daß man Ihnen noch gar nichts ansieht. Und wurde nicht eine Quittung erwähnt? In diesem ersten Gespräch klingt es, als wäre er vorbeigekommen, um die Miete abzuholen.«
»Oh. Vielleicht. Da könnten Sie recht haben. Ich meine, Jeremy kam im September auf die Welt, also muß es... ich weiß nicht... irgendwann im April gewesen sein. Sie hat immer am Ersten gezahlt.«
»Wann haben Sie mit dem Aufnehmen angefangen?«
»Ungefähr zu der Zeit, schätze ich. Wie gesagt, das erste Band war ein einziges Rauschen. Das ist das zweite, das ich gemacht habe. Ich glaube, er hat wegen der ganzen Spinnen und Käfer tatsächlich den Kammerjäger kommen lassen. Das hat er sich wahrscheinlich notiert, wenn Sie möchten, daß ich nachsehe.«
»Was ist sonst noch hier drauf?«
»In erster Linie Schrott, wie gesagt. Die Batterien waren mittendrin leer, und danach ist alles, was man hört, noch das Zeug von der ersten Aufnahme, die ich gemacht habe.« Sie nahm die Kassette heraus und steckte sie in die leere Hülle zurück. Dann stand sie vom Tisch auf, als wollte sie den Raum verlassen.
Ich faßte sie wie beiläufig am Arm. »Darf ich das mitnehmen?«
Sie zögerte. »Wozu?«
»Damit ich es mir noch einmal anhören kann.«
Sie verzog das Gesicht. »Nnn, ich weiß nicht. Ich halte das für keine gute Idee. Es ist das einzige, das ich habe.«
»Ich bringe es sobald wie möglich zurück.«
Sie schüttelte den Kopf. »Lieber nicht.«
»Kommen Sie schon, Leda. Was macht Ihnen solches Kopfzerbrechen?«
»Woher soll ich wissen, daß Sie es nicht den Bullen übergeben?«
»Oh, natürlich. Damit sie sich anhören können, wie ein paar Leute herumstapfen und Konversation treiben? Es enthält kein belastendes Material. Sie reden über das dämliche Ungeziefer«, sagte ich. »Außerdem können Sie immer noch behaupten, Sie hätten die Erlaubnis dazu gehabt. Wer könnte Ihnen schon widersprechen?«
Darüber dachte sie eine Weile nach. »Und was haben Sie für ein Interesse daran?«
»Ich bin dafür engagiert worden. Das ist mein Job«, erwiderte ich. »Sehen Sie mal. Nach dem, was Sie gesagt haben, wurde dieses Band in dem Monat aufgezeichnet, in dem Lorna ums Leben kam. Wie können Sie sicher sein, daß es nichts von Belang enthält?«
»Sie bringen es gleich zurück?«
»Ich versprech’s.«
Widerstrebend legte sie die Kassette auf den Tisch und schob sie mir herüber. »Aber ich möchte wissen, wo ich anrufen kann, für den Fall, daß ich sie wieder brauche«, sagte sie.
»Sie sind ein Schatz«, sagte ich. Ich zog eine Visitenkarte hervor und notierte meine Privatadresse mit Telefonnummer. »Ich habe Ihnen zwar schon mal eine gegeben, aber hier ist noch mal alles. Ach, und noch etwas.«
In mürrischem Tonfall sagte sie: »Was?«
Immer wenn ich Leute manipuliere, müssen sie anscheinend schrecklich ungehalten werden. »Ist J. D. in den letzten Monaten irgendwie zu Geld gekommen?«
»J. D. hat kein Geld. Und wenn, dann hat er es mir nie erzählt. Soll ich ihn fragen, wenn er kommt?«
»Es ist nicht wichtig«, sagte ich. »Aber wenn Sie es ansprechen, müssen Sie ihm womöglich sagen, worüber wir geredet haben, und ich nehme nicht an, daß Sie das möchten.«
Aus ihrem Gesichtsausdruck schloß ich, daß ich mich vielleicht auf ihre Verschwiegenheit verlassen konnte.
Auf dem Weg zurück zu meiner Wohnung hielt ich an einem Supermarkt. Irgendwo hatte ich einen Kassettenrecorder, aber die Batterien waren vermutlich leer. Da ich schon dabei war, kaufte ich mir einen extragroßen Becher Kaffee und ein bösartig aussehendes Fleischsandwich in Zellophan. Dem rosafarbenen Zeug, das an den Seiten herausragte, war nur schwer anzusehen, von welchem Teil der Kuh die dünnen Fetzen stammen sollten. Ich aß auf der Heimfahrt, da ich zu ausgehungert war, um zu warten. Es war noch nicht ganz acht Uhr, aber vermutlich war es das Mittagessen.
Zu Hause angelangt, machte ich mich ans Werk. Der Kassettenrecorder war genau da, wo ich ihn vermutet hatte, nämlich in der untersten Schreibtischschublade. Ich tauschte die Batterien aus und legte Kopfhörer, Stift und Notizblock bereit. Ich ließ das Band laufen und lauschte mit geschlossenen Augen, während ich mir die Kopfhörer gegen die Ohren preßte. Dann spielte ich es noch einmal ab und machte mir Notizen. Ich schrieb alles nieder, was ich deutlich verstehen konnte und fügte an den Stellen Punkte, Striche und Fragezeichen ein, wo die Worte undeutlich oder gar nicht zu verstehen waren. Es ging langsam voran, aber schließlich gelangte ich an einen Punkt, wo ich soviel zusammengetragen hatte, wie mir möglich war.
Wie Leda erwähnt hatte, hatte am Ende des Bandes, nach sechzig Minuten langweiliger Gespräche, ihr Gerät den Geist aufgegeben und ein Fragment der ersten Aufzeichnung, die sie gemacht hatte, zurückgelassen. Die eine Stimme gehörte Lorna. Die andere war männlich, aber soweit ich es beurteilen konnte, war es nicht J. D. Zwischendurch kam eine Passage mit Countrymusik aus dem Radio. Lorna mußte es abgestellt haben, da die Stille plötzlich entstand und von Rauschen durchsetzt war. Der Mann sprach in schroffem Tonfall und sagte: »He...«
Lorna klang verärgert. »So was ist mir total zuwider... xxxxxxx. xxxxxxxxx...«
»Ach, komm schon. Ich mache doch nur Witze. Aber du mußt zugeben, es is txxxxxxxxxx. Sie geht xxxxx Tag xxxxxxxx rein...«
»Verflucht noch mal! Hör bloß auf, davon zu reden. Du bist echt krank...«
»Man sollte sich eben nicht xxxxxxxx... [klapper... klirr]...«
Geräusch von Wasser... Quietschen...
»...xxxxxxxx...«
Bums, bums...
»Das ist mein Ernst... bis-«
»xxxxx...«
Lachen... Stühlescharren... Rascheln... Gemurmel...
Der Tonfall hatte etwas Zänkisches an sich; Lornas Stimme klang gereizt. Ich spielte das Band noch zweimal ab und schrieb alles auf, was ich deutlich verstehen konnte, aber das Gesprächsthema erschloß sich mir nicht. Ich nahm die Kopfhörer ab. Dann zwickte ich mich in die Nasenwurzel und rieb mir mit der Hand das Gesicht. Ich fragte mich, ob die Experten im gerichtsmedizinischen Labor eine Methode zur Verfügung hatten, eine solche Bandaufnahme zu verstärken. In meiner Eigenschaft als Privatdetektivin war ich nicht gerade mit High-Tech-Geräten ausgestattet. Eine tragbare Schreibmaschine war das Modernste, was ich vorweisen konnte. Das Problem war nur, daß mir nicht klar war, wie ich die Polizei ohne jegliche Erklärung um Unterstützung bitten konnte. Trotz meiner Versicherungen Leda gegenüber hatte sie sich der Unterschlagung zwar nicht von Beweismaterial, aber doch von Informationen schuldig gemacht, die für die polizeilichen Ermittlungen von Belang hätten sein können. Die Bullen können ziemlich sauer werden, wenn man am wenigsten damit rechnet, und ich wollte nicht, daß sie sich für etwas zu interessieren begannen, das mir überhaupt nicht gehörte.
Wen kannte ich noch? Ich versuchte es mit den gelben Seiten unter »Audio«. Die verzeichneten Firmen warben für Laserheimkinos, Riesen-Fernsehbildschirme, Maßanfertigungen, die Installation von Stereoanlagen und Filmuntertitelung. Danach folgten Anzeigen für Hörgeräte, Hörtests und Sprachtherapeuten. Dann versuchte ich es unter »Ton«, wo ich überwiegend auf Designer drahtloser Großsprechanlagen sowie privat und kommerziell nutzbarer Tonausrüstungen stieß. Oh.
Ich sah auf die Uhr: Viertel nach neun. Ich schlug im Telefonbuch unter K-SPL nach und rief Hector Moreno vom Lokalsender an. Es war vermutlich noch zu früh, um ihn zu erreichen, aber ich konnte wenigstens eine Nachricht hinterlassen. Nach dreimaligem Klingeln nahm jemand ab. »K-SPELL. Hector Moreno am Apparat.«
»Hector? Ich hätte nicht gedacht, daß Sie schon da sind. Hier ist Kinsey Millhone. Sind Sie nicht unheimlich früh dran?«
»Ah, hallo. Wie geht’s? Ich tausche ab und zu die Schicht. Hilft gegen Langeweile. Und was ist mit Ihnen? Was treiben Sie?«
»Ich habe eine Bandaufzeichnung von äußerst schlechter Tonqualität. Verfügen Sie über irgendeine Möglichkeit, sie aufzubessern?«
»Das kommt darauf an, was Sie da haben. Ich könnte es versuchen«, meinte er. »Möchten Sie das Band vorbeibringen? Ich kann die Tür offenlassen.«
»Ich bin gleich da.«
Unterwegs hielt ich kurz bei Rosie’s, erzählte ihr von Beauty und bat um ein paar Hundeknochen. Sie hatte früher am Abend ein Kilo Kalbshaxe für Fleischbrühe ausgekocht. Ich mußte mich durch den Abfall wühlen, um sie zu finden. Dann wickelte sie mir zwei Knochen mit den üblichen Ermahnungen ein. »Du solltest dir einen Hund anschaffen«, empfahl sie.
»Ich bin doch nie zu Hause«, entgegnete ich. Sie nervt mich andauernd damit. Keine Ahnung warum. In meinen Augen will sie nur Ärger machen.
»Ein Hund ist eine nette Gesellschaft, und außerdem beschützt er einen.«
»Ich werd’s mir überlegen«, sagte ich, als die Küchentür zuklappte.
»Und wenn du schon dabei bist, besorg dir gleich noch einen Liebhaber.«
Hector hatte die Tür zum Rundfunkstudio offenstehen und das Licht in der Eingangshalle brennen lassen. Ich stieg mit meinem Päckchen Knochen ins Dämmerlicht der Treppe hinunter. Beauty erwartete mich bereits, als ich unten ankam. Sie war so groß wie ein kleiner Bär, und aus ihren dunklen Augen leuchtete die Intelligenz. Ihr Pelz war rotgolden und das Unterhaar flaumig und weich. Als sie mich sah, schien ihr Fell Wellen zu schlagen, und sie ließ ein leises, summendes Knurren ertönen. Ich sah, wie sie den Kopf hob, als sie meinen Geruch wahrnahm. Ohne Vorwarnung warf sie die Lippen auf und begann zu jaulen, ein hohes, klagendes Geräusch, das Minuten anzuhalten schien. Ich regte mich nicht, spürte aber, wie sich mir als Reaktion auf ihr Winseln ebenfalls die Haare aufstellten. Mit der Hand auf dem Treppengeländer stand ich wie angewurzelt auf der untersten Stufe. Irgend etwas Archaisches in ihrem Gesang jagte mir eisige Schauer über den Rücken. Ich hörte, wie Hector sie rief, und gleich anschließend vernahm ich das schnelle Klopfen seiner Krücken, als er sich den Flur entlang bewegte.
»Beauty!« fauchte er.
Zuerst gehorchte sie nicht. Er rief sie noch einmal. Widerstrebend wandte sie ihm den Blick zu, und ich konnte sehen, wie sie mit sich rang. Sie war eigensinnig und entschlossen. Ihr Wille, sich zu widersetzen, war ebenso stark wie der Drang zu gehorchen. Ihr Klagen klang bekümmert, die Halbsprache der Hunde, in der Gefühle im eindringlichen Idiom von Kaniden vermittelt werden. Sie jaulte erneut auf und ließ mich nicht aus den Augen.
Ich murmelte: »Was hat sie denn?«
»Wenn ich das wüßte.«
»Ich habe ihr ein paar Knochen mitgebracht.«
»Das ist es nicht.« Er beugte sich hinab und berührte sie. Das Jaulen wurde zu einem leisen Heulen, das so voller Schmerz war, daß es mir das Herz brach. Er streckte die Hand aus, und ich reichte ihm das Päckchen Kalbshaxe.
Hector sah mich befremdet an. »Sie riechen wie Lorna. Haben Sie Sachen von ihr in der Hand gehabt?«
»Ich glaube nicht. Nur einige Papiere«, sagte ich. »In der Schachtel mit den Akten war ein Schal von ihr, aber das war gestern.«
»Setzen Sie sich ganz vorsichtig auf die Stufen.«
Ich ließ mich langsam in Sitzposition hinunter. Er begann in tröstlichem Tonfall auf Beauty einzureden. Sie beäugte mich mit einer Mischung aus Hoffnung und Verwirrung, da sie dachte, ich sei Lorna, aber wußte, daß ich es nicht war. Hector hielt ihr die Knochen hin, die sie jedoch nicht interessierten. Statt dessen reckte sie vorsichtig ihre stumpfe Schnauze und schnüffelte an meinen Fingern. Ich sah, wie ihre Nüstern arbeiteten, als sie die Komponenten meines persönlichen Geruchs prüfte und analysierte. Er kratzte sie an den Ohren und massierte ihr die fleischigen Schultern. Schließlich schien sie einzusehen, daß sie sich irgendwie geirrt hatte. Sie ließ den Kopf hängen und sah mich verdutzt an, als könnte ich mich jeden Moment in die Frau verwandeln, auf die sie wartete.
Hector richtete sich auf. »Jetzt hat sie sich beruhigt. Kommen Sie. Hier entlang. Nehmen Sie sie doch selbst«, sagte er und gab mir die Knochen wieder. »Vielleicht entschließt sie sich ja doch noch dazu, Sie zu mögen.«
Ich folgte ihm in dasselbe kleine Studio wie letztes Mal. Beauty hatte ihre argwöhnische Wachpositur wieder eingenommen und ließ sich zwischen uns nieder. Dann legte sie den Kopf auf die Pfoten. Gelegentlich warf sie mir einen Blick zu, doch sie war eindeutig deprimiert. Hector hatte frischen Kaffee gemacht, den er aus einer Thermoskanne anbot, die neben einer Pappschachtel und einem ledernen Fotoalbum auf dem Arbeitspult stand. Ich ließ mir von ihm eine Tasse einschenken und dachte, daß mir kaum schlimmer zumute sein könnte. Er schwang sich auf seinen Hocker, und ich sah ihm dabei zu, wie er die Jazznummer ausblendete, die gerade lief. Er sprach aus dem Stegreif einen Kommentar und täuschte mit Hilfe des Texts in der CD-Hülle souveräne Kenntnisse vor. Seine Stimme war tief und melodiös. Er legte eine Kassette ein, steuerte sie aus und wandte sich zu mir. »Versuchen wir’s mal mit den Knochen«, sagte er. »Beauty kann eine Aufheiterung vertragen, das arme Mädchen.«
»Ich bin ganz bedrückt«, sagte ich. »Ich habe diese Jeans gestern getragen, als ich Lornas Akten durchgegangen bin.«
Ich wickelte das Päckchen auf und kauerte mich neben Beauty. Hector leitete mich an. Endlich lenkte sie ein und erlaubte mir, ihren dicht bepelzten Kopf zu streicheln. Sie legte sich einen der Knochen zwischen die Pfoten und leckte ihn sorgfältig ab, bevor sie sich mit den Zähnen über ihn hermachte. Sie schien keine Einwände dagegen zu haben, daß ich wieder aufstand und mich neben Hector auf den zweiten Hocker setzte. Hector ging unterdessen einen Stapel alter Schwarzweißfotografien mit gezackten, weißen Rändern durch. Er hatte eine Schachtel Fotoecken neben sich stehen und klebte ausgewählte Fotos in ein Album, das bereits von Bildern strotzte.
»Was sind das für Fotos?«
»Mein Dad hat bald Geburtstag, und ich dachte, das könnte ihm gefallen. Die meisten stammen aus dem Zweiten Weltkrieg.«
Er reichte mir einen Schnappschuß von einem Mann in einer Hose mit Bügelfalte und einem weißen Sporthemd, der vor einem Mikrophon stand. »Damals war er zweiundvierzig. Er wollte sich freiwillig melden, aber Uncle Sam hat ihn nicht genommen. Zu alt, schlechte Füße, zerfetztes Trommelfell. Er hat bereits als Ansager beim Radiosender WCPO in Cincinnati gearbeitet, und man hat ihm gesagt, daß sie ihn dort für den Kriegseinsatz viel nötiger brauchten, um die Moral in der Heimat aufrechtzuerhalten. Er hat mich oft mitgenommen. Vermutlich bin ich so auf den Geschmack gekommen.« Er legte das Album beiseite. »Lassen Sie mal sehen, was Sie haben.«
Ich zog die Kassette aus der Tasche und gab sie ihm. »Jemand hat ein bißchen gelauscht. Ich möchte lieber nicht sagen, wer.«
Er wog die Kassette in seiner Hand. »Damit kann ich wahrscheinlich nicht viel anfangen. Ich hatte gehofft, Sie sprächen von einer Acht- oder Mehrspuraufzeichnung. Wissen Sie, wie das funktioniert?«
»Überhaupt nicht.«
»Das ist Mylar-Band. Auf der einen Seite ist es mit einem eisenoxidhaltigen Bindemittel beschichtet. Das Signal passiert eine Spule in einem Tonkopf, und dadurch entsteht zwischen den Magnetpolen ein Magnetfeld. Die Eisenpartikel werden in sogenannten Bereichen magnetisiert. Aber ich will Sie nicht zu Tode langweilen«, sagte er. »Der Punkt ist jedenfalls, daß man mit professionellen Aufzeichnungsgeräten wesentlich höhere Klangtreue erzielt als mit diesen kleinen Kassetten. Was war es denn, irgendein kleines Dings, das mit Batterien betrieben wird?«
»Genau. Man hört jede Menge Nebengeräusche, Gemurmel und Rauschen. Man versteht nicht einmal die Hälfte.«
»Erstaunt mich nicht. Was haben Sie für die Wiedergabe verwendet — das gleiche?«
»Wahrscheinlich eine Entsprechung«, sagte ich. »Dann können Sie mir also nicht helfen.«
»Tja, ich kann es zu Hause auf meinem Gerät abspielen und sehen, ob Ihnen das etwas nutzt. Wenn die Laute von vornherein überhaupt nicht aufgezeichnet worden sind, gibt es auch keine Möglichkeit, sie bei der Wiedergabe herauszuholen, aber ich habe gute Boxen und könnte vermutlich einige der Frequenzen herausfiltern und mit den Bässen und Höhen herumspielen und hoffen, daß es hilft.«
Ich holte die Notizen heraus, die ich mir gemacht hatte. »Hier steht, was ich bisher verstanden habe. Alle Stellen, die ich nicht verstanden habe, habe ich frei gelassen und mit einem Fragezeichen markiert.«
»Können Sie mir das Band dalassen? Ich kann mich gleich daran versuchen, wenn ich nach Hause komme und Sie morgen irgendwann anrufen.«
»Ich weiß nicht recht. Ich habe geschworen, es unter Einsatz meines Lebens zu verteidigen. Es wäre mir peinlich, wenn ich zugeben müßte, daß ich es Ihnen überlassen habe.«
»Dann sagen Sie es eben nicht. Wenn jemand es wiederhaben will, rufen Sie mich einfach an und holen es sich wieder ab.«
»Sie sind ganz schön verschlagen, Hector.«
»Sind wir das nicht alle?«
Er nahm die Seite mit meinen Notizen und ging in den Nebenraum, um sich eine Kopie zu machen, während ich wartete. Dann gab ich ihm eine Visitenkarte, auf deren Rückseite ich meine Privatadresse und die Telefonnummer schrieb. Als ich das Studio verließ, hatte Beauty mich anscheinend als Mitglied ihres Rudels akzeptiert, wenn ich auch wesentlich niedriger in der Hackordnung stand und daher als schutzbedürftig galt. Sie war so freundlich, mich an die Treppe zu bringen, wobei sie ihren Schritt dem meinen anglich und mir nachsah, wie ich die Treppen hinaufstieg und in die Vorhalle hinausging. Ich warf einen Blick zurück und sah sie immer noch dort stehen, wie sie nach oben spähte und mir fest in die Augen sah. Ich sagte: »Gute Nacht, Beauty.«
Als ich aus dem Parkplatz von K-SPL fuhr, erhaschte ich einen kurzen Blick auf einen Mann auf einem Fahrrad, der über die Kreuzung raste. Er fuhr die Kurve weit aus und verschwand außer Sichtweite, während die Reflektoren an seinen Speichen Lichtkreise zeichneten. Einen Moment lang fühlte ich in meinen Ohren ein Tosen aufsteigen, und an den Rändern meines Gesichtsfeldes sammelte sich die Dunkelheit. Ich kurbelte das Fenster hinunter und pumpte mir frische Luft in die Lungen. Eine feuchtkalte Welle überspülte mich und wich wieder zurück. Ich fuhr auf die leere Kreuzung, bremste ab und äugte nach rechts, aber er war nicht mehr zu sehen. Die Straßenlaternen verliefen in einer Reihe von kleiner werdenden Senkrechten, die zu einem Punkt zusammenschrumpften und verschwanden.
Ich fuhr in Richtung untere State Street und kreuzte durch Danielles Revier. Ich brauchte entweder Gesellschaft oder ausreichend Nachtschlaf, was immer sich zuerst anbot. Wenn ich Danielle fand, würden wir zwei uns vielleicht Sekt und Orangensaft kaufen und die Gläser auf Lorna erheben, einfach im Gedenken an alte Zeiten. Dann würde ich heimfahren. Ich bog in den Parkplatz von Neptune’s Palace ein und stieg aus dem Wagen.
Vom hinteren Ende des Parkplatzes her war der Geräuschpegel um einiges lauter, als ich vom vorherigen Mal in Erinnerung hatte. Die Masse tobte. Die Seitentüren zum Parkplatz standen offen, und eine Traube Nachtschwärmer war herausgekommen. Ein Mann fiel zur Seite und riß zwei Frauen mit sich. Lachend lagen die drei auf dem Asphalt. Das war typisch für Donnerstagabend, wenn sich jeder, schon fast manisch vor Energie und wild entschlossen, sich zu amüsieren, für das bevorstehende Wochenende rüstete. Die Musik donnerte gegen die Wände. Zigarettenrauch schwebte in Kringeln und Schwaden durch die kühle Nachtluft. Ich hörte Glas splittern, gefolgt von irrem Lachen, als ob ein Geist freigelassen worden wäre. Dann sah ich auf dem Parkplatz ein Polizeiauto stehen. Die Freunde und Helfer kamen im allgemeinen alle zwei Stunden hier vorbei. Der Beamte vom zuständigen Revier parkt und arbeitet sich auf der Suche nach Verstößen gegen die Alkoholgesetze und Kleinkriminellen durch das Lokal.
Ich wappnete mich und drängte mich durch die Tür. Wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt, schob ich mich die Bar entlang und suchte unter den zahlreichen Gästen nach Danielle. Sie hatte gesagt, daß sie meist um elf Uhr zu arbeiten anfinge, aber es konnte ja sein, daß sie zuerst an der Bar etwas trank. Sie war nirgends zu sehen, dafür entdeckte ich Berlyn, wie sie gerade zur Tanzfläche ging. Sie trug einen kurzen, schwarzen Rock und ein rotes Satintop mit Spaghettiträgern. Ihr Haar war ein wenig zu kurz für den Haarknoten, den sie sich offenbar einbildete, und so hing mehr nach unten weg, als oben zusammengehalten wurde. An den Ohren trug sie große, straßbesetzte Doppelreifen, die glitzerten und gegen ihren Hals schlugen, wenn sie sich bewegte. Zuerst dachte ich, sie sei allein, doch dann sah ich einen Mann, der sich vor ihr einen Weg durch das Getümmel bahnte. Die anderen auf- und abhüpfenden Tänzer schlossen sie ein, und sie war nicht mehr zu sehen.
Ich ging wieder zur Eingangstür zurück und suchte ohne Erfolg den Parkplatz ab. Dann warf ich den VW an und fuhr durch das Viertel, wobei ich an sämtlichen Straßenecken anhielt, an denen Prostituierte herumstanden. Noch zehn Minuten mehr von diesem Scheiß, und ich würde nach Hause fahren. Schließlich stoppte ich am Randstein, beugte mich hinüber und drehte das Fenster herunter. Eine zaunlattendürre Brünette in T-Shirt, Minirock und Cowboystiefeln löste sich von der Wand, an die sie sich gelehnt hatte. Sie schlenderte herüber und machte die Tür auf der Beifahrerseite auf. Ich konnte die Erhebungen der Gänsehaut auf ihren dünnen, nackten Armen sehen.
»Gesellschaft gefällig?« Sie war high von irgend etwas und strömte diesen seltsamen Körpergeruch der Cracksüchtigen aus. Ihre Augen kippten immer wieder nach oben weg, wie ein Fernsehbild, das ständig durchfällt.
»Ich suche Danielle.«
»Tja, Danielle hat zu tun, und ich springe für sie ein. Sie kriegen bei mir alles, da können Sie sicher sein.«
»Ist sie nach Hause gegangen?«
»Kann sein, daß Danielle sich zu Hause ausruht. Für zehn Dollar mehr mach ich’s Ihnen echt gut.«
Ich sagte: »Das reimt sich. Sehr hübsch. Das Versmaß ist ein bißchen daneben, aber ansonsten sind Sie Longfellow.«
»So ein blödes Gerede. Haben Sie nicht etwas Knete?«
»Keinen Cent in den Taschen.«
»Na, dann ist nichts zu machen.« Sie wand sich aus dem Wagen heraus und spazierte zu ihrem Posten zurück. Ich fuhr davon und hoffte, daß ich keinen Anfall jambischer Pentameter ausgelöst hatte. Auf die Idee, daß Danielle sich vor der Arbeit zu Hause aufhalten könnte, wäre ich gar nicht gekommen.
Ich fuhr zwei Blocks hoch, dann nach links und bog in die schmale Gasse ein, wo Danielle ihre Höhle hatte. Ich blieb auf gleicher Höhe mit dem Grundstück stehen, spähte durch eine Lücke im Gebüsch und ließ den Blick den gepflasterten Weg entlangwandern, der zu ihrer Tür führte. Ihre Vorhänge waren zugezogen, aber ich konnte sehen, daß innen Licht brannte. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, ob sie Freier in ihre Wohnung mitnahm oder nicht. Sie lag so nahe beim Palace, daß es praktisch war, aber in der Gegend gab es auch ein paar billige Absteigen, und vielleicht wickelte sie ihre Geschäfte lieber dort ab. Ich sah einen Schatten am Fenster vorbeihuschen, was mich vermuten ließ, daß sie auf war. Mein Motor hustete geräuschvoll, während die Scheinwerfer die Dunkelheit durchschnitten wie Rasierklingen. Ich merkte, wie ich unschlüssig wurde. Vielleicht war sie allein und freute sich über Gesellschaft. Sie konnte aber ebensogut beschäftigt sein. Ich wollte sie weiß Gott nicht bei der Arbeit sehen.
Während ich noch mit mir rang, stellte ich den Motor ab und löschte die Scheinwerfer. Die Gasse versank in pechschwarzer Finsternis, und in der lastenden Stille surrten die nächtlichen Insekten. Innerhalb einer Minute hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und die Umgebung begann sich in anthrazitfarbenen Schattierungen neu zusammenzusetzen. Ich stieg aus dem Wagen und verschloß ihn hinter mir. Vielleicht sollte ich einmal klopfen. Wenn sie beschäftigt war, war es damit erledigt. Ich tastete mich von der Gasse auf den Weg vor, wobei ich eine Hand vor mir ausstreckte, damit ich nicht über irgendwelche Mülltonnen stolperte.
An ihrer Türschwelle angekommen, legte ich den Kopf schief, um auf Stimmen oder konserviertes Lachen aus dem Fernseher zu lauschen. Zögerlich klopfte ich. Auf der anderen Seite der Tür war ein leises Stöhnen zu hören, sinnlich und immer wieder. Ah-oh. Ich mußte an den ersten Wohnwagen denken, in den ich nach dem Tod meiner Tante gezogen war. Als ich an einem Sommerabend spät nach Hause kam, hörte ich eine schwangere Nachbarin solche Laute ausstoßen. Als aufrechte Bürgerin ging ich zu ihrem Fenster hinüber, wo ich klopfte und fragte, ob sie Hilfe brauchte. Ich hatte angenommen, sie läge in den Wehen, und erkannte zu spät, daß der Vorgang, den ich gestört hatte, derjenige war, bei dem Babys entstanden, und nicht der, bei dem sie zur Welt kamen.
Hinter mir verschwand jemand aus den Schatten neben der Gasse und schlich sich durch die Büsche davon. Gemächliche Schritte knirschten auf dem Pflaster und verklangen nach und nach. Danielles Stöhnen wurde heftiger, und ich trat einen Schritt zurück. Verdutzt starrte ich auf die Gasse hinaus. War das ein Kunde von ihr, den ich gerade gesehen hatte? Ich lehnte den Kopf an die Tür. »Danielle?« Keine Antwort.
Ich klopfte erneut. Schweigen.
Ich drehte am Türknopf. Die Scharniere gaben nicht das leiseste Geräusch von sich, als die Tür nach innen aufschwang. Zuerst sah ich nur das Blut.