8
Es war schon fast halb zwei Uhr morgens, als ich meinen VW auf dem kleinen Parkplatz vor der Notaufnahme des St. Terry’s Hospital abstellte. Nach meiner Unterhaltung mit Danielle hatte mich Cheney wieder bei mir zu Hause abgesetzt. Ich war durch das quietschende Tor nach hinten gegangen. Ich hörte Cheney kurz hupen, dann fuhr er weg. Der Nachthimmel war immer noch klar und sternenhell, aber ich sah, daß sich im Westen wie vorhergesagt vereinzelte Wolken sammelten. Ein Flugzeug kreuzte mein Blickfeld, ein ferner, roter Punkt, der zwischen den weißen Nadelspitzen blinkte und dessen Motorenlärm ihm nachwehte wie ein Transparent, das fürs Fliegen warb. Das letzte Viertel des Mondes war so schmal geworden wie die Sichel eines Hirtenstabs, und innerhalb der Rundung hing eine Wolke wie ein Wattebausch. Ich hätte schwören können, daß ich immer noch die hämmernde Musik hörte, unter der Neptune’s Palace erzitterte. Der Club lag schließlich nicht einmal anderthalb Kilometer von meiner Wohnung entfernt, und ich halte es für möglich, daß das Geräusch so weit trug. Wahrscheinlicher war aber, daß es aus einer Stereoanlage oder einem Autoradio in der Nähe drang. Im Vergleich zum Rauschen der Flut des Ozeans, der nur einen halben Häuserblock entfernt lag, war das schwach hörbare Stampfen der Bässe ein gedämpfter Kontrast, dumpf, einschmeichelnd und verschwommen.
Mit den Schlüsseln in der Hand blieb ich stehen und lehnte den Kopf kurz gegen meine Wohnungstür. Ich war müde, aber seltsamerweise nicht an Schlaf interessiert. Ich bin seit jeher ein Tagmensch gewesen, eine unerschütterliche Frühaufsteherin, süchtig nach Morgensonne in einer Welt, die sich zwischen neun und siebzehn Uhr abspielt. Gelegentlich arbeite ich durchaus noch spät, aber meistens komme ich am frühen Abend nach Hause, und um elf Uhr schlafe ich fest. Heute abend wurde ich schon wieder von Ruhelosigkeit getrieben. Ein lang unterdrückter Teil meiner Persönlichkeit war zum Vorschein gekommen, und ich spürte, wie ich auf ihn reagierte. Ich wollte mit Serena Bonney sprechen, der Krankenschwester, die Lornas Leiche entdeckt hatte. Irgendwo in all den Worten, aus denen sich langsam Lorna Keplers Portrait ergab, lag der Schlüssel zu ihrem Tod. Ich ging durch das Tor zurück und schloß es lautlos hinter mir.
Die Notaufnahme wirkte verlassen. Die Glasschiebetüren öffneten sich mit leisem Rauschen, und ich trat in die Stille des blau und grau gehaltenen Raums ein. Am Empfang brannte Licht, aber die Schalter, an denen Patienten registriert wurden, waren schon seit Stunden geschlossen. Der Warteraum zur Linken, hinter einer Trennwand mit Münztelefonen, war leer und das Fernsehgerät, das dort stand, zeigte nur eine glatte, graue Fläche. Ich spähte nach rechts, wo die Untersuchungsräume lagen. Die meisten von ihnen lagen im Dunkeln, und die Rundumvorhänge waren zurückgezogen und an ihren Schienen befestigt worden. Aus einer kleinen Teeküche im rückwärtigen Teil der Station konnte ich das Aroma frisch gebrühten Kaffees riechen. Eine junge Schwarze in einem weißen Laborkittel kam aus einer Tür, über der »Bettwäsche« stand. Sie war klein und hübsch. Als sie mich sah, blieb sie stehen und lächelte mir zu. »Oh, tut mir leid. Ich wußte nicht, daß jemand hier ist. Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich suche Serena Bonney. Arbeitet sie in dieser Schicht?«
Sie sah auf ihre Uhr. »Sie müßte gleich wieder da sein. Im Moment hat sie Pause. Möchten Sie sich setzen? Der Fernseher funktioniert nicht, aber es gibt jede Menge Zeitschriften.«
»Danke.«
Die nächste Viertelstunde las ich alte Ausgaben der Zeitschrift Family Circle: Artikel über Kinder, Gesundheit und Fitneß, Ernährung, Inneneinrichtung und preisgünstige Heimwerkerprodukte, die Dad in seiner Freizeit anfertigen konnte — eine Holzbank, ein Baumhaus und ein rustikales Wandbord für Moms pittoresken Kräutergarten in Blumentöpfen. Auf mich wirkte es, als läse ich über das Leben auf einem fremden Planeten. Die ganzen Anzeigen bildeten so ungemein perfekte Frauen ab. Die meisten waren dreißig Jahre alt, weiß und besaßen einen makellosen Teint und schneeweiße, kerzengerade Zähne. Keine von ihnen hatte breite Hüften oder einen känguruhartigen Bauch, der ihre Hosen ausbeulte. Nirgends waren Anzeichen von Zellulitis, Krähenfüßen oder bis in die Taille hängenden Brüsten zu sehen. Diese perfekten Frauen lebten in ordentlich aufgeräumten Häusern mit glänzenden Fußböden, einer unüberschaubaren Phalanx von Haushaltsgeräten, überdimensionalen, wuschligen Hunden und unsichtbaren Männern. Vermutlich war Dad zwischen seinen Holzarbeiten ins Büro abkommandiert worden. Verstandesmäßig war mir klar, daß es sich ausnahmslos um gutbezahlte Models handelte, die lediglich als Hausfrauen posierten, um Binden, Bodenbeläge und Hundefutter zu verkaufen. Ihr Leben hatte mit einem Hausfrauendasein wahrscheinlich genausowenig zu tun wie meines. Aber was sollte man machen, wenn man tatsächlich Hausfrau war und von all diesen Bildern der Vollkommenheit überrollt wurde? Aus meiner Sicht gab es keinerlei Verbindung zwischen meinem Lebensstil (Huren, Tod, Single-Dasein, Faustfeuerwaffen und Fast food) und dem, der in der Zeitschrift dargestellt wurde, und vermutlich war das auch ganz gut so. Was würde ich schon mit einem wuschligen Hund und Töpfchen voller Dill und Majoran anfangen?
»Ich bin Serena Bonney. Sie wollten mich sprechen?«
Ich blickte auf. Die Krankenschwester, die in der Tür stand, war Anfang Vierzig und relativ groß, vielleicht 1,77. Sie war nicht direkt dick zu nennen, aber sie trug eine Menge Gewicht mit sich herum. Die Frauen in ihrer Familie beschrieben sich selbst vermutlich als »von kräftigem, bäuerlichem Schlag«.
Ich legte die Illustrierte beiseite, stand auf und streckte die Hand aus. »Kinsey Millhone«, sagte ich. »Lornas Mutter hat mich engagiert, um ihren Tod zu untersuchen.«
■
»Noch einmal?« fragte sie, während sie mir die Hand schüttelte.
»Der Fall ist ja im Grunde nie abgeschlossen worden. Haben Sie ein paar Minuten Zeit?«
»Eine merkwürdige Uhrzeit für Ermittlungen.«
»Dafür muß ich mich entschuldigen. Normalerweise würde ich Sie nicht in der Arbeit belästigen, aber ich leide seit zwei Nächten unter Schlaflosigkeit und dachte, ich könnte ebensogut die Tatsache ausnutzen, daß Sie nachts arbeiten.«
»Ich weiß eigentlich nicht viel, aber ich werde tun, was ich kann. Kommen Sie doch mit nach hinten. Im Moment ist es ruhig, aber das kann sich rasch ändern.«
Wir passierten zwei Untersuchungsräume und betraten ein kleines, spärlich möbliertes Büro. Wie die Schwestern oben trug sie normale Straßenkleidung: eine weiße Baumwollbluse, beige Gabardinehosen und eine dazu passende Weste. Die Schuhe mit den Kreppsohlen erinnerten daran, daß sie stundenlang auf den Beinen war. Serena blieb am Türrahmen stehen und beugte sich in den Flur hinaus. »Ich bin hier, wenn du mich brauchst, Joan.«
»Kein Problem«, lautete die Antwort.
Serena ließ die Tür angelehnt und stellte ihren Stuhl so, daß sie den Korridor im Auge behalten konnte. »Tut mir leid, daß Sie warten mußten. Ich war oben auf Station. Mein Vater liegt seit ein paar Tagen wieder hier, und ich versuche, so oft es geht bei ihm reinzuschauen.« Sie hatte ein breites, faltenloses Gesicht mit hohen Wangenknochen. Ihre Zähne waren gerade und viereckig, aber leicht verfärbt, vielleicht die Folge von Krankheit oder schlechter Ernährung in der Jugend. Ihre Augen waren blaßgrün, die Brauen hell.
»Ist er ernstlich krank?« Ich setzte mich auf einen Chromsessel mit einer Sitzfläche aus blauem Tweed.
»Vor einem Jahr hatte er einen schweren Herzinfarkt und bekam einen Schrittmacher. Er hat ständig Probleme damit, und man wollte das überprüfen. Er neigt ein bißchen zur Aufsässigkeit. Mit seinen fünfundsiebzig Jahren ist er nämlich noch äußerst aktiv. Er leitet praktisch das Wasseramt von Colgate, und es ist ihm ein Greuel, eine Sitzung zu verpassen. Adrenalin läßt ihn aufblühen.«
»Ihr Vater ist nicht zufällig Clark Esselmann?«
»Sie kennen ihn?«
»Ich kenne seinen Ruf. Ich hatte ja keine Ahnung. Er schlägt doch andauernd Krach bei den Bauunternehmern.« Seit fünfzehn Jahren, nachdem er seine Grundstücksfirma verkauft und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte, war er in der Lokalpolitik tätig. Soweit ich gehört hatte, war er von aufbrausendem Gemüt und hatte eine gefürchtete Zunge, die — je nachdem, worum es ging — von Bissigkeit bis zu Eloquenz alles bot. Er war dickköpfig und direkt und saß als respektables Mitglied im Vorstand von einem halben Dutzend Wohltätigkeitsorganisationen.
Sie lächelte. »Das ist er«, sagte sie und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das kupferfarben war, eine Mischung aus rot und dunkelgold. Es sah aus, als hätte sie eine Art Dauerwelle, da die Locken zu ausgeprägt waren, um ganz natürlich zu sein. Es war kurz und unkompliziert geschnitten. Ich stellte sie mir vor, wie sie sich nach ihrer morgendlichen Dusche die Haare bürstete. Sie hatte große Hände und kurz geschnittene, aber adrett manikürte Nägel. Sie gab Geld für sich aus, allerdings nicht in auffälliger Form. Hätte ich unter einer Krankheit oder den Folgen eines Unfalls gelitten, ich hätte ihr auf den ersten Blick vertraut.
Ich murmelte etwas Belangloses und wechselte das Thema. »Was können Sie mir über Lorna sagen?«
»Ich kannte sie nicht gut. Das sollte ich wohl vorausschicken.«
»Janice hat erwähnt, daß Sie mit dem Mann verheiratet sind, für den Lorna in der Wasseraufbereitungsanlage gearbeitet hat.«
»Mehr oder weniger«, sagte sie. »Roger und ich leben seit ungefähr anderthalb Jahren getrennt. Ich sage Ihnen, die letzten paar Jahre waren absolut entsetzlich. Meine Ehe ist zerbrochen, mein Vater hatte einen Herzinfarkt, und dann ist auch noch meine Mutter gestorben. Danach sind Daddys gesundheitliche Probleme noch schlimmer geworden. Lorna hat ihn betreut, wenn ich weg mußte.«
»Sie haben sie über Ihren Mann kennengelernt?«
»Ja. Sie hat etwas über drei Jahre für Roger gearbeitet, und so bin ich ihr regelmäßig begegnet, wenn ich in der Anlage vorbeikam. Außerdem habe ich sie im Sommer auf Firmenpicknicks und bei der alljährlichen Weihnachtsfeier getroffen. Ich fand sie faszinierend. Zweifellos wesentlich klüger, als es für den Job erforderlich war.«
»Sind Sie miteinander ausgekommen?«
»Einwandfrei.«
Ich hielt inne und überlegte, wie ich die Frage formulieren sollte, die mir in den Sinn gekommen war. »Falls es nicht zu persönlich ist, könnten Sie mir dann etwas über Ihre Scheidung erzählen?«
»Meine Scheidung?« sagte sie.
»Wer hat sie eingereicht? Sie oder Ihr Mann?«
Sie legte den Kopf schief. »Das ist eine merkwürdige Frage. Warum wollen Sie das wissen?«
»Ich habe mich gefragt, ob Ihre Trennung von Roger irgend etwas mit Lorna zu tun hatte.«
Serenas Lachen kam rasch und klang erstaunt. »Ach, du liebe Zeit. Ganz und gar nicht«, sagte sie. »Wir waren seit zehn Jahren verheiratet und fingen beide an, uns zu langweilen. Er war derjenige, der das Thema anschnitt, aber ich habe ihm mit Sicherheit keine Schwierigkeiten gemacht. Ich verstand, wie er darauf kam. Er hat das Gefühl, sein Job ist eine Sackgasse. Seine Arbeit gefällt ihm zwar, aber reich wird er dabei nie werden. Er gehörte zu den Männern, deren Leben ihren eigenen Erwartungen nicht entspricht. Früher hat er sich vorgestellt, daß er mit fünfzig im Ruhestand sein würde. Nun ist er schon darüber hinaus und hat immer noch keinen roten Heller. Dagegen habe ich nicht nur einen Beruf, den ich mit Leidenschaft ausübe, sondern werde auch eines Tages das Familienvermögen erben. Damit zu leben war zuviel für ihn. Wir stehen nach wie vor auf freundschaftlichem Fuß miteinander, nur daß wir nicht mehr eng miteinander vertraut sind, was Sie sich gern von ihm bestätigen lassen können.«
»Ich glaube Ihnen«, sagte ich, obwohl ich es natürlich überprüfen würde. »Wie war das mit der Betreuung? Wie ist Lorna dazu gekommen?«
»Das weiß ich nicht mehr genau. Vermutlich habe ich beiläufig erwähnt, daß ich jemanden brauche. Ihre Behausung war klein und erstaunlich primitiv. Ich dachte, es würde ihr gefallen, sich ab und zu in einer gepflegteren Umgebung aufzuhalten.«
»Wie oft hat sie ihn betreut?«
»Insgesamt vielleicht fünf- oder sechsmal. Sie war eine Weile nicht mehr dagewesen, aber Roger meinte, sie sei nach wie vor dazu bereit. Ich könnte zu Hause in meinem Terminkalender nachsehen, falls es von Belang ist.«
»Momentan weiß ich noch nicht, was von Belang ist und was nicht. Waren Sie mit ihr zufrieden?«
»Sicher. Sie war verantwortungsbewußt, fütterte den Hund und ging mit ihm spazieren, goß die Pflanzen und holte die Zeitung und die Post herein. Sie ersparte mir die Kosten für die Hundepension, und ich war froh, jemanden im Haus zu haben, solange ich weg war. Nachdem Roger und ich uns getrennt hatten, zog ich zu meinen Eltern zurück. Mir war nach einem Tapetenwechsel zumute, und Dad mußte wegen seines Gesundheitszustands unauffällig überwacht werden. Mutters Krebs war bereits diagnostiziert worden, und sie bekam Chemotherapie. Es war so eingerichtet, daß es uns allen paßte.«
»Sie haben also zum Zeitpunkt von Lornas Tod bei Ihrem Vater gewohnt?«
»Genau. Er befindet sich in ärztlicher Behandlung, aber er ist ein reichlich widerspenstiger Patient. Ich wollte verreisen, ihn aber nicht allein zu Hause lassen. Dad war unerbittlich. Er schwor, daß er keine Hilfe bräuchte, aber ich bestand darauf. Was habe ich schon von einem Wochenendausflug, wenn ich mir die ganze Zeit Sorgen um ihn machen muß? Genau das wollte ich mit ihr absprechen, als ich zu ihrer Hütte gegangen bin und sie gefunden habe. Ich hatte seit Tagen versucht, sie anzurufen und sie nie erreicht. Roger erzählte mir, daß sie zwei Wochen Resturlaub genommen hätte, aber jeden Tag zurückkommen sollte. Ich wußte nicht genau wann, und deshalb dachte ich, ich schaue kurz vorbei und hinterlasse ihr einen Zettel. Ich habe neben der Hütte geparkt, und schon als ich aus dem Wagen stieg, bemerkte ich den Gestank — von den Fliegen ganz zu schweigen.«
»Wußten Sie, was es war?«
»Tja, ich wußte nicht, daß sie es war, aber ich wußte, daß es etwas Totes sein mußte. Der Geruch ist ziemlich eindeutig.«
Ich ging zu einem anderen Thema über. »Jeder, den ich bisher befragt habe, hat mir erzählt, wie schön sie war. Ich frage mich, ob andere Frauen sie nicht als Drohung empfunden haben.«
»Ich bestimmt nicht. Aber natürlich kann ich nicht für andere Frauen sprechen«, sagte sie. »Männer schienen sie anziehender zu finden als Frauen, aber ich habe sie nie flirten sehen. Allerdings spreche ich hier wiederum nur von Gelegenheiten, bei denen ich sie gesehen habe.«
»Nach allem, was ich gehört habe, lebte sie gern gefährlich«, sagte ich. Ich schnitt das Thema an, ohne es als Frage zu formulieren, da mich interessierte, wie ihre Reaktion ausfiel. Serena hielt meinem Blick stand, sagte jedoch nichts. Bislang hatte sie zu allen meinen Fragen einen Kommentar abgegeben. Ich versuchte es noch einmal anders. »War Ihnen bekannt, daß sie in andere Aktivitäten verwickelt war?«
»Ich verstehe die Frage nicht. Von was für Aktivitäten sprechen Sie?«
»Sexueller Natur.«
»Ah. Das. Ja. Ich nehme an, Sie meinen das Geld, das sie mit diesen Hotelgeschäften verdiente. Bumsen gegen Bezahlung«, sagte sie scherzhaft. »Ich fand nicht, daß es meine Sache wäre, davon anzufangen.«
»War es allgemein bekannt?«
»Ich glaube nicht, daß Roger davon wußte, aber ich schon.«
»Woher wußten Sie es?«
»Ich weiß es nicht genau. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Indirekt, glaube ich. Eines Abends bin ich ihr im Edgewater begegnet. Nein, warten Sie mal. Ich weiß, was passiert ist. Sie ist eines Nachts mit einer gebrochenen Nase in die Notaufnahme gekommen. Sie hatte zwar eine Erklärung dafür, aber die war nicht stichhaltig. Ich habe die Folgen von tätlichen Übergriffen und Gewaltanwendung schon zu oft gesehen, um mich täuschen zu lassen. Zu ihr habe ich nichts gesagt, aber ich wußte, daß irgend etwas los war.«
»Könnte es ein fester Freund gewesen sein? Jemand, mit dem sie zusammenlebte?«
Ich hörte Stimmen im Flur.
Sie sah zur Tür hinüber. »Das wäre wohl möglich gewesen, aber soweit ich weiß, hatte sie nie eine feste Beziehung. Auf jeden Fall kam mir die Geschichte, die sie erzählte, verdächtig vor. Ich habe sie mittlerweile vergessen, aber sie klang komplett erlogen. Und es war auch nicht nur die gebrochene Nase. Es kamen noch andere Dinge hinzu.«
»Wie zum Beispiel?«
»Ihre Garderobe und ihr Schmuck. Sie wollte, daß es nicht auffiel, aber es entging mir trotzdem nicht.«
»Wann ist die Sache passiert, die sie in die Notaufnahme brachte?«
»Das weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht vor zwei Jahren. Schlagen Sie es in den Krankenakten nach. Dort steht das Datum.«
»Da kennen Sie die Krankenhäuser aber schlecht. Leichter bekäme ich Zugang zu Staatsgeheimnissen«, sagte ich.
Im Warteraum begann ein Baby herzzerreißend zu schluchzen.
»Spielt es denn eine Rolle?«
»Möglicherweise. Stellen Sie sich nur vor, der Kerl, der ihr die Nase zertrümmert hat, hätte beschlossen, es endgültig zu machen.«
»Oh. Ich verstehe, was Sie meinen.« Serenas Augen wanderten erneut zu der offenen Tür, als Joan vorüberging.
»Aber sie hat sich Ihnen nicht anvertraut, als sie hierher kam?«
»Überhaupt nicht. Nachdem ich sie im Edgewater gesehen hatte, zählte ich eben zwei und zwei zusammen.«
»Kommt mir wie ein großer Sprung vor.«
»Nicht, wenn Sie sie an dem Abend gesehen hätten, als ich ihr begegnet bin. Teilweise lag es an dem Typ, mit dem sie zusammen war. Älter und überaus elegant. Goldschmuck, schicker Anzug. Zweifellos ein Mann, der mit Geld um sich werfen konnte. Ich sah sie in der Bar, und später in der Boutique, wo sie Kleider anprobierte. Es muß ihn an diesem Abend ein hübsches Sümmchen gekostet haben. Vier Escada-Kostüme, und ein fünftes führte sie gerade vor.«
»Ich nehme an, Escada ist teuer.«
»Mein Gott.« Sie lachte und schlug sich gegen die Brust.
In der Untersuchungszelle gegenüber gingen die Lichter an. Ich konnte das Stimmengewirr hören: ein überreiztes Baby und eine Mutter, die mit schriller Stimme eine Tirade auf spanisch abfeuerte.
Serena sprach weiter. »Im selben Monat ist sie mir dort noch einmal begegnet, wenn ich mich recht erinnere. Die gleiche Situation, ein anderer Kerl, der gleiche Blick. Man mußte nicht besonders schlau sein, um es zu begreifen.«
»Glauben Sie, daß einer von diesen Männern sie zusammengeschlagen hat?«
»Ich halte das auf jeden Fall für eine bessere Erklärung als die, die sie mir gegeben hat. Ich will nicht behaupten, daß es immer zutrifft, aber eine Reihe von Männern in diesem Alter kämpft mit zunehmender Impotenz. Sie kaufen sich teure Callgirls und werfen mit Geld um sich. Champagner und Geschenke, eine umwerfende junge Frau im Schlepptau. Oberflächlich gesehen macht sich das gut, und alle denken, was für ein toller Hengst er doch ist. Was diese Männer suchen, ist eine Beziehung, in der sie überlegen sind, weil sie anders keinen mehr hochkriegen. Er zahlt für ihre Dienste, und wenn sein Ding nicht funktioniert, ist es ihre Schuld und nicht seine, und er kann seiner Enttäuschung in jeder ihm genehmen Form Ausdruck verleihen.«
»Mit der Faust.«
»Wenn Sie es unter diesem Aspekt sehen wollen, warum nicht? Er hat sie bezahlt. Sie gehört ihm. Wenn er es nicht bringt, kann er sie dafür verantwortlich machen und ihr eine Abreibung verpassen.«
»Tolles Geschäft. Sie behält das Geld und die Kleider im Austausch für die Bestrafung.«
»Sie wird ja nicht immer bestraft. Manche von diesen Typen werden selbst gern bestraft. Geschlagen und erniedrigt. Sie lassen sich gern ihre kleinen Hintern versohlen, weil sie ganz, ganz böse waren.«
»Hat Lorna Ihnen das erzählt?«
»Nein, aber ich habe es von zwei anderen Huren gehört, die hier im Ort ihre Runden drehen. Außerdem habe ich einiges über dieses Thema gelesen, als ich mein Examen gemacht habe. Immer wieder habe ich sie hier hereinkommen sehen und mich darüber aufgeregt, wie sie behandelt worden sind, wütend, weil ich nicht wirklich begriff, was sich da abspielte. Ich wollte sie retten, sie vor den >bösen< Kerlen beschützen. Als ob das etwas genutzt hätte. Seltsamerweise bin ich eine bessere Krankenschwester, wenn ich distanziert bleiben kann.«
»Und das haben Sie bei ihr getan?«
»Genau. Ich habe Mitleid empfunden, aber nicht versucht, sie >umzukrempeln<. Das war nicht meine Aufgabe. Und sie hat es auch nicht als Problem betrachtet, zumindest nicht, soweit ich weiß.«
»Sie scheinen sich oft im Edgewater aufzuhalten. Treffen sich dort heutzutage die Singles?«
»Die Singles in unserer Altersgruppe schon. Ich bin sicher, Jüngere würden es maßlos verstaubt und die Preise astronomisch finden. Ehrlich gesagt macht sich das Eheleben dagegen ziemlich gut.«
»Können Sie sich zufällig noch daran erinnern, wann genau Sie sie dort gesehen haben? Wenn ich im Hotel nachfrage, läßt es sich leichter überprüfen.«
Sie überlegte kurz. »Einmal war ich mit einer Gruppe Freundinnen dort. Wir treffen uns immer, um Geburtstage zu feiern. Damals war es meiner, also muß es Anfang März gewesen sein. Wir schaffen es nicht immer, uns genau am richtigen Tag zu treffen, aber es muß ein Freitag oder Samstag gewesen sein, weil wir immer an diesen Tagen ausgehen.«
»Und das war im vergangenen März?«
»Muß wohl.«
»War das vor der gebrochenen Nase oder danach?«
»Keine Ahnung.«
»Wußte Lorna, daß Sie Bescheid wußten?«
»Tja, sie hat mich an diesem einen Abend gesehen und davor vielleicht noch zweimal. Da Roger und ich bereits getrennt lebten, war ich fast jedes Wochenende mit Freunden aus. Lorna und ich haben nicht gerade offen über ihren >Beruf< diskutiert, aber es gab versteckte Anspielungen.« Serena hatte mit den Zeigefingern beider Hände die Anführungszeichen um das Wort Beruf angedeutet.
»Ich bin einfach neugierig. Wie kommt es, daß Sie sich so genau erinnern? Die meisten Leute wissen nicht einmal mehr, was gestern passiert ist.«
»Die Polizei hat mich das meiste davon schon einmal gefragt, und ich habe es im Gedächtnis behalten. Außerdem habe ich viel darüber nachgedacht. Ich habe keine Ahnung, warum sie ermordet wurde, und es belastet mich.«
»Sie glauben, sie ist ermordet worden?«
»Ich halte es für wahrscheinlich, ja.«
»Wußten Sie, daß sie mit Pornographie zu tun hatte?«
Serena runzelte leicht die Stirn. »Inwiefern?«
»Sie hat in einem Video mitgespielt. Jemand hat die Kassette vor einem Monat ihren Eltern geschickt.«
»Was war es denn? Ein Film, in dem jemand umgebracht wird? Sado-Maso?«
»Nein. Was die Geschichte und das Thema anging, war er ziemlich hausbacken, aber Mrs. Kepler hat den Verdacht, er könnte etwas mit Lornas Tod zu tun haben.«
»Sie auch?«
»Ich werde nicht dafür bezahlt, daß ich mir jetzt schon eine Meinung bilde. Ich möchte mir alles offenhalten.«
»Das verstehe ich«, sagte sie. »Es ist, wie wenn man eine Diagnose stellt. Man sollte das Offensichtliche nie ausschließen.«
Es klopfte an der Tür, und Joan äugte herein. »Tut mir leid, wenn ich störe, aber wir haben hier drüben ein Baby, das du dir mal ansehen solltest. Ich habe schon den Assistenzarzt gerufen, aber ich finde, du solltest auch einen Blick auf den Kleinen werfen.«
Serena stand auf. »Melden Sie sich, wenn es noch etwas gibt«, sagte sie zu mir, während sie auf die Tür zuging.
»Das werde ich tun. Und vielen Dank.«
Durch die verlassenen Straßen fuhr ich zu meiner Wohnung zurück. Langsam begann ich mich in der nächtlichen Welt heimisch zu fühlen. Das Wesen der Dunkelheit wechselt von Stunde zu Stunde. Wenn erst einmal die Bars schließen und der Verkehr spärlich wird, tritt um drei Uhr morgens die absolute Stille ein. Die Kreuzungen liegen verlassen da. Die Ampeln bilden mit ihren leuchtenden Os in Rot und Seegrün glitzernde Ketten, die man Hunderte von Metern weit sehen kann.
Die Wolken zogen sich enger zusammen. An den Bergen hing der Nebel dicht wie Watte, und die mit Straßenlampen besetzten grauen Hügel hoben sich vor dem Hintergrund des wabernden Dunstes ab. Die Fenster der meisten Wohnhäuser, die ich sah, waren dunkel. Wo noch vereinzelt Licht brannte, stellte ich mir Studenten vor, die sich in letzter Minute eine Seminararbeit abrangen, der Alptraum junger Menschen. Vielleicht brannten die Lichter aber auch für erst neuerdings schlaflos Gewordene wie mich.
Ein Polizeiauto fuhr langsam den Cabana Boulevard hinunter, und der uniformierte Beamte drehte sich um und starrte mir nach, als ich vorbeifuhr. Ich bog nach links in meine Straße ein und fand gleich einen Parkplatz. Ich stieg aus und sperrte den Wagen ab. Inzwischen war der Himmel samtig von Wolken, und man konnte keinen einzigen Stern mehr sehen. Dunkelheit umfing die Erde, während der Himmel von gespenstischem Licht gefärbt war wie dunkelgraues Transparentpapier mit weißen Kreideflecken. Hinter mir hörte ich das leise Zischen von Luft, die rasch durch Fahrradspeichen gleitet. Ich drehte mich noch rechtzeitig genug um, um einen Mann auf einem Fahrrad vorüberfahren zu sehen. Sein Rücklicht und die Streifen reflektierenden Klebebands auf seinen Fersen ließen ihn von hinten aussehen wie jemand, der mit drei kleinen Lichtpunkten jongliert. Die Wirkung war seltsam beunruhigend, eine Zirkusnummer der Geister, einzig und allein für mich vorgeführt.
Ich schritt durch das Tor, ging in meine Wohnung und machte das Licht an. Alles war aufgeräumt, genauso wie ich es verlassen hatte. Die Stille durchdrang alles. Ich spürte einen leisen Anflug von Unruhe, ausgelöst durch Erschöpfung, die späte Stunde und die leeren Räume um mich herum. So würde ich nie einschlafen können. Es war wie beim Hunger: Wenn der Heißhunger vorüber war, nahm der Appetit ab und man kam einfach ohne Essen aus. Essen, schlafen — worin lag denn schon der Unterschied? Der Stoffwechsel schaltet auf Sparflamme und holt sich die Energie aus irgendeiner anderen Quelle. Wäre ich um neun oder auch zehn Uhr zu Bett gegangen, hätte ich die Nacht durchschlafen können. Doch nun war meine Schlaferlaubnis abgelaufen. Nachdem ich nun schon so lange aufgeblieben war, war ich zu weiterem Wachbleiben verurteilt.
Mein Körper war müde und angeheizt zugleich. Ich warf Tasche und Jacke auf den Stuhl neben der Tür und sah auf den Anrufbeantworter: keine Nachrichten. Hatte ich Wein im Haus? Nein, hatte ich nicht. Ich untersuchte den Inhalt meines Kühlschranks und konnte nichts von kulinarischem Interesse entdecken. Meine Speisekammer war ebenso karg bestückt: ein paar Konservendosen und trockene Hülsenfrüchte, die weder einzeln noch in irgendeiner Kombination auch nur etwas entfernt Eßbares ergeben würden, es sei denn, man schwärmte für rohe Linsen mit Ahornsirup. Im Erdnußbutterglas hatten sich am Boden spiralige Formen abgesetzt, als sei der Rest ausgelaufen. Ich schnappte mir ein Küchenmesser, schabte die Seiten des Glases ab und leckte die Erdnußbutter beim Herauslaufen von der Messerschneide. »Das ist ja wirklich erbärmlich«, sagte ich lachend, aber eigentlich kümmerte es mich nicht im geringsten.
Beiläufig schaltete ich den Fernseher an. Lornas Band steckte noch im Videorecorder. Ich drückte auf die Fernbedienung, und das Band begann erneut zu laufen. Ich hatte nicht die leiseste Absicht, mir spätnachts noch einen Sexfilm anzusehen, aber ich ging zweimal den Abspann durch. Am Vorabend hatte ich bei der Telefonauskunft von San Francisco angerufen und auf die Nummer der Produktionsfirma Cyrenaic Cinema gehofft. Im Abspann waren sowohl der Produzent als auch der Regisseur und der Cutter namentlich aufgeführt: Joseph Ayers, Morton Kasselbaum und Chester Ellis. Zum Teufel auch, die Leute von der Telefonauskunft sind ohnehin die ganze Nacht wach.
Ich versuchte es in umgekehrter Reihenfolge mit den Namen und zog mit den ersten beiden Nieten. Aber der Produzent war ein Volltreffer. Die Telefondame säuselte: »Danke, daß Sie AT&T benutzen«, und eine Bandaufzeichnung setzte ein. Eine mechanische Stimme meldete sich und nannte mir zweimal die Telefonnummer von Joseph Ayers.
Ich schrieb sie auf und rief erneut bei der Telefonauskunft von San Francisco an, diesmal, um nach einem Eintrag unter den Namen der anderen beiden Darsteller zu fragen, Russell Turpin und Nancy Dobbs. Sie war nicht eingetragen, aber es gab zwei Turpins mit dem Vornameninitial R, einer in Haight und einer in Greenwich. Ich notierte mir beide Nummern. Auf die Gefahr hin, meine Zeit und Janice Keplers Geld zu vergeuden, mochte eine Fahrt in den Norden eventuell die Mühe wert sein. Wenn die Kontakte zu nichts führten, bestand zumindest Hoffnung, die Pornogeschichte als Ursache für den Tod ihrer Tochter ausschließen zu können.
Ich rief in Frankie’s Coffee Shop an, und Janice nahm beim zweiten Klingeln ab. »Janice, hier ist Kinsey. Ich habe eine Frage.«
»Schießen Sie los. Hier ist überhaupt kein Betrieb.«
Ich erzählte ihr die wichtigsten Einzelheiten aus meinen Gesprächen mit Fieutenant Dolan und Serena Bonney und informierte sie dann über meine Mini-Erfassung des Pornofilmteams. »Ich glaube, es könnte sich lohnen, mit dem Produzenten und dem anderen Schauspieler zu sprechen.«
»Ich kann mich an ihn erinnern«, unterbrach sie mich.
»Ja, gut, und ich hoffe, daß ich mit diesem Turpin und dem Produzenten ein paar Dinge klären kann. Ich werde versuchen, sie beide zuvor telefonisch zu erreichen, aber ich finde, es wäre sinnvoll, eine kleine Reise zu unternehmen. Wenn ich mit den beiden einen Termin ausmachen kann, werde ich wohl hochfahren.«
»Sie wollen fahren?«
»Das hatte ich vor.«
»Haben Sie nicht einen winzigen, kleinen VW? Warum fliegen Sie nicht? Ich an Ihrer Stelle würde das tun.«
»Das könnte ich wohl«, sagte ich zweifelnd. »Allerdings wird bei einem so kurzfristigen Flug das Ticket Unsummen kosten. Außerdem müßte ich mir dort einen Wagen mieten. Motel, Mahlzeiten...«
»Das macht mir nichts aus. Heben Sie einfach Ihre Quittungen auf, und wir werden Ihnen alles erstatten, wenn Sie wieder zurück sind.«
»Was ist mit Mace? Haben Sie ihm von dem Film erzählt?«
»Tja, ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich es tun würde. Zuerst war er natürlich schockiert, und dann wurde er fürchterlich wütend. Nicht auf sie, sondern auf denjenigen, der sie dazu angestiftet hat.«
»Was hält er von den Ermittlungen an sich? Gestern kam er mir nicht gerade begeistert vor.«
»Er hat mir dasselbe gesagt wie Ihnen«, sagte sie. »Wenn es mich glücklich macht, ist er damit einverstanden.«
»Bestens. Ich werde vermutlich morgen irgendwann am Nachmittag hochfliegen und mich wieder bei Ihnen melden, wenn ich zurück bin.«
»Guten Flug«, wünschte sie mir.