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Cheries Schlafzimmermobiliar bestand aus einer Fünfziger-Jahre-Garnitur aus hellem Holz mit geschwungenen Linien. Sie setzte sich vor eine Frisierkommode mit einem großen, runden Spiegel in der Mitte und zwei tiefen Schubladen auf jeder Seite. Dann schaltete sie eine Lampe auf der Frisierkommode an, womit sie den Rest des Zimmers in Schatten tauchte. Sie besaß ein Doppelbett mit einem Kopfteil aus hellem Holz, einen hellen Nachttisch, einen alten Plattenspieler für 45 er mit einer massigen, schwarzen Kurbel und einen schwarzen Schmetterlingssessel aus Schmiedeeisen und Segeltuch, auf dem sich abgelegte Kleidungsstücke türmten. Die einzige Sitzgelegenheit für mich wäre das Doppelbett gewesen. Ich beschloß, mich statt dessen an den Türrahmen zu lehnen.
Cherie wand sich aus Hüfthalter und Strumpfhose und warf beides auf den Fußboden. Dann drehte sie sich zum Spiegel und musterte sich eingehend. Sie beugte sich vor und bedachte die Fältchen um ihre Augen mit einem kritischen Blick. Angewidert schüttelte sie den Kopf. »Ist Altern nicht das letzte? Manchmal glaube ich, ich sollte mich einfach erschießen und es hinter mich bringen.«
Vor meinen Augen breitete sie ein sauberes, weißes Handtuch aus und holte Fettcreme, Gesichtswasser, Wattebällchen und Q-Tips hervor, offensichtlich als Vorbereitung darauf, ihr Make-up zu entfernen. Ich habe schon Zahnarzthelferinnen gesehen, die beim Zusammenstellen der Instrumente weniger penibel ans Werk gingen.
»Haben Sie Lorna gekannt?« fragte ich.
»Ich bin ihr mal begegnet. >Gekannt< habe ich sie nicht.«
»Wie fanden Sie sie?«
»Ich war natürlich neidisch. Sie war das, was man eine natürliche Schönheit nennt. Alles so mühelos. Das reicht, um einen krank zu machen.« Ihr Blick begegnete im Spiegel dem meinen. »Sie tragen nicht viel Make-up, deshalb können Sie damit wahrscheinlich nichts anfangen, aber ich verwende Stunden auf mein Aussehen, und mit welchem Erfolg, frage ich? Eine Viertelstunde auf der Straße, und alles löst sich in Luft auf. Mein Lippenstift wird aufgefressen. Mein Lidschatten verendet in dieser Falte... sehen Sie sich das an. Mein Eyeliner wandert aufs Oberlid. Jedesmal, wenn ich mich schneuze, geht die Grundierung mit dem Taschentuch dahin wie abblätternde Farbe. Lorna war genau das Gegenteil. Sie mußte überhaupt nichts machen.« Sie zog eine Reihe falsche Wimpern ab und legte sie in ein kleines Schächtelchen, wo sie lag wie ein Zwinkern. Dann zog sie die andere ab und legte sie neben die erste. Nun sahen sie aus wie zwei im Schlaf geschlossene Augen. »Was hätte ich für eine Haut wie ihre nicht alles gegeben«, sagte sie. »Na ja. Was kann ein armes Mädchen schon tun?« Sie fuhr sich mit einer Hand an die Stirn und nahm ihr Haar ab. Darunter trug sie etwas, was wie eine Gummibadekappe aussah. Sie senkte die Stimme auf ihren natürlichen Bariton und wandte sich an mein Spiegelbild. »Hallo! Hier haben wir Russell. Erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte er. Wie in einer Varieténummer verschwand Cherie und hinterließ an ihrer Stelle einen etwas unsicher dreinblickenden Mann. Er drehte sich um und setzte sich in Positur. »Seien Sie ehrlich. Wer ist Ihnen lieber?«
Ich lächelte. »Cherie gefällt mir.«
»Mir auch«, sagte er. Er drehte sich um und betrachtete sich erneut, diesmal noch eingehender. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ätzend es ist, jeden Morgen mit einem Bart aufzuwachen. Und dieser Penis! Mein Gott. Stellen Sie sich das in Ihren zarten Spitzenhöschen vor. Wie ein dicker, fetter, häßlicher Wurm. Erschreckt mich zu Tode.« Er trug Fettcreme auf sein Gesicht auf und wischte das Make-up mit raschen Bewegungen weg.
Ich konnte den Blick nicht von ihm wenden. Die Täuschung war perfekt gewesen. »Machen Sie das jeden Tag? Frauenkleider anziehen?«
»Fast jeden Tag. Nach der Arbeit. Von neun bis fünf bin ich Russell: Krawatte, Sakko, schickes Hemd, alles, was dazu gehört. Ich trage zwar keine Halbschuhe mit Lochmuster, aber das moralische und geistige Äquivalent dazu.«
»Was sind Sie denn von Beruf?«
»Ich bin stellvertretender Geschäftsführer in der hiesigen Filiale von Circuit City und verkaufe Stereoanlagen. Abends kann ich abschalten und tun und lassen, was ich will.«
»Können Sie nicht von Ihren Einkünften als Schauspieler leben?«
»Oh. Sie haben den Film gesehen«, sagte er. »Ich habe minimal dabei verdient, und es ist auch nichts weiter dabei herausgekommen, wobei ich sagen muß, daß mir das eine Erleichterung war. Stellen Sie sich bloß die Ironie vor, wenn ich als Russell berühmt geworden wäre, wo ich doch in meinem Herzen Cherie bin.«
»Ich war gerade bei Joe Ayers und habe mit ihm gesprochen. Er sagt, er hätte seine Firma verkauft.«
»Versucht wohl, seriös zu werden, schätze ich.« Er zog die Augenbrauen hoch und lächelte leicht. Seine Miene ließ erahnen, daß die Chancen darauf gering standen. Nachdem das Make-up entfernt war, tränkte er einen Wattebausch mit Gesichtswasser. Er begann, die Fettcreme und die restlichen Spuren der Grundierung abzuwischen.
»Wie viele Filme haben Sie für ihn gemacht?«
»Nur den einen.«
»Waren Sie enttäuscht darüber, daß er nie veröffentlicht wurde?«
»Damals schon. Aber seither ist mir klar geworden, daß mir nicht daran gelegen ist, aus meinem >Apparat< Profit zu schlagen. Es ist mir ein Greuel, ein Mann zu sein. Ich hasse dieses ganze Machogehabe und diesen Scheiß und die ganze Mühe, die damit verbunden ist. Es macht viel mehr Spaß, eine Frau zu sein. Manchmal bin ich versucht, >ihn< wegzumachen, aber ich könnte es nicht ertragen, mich chirurgisch verändern zu lassen, wo ich nun schon einmal dermaßen ausgestattet bin. Vielleicht wäre ja ein Organspenderprogramm an ihm interessiert«, sagte er. Er fuhr beiläufig mit der Hand durch die Luft. »Aber Schluß mit meinen vertrackten Problemen. Was kann ich Ihnen sonst noch über Lorna sagen?«
»Ich weiß nicht. Ich habe Sie so verstanden, daß Sie sie gar nicht so gut kannten.«
»Das hängt von Ihrem Blickwinkel ab. Wir haben während der Dreharbeiten zwei Tage zusammen verbracht. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und uns unsere kleinen Ärsche abgelacht. Sie war ja so was von pfiffig. Flippig und furchtlos und mit einem wüsten Humor. Wir waren seelenverwandt. Ganz im Ernst. Ich war untröstlich, als ich hörte, daß sie tot ist, ausgerechnet.«
»Und das war das einzige Mal, daß Sie sie gesehen haben? Bei den Dreharbeiten?«
»Nein, ich bin ihr vielleicht zwei Monate später noch einmal über den Weg gelaufen, als sie hier oben beim Einkäufen war, mit dieser schweinchenartigen Schwester.«
»Welche denn? Sie hat zwei.«
»Oh, wirklich. Ich weiß ihren Namen nicht mehr. Irgend etwas Seltsames jedenfalls. Sie sah wie ein Abklatsch von Lorna aus: das gleiche Gesicht, aber total gemästet. Auf jeden Fall sind sie mir auf der Straße in der Nähe des Union Square begegnet, und wir sind stehengeblieben und haben ein bißchen geplaudert. Sie sah so phänomenal aus wie immer. Da habe ich sie zum letzten Mal gesehen.«
»Was ist mit der anderen Schauspielerin, dieser Nancy Dobbs? War sie eine Freundin von Lorna?«
»O Gott. War sie nicht der Untergang? Das reinste Stück Holz.«
»Sie war ziemlich schlecht«, gab ich zu. »Hat sie noch andere Filme für Ayers gedreht?«
»Das bezweifle ich. Nein, ganz bestimmt nicht. Ich glaube, sie hat diesen einen auch nur aus einer Laune heraus gemacht. Jemand anders war engagiert und ist in letzter Minute abgesprungen. Lorna hat sie an die Wand gespielt. Nancy war entsetzlich ehrgeizig, aber ohne das Talent oder den Körper, um es besonders weit zu bringen. Sie gehört zu den Frauen, die sich nach oben zu bumsen versuchen, bloß daß keiner scharf auf sie war; wie weit sollte sie da schon kommen? So eine Kuh.« Russell lachte. »Ehrlich, sie hätte es auch mit einer Kuh getrieben, wenn sie gedacht hätte, daß sie das weiterbringt.«
»Wie ist sie mit Lorna ausgekommen?«
»Soweit ich weiß, hatten sie nie Ärger miteinander, aber insgeheim fühlte sich jede der anderen unendlich überlegen. Das weiß ich, weil sich beide zwischen den Einstellungen mir anvertraut haben.«
»Lebt sie noch in der Stadt? Ich hätte gern mit ihr gesprochen.«
Russell sah mich erstaunt an. »Haben Sie sie denn heute abend nicht gesehen? Ich hatte angenommen, daß Sie bei Ayers mit ihr gesprochen hätten.«
»Was sollte sie denn dort zu suchen haben?«
» Sie ist mit ihm verheiratet. Das ist der Knüller, was? Während der ganzen Dreharbeiten hat sie sich ihm praktisch an den Hals geworfen. Und das nächste, was wir hörten... ta-tah. Mit einem Mal war sie Mrs. Joseph Ayers, die bekannte Gesellschaftsdame. Vermutlich hat er deshalb die Pornofilme abgestoßen. Stellen Sie sich nur vor, wenn das herauskommt. Er nennt sie übrigens >Duchess<. Ist das nicht snobistisch?«
»Gab es je Hinweise darauf, daß Joe Ayers’ Verhältnis zu Lorna nicht rein beruflicher Natur war?«
»Er hatte nie eine sexuelle Beziehung zu ihr, falls Sie das meinen. Es ist wirklich eine Art Klischee, daß diese Typen loszögen, um >die Ware zu testen<. Glauben Sie mir, er war einzig und allein an einem schnellen Dollar interessiert.«
»Lornas Mutter scheint anzunehmen, daß ihr Tod irgend etwas mit dem Film zu tun hat.«
»Das kann schon möglich sein, aber warum sollte jemand sie deswegen umbringen? Sie hätte ein Star werden können, wenn sie noch länger gelebt hätte. Und was die angeht, die daran mitgearbeitet haben: Wir sind miteinander ausgekommen, das können Sie mir glauben. Wir waren alle so dankbar für die Gelegenheit, daß wir uns ganz besonders bemüht haben«, sagte er. »Wie um alles in der Welt hat ihre Mutter davon erfahren?«
»Jemand hat ihr das Band geschickt.«
Russell starrte mein Spiegelbild an. »Als Beileidsbezeugung ist das ausgesprochen geschmacklos«, meinte er. »Aufrichtige Anteilnahme stellt man sich ein bißchen anders vor.«
»Wie wahr.«
Ich fuhr zurück ins Hotel und fühlte mich hellwach. Um zwei Uhr morgens ist in Santa Teresa alles dicht. In San Francisco hatten zwar die Bars geschlossen, aber zahlreiche Geschäfte waren noch geöffnet. Tankstellen, Buchhandlungen, Fitneßstudios, Videoverleihe, Coffee Shops, ja sogar Bekleidungsgeschäfte. Ich stieg aus meinen flachen Slippern und dem Allzweckkleid und streifte die Strumpfhose mit der gleichen Erleichterung ab, die sich auf Cheries Miene gezeigt hatte. Erst als ich in Jeans und Rollkragenpullover steckte, fühlte ich mich wieder wie in meiner eigenen Haut. Ich entdeckte zwei Häuser neben dem Del Rey ein rund um die Uhr geöffnetes Lokal und verspeiste ein üppiges Frühstück. Dann ging ich wieder in mein Zimmer und legte die Kette vor. Ich zog die Reeboks aus, stopfte mir sämtliche Kissen in den Rücken und ging Lornas Akte noch einmal durch, wobei ich mir sowohl die Zeichnungen vom Tatort als auch die beiliegenden Fotos genauer ansah.
Der Fotograf hatte die Außenseite des Hauses und den Garten davor und dahinter abgelichtet, und zwar in nördlicher, südlicher, östlicher und westlicher Richtung. Es gab Aufnahmen von der vorderen und der hinteren Veranda, den hölzernen Geländern und den Fenstern. Die Vordertür war geschlossen, aber nicht abgesperrt gewesen und wies keine Zeichen gewaltsamen Eindringens auf. In der Hütte selbst waren weder eine Waffe noch Anzeichen irgendeines Kampfes zu sehen. An den Stellen, wo die Experten für Fingerabdrücke mit ihren verschiedenen Pulvern am Werk gewesen waren, konnte ich farbige Flecken erkennen. Dem Bericht zufolge hatte man fraglichen Personen Abdrücke von Fingern und Handflächen abgenommen, und die meisten Abdrücke in der Hütte konnten eindeutig zugeordnet werden. Die meisten stammten von Lorna selbst. Manche stammten von Familienmitgliedern, dem Vermieter, ihrer Freundin Danielle und mehreren Bekannten, die von Kriminalbeamten verhört worden waren. Viele Oberflächen waren außerdem abgewischt worden.
Die Aufnahmen von Lorna fingen mit einer Totalen an und dokumentierten ihre Lage gegenüber der Eingangstür. Dann gab es Fotos aus mittlerer Entfernung und Nahaufnahmen mit einem Lineal im Bild, um den Maßstab anzugeben. Die Dokumentation zeichnete den gesamten Tatort lückenlos nach. Die flachen, zweidimensionalen Bilder frustrierten mich. Ich wäre am liebsten in die Fotos gekrochen, hätte sämtliche Objekte auf den Tischen untersucht, Schubladen aufgezogen und ihren Inhalt durchwühlt. Ich ertappte mich dabei, wie ich die Augen zusammenzog, mir die Bilder näher vors Gesicht hielt und sie wieder weiter weg hielt, als würde ihr Gegenstand dadurch schlagartig schärfer. Ich starrte die Leiche an, musterte den Hintergrund und nahm Dinge am Rand meines Gesichtsfelds wahr.
Als ich die Hütte gesehen hatte, war schon kein Mobiliar mehr da. Nur das Gerippe von Lornas Behausung war intakt geblieben: leere Schränkchen sowie Badezimmer-, Küchen- und Elektroinstallationen. Um meiner Vorstellungskraft auf die Sprünge zu helfen, war es gut, die Bilder zu sehen. In meinen Gedanken hatten sich die Proportionen der Räume und die relativen Entfernungen bereits zu verzerren begonnen. Ich ging die Bilder ein zweites und dann ein drittes Mal durch. In den zehn Monaten seit Lornas Tod war der Tatort auseinandergenommen worden, und das war alles, was übriggeblieben war. Falls ein Mord jemals bewiesen und ein Verdächtiger vor Gericht gestellt wurde, könnte die gesamte Anklage ohne weiteres ausschließlich auf dem Inhalt dieses Umschlags beruhen. Und wie standen die Chancen? Was konnte ich so spät noch zustande bringen? Eigentlich ahmte ich bei meinen Ermittlungen die in Spiralen verlaufende Methode einer Untersuchung des Tatorts nach: Ich begann in der Mitte und bewegte mich in immer weiter werdenden Kreisen nach außen. Das Problem war nur, daß ich keine Richtung und keine eindeutige Spur verfolgen konnte. Ich hatte ja nicht einmal eine Theorie darüber, warum sie gestorben war. Es war ein Gefühl, als würde ich fischen und die Fliege in der Hoffnung auswerfen, irgendwie einen Killer an den Haken zu bekommen. Das einzige, was dieser verschlagene Teufel tun mußte, war, in Deckung zu bleiben und aus den Tiefen der Bucht meinen Köder im Auge zu behalten.
Ich blätterte die Akte durch und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Falls er kein Lust- oder Serienmörder ist, muß jemand, der einen Mord begeht, einen Grund haben, ein konkretes Motiv dafür, daß er sein Opfer tot sehen will. Was Lorna Kepler betraf, wußte ich noch immer nicht, was der Grund war. Finanzielle Bereicherung war eine Möglichkeit. Sie hatte Vermögen hinterlassen. Ich notierte mir, daß ich Janice zu diesem Punkt befragen wollte. Ging man von der Annahme aus, daß Lorna keine Nachkommen hatte, wären Janice und Mace ihre gesetzlichen Erben, wenn sie ohne Testament gestorben war. Es war schwer, sich einen von beiden als Mörder vorzustellen. Wäre es Janice gewesen, so wäre es idiotisch, sich selbst in den Rücken zu fallen und mich ins Spiel zu bringen. Mace war ein Fragezeichen. Jedenfalls hatte er meiner Vorstellung von einem trauernden Elternteil nicht entsprochen. Eine weitere Möglichkeit waren ihre Schwestern, obwohl mir keine von beiden schlau oder tatkräftig genug vorkam.
Ich griff zum Telefon und rief Frankie’s Coffee Shop an. Janice nahm selbst den Hörer ab. Im Hintergrund konnte ich Musik aus der Musikbox hören, aber sonst kaum etwas.
»Hallo, Janice. Hier ist Kinsey, aus San Francisco.«
»Ah, Kinsey. Wie geht’s Ihnen? Ich wundere mich immer wieder, wenn ich zu so später Stunde von Ihnen höre. Haben Sie den Kerl gefunden, für den sie gearbeitet hat?«
»Ich habe ihn heute abend gesprochen, und außerdem habe ich einen der anderen Schauspieler aus dem Film ausfindig gemacht. Ich bin mir noch nicht im klaren darüber, was ich von den beiden halten soll. In der Zwischenzeit bin ich auf etwas anderes gestoßen. Könnte ich eventuell einen Blick auf Lornas Finanzunterlagen werfen?«
»Ich denke schon. Können Sie mir sagen, warum, oder ist das Geheimsache?«
»Zwischen uns ist nichts Geheimsache. Sie zahlen ja für meine Dienste. Ich versuche, ein Motiv zu finden. Geld wäre eine offenkundige Möglichkeit.«
»Das stimmt wohl, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, daß es in diesem Fall zutreffen könnte. Niemand von uns hat auch nur geahnt, daß sie Geld hatte, bis sie starb und wir ihre Papiere durchgingen. Ich bin immer noch schockiert. Es war unglaublich, von meinem Blickwinkel aus. Andauernd habe ich ihr Zwanziger zugesteckt, damit sie auch bestimmt ordentlich aß. Und dann saß sie da auf diesen ganzen Aktien und Wertpapieren und Sparbüchern. Sie muß sechs davon gehabt haben. Man sollte annehmen, daß sie mit so viel Geld ein bißchen besser hätte leben können.«
Ich wollte ihr gerade sagen, daß das Geld ein Teil von Lornas Altersversorgung war, doch irgendwie kam mir das taktlos vor, nachdem sie ja nicht lang genug gelebt hatte, um in diesen Genuß zu kommen. »Gab’s ein Testament?«
»Nun, ja. Nur ein Blatt Papier, das sie selbst verfaßt hatte. Sie hinterließ alles Mace und mir.«
»Das würde ich gern sehen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
»Sie können alles sehen, was Sie wollen. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, suche ich die Schachtel mit Lornas Papieren heraus und stelle sie auf Berlyns Schreibtisch. Sie können vorbeikommen, wenn Sie wieder hier sind und sie bei ihr abholen.«
»Das wäre gut. Ich möchte sowieso mit Ihren beiden Töchtern sprechen.«
»Oh, nur zu. Dabei fällt mir ein: Haben Sie mit dieser Frau gesprochen, bei der Lorna das Haus gehütet hat?«
»Einmal.«
»Tja, ich wollte Sie fragen, ob Sie mir einen Gefallen tun würden. Das letzte Mal, als ich Lornas Sachen durchging, bin ich auf einen Schlüsselbund gestoßen, der bestimmt ihr gehört. Ich wollte ihn andauernd zurückgeben, bin aber einfach nicht dazu gekommen.«
»Soll ich ihn bei ihr vorbeibringen?«
»Da wäre ich Ihnen dankbar. Ich habe zwar das Gefühl, als sollte ich es selbst tun, aber ich habe einfach nicht die Zeit. Und bitte garantieren Sie mir, daß ich alles zurückbekomme, wenn Sie damit fertig sind. Es sind ein paar Dividenden- und Zinsabrechnungen dabei, die ich dem Testamentsvollstrecker vorlegen muß, wenn er ihre Einkommensteuererklärung einreicht.«
»Ist der Nachlaß schon geregelt?«
»Er ist noch in Arbeit. Was ich Ihnen gebe, sind Kopien, aber ich möchte sie trotzdem wiederhaben.«
»Kein Problem. Ich kann Ihnen wahrscheinlich alles übermorgen wieder vorbeibringen.«
»Das wäre nett.« Ich konnte hören, wie das Geplauder im Hintergrund lauter wurde. Sie sagte: »Oh, oh. Ich muß Schluß machen.«
»Bis morgen«, sagte ich und legte auf.
Ich sah mich in meinem Zimmer um, das zwar zweckmäßig, aber trostlos war. Die Matratze war so kompakt wie Lehm, während die Kissen aus Schaumgummi waren und gravierende Nackenschäden versprachen. Ich hatte einen Rückflug um die Mittagszeit gebucht. Nun war es fast drei Uhr morgens, und mir war nicht nach Schlafen zumute. Wenn ich mein Flugticket verfallen ließ, konnte ich den Mietwagen zurückfahren und ihn am Flughafen in Santa Teresa abgeben, wo mein VW auf dem Parkplatz für Langzeitparker stand. Die Fahrt würde etwa sechs Stunden dauern, und wenn ich es schaffte, nicht am Steuer einzuschlafen, wäre ich um neun Uhr morgens dort.
Ich merkte plötzlich, wie mir die Vorstellung, nach Hause zu fahren, einen Energieschub versetzte. Ich schwang die Füße über die Bettkante, angelte nach meinen Reeboks, zog sie an und ließ die Schnürsenkel hängen. Dann ging ich ins Badezimmer, sammelte meine Toilettenartikel auf und stopfte alles in den Seesack. Den Nachtportier aufzuwecken dauerte länger als die gesamte Abreise. Um drei Uhr zweiundzwanzig war ich auf der 101 unterwegs nach Süden.
Nichts ist so hypnotisch wie ein Highway bei Nacht. Die optischen Reize beschränken sich auf die Straßenmarkierungen, und der Asphalt rauscht in endlosen Streifen vorüber. Die Büsche am Straßenrand verschwimmen ineinander. Unzählige Lastzüge waren auf Achse, und Sattelschlepper transportierten Güter von Neuwagen bis zu Möbeln, von brennbaren Flüssigkeiten bis zu zusammengefalteten Pappschachteln. Wenn ich zur Seite blickte, sah ich ein Städtchen nach dem anderen, in Dunkelheit gehüllt und nur von ordentlich aufgereihten Straßenlaternen erleuchtet. Gelegentlich bot eine Reklametafel etwas Abwechslung. In großen Intervallen tauchten wie Inseln aus Licht Raststätten für Fernfahrer auf.
Ich mußte zwei Kaffeepausen einlegen. Zwar hatte ich mich dafür entschlossen, den Heimweg anzutreten, empfand die Fahrt aber inzwischen als einschläfernd und kämpfte dagegen an, daß mir die Augen zufielen. Das Radio im Mietwagen war eine angenehme Gesellschaft. Ich schaltete von einem Sender zum anderen und lauschte einem Talk-Show-Moderator, klassischer Musik, Country-Songs und unzähligen Nachrichtenblocks. Früher habe ich geraucht, und ich weiß noch, wie ich diese Gewohnheit dazu nutzte, bei Autofahrten die Zeit zu unterteilen. Heute würde ich lieber von einer Brücke fahren, als mir eine anzustecken. Eine weitere Stunde verstrich. Es dämmerte schon fast, der Himmel wurde weiß und die Bäume am Straßenrand begannen, ihre Farbe wieder anzunehmen, momentan Anthrazit und dunkles Grün. Undeutlich war mir bewußt, daß die Sonne wie ein Wasserball in meinem Gesichtsfeld aufging und die Färbung des Himmels von Dunkelgrau über Malve und Pfirsich zu Hellgelb wechselte. Ich mußte die Sonnenblende herunterklappen, um meine Augen vor dem grellen Licht zu schützen.
Um neun Uhr vierzehn hatte ich den Mietwagen abgegeben, mich in meinen VW gesetzt und rangierte nun in einen Parkplatz vor meiner Wohnung. Meine Augen brannten, und mein Körper schmerzte von einer Erschöpfung, die so unangenehm war wie Grippe, aber zumindest war ich zu Hause. Ich ging hinein, stellte fest, daß keine Nachrichten eingegangen waren, putzte mir die Zähne, streifte die Schuhe ab und fiel ins Bett. Wenigstens dieses eine Mal senkte sich der Schlaf auf mich herab wie ein Schlag auf den Kopf, und ich ging unter, unter, unter.
Ich erwachte um fünf Uhr nachmittags. Die acht Stunden hätten ausreichen müssen, aber so ausgehungert, wie ich nach Schlaf war, hatte ich das Gefühl, als müßte ich mich eigenhändig aus Treibsand herausziehen. Ich rang immer noch mit den Schwierigkeiten, mich dem umgekehrten Muster anzupassen, das mein Leben mittlerweile angenommen hatte. Im Morgengrauen ins Bett, am Nachmittag aufstehen. Ich frühstückte um die Mittagszeit und aß spät nachts zu Abend, obwohl diese Mahlzeit oft nicht mehr bot als kalte Cornflakes oder Rührei und Toast, was bedeutete, daß ich zweimal frühstückte. Mir war vage bewußt, daß eine psychische Verschiebung, ein Wandel meiner Wahrnehmung eingesetzt hatte, seit ich die Nacht mit dem Tag vertauscht hatte. Wie bei einer Art Jetlag stimmte meine innere Uhr nicht mehr mit dem Tagesablauf des Rests der Welt überein. Mein gewohntes Selbstgefühl löste sich langsam auf, und ich fragte mich, ob plötzlich eine verborgene Persönlichkeit zum Vorschein kommen würde, wie aus einem langen Schlaf erwacht. Mein Tagleben rief mich, aber ich reagierte merkwürdig zögerlich darauf.
Ich rollte mich aus dem Bett, warf meine schmutzigen Kleider in die Wäsche, duschte und zog mich an. Am Supermarkt hielt ich an und holte mir einen Joghurt und einen Apfel und verspeiste auf dem Weg zu Keplers beides im Auto. Ich hätte noch ein paar Stunden Schlaf gebrauchen können, aber ich spekulierte darauf, mit Lornas Schwestern sprechen zu können, bevor ihre Mutter aufwachte. Wie bei mir verliefen auch ihre Tage und Nächte umgekehrt, und ich fühlte eine merkwürdige Verbundenheit zwischen uns.
Diesmal stand Maces Installateurwagen nicht in der Einfahrt. Ich ließ meinen VW auf dem Randstreifen neben dem weißen Lattenzaun stehen und ging zur Veranda, wo ich klopfte. Trinny machte auf, ließ sich allerdings Zeit. »Oh, hallo. Mom hat eine Doppelschicht gearbeitet und ist noch nicht auf.«
»Das habe ich mir gedacht. Sie hat gesagt, sie würde ein paar Papiere in eine Schachtel stecken und sie für mich bei Berlyn hinterlassen.«
»Die ist noch nicht da. Sie macht ein paar Besorgungen. Wollen Sie hereinkommen und warten?«
»Ja, danke.« Ich folgte ihr durch das kleine, mit Möbeln vollgestellte Wohnzimmer zum Eßplatz, der sich in einer Ecke der Küche befand. Ein Bügelbrett stand aufgeklappt da, und der Duft frisch gedämpfter Baumwolle weckte Sehnsüchte nach dem Sommer in mir. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich einen Blick auf Berlyns Schreibtisch werfe? Wenn die Schachtel offen dasteht, kann ich sie doch gleich mitnehmen.«
Trinny griff wieder nach dem Bügeleisen. »Er ist da drinnen.« Sie zeigte auf die Tür, die ins Fernsehzimmer führte.
Eine Ecke des Raumes wurde offenbar als Büro für Kepler-Installationen zweckentfremdet. Ich erinnerte mich, daß ich sowohl den Schreibtisch als auch den Aktenschrank an dem Abend gesehen hatte, als ich mit Mace sprach. Eine Schachtel, auf die mein Name gekritzelt war, stand auf dem Tisch. Ich unterdrückte den Drang, weiter herumzuschnüffeln und nahm den Deckel ab, um den Inhalt zu überprüfen. Ein Duft stieg auf, eine zarte Mischung aus Zitrusfrüchten und Gewürzen. Ich schloß die Augen und fragte mich, ob das Lornas Duft war. Ich hatte schon öfter erlebt, daß die ganze Luft vom charakteristischen Duft einer Person erfüllt ist. Bei Männern ist es Rasierwasser, Leder oder Schweiß, bei Frauen Eau de Cologne. Der Schlüsselbund, den Janice erwähnt hatte, lag auf einer ordentlich eingepackten Ansammlung alphabetisch sortierter Aktenordner: Kontoauszüge, Einkommensteuer vergangener
Jahre, Dividenden, Aktien und verschiedene Jahresabrechnungen. Am einen Ende der Schachtel lag ein zusammengefalteter Kaschmirschal. Ich drückte ihn mir ans Gesicht und roch frisch gemähtes Gras, Zimt, Zitrone und Nelken. Dann trug ich die Schachtel in die Küche und stellte sie auf einen Küchenstuhl. Der Schal lag obenauf. »Gehörte der Lorna? Er war bei ihren Sachen in der Schachtel.«
Trinny zuckte die Achseln. »Ich denke schon.«
Ich faltete ihn zweimal und legte ihn in die Schachtel zurück. »Darf ich mich setzen? Ich hatte darauf gehofft, mit Ihnen sprechen zu können.«
»In Ordnung«, sagte sie. Sie stellte das Bügeleisen aus.
»Hoffentlich störe ich Sie nicht bei den Vorbereitungen fürs Abendessen.«
»Ich habe einen Auflauf im Ofen. Ich muß ihn nur noch aufwärmen und schnell einen Salat machen.«
Ich setzte mich und überlegte, wie ich ihr Informationen entlocken könnte. Ich war mir ja nicht einmal darüber im klaren, was ich wissen wollte, erachtete es aber als günstig, daß ich mit ihr allein war. Sie trug dieselben abgeschnittenen Jeans, in denen ich sie schon einmal gesehen hatte. Ihre Beine wirkten kräftig, und ihre nackten Füße steckten in Gummilatschen. Das T-Shirt, das sie heute anhatte, mußte Größe XXL sein. Auf der Vorderseite war es mit einem gemalten Muster verziert. Sie kam vom Bügelbrett an den Küchentisch herüber, wo sie sich mir gegenüber hinsetzte und begann, eine Tube Farbe in einem Jackson-Pollock-artigen Muster auf der Vorderseite eines neuen T-Shirts auszuquetschen. Punkte und Schnörkel. Vom Knauf eines der Küchenschränke hing ein fertiges Werk, dessen Farbauftrag sich in drei Dimensionen ausdehnte. Sie fing meinen Blick auf. »Das ist Plusterfarbe«, erklärte sie. »Man trägt sie auf und läßt sie trocknen, und wenn man sie von links bügelt, bläht sie sich so auf.«
»Das ist ja sagenhaft«, sagte ich. Ich stand auf und ging näher an den Küchenschrank heran, um das Endprodukt eine Weile in Augenschein zu nehmen. Ich fand es gräßlich, aber was verstehe ich schon davon? »Verkaufen Sie die?«
»Tja, bis jetzt noch nicht, aber ich hoffe darauf. Ich habe das gemacht, das ich anhabe, und immer, wenn ich ausgehe, sagen alle: >Oh, wow, cooles T-Shirt.< Deshalb habe ich mir gedacht, ich könnte mich selbständig machen, wenn ich schon nicht arbeiten gehe.«
Mann, o Mann. Sie und ihre Schwester Lorna, beide vom Unternehmergeist getrieben. »Seit wann machen Sie das schon?«
»Erst seit heute.«
Ich nahm meinen Platz am Küchentisch wieder ein und sah Trinny bei der Arbeit zu. Ich begann, meine Leine auszuwerfen. Es gab bestimmt etwas, das ich aus ihr herausholen könnte. Zu meiner Rechten lag ein Stapel Reiseprospekte, in denen Alaskakreuzfahrten, Skiferien und Pauschalreisen nach Kanada und in die Karibik angepriesen wurden. Ich nahm mir einen der Prospekte und überflog den Werbetext: »Das letzte unberührte Paradies der Erde... blendend weiße Strände... azurblaue Lagunen...«
Trinny sah mir zu. »Die sind von Berlyn.«
»Wo fährt sie denn hin?«
»Das weiß sie noch nicht. Sie sagt, Alaska könnte ihr gefallen.«
»Fahren Sie auch mit?«
Sie zog ein enttäuschtes Gesicht. »Dazu habe ich kein Geld.«
»Das ist aber schade. Sieht nämlich gut aus«, sagte ich. »Macht es ihr nichts aus, allein zu reisen?«
»Ä-äh. Es macht ihr Spaß. Zumindest, wenn es nicht anders geht, sagt sie. Sie hat ja schon diese eine Reise gemacht, im Herbst.«
»Ehrlich? Wo war sie denn da?«
»Acapulco. Sie war begeistert. Sie hat gesagt, wenn sie wieder hinfährt, nimmt sie mich mit.«
»Das ist ja nett. Ich war letzten Sommer in Viento Negro, aber weiter in den Süden bin ich nie gekommen.«
»Ich bin noch nicht einmal so weit weg gewesen. Berlyn ist schon immer gern gereist. Ich habe kein solches Fernweh. Ich meine, es gefällt mir und so, aber es gibt Dinge, die ich lieber tue.«
»Was zum Beispiel?«
»Ich weiß nicht. Klamotten und Zeug kaufen.«
Ich versuchte es anders. »Lornas Tod muß ein schwerer Schlag gewesen sein. Werden Sie damit fertig?«
»Ich denke schon. Für die beiden ist es hart gewesen. Ich meine, Mom und Dad standen ihr ja viel näher. Seit Lornas Tod ist irgendwie alles anders geworden. Und jetzt ist eigentlich nur noch Mom in die Sache verstrickt. Sie redet bloß noch über Lorna. Berlyn fühlt sich verletzt. Es kotzt sie wirklich an. Ich meine, was ist denn mit uns? Zählen wir gar nicht?«
»Standen Sie Lorna nahe?«
»Eigentlich nicht. Lorna stand niemandem nahe. Sie lebte in ihrer Welt und wir in unserer. Sie hatte diese Hütte, und sie liebte ihre Zurückgezogenheit. Sie haßte es, wenn jemand vorbeikam, ohne vorher zu fragen. Oft war sie überhaupt nicht zu Hause. Vor allem nachts war sie andauernd irgendwo unterwegs. Sie gab einem deutlich zu verstehen, daß man wegbleiben sollte, außer man hatte zuvor angerufen und sich einladen lassen.«
»Wie oft haben Sie sie gesehen?«
»Des öfteren hier, immer wenn sie vorbeikam. Aber in der Hütte vielleicht nur ein- oder zweimal in den drei Jahren, die sie dort gewohnt hat. Berlyn ist gern hinübergegangen. Sie ist von Natur aus ein bißchen neugierig. Lorna war echt geheimnisvoll.«
»Inwiefern?«
»Ich weiß nicht. Na ja, zum Beispiel, warum war sie denn so heikel, wenn man einfach mal vorbeigeschaut hat? Was ist denn groß dabei? Wegen uns brauchte sie sich doch keine Sorgen zu machen. Wir sind ihre Schwestern.«
»Haben Sie je herausgefunden, wo sie nachts hingegangen ist?«
»Ä-äh. Wahrscheinlich an keinen besonderen Ort. Nach einiger Zeit habe ich sie mehr oder weniger so akzeptiert, wie sie war. Sie war nicht gesellig wie wir. Berlyn und ich sind echte Kumpel. Wir sind wie Freundinnen, gehen zusammen aus und so. Zur Zeit zum Beispiel hat keine von uns einen festen Freund, also gehen wir am Wochenende ins Kino oder zum Tanzen. Lorna hat nie irgend etwas für uns getan. Na ja, ab und zu schon, aber da mußte man sich praktisch auf den Boden werfen und betteln.«
»Wie haben Sie von ihrem Tod erfahren?«
»Die Polizei ist hier vorbeigekommen und hat nach Daddy gefragt. Er war derjenige, der es Mom erzählt hat. Es war irgendwie schaurig. Ich meine, wir dachten, Lorna sei verreist. Im Urlaub, hat Mom gesagt. Deshalb haben wir uns nichts dabei gedacht, als wir nichts von ihr gehört haben. Wir haben einfach angenommen, daß sie uns schon wieder anrufen wird, wenn sie wieder da ist. Es ist eine schreckliche Vorstellung, daß sie da gelegen hat und vermodert ist.«
»Es muß entsetzlich gewesen sein.«
»O Gott. Ich habe angefangen zu schreien, und Berl wurde weiß wie eine Wand. Daddy hatte fast einen Schock. Mutter hat es am schwersten getroffen. Sie ist heute noch nicht darüber weg. Sie ist herumgestolpert und hat gekreischt und geweint und sich die Haare gerauft. So habe ich sie noch nie gesehen. Zum Beispiel als Grandma gestorben ist. Das war schließlich ihre eigene Mutter. Da hat sie echt die Ruhe bewahrt, Flüge reserviert und unsere Koffer gepackt, damit wir zur Beerdigung nach Iowa fliegen konnten. Wir waren alle noch klein und haben nichts begriffen und herzzerreißend geheult. Aber sie hat alles organisiert, absolut cool. Als wir das mit Lorna erfahren haben, ist sie einfach zusammengebrochen.«
»Die meisten Eltern rechnen nicht damit, ihre Kinder zu überleben«, sagte ich.
»Das sagen alle. Es hilft auch nicht gerade, daß die Polizei glaubt, sie sei ermordet worden und so.«
»Was glauben Sie denn?«
Trinny verzog ungewiß den Mund. »Ich denke mir, sie ist vielleicht an ihren Allergien gestorben. Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Zu ekelhaft für meinen Geschmack.«
Ich wechselte das Thema. »Waren Sie diejenige, die letztes Jahr mit Lorna nach San Francisco gefahren ist?«
»Das war Berlyn«, antwortete sie. »Wer hat Ihnen denn davon erzählt?«
»Ich habe mit dem Typ aus dem Video gesprochen.«
Sie blickte interessiert von ihrer Arbeit auf. »Mit welchem?«