19

Mein Blick fiel auf Berlyns Mund, der sich verärgert öffnete, als sie bemerkte, daß der Stuhl umgekippt war. Sie sah verschwitzt und zornig aus, ihr Dauerzustand, wie ich annahm. Ich drehte mich auf der Stelle um, so daß ich auf die Bar blickte. Mit Herzklopfen trank ich an meinem Bier. Ich hörte ihren erstaunten Ausruf. »Schau dir das an. Mein Goooott...« Sie dehnte den Fluch auf drei verschiedene Töne aus, während sie ihre Habseligkeiten zusammensammelte und sich offenbar die Zeit nahm, den Inhalt ihrer Handtasche zu überprüfen. »Da hat jemand drin herumgewühlt.«

»In deiner Tasche?« fragte der Typ.

»Ja, Gary, in meiner Tasche«, sagte sie mit von Sarkasmus triefender Stimme.

»Fehlt irgend etwas?« Er schien betroffen, verlor aber nicht gerade die Fassung. Vielleicht war er an ihren Ton gewöhnt.

Sie sagte: »He.«

Ich wußte genau, daß sie in meine Richtung sprach.

Sie stieß mich an die Schulter. »Ich rede mit Ihnen.«

Ich wandte mich mit gespielter Unschuld um. »Wie bitte?«

»O mein Gott. Was zum Teufel tun Sie denn hier?«

»Ach, hallo Berlyn. Ich dachte mir schon, daß Sie es sind«, sagte ich. »Vor einer Minute habe ich Trinny getroffen, und sie hat gesagt, Sie seien hier irgendwo. Was liegt denn an?«

Sie schüttelte die Tasche, als wäre es ein ungezogenes Hündchen. »Kommen Sie mir nicht mit diesem Stuß. Waren Sie an meiner Tasche?«

Ich legte mir eine Hand auf die Brust und sah mich verwirrt um. »Ich war auf der Toilette. Ich habe mich eben erst hingesetzt«, sagte ich.

»Haha. Sehr witzig.«

Ich sah ihren Begleiter an. »Ist sie auf Drogen?«

Er rollte mit den Augen. »Komm schon, Berl, beruhig dich, ja? Sie hat dir nichts getan. Laß die Frau in Ruhe.«

»Halt’s Maul.« Ihr blondes Haar sah in dem flackernden Licht von oben beinahe weiß aus. Ihre Augen waren schwarz umrandet, und die Wimperntusche machte aus ihren Wimpern zwei winzige Reihen Spikes. Sie fixierte mich mit einem seltsam eindringlichen Blick und plusterte sich auf wie eine Katze, wenn sie Gefahr wittert.

Ich ließ meinen Blick über ihr Gesicht gleiten und stoppte bei den Diamantreifen, die sachte an ihren Ohren schaukelten. Das freundliche Lächeln behielt ich bei. »Haben Sie vielleicht etwas zu verbergen?«

Aggressiv beugte sie sich vor, und einen Moment lang dachte ich, sie wollte mich am Kragen meines Pullovers packen. Sie schob ihr Gesicht ganz nah an meines heran, so daß ich ihren Bieratem riechen konnte, was keine so große Bedrohung war. »Was haben Sie gesagt?«

Ich sprach klar und überdeutlich. »Ich sagte, Sie haben hübsche Ohrringe. Würde mich interessieren, wo Sie die herhaben.«

Ihr Gesicht versteinerte sich. »Ich brauche nicht mit Ihnen zu sprechen.«

Ich warf ihrem Begleiter einen Blick zu, um einzuschätzen, wie er das Ganze aufnahm. Er schien nicht im geringsten interessiert. Bereits jetzt war er mir sympathischer als sie. »Was halten Sie von folgendem Vorschlag: Sie erzählen mir, wie Sie zu soviel Geld auf Ihren Sparbüchern gekommen sind.«

Der bullige Typ sah von mir zu ihr und wieder zurück. Offenbar war er verwirrt. »Sprechen Sie mit mir oder mit ihr?«

»Eigentlich mit ihr. Ich bin Privatdetektivin und bearbeite einen Auftrag«, erklärte ich. »Ich glaube nicht, daß Sie in die Sache verwickelt werden möchten, Gary. Im Moment ist zwar alles in Ordnung, aber es wird gleich äußerst ungemütlich.«

Er hielt die Hände hoch. »He, wenn ihr zwei ein Hühnchen miteinander zu rupfen habt, könnt ihr das ohne mich erledigen. Bis dann, Berl. Ich bin weg.«

Ich sagte »bye-bye« zu ihm und wandte mich dann an Berlyn. »Mein Wagen steht vor der Tür. Möchten Sie reden?«

Wir setzten uns in meinen Wagen. Auf dem Parkplatz vor Neptune’s Palace schien ebensoviel los zu sein wie drinnen. Zwei Streifenpolizisten hatten eine ernste Unterredung mit einem Jungen, der sich kaum noch aufrecht halten konnte. In der Reihe vor uns klammerte sich zwei Autos weiter ein Mädchen an einen Kotflügel, während sie den Inhalt ihres Magens von sich gab. Die Temperaturen sanken, und der Himmel über uns wirkte glasklar. Berlyn sah mich nicht an.

»Möchten Sie mit den Ohrringen anfangen?«

»Nein.« Mürrisch. Abweisend.

»Möchten Sie mit dem Geld anfangen, das Sie Lorna gestohlen haben?«

»Sie brauchen nicht so zu tun«, sagte sie. »Ich habe es nicht direkt gestohlen.«

»Ich höre.«

Sie schien sich zu winden und zu überlegen, wieviel sie mir »anvertrauen« sollte. »Ich erzähle Ihnen das unter dem Siegel der Verschwiegenheit, okay?« sagte sie.

Ich hielt in Pfadfindermanier die Hand hoch. Ich liebe Geheimnisse, je vertraulicher, desto besser. Wahrscheinlich würde ich sie verpfeifen, aber das brauchte sie ja nicht zu wissen.

Sie zierte sich noch ein Weilchen und bewegte den Mund, während sie sich überlegte, wie sie es formulieren sollte. »Lorna hat angerufen und Mom erzählt, daß sie verreisen würde. Mom hat mir erst später davon berichtet, direkt bevor sie zur Arbeit ging. Ich war ganz bestürzt, weil ich wegen dieser Reise nach Mazatlán mit Lorna sprechen mußte. Sie hatte angedeutet, daß sie mir vielleicht aushelfen könnte, und deshalb bin ich zu ihr rübergegangen. Ihr Auto stand da, aber drinnen brannte kein Licht, und sie hat nicht auf mein Klopfen reagiert. Ich dachte mir, daß sie wohl aus sein müsse. Gleich am nächsten Morgen bin ich wieder vorbeigegangen, da ich sie noch erwischen wollte, bevor sie abreiste.«

»Um wieviel Uhr war das?«

»Vielleicht neun oder halb zehn. Ich sollte an diesem Tag bis zwölf Uhr das Geld ins Reisebüro bringen, sonst hätte ich meine Anzahlung verloren. Ich hatte ihnen bereits tausend Dollar gezahlt, und ich mußte den Restbetrag haben, sonst wäre alles verfallen, was ich angezahlt hatte.«

»Das war für die Reise, die Sie letzten Herbst gemacht haben?«

»Ja.«

»Wie sind Sie auf die Idee gekommen, daß Lorna Geld hätte?«

»Lorna hatte immer Geld. Das wußten alle. Manchmal war sie großzügig und manchmal nicht. Es hing von ihrer Laune ab. Außerdem hatte sie mir zugesagt, daß sie mir helfen würde. Sie hatte es praktisch versprochen

Eigentlich wollte ich sie noch eingehender befragen, hielt es dann aber für besser, die Angelegenheit zunächst auf sich beruhen zu lassen. »Und weiter?«

»Tja, ich habe an ihre Tür geklopft, aber sie hat nicht reagiert. Ich sah, daß ihr Auto immer noch dastand und dachte, sie wäre vielleicht unter der Dusche oder so, und da habe ich die Tür aufgemacht und hineingespäht. Sie lag auf dem Boden. Ich war so entsetzt, daß ich nicht einmal denken konnte.«

»War die Tür am Abend zuvor verschlossen gewesen oder nicht?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe sie nicht ausprobiert. Ich habe nicht einmal daran gedacht. Jedenfalls habe ich sie am Arm angefaßt, und sie war ganz kalt. Ich wußte, daß sie tot war. Das habe ich auf den ersten Blick erkannt. Ihre Augen standen weit offen, und sie starrte nur. Es war echt brutal.«

»Und dann?«

»Ich habe mich gräßlich gefühlt. Es war furchtbar. Ich habe mich hingesetzt und zu weinen angefangen.« Sie blinzelte und äugte durch die Windschutzscheibe, die für meinen Geschmack etwas zu staubig war. Ich nahm an, daß sie versuchte, sich eine Träne abzuringen, um mich mit der Ernsthaftigkeit ihrer Pein zu beeindrucken.

»Sie haben nicht die Polizei gerufen?« fragte ich.

»Ah — nein.«

»Warum nicht? Ich möchte nur wissen, in welcher Verfassung Sie waren.«

»Ich weiß nicht«, sagte sie mißmutig. »Ich hatte Angst, sie würden denken, ich sei es gewesen.«

»Warum sollten sie das denken?«

»Ich konnte nicht einmal beweisen, wo ich zuvor gewesen bin, weil ich allein zu Hause war. Mom war zwar da, aber sie hat geschlafen, und Trinny hatte damals noch einen Job. Ich meine, was, wenn ich verhaftet worden wäre? Mom und Dad wären gestorben

»Ich verstehe. Sie wollten sie schützen«, sagte ich ausdruckslos.

»Ich versuchte, darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Ich war echt fertig, verstehen Sie? Ich hatte erst kurz zuvor um das Geld gebeten, und jetzt war es zu spät. Und die arme Lorna. Sie tat mir so leid. Ich mußte an all die Dinge denken, die sie nicht mehr tun konnte, wie heiraten oder ein Kind bekommen. Sie würde nie nach Europa reisen —«

»Also haben Sie was getan?« fragte ich und unterbrach ihre Aufzählung. Ihre Stimme begann langsam zu zittern.

Sie zog ein ramponiertes Taschentuch hervor und tupfte sich damit die Nase. »Tja. Ich wußte, wo sie ihre Sparbücher aufbewahrte, und dann habe ich mir ihren Paß und dieses Sparbuch ausgeliehen. Ich war so durcheinander und erledigt, daß ich gar nicht wußte, was ich tun soll.«

»Das kann ich mir vorstellen. Und dann?«

»Ich bin in mein Auto gestiegen und ins Valley hinuntergefahren und habe etwas von ihren Ersparnissen abgehoben.«

»Wieviel?«

»Das weiß ich nicht mehr. Ziemlich viel, glaube ich.«

»Sie haben das Konto aufgelöst, stimmt’s?«

»Was sollte ich denn sonst tun?« sagte sie. »Ich dachte mir, wenn sie erst einmal wissen, daß sie tot ist, frieren sie ihre ganzen Konten ein wie bei meiner Großmutter. Und wozu soll das gut sein? Sie hatte versprochen, mir zu helfen. Ich meine, es war ja nicht so, daß sie meine Bitte abgelehnt hätte oder so. Sie wollte mir das Geld geben.«

»Was ist mit ihrer Unterschrift? Wie haben Sie die hingekriegt?«

»Wir schreiben sowieso gleich, weil ich es ihr selbst beigebracht habe, bevor sie in den Kindergarten kam. Sie hat immer meine Handschrift nachgemacht, deshalb war es nicht so schwierig, ihre zu imitieren.«

»Mußten Sie keinen Ausweis vorlegen?«

»Natürlich, aber wir sehen uns ähnlich genug. Mein Gesicht ist voller, aber das ist in etwa der einzige Unterschied. Die Haarfarbe, na ja, aber die wechseln doch alle. Als später die Meldung in der Zeitung stand, schien niemand einen Zusammenhang herzustellen. Ich glaube, dort unten war nicht einmal ein Foto von ihr in der Zeitung.«

»Was war mit der Bank? Hat man ihr denn keine Bestätigung der Kontoauflösung zugeschickt?«

»Sicher, aber die ganze Post bekomme zuerst ich in die Hände. Alles, was von dieser Bank kam, habe ich aussortiert und gleich weggeworfen.«

»Tja, fast alles«, sagte ich. »Und dann?«

»Das ist alles.«

»Was war mit den Ohrringen?«

»Ach ja. Das hätte ich vermutlich nicht tun sollen.« Sie zog eine Miene, mit der sie Reue und andere tiefe Gefühlsregungen zum Ausdruck bringen wollte. »Ich hatte schon vor, den Rest wieder zurückzubringen.«

»Wohin zurück?«

»Wir haben immer noch einiges von ihren Kleidern und so. Ich dachte, ich könnte den Schmuck in eine alte Handtasche stecken, weil sie ihn selbst auch so aufbewahrt hat. In die Tasche ihres Wintermantels oder so, und ihn dann entdecken, verstehen Sie, und ganz erstaunt tun.«

»Das wäre jedenfalls eine Möglichkeit«, sagte ich. Mir fehlte noch etwas, aber ich wußte nicht genau, was. »Könnten wir vielleicht kurz noch einmal auf das Geld zurückkommen. Nachdem Sie von Simi zurückgefahren waren, hatten Sie doch neben dem Geld immer noch Lornas Führerschein. Ich wüßte gerne, was Sie als nächstes getan haben. Nur um mir ein Bild zu machen.«

»Ich verstehe nicht ganz. Was meinen Sie denn?«

»Nun, Lornas Führerschein stand auf der Liste, die die Polizei erstellt hat, also müssen Sie ihn zurückgebracht haben.«

»Oh, natürlich. Ich habe den Führerschein wieder dorthin zurückgebracht, wo er war. Ja, genau.«

»Mhm. In ihre Brieftasche oder wohin?«

»Richtig. Dann fiel mir ein, daß ich es besser so aussehen lassen sollte, als hätte sie das Konto selbst aufgelöst, wissen Sie, als hätte sie Geld abgehoben, bevor sie verreist ist.«

»Soweit kann ich Ihnen folgen«, sagte ich vorsichtig.

»Tja, alle dachten, sie wäre bereits weggefahren, also mußte ich lediglich den Eindruck erwecken, sie hätte den ganzen Freitag noch gelebt.«

»Moment mal. Ich dachte, das sei am Samstag gewesen. Das ist alles am Freitag passiert?«

»Es mußte doch am Freitag sein. Die Bank hat ja samstags überhaupt nicht geöffnet und das Reisebüro auch nicht.«

Mir blieb zwar nicht wirklich der Mund offen stehen, aber ich hatte das Gefühl, als sei mir die Kinnlade nach unten weggeklappt. Ich wandte mich zur Seite, um ihr direkt ins Gesicht zu sehen, aber Berlyn schien es nicht zu bemerken. Sie war ganz in ihre Erzählung vertieft und rechnete offensichtlich nicht mit meinem verblüfften Blick. Sie war wirklich eine erstaunliche Mischung aus Schläue und Dummheit und außerdem viel zu alt, um so ahnungslos zu sein.

»Ich bin nach Hause gegangen. Ich war echt furchtbar durcheinander, deshalb habe ich Mom gesagt, ich hätte Unterleibskrämpfe und bin ins Bett gegangen. Am Samstag nachmittag bin ich wieder zu ihrer Hütte gefahren und habe die Post mitsamt der Morgenzeitung hereingeholt. Ich habe nichts Schlimmes daran gesehen. Ich meine, tot ist tot, also was macht es schon?«

»Was haben Sie mit dem Sparbuch gemacht?«

»Es behalten. Ich wollte nicht, daß irgend jemand merkt, daß das Geld weg war.«

»Und dann haben Sie einen Monat abgewartet und ein paar Sparkonten eingerichtet.« Ich beherrschte mich nach Kräften und versuchte, nicht das anzuwenden, was eine Englischlehrerin vermutlich die schreiende Anklageform nennen würde. Berlyn mußte es am Rande mitbekommen haben, da sie nickte und sich bemühte, bescheiden und reumütig auszusehen. Was auch immer sie sich in den zehn Monaten seit Lornas Tod eingeredet hatte — jetzt, wo sie es mir erklärte, hörte es sich vermutlich anders an.

»Hatten Sie denn keine Angst, daß Ihre Fingerabdrücke in ihrer Hütte gefunden würden?« fragte ich.

»Eigentlich nicht. Ich habe alles abgewischt, was ich angefaßt habe, damit meine Abdrücke nicht darauf sind, aber ich dachte mir, auch wenn es aufflog, hätte ich schließlich ein Recht darauf, dort gewesen zu sein. Schließlich bin ich ihre Schwester. Ich war oft bei ihr. Und überhaupt, wie will man denn nachweisen, von wann ein Fingerabdruck stammt?«

»Es überrascht mich, daß Sie sich nicht neu eingekleidet oder ein Auto gekauft haben.«

»Das wäre nicht richtig gewesen. Darum habe ich Lorna nicht gebeten.«

»Sie haben sie auch nicht um ihren Schmuck gebeten«, sagte ich scharf.

»Ich schätze, Lorna hätte nichts dagegen. Ich meine, was sollte es sie kümmern? Ich war so untröstlich, als ich sie gefunden habe.« Sie brach den Blickkontakt ab, und ihr Gesicht bekam einen betrübten Ausdruck. »Und überhaupt, warum hätte sie mir das übelnehmen sollen, wenn sie damals sowieso nichts mehr tun konnte?«

»Sie wissen, daß Sie gegen das Gesetz verstoßen haben.«

»Ja?«

»Genauer gesagt haben Sie gegen einige Gesetze verstoßen«, sagte ich liebenswürdig. Ich merkte, wie meine Wut anschwoll. Es war, als stünde ich kurz davor, mich zu übergeben. Ich hätte meinen Mund halten sollen, weil ich merkte, wie ich die Beherrschung verlor. »Aber der Punkt ist doch folgender, Berlyn. Ich meine, abgesehen von Diebstahl, Unterschlagung von Beweismitteln, Manipulation des Tatorts, Behinderung der Justiz und Gott weiß, welche weiteren Gesetze Sie gebrochen haben, haben Sie die Ermittlungen im Mord an Ihrer Schwester komplett versaut! Irgendein Dreckskerl läuft in dieser Minute frei wie ein Vogel da draußen herum, und zwar Ihretwegen, kapieren Sie das? Wie bescheuert sind Sie eigentlich?«

Nun fing sie endlich richtig zu weinen an.

Ich beugte mich über sie und machte die Beifahrertür auf. »Steigen Sie aus. Gehen Sie nach Hause«, sagte ich. »Oder besser, gehen Sie zu Frankie’s und erzählen Sie Ihrer Mutter, was Sie gemacht haben, bevor es in meinem Bericht steht.«

Mit roter Nase und über die Wangen laufender Wimperntusche drehte sie sich zu mir, fast atemlos wegen meines Verrats. »Aber ich habe es Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut. Sie haben gesagt, Sie würden es nicht weitererzählen.«

»Das habe ich nicht ausdrücklich gesagt, und wenn ich es gesagt habe, war es gelogen. Ich bin eine ziemlich niederträchtige Person. Tut mir leid, wenn Sie das nicht begriffen haben. Und jetzt verlassen Sie mein Auto.«

Sie stieg aus und knallte die Tür zu. Ihr Kummer hatte sich in knapp zehn Sekunden in Wut verwandelt. Sie hielt ihr Gesicht dicht ans Fenster und brüllte: »Miststück!«

Ich ließ den Wagen an und stieß rückwärts aus der Parklücke, so wütend, daß ich sie dabei beinahe überfahren hätte.

Ich begann, in der Hoffnung, irgendwo auf Cheney Phillips zu stoßen, das Viertel abzufahren. Vielleicht hatte er Bereitschaftsdienst und machte sittenpolizeiliche Hausbesuche wie ein Arzt. Vor allem brauchte ich aber irgendeine Beschäftigung, während ich mir die Konsequenzen dessen durch den Kopf gehen ließ, was Berlyn gesagt hatte. Kein Wunder, daß J. D. nervös war und tat, was er konnte, um Tag und Zeit seiner gemeinsamen Abreise mit Leda zu fixieren. Wenn Lorna am Freitag abend oder am Samstag ermordet worden war, waren sie aus dem Schneider. Datierte man das Ganze um einen Tag zurück, war alles wieder offen.

Ich fuhr den Cabana hinunter in Richtung CC’s. Vielleicht hielt sich Cheney dort auf. Es war noch nicht ganz Mitternacht. Der Wind hatte aufgefrischt und rauschte so laut durch die Bäume wie bei einem Sturm, obwohl kein Regen fiel. Die Brandung war aufgepeitscht, und wilde Gischt sprühte von den Wellen, wenn sie gegen den Strand schlugen. In einer linken Seitenstraße hörte ich eine Autoalarmanlage losgehen, und das Geräusch drang durch die Nacht wie das Heulen eines Wolfs. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein vertrockneter Palmwedel von seinem Stamm fiel und direkt vor mir über die Fahrbahn schlitterte.

Auf dem Parkplatz vor dem Caliente Café standen nur sehr wenige Autos. Für Freitag abend war kaum Betrieb. Im Lokal befanden sich nur ganz wenige Gäste, und Cheney war nicht unter ihnen. Bevor ich ging, benutzte ich das Münztelefon und versuchte, ihn zu Hause zu erreichen. Er war entweder nicht da oder nahm nicht ab, und ich legte auf, ohne eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Ich wußte nicht genau, was mich mehr störte: die Geschichte, die Berlyn mir erzählt hatte, oder Danielles Enthüllung über Lorna und Clark Esselmann.

Ich machte einen Umweg über Montebello und konnte mich nicht entscheiden. Das Anwesen der Esselmanns lag in einer schmalen Straße ohne Gehsteige oder Straßenlampen. Meine Scheinwerfer tauchten die Fahrbahn vor mir in weißes Licht. Der Wind blies immer noch. Sogar mit geschlossenen Autofenstern konnte ich hören, wie er durchs Gras brauste. Ein großer Ast hing herab, und ich mußte abbremsen, um ihm auszuweichen. Meine Augen folgten der niedrigen Mauer, die das Grundstück umgab. Sämtliche Außenscheinwerfer waren aus, und das Haus lag im Dunkeln. Seine eckige, schwarze Silhouette hob sich von dem lehmfarbenen Himmel ab. Der Mond war nicht zu sehen. Eine Eule flog über die Straße, stieß kurz auf die Wiese auf der anderen Seite herab und stieg mit einem kleinen Bündel in den Klauen wieder auf. Mancher Tod ist so still wie der Flug eines Vogels, manche Beute so widerstandslos wie ein Bündel Lumpen.

Das Vordertor war geschlossen, und ich konnte kaum über die dunklen Umrisse der Wacholderbüsche an der Einfahrt hinaussehen. Ich legte den Rückwärtsgang ein, wendete und ließ den Motor weiterlaufen, während ich überlegte, was ich tun sollte. Später fragte ich mich, was geschehen wäre, wenn ich tatsächlich den Knopf an der Sprechanlage gedrückt und mich angemeldet hätte. Vermutlich hätte es nichts geändert, aber man kann nie wissen. Schließlich fuhr ich nach Hause zurück und kroch ins Bett. Über mir blies der Wind vertrocknete Blätter über das kuppelförmige Oberlicht, was sich anhörte wie das Scharren winziger Füßchen. Während ich mich im Schlaf unruhig hin- und herwarf, verursachte mir etwas Gewissensbisse. Einmal, mitten in der Nacht, hätte ich schwören können, daß ein kalter Finger meine Wange berührte, und ich schreckte hoch. Der Raum war leer, und der Wind hatte sich bis auf ein Flüstern gelegt.

Um zwölf Uhr mittags klingelte mein Telefon. Ich war seit einer Stunde wach, hatte aber keine Lust aufzustehen. Nachdem ich zur Gänze in die nächtlichen Gefilde übergesiedelt war, fand ich die Vorstellung, vor zwei Uhr nachmittags aufzustehen, abstoßend. Das Telefon klingelte erneut. Ich brauchte zwar keinen Schlaf mehr, aber ich wollte mich einfach nicht dem Tageslicht stellen. Beim dritten Klingeln packte ich den Apparat, holte ihn zu mir ins Bett und klemmte mir den Hörer zwischen Ohr und Kopfkissen. »Hallo.«

»Hier ist Cheney.«

Ich stützte mich auf einen Ellbogen und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. »Oh, hallo. Ich habe gestern abend versucht, dich zu erreichen, aber da warst du wohl unterwegs.«

»Nein, nein. Ich war hier«, sagte er. »Meine Freundin war da, und wir haben um zehn das Telefon ausgestellt. Was gibt’s denn?«

»O Mann, wir müssen miteinander sprechen. Bei meinen Ermittlungen kommen alle möglichen Sauereien ans Tageslicht.«

»Dabei weißt du noch nicht einmal die Hälfte. Ich habe gerade einen Anruf von einem Kumpel aus dem Sheriffbüro bekommen. Clark Esselmann ist heute morgen bei einem grotesken Unfall ums Leben gekommen.«

»Er ist was?«

»Du wirst es nicht glauben. Er hat in seinem Swimmingpool einen tödlichen Stromschlag abbekommen. Ist hineingesprungen, um ein paar Bahnen zu schwimmen, und war sofort tot, schätze ich. Der Gärtner kam auch um. Der gute Mann ist hinterhergesprungen, um Esselmann zu retten und starb auf dieselbe Weise wie er. Esselmanns Tochter sagte, sie hätte einen Schrei gehört, doch als sie draußen ankam, waren sie beide schon tot. Zum Glück hat sie begriffen, was los war, und den Schutzschalter betätigt.«

»Das ist ja seltsam«, sagte ich. »Warum hat denn der Schutzschalter nicht von vornherein den Strom unterbrochen? Dazu ist er doch da, oder?«

»Frag mich nicht. Sie haben mittlerweile einen Elektriker hinausgeschickt, der die ganzen Leitungen überprüft, also warten wir einfach ab, was er entdeckt. Jedenfalls ist momentan Hawthorn mit den Jungs von der Spurensicherung drüben am Haus, und ich mache mich jetzt auch auf den Weg. Willst du vorbeikommen und mich abholen?«

»Gib mir sechs Minuten. Ich warte draußen.«

»Bis dann.«

Als Cheney und ich zum Eingang von Clark Esselmanns Anwesen kamen, drückte er auf den Knopf und meldete unsere Ankunft einer dumpf klingenden Stimme am anderen Ende. »Einen Moment bitte, ich frage nach«, sagte der Mann und unterbrach die Verbindung. Auf der Fahrt hatte ich Cheney soviel wie möglich über Esselmanns Zusammenstoß mit Stubby Stockton auf der Versammlung am Abend zuvor erzählt. Außerdem berichtete ich ihm von meinem Gespräch mit Berlyn und von Danielles Behauptung, daß Esselmann ein Verhältnis mit Lorna gehabt hatte.

»Du warst ganz schön fleißig«, bemerkte er.

»Nicht fleißig genug. Ich bin gestern abend hier vorbeigefahren, da ich fand, daß ich mit ihm sprechen sollte. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich sagen wollte, aber dann stellte sich heraus, daß das ganze Haus finster war, und ich hielt es nicht für angebracht, den gesamten Haushalt zu wecken, um ihn wegen seiner angeblichen perversen Vorlieben zu befragen.«

»Tja, nun ist es zu spät.«

»Ja, allerdings«, sagte ich.

Die Tore schwangen auf, und wir kurvten die Auffahrt hinauf, die auf beiden Seiten von Fahrzeugen gesäumt war: zwei neutrale Wagen, der Kleinlastwagen des Elektrikers und ein städtisches Fahrzeug, das vermutlich dem Leichenbeschauer gehörte. Cheney parkte den Mazda hinter dem letzten Wagen in der Reihe, und wir gingen zu Fuß weiter. Direkt vor dem Haus standen ein Rettungswagen der Feuerwehr und ein orange-weißer Krankenwagen neben einem schwarz-weißen Streifenwagen vom Büro des Sheriffs. Ein uniformierter Hilfssheriff verließ seinen Posten an der Eingangstür und kam uns entgegen. Cheney zeigte ihm seine Dienstmarke, und die beiden sprachen kurz miteinander, bevor der Hilfssheriff uns durchwinkte.

»Wie kommt es, daß du hineindarfst?« fragte ich leise, als wir die Veranda überquerten.

»Ich habe Hawthorn erzählt, daß es einen vagen Zusammenhang mit einem Fall geben könnte, an dem wir arbeiten. Er hat nichts dagegen, solange wir nicht stören«, sagte Cheney. Er drehte sich um und deutete mir mit dem Finger ins Gesicht. »Wenn du irgendwelchen Ärger machst, dreh’ ich dir den Hals um.«

»Warum sollte ich Ärger machen? Ich bin genauso neugierig wie du.«

An der Haustür blieben wir stehen und machten zwei Sanitätern von der Feuerwehr Platz, die bereits zusammengepackt hatten und vermutlich nicht mehr gebraucht wurden.

Wir gingen ins Haus und durch die große, rustikale Küche. Innen herrschte Ruhe. Keine Stimmen, kein Staubsaugerlärm, kein Telefongeklingel. Ich sah weder Serena noch irgend jemanden vom Personal. Die hohen Glastüren standen offen, und die Terrasse war, wie bei Dreharbeiten, bevölkert von Leuten, deren Status und Funktion sich nicht auf den ersten Blick erschlossen. Die meisten standen in respektvollem Abstand zum Swimmingpool untätig herum, aber die wichtigen Mitglieder des Teams waren in ihre Arbeit vertieft. Ich erkannte die Fotografin, den Leichenbeschauer und seinen Assistenten. Zwei Detectives in Zivil nahmen für eine Skizze Maß. Nun, da wir Zutritt erhalten hatten, schien niemand mehr unser Recht, anwesend zu sein, in Frage zu stellen. Soweit wir es beurteilen konnten, stand noch nicht fest, daß es sich um ein Verbrechen handelte, doch wurde der Schauplatz aufgrund Esselmanns hoher Stellung innerhalb der Stadt mit peinlichster Genauigkeit untersucht.

Man hatte die Leichen Esselmanns und des Gärtners aus dem Wasser geholt. Sie lagen Seite an Seite, diskret mit Planen abgedeckt. Zwei Paar Füße sahen hervor, die einen nackt und die anderen in Arbeitsstiefeln. Die Sohlen der nackten Füße waren von einem unregelmäßigen Muster von Verbrennungen gezeichnet, und an manchen Stellen war das Fleisch schwarz. Der Hund war nirgends zu sehen, und ich nahm an, daß man ihn irgendwo eingesperrt hatte. Die Sanitäter standen schweigend da und warteten wahrscheinlich darauf, daß der Leichenbeschauer seine Zustimmung gab, die Toten ins Leichenschauhaus zu bringen. Es war eindeutig, daß sie nichts mehr tun konnten.

Cheney überließ mich mir selbst. Sein Anrecht darauf, sich hier aufzuhalten, war nur geringfügig größer als meines, aber er nahm sich die Freiheit herumzugehen, während ich es für klüger hielt, unauffällig im Hintergrund zu bleiben. Ich drehte mich um und sah zu den angrenzenden Grundstücken hinüber. Im Tageslicht sahen die ausgedehnten Rasenflächen fleckig aus, durchsetzt von Schwingel- und Hundszahngras, wovon letzteres zu dieser Jahreszeit verwelkt war und schmutzigbraune Streifen bildete. Die blühenden Büsche um die Terrasse herum formierten sich zu einer hüfthohen, bunten Mauer. Ich konnte genau erkennen, wo der Gärtner sich heute morgen zu schaffen gemacht hatte, da der eine Teil der Hecke, die er geschnitten hatte, säuberlich zurechtgestutzt und der andere noch struppig war. Seine elektrische Heckenschere lag auf dem Beton, wo er sie wohl fallen gelassen hatte, bevor er ins Wasser sprang. Der Pool sah friedlich aus, und an seiner dunklen Oberfläche spiegelte sich ein Teil des steilen Daches. Vielleicht war es ein Trugbild meiner übersteigerten Phantasie, aber ich hätte schwören können, daß der schwache Geruch geschmorten Fleisches noch in der Morgenluft hing.

Ich ging über die Terrasse auf den Durchgang zu, der die vier Garagen mit dem Haus verband, und schlenderte langsam wieder zurück. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Esselmanns Tod ein Unfall gewesen sein sollte, aber genausowenig begriff ich, inwiefern er mit Lornas Tod in Verbindung stand. Es war möglich, daß er sie umgebracht hatte, aber es kam mir nicht wahrscheinlich vor. Wenn er ihr Verhältnis bereute oder Bloßstellung befürchtete, könnte er womöglich Selbstmord begangen haben, aber das war weiß Gott eine bizarre Methode dafür. Schließlich hätte Serena diejenige sein können, die als erste den Schauplatz betrat, und dann wäre sie mit ihm umgekommen.

Ich bemerkte, wie auf der Seite des Hauses, die dem Pool am nächsten lag, geschäftig gearbeitet wurde: Der Elektriker sprach mit den beiden Detectives. Er unterstrich seine Erklärung mit Handbewegungen, und ich konnte sehen, wie sie alle von der elektrischen Schalttafel auf den Geräteschuppen blickten, in dem die Pumpe, der Filter und die große Heizungsanlage für den Pool untergebracht waren. Der Elektriker ging zu der am entfernteren Ende des Beckens gelegenen Seite hinüber. Er sprach weiter und ging in die Hocke, während einer der Detectives blinzelnd ins Wasser äugte. Er ließ sich auf Hände und Füße hinab und beugte sich weiter hinunter. Dann stellte er dem Elektriker eine Frage, zog sein Sakko aus, krempelte die Ärmel hoch und faßte in die Tiefe. Die Fotografin wurde herbeizitiert, und der Detective begann neue Instruktionen auszugeben. Sie legte einen frischen Film in ihre Kamera ein und wechselte das Objektiv.

Der andere Detective ging zum Assistenten des Leichenbeschauers hinüber, und sie besprachen sich. Der Leichenbeschauer hatte sich zurückgezogen, und die beiden Sanitäter begannen, die Leichen für den Abtransport zum Krankenwagen fertigzumachen. Von meinem Standort aus konnte ich verfolgen, wie sich unter den versammelten Fachleuten eine Neuigkeit verbreitete. Worin die Information auch immer bestand, sie wanderte jedenfalls von Zweiergrüppchen zu Zweiergrüppchen, während das Team sich neu formierte. Der Detective ging weg, und ich bahnte mir den Weg zum Assistenten des Leichenbeschauers. Ich wußte genau, wenn ich nur geduldig war, würde der Zug mit den Neuigkeiten schließlich auch an meinem kleinen Bahnhof eintreffen. Der Elektriker hatte seinen Werkzeugkasten auf dem Terrassentisch stehenlassen und kam nun herüber, um ihn abzuholen. In der Zwischenzeit sprach der Detective mit dem Fachmann für Fingerabdrücke, der bislang noch nicht viel zu tun gehabt hatte. Die drei begannen sich zu unterhalten und warfen immer wieder Blicke auf den Pool. Ich hörte, wie der Elektriker das Wort Effet benutzte, und meine Gedanken rasten blitzartig zu der Abschrift, die ich mit Hector debattiert hatte.

Ich legte ihm eine Hand auf den Arm, und er sah mich an. »Entschuldigen Sie bitte. Ich möchte mich nicht einmischen, aber was haben Sie gerade gesagt?«

»Daß mit der FI etwas nicht stimmt. Ein Kabel hat sich gelockert, und deshalb wurde der Stromunterbrecher nicht ausgelöst, wie es eigentlich hätte der Fall sein sollen. Eine der Lampen im Pool ist kaputt, und das hat das Wasser unter Strom gesetzt.«

»Ich dachte, es hieße FI-Schaltung, Fehlerstromschutzschaltung.«

»Ist doch dasselbe. Ich verwende beides. FI ist kürzer, und jeder weiß, was man meint.« Der Elektriker war ein junger Mann Mitte Zwanzig mit klaren Gesichtszügen, einer aus der Armee von Fachleuten, die die zivilisierte Welt ein bißchen reibungsloser funktionieren lassen. »Das Vertrackteste, was ich je gesehen habe«, sagte er zum Hilfssheriff. »Um einen solchen Unterwasserscheinwerfer zu zerbrechen, müßte man einen Stock nehmen und von oben dagegenstoßen. Die Polizei wird feststellen, wann der Pool zum letzten Mal gewartet wurde, aber da hat jemand richtig zugeschlagen. Das gibt einen gigantischen Prozeß, glaub mir.«

Der Experte für Fingerabdrücke meldete sich zu Wort. »Glauben Sie, der Gärtner könnte es gewesen sein?«

»Was gewesen? Man stößt einen Unterwasserscheinwerfer nicht versehentlich kaputt. Ich habe es dem Detective schon gesagt, daß dieses Glas massiv ist. Das ist harte Arbeit. Wenn es Nacht und die ganzen Lichter an gewesen wären, hätte es vielleicht jemand gemerkt. Bei Tageslicht wie jetzt und mit diesen ganzen schwarzen Fliesen, kann man ja kaum am vorderen Ende bis auf den Grund schauen, geschweige denn am anderen Ende.«

Von der entgegengesetzten Seite der Terrasse winkte der Detective den Elektriker wieder zu sich her, und dieser setzte sich in Bewegung. Um mich herum hatten inzwischen der Hilfssheriff und der Fingerabdruckexperte ein Gespräch über jemanden angefangen, der von seinem elektrischen Rasenmäher mit einem Stromschlag ins Jenseits befördert worden war, weil seine Mutter, die sich nützlich machen wollte, den Stecker mit seinen drei Stiften in ein Verlängerungskabel mit nur zweien gesteckt hatte. Die Isolierung am Nulleiter war defekt, was zu direktem Kontakt zwischen dem Kabel und dem Metallgriff des Rasenmähers geführt hatte. Der Hilfssheriff erläuterte die Ausmaße des Schadens in allen Einzelheiten und verglich diesen Fall mit einem anderen, den er erlebt hatte, nämlich als ein Kind ein Stromkabel durchbiß, während es in einer Wasserlache im Badezimmer stand.

Ich dachte immer noch über die Bandaufnahme nach und ließ mir ständig den Satz Sie geht jeden Tag zur gleichen Zeit rein durch den Kopf gehen. Vielleicht war Esselmann gar nicht das vorgesehene Opfer gewesen, sondern Serena. Ich sah mich nach Cheney um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Ich sprach den mir am nächsten stehenden Detective an. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mit Mr. Esselmanns Tochter spräche? Es dauert nur eine Minute. Ich bin mit ihr befreundet«, sagte ich.

»Ich will nicht, daß Sie über Mr. Esselmanns Tod sprechen. Das ist meine Sache.«

»Es geht nicht um ihn. Es dreht sich um etwas anderes.«

Er musterte mich einen Augenblick und sah dann weg. »Machen Sie’s kurz«, sagte er.