14
Ich starrte ihn durch die Finsternis im Wagen an. Die Behauptung schien so grotesk, daß sie schon wieder wahr sein konnte. Ich hatte gehört, daß Lorna im Rahmen ihrer Arbeit ein paar betuchte Herren kennengelernt hatte. Vielleicht hatte sie sich in einen davon verliebt, und er sich in sie. Mr. und Mrs. Halsabschneider. »Hat er denn nicht jemanden hierher geschickt, um nach ihr zu suchen, als sie nicht gekommen ist?«
»Er ist ein stolzer Mann. Er nahm an, sie hätte ihre Meinung geändert. Als er natürlich hörte, was ihr zugestoßen war, war das eine bittersüße Neuigkeit«, sagte er.»Und jetzt fragt er sich natürlich, ob er sie hätte schützen können.«
»Darauf werden wir vermutlich nie eine Antwort wissen.«
»Was haben Sie bislang herausgefunden?«
Ich mußte die Achseln zucken. »Ich arbeite erst seit Montag daran und bin noch nicht sehr weit gekommen.«
Er schwieg einen Moment. »Sie haben mit einem Gentleman in San Francisco gesprochen, mit dem wir in geschäftlicher Beziehung standen. Mr. Ayers.«
»Das stimmt.«
»Was hat er Ihnen erzählt?«
Ich schwieg kurz. Ich konnte nicht einschätzen, ob Joe Ayers’ Bereitschaft beziehungsweise Weigerung zu kooperieren, bei diesen Herrschaften Mißfallen erregen würde. Vor meinem geistigen Auge sah ich Ayers am Schwanz von seinem Kronleuchter hängen. Aber vielleicht ging die Mafia ja in Wirklichkeit gar nicht so vor. Vielleicht hing ihr heutzutage einfach ein schlechter Ruf an. Hier in Santa Teresa hatten wir nicht viel Erfahrung mit diesen Dingen. Mein Mund war mittlerweile ganz trocken. Ich sorgte mich um meine Verantwortung den Personen gegenüber, mit denen ich gesprochen hatte. »Er war höflich«, sagte ich. »Er hat mir ein paar Namen und Telefonnummern gegeben, aber die hatte ich bereits selbst ermittelt, daher war die Information nicht besonders nützlich.«
»Mit wem haben Sie sonst noch gesprochen?«
Es ist schwer, sich gelassen anzuhören, wenn einem die Stimme bebt. »Mit Angehörigen. Ihrem Chef. Sie hat für die Frau ihres Chefs ab und zu das Haus gehütet. Mit ihr habe ich auch gesprochen.« Ich räusperte mich.
»Das war Mrs. Bonney? Diejenige, die sie gefunden hat?«
»Genau. Außerdem habe ich mit dem Beamten von der Mordkommission gesprochen, der den Fall behandelt hat.«
Schweigen.
»Das war im großen und ganzen alles«, fügte ich lahm hinzu.
Seine Augen wanderten zu seinem Notizbuch hinab. In ihnen leuchtete es, als er wieder aufsah. Er wußte eindeutig ganz genau, mit wem ich gesprochen hatte, und wollte nun prüfen, wie aufrichtig ich war. Ich tat so, als stünde ich vor Gericht im Zeugenstand. Seiner Behauptung nach war er Anwalt. Wenn er Fragen hatte, sollte er sie stellen, und ich würde sie beantworten. Für den unwahrscheinlichen Fall, daß ich mehr wußte als er, hielt ich es für besser, nicht freiwillig Informationen herauszugeben.
»Mit wem noch?«
Ein weiteres Bächlein Schweiß rann mir die Seite hinab. »Das sind alle, die mir momentan einfallen«, sagte ich. Es kam mir sehr warm vor im Wagen. Ich fragte mich, ob sie die Heizung anhatten.
»Was ist mit Miss Rivers?«
Ich sah ihn ausdruckslos an. »Ich kenne niemanden dieses Namens.«
»Danielle Rivers.«
»Oooh, ja. Natürlich. Ich habe mit ihr gesprochen. Haben Sie etwas mit diesem Mann auf dem Fahrrad zu tun?«
Das überhörte er und sagte dann: »Sie haben zweimal mit ihr gesprochen. Zuletzt heute abend.«
»Ich war ihr noch Geld schuldig. Sie ist vorbeigekommen, um es abzuholen. Bei der Gelegenheit hat sie mir die Haare geschnitten, und wir haben uns eine vegetarische Pizza bestellt. Es war nichts Großartiges. Ehrlich.«
Sein Blick war kalt. »Was hat sie Ihnen erzählt?«
»Nichts. Wissen Sie, sie hat gesagt, daß Lorna ihre Mentorin war und mir von Lornas Finanzstrategien berichtet. Außerdem hat sie ihren persönlichen Manager erwähnt, einen gewissen Lester Dudley. Kennen Sie ihn?«
»Ich glaube nicht, daß Mr. Dudley für unser Gespräch von Belang ist«, sagte er. »Was für eine Theorie haben Sie über den Mord?«
»Ich habe noch keine.«
»Sie wissen nicht, wer sie umgebracht hat?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Mein Klient hegt die Hoffnung, daß Sie ihm den Namen nennen werden, wenn Sie ihn in Erfahrung bringen.«
Aber sicher, dachte ich. »Warum?« Ich versuchte, nicht impertinent zu klingen, aber das war schwierig. Vermutlich wäre es klüger, diese Typen nicht auszufragen, aber ich war neugierig.
»Er würde es als Gefälligkeit betrachten.«
»Ah, eine Gefälligkeit. Ich verstehe. Ganz unter uns Fachleuten.«
»Er könnte Sie für Ihre Mühe entschädigen.«
»Das ist sehr freundlich, aber... mmm, ich möchte nicht unhöflich wirken, aber ich will eigentlich gar nichts von ihm. Jedenfalls nichts, was mir im Moment einfiele. Sagen Sie ihm, ich danke ihm für das Angebot.«
Totenstille.
Er griff in seine innere Brusttasche. Ich zuckte zusammen, aber er holte lediglich einen Kugelschreiber hervor und ließ mit einem Knopfdruck die Mine hervorschnellen. Dann kritzelte er etwas auf eine Visitenkarte und hielt sie mir hin. »Ich bin zu jeder Tages- und Nachtzeit unter dieser Nummer zu erreichen.«
Der Typ zu meiner Rechten beugte sich vor, nahm die Karte entgegen und reichte sie mir. Kein Name. Keine Adresse. Nur die handschriftliche Telefonnummer. Der Anwalt fuhr in freundlichem Tonfall fort. »In der Zwischenzeit würden wir es vorziehen, wenn Sie diese Unterredung vertraulich behandeln würden.«
»Natürlich.«
»Ohne Ausnahmen.«
»Okay.«
»Mr. Phillips eingeschlossen.«
Cheney Phillips, verdeckter Ermittler des Sittendezernats. »Verstanden«, sagte ich.
Ich spürte einen kühlen Luftzug auf dem Gesicht und merkte, daß die Wagentür sich geöffnet hatte. Der Typ zu meiner Rechten stieg aus und streckte mir eine Hand hin. Ich nahm die Hilfestellung an. Es ist schwer, über eine Sitzbank zu rutschen, wenn einen der Schweiß in den Kniekehlen am Polster kleben läßt. Ich hoffte, daß ich nicht in die Hose gemacht hatte. In dieser Situation war ich mir nicht einmal sicher, daß meine Beine funktionieren würden. Ich stieg etwas ungelenk aus, mit dem Po voran, wie eine Steißgeburt. Um mich abzustützen, hielt ich mich am Wagen neben meinem fest.
Der Typ stieg wieder in die Limousine. Die Hintertür schloß sich mit einem Klicken, und der Wagen rauschte davon, nachdem er geräuschlos aus dem Parkplatz geglitten war. Ich sah nach dem Nummernschild, aber die Nummer war mit Lehm unlesbar gemacht worden. Nicht, daß ich ermittelt hätte, auf wen der Wagen zugelassen war. Ich wollte gar nicht wissen, wer diese Männer waren.
Der Rücken meines Rollkragenpullovers fühlte sich unter der Jacke kalt und feucht an. Unwillkürlich wurde ich von einem Krampfanfall geschüttelt. Ich brauchte eine heiße Dusche und einen Schluck Brandy, hatte aber weder für das eine noch für das andere Zeit. Ich schloß mein Auto auf und setzte mich hinein, wobei ich gleich von innen den Knopf herunterdrückte, als würde ich verfolgt. Ich spähte auf den Rücksitz, um mich zu vergewissern, daß ich allein war. Noch bevor ich den Wagen anließ, drehte ich die Heizung auf.
In Frankie’s Coffee Shop suchte ich mir eine freie Nische, die möglichst weit vom Fenster entfernt war. Ich musterte die anderen Gäste und fragte mich, ob mich einer von ihnen beschattete. Das Lokal war ziemlich voll: ältere Paare, die vermutlich seit Jahren hier verkehrten, und Jugendliche, die einen Ort brauchten, wo sie herumhängen konnten. Janice hatte mich entdeckt, sowie ich das Lokal betreten hatte und kam mit einer Kaffeekanne an meinen Tisch. Vor mir stand ein Gedeck: Serviette, Besteck und eine umgedrehte, dicke, weiße Keramiktasse auf einem dazu passenden Unterteller. Ich drehte die Tasse um, und Janice füllte sie. Ich ließ sie stehen, damit sie nicht sah, wie stark mir die Hände zitterten.
»Sie sehen aus, als könnten Sie das vertragen«, meinte sie. »Sie sind weiß wie die Wand.«
»Können wir uns unterhalten?«
Sie sah sich um. »Sowie die Leute an Tisch fünf gehen«, sagte sie. »Ich lasse Ihnen das hier.« Sie stellte die Kanne auf den Tisch und ging zu ihrer Arbeit zurück. Unterwegs holte sie an der Durchreiche zur Küche ein Essen ab.
Als sie zurückkam, brachte sie eine überdimensionale Zimtschnecke und zwei Klötzchen Butter in Silberpapier mit. »Ich habe Ihnen einen Happen zu essen mitgebracht. Sie sehen aus, als könnten Sie einen kleinen Schuß Zucker zu Ihrem Koffein gebrauchen.«
»Danke. Sieht gut aus.«
Sie nahm mir gegenüber Platz und paßte dabei auf, ob neue Gäste hereinkamen.
Ich packte beide Klötzchen aus, brach einen Streifen des heißen Gebäcks ab, butterte und verspeiste ihn und hätte dabei beinahe laut gestöhnt. Der Teig war weich und feucht, und zwischen den Schlingen tropfte die Glasur herunter. Nichts weckt den Appetit auf solche Magentröster besser als Angst. »Phantastisch. Ich könnte süchtig werden. Paßt es Ihnen jetzt nicht?«
»Momentan schon, aber vielleicht muß ich zwischendurch weg. Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Sie scheinen ganz außer sich zu sein.«
»Mir geht’s gut. Ich muß Sie ein paar Dinge fragen.« Ich hielt inne, um mir die Butter von den Fingern zu lecken. Anschließend wischte ich sie an einer Papierserviette ab. »Wußten Sie, daß Lorna an dem Wochenende, als sie starb, in Las Vegas hätte heiraten sollen?«
Janice sah mich an, als hätte ich begonnen, in einer fremden Sprache zu sprechen, und sie wartete nun darauf, daß unten auf der Leinwand die Untertitel erschienen. »Wo in aller Welt haben Sie denn das gehört?«
»Glauben Sie, daß etwas dran ist?«
»Bis zu dieser Sekunde hätte ich gesagt, ausgeschlossen. Jetzt, wo Sie es erwähnen, bin ich mir nicht mehr so sicher. Möglich wäre es schon«, meinte sie. »Es könnte ihr Verhalten erklären, das ich damals überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Sie wirkte aufgeregt. Wirklich, als wollte sie mir etwas erzählen, hätte sich aber beherrscht. Sie wissen ja, wie Kinder sind... Na ja, vielleicht wissen Sie es auch nicht. Wenn Kinder ein Geheimnis haben, können sie es kaum für sich behalten. Sie brennen dermaßen darauf, es zu erzählen, daß sie es gar nicht aushalten, und deshalb plaudern sie es meistens von selbst aus. Genauso verhielt sie sich. Damals habe ich mir das nicht bewußt gemacht. Ich habe es gemerkt, weil es mir sofort in den Sinn kam, als Sie das erwähnt haben, aber damals habe ich sie nicht bedrängt. Wen wollte sie denn heiraten? Soweit ich weiß, hatte sie nicht einmal einen festen Freund.«
»Ich weiß nicht, wie der Mann heißt. Ich vermute, er war aus Los Angeles.«
»Aber wer hat es Ihnen gesagt? Woher wissen Sie von ihm?«
»Sein Anwalt hat sich vor kurzem mit mir in Verbindung gesetzt. Im Prinzip hätte es auch der Mann selbst sein können, und er hat mich an der Nase herumgeführt. Schwer zu sagen.«
»Warum haben wir nicht schon früher von ihm gehört? Sie ist seit zehn Monaten tot, und ich höre heute zum ersten Mal davon.«
»Vielleicht haben wir endlich angefangen, im richtigen Sumpf zu fischen«, sagte ich.
»Möchten Sie, daß ich meine Töchter frage, ob sie ihnen irgend etwas erzählt hat?«
»Ich weiß nicht, ob es von Belang ist. Ich habe keinen Grund zu der Annahme, daß die Geschichte fingiert ist. Man müßte nur ein paar Einzelheiten klären.«
»Was noch? Sie sagten, Sie wollten Verschiedenes fragen.«
»Am zwanzigsten April — dem Tag vor ihrem Tod — hat sie ein Sparkonto aufgelöst, das sie unten in Simi Valley besaß. Es hat den Anschein, als hätte sie ungefähr zwanzigtausend Dollar abgehoben, entweder in bar oder als Scheck. Es wäre auch möglich, daß sie das Geld auf ein anderes Konto eingezahlt hat, aber ich kann keine dahingehenden Unterlagen finden. Sagt Ihnen das irgend etwas?«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Überhaupt nichts. Weder Mace noch ich sind auf irgendwelche nennenswerten Geldbeträge gestoßen. Ich hätte es angegeben, da ich es für ein Beweismittel gehalten hätte. Außerdem — wenn es Lornas Geld war, würde es zu ihrem Nachlaß gehören, und wir müßten es versteuern. Ich betrüge den Staat nicht, nicht um einen Cent. Das habe ich auch ihr beigebracht. Mit dem Finanzamt treibt man keine Faxen.«
»Könnte sie es versteckt haben?« fragte ich.
»Warum sollte sie das tun?«
»Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hat sie das Sparkonto aufgelöst und dann das Geld irgendwo verstaut, bis sie es brauchte.«
»Glauben Sie, daß es jemand gestohlen hat?«
»Ich weiß nicht einmal, ob das Geld überhaupt vorhanden war. Es sieht danach aus, aber ich bin nicht sicher. Möglich ist auch, daß es ihr Vermieter genommen hat. Auf jeden Fall ist es eine Angelegenheit, die ich klären muß.«
»Also, ich habe es jedenfalls nicht gesehen.«
»War sie sicherheitsbewußt? Ich habe nicht viele Schlösser und Riegel an ihrer Hütte gesehen.«
»Ach, da war sie furchtbar. Die Hälfte der Zeit ließ sie die Tür halb offen stehen. Ich habe sogar oft gedacht, daß jemand hätte hineingehen können, wenn sie beim Joggen war, und deshalb fanden sich auch keinerlei Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Die Polizisten waren der gleichen Ansicht, weil sie mich das mehrmals gefragt haben.«
»Hat sie jemals einen Safe im Haus erwähnt?«
Ihre Stimme klang skeptisch. »Oh, ich glaube nicht, daß sie einen Safe hatte. Das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich. In dieser windigen, kleinen Hütte? Das wäre doch sinnlos. Sie glaubte an Banken. Überall hatte sie Konten.«
»Was war mit ihrem Schmuck? Wo hat sie den aufbewahrt? Hatte sie einen Banksafe?«
»Nichts dergleichen. Sie hatte eine einfache, alte Schmuckschatulle, die sie in ihrer Kommode aufbewahrte, aber wir haben nichts Teures gefunden. Nur Modeschmuck.«
»Aber sie muß ein paar schöne Stücke besessen haben, wenn sie schon die Mühe und die Kosten auf sich genommen hat, sie zu versichern. Sie hat ihren Schmuck sogar im Testament extra erwähnt.«
»Ich kann Ihnen gerne zeigen, was wir gefunden haben, dann können Sie es selbst sehen«, sagte Janice.
»Wie steht es mit diesen Sicherheitsvorrichtungen für zu Hause, in denen die Leute ihre Wertsachen verwahren — Sie wissen schon, falsche Steine oder Pepsidosen oder falsche Salatköpfe im Gemüsefach? Hatte sie so etwas?«
»Das bezweifle ich. Die Polizei hat meines Wissens im Haus nichts dergleichen gefunden. Ob draußen etwas war, weiß ich nicht. Sie haben jedenfalls den Garten um die Hütte herum abgesucht. Wenn sie so etwas besaß, hätten sie es doch gefunden, oder?«
»Da haben Sie wahrscheinlich recht, aber vielleicht gehe ich morgen noch einmal vorbei und sehe mich um. Sieht zwar nach Zeitverschwendung aus, aber ich mag keine offenen Fragen. Außerdem fällt mir ohnehin nichts Besseres ein.«
Ich ging nach Hause und ins Bett und sank in einen unruhigen Schlaf, da mich das Bewußtsein plagte, daß ich noch etwas zu erledigen hatte. Während mein Körper auf die völlige Erschöpfung zuwankte, feuerten meine Gehirnsynapsen aufs Geratewohl los. Ideen stiegen wie Raketen empor und explodierten mitten in der Luft, ein Feuerwerk an Eindrücken. Durch eine merkwürdige Verwandlung wurde ich in die düsteren Nachtstunden gezogen, die Lorna Keplers Leben bestimmt hatten. Die nächtlichen Gefilde und die Dunkelheit wirkten auf mich exotisch und vertraut zugleich, und ich spürte, wie ich empfänglich für ihre Angebote wurde. In der Zwischenzeit arbeitete mein System jenseits der Belastungsgrenze, und ich schloß mich eher kurz, als daß ich schlief.
Um fünf vor halb sechs abends, als ich endlich die Augen aufschlug, fühlte ich mich derart am Bett festgewachsen, daß ich mich kaum rühren konnte. Ich schloß die Augen erneut und fragte mich, ob ich im Schlaf drei Zentner Übergewicht angesetzt hatte. Ich untersuchte meine Gliedmaßen, konnte aber keine Anzeichen für eine plötzliche massive Gewichtszunahme entdecken. Wimmernd rollte ich mich aus dem Bett, riß mich, nachdem ich nur die allernötigsten Verrichtungen hinter mich gebracht hatte, zusammen und verließ das Haus. Beim ersten Schnellimbiß, an dem ich vorbeikam, holte ich mir einen überdimensionalen Behälter heißen Kaffee und nuckelte daran wie ein Baby, wobei ich mir gründlich die Lippen verbrannte.
Gegen sechs, als die normalen Leute von der Arbeit nach Hause gingen, rumpelte ich die schmale, ungepflasterte Gasse hinunter, die zu Lornas Hütte führte. Ich war mit einem stets wachsamen Auge im Rückspiegel gefahren, da ich es für möglich hielt, daß mir die Typen in der Großraumlimousine folgten. Welche Beschattungsmethoden sie auch anwandten, sie waren jedenfalls Profis. Seit ich diesen Fall angenommen hatte, war mir nie aufgefallen, daß ich überwacht wurde. Sogar jetzt hätte ich noch geschworen, daß mich niemand beobachtete.
Ich parkte mein Auto mit der Schnauze nach vorn und blieb wie beim ersten Mal kurz sitzen, um den moosigen Geruch der Umgebung einzuatmen. Dann stellte ich meinen leeren Becher auf den Boden und holte die Taschenlampe und einen Schraubenzieher aus dem Handschuhfach. Ich stieg aus dem Auto und hielt kurz inne, um das abendliche Wetter zu taxieren. Schwach nahm ich das an- und abschwellende Rauschen der weit entfernten Schnellstraße wahr, eine dumpfe Brandung vorüberfahrender Autos. Die Luft war weich und kalt, und die Schatten bewegten sich in unberechenbarer Weise, als würden sie vom Wind getrieben. Ich ging auf die Hütte zu, während mein Magen vor Beklommenheit in Aufruhr geriet. Es verblüffte mich, wieviel ich über Lorna erfahren hatte, seit ich ihre Hütte zum ersten Mal gesehen hatte. Ich hatte die Fotos von ihrer Leiche so oft betrachtet, daß ich schon fast ein Bild von ihr vor Augen hatte, wie sie da gelegen hatte, als sie gefunden wurde: aufgeweicht, zersetzt, wieder in ihre Grundsubstanzen zerfallend. Wenn es auf dieser Welt Gespenster gab, war sie sicher eines von ihnen.
Die Nacht war diesig, und ich konnte vom Meer her das periodische Klagen eines Nebelhorns hören. Die nächtliche Brise wirkte gesättigt, voll vom Duft der Vegetation. Ich durchbrach die Dunkelheit mit dem Lichtstrahl meiner Taschenlampe. Der Garten, den Leda angelegt hatte, war wirr und überwuchert, und versprengte Tomatenranken bahnten sich ihren Weg zwischen abgestorbenen, papierenen Maisstengeln. Ein paar Zwiebelableger hatten die letzte Ernte überlebt. Wenn erst einmal der Frühling kam, würde sich der Garten, sogar wenn er sich selbst überlassen blieb, wieder erholen.
Ich stand im Vorgarten und studierte die Hütte, indem ich außen um sie herumging. Ich konnte nichts Nennenswertes entdecken: Erde, totes Laub, Flecken vertrockneten Grases. Dann stieg ich die Stufen zur Veranda hoch. Die Tür war immer noch ausgehängt. Ich klopfte sie ab, um festzustellen, ob sie hohl war, aber sie gab nicht nach, sondern erwies sich als kräftig und massiv. Ich schaltete die
Deckenlampe ein. Das düstere Licht der Vierzigwattbirne tauchte die Konturen des Raumes in fahles Gelb. Langsam und gründlich musterte ich alles. Wo würde ich zwanzigtausend Dollar in bar verstecken? Ich fing am Eingang an und arbeitete mich nach rechts vor. Die Hütte war miserabel isoliert, und es schien nicht viele Ecken und Winkel zu geben. Ich klopfte und bohrte und steckte meinen Schraubenzieher in jeden Spalt und jede Ritze. Ich kam mir vor wie ein Zahnarzt auf der Suche nach Löchern.
Die Küche schien die meisten Möglichkeiten für Verstecke zu bieten. Ich zog Schubladen heraus, maß die Tiefe von Schränkchen ab und suchte nach Abweichungen, die auf ein Geheimfach schließen ließen. Ich kroch auf dem Fußboden entlang und machte mich schmutzig. Bestimmt hätten die Polizisten das auch getan... wenn sie gewußt hätten, wonach sie suchen mußten.
Als nächstes versuchte ich mein Glück im Badezimmer, wo ich mit meiner Taschenlampe hinter und in den Spülkasten der Toilette sah und nach losen Fliesen suchte. Ich nahm das Medizinschränkchen von der Wand und äugte in die Verschalung dahinter. Dann durchsuchte ich die Nische, wo ihr Bett gestanden hatte, und prüfte die metallene Bodenplatte im Wohnzimmer, auf der der Holzofen angebracht gewesen war. Nichts. Was auch immer Lorna mit ihrem Geld zu tun pflegte, sie bewahrte es jedenfalls nicht zu Hause auf. Wenn sie Schmuck oder große Geldsummen besessen hatte, so hatte sie diese nicht in einem Versteck untergebracht. Nein, ich muß mich korrigieren. Was auch immer sie mit ihren Wertsachen gemacht hatte, ich wußte jedenfalls nicht, wo sie waren. Vielleicht war mir schon jemand zuvorgekommen, oder vielleicht hatte sie, wie Cheney angedeutet hatte, das Geld anderweitig ausgegeben. Ich beendete meine Suche mit einer zweiten gründlichen Musterung und war unzufrieden.
Zufällig fiel mein Blick auf den Klingelkasten. Das Gehäuse war abgezogen worden, und ich beugte mich vor, um mit meinem Schraubenzieher das Innere zu untersuchen. Einen Moment lang hoffte ich, daß ein Geheimfach aufspringen und ein Bündel Geldscheine hervorquellen würde. Als unverbesserliche Optimistin hoffe ich immer auf solche Glücksfälle. Jedoch passierte natürlich überhaupt nichts, und ich fand lediglich das Ende eines Kabels. Ich hatte den Mechanismus einer Türklingel noch nie richtig gesehen, aber dieses Kabel kam mir merkwürdig vor. Ich stand einen Augenblick lang da und starrte es an, dann beugte ich mich näher heran und blinzelte. Was war das?
Ich ging hinaus und die knarrenden Stufen hinunter. Die vordere Veranda stand auf Betonpfeilern in knapp einem Meter Höhe, und der Zwischenraum verringerte sich hinten, wo der Boden anstieg. Die Absicht war vermutlich gewesen, Feuchtigkeit von den Bodenbrettern fernzuhalten. Das Ergebnis war ein mit Schlacke bestreuter, niedriger Zwischenraum, den man mit Holzlatten verkleidet hatte. Ich kniete mich neben die Latten und schob die Finger durch die Löcher. Dann zog ich so heftig daran, daß ein kleiner Teil herausbrach und mir erlaubte, unter die Hütte zu sehen. Es war stockfinster. Ich taxierte die Fläche im Strahl meiner Taschenlampe und kam so in den Genuß zahlreicher Weberknechte, die auf mich zuhüpften, um mich abzuschrecken.
Auf der Erde lag ein flaches Stück Sperrholz, auf dem ein paar Gartengeräte lagen. Ich stand wieder auf und versuchte, die Lage des Klingelkastens zu erfassen. Dann veränderte ich meine Position entsprechend und leuchtete mit der Taschenlampe die Balken entlang. Ich konnte erkennen, wo das grüne Kabel durch den Fußboden kam. Es war in großen Abständen an die Balken geklammert worden und lief auf die Ecke der Veranda zu. Ich würde mich darunterquetschen müssen — kein angenehmer Gedanke angesichts der ganzen Spinnen, die im Dunkeln lauerten.
Zögernd ließ ich mich auf Hände und Fußballen nieder und kroch in den Zwischenraum. Die Spinnenjungen beäugten mich erschrocken, und viele von ihnen flohen in Spinnenpanik. Später würden sie verängstigt über die Unberechenbarkeit von Menschen diskutieren. »Iiih. Diese ganzen Finger«, würden sie sagen.»Und diese riesigen, gräßlichen Füße. Sie kommen einem immer so vor, als stünden sie kurz davor, einen zu zerquetschen.« Und die Spinnenmütter würden sie trösten. »Die meisten Menschen sind völlig harmlos, und sie haben genausoviel Angst vor uns wie wir vor ihnen«, würden sie sagen.
Ich reckte den Kopf vor und ließ den Strahl meiner Taschenlampe über die Unterseite der Veranda gleiten. Genau auf Augenhöhe war ein lederbezogener Kasten am Holz befestigt. Mit dem flachen Ende meines Schraubenziehers löste ich die Klammern. Der Kasten war staubig und an den Stellen, wo das Leder zu verwittern begonnen hatte, fleckig. Ich kroch wieder unter der Veranda hervor, klopfte mir die Hände ab, wischte Kies und Erde von meinen Jeans und schaltete die Taschenlampe aus. Dann ging ich in die Hütte zurück, um meinen Fund zu untersuchen. Was ich in der Hand hielt, sah aus wie die Schutzhülle für ein kleines, tragbares Radio oder einen Kassettenrecorder, mit Löchern am einen Ende, in die man Kopfhörer oder ein Mikrophon stecken konnte. Am anderen Ende befand sich eine Aussparung für den Lautstärkeregler. Es mußte eine Abhöranlage sein, die zwar in keiner Weise raffiniert, aber vermutlich funktionstüchtig war. Vor einigen Jahren hatte mir jemand etwas Ähnliches in die Wohnung geschmuggelt, und ich war nur durch Zufall darauf gestoßen. In der Zwischenzeit hatte der durch Stimmen aktivierte Recorder meinen Teil aller Telefongespräche, sämtliche auf meinem Anrufbeantworter eingehenden Nachrichten und alle Gespräche in meiner Wohnung aufgezeichnet.
Irgend jemand hatte Lorna nachspioniert. Freilich war denkbar, daß Lorna die Anlage selbst installiert hatte, aber nur, wenn sie einen Grund dafür hatte, alle ihre Gespräche akustisch zu dokumentieren. Wenn das der Fall gewesen wäre, so hätte sie den Recorder in ihrer Hütte aufgestellt, wo der Empfang gut und die Bänder leichter zu wechseln waren. Etwas wie das hier, das an der Unterseite der Hütte befestigt worden war, würde unweigerlich zahlreiche Nebengeräusche mit aufzeichnen.
Mann o Mann, dachte ich, wen kenne ich denn, der Zugang zu allen Arten von Abhöranlagen hat? Könnte es sich um Miss Leda Selkirk handeln, die Tochter des Privatdetektivs, dem einmal die Lizenz entzogen wurde, weil er bei jemandem eine Wanze installiert hatte? Ich schaltete meine Taschenlampe wieder an und machte in der Hütte das Licht aus. Dann sperrte ich mein Auto auf und fuhr mit dem VW die holprige Gasse entlang und auf die Straße.
Ich parkte vor dem im Halbdunkel liegenden Haus der Burkes.
Als Leda auf mein Klopfen reagierte, stand ich mit dem abgenutzten Lederkästchen da, das vom Ende meines Schraubenziehers baumelte wie die Haut eines seltsamen Tiers. Heute war sie um die Körpermitte nackt. Wir hatten Mitte Februar, und sie trug ein Gewand, das einer Bauchtänzerin Ehre gemacht hätte: sarongartige Wickelhosen mit weiten Beinen aus einem dünnen, geblümten Stoff, die an das Unterteil eines Sommerpyjamas erinnerten. Das Oberteil bestand aus einem ähnlichen Material, nur anders bedruckt, ohne Ärmel und mit einem einzigen Knopf, der direkt zwischen ihren kaum vorhandenen Brüsten schwebte. Ich fragte: »Ist J. D. zu Hause?«
Sie schüttelte den Kopf. »Er ist noch nicht da.«
»Darf ich hereinkommen?« Ich nahm an, daß sie sich dumm stellen und ihre Reaktion irgendwo zwischen Leugnen und Hä? liegen würde.
Sie sah erst mich und dann das lederne Kästchen an und war offenbar unfähig, sich etwas anderes einfallen zu lassen, als »oh« zu sagen.
Sie wich von der Tür zurück, und ich betrat den dunklen Flur und folgte ihr in die nach hinten gelegene Küche. Ein Blick nach rechts brachte Jack zum Vorschein, das Kleinkind mit den klebrigen Fingern, wie er stumpfsinnig auf dem Sofa lag und ein Zeichentrickvideo anschaute. Der Säugling schlief, zur Seite hängend, in einem weich gepolsterten, tragbaren Autokindersitz, während ihm bunte Bilder übers Gesicht huschten.
Die Küche roch immer noch nach den angebratenen Zwiebeln und dem Rinderhack vom Abendessen am Montag, das schon Ewigkeiten zurückzuliegen schien. Einige der Geschirrteile, die sich in der Spüle türmten, waren offenbar auch noch dieselben, obwohl Teller von späteren Mahlzeiten darüber gestapelt worden waren. Sie gehörte vermutlich zu der Sorte, die wartete, bis alles benutzt war, bevor sie sich ans Abspülen machte. »Möchten Sie Kaffee?« fragte sie. Ich konnte eine frische Kanne in der Kaffeemaschine stehen sehen, deren Mechanismus gerade noch die letzten Tropfen ausspuckte.
»Ja, gerne«, sagte ich. Ich setzte mich auf die gepolsterte Bank und suchte den Küchentisch nach klebrigen Stellen ab. Ich fand ein paar saubere Quadratzentimeter und stellte vorsichtig meinen Ellbogen darauf ab.
Sie holte einen Becher heraus und füllte ihn. Dann schenkte sie sich selbst nach, bevor sie die Kanne wieder auf die Wärmeplatte stellte. Im Profil schien ihre Nase zu lang für ihr Gesicht zu sein, aber bei einer bestimmten Beleuchtung war die Wirkung trotzdem attraktiv. Sie hatte einen langen Hals und niedliche Ohren, und das kurzgeschnittene, dunkle Haar schmiegte sich in einzelnen Strähnen um ihr Gesicht. Ihre Augen waren von verschmierter schwarzer Schminke umrandet, und auf den Lippen hatte sie bräunlichen Lip gloss.
Ich stellte das Lederkästchen mitten auf den Tisch.
Sie setzte sich auf die Bank und zog die Füße unter sich. Dann fuhr sie sich mit leicht verlegenem Gesichtsausdruck durchs Haar. »Ich wollte es die ganze Zeit abmontieren, bin aber nie dazu gekommen. So was Bescheuertes.«
»Sie haben eine Abhöranlage installiert?«
»War nichts Großartiges. Bloß ein Mikro und ein Kassettenrecorder.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht. Ich hab’ mir Sorgen gemacht«, sagte sie. Ihre dunklen Augen wirkten riesig und voller Unschuld.
»Ich höre.«
Die Farbe schoß ihr ins Gesicht. »Ich dachte, J. D. und Lorna hätten vielleicht etwas miteinander, aber ich habe mich getäuscht.« Vor uns auf dem Tisch stand eine Saugflasche mit Babymilch. Leda schraubte den Sauger ab und verwendete den Inhalt als Kaffeesahne. Sie bot mir auch davon an, aber ich verzichtete.
»Wie hat es funktioniert? Wurde es durch Stimmen aktiviert?«
»Ja. Ich weiß, es klingt rückblickend etwas dämlich, aber ich hatte gerade erfahren, daß ich mit dem Baby schwanger war und mußte den ganzen Tag kotzen. Jack war noch nicht einmal aus den Windeln heraus, und ich war gegenüber J. D. am Durchdrehen. Ich wußte ganz genau, daß ich gemein zu ihm war, aber ich konnte es nicht ändern. Ich sah gräßlich aus und fühlte mich noch schlimmer. Und dann war da Lorna, schlank und elegant. Ich bin ja nicht blöd. Ich bekam heraus, womit sie ihren Lebensunterhalt verdiente, und er auch. J. D. fing an, sich jeden zweiten Tag einen Vorwand dafür auszudenken, nach hinten zu gehen. Ich wußte, wenn ich ihn zur Rede stellte, würde er mir ins Gesicht lachen, und deshalb habe ich mir ein paar Sachen von Daddy geborgt.«
»Hatten sie denn eine Affäre?«
Ihr Gesichtsausdruck war voller Selbstironie. »Er hat ihre Toilette repariert. Eine ihrer Fliegentüren hatte sich gelockert, und dann hat er die auch wieder befestigt. Das Äußerste, was er je getan hat, war, über mich zu jammern, und nicht einmal das war schlimm. Sie bekam einen Anfall und hat ihn zur Schnecke gemacht. Sie hat gesagt, er hätte vielleicht Nerven, wo schließlich ich diejenige sei, die die ganzen Qualen und Mühen auf sich nehmen muß. Dann ist sie noch über ihn hergefallen, weil er bei Jack keinen Finger krumm gemacht hat. Danach hat er angefangen zu kochen, was mir eine große Hilfe war. Es belastet mich, daß ich mich nie bei ihr bedankt habe, aber ich sollte ja gar nicht wissen, daß sie sich für mich eingesetzt hatte.«
»Woher haben Sie gewußt, wie man eine Wanze einbaut?«
»Ich habe Daddy dabei zugesehen. Lorna war oft nicht da, daher war es nicht schwer. Die Türklingel hat nicht funktioniert, aber der Klingelkasten war vorhanden. Ich habe einfach ein Loch in den Fußboden gebohrt und bin unter die Hütte gekrochen. Ich mußte lediglich dafür sorgen, daß das Band nahe genug an der Kante der Veranda war, damit ich es ohne Verrenkungen auswechseln konnte. Wir haben die Gartengeräte darunter aufbewahrt. Jedesmal wenn ich Unkraut gejätet habe, habe ich eine Möglichkeit gefunden, das Band abzuhören.«
»Wie viele Bänder haben Sie aufgenommen?«
»Ich habe nur ein Band verwendet, aber das erste Mal war ein Reinfall, weil das Mikro defekt war und nicht einmal die Hälfte aufgenommen hat. Beim zweiten Versuch wurde es schon besser, aber der Klang war verzerrt, und man konnte es nicht gut verstehen. Sie hatte das Radio an. Die ganze Zeit hat sie diesen Jazzsender laufen lassen. Ganz vorne ist dieses kleine Bruchstück mit ihr und J. D. drauf. Ich mußte es mir dreimal anhören, um sicherzugehen, daß er es war. Dann fönt sie sich die Haare... ungemein spannend. Ich habe ihren Teil von ein paar Anrufen und diese Geschichte, wo sie J. D. anschnauzt. Dann wieder Musik, bloß daß es diesmal Country ist, und dann redet sie mit irgendeinem Mann. Ich glaube, das war noch vom ersten Versuch.«
»Haben Sie das der Polizei erzählt?«
»Es gab nichts zu erzählen. Außerdem war es mir peinlich«, sagte sie. »Ich wollte nicht, daß J. D. erfuhr, daß ich ihm mißtraute, erst recht nicht, als sich herausstellte, daß er unschuldig ist. Ich bin mir wie eine Vollidiotin vorgekommen. Außerdem ist es illegal, warum sollte ich mich da selbst beschuldigen? Ich habe immer noch Angst, daß sie auf die Idee kommen, daß J. D. sie umgebracht hat. Es hat mich zu Tode erschreckt, als Sie bei uns hereingeplatzt sind, aber wenigstens kann ich auf diese Art beweisen, daß die beiden befreundet waren und gut miteinander auskamen.«
Ich starrte sie an. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie die Bänder immer noch haben?«
»Ja sicher, aber es ist nur eines«, antwortete sie. »Das erste Mal bestand es fast nur aus Rauschen, deshalb habe ich es gelöscht.«
»Darf ich es mir anhören?«
»Sie meinen, jetzt gleich?«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«