Der Freispruch
»Es gibt keinen Besseren als mich.«
»Hm, hm. Wie sehen meine Möglichkeiten aus?«
Paul Lescroix lehnte sich in dem alten Eichenstuhl
zurück, sah auf die Lehne hinunter und zupfte an einem Stück Firnis
in der Form von Illinois. »Beten Sie manchmal?«, fragte er mit
seiner Baritonstimme anstelle einer Antwort.
Die Fesseln klirrten, als Jerry Pilsett die Hände
hob und sich ans rechte Ohrläppchen schnippte. Lescroix kannte den
Mann jetzt ganze vier Stunden, und er musste das Ohrläppchen in
dieser Zeit ein Dutzend Mal angeschnippt haben. »Nö«, sagte der
dürre, junge Mann mit den schiefen Zähnen. »Ich bet nich’.«
»Nun, Sie sollten es sich angewöhnen. Und dem Herrn
danken, dass ich hier bin, Jerry. Sie haben es geschafft.«
»Da is’ noch Mr. Goodwin.«
Ach, ja, Goodwin, ein neunundzwanzigjähriger
Pflichtverteidiger. Ahnungsloser Komplize der örtlichen Richter,
wenn es darum ging, seinen Klienten zwei- bis dreimal höhere
Strafen einzubrocken, als sie verdient hatten. Ein Bauerntrottel
wie alle anderen hier.
»Behalten Sie Goodwin, wenn Sie wollen.« Lescroix
stellte seine kastanienbraunen italienischen Schuhe auf den
Betonboden und schob seinen Stuhl zurück. »Mir egal.«
»Warten Sie. Es is’ nur so, dass er mein Anwalt
ist, seit sie mich verhaftet haben. Seit fünf Monaten«, fügte er
bedeutungsschwer hinzu.
»Ich habe die Unterlagen gelesen«, sagte Lescroix
trocken. »Ich weiß, wie lange ihr beiden schon zusammen im Bett
seid.«
Jerry blinzelte. Als er diesen Ausdruck nicht
verarbeiten konnte, fragte er: »Sie sagen, Sie sind besser als er?
Isses so?« Sein unsteter Blick kam zur Ruhe, und er betrachtete
Lescroix’ makelloses Silberhaar, die schlanke Figur und das kluge,
markante Gesicht.
»Sie wissen wirklich nicht, wer ich bin, oder?«
Lescroix, der sich normalerweise über eine solche Verirrung empört
hätte, war nicht weiter überrascht. Das war immerhin Hamilton hier,
ein County voller Bauerntrampel, dessen gesamte Einwohnerzahl
kleiner war als die von Lescroix’ Stadtviertel, der Upper East Side
in Manhattan.
»Ich weiß nur, dass Harry, das is’ heut der
Oberaufseher, reingekommen is und gesagt hat, ich soll Regis’n’
Kathie Lee ausschalten und machen, dass ich zu den
Besucherzimmern runterkomme. Da wär so’n Anwalt, der mich sehen
will, und jetzt sitzen Sie da und sagen, Sie wollen meinen Fall
übernehmen, und ich soll Mr. Goodwin rausschmeißen, der wo die
ganze Zeit anständig zu mir war.«
»Tja, sehen Sie, Jerry, soviel ich gehört habe, ist
Goodwin halt zu allen anständig. Er ist anständig zum Richter,
anständig zur Staatsanwaltschaft und anständig zu den Zeugen der
Staatsanwaltschaft. Und deshalb ist er ein sehr schlechter
Verteidiger, und Sie sitzen ernsthaft in der Patsche.«
Pilsett fühlte sich in die Enge getrieben, wie
jeder, der mehr als fünf Minuten mit Lescroix zusammensaß. Und so
beschloss er, zurückzuschlagen. (Wahrscheinlich genau das, was auch
in jener Nacht im Juni passiert war, dachte Lescroix.) »Wer genau
sagt denn, dass Sie was taugen? Wie soll ich das wissen?«
Sollte er ihn mit seinen Erfolgen zu einem Nichts
schrumpfen lassen?, überlegte Lescroix. Seine Rolle im ersten
Prozess gegen die Menendez-Brüder herunterbeten? Den Freispruch vom
Vorwurf des vorsätzlichen Mordes durch Brandstiftung im letzten
Jahr für die Ehefrau aus Sacramento erwähnen, den er mit einer
innovativen Missbrauchsdefinition bewirkt hatte (wonach das
Lächerlichmachen vor Freunden ebenfalls Missbrauch war)? Das
volltönende »Nicht schuldig«, das man Fred Johnson zuteil werden
ließ, dem kleinen Dieb aus Cabrini-Green in Chicago, der durch
Gehirnwäsche, jawohl, Gehirnwäsche, meine Damen und Herren,
dazu gebracht wurde, einer militanten Zelle, nein, keiner Bande,
einer militanten Zelle dabei zu helfen, drei Kunden in einer
Wechselstube in der Southside zu ermorden? Das berühmt-berüchtigte
Profil in Time?
Doch Lescroix wiederholte lediglich: »Es gibt
keinen Besseren, Jerry«, und besiegelte das Argument durch die
Laserstrahlen seiner Augen.
»Die Verhandlung ist morgen. Was wissen Sie
überhaupt von dem Fall? Ich meine, kriegen wir eine Vertagung?« Das
Wort kam ihm glatt über die Lippen, zu glatt. Er hatte sicher lange
gebraucht, um zu begreifen, was es bedeutete.
»Nicht nötig. Ich habe in den letzten drei Tagen
nichts anderes getan, als die gesamte Akte zu lesen.«
»Drei Tage.« Ein neuerliches Blinzeln, eine
Bewegung zum Ohrläppchen. Das war ihre erste Zusammenkunft heute.
Wieso hatte Lescroix in den letzten drei Tagen seine Akte
durchgearbeitet?
Aber Lescroix erklärte es nicht. Er erklärte nie
etwas, wenn es nicht unbedingt sein musste, am wenigsten einem
Klienten.
»Aber sagten Sie nicht, dass Sie aus New York sind
oder was? Können Sie hier einfach einen Prozess machen?«
»Goodwin wird mich den Prozess ›machen‹ lassen.
Kein Problem.«
Weil er ein anständiger Kerl ist.
Und ein rückgratloser Waschlappen.
»Aber er berechnet mir nichts. Machen Sie es auch
umsonst?«
Er weiß wirklich nichts über mich.
Erstaunlich. »Nein, Jerry, ich arbeite nie gratis. Man wird
nicht respektiert, wenn man gratis arbeitet.«
»Mr. Goodwin...«
»Mr. Goodwin wird nicht respektiert.«
»Ich respektiere ihn.«
»Ihr Respekt zählt nicht, Jerry. Ihr Onkel bezahlt
mein Honorar.«
»Onkel James?«
Lescroix nickte.
»Er ist ein guter Mensch. Hoffentlich hat er seine
Farm nicht verpfändet.«
Er ist kein guter Mensch, dachte Lescroix. Er ist
ein Idiot.
Weil er glaubt, es gibt immer noch Hoffnung für
dich. Und es interessiert mich einen feuchten Kehricht, ob er die
Farm verpfändet hat oder nicht. »Also, was meinen Sie,
Jerry?«
»Na ja, also gut. Aber eins müssen Sie noch
wissen.« Er rutschte näher, dass die Fesseln klirrten. Dann beugte
sich das junge Stoppelgesicht über den Tisch, und die dünnen Lippen
verzogen sich zu einem schiefen Lächeln.
Doch Lescroix hielt einen Zeigefinger in die Höhe,
der in einem manikürten Nagel endete. »Jetzt verraten Sie mir ein
großes Geheimnis, nicht wahr? Dass Sie Patricia Cabot nicht getötet
haben. Dass Sie vollkommen unschuldig sind. Sie wurden
hereingelegt. Es ist alles ein schrecklicher Irrtum, Sie waren nur
zufällig am Tatort.«
»Ich...«
»Nein, Jerry, es ist kein Irrtum.«
Pilsett sah Lescroix voll Unbehagen an, und genauso
wollte der Anwalt angesehen werden. Er war eine Naturgewalt, ein
Phänomen. Kein Staatsanwalt konnte es mit ihm aufnehmen, kein
Klient verkaufte ihn je für dumm.
»Vor zwei Monaten – am 2. Juni – wurden Sie von
Charles Arnold Cabot angeheuert, damit Sie seinen Rasen mähten und
einen Stoß verfaultes Brennholz abtransportierten, das vor seinem
Haus in Bentana lagerte, der vornehmsten Gegend in Hamilton. Er
hatte Sie früher schon einige Male beschäftigt, und Sie mochten ihn
eigentlich nicht – Cabot ist so ein richtig feiner Pinkel -, aber
natürlich machten Sie die Arbeit und nahmen die fünfzig Dollar, die
er Ihnen dafür versprochen hatte. Er gab Ihnen kein Trinkgeld. Sie
haben sich an diesem Abend dann betrunken, und je mehr Sie tranken,
desto wütender wurden Sie, weil Ihnen einfiel, dass er Ihnen
eigentlich nie genug bezahlte – auch wenn Sie nie um mehr
feilschten und jedes Mal zur Stelle waren, wenn er Sie
anrief.«
»Warten...«
»Psst. Am nächsten Tag, als Cabot und seine Frau
unterwegs waren, waren Sie immer noch betrunken und immer noch
wütend. Sie brachen in das Haus ein, und während Sie gerade die
Lautsprecherkabel ihrer zweitausend Dollar teuren Stereoanlage
durchtrennten, kam Patricia Cabot unerwartet nach Hause zurück. Sie
hat Ihnen einen Heidenschreck eingejagt, und Sie schlugen ihr mit
dem Hammer auf den Kopf, mit dem Sie die Tür zwischen Garage und
Küche aufgebrochen hatten. Sie war bewusstlos. Aber Sie haben sie
nicht getötet. Sie fesselten sie. Überlegten, sie später vielleicht
zu vergewaltigen... lassen Sie mich ausreden. Sie überlegten sich
also, sie später vielleicht zu vergewaltigen. Sehen Sie mich nicht
so an, Jerry. Sie war vierunddreißig, sehr attraktiv und
bewusstlos. Und schauen Sie sich an. Haben Sie eine Freundin? Ich
bezweifle es.
Dann erschraken Sie plötzlich. Die Frau kam zu sich
und begann zu schreien. Sie brachten die Sache mit dem Hammer zu
Ende und rannten zur Tür hinaus. Der Ehemann sah Sie im Eingang mit
dem blutigen Hammer, der Stereoanlage und ihrer CD-Sammlung unter
dem Arm. Er rief die Polizei, und die nagelte Sie fest. Hat es sich
in etwa so abgespielt?«
»Ich hab nicht die ganzen CDs genommen. Die von
Michael Bolton hab ich liegengelassen.«
»Versuchen Sie mir nie wieder witzig zu kommen,
Jerry.«
Pilsett schnippte sich erneut ans Ohrläppchen. »Ja,
so isses ungefähr abgelaufen.«
»Also gut, Jerry. Hören Sie zu. Das ist eine kleine
Stadt hier, und die Leute sind reichlich dumm. Ich halte mich für
den besten Strafverteidiger im Lande, aber dieser Fall ist
glasklar. Sie waren es, jeder weiß, dass Sie es waren, und alle
Indizien sprechen gegen Sie. Es gibt keine Todesstrafe in diesem
Bundesstaat, aber sie sind verdammt großzügig, wenn es darum geht,
ein Lebenslänglich ohne Chance auf Begnadigung auszusprechen. So.
Das ist die Zukunft, der Sie entgegensehen.«
»Ja. Und wissen Sie, was mir das sagt? Dass
Sie derjenige sind, der in dieser Situation nicht verlieren
kann.«
Vielleicht waren sie doch nicht so dumm in
Hamilton, wie er gedacht hatte.
»Sie kommen den weiten Weg von New York hierher«,
fuhr der junge Mann fort. »Sie machen den Prozess und verschwinden
wieder. Wenn Sie mich raushauen, sind Sie eine Berühmtheit, Sie
kriegen Ihr Geld und werden bei Oprah oder so was
eingeladen, weil Sie einen hoffnungslosen Fall gewonnen haben. Und
wenn Sie verlieren, kriegen Sie Ihr Geld, und keiner schert sich
was drum, weil ich eingebuchtet werde, wie ich’s verdient
hab.«
Lescroix musste grinsen. »Jerry, Jerry. Das ist ein
Grund, warum ich diesen Job so liebe. Keine Scharaden zwischen
uns.«
»Was sind Scharaden?«
»Spielt keine Rolle.«
»Ich habe’ne Frage.« Er runzelte die Stirn.
Lass dir Zeit...
»Angenommen, Sie hau’n mich raus. Können die mich
dann noch mal belangen?«
»Nein. Man kann nicht zweimal wegen der gleichen
Sache vor Gericht gestellt werden. Das ist das Tolle an diesem
Land. Wenn eine Jury Sie für unschuldig erklärt hat, sind Sie frei,
und der Staatsanwalt kann nicht mehr das Geringste machen... Jetzt
kommen Sie – werden Sie mich engagieren und diesen Goodwin in die
juristische Bibliothek zurückschicken, wo er hingehört?«
Pilsett schnippte wieder an sein Ohrläppchen. Die
Ketten klirrten. »Also gut.«
»Dann an die Arbeit.«
Paul Lescroix’ Lebenslauf war über die Jahre
reichlich aufgepeppt worden. Er hatte sein Juradiplom im
Abendstudium an einem städtischen Institut erworben. Was sich
natürlich in den vielen Artikeln über ihn, von denen er
phantasierte, nicht so gut machen würde. Deshalb hatte er sich
sofort nach dem Examen für Fortbildungskurse in Cambridge
eingetragen, die jedem Anwalt offenstanden, der bereit war,
fünfhundert Dollar dafür zu bezahlen. Somit stimmte die Behauptung,
er habe eine »Harvard-Ausbildung« absolviert.
Er bekam einen Job, in dem er für einen Mindestlohn
juristische Kommentare für Verkehrsrichter umschrieb und
archivierte. Somit konnte er behaupten, er habe in seiner Lehrzeit
juristische Kommentare für Strafrichter verfasst.
Er ließ sich mit einer eigenen Praxis über einem
chinesischen Heimservice in einem rußgeschwärzten Gebäude an der
Maiden Lane im Finanzdistrikt von Manhattan nieder. Auf diese Weise
wurde er zum »Partner in einem auf Wirtschaftskriminalität
spezialisierten Wall-Street-Unternehmen«.
Aber diese kleinen Ungereimtheiten in der
Geschichte Paul Lescroix’ (na gut, ursprünglich Paul Vito Lacosta)
taten seinem einen großen Talent keinen Abbruch – der unheimlichen
Fähigkeit, seine Gegenspieler vor Gericht zu schwächen. Was eine
Gabe ist, die kein Anwalt fälschen kann. Er förderte alle Tatsachen
über einen Fall zutage, an die er herankam, über die Parteien, den
Richter, den Staatsanwalt; dann bearbeitete er sie heftig, drückte
und zwickte sie und knetete sie wie Teigmasse. Danach waren es
immer noch Tatsachen, aber mutierte: Sie wurden in seinen Händen zu
Waffen, Schilden, Viren, Tarnungen.
Am Abend und in der Nacht vor der
Pilsett-Verhandlung verbrachte er eine Stunde damit, aus dem armen
Al Goodwin herauszuholen, was an Erkenntnis über den Fall
möglicherweise in ihm steckte, zwei Stunden lang traf er sich mit
Reportern, und zehn Stunden lang ging er zwei Dinge durch: den
Polizeibericht und ein umfangreiches Dokument, das ein von ihm
beauftragter Privatdetektiv erstellt hatte. Diesen hatte er vor
drei Tagen engagiert, als James Pilsett, Jerrys Onkel, mit dem
Honorarvorschuss bei ihm erschienen war.
Lescroix sah auf Anhieb, dass trotz der massiven
Indizienbeweise gegen Pilsett die größte Gefahr von Charles Cabot
selbst ausging. Sie hatten natürlich Glück, dass er der einzige
Zeuge war, aber Pech, weil er zufällig auch der Ehemann der
getöteten Frau gewesen war. Es ist höchst riskant, die
Glaubwürdigkeit eines Zeugen in Frage zu stellen, der unter dem
Verbrechen selbst gelitten hat.
Doch RA Paul Lescroix erhielt vierhundert Dollar
die Stunde und fünfstellige Vorschussschecks, weil er gewillt –
nein, begierig darauf – war, solche Risiken einzugehen.
In sich hineinlächelnd, ließ er sich vom
Zimmerservice eine große Kanne Kaffee kommen, und während der
Mörder Jerry Pilsett, der anständige Al Goodwin und all die
einfachen Leute von Hamilton ihre einfachen Träume träumten,
bereitete sich Paul Lescroix auf die Schlacht vor.
Er kam wie immer sehr früh in den Gerichtssaal und
saß bereits ordentlich am Verteidigertisch, als die Zeugen,
Zuschauer und (danke, lieber Gott!) die Presse eintrafen. Er
posierte dezent für die Kameras und nahm den Staatsanwalt in den
Blick (Absolvent der hiesigen Universität, wie Lescroix in
Erfahrung gebracht hatte, unter den oberen vierzig Prozent,
fünfzehn Jahre auf dem Buckel und abgestumpft davon, dass er in
einer perspektivlosen Laufbahn stecken geblieben war, die er vor
dreizehn Jahren hätte aufgeben sollen.)
Dann wandte er den Blick einem Mann zu, der im
hinteren Teil des Gerichtssaals saß. Charles Cabot. Neben ihm hatte
eine Frau in den Sechzigern Platz genommen – Mutter oder
Schwiegermutter, den Tränen nach, schätzte Lescroix. Der Anwalt war
leicht beunruhigt. Er hatte einen steifen Vertreter der oberen
Mittelklasse erwartet, den typischen Bewohner besserer Vororte,
jemanden, der wenig Sympathie bei der Jury wecken würde. Doch der
Mann, obschon um die vierzig, wirkte jungenhaft. Er hatte
zerwühltes, dunkelblondes Haar und trug eine verknitterte
Sportjacke, eine leichte Hose und gestreifte Krawatte. Ein
freundlicher Versicherungskaufmann. Er tröstete die Frau und
vergoss selbst ein paar Tränen. Er war die Sorte Witwer, in den
sich eine Jury leicht verlieben konnte.
Nun, Lescroix war schon in schlimmeren Nöten
gewesen. Es hatte Fälle gegeben, in denen er trauernde Mütter
attackieren musste, zur Witwe gemachte Frauen und selbst verstörte
Kinder. Er würde sich einfach herantasten müssen, wie ein Musiker,
der die Reaktion des Publikums erfühlt und sein Spiel vorsichtig
angleicht. Er konnte …
Lescroix nahm plötzlich wahr, dass Cabot ihn
anstarrte. Die Augen des Mannes waren wie kalte Kugellager.
Lescroix schauderte sogar – das war ihm vor Gericht noch nie
passiert – und hatte Mühe, den Blickkontakt zu halten. Es war nur
ein Moment. Doch Lescroix war froh um die Herausforderung. Etwas in
Cabots Blick machte die ganze Sache zu einer persönlichen
Angelegenheit, und das erleichterte es ihm sehr, zu tun, was er
gleich tun würde. Sie sahen sich unverwandt an, die Spannung
zwischen ihnen knisterte wie Elektrizität. Dann ging eine Tür auf,
und alle erhoben sich, als der Gerichtsdiener eintrat.
»Das Strafgericht von Hamilton County, erster
Bezirk, nimmt seine Verhandlung auf. Den Vorsitz führt der
ehrenwerte Richter Jennings P. Martell. Wer vor diesem Gericht
etwas zu sagen hat, möge sich melden, um gehört zu werden.«
Pilsett, der einen lächerlichen braunen Anzug trug,
wurde behutsam hereingeführt. Er nahm neben seinem Anwalt Platz.
Der Angeklagte grinste dümmlich, bis Lescroix ihm befahl, damit
aufzuhören. Er schnippte sich ein paar Mal ans Ohrläppchen.
Als Lescroix zu Cabot zurückblickte, war dessen
metallischer Blick weitergewandert und bohrte sich nun in den
Rücken des Mannes, der seine Frau mit einem Klauenhammer für vier
Dollar neunundneunzig von Sears Craftsman getötet hatte.
Der Staatsanwalt präsentierte als Erstes die
forensischen Beweise, und Lescroix langweilte sich eine halbe
Stunde lang mit den Aussagen der Labortechniker und Polizisten,
wenngleich die Spurensicherung überraschend gut für so eine kleine
Polizeidienststelle gearbeitet hatte. Ein kleiner Sieg für die
Anklage, räumte Lescroix in Gedanken ein.
Dann rief der Staatsanwalt Charles Cabot auf.
Der Witwer richtete seine Krawatte, umarmte die
Frau neben ihm und ging zum Zeugenstand.
Gelenkt von den trockenen Fragen des
Anklagevertreters, schilderte der Mann emotionslos, was er am 3.
Juni gesehen hatte. Einsilbige Trauer, ein paar Tränen. Lescroix
ordnete die Darstellung als nicht überzeugend ein, wenngleich die
gebrochene Redeweise des Mannes die Jury sicherlich gebannt zuhören
ließ. Aber das hatte er einkalkuliert. Wir lieben Tragödien nun mal
ebenso sehr wie Liebesgeschichten und fast so sehr wie Sex.
»Keine weiteren Fragen, Euer Ehren«, sagte der
Staatsanwalt und sah Lescroix abschätzig an.
Der Anwalt erhob sich langsam, knöpfte sein Jackett
auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er ging langsam vor dem
Zeugen auf und ab. Als er sprach, sprach er zur Jury. »Ich bedauere
Ihr Unglück sehr, Mr. Cabot.«
Der Zeuge nickte, aber sein Blick war
wachsam.
»Der Tod einer jungen Frau ist eine schreckliche
Sache«, fuhr Lescroix fort. »Einfach furchtbar. Nicht zu
entschuldigen.«
»Äh, ja. Danke.«
Die Blicke der Jurymitglieder forschten kollektiv
in Lescroix’ besorgtem Gesicht. Er sah zum Zeugenstand. Cabot
wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte einen Angriff erwartet.
Er war unsicher. Seine Augen waren nicht mehr stahlhart. Sie
blickten vorsichtig. Das war gut. Die Leute verabscheuen einen
selbstsicheren Lügner weniger als jemanden, der mit argwöhnischem
Blick die Wahrheit sagt.
Lescroix wandte sich wieder den zwölf Männern und
Frauen seines Publikums zu.
Er lächelte. Niemand lächelte zurück.
Es machte nichts. Das war erst die Ouvertüre.
Er ging zum Tisch und hob eine Mappe auf. Schritt
zurück zur Jurybank. »Mr. Cabot, womit verdienen Sie Ihren
Lebensunterhalt?«
Die Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß. Er
ließ den Blick durch den Gerichtssaal schweifen. »Nun ja, ich
besitze eine Firma. Wir produzieren Gehäuse für Computer und
Zubehörgeräte.«
»Verdienen Sie viel Geld damit?«
»Einspruch.«
»Abgelehnt. Aber Sie kommen demnächst auf den
Punkt, Mr. Lescroix, ja?«
»Worauf Sie sich verlassen können, Euer Ehren. Nun,
Mr. Cabot, antworten Sie bitte.«
»Unser Umsatz lag vergangenes Jahr bei acht
Millionen.«
»Und Ihr Einkommen war?«
»Ich brachte rund zweihunderttausend nach
Hause.«
»Und Ihre Frau, war sie ebenfalls in der Firma
angestellt?«
»In Teilzeit. Als Verwaltungsrätin. Und sie war
beratend tätig.«
»Verstehe. Und wie viel hat sie gemacht?«
»Das weiß ich nicht genau.«
»Geben Sie uns eine grobe Schätzung, Mr.
Cabot.«
»So in der Nähe von hunderttausend.«
»Wirklich? Interessant.«
Er blätterte langsam in der Mappe, während sich die
Jurymitglieder fragten, was an dieser Information interessant sein
könnte.
Lescroix blickte auf. »Wie wurde Ihre Firma
ursprünglich finanziert?«
»Einspruch, Euer Ehren«, sagte der graugesichtige
Staatsanwalt. Sein junger Assistent nickte heftig, als wäre jedes
Auf und Ab seines Kopfs ein juristisches Zitat, das seinem Boss
Recht gab.
»Führt das irgendwo hin, Mr. Lescroix?«, fragte der
Richter. »Oder kommen wir gerade in den Genuss eines Ihrer
berühmten Fischzüge?«
Wunderbar. Lescroix wandte sich der Jury zu, die
Augenbrauen leicht hochgezogen; der Richter bemerkte es nicht.
Sehen Sie, womit ich mich herumschlagen muss, fragte er lautlos. Er
wurde mit einem einzelnen verschwörerischen Lächeln eines
Jurymitglieds belohnt.
Und dann, gepriesen sei der Herr, noch eins.
»Das führt sehr wohl irgendwo hin, Euer Ehren. Auch
wenn nicht alle Anwesenden sehr glücklich darüber sein
werden.«
Hier und dort wurde Murmeln laut.
»Wir werden ja sehen«, brummte der Richter.
»Einspruch abgelehnt. Antworten Sie, Mr. Cabot.«
»Soweit ich mich erinnere, war die Finanzierung
sehr kompliziert.«
»Dann wollen wir es doch vereinfachen. Ihr
Schwiegervater ist ein reicher Geschäftsmann, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, was Sie unter reich verstehen.«
Cabot schluckte.
»Ein Nettovermögen von zwölf Millionen Dollar
dürfte wohl unter diese Definition fallen, oder?«
»Ich denke, ja.«
Mehrere Jurymitglieder stimmten in Lescroix’
Gelächter ein.
»Hat nicht Ihr Schwiegervater das Startkapital für
Ihre Firma bereitgestellt?«
»Ich habe jeden Cent zurückgezahlt...«
»Mr. Cabot«, fragte Lescroix geduldig, »hat Ihr
Schwiegervater das Startkapital bereitgestellt, ja oder
nein?«
Eine Pause. Dann ein mürrisches: »Ja.«
»Wie viel von der Firma gehörte Ihrer Frau?«
»Wenn ich mich recht erinnere, gab es komplizierte
Formeln, die...«
»Schon wieder kompliziert?« Lescroix seufzte.
»Vereinfachen wir es auch diesmal, ja? Sagen Sie uns nur, wie hoch
der Prozentsatz war, der Ihrer Frau von der Firma
gehörte.«
Erneutes Zögern. »Neunundvierzig.«
»Und Ihrer?«
»Neunundvierzig.«
»Und wem gehören die restlichen beiden
Prozent?«
»Ihrem Vater.«
»Und wer bekommt nach dem Tod Ihrer Frau ihre
Anteile?«
Kurzes Zögern. »Wenn wir Kinder gehabt
hätten...«
»Haben Sie Kinder?«
»Nein.«
»Verstehe. Dann sagen Sie uns doch, was tatsächlich
aus den Anteilen Ihrer Frau wird.«
»Die bekomme dann wohl ich. Damit hatte ich mich
noch gar nicht beschäftigt.«
Führ sie richtig. Genau wie ein Orchesterdirigent.
Mit leichter Hand. Füg nicht an: »Dann sind Sie also derjenige, der
vom Tod Ihrer Frau profitiert.« Oder: »Dann kontrollieren Sie jetzt
also die Firma.« Sie sind nicht die Hellsten, aber selbst der
Dümmste begreift allmählich, wohin die Reise geht.
Cabot trank einen Schluck Wasser, verschüttete ein
paar Tropfen auf sein Jackett und bürstete sie fort.
»Mr. Cabot, lassen Sie uns an den Juni
zurückdenken. Sie haben am 2. Juni, einen Tag vor dem Tod Ihrer
Frau, Jerry Pilsett angeheuert, damit er ein paar Arbeiten für Sie
erledigt. Ist das richtig?«
Nicht: Bevor sie ermordet wurde. Immer schön
neutral bleiben.
»Ja.«
»Und Sie hatten ihn schon vorher einige Male
beschäftigt, ja?«
»Ja.«
»Wann zum ersten Mal?«
»Ich weiß nicht, vor sechs Monaten
vielleicht.«
»Wie lange wissen Sie schon, dass Jerry in Hamilton
wohnt?«
»Fünf, sechs Jahre, würde ich sagen.«
»Obwohl Sie ihn also seit sechs Jahren kannten,
haben Sie ihn bis letztes Frühjahr nie beschäftigt?«
»Nein, aber...«
»Obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben
hatte?«
»Nein, aber ich wollte sagen...«
»Der 2. Juni war was für ein Wochentag, Mr.
Cabot?«
Nach einem Blick zum Richter sagte Cabot. »Das weiß
ich nicht mehr.«
»Es war ein Freitag.«
»Wenn Sie das sagen«, antwortete der Zeuge
mürrisch.
»Ich sage das nicht, Mr. Cabot. Es steht so
in meinem Kalender.« Und er hielt einen Kalender in die Höhe, auf
dem ein Foto von flauschigen Hündchen prangte.
Schrilles Gelächter von mehreren
Jurymitgliedern.
»Und um welche Uhrzeit sollte Jerry Pilsett diese
Arbeit erledigen?«
»Ich weiß nicht.«
»Früh?«
»Nicht allzu früh.«
»Nicht allzu früh«, wiederholte Lescroix langsam.
Dann, wie ein Peitschenhieb. »War es nicht tatsächlich am späten
Nachmittag und Abend?«
»Kann sein.«
Stirnrunzeln, Aufund-Ab-Laufen. »Ist es nicht
sonderbar, dass Sie jemanden am Freitagabend für Gartenarbeit
anheuern?«
»Es war noch nicht Abend. Es dämmerte gerade
und...«
»Bitte beantworten Sie die Frage.«
»Mir kam nichts daran sonderbar vor.«
»Verstehe. Könnten Sie uns genau sagen, wozu Sie
ihn anstellten?«
Ein säuerlicher Blick von Cabot. »Er mähte den
Rasen und hat verfaultes Brennholz weggeschafft.«
»Verfaultes?«
»Na ja, von Termiten befallenes.«
»War das gesamte Holz von Termiten befallen?«
Cabot sah den Staatsanwalt an, in dessen
milchweißem Gesicht ernste Sorge stand, und dann seinen jungen
Assistenten, der vermutlich ebenfalls besorgt gewesen wäre, wenn in
diesem Moment nicht die Verwirrung überwogen hätte. Jerry Pilsett
schnippte nur an sein Ohrläppchen und stierte grämlich in den
Boden.
»Weiter«, drängte der Richter. »Beantworten Sie die
Frage.«
»Ich weiß nicht. Ich habe Termitenlöcher gesehen.
Mein Haus ist eine Holzkonstruktion, und ich wollte nicht das
Risiko eingehen, dass sie darauf übergreifen.«
»Sie haben also Anzeichen für Termiten
gesehen, aber der Holzstoß war nicht völlig verrottet, oder?«
»Was weiß ich. Vielleicht nicht.« Cabot lachte
nervös.
»Es gab also noch einiges – möglicherweise eine
ganze Menge – gesundes Holz?«
»Kann sein. Welche Rolle...«
»Aber aus irgendeinem Grund wollten Sie, dass Jerry
Pilsett den ganzen Stapel wegschleppt. Und dass er es an diesem
bestimmten Freitagabend tat.«
»Wieso stellen Sie mir alle diese Fragen?«
»Um zur Wahrheit vorzudringen«, spie Lescroix aus.
»Denn deshalb sind wir ja wohl hier, nicht wahr? Nun sagen Sie uns,
war der Holzstoß mit etwas bedeckt?«
Ein leichtes Stirnrunzeln. Cabot überlegte
wahrscheinlich nur, wieso der Anwalt diese Frage stellte, aber das
Ergebnis war ein wunderbar verdächtiger Gesichtsausdruck.
»Ja. Von einer alten Plane.«
»Und war die Plane im Boden festgemacht?«
»Ja.«
»Und Sie haben die Plane selbst über das Holz
gelegt?«
»Ja.«
»Wann?«, fragte Lescroix.
»Das weiß ich nicht mehr.«
»Nein? War es vielleicht erst wenige Tage bevor Sie
Jerry angeheuert haben?«
»Nein... na, ja, vielleicht.«
»Hat Jerry etwas über die Plane gesagt?«
»Ich erinnere mich nicht.«
Lescroix wurde ungeduldig. »Sagte er nicht, die
Pflöcke seien zu fest in den Boden geschlagen, als dass er sie
herausziehen könnte, und dass er etwas brauche, um sie zu
lockern?«
Cabot blickte voll Unbehagen zum Richter hinauf. Er
schluckte wieder, schien zu überlegen, ob er einen Schluck Wasser
trinken sollte, ließ es aber sein. Vielleicht zitterten seine Hände
zu stark. »Muss ich diese Fragen beantworten?«
»Ja, das müssen Sie«, sagte der Richter
ernst.
»Kann sein.«
»Und haben Sie zu ihm gesagt, in der Garage würde
Werkzeug liegen, das er benutzen könne?«
Eine weitere gewichtige Pause. Cabot suchte in der
schmutzigen Stuckdecke des Saals nach der Antwort. »Könnte
sein.«
»Aha.« Lescroix’ Gesicht hellte sich auf.
Mindestens die halbe Jury war nun auf seiner Seite, schwebte im
Einklang mit der Musik und fragte sich, wie das Stück weitergehen
würde. »Könnten Sie unseren verehrten Jurymitgliedern verraten, wie
viele Werkzeuge Sie in der Garage haben, Sir?«
»Das weiß ich nicht, Herrgott noch mal.«
Fluchen vor der Jury. Wundervoll schlechter
Stil.
»Lassen Sie mich etwas konkreter fragen«, bot
Lescroix hilfreich an. »Wie viele Hämmer besitzen
Sie?«
»Hämmer?« Er blickte auf die Mordwaffe, einen
Klauenhammer, der, braun vom getrockneten Blut seiner Frau, auf dem
Tisch des Staatsanwalts lag. Die Jury blickte ebenfalls
darauf.
»Nur einen. Den dort.«
Lescroix hob die Stimme. »Als Sie Jerry rieten,
sich ein Werkzeug aus der Garage zu holen, um die Pflöcke zu
lockern, die Sie eingeschlagen hatten, wussten Sie also, dass er
nur ein Werkzeug wählen konnte. Diesen Hammer dort.«
»Nein, ich meine... Ich weiß nicht, was er benutzt
hat.«
»Sie wussten nicht, dass er diesen Hammer benutzt
hat, um die Pflöcke zu lockern?«
»Gut, das wusste ich schon, aber...« Sein Blick
verdüsterte sich. »Wieso be-«
»Wieso was, Sir?«
Cabot lehnte sich zurück.
Lescroix beugte sich nahe zu dem Zeugen. »Wieso ich
Sie beschuldige? Wollten Sie das sagen? Warum sollte ich Sie wegen
etwas beschuldigen?«
»Vergessen Sie’s. Tut mir leid.«
»Okay, Mr. Lescroix«, murmelte der Richter. »Machen
wir weiter.«
»Selbstverständlich, Euer Ehren. Und deshalb, als
Folge davon, dass Sie ihn anwiesen, diesen Hammer zu benutzen, sind
seine Fingerabdrücke nun auf der Mordwaffe. Ist es nicht so?«
Cabot blickte in das angewiderte Gesicht des
Staatsanwalts. »Ich weiß nicht.«
»Sie wissen es nicht?«
Sonate für Zeugen und Jury.
»Vielleicht stimmt es. Aber...«
»Lassen Sie uns fortfahren, Sir. Nachdem Jerry
Pilsett an jenem 2. Juni den Rasen gemäht und das Holz in seinen
Pick-up geladen hatte, um es wegzufahren, baten Sie ihn ins Haus,
um ihn zu bezahlen, richtig?«
»Ich denke, ja.«
»Und Sie baten ihn in Ihr Wohnzimmer.
Richtig?«
»Das weiß ich nicht mehr.«
Lescroix blätterte eine Reihe Seiten in seiner
Mappe um, als wären sie gerammelt voll mit Datenmaterial der
Spurensicherung und Abschriften von Zeugenaussagen. Er starrte eine
Weile auf ein Blatt, das so unbeschrieben war wie alle anderen,
dann schloss er die Mappe wieder.
»Sie wissen es nicht mehr?«
Cabot blickte ebenfalls auf die Mappe. »Na ja, ich
glaube schon.«
»Sie gaben ihm ein Glas Wasser.«
»Vielleicht.«
»Ja oder nein?«
»Ja!«
»Und Sie zeigten ihm Ihre neueste Erwerbung, die
Stereoanlage. Von der Sie später behaupteten, er habe sie
gestohlen.«
»Wir haben uns über Musik unterhalten, und ich
dachte, sie könnte ihn interessieren.«
»Ich verstehe.« Lescroix runzelte die Stirn.
»Entschuldigen Sie, Mr. Cabot, aber Sie müssen mir da weiterhelfen.
Es kommt mir merkwürdig vor. Da hat der Mann also stundenlang in
der Sommerhitze gearbeitet, er ist verschwitzt, voller Erde und
Grasflecken... und Sie bitten ihn ins Haus. Und zwar nicht in die
Eingangshalle, nicht in die Küche, sondern ins Wohnzimmer.«
»Ich wollte eben höflich sein.«
»Schön von Ihnen. Nur war das Ergebnis dieser...
dieser Höflichkeit, dass er seine Fußabdrücke auf dem
Teppich und seine Fingerabdrücke auf der Stereoanlage, einem
Wasserglas, auf Türgriffen und wer weiß was noch hinterließ, nicht
wahr?«
»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte Cabot.
Sein Gesichtsausdruck übertraf Lescroix’ Erwartungen noch. Es
sollte schockiert aussehen, aber es sah gemein und hinterlistig
aus. Ein Nixon-Blick.
»Bitte antworten Sie, Sir.«
»Vermutlich waren seine Fußabdrücke da, und seine
Fingerabdrücke könnten auch auf ein paar Sachen gewesen sein, aber
das heißt nicht...«
»Danke. Nun, Mr. Cabot, würden Sie der Jury
verraten, ob Sie Jerry Pilsett gebeten haben, am folgenden Tag
wiederzukommen.«
»Wie bitte?«
»Haben Sie Jerry gebeten, am nächsten Tag wieder zu
Ihnen nach Hause zu kommen? Das wäre dann Samstag, der 3. Juni,
gewesen.«
»Nein.«
Lescroix runzelte dramatisch die Stirn. Er öffnete
die Mappe wieder, entdeckte ein weiteres wichtiges leeres Blatt und
tat, als würde er etwas lesen. »Sie sagten nicht zu Jerry Pilsett,
und ich zitiere: »›Das war gute Arbeit, Jerry. Kommen Sie morgen um
fünf wieder, dann habe ich noch mehr für Sie zu tun‹?«
»Das habe ich nicht gesagt, nein.«
Ein atemloses Höhnen. »Sie bestreiten, dass Sie das
gesagt haben?«
Cabot zögerte, sah den Staatsanwalt an und brachte
ein kraftloses »Ja« hervor.
»Mr. Cabot. Seine Ehren wird Sie daran erinnern,
dass Lügen unter Eid Meineid ist, und das ist ein ernstes Vergehen.
Nun beantworten Sie die Frage. Haben Sie Jerry Pilsett gebeten, am
Samstag, den 3. Juni, wieder zu Ihnen nach Hause zu kommen, ja oder
nein?«
»Nein. Wirklich, ich schwöre es.« Seine Stimme war
schrill vor Stress. Lescroix liebte es, wenn das passierte, dann
klang selbst ein Zeuge, der zuvor noch als ein Heiliger erschienen
war, wie ein Lügner. Und Zusätze wie »wirklich« oder »Ich schwöre«
trugen zum Tonfall der Täuschung bei.
Du armer Teufel.
Lescroix wandte sich an die Jury, blies die Backen
auf. Weiteres teilnahmsvolles Lächeln. Auch Kopfschütteln, ein
Zeuge, der lügt – wie empörend! Der zweite Schritt in Lescroix’
Vorstellung schien gut geklappt zu haben.
»Nun gut«, murmelte der Anwalt skeptisch. »Lassen
Sie uns zu den Ereignissen des 3. Juni zurückkehren.«
Cabot legte die Hände in den Schoß. Eine rein
defensive Geste, wiederum als Reaktion auf den Stress, dem er
ausgesetzt gewesen war. Doch Jurys lesen manchmal eine andere
Botschaft heraus: Schuldgefühl. »Sie haben dem Gericht mitgeteilt,
dass Sie gegen fünf Uhr nach Hause kamen. Richtig?«
»Ja.«
»Wo waren Sie gewesen?«
»Im Büro.«
»Am Samstag?«
Cabot brachte ein Lächeln zustande. »Wenn man sein
eigenes Unternehmen hat, arbeitet man häufig am Samstag. Ich tu es
jedenfalls.«
»Sie kamen um siebzehn Uhr zurück und sahen Jerry
Pilsett in der Haustür stehen.«
»Ja, mit dem Hammer in der Hand.«
»Dem blutigen Hammer.«
»Ja.«
»Er war doch blutig?«
»Ja.«
Erneutes Studieren der ominösen Akte, doch diesmal
betrachtete er ein Dokument, auf dem tatsächlich etwas geschrieben
stand. »Hm. Die Polizei fand Ihren Wagen auf dem Parkstreifen, fast
zwanzig Meter von der Tür entfernt, in der Sie Jerry angeblich
sahen. Richtig?«
»Genau dort war der Wagen. Es ist die
Wahrheit.«
»Wieso war der Wagen so weit vom Haus
entfernt?«
»Ich... als ich zum Haus fuhr, bekam ich Panik und
fuhr über den Randstein. Ich machte mir Sorgen um meine
Frau.«
»Aber Sie konnten Ihre Frau nicht sehen,
oder?«
Eine Pause. »Nein. Aber ich konnte den Hammer
sehen, das Blut.«
»Zwanzig Meter ist eine ziemliche Entfernung. Sie
konnten tatsächlich den Hammer in Jerrys Hand sehen?«
Immer »Jerry«, nie »der Angeklagte« oder »Pilsett«.
Ihn menschlich machen. Ihn zum Kumpel aller Jurymitglieder machen.
Ihn zum Opfer machen.
»Natürlich.«
»Und das Blut darauf?«
»Ich bin mir sicher, ich konnte es sehen.
Ich...«
Lescroix schlug zu. »Sie sind sich sicher.«
Nur der leiseste Anflug von Sarkasmus. Er überflog eine weitere
Seite und schüttelte den Kopf. »Ihr Sehvermögen ist nicht sehr gut,
oder?« Der Anwalt blickte auf. »Tatsächlich dürfen Sie ohne Brille
oder Kontaktlinsen gar nicht Auto fahren.«
»Ich...« Das Ausmaß von Lescroix’ Recherche
verblüffte den Mann offenbar. Dann lächelte er. »Das stimmt. Und
ich hatte meine Brille auf, als ich zum Haus fuhr. Deshalb konnte
ich den blutigen Hammer in seiner Hand sehen.«
»Nun, wenn das so ist, Sir, wieso hat Ihnen ein
Beamter dann später am Abend die Brille ins Haus gebracht? Als Sie
sich ein paar Dinge im Haus ansehen mussten? Er fand sie in Ihrem
Wagen.«
Das stand im Polizeibericht.
»Das... warten Sie, ich muss... ich habe sie
wahrscheinlich abgenommen, um auf dem Handy die Polizei anzurufen.
Es sind Weitsichtgläser. Danach habe ich dann wohl vergessen, sie
wieder aufzusetzen.«
»Ich verstehe. Sie behaupten also, Sie sahen einen
Mann mit einem blutigen Hammer in Ihrer Einfahrt, Sie nahmen Ihre
Brille ab, die Sie zum Autofahren benutzen, und wählten die
Notrufnummer.«
»Ja, so wird es gewesen sein.«
Der Ausdruck »Sie behaupten« fiel ihm nicht auf.
Einer Jury fällt er immer auf.
»Das bedeutet also, Sie riefen die Notrufnummer
noch vom Wagen aus an?«
»Ich habe natürlich sofort angerufen, ja.«
»Aber aus dem Wagen? Sie behaupten, Sie sahen einen
Mann mit einem blutigen Hammer in Ihrer Haustür stehen, und doch
parkten Sie zwanzig Meter von Ihrem Haus entfernt und blieben im
sicheren Wagen, um Hilfe zu rufen? Warum sind Sie nicht aus dem
Auto gesprungen und haben nachgesehen, was los ist? Haben nach
Ihrer Frau gesehen?«
»Das tat ich ja.«
»Aber erst, nachdem Sie die Notrufnummer gewählt
hatten.«
»Ich weiß nicht. Ich... Vielleicht habe ich erst
später angerufen.«
»Aber dann wäre Ihre Brille nicht im Wagen
gewesen.«
Cabot war mittlerweile so orientierungslos wie ein
Hecht am Angelhaken. »Ich weiß nicht. Ich bin in Panik geraten. Ich
weiß nicht mehr, was passiert ist.«
Was natürlich die vollständige Wahrheit war.
Und Lescroix demzufolge nicht interessierte.
Er entfernte sich einige Schritte vom Zeugenstand,
blieb stehen und drehte sich zu Cabot um. Die Jury schien sich
vorzubeugen und auf seinen nächsten Schachzug zu warten.
»Um welche Zeit haben Sie am Samstag, den 3. Juni,
Ihr Büro verlassen?«
»Das weiß ich nicht mehr.«
»Nun, Sie sind gegen fünf zu Hause eingetroffen,
wie Sie behaupten. Von Ihrem Büro sind es zehn Minuten Fahrt. Dann
müssten Sie gegen vier Uhr fünfundvierzig aufgebrochen sein. Sind
Sie direkt nach Hause gefahren?«
»Ich... ich glaube, ich habe noch ein paar
Erledigungen gemacht.«
»Was für Erledigungen? Wo?«
»Das weiß ich nicht mehr. Wie können Sie erwarten,
dass ich mich daran erinnere?«
»Man sollte meinen, Sie würden sich wenigstens an
ein, zwei Orte erinnern, an denen Sie im Lauf von zwei Stunden
waren.«
»Zwei Stunden?« Cabot runzelte die Stirn.
»Sie haben das Büro um drei verlassen.«
Der Zeuge starrte seinen Inquisitor an.
»Gemäß dem Video der Überwachungskamera in der
Eingangshalle Ihres Gebäudes.«
»Okay, vielleicht bin ich um diese Zeit gegangen.
Es ist eine Weile her. Und das war alles sehr schwer für mich. Es
ist nicht leicht, sich an alles zu erinnern...«
Er ließ den Satz leise ausklingen, während Lescroix
den Bericht des Privatdetektivs aufschlug und Fotokopien von Cabots
Bankauszügen und eingereichten Schecks fand.
»Wer«, fragte der Anwalt pointiert, »ist Mary
Henstroth?«
Cabots Blick wich dem des Anwalts aus. »Woher
wissen Sie von...«
Ich mache eben meine Hausaufgaben, hätte Lescroix
erklären können. »Wer ist sie?«
»Eine Freundin. Sie...«
»Eine Freundin. Verstehe. Wie lange kennen Sie
sie?«
»Ich weiß nicht. Ein paar Jahre.«
»Wo wohnt sie?«
»In Gilroy.«
»Gilroy liegt fünfzehn Minuten Fahrzeit von
Hamilton entfernt, richtig?«
»Kommt drauf an.«
»Kommt worauf an? Wie scharf man darauf ist, nach
Gilroy zu kommen?«
»Einspruch.«
»Stattgegeben. Bitte, Mr. Lescroix.«
»Verzeihung, Euer Ehren. Nun, Mr. Cabot, haben Sie
am 3. Juni dieses Jahres einen Scheck über die Summe von
fünfhundert Dollar auf Ms. Henstroth ausgeschrieben?«
Cabot schloss die Augen. Er presste die Kiefer
zusammen. Nickte.
»Antworten Sie bitte für das Protokoll.«
»Ja.«
»Und haben Sie diesen Scheck persönlich
überbracht?«
»Ich weiß nicht mehr«, sagte er matt.
»Sie sind nach der Arbeit nicht nach Gilroy
gefahren und haben Ms. Henstroth im Laufe Ihres... Besuchs
nicht einen Scheck über fünfhundert Dollar ausgehändigt?«
»Kann sein.«
»Haben Sie ihr im Lauf der letzten Jahre weitere
Schecks ausgestellt?«
»Ja«, flüsterte er.
»Lauter bitte, Sir.«
»Ja.«
»Und haben Sie diese anderen Schecks Ms. Henstroth
persönlich ausgehändigt?«
»Manche. Die meisten.«
»Ist es also vernünftig, anzunehmen, dass Sie den
Scheck, den Sie am 3. Juni ausschrieben, ebenfalls persönlich
überbracht haben?«
»Ich sagte: ja, kann sein«, murmelte er.
»Diese Schecks, die Sie Ihrer ›Freundin‹ im Lauf
der letzten Jahre ausgeschrieben haben, gingen von Ihrem
Geschäftskonto weg, nicht von Ihrem gemeinsamen Privatkonto,
richtig?«
»Ja.«
»Man kann also berechtigterweise annehmen, dass
Ihre Frau die Bankauszüge, die belegten, dass Sie diese Schecks
ausstellten, nicht erhalten hat. Trifft das ebenfalls zu?«
»Ja.« Der Zeuge ließ die Schultern sinken. Eine
geringfügige Geste, aber Lescroix war sich sicher, dass sie von
einer Reihe von Jurymitgliedern bemerkt worden war.
Sie alle sahen, wie der Staatsanwalt seinen
Kugelschreiber angewidert auf den Tisch feuerte. Er flüsterte
seinem betreten dreinschauenden Assistenten etwas zu, der nickte
und noch betretener dreinschaute.
»Wofür war dieses Geld?«
»Ich... weiß es nicht mehr.«
Perfekt. Besser diese ausweichende Antwort stehen
zu lassen, als Cabot Druck zu machen, sodass er womöglich eine
glaubwürdige Lüge auftischte.
»Verstehe. Haben Sie Ihrer Frau erzählt, dass Sie
Ms. Henstroth an diesem Nachmittag besuchen würden?«
»Ich... nein.«
»Das habe ich auch nicht angenommen«, murmelte
Lescroix, den Blick auf die wie gebannt lauschende Jury gerichtet.
Sie liebten dieses neue Thema seiner Symphonie.
»Euer Ehren«, brauste der Staatsanwalt auf.
»Ich ziehe die Bemerkung zurück«, sagte Lescroix.
Er zog ein zerknittertes Stück Papier aus der Mappe; es enthielt
mehrere handgeschriebene Absätze und sah wie ein Brief aus, obwohl
es in Wirklichkeit ein früher Entwurf für eine Rede war, die
Lescroix im vergangenen Jahr vor dem Verband der amerikanischen
Prozessanwälte gehalten hatte. Er las langsam den ersten Absatz und
schüttelte den Kopf. Selbst die Staatsanwälte schienen sich
gespannt vorzubeugen. Dann legte er das Papier beiseite und blickte
auf. »Ist Ihre Beziehung zu Ms. Henstroth nicht eine
Liebesbeziehung?«, fragte er rundheraus.
Cabot bemühte sich, entrüstet dreinzuschauen. »Ich
verwahre mich...«
»Also, bitte, Mr. Cabot. Sie haben die
Dreistigkeit, einen unschuldigen Mann des Mordes zu bezichtigen,
und Sie verwahren sich dagegen, dass ich Ihnen ein paar
Fragen zu Ihrer Geliebten stelle?«
»Einspruch!«
»Zurückgezogen, Euer Ehren.«
Lescroix schüttelte den Kopf und sah die Jury an.
Mit was für einem Monster haben wir es hier zu tun?, schien sein
Blick zu fragen. Er lief hin und her, während er die letzte Seite
der Mappe aufblätterte. Er las eine Weile, schüttelte wieder den
Kopf und warf die Papiere mit lautem Klatschen auf den Tisch der
Verteidigung. Dann fuhr er zu Cabot herum und schrie: »Trifft es
nicht zu, dass Sie seit mehreren Jahren eine Affäre mit Mary
Henstroth haben?«
»Nein!«
»Trifft es nicht zu, dass Sie befürchteten, im
Falle einer Scheidung von Ihrer Frau die Kontrolle über die Firma
zu verlieren, die ihr und ihrem Vater zu einundfünfzig Prozent
gehörte?«
»Das ist eine Lüge!«, rief Cabot.
»Trifft es nicht zu, dass Sie am 3. Juni dieses
Jahres früher aus dem Büro aufbrachen, bei Mary Henstroth in Gilroy
Halt machten, mit ihr schliefen und dann zu Ihnen nach Hause
weiterfuhren, wo Sie mit einem Hammer in der Hand Ihrer Frau
auflauerten? Mit diesem Hammer hier, Beweisstück A?«
»Nein, nein, nein!«
»Und dann haben Sie sie erschlagen. Sie sind zu
Ihrem Wagen zurückgegangen und haben gewartet, bis Jerry Pilsett
auftauchte, worum Sie ihn gebeten hatten. Und als er kam, nahmen
Sie Ihre Brille ab und riefen auf Ihrem Handy die Polizei an, um
ihn – einen unschuldigen Mann – als den Mörder anzuzeigen.«
»Nein, das stimmt nicht. Das ist lächerlich!«
»Einspruch!«
»Trifft es nicht zu«, schrie Lescroix, »dass Sie
Patricia, Ihre Sie liebende Frau, kaltblütig töteten?«
»Nein!«
»Stattgegeben! Genug jetzt, Mr. Lescroix. Ich dulde
kein solches Theater in meinem Gerichtssaal.«
Aber von einem Provinzrichter ließ sich der Anwalt
nicht aufhalten. Er war nicht mehr zu bremsen, angefeuert vom
Murmeln und den erstaunten Ausrufen der Zuschauer, schwang sich
seine empörte Stimme in die hintersten Winkel des Gerichtssaals mit
ihrem »Trifft es nicht zu? – Trifft es nicht zu?«
Sein Publikum auf der Geschworenenbank saß
vornübergebeugt, als wollte es jeden Moment zu einer stehenden
Ovation für den Dirigenten aufspringen, und Charles Cabots
ängstlicher Blick, der allen stählernen Zorn verloren hatte,
schweifte panisch durch den Gerichtssaal. Er war sprachlos, ohne
Stimme, als hätte sich seine tote Frau hinter ihm materialisiert
und ihre Arme um seinen Hals geschlossen, um das bisschen an Leben,
das seinem schuldbeladenen Herzen geblieben war, aus ihm
herauszuquetschen.
Drei Stunden für einen Freispruch in allen
Punkten.
Kein Rekord, aber ganz gut, dachte Lescroix, als er
am Abend in seinem Hotelzimmer saß. Er ärgerte sich, weil er den
letzten der beiden täglichen Flüge aus Hamilton verpasst hatte,
aber neben ihm stand ein Glas Whiskey, in seinem tragbaren
CD-Spieler lief Musik, und seine Füße ruhten auf der Fensterbank,
in italienischen Socken, die so glatt wie ein schwarzer
Frauenstrumpf waren. Er vertrieb sich die Zeit, indem er seinen
Sieg in Gedanken noch einmal durchspielte und überlegte, ob er
einen Teil seines Honorars dafür verwenden sollte, seine
Hängebacken richten zu lassen.
Es klopfte an der Tür.
Lescroix stand auf und ließ Jerry Pilsetts Onkel
ins Zimmer. Der Anwalt hatte ihm bei ihrer ersten Begegnung nicht
viel Beachtung geschenkt, und er erkannte jetzt, dass der Mann mit
seinen flinken Augen und der maßgeschneiderten Kleidung kein
Bauerntrampel war. Er musste mit einem der großen industriellen
Farmbetriebe zu tun haben. Wahrscheinlich hatte er den
Familienbesitz keineswegs verpfänden müssen, und Lescroix
bedauerte, dass er nur fünfundsiebzigtausend Dollar für den Fall
verlangt hatte. Er hätte glatte hunderttausend nehmen sollen. Nun
gut.
Der ältere Pilsett nahm ein Glas Whiskey an und
trank einen großen Schluck. »Nach der ganzen Aufregung heute kann
ich den gebrauchen, oh ja.«
Er zog ein Kuvert aus der Tasche und legte es auf
den Tisch. »Der Rest Ihres Honorars. Ich muss sagen, ich hätte
nicht gedacht, dass Sie es schaffen. Nicht mal wegen Einbruchs
wurde er belangt«, fügte er erstaunt an.
»Nun, das konnten sie ja wohl schlecht machen,
oder? Entweder er war in allen Punkten schuldig oder in
keinem.«
»Ja, da haben Sie wohl Recht.«
Lescroix wies mit einem Kopfnicken auf das Honorar.
»Viele Leute hätten das nicht getan. Nicht einmal für
Angehörige.«
»Ich glaube fest daran, dass die Familie
zusammenhalten sollte. Und dass man für die Familie tun sollte, was
getan werden muss.«
»Eine gute Einstellung«, bemerkte der Anwalt.
»Sie sagen das, als würden Sie weder an
Einstellungen noch an Familie glauben.«
»Ich hatte noch keine Gelegenheit, an eins von
beiden zu glauben oder nicht«, antwortete Lescroix. »Mein Leben ist
meine Arbeit.«
»Leute aus dem Gefängnis holen.«
»Ich nenne es lieber, der Gerechtigkeit zu
dienen.«
»Gerechtigkeit?«, schnaubte der Alte. »Wissen Sie,
ich hab diesen Prozess von O.J. Simpson verfolgt. Und ich habe nach
dem Urteilsspruch einen Kommentator sagen hören, dieser zeige nur,
dass man, egal welcher Rasse man angehört, Gerechtigkeit kaufen
kann. Darüber musste ich lachen. Wie meinte er das,
Gerechtigkeit? Freiheit kann man kaufen, wenn man Geld hat.
Das hat nicht unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun.«
Lescroix klopfte auf das Kuvert. »Und was kaufen
Sie?« Pilsett lachte. »Seelenfrieden. Den kauf ich. Besser
als Gerechtigkeit und Freiheit zusammen. So, und wie hat mein Neffe
die ganze Tortur überstanden?«
»Er hat überlebt.«
»Er ist nicht zu Hause. Wohnt er hier?«
Lescroix schüttelte den Kopf. »Er war der Ansicht,
dass er in nächster Zeit nicht allzu willkommen sein wird in
Hamilton. Er ist im Skyview Motel an der Route 32 West. Ich glaube,
er möchte Sie gern sehen. Ihnen persönlich danken.«
»Meine Frau und ich werden ihn anrufen und ihn zum
Essen einladen.« Der Mann trank seinen Whiskey aus. »Nun, Mister,
kein leichter Job, den Sie da machen. Ich beneide Sie nicht darum.«
Er musterte den Anwalt mit diesen scharfen Augen. »Vor allem
beneide ich Sie nicht um die schlaflosen Nächte. Mit Ihrem
Gewissen.«
Lescroix runzelte bei dieser Bemerkung leicht die
Stirn. Aber dann lächelte er. »Ich schlafe wie ein Baby. Solange
ich zurückdenken kann.«
Sie schüttelten einander die Hände und gingen zur
Tür. Jerrys Onkel trat in den Flur hinaus, blieb aber noch einmal
stehen und drehte sich um. »Ach ja, an Ihrer Stelle würde ich mir
die Nachrichten ansehen.« Dann fügte er geheimnisvoll an: »Sie
werden ein paar Dinge hören, über die Sie vielleicht nachdenken
sollten.«
Lescroix schloss die Tür und kehrte zu dem
unbequemen Sessel und seinem großzügig bemessenen Whiskey
zurück.
Dinge, über die ich nachdenken sollte?
Um achtzehn Uhr griff er zur Fernbedienung,
schaltete den Fernseher an und suchte nach einem lokalen
Nachrichtensender. Er sah eine hübsche junge Sprecherin, die ein
Mikrofon in der Hand hielt.
»Es war heute Nachmittag, während die Staatsanwälte
den freigelassenen Verdächtigen Jerry Pilsett wegen Charles Cabots
Rolle beim Tod seiner Frau befragten, als Pilsett das schockierende
Geständnis ablegte. Später wiederholte er die Aussage vor
Reportern.«
O mein Gott. Nein. Das kann er doch nicht
getan haben!
Lescroix beugte sich vor, der Mund blieb ihm
offen.
Jerry erschien auf dem Bildschirm, er grinste
schief und schnippte sich ans Ohrläppchen. »Klar hab ich sie
umgebracht. Das hab ich meinem Anwalt von Anfang an gesagt. Aber
keiner kann mir jetzt noch irgendwas. Sie dürfen mich nicht noch
mal vor Gericht stellen, hat er gesagt. Is nach dem Gesetz
verboten. Kann ich ja wohl nichts dafür, wenn sie beim ersten Mal
nicht genug für’ne Verurteilung beisammen hatten.«
Lescroix bekam eine Gänsehaut.
Zurück zu der blonden Sprecherin. »Ebendieser
Anwalt, Paul Lescroix aus New York, hatte zuvor beim Prozess für
Aufsehen gesorgt, als er andeutete, der Geschäftsmann Charles Cabot
aus Hamilton selbst habe seine Ehefrau getötet, weil er eine andere
Frau liebte. Die Polizei hat jedoch festgestellt, dass es sich bei
der Frau, mit der Cabot Lescroix zufolge angeblich ein Verhältnis
hatte, um Schwester Mary Helen Henstroth handelt, eine
fünfundsiebzigjährige Nonne, die ein Jugendzentrum in Gilroy führt.
Cabot und seine Frau arbeiteten häufig ehrenamtlich in der
Einrichtung mit und spendeten ihr Tausende von Dollar.
Die Polizei hat außerdem Lescroix’ andere Theorie
zerstreut, wonach Cabot seine Frau getötet haben könnte, um die
Kontrolle über die Firma zu übernehmen, deren Präsident er ist.
Denn obwohl er nur eine Minderheit der Unternehmensanteile besaß,
hat eine Durchsicht der Firmenunterlagen ergeben, dass Patricia
Cabot und ihr Vater ihm freiwillig hundert Prozent der Stimmrechte
abtraten, nachdem Cabot die fünfzigtausend Dollar zurückgezahlt
hatte, die ihm sein Schwiegervater zur Gründung der Firma vor fünf
Jahren geliehen hatte.
Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sie Lescroix
wegen Verleumdung und Missbrauch der Verfahrensregeln anklagen
kann.«
Wütend schleuderte Lescroix die Fernbedienung durch
das Zimmer. Sie zersprang in ein Dutzend Teile.
Das Telefon läutete.
»Mr. Lescroix, ich bin von WPIJ News. Könnten Sie
etwas zu der Behauptung sagen, dass Sie wissentlich einen
Unschuldigen...«
»Nein.« Klick.
Es läutete erneut.
»Hallo?«
»Ich bin Reporter der New York
Times...«
Klick.
»Ja?«
»Ist dort dieser gottverdammte Rechtsverdreher?
Wenn ich Sie finde, dann...«
Klick.
Lescroix steckte das Telefon aus, stand auf und
lief im Zimmer hin und her. Keine Panik. Es ist alles nicht so
schlimm. In ein paar Tagen würde die ganze Sache vergessen sein. Es
war nicht seine Schuld. Er war verpflichtet, einen Klienten
so gut es ging zu vertreten. Doch noch während er sich gut
zuredete, sah er sich im Geiste vor der Ethikkommission der
Anwaltskammer, sah sich die Angelegenheit seinen Klienten,
Golfpartnern und Freundinnen erklären …
Pilsett. Was für ein unfassbarer Narr. Er …
Lescroix erstarrte. Auf dem Bildschirm war ein Mann
in den Fünfzigern zu sehen. Unrasiert. Verknittertes weißes Hemd.
Ein unsichtbarer Interviewer fragte ihn nach seiner Reaktion auf
den Urteilsspruch im Fall Pilsett. Was jedoch Lescroix’
Aufmerksamkeit gefesselt hatte, war die eingeblendete Zeile am
unteren Rand des Bildschirms: James Pilsett. Onkel des
freigesprochenen Verdächtigen.
Das war nicht der Mann, der ihn engagiert hatte,
der vor einer Stunde hier im Zimmer gewesen war, um das Honorar
abzuliefern.
»Wissense«, nuschelte der Mann, »Jerry war immer’n
Problem. Hat nie gemacht, was er sollte. Hat sich jede einzelne
Ohrfeige verdient, die er gekriegt hat. Also, dass sie ihn heut ham
laufen lassen... das versteh ich überhaupt nich. Kommt mir nich
richtig vor.«
Lescroix eilte zum Schreibtisch und öffnete das
Kuvert. Es enthielt die volle restliche Summe. Aber kein Scheck,
sondern in bar, wie schon der Vorschuss. Es gab keinen Zettel,
nichts mit einem Namen darauf.
Wer zum Teufel war dieser Mann?
Er steckte das Telefon wieder ein und rief im
Skyview Motel an.
Es läutete und läutete.
Endlich meldete sich jemand. »Hallo?«
»Jerry, hier ist Lescroix. Hören Sie...«
»Tut mir leid«, sagte die Stimme des Mannes. »Jerry
kann im Moment nicht ans Telefon kommen.«
»Wer spricht da?«
Eine Pause.
»Hallo, Anwalt?«
»Wer sind Sie?«, fragte Lescroix.
Am anderen Ende hörte er leises Lachen. »Erkennen
Sie mich nicht? Und das nach unserem langen Gespräch vor Gericht
heute Morgen. Ich bin enttäuscht.«
Cabot! Es war Charles Cabot.
Wie war er in Jerrys Motelzimmer gekommen? Lescroix
war der Einzige, der wusste, wo sich der Mann versteckt
hielt.
»Sie sind verwirrt, Anwalt?«
Aber nein, fiel Lescroix ein, er war nicht
der Einzige, der es wusste. Er hatte dem Mann, der sich als Jerrys
Onkel ausgab, vom Skyview erzählt. »Wer war das?«, flüsterte
Lescroix. »Wer war der Mann, der mich bezahlt hat?«
»Kommen Sie nicht drauf?«
»Nein.«
Aber im selben Moment, in dem er es sagte, begriff
er. Lescroix schloss die Augen. Setzte sich aufs Bett. »Ihr
Schwiegervater.«
Der reiche Geschäftsmann. Patricias Vater.
Ich glaube fest daran, dass die Familie
zusammenhalten sollte...
»Er hat mich engagiert?«
»Wir beide«, sagte Cabot.
»Um den Mörder Ihrer Frau zu verteidigen?
Wieso?«
Cabot seufzte. »Was glauben Sie, Anwalt?«
Langsam, wie Eis auf einem Teich im November,
formten sich Lescroix’ Gedanken. »Weil es in diesem Bundesstaat
keine Todesstrafe gibt.«
»Richtig, Anwalt. Vielleicht wäre Jerry
lebenslänglich ins Gefängnis gewandert, aber das reichte uns
nicht.«
Und Cabot und sein Schwiegervater konnten nur an
Pilsett herankommen, wenn sie dafür sorgten, dass er freigesprochen
wurde. Deshalb engagierten sie den besten Strafverteidiger im
Land.
Lescroix lachte angewidert. In Wirklichkeit hatte
Cabot vor Gericht also mit ihm gespielt. Hatte schuldbewusst
getan, nie erklärt, was er hätte erklären können, sich bei
Lescroix’ weit hergeholten Andeutungen gekrümmt.
Plötzlich fielen ihm Cabots Worte ein: Jerry
kann im Moment nicht ans Telefon kommen...
»O mein Gott, werden Sie ihn töten?«
»Jerry? Na, im Augenblick besuchen wir ihn nur«,
sagte Cabot. »Wir drei sitzen nett zusammen. Aber ich sollte Ihnen
vielleicht sagen, dass Jerry leider sehr depressiv ist. Ich mache
mir Sorgen, er könnte sich etwas antun. Er hat sogar damit gedroht,
sich aufzuhängen. Das wäre ein Jammer. Aber natürlich ist das
jedermanns freie Entscheidung. Wie käme ich dazu, mich
einzumischen?«
»Ich sage es der Polizei.«
»Ach ja? Ich denke, das könnten Sie wohl tun. Aber
dann stünde mein Wort gegen Ihres, und ich muss sagen, dass Ihre
Aktien nach dem Prozess heute nicht allzu hoch stehen hier in der
Gegend. Und Jerrys ebenfalls nicht.«
Und was kaufen Sie?
Seelenfrieden...
»Tut mir leid, aber ich muss Schluss machen«, fuhr
Cabot fort. »Ich glaube, ich höre komische Geräusche aus dem
anderen Zimmer. Wo Jerry ist. Ich geh mal lieber schnell nachsehen.
Mir ist, als hätte ich ein Seil da drin gesehen.«
Ein tiefes, verzweifeltes Stöhnen drang durch die
Leitung.
»Was war das?«, schrie Lescroix.
»O je, ich glaube, ich leg besser auf. Machen Sie’s
gut, Anwalt. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt in
Hamilton.«
»Warten Sie!«
Klick.