Kapitel und Vers
»Reverend... Darf ich Sie ›Reverend‹
nennen?«
Der rundliche Mann mittleren Alters mit dem
Priesterkragen lächelte. »Das geht schon in Ordnung.«
»Ich bin Detective Mike Silverman vom Büro des
Bezirkssheriffs.«
Reverend Stanley Lansing nickte und betrachtete
prüfend den Ausweis und die Dienstmarke, die ihm der fahrige, dünne
Detective mit dem schwarzgrau gesprenkelten Haar
entgegenstreckte.
»Ist etwas passiert?«
»Nichts, was Sie betrifft, Sir. Nicht direkt, meine
ich. Ich habe mir nur gedacht, Sie könnten uns vielleicht bei einem
kleinen Problem helfen.«
»Ein Problem, soso. Na, dann kommen Sie doch bitte
herein, Officer.«
Die Männer gingen in das Büro, das sich an die
First Presbyterian Church of Bedford anschloss, ein malerisches
weißes Gotteshaus, an dem Silverman auf dem Weg zur Arbeit und
zurück schon Tausende Male vorbeigekommen war, ohne je einen
Gedanken daran zu verschwenden.
Bis zu dem Mord von heute Morgen.
In Reverend Lansings Büro war es muffig, und ein
Staubschleier bedeckte die meisten Möbel. Er wirkte verlegen. »Ich
muss mich entschuldigen. Meine Frau und ich waren letzte Woche in
Urlaub. Sie ist immer noch droben am See. Ich bin zurückgekommen,
um meine Predigt zu schreiben – und sie natürlich meinen Schäfchen
am Sonntag zu halten.« Er lachte sarkastisch. »Falls sich
überhaupt jemand in der Kirche einfindet. Merkwürdig, wie die
Religiosität um Weihnachten herum immer ansteigt und zur
Urlaubszeit einen Tiefpunkt erreicht.« Der Geistliche sah sich
stirnrunzelnd in seinem Büro um. »Ich fürchte, ich kann Ihnen gar
nichts anbieten. Die Sekretärin hat ebenfalls frei. Obwohl Sie,
unter uns gesagt, nichts versäumen, wenn Sie ihren Kaffee nicht
kosten.«
»Danke, ich brauche nichts«, sagte Silverman.
»Und was kann ich nun für Sie tun, Officer?«
»Ich halte Sie nicht lange auf. Ich benötige
religiösen Sachverstand bei einem Fall, den wir gerade bearbeiten.
Ich wäre ja zum Rabbi meines Vaters gegangen, aber meine Frage hat
mit dem Neuen Testament zu tun, und das ist mehr Ihr Gebiet als
unseres, nicht wahr?«
»Nun ja«, sagte der freundliche, grauhaarige
Reverend, wischte sich die Brille am Revers seiner Jacke ab und
setzte sie wieder auf. »Ich bin nur ein Kleinstadtpastor und wohl
kaum ein Experte. Aber wahrscheinlich dürfte ich mich mit Matthäus,
Markus, Lukas und Johannes besser auskennen als der
Durchschnittsrabbi. Sagen Sie mir, wie ich helfen kann.«
»Sie haben bestimmt schon vom Zeugenschutzprogramm
gehört, oder?«
»So wie in Goodfellas? Die
Sopranos?«
»Mehr oder weniger, ja. Das Bundesprogramm wird von
den US-Marshals geleitet, aber wir haben im Bundesstaat unser
eigenes Zeugenschutzsystem.«
»Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Aber es ist
sicherlich vernünftig.«
»Ich bin hier im Bezirk für das Programm zuständig,
und eine der Personen, die wir beschützen, soll demnächst bei einem
Prozess in Hamilton als Zeuge erscheinen. Unsere Aufgabe ist es,
ihn sicher durch das Verfahren zu bringen, und nachdem wir –
hoffentlich – eine Verurteilung erwirkt haben, besorgen wir ihm
eine neue Identität und schaffen ihn aus dem Staat.«
»Ein Mafiaprozess?«
»Etwas in der Art.«
Silverman durfte nicht genauer auf die Einzelheiten
des Falles eingehen – dass der Zeuge Randall Pease, ein Schläger
des Drogendealers Tommy Doyle, gesehen hatte, wie sein Boss einem
Rivalen eine Kugel in den Kopf schoss. Obwohl Doyle dafür bekannt
war, dass er rücksichtslos jeden umbrachte, der eine Bedrohung für
ihn darstellte, hatte sich der wegen Körperverletzung, Drogen- und
Waffenvergehen angeklagte Pease bereiterklärt, im Gegenzug für
Strafmilderung gegen ihn auszusagen. Der Staatsanwalt hatte Pease
aus Sicherheitsgründen in Silvermans Zuständigkeitsbereich verlegt,
hundert Meilen von Hamilton entfernt. Es gab Gerüchte, dass Doyle
alles tun und jeden Preis bezahlen würde, um seinen ehemaligen
Handlanger zu töten, da Peases Aussage ihm die Todesstrafe oder
eine lebenslängliche Haft einbringen konnte. Silverman hatte den
Zeugen in einem sicheren Haus nicht weit vom Büro des Sheriffs
untergebracht und ließ ihn rund um die Uhr bewachen. Der Detective
schilderte dem Reverend in groben Zügen, was passiert war, ohne
Namen zu nennen, und sagte dann: »Aber es gab einen Rückschlag. Wir
hatten einen V-Mann, einen vertraulichen Informanten...«
»Das ist ein Verräter, richtig?«
Silverman lachte.
»Das habe ich aus Law and Order. Ich schau
es mir an, sooft ich dazu komme. CSI ebenfalls. Ich liebe
Krimis.«
»Jedenfalls hatte der Informant handfeste
Informationen darüber, dass ein Profikiller angeheuert wurde, um
unseren Zeugen vor dem Prozess nächste Woche zu töten.«
»Du meine Güte.« Der Reverend runzelte die Stirn
und rieb sich den Hals unter dem steifen, weißen Priesterkragen,
der zu scheuern schien.
»Aber die Verbrecher enttarnten unseren
Verbindungsmann und ließen ihn umbringen, ehe er uns Einzelheiten
über die Identität des Killers und darüber, wie er meinen Zeugen zu
töten beabsichtigte, verraten konnte.«
»Ach, das tut mir sehr leid«, sagte der Reverend
teilnahmsvoll. »Ich werde für den Mann beten.«
Silverman brummte einen blutleeren Dank, aber in
Wirklichkeit dachte er, dass der miese kleine Schnüffler
verdientermaßen zur Hölle fuhr – nicht nur, weil er ein
hoffnungsloser Versager und Süchtiger war, sondern auch dafür, dass
er gestorben war, ehe er dem Detective Einzelheiten über den
möglichen Anschlag auf Pease nennen konnte. Detective Mike
Silverman teilte dem Priester nicht mit, dass er in letzter Zeit
selbst Ärger in seinem Job hatte und nach »Sibirien« – zur
Zeugenbewachung – verbannt worden war, weil er seit geraumer Zeit
keinen größeren Fall mehr zum Abschluss gebracht hatte. Dieser
Auftrag musste reibungslos über die Bühne gehen, und er konnte es
sich auf keinen Fall leisten, dass Pease getötet würde.
»Hier kommen Sie ins Spiel, wie ich hoffe«, fuhr
der Detective fort. »Als der Informant erstochen wurde, starb er
nicht sofort. Es gelang ihm noch, eine Nachricht zu schreiben –
über eine Bibelpassage. Wir halten es für einen Hinweis darauf, wie
der Auftragsmörder unseren Zeugen zu töten beabsichtigt. Aber es
ist wie ein Rätsel, wir können es nicht lösen.«
Das Interesse des Reverend schien geweckt. »Etwas
aus dem Neuen Testament, sagten Sie?«
»Ja«, antwortete Silverman. Er öffnete sein
Notizbuch. »Die Nachricht lautete: ›Er ist auf dem Weg. Passt auf.‹
Dann schrieb er einen Vers und ein Kapitel aus der Bibel hin. Wir
glauben, dass er noch mehr schreiben wollte, aber es nicht mehr
konnte. Er war Katholik, wir nehmen also an, dass er sich ganz gut
in der Bibel auskannte – und um eine Besonderheit dieser Stelle
wusste, die uns verraten sollte, auf welche Weise der Killer sich
an unseren Zeugen heranmachen würde.«
Der Reverend drehte sich um und hielt nach einer
Bibel auf seinem Regal Ausschau. Schließlich entdeckte er eine und
schlug sie auf. »Welcher Vers?«
»Lukas zwölf, fünfzehn.«
Der Geistliche fand die Stelle und las. »›Und er
sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn
niemand lebt davon, dass er Güter im Überfluss hat.‹«
»Mein Partner hat eine Bibel von zu Hause
mitgebracht. Er ist Christ, aber er ist nicht wirklich religiös,
keiner, der mit der Bibel unterm Arm herumläuft...
äh,’tschuldigung, ich wollte Sie nicht beleidigen.«
»Das haben Sie nicht. Wir sind Presbyterianer, bei
uns klemmt sie auch nicht unter dem Arm.«
Silverman lächelte. »Mein Partner hatte keine
Ahnung, was das bedeuten könnte. Mir fiel Ihre Kirche ein, sie ist
die nächstgelegene vom Revier, und ich dachte, ich schau mal vorbei
und frage, ob Sie uns helfen können. Sehen Sie irgendetwas in
dieser Stelle, aus dem sich schließen ließe, wie der Angeklagte
unseren Zeugen vielleicht töten lassen will?«
Der Reverend las noch ein wenig in den hauchdünnen
Seiten. »Es ist ein Abschnitt aus den Evangelien, in denen
verschiedene Jünger die Geschichte Jesu erzählen. Im zwölften
Kapitel des Lukasevangeliums warnt Jesus die Menschen vor den
Pharisäern und drängt sie, nicht sündig zu leben.«
»Wer genau waren die Pharisäer?«
»Sie waren eine religiöse Sekte. Im Wesentlichen
glaubten sie, dass Gott existiert, um ihnen zu dienen, nicht
andersherum. Sie hielten sich für besser als alle anderen und
erhoben sich über die Menschen. So hieß es zu ihrer Zeit jedenfalls
– man weiß natürlich nie, ob es stimmt. Damals wurde schon genauso
viel politisch verdreht wie heute.« Reverend Lansing wollte die
Schreibtischlampe einschalten, aber sie funktionierte nicht. Er
fummelte an den Vorhängen herum, öffnete sie schließlich und ließ
mehr Licht in das düstere Büro. Er las die Passage noch einige
Male, kniff vor Konzentration die Augen zusammen, nickte. Silverman
schaute sich in dem trüben Raum um. Bücher hauptsächlich. Es sah
mehr nach dem Arbeitszimmer eines Professors als nach einem
Kirchenbüro aus. Keine Bilder oder persönlichen Gegenstände. Man
sollte meinen, dass selbst ein Geistlicher Bilder von Angehörigen
auf dem Schreibtisch oder an den Wänden hatte.
Schließlich blickte der Mann auf. »Bis jetzt
springt mir eigentlich nichts ins Auge.« Er wirkte
frustriert.
Silverman ging es genauso. Seit der V-Mann am
Morgen erstochen aufgefunden worden war, hatte sich der Detective
mit den Worten des Evangeliums nach Lukas abgemüht und versucht,
ihre Bedeutung zu entschlüsseln.
Seht zu...
»Aber ich muss sagen, die Vorstellung fasziniert
mich«, fuhr der Reverend fort. »Es ist genau wie in Der Da Vinci
Code. Haben Sie es gelesen?«
»Nein.«
»Sehr unterhaltsam. Es geht die ganze Zeit um
Geheimcodes und verborgene Botschaften. Wenn Sie einverstanden
sind, Detective, würde ich gern noch ein wenig nachforschen und
mich weiter mit der Sache befassen. Ich liebe Rätsel.«
»Das würde ich sehr begrüßen, Reverend.«
»Ich werde tun, was ich kann. Sie lassen diesen
Mann gut bewachen, nehme ich an?«
»Oh ja, darauf können Sie wetten. Aber es wird
riskant, ihn zum Gericht zu bringen. Wir müssen herausfinden, wie
sich der Killer an ihn heranmachen will.«
»Und je früher, desto besser, nehme ich an.«
»Richtig.«
»Ich mache mich sofort daran.«
Dankbar für die Hilfsbereitschaft des Mannes, aber
auch entmutigt, weil er keine schnellen Antworten parat gehabt
hatte, ging Silverman zurück durch die stille, verlassene Kirche.
Er stieg in seinen Wagen und fuhr zu dem sicheren Haus, um bei
Randall Pease nach dem Rechten zu sehen. Der Zeuge war ekelhaft wie
immer und beschwerte sich pausenlos, aber der Beamte, der auf ihn
aufpasste, berichtete, er habe keinerlei Anzeichen von Gefahr im
Umkreis des sicheren Hauses bemerkt. Der Detective fuhr ins Revier
zurück.
Im Büro tätigte Silverman ein paar Anrufe, um zu
hören, ob einer seiner anderen Informanten etwas von einem
angeheuerten Killer gehört hatte; es war nicht der Fall. Sein Blick
kehrte immer wieder zu der Bibelpassage zurück, die vor seinem
Schreibtisch an der Wand befestigt war.
»Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn
niemand lebt davon, dass er Güter im Überfluss hat.«
Eine Stimme schreckte ihn auf. »Wie sieht’s mit
Mittagessen aus?«
Er blickte auf und sah seinen Partner Steve Noveski
im Eingang stehen. Der junge Detective mit dem angenehmen, runden
Babygesicht schaute demonstrativ auf die Uhr.
Silverman, der noch immer in seine Bibelpassage
versunken war, starrte ihn nur an.
»Mittagessen, Kumpel«, wiederholte Noveski. »Ich
bin am Verhungern.«
»Nö, ich muss erst aus der Sache hier schlau
werden.« Er klopfte auf die Bibel. »Ich bin irgendwie davon
besessen.«
»Wie, du denkst nach?«, sagte der andere Detective
und packte so viel Sarkasmus in seine Stimme, wie nur darin Platz
hatte.
Während des Abendessens zu Hause mit seiner
Familie war Silverman die ganze Zeit geistesabwesend. Sein
verwitweter Vater aß mit ihnen, und der alte Herr war nicht erfreut
darüber, dass sein Sohn so zerstreut war.
»Und was liest du da so Wichtiges? Das Neue
Testament?« Er zeigte mit einem Kopfnicken zu der Bibel, über der
er seinen Sohn vor dem Essen hatte brüten sehen. Dann schüttelte er
den Kopf und wandte sich an seine Schwiegertochter. »Der Junge war
seit Jahren nicht im Tempel und würde die Thora, die ihm seine
Mutter und ich geschenkt haben, nicht finden, wenn sein Leben davon
abhinge. Und jetzt schau sich einer das an, er liest über Jesus
Christus. Was für ein Sohn.«
»Ich brauche es für einen Fall, Vater«, sagte
Silverman. »Ich muss noch arbeiten. Wir sehen uns später. Tut mir
leid.«
»Sehen uns später, tut mir leid«, murmelte der
Alte. »Hast du nicht mehr Respekt...«
Silverman schloss die Tür zu seinem Arbeitszimmer,
setzte sich an den Schreibtisch und hörte seinen Anrufbeantworter
ab. Der forensische Wissenschaftler, der die Nachricht des
ermordeten Informanten mit der Bibelpassage untersucht hatte,
berichtete, auf dem Zettel seien keine erkennbaren Hinweise zu
finden, und weder Papier noch Tinte könnten zurückverfolgt werden.
Ein Handschriftenvergleich ließ vermuten, dass das Opfer die
Nachricht geschrieben habe, aber er sei sich nicht hundertprozentig
sicher.
Und während die Zeit verrann, hatte Reverend
Lansing noch nichts von sich hören lassen. Silverman seufzte,
streckte sich und betrachtete erneut die Bibelworte.
»Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn
niemand lebt davon, dass er Güter im Überfluss hat.«
Er wurde zornig. Ein Mensch war gestorben und hatte
ihnen diese Worte hinterlassen, um sie zu warnen. Was versuchte er
zu sagen?
Silverman nahm vage wahr, dass sich sein Vater
verabschiedete, und noch vager, dass ihm seine Frau später gute
Nacht sagte. Die Tür des Arbeitszimmers schloss sich abrupt hinter
ihr. Sie war wütend. Aber das kümmerte Michael Silverman nicht. Im
Augenblick zählte nichts anderes, als die Bedeutung dieser
Botschaft zu entdecken.
Etwas, das der Reverend am Nachmittag gesagt hatte,
kam ihm in den Sinn. Der Da Vinci Code. Ein Code...
Silverman dachte an den Informanten. Der Mann war kein Akademiker
gewesen, aber schlau auf seine Weise. Vielleicht hatte er mehr im
Sinn gehabt als die wörtliche Bedeutung der Passage; konnte es
sein, dass die genaueren Angaben seiner Warnung irgendwie
chiffriert in den Buchstaben selbst steckten?
Es war schon bald vier Uhr morgens, aber Silverman
ignorierte seine Erschöpfung und ging online. Er fand eine Website
über Wortspiele und Rätsel. In einem Spiel bildete man so viele
Wörter wie möglich aus den ersten Buchstaben eines Sprichworts oder
Zitats. Okay, das konnte es sein, dachte Silverman aufgeregt. Er
notierte die ersten Buchstaben aller Wörter aus Lukas 12:15 und
begann sie neu zu ordnen.
Er erhielt Dutzende von Wörtern: Radar, Dübel,
Rübe, aber er entdeckte keine klare Bedeutung in den einzelnen
Begriffen und in keiner Kombination von ihnen.
Welche anderen Codes konnte er noch
versuchen?
Er probierte es mit einem naheliegenden und ordnete
den Buchstaben Nummern zu: A für 1, B für 2 und so weiter. Aber am
Ende hatte er nur eine Unmenge von zufälligen Zahlen. Hoffnungslos,
dachte er. Als versuchte man ein Computerpasswort zu erraten.
Dann fielen ihm Anagramme ein, wo man die
Buchstaben eines Wortes oder Satzes neu ordnet, um neue Wörter zu
bilden. Nach kurzer Suche im Web fand er eine Seite mit einem
Anagramm-Generator, einem Programm, das einen ein Wort eintippen
ließ und ein paar Sekunden später alle Anagramme ausspuckte, die
sich daraus bilden ließen.
Stundenlang tippte er jedes Wort und Kombinationen
von Worten aus der Bibelpassage ein und studierte die Ergebnisse.
Um sechs Uhr morgens wollte Silverman zu Tode erschöpft schon
aufgeben und ins Bett sinken. Aber als er die ausgedruckten Seiten
mit den Anagrammen ordnete, fiel sein Blick zufällig auf die
Anagramme, die das Wort Habgier ergab: Gib, bar,
Bahre...
Bahre? Moment mal, dachte er.
Er nahm sich das Wort Überfluss vor: Fusel,
übel...
Fusel, übel, Bahre... ?
Ha, dachte er triumphierend. Ich hab’s!
Detective Mike Silverman feierte seinen Erfolg,
indem er am Schreibtisch einschlief.
Eine Stunde später wachte er auf und ärgerte sich
über die laute Maschine, die in der Nähe ratterte – bis er begriff,
dass das Geräusch sein eigenes Schnarchen war.
Der Detective machte den ausgetrockneten Mund zu,
zuckte zusammen, weil ihn der Rücken schmerzte, und setzte sich
auf. Dann massierte er sich den steifen Hals und taumelte nach oben
ins Schlafzimmer, wo ihn das Sonnenlicht blendete, das durch die
Balkontür fiel.
»Bist du schon auf?«, fragte seine Frau benommen
aus dem Bett, als sie ihn in Hemd und Hose im Schlafzimmer stehen
sah. »Es ist noch früh.«
»Schlaf weiter«, sagte er.
Nachdem er rasch geduscht hatte, zog er sich an und
raste ins Büro. Um acht Uhr stand er mit seinem Partner Steve
Noveski im Büro ihres Captains.
»Ich hab’s«, sagte er.
»Was?«, fragte sein Vorgesetzter, ein Mann mit
Hängebacken und schütterem Haar.
Noveski sah seinen Partner ebenfalls fragend an. Er
war gerade eingetroffen und hatte Silvermans Theorie noch nicht
gehört.
»Die Nachricht, die wir von dem toten Informanten
bekommen haben – wie Doyle Pease zu töten gedenkt.«
Der Captain hatte von der Bibelpassage gehört, sich
aber noch nicht groß damit befasst. »Und wie?«, fragte er
skeptisch.
»Medizinischer Notfall«, verkündete
Silverman.
»Hä?«
»Ich glaube, er wird über einen Arzt versuchen, an
Pease heranzukommen.«
»Erzählen Sie.«
Silverman erklärte ihm die Sache mit den
Anagrammen.
»Wie Kreuzworträtsel?«
»In gewisser Weise.«
Noveski sagte nichts, aber auch er schien der Idee
skeptisch gegenüberzustehen.
Der Captain legte sein langes Gesicht in Falten.
»Jetzt mal langsam. Sie wollen also sagen, da liegt unser
Informant, man hat ihm die Halsschlagader durchgeschnitten, und er
verfasst Wortspiele?«
»Das Gehirn arbeitet oft komisch, es sieht und
reimt sich die merkwürdigsten Sachen zusammen.«
»Komisch«, murmelte der Vorgesetzte. »Klingt alles
ein bisschen, wie sagt man, konstruiert, wenn Sie wissen, was ich
meine.«
»Er musste uns die Nachricht zukommen lassen, aber
Doyle durfte nicht ahnen, dass er uns alarmiert hat. Er musste so
subtil vorgehen, dass Doyles Jungs nicht merkten, was er wusste,
aber nicht so subtil, dass wir es nicht erraten konnten.«
»Ich weiß nicht.«
Silverman schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es
kommt hin.« Er erklärte, Doyle habe schon oft enorm hohe Honorare
an brillante, skrupellose Killer bezahlt, die in der Maske einer
anderen Person auftraten, um an ihre ahnungslosen Opfer
heranzukommen. Silverman spekulierte, dass sich der Killer einen
Arztkittel und einen falschen Ausweis besorgen würde, dazu ein
Stethoskop oder was Ärzte heutzutage so mit sich herumtrugen. Dann
würden ein paar von Doyles Handlangern einen halbherzigen Anschlag
auf das Leben von Pease unternehmen; sie konnten ihm in dem
sicheren Haus nicht so nahe kommen, um ihn tatsächlich zu töten,
aber einen medizinischen Notfall verursachen – das war immerhin
möglich. »Vielleicht eine Art Vergiftung.« Er erklärte die
Anagramme mit Fusel und übel. »Oder vielleicht sorgen
sie auch für einen Brand oder ausströmendes Gas, oder was immer.
Der als Mediziner verkleidete Auftragskiller würde dann ins Haus
gelassen und Pease dort töten. Oder das Opfer wird rasch ins
Krankenhaus geschafft, und der Mann erledigt ihn in der
Notaufnahme.«
Der Captain zuckte die Achseln. »Sie können es ja
überprüfen – vorausgesetzt, Sie vernachlässigen Ihre eigentliche
Arbeit nicht darüber. Wir können es uns nicht leisten, die Sache zu
vermasseln. Wenn wir Pease verlieren, kostet es uns den
Arsch.«
Die Pronomen in diesen Sätzen mochten erste Person
Plural gewesen sein, aber was Silverman hörte, war ein eindeutiges
»Sie« und »Ihren«.
»Einverstanden.«
Auf dem Rückweg in sein Büro fragte Silverman
seinen Partner: »Wen haben wir für das sichere Haus als
medizinische Bereitschaft?«
»Ich weiß nicht, ein Team vom Forest Hills Hospital
vermutlich.«
»Was, wir wissen es nicht?«, brauste Silverman
auf.
»Ich weiß es nicht, nein.«
»Dann find es heraus! Danach rufst du im sicheren
Haus an und sagst dem Babysitter, falls Pease irgendwie krank wird,
eine Medizin braucht oder auch nur ein gottverdammtes Pflaster,
sollen Sie mir sofort Bescheid geben. Sie dürfen absolut kein
medizinisches Personal zu ihm lassen, bevor es eindeutig
identifiziert ist und ich persönlich mein Okay gegeben habe.«
»In Ordnung.«
»Dann rufst du den Direktor in Forest Hills an und
bittest ihn, es mich unverzüglich wissen zu lassen, falls
irgendwelche Ärzte, Sanitäter oder Schwestern nicht zur Arbeit
erscheinen oder sich krank melden, oder wenn sich irgendein Arzt
herumtreibt, den er nicht kennt.«
Der junge Mann verschwand in seinem Büro, um zu
tun, was ihm Silverman befohlen hatte, und der Detective kehrte an
seinen eigenen Schreibtisch zurück. Er rief einen Kollegen im
Sheriffbüro von Hamilton an, erzählte ihm, was er vermutete, und
fügte hinzu, sie müssten auf alle Leute aus dem medizinischen
Bereich aufpassen, die Pease nahe kämen.
Dann lehnte sich der Detective zurück, rieb sich
die Augen und massierte seinen Nacken. Er war mehr und mehr davon
überzeugt, Recht zu haben mit seiner Vermutung, dass die geheime
Botschaft auf einen Killer in der Maske eines Mitarbeiters des
Gesundheitswesens deutete. Er griff erneut zum Telefon. Mehrere
Stunden lang drängte er Krankenhäuser und Ambulanzen im County
dazu, sich zu vergewissern, wo alle ihre Leute und Fahrzeuge
steckten.
Als es auf die Mittagszeit zuging, läutete sein
Telefon.
»Ja?«
»Silverman.« Die Stimme des Captains riss ihn aus
seiner durch Schlafmangel bedingten Benommenheit; er war sofort
hellwach. »Es hat gerade einen Anschlag auf Pease gegeben.«
Silvermans Herz hämmerte. Er beugte sich vor. »Geht
es ihm gut?«
»Ja. Jemand hat aus einem SUV heraus dreißig,
vierzig Schüsse auf die Vorderfront des sicheren Hauses abgefeuert.
Stahlmantelgeschosse, die durch das Panzerglas drangen. Pease und
sein Bewacher bekamen ein paar Splitter ab, aber nichts Ernstes.
Normalerweise würden wir sie ins Krankenhaus schicken, aber ich
musste daran denken, was Sie darüber gesagt haben, dass der Killer
ein Arzt oder so was sein könnte, deshalb hielt ich es für besser,
Pease direkt hierher zu bringen, in die Arrestzelle. Ich lasse die
beiden von unseren Medizinmännern durchchecken.«
»Gut.«
»Wir behalten sie ein, zwei Tage hier, dann
schicken wir sie hinauf in das Camp von Ronanka Falls.«
»Und lassen Sie jemanden zur Notaufnahme von Forest
Hills hinüberfahren und die Ärzte überprüfen. Doyles Auftragskiller
rechnet vielleicht damit, dass wir ihn dorthin schicken, und
wartet.«
»Habe ich bereits veranlasst«, sagte der
Captain.
»Wann wird Pease hier sein?«
»Er müsste jeden Moment kommen.«
»Ich lasse die Arrestzelle frei räumen.« Er legte
auf und rieb sich wieder die Augen. Wie zum Teufel hatte Doyle
herausgefunden, wo das sichere Haus war? Es war das bestgehütete
Geheimnis der ganzen Dienststelle. Doch da bei dem Angriff niemand
ernsthaft verletzt worden war, klopfte er sich im Geiste ein
weiteres Mal selbst auf die Schulter. Seine Theorie wurde
bestätigt. Der Schütze hatte Pease gar nicht zu töten versucht,
sondern wollte ihn nur aufscheuchen und dazu bringen, dass er das
Krankenhaus aufsuchte – wo er direkt Doyles Killer in die Arme
laufen würde.
Er rief den Leiter des Untersuchungsgefängnisses an
und veranlasste, dass die derzeitigen Insassen der Arrestzelle
vorübergehend in das städtische Polizeirevier verlegt wurden, dann
bat er den Mann, die Wachen zu unterrichten und ihnen
einzuschärfen, nur einen Arzt, den sie kannten, zu Pease und seinem
Leibwächter zu lassen.
»Schon erledigt. Wegen dem, was der Captain gesagt
hat.«
Silverman wollte eben auflegen, als sein Blick auf
die Uhr fiel. Es war Mittag, Schichtbeginn der zweiten Wache.
»Haben Sie dem Personal der Nachmittagsschicht die Lage
erklärt?«
»Oh, hab ich vergessen. Ich mach es sofort.«
Silverman legte verärgert auf. Musste er denn an
alles selbst denken?
Er war auf dem Weg zur Tür und wollte zum
Aufnahmebereich des Zellenblocks, um Pease und seinen Bewacher zu
treffen, als sein Telefon erneut läutete. Der Sergeant vom Empfang
sagte, er habe einen Besucher. »Ein gewisser Reverend Lansing. Er
sagt, er müsse Sie unbedingt sehen. Ich soll Ihnen ausrichten, er
hat die Nachricht entschlüsselt. Sie wüssten schon, was er
meint.«
»Ich bin sofort bei Ihnen.«
Silverman verzog das Gesicht. Sobald der Detective
heute Morgen hinter die Bedeutung der Bibelpassage gekommen war,
hatte er vorgehabt, den Geistlichen anzurufen und ihm zu sagen,
dass seine Hilfe nicht mehr benötigt würde. Aber er hatte es völlig
vergessen. Verdammt... Na ja, er würde dem Mann eben irgendeine
Freude machen – vielleicht Geld für die Kirche spenden oder ihn zum
Lunch einladen, um ihm zu danken. Ja, Lunch wäre gut. Sie könnten
sich über Fernsehkrimis unterhalten.
Der Detective begrüßte Lansing am Empfangstisch und
zuckte leicht zusammen, als er sah, wie erschöpft der Mann aussah.
»Haben Sie letzte Nacht überhaupt geschlafen?«
Der Geistliche lachte. »Nein. Genauso wenig wie Sie
anscheinend.«
»Kommen Sie mit mir, Reverend. Erzählen Sie mir,
was Ihnen eingefallen ist.« Er führte ihn den Flur entlang in
Richtung Aufnahme. Er würde sich einfach anhören, was der Mann zu
sagen hatte. Das konnte nicht schaden.
»Ich glaube, ich habe die Antwort.«
»Erzählen Sie.«
»Nun ja, ich dachte mir, dass wir uns nicht auf
Vers fünfzehn allein beschränken sollten. Dieser ist nur eine Art
Einleitung zu dem Gleichnis, das folgt. Ich glaube, das ist die
Antwort.«
Silverman nickte und rief sich in Erinnerung, was
er in Noveskis Bibel gelesen hatte. »Das Gleichnis von dem
Bauern?«
»Genau. Jesus erzählt von einem reichen Bauern, der
eine gute Ernte hat. Er weiß nicht, was er mit dem überschüssigen
Getreide tun soll. Er überlegt sich, dass er größere Scheunen bauen
und für den Rest seines Lebens genießen wird, was er sich
geschaffen hat. Was aber passiert, ist, dass Gott ihn straft, weil
er gierig ist. Er ist materiell reich, aber geistig verarmt.«
»Okay«, sagte Silverman, der noch keine Botschaft
erkennen konnte.
Der Reverend spürte die Verwirrung des Polizisten.
»Der entscheidende Punkt in der Geschichte ist Gier. Und ich
glaube, das könnte der Schlüssel zu dem sein, was dieser arme Mann
Ihnen mitteilen wollte.«
Sie erreichten die Aufnahmerampe und schlossen sich
einem bewaffneten Wärter an, der auf die Ankunft des gepanzerten
Wagens mit Pease wartete. Wie Silverman erfuhr, waren die aktuellen
Gefangenen noch nicht alle in dem Transportbus, der sie ins
Stadtgefängnis bringen sollte.
»Sie sollen sich beeilen«, befahl er und wandte
sich wieder dem Geistlichen zu, der mit seinen Erklärungen
fortfuhr.
»Ich habe mich also gefragt, wie Gier heutzutage
aussieht. Und kam zu der Antwort, dass sie uns in Gestalt von Enron
und Tyco, von Vorstandschefs und Internet-Mogulen begegnet... Und
von Cahill Industries.«
Silverman nickte langsam.
Robert Cahill war der Kopf eines riesigen
Agrarwirtschaftskomplexes gewesen. Nachdem er diese Firma verkauft
hatte, hatte er sich dem Immobiliengewerbe zugewandt und Dutzende
von Gebäuden im Bezirk errichtet. Soeben war der Mann wegen
Steuerhinterziehung und Insiderhandels angeklagt worden.
»Erfolgreicher Farmer«, überlegte Silverman.
»Erzielt enorme Gewinne und gerät in Schwierigkeiten. Klar. Genau
wie in dem Gleichnis.«
»Es kommt noch besser«, sagte der Priester
aufgeregt. »Vor ein paar Wochen stand in der Zeitung ein
Leitartikel über Cahill – ich habe danach gesucht, ihn aber nicht
gefunden. Ich glaube, der Verfasser hat ein paar Bibelstellen über
Gier zitiert. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche, aber ich
wette, Lukas 12:15 war dabei.«
Von der Rampe der Aufnahme aus beobachtete
Silverman, wie der Wagen mit Randy Pease eintraf. Der Detective und
der Wärter hielten sorgfältig nach Anzeichen für Gefahr Ausschau,
während das gepanzerte Fahrzeug rückwärts rangierte. Alles schien
in Ordnung zu sein. Der Detective klopfte an die Hecktür, und der
Zeuge und sein Leibwächter eilten auf die Laderampe. Der Wagen fuhr
fort.
Pease fing sofort an, sich zu beschweren. Er hatte
bei dem Angriff auf das sichere Haus eine kleine Schnittwunde auf
der Stirn und eine Prellung an der Wange davongetragen, aber er
stöhnte, als wäre er eine zweistöckige Treppe hinuntergefallen.
»Ich brauche einen Arzt. Sehen Sie sich diesen Schnitt an. Er ist
bereits entzündet, ich spüre es. Und meine Schulter bringt mich um.
Was muss man eigentlich noch tun, damit man hier anständig
behandelt wird?«
Polizisten entwickeln viel Geschick darin,
schwierige Verdächtige und Zeugen zu ignorieren, und Silverman
bekam kaum etwas von dem Gejammer des Mannes mit.
»Cahill«, wandte er sich wieder an den Priester.
»Und was, glauben Sie, bedeutet das für uns?«
»Cahill besitzt überall in der Stadt Hochhäuser.
Ich habe mich gefragt, ob die Route, auf der Sie Ihren Zeugen zum
Gericht fahren wollen, an welchen vorbeiführt.«
»Schon möglich.«
»Dann könnte also ein Scharfschütze auf einem von
ihnen sitzen.« Der Reverend lächelte. »Darauf bin ich eigentlich
nicht allein gekommen. Ich hab es einmal im Fernsehen
gesehen.«
Silverman lief es kalt über den Rücken.
Ein Scharfschütze?
Er hob den Blick. Hundert Meter entfernt stand ein
Hochhaus, von dessen Dach ein Scharfschütze freie Schussbahn auf
die Laderampe hatte, wo Silverman, der Priester, Pease und die
beiden Wächter im Augenblick standen. Es konnte durchaus ein
Cahill-Gebäude sein.
»Nach drinnen!«, rief er. »Sofort.«
Alle eilten in den Korridor, der zur Arrestzelle
führte, und Peases Babysitter schlug die Tür hinter ihnen zu. Mit
klopfendem Herzen, weil sie möglicherweise nur knapp davongekommen
waren, griff Silverman zu einem Telefon auf dem Schreibtisch und
rief den Captain an. Er erzählte ihm die Theorie des Reverends.
»Ich verstehe«, sagte der Captain. »Sie ballern auf das sichere
Haus, um Pease aufzuscheuchen, und setzen einen Scharfschützen auf
das Hochhaus, weil sie sich ausrechnen, dass wir ihn hierher
bringen. Ich schicke ein Einsatzkommando rüber, damit es das
Gebäude durchkämmt. Ach ja, und bringen Sie diesen Priester vorbei,
wenn Sie Pease sicher verwahrt haben. Egal ob er Recht hat oder
nicht, ich will ihm danken.«
»Wird gemacht.« Silverman war leicht gekränkt, weil
seinem Vorgesetzten diese Idee besser zu gefallen schien als die
Anagramme, aber er akzeptierte jede Theorie, solange sie Pease am
Leben erhielt.
Während sie in dem schlecht beleuchteten Korridor
warteten, bis die Zelle geleert war, begann sich der dürre Pease
mit seinem strähnigen Haar wieder zu beschweren. »Soll das heißen,
da draußen war ein Scharfschütze und ihr Penner habt nichts von ihm
gewusst, verflucht noch mal? Oh … entschuldigen Sie meine
Ausdrucksweise, Hochwürden. Hört zu, ihr Arschlöcher, ich bin kein
Verdächtiger, ich bin der Star in diesem Stück, ohne
mich...«
»Halten Sie endlich den Mund«, fuhr ihn Silverman
an.
»Sie können nicht mit mir reden, als ob...«
Silvermans Handy läutete, und er entfernte sich ein
Stück, um das Gespräch anzunehmen. »Ja?«
»Gott sei Dank gehst du ran«, sagte Steve Noveski
atemlos. »Wo ist Pease?«
»Direkt vor mir«, antwortete Silverman seinem
Partner. »Es geht ihm gut. Ein Team sucht in dem Hochhaus die
Straße entlang nach Scharfschützen. Was ist los?«
»Wo ist dieser Reverend?«, fragte Noveski. »Er hat
sich am Empfang nicht wieder ausgetragen.«
»Er ist hier bei mir.«
»Hör zu, Mike, ich habe mir überlegt – was, wenn
gar nicht der Informant diese Nachricht aus der Bibel hinterlassen
hat?«
»Wer dann?«
»Der Killer, den Doyle angeheuert hat.«
»Der Killer? Warum sollte der einen Hinweis
hinterlassen?«
»Es ist kein Hinweis. Denk mal nach. Er hat diesen
Bibelkram selbst aufgeschrieben und bei der Leiche hinterlassen,
als ob es von dem V-Mann stammte. Der Killer ist davon
ausgegangen, dass wir uns an einen Priester wenden werden, der uns
helfen soll, daraus schlau zu werden – aber nicht an irgendeinen
Priester, sondern an den von der Kirche, die dem Polizeirevier am
nächsten liegt.«
Silvermans Gedanken gelangten im Eiltempo zu einem
logischen Schluss. Doyles Auftragsmörder tötet den Priester und
seine Frau in ihrem Ferienhaus am See und verkleidet sich als
Reverend. Der Detective erinnerte sich nun daran, dass es in dem
Kirchenbüro nichts gegeben hatte, was den Priester identifizieren
konnte. Tatsächlich schien der Mann Schwierigkeiten zu haben, eine
Bibel zu finden, und er hatte offenbar nicht gewusst, dass seine
Schreibtischlampe ausgebrannt war. Und die ganze Kirche war
menschenleer und voller Staub gewesen.
Er spann den logischen Fortgang der Ereignisse
weiter: Doyles Männer beschießen das sichere Haus, die Polizei
bringt Pease zum Revier, und gleichzeitig taucht der Reverend mit
einer Geschichte über Gier, einen Immobilienhai und einen
Scharfschützen auf – nur um nahe an Silverman heranzukommen... und
an Pease!
Er verstand plötzlich: Es gab keine geheime
Botschaft. Er ist auf dem Weg. Passt auf – Lukas 12:15. Es
war bedeutungslos. Der Killer hätte jede Bibelpassage auf
den Zettel schreiben können. Es ging nur darum, dass die Polizei
mit dem falschen Reverend Kontakt aufnahm und ihm Zugang zum Arrest
verschaffte, wenn Pease zur gleichen Zeit dort war.
Und ich habe ihn direkt zu seinem Opfer
geführt!
Silverman ließ das Handy fallen und zog seine Waffe
aus dem Holster. Dann rannte er den Flur entlang und stürzte sich
auf den Reverend. Der Mann schrie vor Schmerz auf und schnappte
nach Luft, als er zu Boden ging. Der Detective stieß ihm den Lauf
seiner Waffe an den Hals. »Keine Bewegung.«
»Was tun Sie da?«
»Was ist los?«, fragte Peases Bewacher.
»Er ist der Killer! Er ist einer von Doyles
Leuten!«
»Nein, bin ich nicht. Das ist verrückt!«
Silverman legte dem falschen Priester unsanft
Handschellen an und steckte seine Pistole in den Holster. Er filzte
ihn und fand keine Waffe, dachte sich aber, dass er vermutlich
beabsichtigt hatte, einem der Polizisten die Waffe abzunehmen, um
Pease und alle anderen zu töten.
Dann zerrte der Detective den Geistlichen auf die
Beine und übergab ihn dem Aufnahmebeamten. »Bringen Sie ihn in
einen Vernehmungsraum. Ich bin in zehn Minuten dort. Sorgen Sie
dafür, dass er gefesselt bleibt.«
»Jawohl.«
»Das können Sie nicht tun!«, schrie der Reverend,
als er fortgezerrt wurde. »Sie machen einen großen Fehler.«
»Schaffen Sie ihn raus«, bellte Silverman.
Pease sah den Detective verächtlich an. »Er hätte
mich töten können, du Arschloch.«
Ein zweiter Wärter kam von der Aufnahme in den
Korridor gelaufen. »Gibt es ein Problem, Detective?«
»Alles unter Kontrolle. Aber sehen Sie nach, ob die
Arrestzelle endlich frei ist. Ich will den Mann hier so schnell wie
möglich da drin haben.« Er zeigte mit einem Kopfnicken auf
Pease.
»Wird gemacht«, sagte der Wärter und eilte zur
Sprechanlage neben der Sicherheitstür, die in den Zellenblock
führte.
Silverman schaute in den Korridor zurück, wo der
Geistliche und sein Bewacher gerade durch die Tür verschwanden. Die
Hände des Detective zitterten. Mann, das war knapp gewesen. Aber
wenigstens war der Zeuge jetzt sicher.
Genau wie mein Job.
Natürlich würde er eine Menge Fragen beantworten
müssen, aber …
»Nein!«, schrie eine Stimme hinter ihm.
Ein scharfer Klang, als würde eine Axt in einen
Baumstamm fahren, hallte durch den Gang, dann ein zweiter,
begleitet vom beißenden Geruch verbrannten Schießpulvers.
Der Detective fuhr herum und schnappte nach Luft.
Entsetzt starrte er auf den Aufnahmebeamten, der gerade zu ihnen
gestoßen war. Der junge Mann hielt eine Automatikpistole mit
Schalldämpfer in der Hand und stand über den Leichen der beiden
Männer, die er soeben getötet hatte: Randall Pease und der Beamte,
der bei ihm gewesen war.
Silverman griff nach seiner eigenen Waffe.
Aber Doyles Killer, der die perfekt nachgemachte
Uniform eines Arrestwärters trug, richtete seine Pistole auf den
Detective und schüttelte den Kopf. Verzweifelt erkannte Silverman,
dass er zum Teil Recht gehabt hatte. Doyles Leute hatten das Haus
tatsächlich beschossen, um Pease aufzuscheuchen – aber nicht, damit
er ins Krankenhaus geschickt wurde. Sie wussten, dass ihn die
Polizei zur sicheren Verwahrung ins Gefängnis bringen würde.
Der Killer blickte den Korridor entlang. Keiner der
anderen Wärter hatte die Schüsse gehört oder sonst etwas bemerkt.
Der Mann zog mit der linken Hand ein Funkgerät aus der Tasche,
drückte einen Knopf und sagte: »Alles erledigt. Ihr könnt mich
abholen.«
»Gut«, ertönte die blecherne Antwort. »Genau im
Zeitplan. Wir treffen uns vor dem Revier.«
»Verstanden.« Der Mann steckte das Funkgerät
weg.
Silverman öffnete den Mund, um den Killer
anzuflehen, sein Leben zu schonen.
Doch er verstummte und stieß ein schwaches,
verzweifeltes Lachen aus, als sein Blick auf das Namensschild des
Killers fiel. Denn in diesem Moment begriff er endlich die
Wahrheit: Die Nachricht des toten Informanten war gar nicht so
geheimnisvoll gewesen. Der V-Mann hatte ihnen schlicht mitgeteilt,
dass sie auf einen Killer aufpassen sollten, der sich als ein
Wärter tarnte, dessen Namen Silverman nun mit offenem Mund auf dem
Plastikschild des Mannes las: »Lukas.«
Und was das Kapitel und den Vers anging – nun, das
war ebenfalls ziemlich einfach. Die Nachricht bedeutete, dass der
Killer kurz nach Beginn der zweiten Schicht zuschlagen würde,
sodass ihm noch eine Viertelstunde Zeit blieb, um herauszufinden,
wo der Gefangene festgehalten wurde.
Genau im Zeitplan...
Die Uhr an der Wand zeigte exakt 12:15.