Das schwarze Schaf
Schlafe, mein Kind, und Friede begleite dich durch die Nacht...
 
Die Worte des Schlaflieds gingen ihr endlos im Kopf herum, so hartnäckig wie der prasselnde Regen Oregons auf dem Dach und an den Fenstern.
Das Lied, das sie Beth Anne vorgesungen hatte, als das Mädchen drei oder vier Jahre alt gewesen war, setzte sich in ihrem Kopf fest und hörte nicht auf, nachzuhallen. Vor fünfundzwanzig Jahren hatten sie beide, Mutter und Tochter, in der Küche ihres Zuhauses vor den Toren Detroits gesessen. Liz Polemus, über den Resopaltisch gebeugt, die sparsame junge Mutter und Ehefrau, die hart arbeitete, damit das Geld reichte.
Sie hatte ihrer Tochter vorgesungen, die ihr gegenübersaß und fasziniert die geschickten Hände der Frau beobachtete.
 
Meine Liebe wird dich durch die Nacht begleiten, Wenn Berg und Tal in sanftem Schlummer liegen...
 
Liz spürte einen Krampf im rechten Arm – in dem Arm, der nie richtig verheilt war – und nahm wahr, dass sie, nach der Nachricht, die sie gerade erhalten hatte, den Telefonhörer weiter fest umklammert hielt: Ihre Tochter war auf dem Weg zu ihrem Haus.
Die Tochter, mit der sie seit über drei Jahren nicht mehr gesprochen hatte.
 
... halt ich liebevolle Wacht, durch die ganze lange Nacht.
 
Liz legte das Telefon schließlich nieder und fühlte das Blut in den Arm strömen, es juckte und brannte. Sie streckte sich auf die bestickte Couch, die seit vielen Jahren im Besitz der Familie war, und massierte den pochenden Unterarm. Sie war benommen, verwirrt, als wüsste sie nicht genau, ob der Anruf Realität gewesen war oder nur ein verschwommener Eindruck aus einem Traum.
Nur dass die Frau sich nicht im Frieden des Schlafs verlor. Nein, Beth Anne war auf dem Weg. In einer halben Stunde würde sie an die Tür klopfen.
Draußen fiel der Regen weiter gleichmäßig auf die Kiefern in Liz’ Garten. Sie wohnte seit fast einem Jahr in diesem Haus, einem Häuschen eher, Meilen von der nächsten Wohnsiedlung entfernt. Die meisten Leute hätten es zu klein gefunden, zu abgelegen. Aber für Liz war es eine Oase. Die schlanke Witwe in den Fünfzigern hatte viel zu tun und wenig Zeit, sich um den Haushalt zu kümmern. Hier war schnell saubergemacht, und dann konnte sie an ihre Arbeit zurückgehen. Und auch wenn sie schwerlich eine Einsiedlerin war, genoss sie die Pufferzone aus Wald, die sie von ihren Nachbarn trennte. Die winzige Größe des Heims verhinderte auch, dass etwa männliche Freunde auf die Idee verfielen, bei ihr einzuziehen. Sie bräuchte nur den Blick durch das Haus wandern zu lassen, in dem es nur ein Schlafzimmer gab, und erklären, zwei Leute würden in dieser Enge wahnsinnig werden. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie beschlossen, nie mehr zu heiraten oder mit einem anderen Mann zusammenzuleben.
Ihre Gedanken gingen nun zu Jim. Ihre Tochter war von zu Hause ausgezogen und hatte jeden Kontakt mit der Familie abgebrochen, bevor er gestorben war. Es hatte Liz immer geschmerzt, dass das Kind nicht einmal nach seinem Tod angerufen, geschweige denn an seinem Begräbnis teilgenommen hatte. Zorn über dieses Beispiel für die Gefühllosigkeit ihrer Tochter brandete in Liz auf, aber sie schob ihn beiseite. Egal was die junge Frau heute Abend hier bezweckte, es würde nicht genügend Zeit sein, auch nur einen Bruchteil der schmerzlichen Erinnerungen auszugraben, die wie Trümmer eines Flugzeugabsturzes zwischen Mutter und Tochter lagen.
Ein Blick auf die Uhr. Fast zehn Minuten waren seit dem Anruf bereits verstrichen, wie Liz erschrocken feststellte.
Mit einem Gefühl der Beklemmung ging sie in ihr Nähzimmer. Dieser größte Raum des Hauses war mit Näharbeiten von ihr selbst und ihrer Mutter und mit einem Dutzend Gestellen für Zwirnspulen geschmückt – manche gingen bis auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre zurück. Jeder Farbton in Gottes Palette war in diesen Fäden vertreten. Kartons voller Muster aus Vogue und Butterick ebenfalls. Das Herzstück des Zimmers war eine alte, elektrische Singer. Sie besaß nicht die tollen Stichkameras neuer Maschinen, keine Lichter, komplizierte Anzeigen oder Knöpfe. Die Maschine war ein vierzig Jahre altes, schwarz emailliertes Arbeitspferd, identisch mit der, die ihre Mutter benutzt hatte.
Liz hatte genäht, seit sie zwölf war, und in schwierigen Zeiten ernährte sie das Handwerk. Sie liebte alles daran: Den Stoff zu kaufen – das dumpfe Klatschen, wenn die Verkäuferin die flachen Ballen umdrehte und das richtige Maß abspulte (Liz konnte den Frauen immer mit fast perfekter Genauigkeit sagen, wann eine bestimmte Menge abgewickelt war). Das knisternde, durchsichtige Papier auf den Stoff zu heften. Das Schneiden mit der schweren Zickzackschere, die einen gezackten Rand im Gewebe hinterließ. Die Maschine bereitzumachen, die Spule aufzuziehen, das Garn in die Nadel zu fädeln …
Nähen hatte etwas so vollkommen Beruhigendes an sich: Diese Substanzen – Baumwolle vom Feld, Wolle von Tieren – zu nehmen und sie in etwas ganz Neues zu verwandeln. Das Schlimmste an der Verletzung vor ein paar Jahren war die Beschädigung des rechten Arms gewesen, die sie drei unerträgliche Monate lang von der Singer ferngehalten hatte.
Nähen war aber nicht nur von therapeutischem Wert für Liz, es war mehr. Es gehörte zu ihrem Beruf und hatte dazu beigetragen, dass sie eine wohlhabende Frau war; Gestelle voller Designerkleidung warteten ein Stück entfernt auf ihre geschickten Hände.
Ihr Blick ging zur Uhr. Fünfzehn Minuten. Erneutes Aufwallen von Panik.
Sie hatte den Tag vor fünfundzwanzig Jahren so klar vor Augen – Beth Anne, die in ihrem Pyjama an dem wackligen Küchentisch saß und fasziniert die flinken Finger ihrer Mutter beobachtete, während Liz ihr vorsang.
 
Schlafe mein Kindchen...
 
Die Erinnerung rief zahllose andere wach, und die Aufregung stieg in Liz’ Herz wie der Wasserpegel in dem vom Regen angeschwollenen Bach hinter ihrem Haus. So, befahl sie sich nun mit Nachdruck, sitz nicht einfach hier herum... Tu etwas. Arbeite weiter. Sie suchte eine marineblaue Jacke aus ihrem Schrank, ging zum Nähtisch und wühlte in einem Korb, bis sie einen passenden Wollrest gefunden hatte. Aus dem würde sie eine Tasche für das Kleidungsstück fertigen. Liz machte sich ans Werk, strich den Stoff glatt, markierte ihn mit Schneiderkreide, griff zur Schere, schnitt vorsichtig. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, aber es reichte nicht aus, um ihre Gedanken von dem bevorstehenden Besuch abzulenken – und von jahrealten Erinnerungen.
Die Sache mit dem Ladendiebstahl zum Beispiel. Als das Mädchen zwölf gewesen war.
Liz erinnerte sich, wie das Telefon geläutet hatte, und als sie sich meldete, hatte der Chefdetektiv eines nahen Kaufhauses zu ihrem und Jims Entsetzen berichtet, dass man Beth Anne mit Schmuck im Wert von fast tausend Dollar, versteckt in einer Papiertüte, erwischt hatte.
Die Eltern hatten den Mann angefleht, keine Anzeige zu erstatten. Sie hatten gesagt, da müsse ein Irrtum vorliegen.
»Nun ja«, hatte der Kaufhausdetektiv skeptisch gesagt, »wir haben sie mit fünf Uhren angetroffen. Und einer Halskette dazu. Ich meine, das hört sich für mich nicht nach einem Irrtum an.«
Nach vielen Versicherungen, es handle sich nur um einen Streich, und sie werde den Laden nie wieder betreten, hatte sich der Mann schließlich bereit erklärt, die Polizei aus dem Spiel zu lassen.
Vor dem Laden, als die Familie allein war, hatte sich Liz wütend an Beth Anne gewandt. »Warum um alles in der Welt hast du das getan?«
»Warum nicht?«, antwortete das Mädchen in seinem Singsang und grinste höhnisch dazu.
»Es war dumm.«
»Als wenn mir das nicht egal wäre.«
»Beth Anne... wieso benimmst du dich so?«
»Wie denn?«, hatte das Mädchen in gespielter Verwirrung gefragt.
Ihre Mutter hatte das Gespräch mit ihr gesucht – so wie die Psychologen in den Talkshows immer sagten, dass man es mit Kindern tun solle – aber Beth Anne blieb weiter gelangweilt und zerstreut. Liz hatte eine vage und offenbar fruchtlose Warnung ausgesprochen und die Sache aufgegeben.
Jetzt dachte sie: Man investiert ein gewisses Maß an Bemühung in das Nähen einer Jacke oder eines Kleids und erhält das erwartete Kleidungsstück. Aber man investiert tausend Mal mehr Mühe in die Erziehung eines Kindes, und das Ergebnis ist das Gegenteil von dem, was man sich erhofft und erträumt hat. Es erschien ihr sehr ungerecht.
Liz’ scharfe graue Augen prüften die Wolljacke, vergewisserten sich, dass die Tasche flach anlag und in der richtigen Position angeheftet war. Sie hielt inne, blickte auf und schaute aus dem Fenster auf die schwarzen Spitzen der Kiefern, aber was sie in Wirklichkeit sah, waren weitere schwer erträgliche Erinnerungen an Beth Anne. Was für ein Schandmaul die Kleine gewesen war! Sie hatte ihrer Mutter oder ihrem Vater in die Augen gesehen und gesagt: »Das könnt ihr euch aber komplett abschminken, dass ich mit euch komme.« Oder: »Habt ihr überhaupt eine Ahnung von irgendwas
Vielleicht hätten sie in ihrer Erziehung strenger sein sollen. In Liz’ Familie war man verdroschen worden, wenn man fluchte, Erwachsenen widersprach oder nicht tat, was die Eltern von einem verlangten. Sie und Jim hatten Beth Anne nie geschlagen; vielleicht hätten sie ihr ab und an eine Ohrfeige verpassen sollen.
Einmal hatte sich jemand im Familienunternehmen – einem Lagerhaus, das Jim geerbt hatte – krankgemeldet, und er brauchte Beth Anne als Aushilfe. »Eher sterbe ich, als dass ich noch mal mit dir in dieses Scheißloch gehe«, hatte sie ihn angefahren.
Ihr Vater hatte sich eingeschüchtert zurückgezogen, aber Liz war auf ihre Tochter losgegangen: »Sprich nicht so mit deinem Vater!«
»Ach?«, hatte das Mädchen in sarkastischem Tonfall gefragt. »Wie soll ich denn mit ihm sprechen? Wie eine gehorsame kleine Tochter, die alles tut, was er verlangt? Das war vielleicht das, was er sich gewünscht hat, aber es ist nicht das, was er bekommt.« Dann hatte sie nach ihrer Handtasche gegriffen und war zur Tür gegangen.
»Wohin willst du?«
»Freunde treffen.«
»Das wirst du nicht. Komm auf der Stelle zurück!«
Zur Antwort schlug sie die Tür zu. Jim wollte ihr nachgehen, aber schon war sie fort und knirschte durch den zwei Monate alten Schnee von Michigan.
Und diese »Freunde« …
Trish und Eric und Sean... Kinder aus Familien mit vollkommen anderen Wertvorstellungen als Liz und Jim. Sie versuchten ihr zu verbieten, sich mit ihnen zu treffen. Aber das nützte natürlich nichts.
»Schreibt mir nicht vor, mit wem ich meine Zeit verbringe«, hatte Beth Anne wütend gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen achtzehn gewesen und so groß wie ihre Mutter. Als sie mit finsterem Blick auf sie zutrat, war ihre Mutter ängstlich zurückgewichen. »Und was wisst ihr überhaupt von ihnen?«, hatte das Mädchen gefragt.
»Sie mögen deinen Vater und mich nicht – das ist alles, was ich wissen muss. Was hast du gegen die Kinder von Todd und Joan? Oder die von Brad? Dein Vater und ich kennen sie seit Jahren.«
»Was ich gegen sie habe?«, murmelte das Mädchen. »Wie wär’s damit, dass sie komplette Loser sind?« Diesmal schnappte sie sich Handtasche und Zigaretten, die sie mittlerweile rauchte, und legte einen neuerlichen dramatischen Abgang hin.
Liz trat mit dem rechten Fuß auf das Pedal der Singer, und der Motor ließ sein charakteristisches Mahlgeräusch hören, ehe das klatta, klatta, klatta ertönte, mit dem die Nadel auf und ab sauste, im Stoff verschwand und eine saubere Reihe Stiche um die Tasche herum zurückließ.
Klatta, klatta, klatta
In der Mittelstufe kam das Mädchen nie vor sieben oder acht nach Hause und in der High School noch viel später. Manchmal blieb es die ganze Nacht fort. Auch an den Wochenenden verschwand es einfach und gab sich nicht mit der Familie ab.
Klatta, klatta, klatta. Das rhythmische Mahlen der Singer beruhigte Liz ein wenig, bewahrte sie aber nicht vor neuer Panik, als sie auf die Uhr sah. Ihre Tochter konnte jede Minute hier sein.
Ihr Mädchen, ihr kleines Baby …
Schlafe mein Kindchen...
Und die Frage, die Liz seit Jahren quälte, kehrte nun wieder: Was war falsch gelaufen? Stunden um Stunden hatte sie die frühen Jahre der Kleinen durchgespielt und zu verstehen versucht, womit sie sich diese totale Ablehnung seitens Beth Annes verdient hatte. Sie war eine aufmerksame und teilnahmsvolle Mutter gewesen, konsequent und gerecht, hatte täglich für die Familie gekocht, die Kleidung des Mädchens gewaschen und gebügelt, ihm alles gekauft, was es brauchte. Das Einzige, was sie sich denken konnte, war, dass sie zu energisch, zu unnachgiebig in ihrer Erziehungsmethode gewesen war, zu streng manchmal.
Aber das war ja wohl kaum ein Verbrechen. Abgesehen davon war Beth Anne gleichermaßen wütend auf ihren Vater gewesen – den Softie der beiden Eltern. Ausgeglichen und so vernarrt in die Kleine, dass er sie fast schon verzog, war Jim der perfekte Vater gewesen. Er hatte Beth Anne und ihren Freunden bei den Hausaufgaben geholfen, hatte sie selbst in die Schule gefahren, wenn Liz arbeitete, hatte ihr Gutenachtgeschichten vorgelesen und sie ins Bett gebracht. Er hatte sich »besondere Spiele« für sich und Beth Anne ausgedacht. Es war genau die Art elterliches Band, das die meisten Kinder lieben würden.
Aber das Mädchen bekam auch ihm gegenüber Tobsuchtsanfälle und unternahm alles, um keine Zeit mit ihm verbringen zu müssen.
Nein, Liz fielen keine düsteren Ereignisse aus der Vergangenheit ein, keine traumatischen Erlebnisse oder Tragödien, die Beth Anne hätten abtrünnig werden lassen. Sie gelangte wieder zu dem Schluss, zu dem sie schon vor Jahren gekommen war: Dass ihre Tochter – so ungerecht und grausam es erscheinen mochte – einfach von Geburt an fundamental anders als Liz gewesen war; irgendetwas in ihrem Schaltplan hatte das Mädchen zu der Rebellin werden lassen, die es war.
Und während Liz den Stoff unter ihren langen, weichen Fingern glatt strich, überlegte sie noch etwas anderes: Rebellisch, ja, aber stellte sie auch eine Gefahr dar?
Liz gestand sich nun ein, dass das Unbehagen, das sie heute Abend spürte, nicht nur von der bevorstehenden Begegnung mit ihrem widerspenstigen Kind rührte; die junge Frau machte ihr auch Angst.
Sie sah von ihrer Jacke auf und starrte in den Regen, der an ihr Fenster klatschte. Ihr rechter Arm kribbelte schmerzhaft, und sie dachte an jenen schrecklichen Tag vor mehreren Jahren zurück – den Tag, der sie für alle Zeit aus Detroit verjagt hatte und der immer noch Albträume auslöste. Liz hatte ein Schmuckgeschäft betreten, wo zu ihrem atemlosen Entsetzen eine Pistole auf sie gerichtet wurde. Sie sah immer noch den gelben Blitz vor sich, als der Mann abdrückte, hörte den ohrenbetäubenden Knall, spürte den dumpfen Schlag, mit dem die Kugel in ihren Arm drang und sie vor Schmerz und Überraschung schreiend auf den Fliesenboden stürzen ließ.
Natürlich hatte ihre Tochter mit diesem Unglück nichts zu tun gehabt. Doch Liz war klar geworden, dass Beth Anne ebenso bereit und fähig wäre, abzudrücken, wie es jener Mann bei dem Raubüberfall gewesen war; sie hatte den Beweis dafür, dass ihre Tochter eine gefährliche Frau war, ja mit eigenen Augen gesehen. Vor ein paar Jahren, nachdem Beth Anne von zu Hause ausgezogen war, hatte Liz Jims Grab besucht. An dem Tag lag ein Nebel wie Watte über dem Friedhofsgelände, und sie war fast an dem Grabstein angekommen, als sie bemerkte, dass jemand davor stand. Zu ihrem Schreck erkannte sie Beth Anne. Liz wich mit klopfendem Herzen in den Dunst zurück. Sie rang lange mit sich, brachte jedoch letztlich nicht den Mut auf, dem Mädchen entgegenzutreten, und beschloss, eine Nachricht an der Windschutzscheibe ihres Wagens zu hinterlassen.
Aber als sie an den Chevy trat und in ihrer Handtasche nach Kugelschreiber und Papier kramte, fiel ihr Blick ins Wageninnere, und ihr Herz erbebte bei dem Anblick: eine Jacke, ein Wirrwarr von Papieren und halb darunter versteckt eine Pistole und einige Plastiktütchen, die ein weißes Pulver enthielten – Drogen, wie Liz annahm.
O ja, dachte sie nun, ihre Tochter, die kleine Beth Anne, war sehr wohl fähig zu töten.
Liz nahm den Fuß vom Pedal, und die Singer verstummte. Sie öffnete die Klammer und schnitt die herunterhängenden Fäden ab. Dann zog sie die Jacke an und steckte ein paar Dinge in die Taschen, betrachtete sich prüfend im Spiegel und befand, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden war.
Sie starrte ihr matt beleuchtetes Spiegelbild an. Verschwinde! sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie ist eine Gefahr! Hau ab, bevor Beth Anne eintrifft.
Aber nach einem Moment des inneren Zwiespalts seufzte Liz. Sie war unter anderem überhaupt nur deshalb hierhergezogen, weil sie erfahren hatte, dass ihre Tochter im Nordwesten eine neue Heimat gefunden hatte. Liz hatte sich immer vorgenommen, das Mädchen zu suchen, hatte jedoch feststellen müssen, dass es ihr seltsam widerstrebte. Nein, sie würde bleiben, sie würde sich mit Beth Anne treffen. Aber sie würde nicht dumm sein, nicht nach dem Raubüberfall. Liz hängte die Jacke nun an einen Kleiderbügel und ging zum Schrank. Sie zog eine Schachtel aus dem obersten Fach und schaute hinein. Da lag eine kleine Pistole. Eine »Damenpistole«, hatte Jim gesagt, als er sie ihr vor Jahren geschenkt hatte. Sie nahm sie heraus und betrachtete sie.
Schlafe mein Kindchen... Die ganze Nacht.
Dann schauderte sie angeekelt. Nein, sie konnte unmöglich eine Waffe gegen ihre eigene Tochter einsetzen. Ausgeschlossen.
Die Vorstellung, das Mädchen in den ewigen Schlaf zu versetzen, war undenkbar.
Und doch... Was, wenn sie zwischen ihrem Leben und dem ihrer Tochter wählen musste? Wenn der Hass des Mädchens keine Grenzen mehr kannte?
Konnte sie Beth Anne töten, um ihr eigenes Leben zu retten?
Keine Mutter sollte je eine solche Wahl treffen müssen.
Sie zögerte lange und wollte die Pistole gerade zurücklegen, als ein Lichtstrahl sie innehalten ließ. Scheinwerferlicht erfüllte den Hof vor dem Haus und projizierte hellgelbe Katzenaugen auf die Wände des Nähzimmers.
Die Frau warf noch einen Blick auf die Waffe, und anstatt sie wieder im Schrank zu verstauen, legte sie sie auf eine Kommode neben der Tür und breitete ein Zierdeckchen darüber. Dann ging sie ins Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster auf das Auto, das bewegungslos in ihrer Einfahrt stand. Die Scheinwerfer brannten noch, die Scheibenwischer gingen hin und her. Ihre Tochter zögerte auszusteigen, und Liz nahm an, es war nicht das Wetter, das sie im Wagen bleiben ließ.
Nach einem endlos langen Augenblick gingen die Scheinwerfer aus.
Denk positiv, sagte sich Liz. Vielleicht hatte sich ihre Tochter geändert. Vielleicht ging es bei ihrem Besuch darum, dass sie die Hand ausstrecken und Wiedergutmachung für all den Verrat über die Jahre leisten wollte. Dann konnten sie endlich beginnen, an einer normalen Beziehung zu arbeiten.
Dennoch ging ihr Blick zurück zum Nähzimmer, wo die Pistole auf der Kommode lag, und sie sagte sich: Nimm sie. Steck sie in deine Tasche.
Dann: Nein, leg sie zurück in den Schrank.
Liz tat keins von beidem. Sie ließ die Waffe auf der Kommode liegen, dann ging sie zur Haustür und öffnete sie. Kalter Sprühnebel bedeckte ihr Gesicht.
Sie wich zurück, als sich die Silhouette der schlanken, jungen Frau näherte. Beth Anne ging durch die Tür und blieb stehen. Nach kurzem Zögern schloss sie die Tür hinter sich.
Liz blieb in der Mitte des Wohnzimmers und presste nervös die Hände zusammen.
Beth Anne schlug die Kapuze ihrer Windjacke zurück und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Das Gesicht der jungen Frau war wettergegerbt, rötlich. Sie trug kein Make-up. Sie war achtundzwanzig, wie Liz einfiel, aber sie sah älter aus. Das Haar trug sie nun kurz, es ließ winzige Ohrringe sehen. Aus irgendeinem Grund fragte sich Liz, ob jemand sie dem Mädchen geschenkt oder ob es sie selbst gekauft hatte.
»Hallo, Kleines.«
»Mutter.«
Ein Zögern, dann ein kurzes, humorloses Lachen von Liz. »Früher hast du mich Mom genannt.«
»Ja?«
»Ja. Erinnerst du dich nicht mehr?«
Ein Kopfschütteln. Liz glaubte aber, dass sie sich sehr wohl erinnerte und es nur nicht zugeben wollte. Sie musterte ihre Tochter sehr sorgfältig.
Beth Anne sah sich in dem kleinen Wohnzimmer um. Ihr Blick fiel auf ein Foto von ihr selbst und ihrem Vater – sie standen auf der Bootsanlegestelle beim Haus der Familie in Michigan.
»Als du angerufen hast, sagtest du, jemand habe dir erzählt, dass ich hier wohne«, erkundigte sich Liz. »Wer war das?«
»Das spielt keine Rolle. Irgendwer einfach. Du wohnst hier seit...« Sie sprach nicht zu Ende.
»... ein paar Jahren. Willst du einen Drink?«
»Nein.«
Liz erinnerte sich, dass sie das Mädchen dabei erwischt hatte, wie es mit sechzehn ein paar Bier stibitzte. Vielleicht hatte Beth Anne weiter getrunken und nun mit einem Alkoholproblem zu kämpfen.
»Dann Tee? Kaffee?«
»Nein.« Kurzes Schweigen.
»Du wusstest, dass ich in den Nordwesten gezogen bin?«, fragte Beth Anne.
»Du hast immer von dieser Gegend gesprochen, dass du weg wolltest von... na ja, dass du aus Michigan raus wolltest. Nachdem du ausgezogen warst, kam dann Post für dich bei mir an. Von jemandem aus Seattle.«
Beth Anne nickte. Hatte sie auch leicht das Gesicht verzogen? Als ärgerte sie sich, weil sie unvorsichtigerweise einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort übersehen hatte? »Und du bist nach Portland gezogen, um in meiner Nähe zu sein?«
Liz lächelte. »Ich denke schon. Ich fing an, nach dir zu suchen, aber dann verließ mich der Mut.« Liz fühlte Tränen in den Augen aufsteigen, während ihre Tochter weiter den Raum inspizierte. Das Haus war klein, sicher, aber Möbel, Elektrogeräte und sonstige Einrichtung waren nur vom Besten – der Lohn für Liz’ harte Arbeit in den letzten Jahren. Zwei Empfindungen stritten in der Seele der Frau: Halb hoffte sie, das Mädchen würde versucht sein, die Verbindung zu seiner Mutter wieder aufzunehmen, wenn es sah, wie viel Geld Liz hatte, aber gleichzeitig schämte sie sich für all den Überfluss. Die Kleidung und der billige Modeschmuck ihrer Tochter ließen vermuten, dass sie mit Mühe über die Runden kam.
Das Schweigen war wie Feuer. Es versengte Liz’ Haut und Herz.
Beth Anne öffnete die geballte linke Hand, und ihre Mutter bemerkte einen winzigen Verlobungsring und einen schlichten, goldenen Ehering. Die Tränen kullerten ihr nun über die Wangen. »Du bist...?«
Die junge Frau folgte dem Blick ihrer Mutter zum Ring. Sie nickte.
Liz fragte sich, was für ein Mann ihr Schwiegersohn war. War er ein sanfter Typ wie Jim, jemand, der den launischen Charakter ihrer Tochter ausgleichen konnte? Oder war er hart wie Beth Anne selbst?
»Hast du Kinder?«, fragte Liz.
»Das brauchst du nicht zu wissen.«
»Arbeitest du?«
»Fragst du, ob ich mich geändert habe, Mutter?«
Liz wollte die Antwort auf diese Frage nicht hören und fuhr rasch fort, ihr Anliegen vorzutragen. »Ich habe mir überlegt«, sagte sie, und in ihre Stimme stahl sich Verzweiflung, »dass ich vielleicht nach Seattle hinauf ziehen könnte. Wir könnten uns sehen... vielleicht sogar zusammen arbeiten. Wir könnten Partner sein. Fifty-fifty. Wir hätten viel Spaß. Ich fand immer, wir wären ein großartiges Team. Ich habe immer davon geträumt...«
»Du und ich zusammenarbeiten, Mutter?« Sie schaute in das Nähzimmer, nickte in Richtung der Maschine, der Kleidergestelle. »Das ist nicht meine Welt. Sie war es nie und wird es nie sein. Das hast du nach all den Jahren noch immer nicht begriffen, oder?« Die Worte und der kalte Tonfall beantworteten Liz’ Frage eindeutig. Nein, das Mädchen hatte sich kein bisschen verändert.
Ihre Stimme wurde hart. »Wieso bist du dann hier? Was ist der Zweck deines Besuchs?«
»Ich denke, das weißt du, oder?«
»Nein, Beth Anne, ich weiß es nicht. Eine Art Psycho-Rache?«
»So könnte man es wohl nennen.« Sie sah sich wieder im Zimmer um. »Gehen wir.«
Liz atmete hastig. »Warum nur? Alles, was wir getan haben, haben wir für dich getan.«
»Ich würde eher sagen, ihr habt es mir angetan.« Eine Waffe erschien in der Hand ihrer Tochter, und die schwarze Mündung wies in Liz’ Richtung. »Raus hier«, flüsterte Beth Anne.
»Mein Gott! Nein!« Sie unterdrückte einen Aufschrei, als die Erinnerung an die Schießerei in dem Juwelierladen auf sie einstürmte. Ihr Arm brannte, und Tränen liefen ihr über die Wange.
Sie sah die Pistole auf der Kommode vor sich.
Schlafe, mein Kindchen...
»Ich gehe nirgendwohin«, sagte Liz und wischte sich über die Augen.
»Doch. Raus jetzt.«
»Was willt du tun?«, fragte sie verzweifelt.
»Was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen.«
Liz stützte sich auf einen Stuhl. Ihre Tochter bemerkte die linke Hand der Frau, die sich zum Telefon vortastete.
»Nein!«, bellte das Mädchen. »Bleib vom Telefon weg!«
Liz warf einen hoffnungslosen Blick auf den Hörer und zog dann ihre Hand zurück.
»Komm mit mir.«
»Jetzt. In den Regen?«
Das Mädchen nickte.
»Lass mich eine Jacke holen.«
»Da hängt eine neben der Tür.«
»Die ist nicht warm genug.«
Beth Anne zögerte, als wollte sie sagen, dass es angesichts dessen, was nun passieren würde, keine Rolle spielte, wie warm die Jacke ihrer Mutter war. Doch dann nickte sie. »Aber versuch nicht, zu telefonieren. Ich beobachte dich.«
Liz trat in die Tür zum Nähzimmer und griff nach der blauen Jacke, an der sie gerade gearbeitet hatte. Sie zog sie langsam an, den Blick wie festgenagelt auf dem Zierdeckchen mit der Ausbuchtung der Pistole darunter. Sie lugte ins Wohnzimmer. Ihre Tochter stand vor einem gerahmten Schnappschuss von sich selbst im Alter von elf oder zwölf, auf dem sie neben ihren Eltern zu sehen war.
Liz streckte rasch die Hand aus und nahm die Waffe. Sie hätte sich schnell umdrehen und sie auf ihre Tochter richten können. Ihr zurufen, die eigene Waffe fallen zu lassen.
 
Mutter, ich weiß, du bist bei mir, die ganze Nacht... Vater, ich weiß, du hörst mich, die ganze Nacht...
 
Aber was, wenn Beth Anne die Waffe nicht losließ?
Wenn sie auf ihre Mutter anlegte?
Was würde Liz dann tun?
Würde sie ihre Tochter töten können, um ihr eigenes Leben zu retten?
 
Schlafe, mein Kindchen...
 
Beth Anne war immer noch abgewandt und betrachtete das Bild. Liz wäre in der Lage, es zu tun – umdrehen, ein schneller Schuss. Sie spürte die Pistole, ihr Gewicht zerrte an dem schmerzenden Arm.
Aber dann seufzte sie.
Die Antwort war Nein. Ein ohrenbetäubend lautes Nein. Sie konnte ihre Tochter niemals verletzen. Was immer als Nächstes da draußen im Regen passieren würde, sie konnte dem Mädchen nichts antun.
Liz legte die Pistole weg und kehrte zu ihrer Tochter zurück.
»Gehen wir«, sagte Beth Anne, steckte ihre eigene Pistole in den Gürtel der Jeans und führte ihre Mutter mit rauem Griff nach draußen. Es war, erkannte Liz, der erste körperliche Kontakt seit mindestens vier Jahren.
Sie blieben auf dem Vorbau stehen, und Liz fuhr zu ihrer Tochter herum. »Wenn du das tust, wirst du es für den Rest deines Lebens bereuen.«
»Nein«, sagte das Mädchen, »ich würde es bereuen, wenn ich es nicht täte.«
Liz spürte, wie sich Regenspritzer unter ihre Tränen mischten. Sie sah ihre Tochter an. Das Gesicht der jungen Frau war ebenfalls gerötet und nass, aber das kam nur vom Regen. Sie vergoss keine einzige Träne. Flüsternd fragte sie: »Was habe ich nur getan, dass du mich so hasst?«
Die Frage blieb unbeantwortet, da die ersten Streifenwagen vor das Haus fuhren, ihre roten und blauen Lichter ließen die dicken Regentropfen wie Feuerwerkskörper am 4. Juli aufblitzen. Ein Mann in den Dreißigern mit einer dunklen Windjacke und einer Dienstmarke um den Hals stieg aus dem vordersten Wagen und ging zum Haus, zwei uniformierte Beamte folgten ihm. Er nickte Beth Anne zu. »Ich bin Dan Heath, Oregon State Police.«
Die junge Frau schüttelte ihm die Hand. »Detective Beth Anne Polemus, Seattle PD.«
»Willkommen in Portland«, sagte er.
Sie zuckte mit den Achseln, nahm die Handschellen, die er ihr hinhielt, und legte sie ihrer Mutter an.
 
Taub vom kalten Regen – und dem inneren Aufruhr der Begegnung – hörte Beth Anne, wie Heath verkündete: »Elizabeth Polemus, ich verhafte Sie wegen Mordes, versuchten Mordes, Körperverletzung, bewaffneten Raubs und Hehlerei.« Er las ihr ihre Rechte vor und erklärte, dass man sie in Oregon wegen hier begangener Straftaten anklagen würde, sie habe jedoch einen Auslieferungsbefehl nach Michigan zu erwarten, wegen einer Reihe gewichtiger Haftbefehle von dort, darunter einer wegen Mordes.
Beth Anne machte dem jungen Beamten der Oregon State Police, der sie am Flughafen abgeholt hatte, ein Zeichen. Sie hatte keine Zeit für die Formalitäten gehabt, die nötig gewesen wären, damit sie ihre eigene Dienstwaffe in einen anderen Bundesstaat hätte mitnehmen dürfen, deshalb hatte der junge Mann ihr eine Waffe geliehen. Sie gab sie ihm jetzt zurück und sah zu, wie ihre Mutter durchsucht wurde.
»Kleines«, begann die Frau in weinerlichem, flehendem Ton.
Beth Anne beachtete sie nicht, und Heath nickte dem jungen uniformierten Beamten zu, der Liz Polemus daraufhin zu einem Streifenwagen führen wollte. Doch Beth Anne hielt sie auf und rief: »Warten Sie. Filzt sie gründlicher.«
Der uniformierte Polizist blinzelte und musterte die schmale, schmächtige Gefangene, die nicht gefährlicher als ein Kind wirkte. Doch nach einem Kopfnicken von Heath winkte er eine weibliche Beamtin herüber, die sie sachkundig abtastete. Die Frau runzelte die Stirn, als sie bei Liz’ Kreuz anlangte. Die Mutter sah ihre Tochter durchdringend an, als die Polizistin die marineblaue Jacke hochhob und eine kleine Tasche zum Vorschein kam, die auf die Innenseite des Kleidungsstücks genäht worden war. Sie enthielt ein kleines Springmesser und einen Dietrich für Handschellen.
»Großer Gott«, flüsterte der Beamte. Er nickte der Polizistin zu, die die Frau noch einmal durchsuchte. Es fanden sich keine weiteren Überraschungen.
»Das ist ein Trick, an den ich mich von früher erinnere«, sagte Beth Anne. »Sie nähte immer Geheimtaschen in ihre Sachen. Für Ladendiebstähle, und um Waffen zu verstecken.« Die junge Frau lachte kalt. »Nähen und Raub, das sind ihre Talente.« Das Lächeln verschwand. »Und Töten natürlich.«
»Wie konntest du das deiner Mutter antun?«, fauchte Liz bösartig. »Du Judas.«
Beth Anne sah teilnahmslos zu, wie die Frau zum Streifenwagen geführt wurde.
Heath und Beth Anne betraten das Wohnzimmer des Hauses. Die Polizeibeamtin blickte erneut über die gestohlenen Güter im Wert von Hunderttausenden von Dollar, die den Bungalow füllten, während Heath sagte: »Danke, Detective. Ich weiß, das war nicht leicht für Sie. Aber wir wollten sie unbedingt schnappen, ohne dass jemand zu Schaden kommt.«
Die Festnahme von Liz Polemus hätte in der Tat in einem Blutbad enden können. Es war schon passiert. Vor mehreren Jahren, als Beth Annes Mutter und ihr Geliebter Brad Selbit einen Juwelierladen in Ann Arbor überfallen wollten, war Liz vom Wachmann überrascht worden. Er hatte ihr in den Arm geschossen. Das hatte sie aber nicht davon abgehalten, die Pistole in die andere Hand zu nehmen und den Mann sowie einen Kunden zu töten und später noch einen der herbeigeeilten Polizisten zu erschießen. Sie war entkommen, hatte Michigan verlassen und war nach Portland gezogen, wo sie und Brad ihre Tätigkeit wieder aufnahmen. Die beiden waren bei dem geblieben, was sie besonders gut konnten – Schmuckläden und Boutiquen mit Designerkleidung zu überfallen. Liz nutzte ihre Fertigkeiten als Näherin, um Letztere zu ändern und dann an Hehler in anderen Bundesstaaten zu verkaufen.
Ein Informant hatte der Oregon State Police verraten, dass Liz Polemus hinter einer Serie von Raubüberfällen der letzten Zeit im Nordwesten steckte und unter einem falschen Namen hier in einem Bungalow wohnte. Die Detectives der OSP, die den Fall bearbeiteten, hatten erfahren, dass Liz’ Tochter eine Kollegin bei der Polizei von Seattle war, und Beth Anne per Hubschrauber zum Flughafen von Portland gebracht. Sie war allein hier herausgefahren, um ihre Mutter zu einer friedlichen Kapitulation zu bringen.
»Sie stand in zwei Bundesstaaten auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher. Und ich habe gehört, dass sie sich in Kalifornien ebenfalls schon einen Namen gemacht hat. Wenn man sich das vorstellt – die eigene Mutter...« Heath brach ab, da er fürchtete, seine Bemerkung könnte taktlos sein.
Aber Beth Anne kümmerte es nicht. »Das war meine Kindheit«, grübelte sie. »Bewaffneter Raub, Einbruch, Geldwäsche... Mein Vater besaß ein Lagerhaus, wo er das Zeug an Hehler verkaufte. Das Lagerhaus war ihre Tarnung – er hatte es von seinem Vater geerbt. Der, nebenbei bemerkt, ebenfalls in der Branche war.«
»Ihr Großvater
Sie nickte. »Dieses Lagerhaus... ich sehe es noch deutlich vor mir. Ich rieche es, spüre die Kälte. Dabei war ich nur einmal dort, ich muss etwa acht gewesen sein. Es war voller gestohlener Waren. Mein Vater ließ mich ein paar Minuten allein im Büro, und ich spähte aus der Tür und sah, wie er und einer seiner Kumpel diesen Kerl halbtot prügelten.«
»Klingt nicht, als hätten sie versucht, irgendetwas groß vor Ihnen geheim zu halten.«
»Geheim? Herrgott nein, sie taten alles, um mich in ihr Geschäft hineinzuziehen. Mein Vater hatte diese ›besonderen Spiele‹, wie er sie nannte. Ich sollte in die Häuser von Freunden gehen und auskundschaften, ob sie Wertsachen besaßen und, wenn ja, wo. Oder in der Schule nach Fernsehern und Videorekordern Ausschau halten und ihm Bescheid geben, wo sie aufbewahrt wurden und welche Schlösser es an den Türen gab.«
Heath schüttelte verwundert den Kopf. »Aber Sie selbst kamen nie mit dem Gesetz in Konflikt?«
Sie lachte. »Doch, einmal – ich wurde wegen Ladendiebstahls geschnappt.«
Heath nickte. »Ich hab mal eine Schachtel Zigaretten geklaut, als ich vierzehn war. Ich spür den Gürtel meines Vaters auf meinem Hintern noch heute.«
»Nein, nein«, sagte Beth Anne. »Ich wurde geschnappt, als ich ein paar Sachen zurückbringen wollte, die meine Mutter gestohlen hatte.«
»Wie bitte?«
»Sie hatte mich als Tarnung mit in den Laden genommen. Mutter und Tochter sind unverdächtiger als eine Frau allein, Sie verstehen. Ich habe gesehen, wie sie ein paar Uhren und ein Halsband einsteckte. Daheim packte ich die Ware dann in eine Tüte und brachte sie zum Laden zurück. Der Kaufhausdetektiv hat mich entdeckt – ich sah wahrscheinlich sehr schuldbewusst aus – und mich festgenagelt, bevor ich etwas zurücklegen konnte. Ich musste die Sache ausbaden. Ich meine, ich konnte meine Eltern ja nicht verpetzen, oder...? Meine Mutter war so wütend... Die beiden konnten sich ehrlich nicht erklären, wieso ich nicht in ihre Fußstapfen treten wollte.«
»Sie sollten zu einem Psychologen oder so jemandem gehen.«
»War ich. Bin ich immer noch.«
Sie nickte, während Erinnerungen zurückfluteten. »Seit ich dreizehn, vierzehn war, versuchte ich, möglichst wenig zu Hause zu sein. Ich nahm an allen Nachmittagsangeboten der Schule teil. Machte an den Wochenenden freiwillig Dienst im Krankenhaus. Meine Freunde halfen mir. Sie waren einfach toll... Ich habe sie wahrscheinlich ausgesucht, weil sie um hundertachtzig Grad anders waren als die kriminellen Spezis meiner Eltern. Ich hing mit dem Debattierclub herum, mit den Lateinern, mit jedem, der anständig und normal war. Ich war keine großartige Schülerin, aber ich verbrachte so viel Zeit in der Bibliothek oder lernte bei Freunden, dass ich ein Vollstipendium bekam und es durchs College schaffte.«
»Wo waren Sie?«
»Ann Arbor. Strafrechtspflege. Ich machte das Examen für den öffentlichen Dienst und bekam eine Stelle bei der Polizei von Detroit. Hab dort eine Weile gearbeitet. Drogen, hauptsächlich. Dann bin ich hierher gezogen und zur Polizei von Seattle gegangen.«
»Und Sie haben Ihre goldenen Schulterklappen. Sie sind schnell Detective geworden.« Heath blickte sich um. »Sie hat hier allein gewohnt? Wo ist Ihr Vater?«
»Tot«, sagte Beth Anne nüchtern. »Sie hat ihn umgebracht.«
»Was?«
»Warten Sie, bis Sie den Auslieferungsbefehl aus Michigan lesen. Damals wusste es natürlich niemand. Im Bericht des Coroners ist von einem Unfall die Rede. Aber vor ein paar Monaten hat dieser Kerl in einem Gefängnis in Michigan gestanden, dass er ihr geholfen hat. Mutter hatte herausgefunden, dass mein Vater Geld aus ihren Unternehmungen heimlich für sich behielt und es mit einer Freundin ausgab. Sie heuerte diesen Typen an, damit er ihn tötete und es aussehen ließ, als wäre er bei einem Unfall ertrunken.«
»Das tut mir leid, Detective.«
Beth Anne zuckte die Achseln. »Ich habe mich immer gefragt, ob ich ihnen vergeben könnte. Ich weiß noch, einmal, als ich noch im Drogendezernat in Detroit arbeitete, da hatte ich gerade eine große Razzia draußen auf der Sixth Mile geleitet. Eine Menge Stoff konfisziert. Ich war auf dem Weg, das Zeug in die Asservatenkammer im Revier zu bringen, als ich plötzlich bemerkte, dass ich an dem Friedhof vorbeifuhr, auf dem mein Vater begraben lag. Ich war nie dort gewesen. Ich hielt an, ging zum Grab und versuchte, ihm zu vergeben. Aber ich konnte es nicht. Damals wurde mir klar, dass ich es nie können würde – weder ihm noch meiner Mutter. Und ich beschloss, dass ich Michigan verlassen musste.«
»Hat Ihre Mutter noch einmal geheiratet?«
»Sie hat sich vor ein paar Jahren mit Selbit zusammengetan, aber sie hat ihn nie geheiratet. Haben Sie ihn schon geschnappt?«
»Nein. Er muss irgendwo hier sein, aber er ist abgetaucht.«
Beth Anne nickte in Richtung Telefon. »Mutter hat vorhin versucht, nach dem Telefon zu greifen. Vielleicht wollte sie ihn warnen. Ich würde die Verbindungen überprüfen, das könnte Sie zu ihm führen.«
»Gute Idee, Detective. Ich lasse mir heute noch einen richterlichen Beschluss geben.«
Beth Anne starrte in den Regen hinaus, in die Richtung, wo der Einsatzwagen mit ihrer Mutter vor ein paar Minuten verschwunden war. »Das Verrückte dabei war, dass sie überzeugt war, richtig zu handeln, wenn sie mich in ihre kriminellen Geschäfte zu ziehen versuchte. Kriminell zu sein war ihre Natur; sie dachte, es wäre auch meine. Sie und Dad waren von Geburt an schlecht. Sie konnten sich nicht vorstellen, wieso ich gut zur Welt kam und mich nicht ändern wollte.«
»Haben Sie Familie?«, fragte Heath.
»Mein Mann ist Sergeant beim Dezernat für Jugendkriminalität.« Dann lächelte Beth Anne. »Und wir erwarten unser erstes Kind.«
»Hey, wie schön.«
»Ich arbeite noch bis Juni. Dann nehme ich mir ein paar Jahre Auszeit, um nur Mutter zu sein.« Sie fühlte das Bedürfnis, anzufügen: »Denn Kinder kommen vor allem anderen.« Aber unter den gegebenen Umständen musste sie sich wohl nicht genauer erklären.
»Die Spurensicherung wird das Haus versiegeln«, sagte Heath. »Aber wenn Sie sich noch umsehen wollen, können Sie es gern tun. Vielleicht gibt es Bilder oder etwas, das Sie haben wollen. Niemand hätte etwas dagegen, wenn Sie ein paar persönliche Dinge mitnehmen.«
Beth Anne tippte sich an den Kopf. »Ich habe mehr Erinnerungsstücke da drin, als ich brauchen kann.«
»Verstehe.«
Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu und streifte sich die Kapuze über. Dann lachte sie noch einmal auf.
Heath sah sie fragend an.
»Wissen Sie, was meine früheste Erinnerung ist?«, fragte sie.
»Was?«
»Es war in der Küche des ersten Hauses meiner Eltern außerhalb von Detroit. Ich saß am Tisch, ich muss drei gewesen sein. Meine Mutter hat mir vorgesungen.«
»Gesungen? Wie eine richtige Mutter?«
»Ich weiß nicht, was für ein Lied es war. Ich erinnere mich nur, dass sie gesungen hat, um mich abzulenken. Damit ich nicht mit den Sachen spielte, mit denen sie am Tisch arbeitete.«
»Was tat sie – nähen?« Heath wies mit einem Kopfnicken zu dem Raum, der eine Nähmaschine und Gestelle mit gestohlener Kleidung enthielt.
»Nein«, antwortete Beth Anne. »Sie füllte Munition nach.«
»Im Ernst?«
Sie nickte. »Als ich älter war, begriff ich, was sie da immer machte. Meine Eltern hatten damals nicht viel Geld, und sie kauften leere Patronenhülsen auf Waffenmärkten und füllten sie neu. Ich weiß nur noch, dass die Kugeln glänzten und ich damit spielen wollte. Sie sagte, wenn ich sie nicht anrühre, singt sie mir etwas vor.«
Diese Geschichte brachte die Unterhaltung zum Stillstand. Die beiden Beamten lauschten dem Regen, der aufs Dach fiel.
Von Geburt an schlecht...
»Also gut«, sagte Beth Anne schließlich. »Ich mache mich auf den Heimweg.«
Heath brachte sie nach draußen, und sie verabschiedeten sich. Beth Anne ließ den Mietwagen an und fuhr über den morastigen, kurvenreichen Weg in Richtung Staatsstraße.
Plötzlich tauchte von irgendwoher aus den Tiefen ihrer Erinnerung eine Melodie auf. Sie summte ein paar Takte laut mit, brachte sie aber nicht unter. Die Melodie löste eine nicht greifbare Beunruhigung aus. Deshalb schaltete sie das Radio an und fand einen Hitsender aus Portland. Sie drehte die Lautstärke auf und hämmerte zum Takt der Musik auf das Lenkrad, während sie nach Norden in Richtung Flughafen fuhr.