Das schwarze Schaf
Schlafe, mein Kind, und Friede begleite
dich durch die Nacht...
Die Worte des Schlaflieds gingen ihr endlos im
Kopf herum, so hartnäckig wie der prasselnde Regen Oregons auf dem
Dach und an den Fenstern.
Das Lied, das sie Beth Anne vorgesungen hatte, als
das Mädchen drei oder vier Jahre alt gewesen war, setzte sich in
ihrem Kopf fest und hörte nicht auf, nachzuhallen. Vor
fünfundzwanzig Jahren hatten sie beide, Mutter und Tochter, in der
Küche ihres Zuhauses vor den Toren Detroits gesessen. Liz Polemus,
über den Resopaltisch gebeugt, die sparsame junge Mutter und
Ehefrau, die hart arbeitete, damit das Geld reichte.
Sie hatte ihrer Tochter vorgesungen, die ihr
gegenübersaß und fasziniert die geschickten Hände der Frau
beobachtete.
Meine Liebe wird dich durch die Nacht
begleiten, Wenn Berg und Tal in sanftem Schlummer
liegen...
Liz spürte einen Krampf im rechten Arm – in dem
Arm, der nie richtig verheilt war – und nahm wahr, dass sie, nach
der Nachricht, die sie gerade erhalten hatte, den Telefonhörer
weiter fest umklammert hielt: Ihre Tochter war auf dem Weg zu ihrem
Haus.
Die Tochter, mit der sie seit über drei Jahren
nicht mehr gesprochen hatte.
... halt ich liebevolle Wacht, durch
die ganze lange Nacht.
Liz legte das Telefon schließlich nieder und
fühlte das Blut in den Arm strömen, es juckte und brannte. Sie
streckte sich auf die bestickte Couch, die seit vielen Jahren im
Besitz der Familie war, und massierte den pochenden Unterarm. Sie
war benommen, verwirrt, als wüsste sie nicht genau, ob der Anruf
Realität gewesen war oder nur ein verschwommener Eindruck aus einem
Traum.
Nur dass die Frau sich nicht im Frieden des Schlafs
verlor. Nein, Beth Anne war auf dem Weg. In einer halben Stunde
würde sie an die Tür klopfen.
Draußen fiel der Regen weiter gleichmäßig auf die
Kiefern in Liz’ Garten. Sie wohnte seit fast einem Jahr in diesem
Haus, einem Häuschen eher, Meilen von der nächsten Wohnsiedlung
entfernt. Die meisten Leute hätten es zu klein gefunden, zu
abgelegen. Aber für Liz war es eine Oase. Die schlanke Witwe in den
Fünfzigern hatte viel zu tun und wenig Zeit, sich um den Haushalt
zu kümmern. Hier war schnell saubergemacht, und dann konnte sie an
ihre Arbeit zurückgehen. Und auch wenn sie schwerlich eine
Einsiedlerin war, genoss sie die Pufferzone aus Wald, die sie von
ihren Nachbarn trennte. Die winzige Größe des Heims verhinderte
auch, dass etwa männliche Freunde auf die Idee verfielen, bei ihr
einzuziehen. Sie bräuchte nur den Blick durch das Haus wandern zu
lassen, in dem es nur ein Schlafzimmer gab, und erklären, zwei
Leute würden in dieser Enge wahnsinnig werden. Nach dem Tod ihres
Mannes hatte sie beschlossen, nie mehr zu heiraten oder mit einem
anderen Mann zusammenzuleben.
Ihre Gedanken gingen nun zu Jim. Ihre Tochter war
von zu Hause ausgezogen und hatte jeden Kontakt mit der Familie
abgebrochen, bevor er gestorben war. Es hatte Liz immer geschmerzt,
dass das Kind nicht einmal nach seinem Tod angerufen, geschweige
denn an seinem Begräbnis teilgenommen hatte. Zorn über dieses
Beispiel für die Gefühllosigkeit ihrer Tochter brandete in Liz auf,
aber sie schob ihn beiseite. Egal was die junge Frau heute Abend
hier bezweckte, es würde nicht genügend Zeit sein, auch nur einen
Bruchteil der schmerzlichen Erinnerungen auszugraben, die wie
Trümmer eines Flugzeugabsturzes zwischen Mutter und Tochter
lagen.
Ein Blick auf die Uhr. Fast zehn Minuten waren seit
dem Anruf bereits verstrichen, wie Liz erschrocken
feststellte.
Mit einem Gefühl der Beklemmung ging sie in ihr
Nähzimmer. Dieser größte Raum des Hauses war mit Näharbeiten von
ihr selbst und ihrer Mutter und mit einem Dutzend Gestellen für
Zwirnspulen geschmückt – manche gingen bis auf die Fünfziger- und
Sechzigerjahre zurück. Jeder Farbton in Gottes Palette war in
diesen Fäden vertreten. Kartons voller Muster aus Vogue und
Butterick ebenfalls. Das Herzstück des Zimmers war eine alte,
elektrische Singer. Sie besaß nicht die tollen Stichkameras neuer
Maschinen, keine Lichter, komplizierte Anzeigen oder Knöpfe. Die
Maschine war ein vierzig Jahre altes, schwarz emailliertes
Arbeitspferd, identisch mit der, die ihre Mutter benutzt
hatte.
Liz hatte genäht, seit sie zwölf war, und in
schwierigen Zeiten ernährte sie das Handwerk. Sie liebte alles
daran: Den Stoff zu kaufen – das dumpfe Klatschen, wenn die
Verkäuferin die flachen Ballen umdrehte und das richtige Maß
abspulte (Liz konnte den Frauen immer mit fast perfekter
Genauigkeit sagen, wann eine bestimmte Menge abgewickelt war). Das
knisternde, durchsichtige Papier auf den Stoff zu heften. Das
Schneiden mit der schweren Zickzackschere, die einen gezackten Rand
im Gewebe hinterließ. Die Maschine bereitzumachen, die Spule
aufzuziehen, das Garn in die Nadel zu fädeln …
Nähen hatte etwas so vollkommen Beruhigendes an
sich: Diese Substanzen – Baumwolle vom Feld, Wolle von Tieren – zu
nehmen und sie in etwas ganz Neues zu verwandeln. Das Schlimmste an
der Verletzung vor ein paar Jahren war die Beschädigung des rechten
Arms gewesen, die sie drei unerträgliche Monate lang von der Singer
ferngehalten hatte.
Nähen war aber nicht nur von therapeutischem Wert
für Liz, es war mehr. Es gehörte zu ihrem Beruf und hatte dazu
beigetragen, dass sie eine wohlhabende Frau war; Gestelle voller
Designerkleidung warteten ein Stück entfernt auf ihre geschickten
Hände.
Ihr Blick ging zur Uhr. Fünfzehn Minuten. Erneutes
Aufwallen von Panik.
Sie hatte den Tag vor fünfundzwanzig Jahren so klar
vor Augen – Beth Anne, die in ihrem Pyjama an dem wackligen
Küchentisch saß und fasziniert die flinken Finger ihrer Mutter
beobachtete, während Liz ihr vorsang.
Schlafe mein Kindchen...
Die Erinnerung rief zahllose andere wach, und die
Aufregung stieg in Liz’ Herz wie der Wasserpegel in dem vom Regen
angeschwollenen Bach hinter ihrem Haus. So, befahl sie sich nun mit
Nachdruck, sitz nicht einfach hier herum... Tu etwas. Arbeite
weiter. Sie suchte eine marineblaue Jacke aus ihrem Schrank, ging
zum Nähtisch und wühlte in einem Korb, bis sie einen passenden
Wollrest gefunden hatte. Aus dem würde sie eine Tasche für das
Kleidungsstück fertigen. Liz machte sich ans Werk, strich den Stoff
glatt, markierte ihn mit Schneiderkreide, griff zur Schere, schnitt
vorsichtig. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, aber es
reichte nicht aus, um ihre Gedanken von dem bevorstehenden Besuch
abzulenken – und von jahrealten Erinnerungen.
Die Sache mit dem Ladendiebstahl zum Beispiel. Als
das Mädchen zwölf gewesen war.
Liz erinnerte sich, wie das Telefon geläutet hatte,
und als sie sich meldete, hatte der Chefdetektiv eines nahen
Kaufhauses zu ihrem und Jims Entsetzen berichtet, dass man Beth
Anne mit Schmuck im Wert von fast tausend Dollar, versteckt in
einer Papiertüte, erwischt hatte.
Die Eltern hatten den Mann angefleht, keine Anzeige
zu erstatten. Sie hatten gesagt, da müsse ein Irrtum
vorliegen.
»Nun ja«, hatte der Kaufhausdetektiv skeptisch
gesagt, »wir haben sie mit fünf Uhren angetroffen. Und einer
Halskette dazu. Ich meine, das hört sich für mich nicht nach einem
Irrtum an.«
Nach vielen Versicherungen, es handle sich nur um
einen Streich, und sie werde den Laden nie wieder betreten, hatte
sich der Mann schließlich bereit erklärt, die Polizei aus dem Spiel
zu lassen.
Vor dem Laden, als die Familie allein war, hatte
sich Liz wütend an Beth Anne gewandt. »Warum um alles in der Welt
hast du das getan?«
»Warum nicht?«, antwortete das Mädchen in seinem
Singsang und grinste höhnisch dazu.
»Es war dumm.«
»Als wenn mir das nicht egal wäre.«
»Beth Anne... wieso benimmst du dich so?«
»Wie denn?«, hatte das Mädchen in gespielter
Verwirrung gefragt.
Ihre Mutter hatte das Gespräch mit ihr gesucht – so
wie die Psychologen in den Talkshows immer sagten, dass man es mit
Kindern tun solle – aber Beth Anne blieb weiter gelangweilt und
zerstreut. Liz hatte eine vage und offenbar fruchtlose Warnung
ausgesprochen und die Sache aufgegeben.
Jetzt dachte sie: Man investiert ein gewisses Maß
an Bemühung in das Nähen einer Jacke oder eines Kleids und erhält
das erwartete Kleidungsstück. Aber man investiert tausend Mal mehr
Mühe in die Erziehung eines Kindes, und das Ergebnis ist das
Gegenteil von dem, was man sich erhofft und erträumt hat. Es
erschien ihr sehr ungerecht.
Liz’ scharfe graue Augen prüften die Wolljacke,
vergewisserten sich, dass die Tasche flach anlag und in der
richtigen Position angeheftet war. Sie hielt inne, blickte auf und
schaute aus dem Fenster auf die schwarzen Spitzen der Kiefern, aber
was sie in Wirklichkeit sah, waren weitere schwer erträgliche
Erinnerungen an Beth Anne. Was für ein Schandmaul die Kleine
gewesen war! Sie hatte ihrer Mutter oder ihrem Vater in die Augen
gesehen und gesagt: »Das könnt ihr euch aber komplett abschminken,
dass ich mit euch komme.« Oder: »Habt ihr überhaupt eine Ahnung von
irgendwas?«
Vielleicht hätten sie in ihrer Erziehung strenger
sein sollen. In Liz’ Familie war man verdroschen worden, wenn man
fluchte, Erwachsenen widersprach oder nicht tat, was die Eltern von
einem verlangten. Sie und Jim hatten Beth Anne nie geschlagen;
vielleicht hätten sie ihr ab und an eine Ohrfeige verpassen
sollen.
Einmal hatte sich jemand im Familienunternehmen –
einem Lagerhaus, das Jim geerbt hatte – krankgemeldet, und er
brauchte Beth Anne als Aushilfe. »Eher sterbe ich, als dass ich
noch mal mit dir in dieses Scheißloch gehe«, hatte sie ihn
angefahren.
Ihr Vater hatte sich eingeschüchtert zurückgezogen,
aber Liz war auf ihre Tochter losgegangen: »Sprich nicht so mit
deinem Vater!«
»Ach?«, hatte das Mädchen in sarkastischem Tonfall
gefragt. »Wie soll ich denn mit ihm sprechen? Wie eine
gehorsame kleine Tochter, die alles tut, was er verlangt? Das war
vielleicht das, was er sich gewünscht hat, aber es ist nicht das,
was er bekommt.« Dann hatte sie nach ihrer Handtasche gegriffen und
war zur Tür gegangen.
»Wohin willst du?«
»Freunde treffen.«
»Das wirst du nicht. Komm auf der Stelle
zurück!«
Zur Antwort schlug sie die Tür zu. Jim wollte ihr
nachgehen, aber schon war sie fort und knirschte durch den zwei
Monate alten Schnee von Michigan.
Und diese »Freunde« …
Trish und Eric und Sean... Kinder aus Familien mit
vollkommen anderen Wertvorstellungen als Liz und Jim. Sie
versuchten ihr zu verbieten, sich mit ihnen zu treffen. Aber das
nützte natürlich nichts.
»Schreibt mir nicht vor, mit wem ich meine Zeit
verbringe«, hatte Beth Anne wütend gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war
das Mädchen achtzehn gewesen und so groß wie ihre Mutter. Als sie
mit finsterem Blick auf sie zutrat, war ihre Mutter ängstlich
zurückgewichen. »Und was wisst ihr überhaupt von ihnen?«, hatte das
Mädchen gefragt.
»Sie mögen deinen Vater und mich nicht – das ist
alles, was ich wissen muss. Was hast du gegen die Kinder von Todd
und Joan? Oder die von Brad? Dein Vater und ich kennen sie seit
Jahren.«
»Was ich gegen sie habe?«, murmelte das Mädchen.
»Wie wär’s damit, dass sie komplette Loser sind?« Diesmal schnappte
sie sich Handtasche und Zigaretten, die sie mittlerweile rauchte,
und legte einen neuerlichen dramatischen Abgang hin.
Liz trat mit dem rechten Fuß auf das Pedal der
Singer, und der Motor ließ sein charakteristisches Mahlgeräusch
hören, ehe das klatta, klatta, klatta ertönte, mit dem die
Nadel auf und ab sauste, im Stoff verschwand und eine saubere Reihe
Stiche um die Tasche herum zurückließ.
Klatta, klatta, klatta …
In der Mittelstufe kam das Mädchen nie vor sieben
oder acht nach Hause und in der High School noch viel später.
Manchmal blieb es die ganze Nacht fort. Auch an den Wochenenden
verschwand es einfach und gab sich nicht mit der Familie ab.
Klatta, klatta, klatta. Das rhythmische
Mahlen der Singer beruhigte Liz ein wenig, bewahrte sie aber nicht
vor neuer Panik, als sie auf die Uhr sah. Ihre Tochter konnte jede
Minute hier sein.
Ihr Mädchen, ihr kleines Baby …
Schlafe mein Kindchen...
Und die Frage, die Liz seit Jahren quälte, kehrte
nun wieder: Was war falsch gelaufen? Stunden um Stunden hatte sie
die frühen Jahre der Kleinen durchgespielt und zu verstehen
versucht, womit sie sich diese totale Ablehnung seitens Beth Annes
verdient hatte. Sie war eine aufmerksame und teilnahmsvolle Mutter
gewesen, konsequent und gerecht, hatte täglich für die Familie
gekocht, die Kleidung des Mädchens gewaschen und gebügelt, ihm
alles gekauft, was es brauchte. Das Einzige, was sie sich denken
konnte, war, dass sie zu energisch, zu unnachgiebig in ihrer
Erziehungsmethode gewesen war, zu streng manchmal.
Aber das war ja wohl kaum ein Verbrechen. Abgesehen
davon war Beth Anne gleichermaßen wütend auf ihren Vater gewesen –
den Softie der beiden Eltern. Ausgeglichen und so vernarrt in die
Kleine, dass er sie fast schon verzog, war Jim der perfekte Vater
gewesen. Er hatte Beth Anne und ihren Freunden bei den Hausaufgaben
geholfen, hatte sie selbst in die Schule gefahren, wenn Liz
arbeitete, hatte ihr Gutenachtgeschichten vorgelesen und sie ins
Bett gebracht. Er hatte sich »besondere Spiele« für sich und Beth
Anne ausgedacht. Es war genau die Art elterliches Band, das die
meisten Kinder lieben würden.
Aber das Mädchen bekam auch ihm gegenüber
Tobsuchtsanfälle und unternahm alles, um keine Zeit mit ihm
verbringen zu müssen.
Nein, Liz fielen keine düsteren Ereignisse aus der
Vergangenheit ein, keine traumatischen Erlebnisse oder Tragödien,
die Beth Anne hätten abtrünnig werden lassen. Sie gelangte wieder
zu dem Schluss, zu dem sie schon vor Jahren gekommen war: Dass ihre
Tochter – so ungerecht und grausam es erscheinen mochte – einfach
von Geburt an fundamental anders als Liz gewesen war; irgendetwas
in ihrem Schaltplan hatte das Mädchen zu der Rebellin werden
lassen, die es war.
Und während Liz den Stoff unter ihren langen,
weichen Fingern glatt strich, überlegte sie noch etwas anderes:
Rebellisch, ja, aber stellte sie auch eine Gefahr dar?
Liz gestand sich nun ein, dass das Unbehagen, das
sie heute Abend spürte, nicht nur von der bevorstehenden Begegnung
mit ihrem widerspenstigen Kind rührte; die junge Frau machte ihr
auch Angst.
Sie sah von ihrer Jacke auf und starrte in den
Regen, der an ihr Fenster klatschte. Ihr rechter Arm kribbelte
schmerzhaft, und sie dachte an jenen schrecklichen Tag vor mehreren
Jahren zurück – den Tag, der sie für alle Zeit aus Detroit verjagt
hatte und der immer noch Albträume auslöste. Liz hatte ein
Schmuckgeschäft betreten, wo zu ihrem atemlosen Entsetzen eine
Pistole auf sie gerichtet wurde. Sie sah immer noch den gelben
Blitz vor sich, als der Mann abdrückte, hörte den ohrenbetäubenden
Knall, spürte den dumpfen Schlag, mit dem die Kugel in ihren Arm
drang und sie vor Schmerz und Überraschung schreiend auf den
Fliesenboden stürzen ließ.
Natürlich hatte ihre Tochter mit diesem Unglück
nichts zu tun gehabt. Doch Liz war klar geworden, dass Beth Anne
ebenso bereit und fähig wäre, abzudrücken, wie es jener Mann bei
dem Raubüberfall gewesen war; sie hatte den Beweis dafür, dass ihre
Tochter eine gefährliche Frau war, ja mit eigenen Augen gesehen.
Vor ein paar Jahren, nachdem Beth Anne von zu Hause ausgezogen war,
hatte Liz Jims Grab besucht. An dem Tag lag ein Nebel wie Watte
über dem Friedhofsgelände, und sie war fast an dem Grabstein
angekommen, als sie bemerkte, dass jemand davor stand. Zu ihrem
Schreck erkannte sie Beth Anne. Liz wich mit klopfendem Herzen in
den Dunst zurück. Sie rang lange mit sich, brachte jedoch letztlich
nicht den Mut auf, dem Mädchen entgegenzutreten, und beschloss,
eine Nachricht an der Windschutzscheibe ihres Wagens zu
hinterlassen.
Aber als sie an den Chevy trat und in ihrer
Handtasche nach Kugelschreiber und Papier kramte, fiel ihr Blick
ins Wageninnere, und ihr Herz erbebte bei dem Anblick: eine Jacke,
ein Wirrwarr von Papieren und halb darunter versteckt eine Pistole
und einige Plastiktütchen, die ein weißes Pulver enthielten –
Drogen, wie Liz annahm.
O ja, dachte sie nun, ihre Tochter, die kleine Beth
Anne, war sehr wohl fähig zu töten.
Liz nahm den Fuß vom Pedal, und die Singer
verstummte. Sie öffnete die Klammer und schnitt die
herunterhängenden Fäden ab. Dann zog sie die Jacke an und steckte
ein paar Dinge in die Taschen, betrachtete sich prüfend im Spiegel
und befand, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden war.
Sie starrte ihr matt beleuchtetes Spiegelbild an.
Verschwinde! sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie ist
eine Gefahr! Hau ab, bevor Beth Anne eintrifft.
Aber nach einem Moment des inneren Zwiespalts
seufzte Liz. Sie war unter anderem überhaupt nur deshalb
hierhergezogen, weil sie erfahren hatte, dass ihre Tochter im
Nordwesten eine neue Heimat gefunden hatte. Liz hatte sich immer
vorgenommen, das Mädchen zu suchen, hatte jedoch feststellen
müssen, dass es ihr seltsam widerstrebte. Nein, sie würde bleiben,
sie würde sich mit Beth Anne treffen. Aber sie würde nicht dumm
sein, nicht nach dem Raubüberfall. Liz hängte die Jacke nun an
einen Kleiderbügel und ging zum Schrank. Sie zog eine Schachtel aus
dem obersten Fach und schaute hinein. Da lag eine kleine Pistole.
Eine »Damenpistole«, hatte Jim gesagt, als er sie ihr vor Jahren
geschenkt hatte. Sie nahm sie heraus und betrachtete sie.
Schlafe mein Kindchen... Die ganze
Nacht.
Dann schauderte sie angeekelt. Nein, sie konnte
unmöglich eine Waffe gegen ihre eigene Tochter einsetzen.
Ausgeschlossen.
Die Vorstellung, das Mädchen in den ewigen Schlaf
zu versetzen, war undenkbar.
Und doch... Was, wenn sie zwischen ihrem Leben und
dem ihrer Tochter wählen musste? Wenn der Hass des Mädchens keine
Grenzen mehr kannte?
Konnte sie Beth Anne töten, um ihr eigenes Leben zu
retten?
Keine Mutter sollte je eine solche Wahl treffen
müssen.
Sie zögerte lange und wollte die Pistole gerade
zurücklegen, als ein Lichtstrahl sie innehalten ließ.
Scheinwerferlicht erfüllte den Hof vor dem Haus und projizierte
hellgelbe Katzenaugen auf die Wände des Nähzimmers.
Die Frau warf noch einen Blick auf die Waffe, und
anstatt sie wieder im Schrank zu verstauen, legte sie sie auf eine
Kommode neben der Tür und breitete ein Zierdeckchen darüber. Dann
ging sie ins Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster auf das Auto,
das bewegungslos in ihrer Einfahrt stand. Die Scheinwerfer brannten
noch, die Scheibenwischer gingen hin und her. Ihre Tochter zögerte
auszusteigen, und Liz nahm an, es war nicht das Wetter, das sie im
Wagen bleiben ließ.
Nach einem endlos langen Augenblick gingen die
Scheinwerfer aus.
Denk positiv, sagte sich Liz. Vielleicht hatte sich
ihre Tochter geändert. Vielleicht ging es bei ihrem Besuch darum,
dass sie die Hand ausstrecken und Wiedergutmachung für all den
Verrat über die Jahre leisten wollte. Dann konnten sie endlich
beginnen, an einer normalen Beziehung zu arbeiten.
Dennoch ging ihr Blick zurück zum Nähzimmer, wo die
Pistole auf der Kommode lag, und sie sagte sich: Nimm sie. Steck
sie in deine Tasche.
Dann: Nein, leg sie zurück in den Schrank.
Liz tat keins von beidem. Sie ließ die Waffe auf
der Kommode liegen, dann ging sie zur Haustür und öffnete sie.
Kalter Sprühnebel bedeckte ihr Gesicht.
Sie wich zurück, als sich die Silhouette der
schlanken, jungen Frau näherte. Beth Anne ging durch die Tür und
blieb stehen. Nach kurzem Zögern schloss sie die Tür hinter
sich.
Liz blieb in der Mitte des Wohnzimmers und presste
nervös die Hände zusammen.
Beth Anne schlug die Kapuze ihrer Windjacke zurück
und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Das Gesicht der jungen
Frau war wettergegerbt, rötlich. Sie trug kein Make-up. Sie war
achtundzwanzig, wie Liz einfiel, aber sie sah älter aus. Das Haar
trug sie nun kurz, es ließ winzige Ohrringe sehen. Aus irgendeinem
Grund fragte sich Liz, ob jemand sie dem Mädchen geschenkt oder ob
es sie selbst gekauft hatte.
»Hallo, Kleines.«
»Mutter.«
Ein Zögern, dann ein kurzes, humorloses Lachen von
Liz. »Früher hast du mich Mom genannt.«
»Ja?«
»Ja. Erinnerst du dich nicht mehr?«
Ein Kopfschütteln. Liz glaubte aber, dass sie sich
sehr wohl erinnerte und es nur nicht zugeben wollte. Sie musterte
ihre Tochter sehr sorgfältig.
Beth Anne sah sich in dem kleinen Wohnzimmer um.
Ihr Blick fiel auf ein Foto von ihr selbst und ihrem Vater – sie
standen auf der Bootsanlegestelle beim Haus der Familie in
Michigan.
»Als du angerufen hast, sagtest du, jemand habe dir
erzählt, dass ich hier wohne«, erkundigte sich Liz. »Wer war
das?«
»Das spielt keine Rolle. Irgendwer einfach. Du
wohnst hier seit...« Sie sprach nicht zu Ende.
»... ein paar Jahren. Willst du einen Drink?«
»Nein.«
Liz erinnerte sich, dass sie das Mädchen dabei
erwischt hatte, wie es mit sechzehn ein paar Bier stibitzte.
Vielleicht hatte Beth Anne weiter getrunken und nun mit einem
Alkoholproblem zu kämpfen.
»Dann Tee? Kaffee?«
»Nein.« Kurzes Schweigen.
»Du wusstest, dass ich in den Nordwesten gezogen
bin?«, fragte Beth Anne.
»Du hast immer von dieser Gegend gesprochen, dass
du weg wolltest von... na ja, dass du aus Michigan raus wolltest.
Nachdem du ausgezogen warst, kam dann Post für dich bei mir an. Von
jemandem aus Seattle.«
Beth Anne nickte. Hatte sie auch leicht das Gesicht
verzogen? Als ärgerte sie sich, weil sie unvorsichtigerweise einen
Hinweis auf ihren Aufenthaltsort übersehen hatte? »Und du bist nach
Portland gezogen, um in meiner Nähe zu sein?«
Liz lächelte. »Ich denke schon. Ich fing an, nach
dir zu suchen, aber dann verließ mich der Mut.« Liz fühlte Tränen
in den Augen aufsteigen, während ihre Tochter weiter den Raum
inspizierte. Das Haus war klein, sicher, aber Möbel, Elektrogeräte
und sonstige Einrichtung waren nur vom Besten – der Lohn für Liz’
harte Arbeit in den letzten Jahren. Zwei Empfindungen stritten in
der Seele der Frau: Halb hoffte sie, das Mädchen würde versucht
sein, die Verbindung zu seiner Mutter wieder aufzunehmen, wenn es
sah, wie viel Geld Liz hatte, aber gleichzeitig schämte sie sich
für all den Überfluss. Die Kleidung und der billige Modeschmuck
ihrer Tochter ließen vermuten, dass sie mit Mühe über die Runden
kam.
Das Schweigen war wie Feuer. Es versengte Liz’ Haut
und Herz.
Beth Anne öffnete die geballte linke Hand, und ihre
Mutter bemerkte einen winzigen Verlobungsring und einen schlichten,
goldenen Ehering. Die Tränen kullerten ihr nun über die Wangen. »Du
bist...?«
Die junge Frau folgte dem Blick ihrer Mutter zum
Ring. Sie nickte.
Liz fragte sich, was für ein Mann ihr Schwiegersohn
war. War er ein sanfter Typ wie Jim, jemand, der den launischen
Charakter ihrer Tochter ausgleichen konnte? Oder war er hart wie
Beth Anne selbst?
»Hast du Kinder?«, fragte Liz.
»Das brauchst du nicht zu wissen.«
»Arbeitest du?«
»Fragst du, ob ich mich geändert habe,
Mutter?«
Liz wollte die Antwort auf diese Frage nicht hören
und fuhr rasch fort, ihr Anliegen vorzutragen. »Ich habe mir
überlegt«, sagte sie, und in ihre Stimme stahl sich Verzweiflung,
»dass ich vielleicht nach Seattle hinauf ziehen könnte. Wir könnten
uns sehen... vielleicht sogar zusammen arbeiten. Wir könnten
Partner sein. Fifty-fifty. Wir hätten viel Spaß. Ich fand immer,
wir wären ein großartiges Team. Ich habe immer davon
geträumt...«
»Du und ich zusammenarbeiten, Mutter?« Sie schaute
in das Nähzimmer, nickte in Richtung der Maschine, der
Kleidergestelle. »Das ist nicht meine Welt. Sie war es nie und wird
es nie sein. Das hast du nach all den Jahren noch immer nicht
begriffen, oder?« Die Worte und der kalte Tonfall beantworteten
Liz’ Frage eindeutig. Nein, das Mädchen hatte sich kein bisschen
verändert.
Ihre Stimme wurde hart. »Wieso bist du dann hier?
Was ist der Zweck deines Besuchs?«
»Ich denke, das weißt du, oder?«
»Nein, Beth Anne, ich weiß es nicht. Eine
Art Psycho-Rache?«
»So könnte man es wohl nennen.« Sie sah sich wieder
im Zimmer um. »Gehen wir.«
Liz atmete hastig. »Warum nur? Alles, was wir getan
haben, haben wir für dich getan.«
»Ich würde eher sagen, ihr habt es mir
angetan.« Eine Waffe erschien in der Hand ihrer Tochter, und
die schwarze Mündung wies in Liz’ Richtung. »Raus hier«, flüsterte
Beth Anne.
»Mein Gott! Nein!« Sie unterdrückte einen
Aufschrei, als die Erinnerung an die Schießerei in dem
Juwelierladen auf sie einstürmte. Ihr Arm brannte, und Tränen
liefen ihr über die Wange.
Sie sah die Pistole auf der Kommode vor sich.
Schlafe, mein Kindchen...
»Ich gehe nirgendwohin«, sagte Liz und wischte sich
über die Augen.
»Doch. Raus jetzt.«
»Was willt du tun?«, fragte sie verzweifelt.
»Was ich schon vor langer Zeit hätte tun
sollen.«
Liz stützte sich auf einen Stuhl. Ihre Tochter
bemerkte die linke Hand der Frau, die sich zum Telefon
vortastete.
»Nein!«, bellte das Mädchen. »Bleib vom Telefon
weg!«
Liz warf einen hoffnungslosen Blick auf den Hörer
und zog dann ihre Hand zurück.
»Komm mit mir.«
»Jetzt. In den Regen?«
Das Mädchen nickte.
»Lass mich eine Jacke holen.«
»Da hängt eine neben der Tür.«
»Die ist nicht warm genug.«
Beth Anne zögerte, als wollte sie sagen, dass es
angesichts dessen, was nun passieren würde, keine Rolle spielte,
wie warm die Jacke ihrer Mutter war. Doch dann nickte sie. »Aber
versuch nicht, zu telefonieren. Ich beobachte dich.«
Liz trat in die Tür zum Nähzimmer und griff nach
der blauen Jacke, an der sie gerade gearbeitet hatte. Sie zog sie
langsam an, den Blick wie festgenagelt auf dem Zierdeckchen mit der
Ausbuchtung der Pistole darunter. Sie lugte ins Wohnzimmer. Ihre
Tochter stand vor einem gerahmten Schnappschuss von sich selbst im
Alter von elf oder zwölf, auf dem sie neben ihren Eltern zu sehen
war.
Liz streckte rasch die Hand aus und nahm die Waffe.
Sie hätte sich schnell umdrehen und sie auf ihre Tochter richten
können. Ihr zurufen, die eigene Waffe fallen zu lassen.
Mutter, ich weiß, du bist bei mir, die
ganze Nacht... Vater, ich weiß, du hörst mich, die ganze
Nacht...
Aber was, wenn Beth Anne die Waffe nicht
losließ?
Wenn sie auf ihre Mutter anlegte?
Was würde Liz dann tun?
Würde sie ihre Tochter töten können, um ihr eigenes
Leben zu retten?
Schlafe, mein Kindchen...
Beth Anne war immer noch abgewandt und betrachtete
das Bild. Liz wäre in der Lage, es zu tun – umdrehen, ein schneller
Schuss. Sie spürte die Pistole, ihr Gewicht zerrte an dem
schmerzenden Arm.
Aber dann seufzte sie.
Die Antwort war Nein. Ein ohrenbetäubend lautes
Nein. Sie konnte ihre Tochter niemals verletzen. Was immer als
Nächstes da draußen im Regen passieren würde, sie konnte dem
Mädchen nichts antun.
Liz legte die Pistole weg und kehrte zu ihrer
Tochter zurück.
»Gehen wir«, sagte Beth Anne, steckte ihre eigene
Pistole in den Gürtel der Jeans und führte ihre Mutter mit rauem
Griff nach draußen. Es war, erkannte Liz, der erste körperliche
Kontakt seit mindestens vier Jahren.
Sie blieben auf dem Vorbau stehen, und Liz fuhr zu
ihrer Tochter herum. »Wenn du das tust, wirst du es für den Rest
deines Lebens bereuen.«
»Nein«, sagte das Mädchen, »ich würde es bereuen,
wenn ich es nicht täte.«
Liz spürte, wie sich Regenspritzer unter ihre
Tränen mischten. Sie sah ihre Tochter an. Das Gesicht der jungen
Frau war ebenfalls gerötet und nass, aber das kam nur vom Regen.
Sie vergoss keine einzige Träne. Flüsternd fragte sie: »Was habe
ich nur getan, dass du mich so hasst?«
Die Frage blieb unbeantwortet, da die ersten
Streifenwagen vor das Haus fuhren, ihre roten und blauen Lichter
ließen die dicken Regentropfen wie Feuerwerkskörper am 4. Juli
aufblitzen. Ein Mann in den Dreißigern mit einer dunklen Windjacke
und einer Dienstmarke um den Hals stieg aus dem vordersten Wagen
und ging zum Haus, zwei uniformierte Beamte folgten ihm. Er nickte
Beth Anne zu. »Ich bin Dan Heath, Oregon State Police.«
Die junge Frau schüttelte ihm die Hand. »Detective
Beth Anne Polemus, Seattle PD.«
»Willkommen in Portland«, sagte er.
Sie zuckte mit den Achseln, nahm die Handschellen,
die er ihr hinhielt, und legte sie ihrer Mutter an.
Taub vom kalten Regen – und dem inneren Aufruhr
der Begegnung – hörte Beth Anne, wie Heath verkündete: »Elizabeth
Polemus, ich verhafte Sie wegen Mordes, versuchten Mordes,
Körperverletzung, bewaffneten Raubs und Hehlerei.« Er las ihr ihre
Rechte vor und erklärte, dass man sie in Oregon wegen hier
begangener Straftaten anklagen würde, sie habe jedoch einen
Auslieferungsbefehl nach Michigan zu erwarten, wegen einer Reihe
gewichtiger Haftbefehle von dort, darunter einer wegen
Mordes.
Beth Anne machte dem jungen Beamten der Oregon
State Police, der sie am Flughafen abgeholt hatte, ein Zeichen. Sie
hatte keine Zeit für die Formalitäten gehabt, die nötig gewesen
wären, damit sie ihre eigene Dienstwaffe in einen anderen
Bundesstaat hätte mitnehmen dürfen, deshalb hatte der junge Mann
ihr eine Waffe geliehen. Sie gab sie ihm jetzt zurück und sah zu,
wie ihre Mutter durchsucht wurde.
»Kleines«, begann die Frau in weinerlichem,
flehendem Ton.
Beth Anne beachtete sie nicht, und Heath nickte dem
jungen uniformierten Beamten zu, der Liz Polemus daraufhin zu einem
Streifenwagen führen wollte. Doch Beth Anne hielt sie auf und rief:
»Warten Sie. Filzt sie gründlicher.«
Der uniformierte Polizist blinzelte und musterte
die schmale, schmächtige Gefangene, die nicht gefährlicher als ein
Kind wirkte. Doch nach einem Kopfnicken von Heath winkte er eine
weibliche Beamtin herüber, die sie sachkundig abtastete. Die Frau
runzelte die Stirn, als sie bei Liz’ Kreuz anlangte. Die Mutter sah
ihre Tochter durchdringend an, als die Polizistin die marineblaue
Jacke hochhob und eine kleine Tasche zum Vorschein kam, die auf die
Innenseite des Kleidungsstücks genäht worden war. Sie enthielt ein
kleines Springmesser und einen Dietrich für Handschellen.
»Großer Gott«, flüsterte der Beamte. Er nickte der
Polizistin zu, die die Frau noch einmal durchsuchte. Es fanden sich
keine weiteren Überraschungen.
»Das ist ein Trick, an den ich mich von früher
erinnere«, sagte Beth Anne. »Sie nähte immer Geheimtaschen in ihre
Sachen. Für Ladendiebstähle, und um Waffen zu verstecken.« Die
junge Frau lachte kalt. »Nähen und Raub, das sind ihre Talente.«
Das Lächeln verschwand. »Und Töten natürlich.«
»Wie konntest du das deiner Mutter antun?«, fauchte
Liz bösartig. »Du Judas.«
Beth Anne sah teilnahmslos zu, wie die Frau zum
Streifenwagen geführt wurde.
Heath und Beth Anne betraten das Wohnzimmer des
Hauses. Die Polizeibeamtin blickte erneut über die gestohlenen
Güter im Wert von Hunderttausenden von Dollar, die den Bungalow
füllten, während Heath sagte: »Danke, Detective. Ich weiß, das war
nicht leicht für Sie. Aber wir wollten sie unbedingt schnappen,
ohne dass jemand zu Schaden kommt.«
Die Festnahme von Liz Polemus hätte in der Tat in
einem Blutbad enden können. Es war schon passiert. Vor mehreren
Jahren, als Beth Annes Mutter und ihr Geliebter Brad Selbit einen
Juwelierladen in Ann Arbor überfallen wollten, war Liz vom Wachmann
überrascht worden. Er hatte ihr in den Arm geschossen. Das hatte
sie aber nicht davon abgehalten, die Pistole in die andere Hand zu
nehmen und den Mann sowie einen Kunden zu töten und später noch
einen der herbeigeeilten Polizisten zu erschießen. Sie war
entkommen, hatte Michigan verlassen und war nach Portland gezogen,
wo sie und Brad ihre Tätigkeit wieder aufnahmen. Die beiden waren
bei dem geblieben, was sie besonders gut konnten – Schmuckläden und
Boutiquen mit Designerkleidung zu überfallen. Liz nutzte ihre
Fertigkeiten als Näherin, um Letztere zu ändern und dann an Hehler
in anderen Bundesstaaten zu verkaufen.
Ein Informant hatte der Oregon State Police
verraten, dass Liz Polemus hinter einer Serie von Raubüberfällen
der letzten Zeit im Nordwesten steckte und unter einem falschen
Namen hier in einem Bungalow wohnte. Die Detectives der OSP, die
den Fall bearbeiteten, hatten erfahren, dass Liz’ Tochter eine
Kollegin bei der Polizei von Seattle war, und Beth Anne per
Hubschrauber zum Flughafen von Portland gebracht. Sie war allein
hier herausgefahren, um ihre Mutter zu einer friedlichen
Kapitulation zu bringen.
»Sie stand in zwei Bundesstaaten auf der Liste der
zehn meistgesuchten Verbrecher. Und ich habe gehört, dass sie sich
in Kalifornien ebenfalls schon einen Namen gemacht hat. Wenn man
sich das vorstellt – die eigene Mutter...« Heath brach ab, da er
fürchtete, seine Bemerkung könnte taktlos sein.
Aber Beth Anne kümmerte es nicht. »Das war meine
Kindheit«, grübelte sie. »Bewaffneter Raub, Einbruch, Geldwäsche...
Mein Vater besaß ein Lagerhaus, wo er das Zeug an Hehler verkaufte.
Das Lagerhaus war ihre Tarnung – er hatte es von seinem Vater
geerbt. Der, nebenbei bemerkt, ebenfalls in der Branche war.«
»Ihr Großvater?«
Sie nickte. »Dieses Lagerhaus... ich sehe es noch
deutlich vor mir. Ich rieche es, spüre die Kälte. Dabei war ich nur
einmal dort, ich muss etwa acht gewesen sein. Es war voller
gestohlener Waren. Mein Vater ließ mich ein paar Minuten allein im
Büro, und ich spähte aus der Tür und sah, wie er und einer seiner
Kumpel diesen Kerl halbtot prügelten.«
»Klingt nicht, als hätten sie versucht, irgendetwas
groß vor Ihnen geheim zu halten.«
»Geheim? Herrgott nein, sie taten alles, um mich in
ihr Geschäft hineinzuziehen. Mein Vater hatte diese ›besonderen
Spiele‹, wie er sie nannte. Ich sollte in die Häuser von Freunden
gehen und auskundschaften, ob sie Wertsachen besaßen und, wenn ja,
wo. Oder in der Schule nach Fernsehern und Videorekordern Ausschau
halten und ihm Bescheid geben, wo sie aufbewahrt wurden und welche
Schlösser es an den Türen gab.«
Heath schüttelte verwundert den Kopf. »Aber Sie
selbst kamen nie mit dem Gesetz in Konflikt?«
Sie lachte. »Doch, einmal – ich wurde wegen
Ladendiebstahls geschnappt.«
Heath nickte. »Ich hab mal eine Schachtel
Zigaretten geklaut, als ich vierzehn war. Ich spür den Gürtel
meines Vaters auf meinem Hintern noch heute.«
»Nein, nein«, sagte Beth Anne. »Ich wurde
geschnappt, als ich ein paar Sachen zurückbringen wollte,
die meine Mutter gestohlen hatte.«
»Wie bitte?«
»Sie hatte mich als Tarnung mit in den Laden
genommen. Mutter und Tochter sind unverdächtiger als eine Frau
allein, Sie verstehen. Ich habe gesehen, wie sie ein paar Uhren und
ein Halsband einsteckte. Daheim packte ich die Ware dann in eine
Tüte und brachte sie zum Laden zurück. Der Kaufhausdetektiv hat
mich entdeckt – ich sah wahrscheinlich sehr schuldbewusst aus – und
mich festgenagelt, bevor ich etwas zurücklegen konnte. Ich musste
die Sache ausbaden. Ich meine, ich konnte meine Eltern ja nicht
verpetzen, oder...? Meine Mutter war so wütend... Die beiden
konnten sich ehrlich nicht erklären, wieso ich nicht in ihre
Fußstapfen treten wollte.«
»Sie sollten zu einem Psychologen oder so jemandem
gehen.«
»War ich. Bin ich immer noch.«
Sie nickte, während Erinnerungen zurückfluteten.
»Seit ich dreizehn, vierzehn war, versuchte ich, möglichst wenig zu
Hause zu sein. Ich nahm an allen Nachmittagsangeboten der Schule
teil. Machte an den Wochenenden freiwillig Dienst im Krankenhaus.
Meine Freunde halfen mir. Sie waren einfach toll... Ich habe sie
wahrscheinlich ausgesucht, weil sie um hundertachtzig Grad anders
waren als die kriminellen Spezis meiner Eltern. Ich hing mit dem
Debattierclub herum, mit den Lateinern, mit jedem, der anständig
und normal war. Ich war keine großartige Schülerin, aber ich
verbrachte so viel Zeit in der Bibliothek oder lernte bei Freunden,
dass ich ein Vollstipendium bekam und es durchs College
schaffte.«
»Wo waren Sie?«
»Ann Arbor. Strafrechtspflege. Ich machte das
Examen für den öffentlichen Dienst und bekam eine Stelle bei der
Polizei von Detroit. Hab dort eine Weile gearbeitet. Drogen,
hauptsächlich. Dann bin ich hierher gezogen und zur Polizei von
Seattle gegangen.«
»Und Sie haben Ihre goldenen Schulterklappen. Sie
sind schnell Detective geworden.« Heath blickte sich um. »Sie hat
hier allein gewohnt? Wo ist Ihr Vater?«
»Tot«, sagte Beth Anne nüchtern. »Sie hat ihn
umgebracht.«
»Was?«
»Warten Sie, bis Sie den Auslieferungsbefehl aus
Michigan lesen. Damals wusste es natürlich niemand. Im Bericht des
Coroners ist von einem Unfall die Rede. Aber vor ein paar Monaten
hat dieser Kerl in einem Gefängnis in Michigan gestanden, dass er
ihr geholfen hat. Mutter hatte herausgefunden, dass mein Vater Geld
aus ihren Unternehmungen heimlich für sich behielt und es mit einer
Freundin ausgab. Sie heuerte diesen Typen an, damit er ihn tötete
und es aussehen ließ, als wäre er bei einem Unfall
ertrunken.«
»Das tut mir leid, Detective.«
Beth Anne zuckte die Achseln. »Ich habe mich immer
gefragt, ob ich ihnen vergeben könnte. Ich weiß noch, einmal, als
ich noch im Drogendezernat in Detroit arbeitete, da hatte ich
gerade eine große Razzia draußen auf der Sixth Mile geleitet. Eine
Menge Stoff konfisziert. Ich war auf dem Weg, das Zeug in die
Asservatenkammer im Revier zu bringen, als ich plötzlich bemerkte,
dass ich an dem Friedhof vorbeifuhr, auf dem mein Vater begraben
lag. Ich war nie dort gewesen. Ich hielt an, ging zum Grab und
versuchte, ihm zu vergeben. Aber ich konnte es nicht. Damals wurde
mir klar, dass ich es nie können würde – weder ihm noch meiner
Mutter. Und ich beschloss, dass ich Michigan verlassen
musste.«
»Hat Ihre Mutter noch einmal geheiratet?«
»Sie hat sich vor ein paar Jahren mit Selbit
zusammengetan, aber sie hat ihn nie geheiratet. Haben Sie ihn schon
geschnappt?«
»Nein. Er muss irgendwo hier sein, aber er ist
abgetaucht.«
Beth Anne nickte in Richtung Telefon. »Mutter hat
vorhin versucht, nach dem Telefon zu greifen. Vielleicht wollte sie
ihn warnen. Ich würde die Verbindungen überprüfen, das könnte Sie
zu ihm führen.«
»Gute Idee, Detective. Ich lasse mir heute noch
einen richterlichen Beschluss geben.«
Beth Anne starrte in den Regen hinaus, in die
Richtung, wo der Einsatzwagen mit ihrer Mutter vor ein paar Minuten
verschwunden war. »Das Verrückte dabei war, dass sie überzeugt war,
richtig zu handeln, wenn sie mich in ihre kriminellen Geschäfte zu
ziehen versuchte. Kriminell zu sein war ihre Natur; sie dachte, es
wäre auch meine. Sie und Dad waren von Geburt an schlecht. Sie
konnten sich nicht vorstellen, wieso ich gut zur Welt kam und mich
nicht ändern wollte.«
»Haben Sie Familie?«, fragte Heath.
»Mein Mann ist Sergeant beim Dezernat für
Jugendkriminalität.« Dann lächelte Beth Anne. »Und wir erwarten
unser erstes Kind.«
»Hey, wie schön.«
»Ich arbeite noch bis Juni. Dann nehme ich mir ein
paar Jahre Auszeit, um nur Mutter zu sein.« Sie fühlte das
Bedürfnis, anzufügen: »Denn Kinder kommen vor allem anderen.« Aber
unter den gegebenen Umständen musste sie sich wohl nicht genauer
erklären.
»Die Spurensicherung wird das Haus versiegeln«,
sagte Heath. »Aber wenn Sie sich noch umsehen wollen, können Sie es
gern tun. Vielleicht gibt es Bilder oder etwas, das Sie haben
wollen. Niemand hätte etwas dagegen, wenn Sie ein paar persönliche
Dinge mitnehmen.«
Beth Anne tippte sich an den Kopf. »Ich habe mehr
Erinnerungsstücke da drin, als ich brauchen kann.«
»Verstehe.«
Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu und
streifte sich die Kapuze über. Dann lachte sie noch einmal
auf.
Heath sah sie fragend an.
»Wissen Sie, was meine früheste Erinnerung ist?«,
fragte sie.
»Was?«
»Es war in der Küche des ersten Hauses meiner
Eltern außerhalb von Detroit. Ich saß am Tisch, ich muss drei
gewesen sein. Meine Mutter hat mir vorgesungen.«
»Gesungen? Wie eine richtige Mutter?«
»Ich weiß nicht, was für ein Lied es war. Ich
erinnere mich nur, dass sie gesungen hat, um mich abzulenken. Damit
ich nicht mit den Sachen spielte, mit denen sie am Tisch
arbeitete.«
»Was tat sie – nähen?« Heath wies mit einem
Kopfnicken zu dem Raum, der eine Nähmaschine und Gestelle mit
gestohlener Kleidung enthielt.
»Nein«, antwortete Beth Anne. »Sie füllte Munition
nach.«
»Im Ernst?«
Sie nickte. »Als ich älter war, begriff ich, was
sie da immer machte. Meine Eltern hatten damals nicht viel Geld,
und sie kauften leere Patronenhülsen auf Waffenmärkten und füllten
sie neu. Ich weiß nur noch, dass die Kugeln glänzten und ich damit
spielen wollte. Sie sagte, wenn ich sie nicht anrühre, singt sie
mir etwas vor.«
Diese Geschichte brachte die Unterhaltung zum
Stillstand. Die beiden Beamten lauschten dem Regen, der aufs Dach
fiel.
Von Geburt an schlecht...
»Also gut«, sagte Beth Anne schließlich. »Ich mache
mich auf den Heimweg.«
Heath brachte sie nach draußen, und sie
verabschiedeten sich. Beth Anne ließ den Mietwagen an und fuhr über
den morastigen, kurvenreichen Weg in Richtung Staatsstraße.
Plötzlich tauchte von irgendwoher aus den Tiefen
ihrer Erinnerung eine Melodie auf. Sie summte ein paar Takte laut
mit, brachte sie aber nicht unter. Die Melodie löste eine nicht
greifbare Beunruhigung aus. Deshalb schaltete sie das Radio an und
fand einen Hitsender aus Portland. Sie drehte die Lautstärke auf
und hämmerte zum Takt der Musik auf das Lenkrad, während sie nach
Norden in Richtung Flughafen fuhr.